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Reden
an die deutsche Nation
Von
Johann Gottlieb Fichte
Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig
Druck von Philipp Reclam jun. Leipzig
Inhalt.
Seite
Erste Rede: Vorerinnerungen und Uebersicht des Ganzen 3
Zweite Rede: Vom Wesen der neuen Erziehung im allgemeinen 20
Dritte Rede: Fortsetzung der Schilderung der neuen Erziehung 37
Vierte Rede: Hauptverschiedenheit zwischen den deutschen und
den übrigen Völkern germanischer Abkunft 54
Fünfte Rede: Folgen aus der aufgestellten Verschiedenheit 72
Sechste Rede: Darlegung der deutschen Grundzüge in der
Geschichte 89
Siebente Rede: Noch tiefere Erfassung der Ursprünglichkeit
und Deutschheit eines Volkes 104
Achte Rede: Was ein Volk sei, in der höhern Bedeutung des
Worts, und was Vaterlandsliebe 124
Neunte Rede: An welchen in der Wirklichkeit vorhandenen
Punkt die neue Nationalerziehung der Deutschen anzuknüpfen
sei 144
Zehnte Rede: Zur nähern Bestimmung der deutschen
Nationalerziehung 160
Elfte Rede: Wem die Ausführung dieses Erziehungsplanes
anheimfallen werde 178
Zwölfte Rede: Ueber die Mittel, uns bis zur Erreichung
unsers Hauptzwecks aufrecht zu erhalten 196
Dreizehnte Rede: Fortsetzung der angefangenen Betrachtung 212
Vierzehnte Rede: Beschluß des Ganzen 234
Erste Rede.
Vorerinnerungen und Uebersicht des Ganzen.
Als eine Fortsetzung der Vorlesungen, die ich im Winter vor drei
Jahren allhier an derselben Stätte gehalten, und welche unter dem
Titel: »Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters« gedruckt sind,
habe ich die Reden,[1] die ich hiermit beginne, angekündigt.
Ich hatte in jenen Vorlesungen gezeigt, daß unsre Zeit in dem
dritten Hauptabschnitte der gesamten Weltzeit stehe, welcher
Abschnitt den bloßen sinnlichen Eigennutz zum Antriebe aller
seiner lebendigen Regungen und Bewegungen habe; daß diese Zeit in
der einzigen Möglichkeit des genannten Antriebes sich selbst auch
vollkommen verstehe und begreife; und daß sie durch diese klare
Einsicht ihres Wesens in diesem ihren lebendigen Wesen, tief
begründet und unerschütterlich befestigt werde.
[1] Diese Reden sind im Jahre 1808 zum erstenmal im Druck
erschienen.
Mit uns gehet, mehr als mit irgendeinem Zeitalter, seitdem es
eine Weltgeschichte gab, die Zeit Riesenschritte. Innerhalb der
drei Jahre, welche seit dieser meiner Deutung des laufenden
Zeitabschnittes verflossen sind, ist irgendwo dieser Abschnitt
vollkommen abgelaufen und beschlossen. Irgendwo hat die Selbstsucht
durch ihre vollständige Entwicklung sich selbst vernichtet, indem
sie darüber ihr Selbst, und dessen Selbständigkeit, verloren;
und ihr, da sie gutwillig keinen andern Zweck, denn sich selbst,
sich setzen wollte, durch äußerliche Gewalt ein solcher andrer
und fremder Zweck aufgedrungen worden. Wer es einmal unternommen
hat, seine Zeit zu deuten, der muß mit seiner Deutung auch ihren
Fortgang begleiten, falls sie einen solchen Fortgang gewinnt;
und so wird es mir denn zur Pflicht, vor demselben Publikum, vor
welchem ich etwas als Gegenwart bezeichnete, dasselbe als vergangen
anzuerkennen, nachdem es aufgehört hat, die Gegenwart zu sein.
Was seine Selbständigkeit verloren hat, hat zugleich verloren das
Vermögen einzugreifen in den Zeitfluß, und den Inhalt desselben
frei zu bestimmen; es wird ihm, wenn es in diesem Zustande
verharret, seine Zeit, und es selber mit dieser seiner Zeit,
abgewickelt durch die fremde Gewalt, die über sein Schicksal
gebietet; es hat von nun an gar keine eigne Zeit mehr, sondern
zählt seine Jahre nach den Begebenheiten und Abschnitten
fremder Völkerschaften und Reiche. Es könnte sich erheben aus
diesem Zustande, in welchem die ganze bisherige Welt seinem
selbsttätigen Eingreifen entrückt ist, und in dieser ihm nur der
Ruhm des Gehorchens übrigbleibt, lediglich unter der Bedingung,
daß ihm eine neue Welt aufginge, mit deren Erschaffung es einen
neuen und ihm eignen Abschnitt in der Zeit begönne, und mit ihrer
Fortbildung ihn ausfüllte; doch müßte, da es einmal unterworfen
ist fremder Gewalt, diese neue Welt also beschaffen sein, daß
sie unvernommen bliebe jener Gewalt, und ihre Eifersucht auf
keine Weise erregte, ja, daß diese durch ihren eignen Vorteil
bewegt würde, der Gestaltung einer solchen kein Hindernis in
den Weg zu legen. Falls es nun eine also beschaffene Welt als
Erzeugungsmittel eines neuen Selbst und einer neuen Zeit, geben
sollte, für ein Geschlecht, daß sein bisheriges Selbst und
seine bisherige Zeit und Welt verloren hat, so käme es einer
allseitigen Deutung selbst der möglichen Zeit zu, diese also
beschaffene Welt anzugeben.
Nun halte ich meines Orts dafür, daß es eine solche Welt gebe,
und es ist der Zweck dieser Reden, Ihnen das Dasein und den
wahren Eigentümer derselben nachzuweisen, ein lebendiges Bild
derselben vor ihre Augen zu bringen, und die Mittel ihrer
Erzeugung anzugeben. In dieser Weise demnach werden diese Reden
eine Fortsetzung der ehemals gehaltenen Vorlesungen über die
damals gegenwärtige Zeit sein, indem sie enthüllen werden das
neue Zeitalter, das der Zerstörung des Reichs der Selbstsucht
durch fremde Gewalt unmittelbar folgen kann und soll.
Bevor ich jedoch dieses Geschäft beginne, muß ich Sie ersuchen
vorauszusetzen, also daß es Ihnen niemals entfalle, und einverstanden
zu sein mit mir, wo und inwiefern dies nötig ist, über die folgenden
Punkte:
1. Ich rede für Deutsche schlechtweg, von Deutschen schlechtweg,
nicht anerkennend, sondern durchaus beiseite setzend und
wegwerfend alle die trennenden Unterscheidungen, welche unselige
Ereignisse seit Jahrhunderten in der einen Nation gemacht haben.
Sie, E. V., sind zwar meinem leiblichen Auge die ersten und
unmittelbaren Stellvertreter, welche die geliebten Nationalzüge
mir vergegenwärtigen, und der sichtbare Brennpunkt, in welchem
die Flamme meiner Rede sich entzündet; aber mein Geist versammelt
den gebildeten Teil der ganzen deutschen Nation, aus allen den
Ländern, über welche er verbreitet ist, um sich her, bedenkt
und beachtet unser aller gemeinsame Lage und Verhältnisse,
und wünscht, daß ein Teil der lebendigen Kraft, mit welcher
diese Reden vielleicht Sie ergreifen, auch in dem stummen
Abdrucke, welcher allein unter die Augen der Abwesenden kommen
wird, verbleibe, und aus ihm atme, und an allen Orten deutsche
Gemüter zu Entschluß und Tat entzünde. Bloß von Deutschen und
für Deutsche schlechtweg, sagte ich. Wir werden zu seiner Zeit
zeigen, daß jedwede andre Einheitsbezeichnung oder Nationalband
entweder niemals Wahrheit und Bedeutung hatte, oder, falls es
sie gehabt hätte, daß diese Vereinigungspunkte durch unsre
dermalige Lage vernichtet, und uns entrissen sind, und niemals
wiederkehren können; und daß es lediglich der gemeinsame Grundzug
der Deutschheit ist, wodurch wir den Untergang unsrer Nation im
Zusammenfließen derselben mit dem Auslande, abwehren, und worin
wir ein auf ihm selber ruhendes, und aller Abhängigkeit durchaus
unfähiges Selbst, wiederum gewinnen können. Es wird, sowie
wir dieses letztere einsehen werden, zugleich der scheinbare
Widerspruch dieser Behauptung mit anderweitigen Pflichten, und
für heilig gehaltenen Angelegenheiten, den vielleicht dermalen
mancher fürchtet, vollkommen verschwinden.
Ich werde darum, da ich ja nur von Deutschen überhaupt rede,
manches, das von den allhier Versammelten nicht zunächst gilt,
aussprechen, als dennoch von uns geltend, so wie ich andres,
das zunächst nur von uns gilt, aussprechen werde, als für alle
Deutsche geltend. Ich erblicke in dem Geiste, dessen Ausfluß
diese Reden sind, die durcheinander verwachsene Einheit, in der
kein Glied irgendeines andern Gliedes Schicksal, für ein ihm
fremdes Schicksal hält, die da entstehen soll und muß, wenn wir
nicht ganz zugrunde gehen sollen -- ich erblicke diese Einheit
schon als entstanden, vollendet, und gegenwärtig dastehend.
2. Ich setze voraus solche deutsche Zuhörer, welche nicht
etwa mit allem was sie sind, rein aufgehen in dem Gefühle des
Schmerzes über den erlittenen Verlust, und in diesem Schmerze
sich wohlgefallen, und an ihrer Untröstlichkeit sich weiden,
und durch dieses Gefühl sich abzufinden gedenken mit der an sie
ergehenden Anforderung zur Tat; sondern solche, die selbst über
diesen gerechten Schmerz zu klarer Besonnenheit und Betrachtung
sich schon erhoben haben, oder wenigstens fähig sind, sich dazu
zu erheben. Ich kenne jenen Schmerz, ich habe ihn gefühlt wie
einer, ich ehre ihn; die Dumpfheit, welche zufrieden ist, wenn
sie Speise und Trank findet, und kein körperlicher Schmerz ihr
zugefügt wird, und für welche Ehre, Freiheit, Selbständigkeit
leere Namen sind, ist seiner unfähig: aber auch er ist lediglich
dazu da, um zu Besinnung, Entschluß und Tat uns anzuspornen;
dieses Endzwecks verfehlend, beraubt er uns der Besinnung, und
aller uns noch übriggebliebenen Kräfte, und vollendet so unser
Elend, indem er noch überdies, als Zeugnis von unsrer Trägheit
und Feigheit, den sichtbaren Beweis gibt, daß wir unser Elend
verdienen. Keineswegs aber gedenke ich Sie zu erheben über
diesen Schmerz, durch Vertröstungen auf eine Hilfe, die von
außen her kommen solle, und durch Verweisungen auf allerlei
mögliche Ereignisse, und Veränderungen, die etwa die Zeit
herbeiführen könne; denn, falls auch nicht diese Denkart, die
lieber in der wankenden Welt der Möglichkeiten schweift, als
auf das Notwendige sich heften mag, und die ihre Rettung lieber
dem blinden Ohngefähr, als sich selber, verdanken will, schon
an sich von dem sträflichsten Leichtsinne, und der tiefsten
Verachtung seiner selbst zeugte, so wie sie es tut, so haben auch
noch überdies alle Vertröstungen und Verweisungen dieser Art
durchaus keine Anwendung auf unsre Lage. Es läßt sich der strenge
Beweis führen, und wir werden ihn zu seiner Zeit führen, daß
kein Mensch, und kein Gott, und keines von allen im Gebiete der
Möglichkeit liegenden Ereignissen uns helfen kann, sondern daß
allein wir selber uns helfen müssen, falls uns geholfen werden
soll. Vielmehr werde ich Sie zu erheben suchen über den Schmerz,
durch klare Einsicht in unsre Lage, in unsre noch übriggebliebene
Kraft, in die Mittel unsrer Rettung. Ich werde darum allerdings
einen gewissen Grad der Besinnung, eine gewisse Selbsttätigkeit,
und einige Aufopferung anmuten, und rechne darum auf Zuhörer,
denen sich soviel anmuten läßt. Uebrigens sind die Gegenstände
dieser Anmutung insgesamt leicht, und setzen kein größeres Maß
von Kraft voraus, als man, wie ich glaube, unserm Zeitalter
zutrauen kann; was aber die Gefahr betrifft, so ist dabei
durchaus keine.
3. Indem ich eine klare Einsicht der Deutschen, als solcher,
in ihre gegenwärtige Lage hervorzubringen gedenke: setze ich
voraus Zuhörer, die da geneigt sind, mit eignen Augen die Dinge
dieser Art zu sehen, keineswegs aber solche, die es bequemer
finden, ein fremdes und ausländisches Sehwerkzeug, das entweder
absichtlich auf Täuschung berechnet ist, oder das auch natürlich,
durch seinen andern Standpunkt, und durch das geringere Maß von
Schärfe, niemals auf ein deutsches Auge paßt, bei Betrachtung
dieser Gegenstände sich unterschieben zu lassen. Ferner setze
ich voraus, daß diese Zuhörer in dieser Betrachtung mit eignen
Augen den Mut haben, redlich hinzusehen auf das, was da ist, und
redlich sich zu gestehen, was sie sehen, und daß sie jene häufig
sich zeigende Neigung, über die eignen Angelegenheiten sich zu
täuschen, und ein weniger unerfreuliches Bild von denselben,
als mit der Wahrheit bestehen kann, sich vorzuhalten, entweder
schon besiegt haben, oder doch fähig sind, sie zu besiegen. Jene
Neigung ist ein feiges Entfliehen vor seinen eignen Gedanken, und
kindischer Sinn, der da zu glauben scheint, wenn er nur nicht
sehe sein Elend, oder wenigstens sich nicht gestehe, daß er es
sehe, so werde dieses Elend dadurch auch in der Wirklichkeit
aufgehoben, wie es aufgehoben ist in seinem Denken. Dagegen ist
es mannhafte Kühnheit, das Uebel fest ins Auge zu fassen, es zu
nötigen standzuhalten, es ruhig, kalt und frei zu durchdringen,
und es aufzulösen in seine Bestandteile. Auch wird man nur
durch diese klare Einsicht des Uebels Meister, und geht in der
Bekämpfung desselben einher mit sicherem Schritte, indem man,
in jedem Teile das Ganze übersehend, immer weiß, wo man sich
befinde, und durch die einmal erlangte Klarheit seiner Sache
gewiß ist, dagegen der andre, ohne festen Leitfaden, und ohne
sichere Gewißheit blind und träumend herumtappt.
Warum sollten wir denn auch uns scheuen vor dieser Klarheit?
Das Uebel wird durch die Unbekanntschaft damit nicht kleiner,
noch durch die Erkenntnis größer; es wird nur heilbar durch die
letztere; die Schuld aber soll hier gar nicht vorgerückt werden.
Züchtige man durch bittere Strafrede, durch beißenden Spott,
durch schneidende Verachtung die Trägheit und die Selbstsucht,
und reize sie, wenn auch zu nichts Besserem, doch wenigstens zum
Hasse und zur Erbitterung gegen den Erinnerer selbst, als doch
auch einer kräftigen Regung, an -- solange die notwendige Folge,
das Uebel, noch nicht vollendet ist, und von der Besserung noch
Rettung oder Milderung sich erwarten läßt. Nachdem aber dieses
Uebel also vollendet ist, daß es uns auch die Möglichkeit auf
diese Weise fortzusündigen benimmt, wird es zwecklos, und sieht
aus wie Schadenfreude, gegen die nicht mehr zu begehende Sünde
noch ferner zu schelten; und die Betrachtung fällt sodann aus
dem Gebiete der Sittenlehre in das der Geschichte, für welche
die Freiheit vorüber ist, und die das Geschehene als notwendigen
Erfolg aus dem Vorhergegangenen ansieht. Es bleibt für unsre
Reden keine andre Ansicht der Gegenwart übrig, als diese letzte,
und wir werden darum niemals eine andre nehmen.
Diese Denkart also, daß man sich als Deutschen schlechtweg denke,
daß man nicht gefesselt sei durch den Schmerz, daß man die
Wahrheit sehen wolle, und den Mut habe ihr ins Auge zu blicken,
setze ich voraus, und rechne auf sie bei jedem Worte, das ich
sagen werde, und so jemand eine andre in diese Versammlung
mitbrächte, so würde derselbe die unangenehmen Empfindungen,
die ihm hier gemacht werden könnten, lediglich sich selbst
zuzuschreiben haben. Dies sei hiermit gesagt für immer, und
abgetan: und ich gehe nun an das andre Geschäft, Ihnen den
Grundinhalt aller folgenden Reden in einer allgemeinen Uebersicht
vorzulegen.
Irgendwo, sagte ich im Eingange meiner Rede, habe die Selbstsucht
durch ihre vollständige Entwicklung sich selbst vernichtet,
indem sie darüber ihr Selbst, und das Vermögen, sich selbständig
ihre Zwecke zu setzen, verloren habe. Diese nunmehr erfolgte
Vernichtung der Selbstsucht war der von mir angegebene Fortgang
der Zeit, und das durchaus neue Ereignis in derselben, das nach
mir eine Fortsetzung meiner ehemaligen Schilderung der Zeit so
möglich wie notwendig machte; diese Vernichtung wäre somit unsre
eigentliche Gegenwart, an welche unser neues Leben in einer
neuen Welt, deren Dasein ich gleichfalls behauptete, unmittelbar
angeknüpft werden müßte, sie wäre daher auch der eigentliche
Ausgangspunkt meiner Reden; und ich hätte vor allen Dingen zu
zeigen, wie und warum eine solche Vernichtung der Selbstsucht aus
ihrer höchsten Entwicklung notwendig erfolge.
Bis zu ihrem höchsten Grade entwickelt ist die Selbstsucht,
wenn, nachdem sie erst mit unbedeutender Ausnahme die Gesamtheit
der Regierten ergriffen, sie von diesen aus sich auch der
Regierenden bemächtigt, und deren alleiniger Lebenstrieb wird.
Es entsteht einer solchen Regierung zuförderst nach außen die
Vernachlässigung aller Bande, durch welche ihre eigne Sicherheit
an die Sicherheit andrer Staaten geknüpft ist, das Aufgeben
des Ganzen, dessen Glied sie ist, lediglich darum, damit sie
nicht aus ihrer trägen Ruhe aufgestört werde, und die traurige
Täuschung der Selbstsucht, daß sie Frieden habe, solange nur die
eignen Grenzen nicht angegriffen sind; sodann nach innen jene
weichliche Führung der Zügel des Staats, die mit ausländischen
Worten sich Humanität, Liberalität und Popularität nennt, die
aber richtiger in deutscher Sprache Schlaffheit und ein Betragen
ohne Würde zu nennen ist.
Wenn sie auch der Regierenden sich bemächtigt, habe ich gesagt.
Ein Volk kann durchaus verdorben sein, d. i. selbstsüchtig, denn
die Selbstsucht ist die Wurzel aller andern Verderbtheit --
und dennoch dabei nicht nur bestehen, sondern sogar äußerlich
glänzende Taten verrichten, wenn nur nicht seine Regierung
eben also verdirbt; ja die letztere sogar kann auch nach außen
treulos und pflicht- und ehrvergessen handeln, wenn sie nur nach
innen den Mut hat, die Zügel des Regiments mit straffer Hand
anzuhalten, und die größere Furcht für sich zu gewinnen. Wo aber
alles eben genannte sich vereinigt, da geht das gemeine Wesen
bei dem ersten ernstlichen Angriffe, der auf dasselbe geschieht,
zugrunde, und so, wie es selbst erst treulos sich ablöste von
dem Körper, dessen Glied es war, so lösen jetzt seine Glieder,
die keine Furcht vor ihm hält, und die die größere Furcht vor
dem Fremden treibt, mit derselben Treulosigkeit sich ab von ihm,
und gehen hin, ein jeder in das Seine. Hier ergreift die nun
vereinzelt stehenden abermals die größere Furcht, und sie geben
in reichlicher Spende, und mit erzwungen fröhlichem Gesichte dem
Feinde, was sie kärglich und äußerst unwillig dem Verteidiger
des Vaterlandes geben; bis späterhin auch die von allen Seiten
verlassenen und verratenen Regierenden genötigt werden, durch
Unterwerfung und Folgsamkeit gegen fremde Pläne ihre Fortdauer
zu erkaufen; und so nun auch diejenigen, die im Kampfe für das
Vaterland die Waffen wegwarfen, unter fremden Panieren lernen,
dieselben gegen das Vaterland tapfer zu führen. So geschieht es,
daß die Selbstsucht durch ihre höchste Entwicklung vernichtet,
und denen, die gutwillig keinen andern Zweck, denn sich selbst,
sich setzen wollten, durch fremde Gewalt ein solcher andrer Zweck
aufgedrungen wird.
Keine Nation, die in diesen Zustand der Abhängigkeit
herabgesunken, kann durch die gewöhnlichen und bisher gebrauchten
Mittel sich aus demselben erheben. War ihr Widerstand fruchtlos,
als sie noch im Besitze aller ihrer Kräfte war, was kann derselbe
sodann fruchten, nachdem sie des größten Teils derselben beraubt
ist? Was vorher hätte helfen können, nämlich wenn die Regierung
derselben die Zügel kräftig und straff angehalten hätte, ist nun
nicht mehr anwendbar, nachdem diese Zügel nur noch zum Scheine
in ihrer Hand ruhen, und diese ihre Hand selbst durch eine
fremde Hand gelenkt und geleitet wird. Auf sich selbst kann eine
solche Nation nicht länger rechnen; und ebensowenig sie auf den
Sieger rechnen. Dieser müßte ebenso unbesonnen, und ebenso feige
und verzagt sein, als jene Nation selbst erst war, wenn er die
errungenen Vorteile nicht festhielte, und sie nicht auf alle
Weise verfolgte. Oder wenn er einst im Verlauf der Zeiten doch
so unbesonnen und feige würde, so würde er zwar ebenso zugrunde
gehen, wie wir, aber nicht zu unserm Vorteile, sondern er würde
die Beute eines neuen Siegers und wir würden die sich von selbst
verstehende, wenig bedeutende Zugabe zu dieser Beute. Sollte eine
so gesunkene Nation dennoch sich retten können, so müßte dies
durch ein ganz neues, bisher noch niemals gebrauchtes Mittel,
vermittelst der Erschaffung einer ganz neuen Ordnung der Dinge,
geschehen. Lassen Sie uns also sehen, welches in der bisherigen
Ordnung der Dinge der Grund war, warum es mit dieser Ordnung
irgend einmal notwendig ein Ende nehmen mußte, damit wir an dem
Gegenteile dieses Grundes des Untergangs das neue Glied finden,
welches in die Zeit eingefügt werden müßte, damit an ihm die
gesunkene Nation sich aufrichte zu einem neuen Leben.
Man wird in Erforschung jenes Grundes finden, daß in allen
bisherigen Verfassungen die Teilnahme am Ganzen geknüpft war
an die Teilnahme des Einzelnen an sich selbst, vermittelst
solcher Bande, die irgendwo so gänzlich zerrissen, daß es gar
keine Teilnahme für das Ganze mehr gab -- durch die Bande der
Furcht und Hoffnung für die Angelegenheiten des Einzelnen aus
dem Schicksale des Ganzen, in einem künftigen, und in dem
gegenwärtigen Leben. Aufklärung des nur sinnlich berechnenden
Verstandes war die Kraft, welche die Verbindung eines künftigen
Lebens mit dem gegenwärtigen durch Religion aufhob, zugleich auch
andre Ergänzungs- und stellvertretende Mittel der sittlichen
Denkart, als da sind Liebe zum Ruhm, und Nationalehre, als
täuschende Trugbilder begriff; die Schwäche der Regierungen war
es, welche die Furcht für die Angelegenheiten des einzelnen aus
seinem Betragen gegen das Ganze, selbst für das gegenwärtige
Leben, durch häufige Straflosigkeit der Pflichtvergessenheit
aufhob, und ebenso auch die Hoffnung unwirksam machte, indem
sie dieselbe gar oft, ohne alle Rücksicht auf Verdienste um
das Ganze, nach ganz andern Regeln und Bewegungsgründen,
befriedigte. Bande solcher Art waren es, die irgendwo gänzlich
zerrissen, und durch deren Zerreißung das gemeine Wesen sich
auflöste.
Immerhin mag von nun an der Sieger das, was allein auch er kann,
emsiglich tun, nämlich den letzten Teil des Bindungsmittels,
die Furcht und Hoffnung für das gegenwärtige Leben, wiederum
anknüpfen und verstärken; damit ist nur ihm geholfen, keineswegs
aber uns, denn so gewiß er seinen Vorteil versteht, knüpft er an
dieses erneute Band zu allererst nur seine Angelegenheit, die
unsrige aber nur insoweit, inwiefern die Erhaltung unsrer, als
Mittel für seine Zwecke, ihm selbst zur Angelegenheit wird. Für
eine so verfallene Nation ist von nun an Furcht und Hoffnung
völlig aufgehoben, indem deren Leitung ihrer Hand entfallen ist,
und sie zwar selber zu fürchten hat und zu hoffen, vor ihr aber
von nun an kein Mensch sich weiter fürchtet, oder von ihr etwas
hofft; und es bleibt ihr nichts übrig, als ein ganz andres und
neues, über Furcht und Hoffnung erhabenes Bindungsmittel zu
finden, um die Angelegenheiten ihrer Gesamtheit an die Teilnahme
eines jeden aus ihr für sich selber anzuknüpfen.
Ueber den sinnlichen Antrieb der Furcht oder Hoffnung hinaus,
und zunächst an ihn angrenzend, liegt der geistige Antrieb
der sittlichen Billigung oder Mißbilligung, und der höhere
Affekt des Wohlgefallens oder Mißfallens an unserm und andrer
Zustände. So wie das an Reinlichkeit und Ordnung gewöhnte äußere
Auge durch einen Flecken, der ja unmittelbar dem Leibe keinen
Schmerz zufügt, oder durch den Anblick verworren durcheinander
liegender Gegenstände dennoch gepeinigt und geängstigt wird,
wie vom unmittelbaren Schmerze, indes der des Schmutzes und der
Unordnung Gewohnte sich in demselben recht wohl befindet: eben
also kann auch das innere geistige Auge des Menschen so gewöhnt
und gebildet werden, daß der bloße Anblick eines verworrenen
und unordentlichen, eines unwürdigen und ehrlosen Daseins
seiner selbst und seines verbrüderten Stammes, ohne Rücksicht
auf das, was davon für sein sinnliches Wohlsein zu fürchten
oder zu hoffen sei, ihm innig wehe tue, und daß dieser Schmerz
dem Besitzer eines solchen Auges, abermals ganz unabhängig von
sinnlicher Furcht oder Hoffnung, keine Ruhe lasse, bis er,
soviel an ihm ist, den ihm mißfälligen Zustand aufgehoben, und
den, der ihm allein gefallen kann, an seine Stelle gesetzt habe.
Im Besitzer eines solchen Auges ist die Angelegenheit des ihn
umgebenden Ganzen, durch das treibende Gefühl der Billigung oder
Mißbilligung, an die Angelegenheit seines eignen erweiterten
Selbst, das nur als Teil des Ganzen sich fühlt, und nur im
gefälligen Ganzen sich ertragen kann, unabtrennbar angeknüpft;
die Sichbildung zu einem solchen Auge wäre somit ein sicheres und
das einzige Mittel, das einer Nation, die ihre Selbständigkeit,
und mit ihr allen Einfluß auf die öffentliche Furcht und Hoffnung
verloren hat, übrigbliebe, um aus der erduldeten Vernichtung
sich wieder ins Dasein zu erheben, und dem entstandenen neuen
und höheren Gefühle ihre Nationalangelegenheiten, die seit ihrem
Untergange kein Mensch und kein Gott weiter bedenkt, sicher
anzuvertrauen. So ergibt sich denn also, daß das Rettungsmittel,
dessen Anzeige ich versprochen, bestehe in der Bildung zu einem
durchaus neuen, und bisher vielleicht als Ausnahme bei einzelnen,
niemals aber als allgemeines und nationales Selbst, dagewesenen
Selbst, und in der Erziehung der Nation, deren bisheriges Leben
erloschen, und Zugabe eines fremden Lebens geworden, zu einem
ganz neuen Leben, das entweder ihr ausschließendes Besitztum
bleibt, oder, falls es auch von ihr aus an andre kommen sollte,
ganz und unverringert bleibt bei unendlicher Teilung; mit einem
Worte, eine gänzliche Veränderung des bisherigen Erziehungswesens
ist es, was ich, als das einzige Mittel die deutsche Nation im
Dasein zu erhalten, in Vorschlag bringe.
Daß man den Kindern eine gute Erziehung geben müsse, ist auch
in unserm Zeitalter oft genug gesagt, und bis zum Ueberdrusse
wiederholt worden, und es wäre ein Geringes, wenn auch wir unsres
Ortes dies gleichfalls einmal sagen wollten. Vielmehr wird uns,
so wir ein andres zu vermögen glauben, obliegen, genau und
bestimmt zu untersuchen, was eigentlich der bisherigen Erziehung
gefehlt habe, und anzugeben, welches durchaus neue Glied die
veränderte Erziehung der bisherigen Menschenbildung hinzufügen
müsse.
Man muß, nach einer solchen Untersuchung, der bisherigen
Erziehung zugestehen, daß sie nicht ermangelt, irgendein Bild
von religiöser, sittlicher, gesetzlicher Denkart, und von
allerhand Ordnung und guter Sitte vor das Auge ihrer Zöglinge
zu bringen, auch daß sie hier und da dieselben getreulich
ermahnt habe, jenen Bildern in ihrem Leben einen Abdruck zu
geben; aber mit höchst seltenen Ausnahmen, die somit nicht durch
diese Erziehung begründet waren, indem sie sodann an allen
durch diese Bildung hindurchgegangenen, und als die Regel,
hätten eintreten müssen, sondern die durch andre Ursachen
herbeigeführt worden -- mit diesen höchstseltenen Ausnahmen,
sage ich, sind die Zöglinge dieser Erziehung insgesamt nicht
jenen sittlichen Vorstellungen und Ermahnungen, sondern sie sind
den Antrieben ihrer, ihnen natürlich, und ohne alle Beihilfe
der Erziehungskunst, erwachsenden Selbstsucht, gefolgt; zum
unwidersprechlichen Beweise, daß diese Erziehungskunst zwar
wohl das Gedächtnis mit einigen Worten und Redensarten, und die
kalte und teilnehmungslose Phantasie mit einigen matten und
blassen Bildern anzufüllen vermocht, daß es ihr aber niemals
gelungen, ihr Gemälde einer sittlichen Weltordnung bis zu der
Lebhaftigkeit zu steigern, daß ihr Zögling von der heißen Liebe
und Sehnsucht dafür, und von dem glühenden Affekte, der zur
Darstellung im Leben treibt, und vor welchem die Selbstsucht
abfällt wie welkes Laub, ergriffen worden; daß somit diese
Erziehung weit davon entfernt gewesen sei, bis zur Wurzel der
wirklichen Lebensregung und Bewegung durchzugreifen, und diese
zu bilden, indem diese vielmehr, unbeachtet von der blinden und
ohnmächtigen, allenthalben wild aufgewachsen sei, wie sie gekonnt
habe, zu guter Frucht bei wenigen durch Gott begeisterten,
zu schlechter bei der großen Mehrzahl. Auch ist es dermalen
vollkommen hinlänglich, diese Erziehung durch diesen ihren Erfolg
zu zeichnen, und kann man für unsern Behuf sich des mühsamen
Geschäfts überheben, die innern Säfte und Adern eines Baumes zu
zergliedern, dessen Frucht dermalen vollständig reif ist, und
abgefallen, und vor aller Welt Augen liegt, und höchst deutlich
und verständlich ausspricht die innere Natur ihres Erzeugers. Der
Strenge nach wäre dieser Ansicht zufolge, die bisherige Erziehung
auf keine Weise die Kunst der Bildung zum Menschen gewesen,
wie sie sich denn dessen auch eben nicht gerühmt, sondern gar
oft ihre Ohnmacht, durch die Forderung, ihr ein natürliches
Talent, oder Genie, als Bedingung ihres Erfolgs voraus zu geben,
freimütig gestanden; sondern es wäre eine solche Kunst erst
zu erfinden, und die Erfindung derselben wäre die eigentliche
Aufgabe der neuen Erziehung. Das ermangelnde Durchgreifen bis
in die Wurzel der Lebensregung und -bewegung hätte diese neue
Erziehung der bisherigen hinzuzufügen, und wie die bisherige
höchstens etwas am Menschen, so hätte diese den Menschen selbst
zu bilden, und ihre Bildung keineswegs, wie bisher, zu einem
Besitztume, sondern vielmehr zu einem persönlichen Bestandteile
des Zöglings zu machen.
Ferner wurde bisher diese also beschränkte Bildung nur an die
sehr geringe Minderzahl der ebendaher gebildet genannten Stände
gebracht, die große Mehrzahl aber, auf welcher das gemeine Wesen
recht eigentlich ruht, das Volk, wurde von der Erziehungskunst
fast ganz vernachlässigt, und dem blinden Ohngefähr übergeben.
Wir wollen durch die neue Erziehung die Deutschen zu einer
Gesamtheit bilden, die in allen ihren einzelnen Gliedern
getrieben und belebt sei durch dieselbe eine Angelegenheit; so
wir aber etwa hierbei abermals einen gebildeten Stand, der etwa
durch den neu entwickelten Antrieb der sittlichen Billigung
belebt würde, absondern wollten von einem ungebildeten, so würde
dieser letzte, da Hoffnung und Furcht, durch welche allein noch
auf ihn gewirkt werden könnte, nicht mehr für uns, sondern gegen
uns dienen, von uns abfallen, und uns verloren gehen. Es bleibt
sonach uns nichts übrig, als schlechthin an alles ohne Ausnahme,
was deutsch ist, die neue Bildung zu bringen, so daß dieselbe
nicht Bildung eines besondern Standes, sondern daß sie Bildung
der Nation schlechthin als solcher, und ohne alle Ausnahme
einzelner Glieder derselben, werde, in welcher, in der Bildung
zum innigen Wohlgefallen am Rechten nämlich, aller Unterschied
der Stände, der in andern Zweigen der Entwicklung auch fernerhin
stattfinden mag, völlig aufgehoben sei, und verschwinde; und daß
auf diese Weise unter uns keineswegs Volkserziehung, sondern
eigentümliche deutsche Nationalerziehung entstehe.
Ich werde Ihnen dartun, daß eine solche Erziehungskunst, wie
wir sie begehren, wirklich schon erfunden ist und ausgeübt
wird, so daß wir nichts mehr zu tun haben, als das sich uns
Darbietende anzunehmen, welches, so wie ich dies oben von dem
vorzuschlagenden Rettungsmittel versprach, ohne Zweifel kein
größeres Maß von Kraft erfordert, als man bei unserm Zeitalter
billig voraussetzen kann. Ich fügte diesem Versprechen noch ein
andres bei, daß nämlich, was die Gefahr anbelange, bei unserm
Vorschlage durchaus keine sei, indem es der eigne Vorteil
der über uns gebietenden Gewalt erfordere, die Ausführung
jenes Vorschlags eher zu befördern, als zu hindern. Ich finde
zweckmäßig, sogleich in dieser ersten Rede über diesen Punkt mich
deutlich auszusprechen.
Zwar sind so in alter wie in neuer Zeit gar häufig die Künste der
Verführung und der sittlichen Herabwürdigung der Unterworfenen,
als ein Mittel der Herrschaft mit Erfolg gebraucht worden;
man hat durch lügenhafte Erdichtungen, und durch künstliche
Verwirrung der Begriffe und der Sprache, die Fürsten vor den
Völkern, und diese vor jenen verleumdet, um die entzweiten
sicherer zu beherrschen, man hat alle Antriebe der Eitelkeit
und des Eigennutzes listig aufgereizt und entwickelt, um die
Unterworfenen verächtlich zu machen, und so mit einer Art von
gutem Gewissen sie zu zertreten: aber man würde einen sicher zum
Verderben führenden Irrtum begehen, wenn man mit uns Deutschen
diesen Weg einschlagen wollte. Das Band der Furcht und der
Hoffnung abgerechnet, beruht der Zusammenhang desjenigen Teils
des Auslandes, mit dem wir dermalen in Berührung kommen, auf
den Antrieben der Ehre und des Nationalruhms; aber die deutsche
Klarheit hat vorlängst bis zur unerschütterlichen Ueberzeugung
eingesehen, daß dieses leere Trugbilder sind, und daß keine
Wunde und keine Verstümmelung des Einzelnen durch den Ruhm der
ganzen Nation geheilt wird; und wir dürften wohl, so nicht eine
höhere Ansicht des Lebens an uns gebracht wird, gefährliche
Prediger dieser sehr begreiflichen und manchen Reiz bei sich
führenden Lehre werden. Ohne darum noch neues Verderben an uns zu
nehmen, sind wir schon in unsrer natürlichen Beschaffenheit eine
unheilbringende Beute; nur durch die Ausführung des gemachten
Vorschlages können wir eine heilbringende werden: und so wird
denn, so gewiß das Ausland seinen Vorteil versteht, dasselbe
durch diesen selbst bewegt, uns lieber auf die letzte Weise haben
wollen, denn auf die erste.
Insbesondere nun wendet mit diesem Vorschlage meine Rede sich an
die gebildeten Stände Deutschlands, indem sie diesen noch am ersten
verständlich zu werden hofft, und trägt zu allernächst ihnen an, sich
zu den Urhebern dieser neuen Schöpfung zu machen, und dadurch teils
mit ihrer bisherigen Wirksamkeit die Welt auszusöhnen, teils ihre
Fortdauer in der Zukunft zu verdienen. Wir werden im Fortgange dieser
Reden ersehen, daß bis hierher alle Fortentwicklung der Menschheit
in der deutschen Nation vom Volke ausgegangen, und daß an dieses
immer zuerst die großen Nationalangelegenheiten gebracht, und von ihm
besorgt und weiterbefördert worden; daß es somit jetzt zum erstenmal
geschieht, daß den gebildeten Ständen die ursprüngliche Fortbildung
der Nation angetragen wird, und daß, wenn sie diesen Antrag wirklich
ergriffen, auch dies das erstemal geschehen würde. Wir werden
ersehen, daß diese Stände nicht berechnen können, auf wie lange Zeit
es noch in ihrer Gewalt stehen werde, sich an die Spitze dieser
Angelegenheit zu stellen, indem dieselbe bis zum Vortrage an das Volk
schon beinahe vorbereitet und reif sei, und an Gliedern aus dem Volke
geübt werde, und dieses nach kurzer Zeit ohne alle unsre Beihilfe
sich selbst werde helfen können, woraus für uns bloß das erfolgen
werde, daß die jetzigen Gebildeten und ihre Nachkommen zum Volke
werden, aus dem bisherigen Volke aber ein andrer höherer gebildeter
Stand emporkomme.
Nach allem ist es der allgemeine Zweck dieser Reden, Mut und
Hoffnung zu bringen in die Zerschlagenen, Freude zu verkündigen
in die tiefe Trauer, über die Stunde der größten Bedrängnis
leicht und sanft hinüber zu leiten. Die Zeit erscheint mir wie
ein Schatten, der über seinem Leichname, aus dem soeben ein
Heer von Krankheiten ihn herausgetrieben, steht und jammert,
und seinen Blick nicht loszureißen vermag von der ehedem so
geliebten Hülle, und verzweifelnd alle Mittel versucht, um wieder
hineinzukommen in die Behausung der Seuchen. Zwar haben schon
die belebenden Lüfte der andern Welt, in die die abgeschiedene
eingetreten, sie aufgenommen in sich, und umgeben sie mit warmem
Liebeshauche, zwar begrüßen sie schon freudig heimliche Stimmen
der Schwestern, und heißen sie willkommen, zwar regt es sich
schon und dehnt sich in ihrem Innern nach allen Richtungen
hin, um die herrlichere Gestalt, zu der sie erwachsen soll,
zu entwickeln; aber noch hat sie kein Gefühl für diese Lüfte,
oder Gehör für diese Stimmen, oder wenn sie es hätte, so ist
sie aufgegangen in Schmerz über ihren Verlust, mit welchem sie
zugleich sich selbst verloren zu haben glaubt. Was ist mit ihr zu
tun? Auch die Morgenröte der neuen Welt ist schon angebrochen,
und vergoldet schon die Spitzen der Berge, und bildet vor den
Tag, der da kommen soll. Ich will, so ich es kann, die Strahlen
dieser Morgenröte fassen, und sie verdichten zu einem Spiegel, in
welchem die trostlose Zeit sich erblicke, damit sie glaube, daß
sie noch da ist, und in ihm ihr wahrer Kern sich ihr darstelle,
und die Entfaltungen und Gestaltungen desselben in einem
weissagenden Gesichte vor ihr vorüber gehen. In diese Anschauung
hinein wird ihr denn ohne Zweifel auch das Bild ihres bisherigen
Lebens versinken, und verschwinden, und der Tote wird ohne
übermäßiges Wehklagen zu seiner Ruhestätte gebracht werden können.
Zweite Rede.
Vom Wesen der neuen Erziehung im allgemeinen.
Das von mir vorgeschlagene Erhaltungsmittel einer deutschen Nation
überhaupt, zu dessen klarer Einsicht diese Reden zunächst Sie, und
nebst Ihnen die ganze Nation führen möchten, geht als ein solches
Mittel hervor aus der Beschaffenheit der Zeit, sowie der deutschen
Nationaleigentümlichkeiten, so wie dieses Mittel wiederum eingreifen
soll in Zeit und Bildung der Nationaleigentümlichkeiten. Es ist somit
dieses Mittel nicht eher vollkommen klar und verständlich gemacht,
als bis es mit diesen, und diese mit ihm zusammen gehalten, und beide
in vollkommener gegenseitiger Durchdringung dargestellt sind, welche
Geschäfte einige Zeit erfordern, und so die vollkommene Klarheit nur
am Ende unsrer Reden zu erwarten ist. Da wir jedoch bei irgendeinem
einzelnen Teile anfangen müssen, so wird es am zweckmäßigsten sein,
zuförderst jenes Mittel selbst, abgesondert von seinen Umgebungen in
Zeit und Raum, für sich in seinem innern Wesen zu betrachten, und
so soll denn diesem Geschäfte unsre heutige und nächstfolgende Rede
gewidmet sein.
Das angegebene Mittel war eine durchaus neue, und vorher noch
nie also bei irgendeiner Nation dagewesene Nationalerziehung
der Deutschen. Diese neue Erziehung wurde schon in der vorigen
Rede zur Unterscheidung von der bisher üblichen also bezeichnet:
die bisherige Erziehung habe zu guter Ordnung und Sittlichkeit
höchstens nur ermahnt, aber diese Ermahnungen seien unfruchtbar
gewesen für das wirkliche Leben, welches nach ganz andern, dieser
Erziehung durchaus unzugänglichen Gründen sich gebildet habe.
Im Gegensatze mit dieser müsse die neue Erziehung die wirkliche
Lebensregung und -bewegung ihrer Zöglinge, nach Regeln sicher und
unfehlbar bilden, und bestimmen können.
So nun etwa hierauf jemand also gesagt hätte, wie denn auch
wirklich diejenigen, welche die bisherige Erziehung leiten, fast
ohne Ausnahme also sagen: Wie könnte man denn auch irgendeiner
Erziehung mehr anmuten, als daß sie dem Zöglinge das Recht
zeige, und ihn getreulich zu denselben anmahne; ob er diesen
Ermahnungen folgen wolle, das sei seine eigne Sache, und wenn
er es nicht tue, seine eigne Schuld; er habe freien Willen,
den keine Erziehung ihm nehmen könne: so würde ich hierauf, um
die von mir gedachte Erziehung noch schärfer zu bezeichnen,
antworten: daß gerade in diesem Anerkennen, und in diesem
Rechnen auf einen freien Willen des Zöglings der erste Irrtum
der bisherigen Erziehung, und das deutliche Bekenntnis ihrer
Ohnmacht und Nichtigkeit liege. Denn indem sie bekennt, daß nach
aller ihrer kräftigsten Wirksamkeit der Wille dennoch frei, d.
i. unentschieden schwankend zwischen Gutem und Bösem bleibe,
bekennt sie, daß sie den Willen, und da dieser die eigentliche
Grundwurzel des Menschen selbst ist, den Menschen selbst zu
bilden durchaus weder vermöge, noch wolle oder begehre, und
daß sie dies überhaupt für unmöglich halte. Dagegen würde die
neue Erziehung gerade darin bestehen müssen, daß sie auf dem
Boden, dessen Bearbeitung sie übernehme, die Freiheit des Willens
gänzlich vernichtete, und dagegen strenge Notwendigkeit der
Entschließungen, um die Unmöglichkeit des entgegengesetzten in
dem Willen hervorbrächte, auf welchem Willen man nunmehr sicher
rechnen und auf ihn sich verlassen könnte.
Alle Bildung strebt an, die Hervorbringung eines festen
bestimmten und beharrlichen Seins, das nun nicht mehr wird,
sondern ist, und nicht anders sein kann, denn so wie es ist.
Strebte sie nicht an ein solches Sein, so wäre sie nicht Bildung,
sondern irgendein zweckloses Spiel; hätte sie ein solches Sein
nicht hervorgebracht, so wäre sie eben noch nicht vollendet.
Wer sich noch ermahnen muß, und ermahnt werden, das Gute zu
wollen, der hat noch kein bestimmtes und stets bereitstehendes
Wollen, sondern er will sich dieses erst jedesmal im Falle des
Gebrauches machen; wer ein solches festes Wollen hat, der will,
was er will, für alle Ewigkeit, und er kann in keinem möglichen
Falle anders wollen, denn also, wie er eben immer will; für
ihn ist die Freiheit des Willens vernichtet und aufgegangen
in der Notwendigkeit. Dadurch eben hat die bisherige Zeit
gezeigt, daß sie von Bildung zum Menschen weder einen rechten
Begriff, noch die Kraft hatte, diesen Begriff darzustellen, daß
sie durch ermahnende Predigten die Menschen bessern wollte,
und verdrießlich ward und schalt, wenn diese Predigten nichts
fruchteten. Wie konnten sie doch fruchten? Der Wille des
Menschen hat schon vor der Ermahnung vorher, und unabhängig von
ihr, seine feste Richtung; stimmt diese zusammen mit deiner
Ermahnung, so kommt die Ermahnung zu spät, und der Mensch hätte
auch ohne dieselbe getan, wozu du ihn ermahntest, steht sie mit
derselben im Widerspruche, so magst du ihn höchstens einige
Augenblicke betäuben; wie die Gelegenheit kommt, vergißt er
sich selbst und deine Ermahnung, und folgt seinem natürlichen
Hange. Willst du etwas über ihn vermögen, so mußt du mehr tun,
als ihn bloß anreden, du mußt ihn machen, ihn also machen, daß
er gar nicht anders wollen könne, als du willst, daß er wolle.
Es ist vergebens zu sagen, fliege -- dem der keine Flügel hat,
und er wird durch alle deine Ermahnungen nie zwei Schritte über
den Boden empor kommen; aber entwickle, wenn du kannst, seine
geistigen Schwungfedern, und lasse ihn dieselben üben und kräftig
machen, und er wird ohne alle dein Ermahnen gar nicht anders mehr
wollen oder können, denn fliegen.
Diesen festen und nicht weiter schwankenden Willen muß die neue
Erziehung hervorbringen nach einer sichern, und ohne Ausnahme
wirksamen Regel; sie muß selber mit Notwendigkeit erzeugen die
Notwendigkeit, die sie beabsichtiget. Was bisher gut geworden
ist, ist gut geworden durch seine natürliche Anlage, durch
welche die Einwirkung der schlechten Umgebung überwogen wurde;
keineswegs aber durch die Erziehung, denn sonst hätte alles durch
dieselbe hindurch gegangene gut werden müssen: was da verdarb,
verdarb ebensowenig durch die Erziehung, denn sonst hätte alles
durch sie hindurchgehende verderben müssen, sondern durch sich
selber und seine natürliche Anlage; die Erziehung war in dieser
Rücksicht nur nichtig, keineswegs verderblich, das eigentliche
bildende Mittel war die geistige Natur. Aus den Händen dieser
dunklen, und nicht zu berechnenden Kraft nun soll hinfür die
Bildung zum Menschen unter die Botmäßigkeit einer besonnenen
Kunst gebracht werden, die an allem ohne Ausnahme, was ihr
anvertraut wird, ihren Zweck sicher erreiche, oder, wo sie ihn
etwa nicht erreichte, wenigstens weiß, daß sie ihn nicht erreicht
hat, und daß somit die Erziehung noch nicht geschlossen ist.
Eine sichere und besonnene Kunst, einen festen und unfehlbaren
guten Willen im Menschen zu bilden, soll also die von mir
vorgeschlagene Erziehung sein, und dieses ist ihr erstes Merkmal.
Weiter -- der Mensch kann nur dasjenige wollen, was er liebt;
seine Liebe ist der einzige, zugleich auch der unfehlbare Antrieb
seines Wollens und aller seiner Lebensregung und -bewegung. Die
bisherige Staatskunst, als die Erziehung des gesellschaftlichen
Menschen, setzte als sichere und ohne Ausnahme geltende Regel
voraus, daß jedermann sein eignes sinnliches Wohlsein liebe und
wolle, und sie knüpfte an diese natürliche Liebe durch Furcht
und Hoffnung künstlich den guten Willen, den sie wollte, das
Interesse für das gemeine Wesen. Abgerechnet, daß bei dieser
Erziehungsweise der äußerlich zum unschädlichen oder brauchbaren
Bürger gewordene dennoch innerlich ein schlechter Mensch bleibt,
denn darin eben besteht die Schlechtigkeit, daß man nur sein
sinnliches Wohlsein liebe, und nur durch Furcht oder Hoffnung
für dieses, sei es nun im gegenwärtigen, oder in einem künftigen
Leben bewegt werden könne; -- dieses abgerechnet, haben wir schon
oben ersehen, daß diese Maßregel für uns nicht mehr anwendbar
ist, indem Furcht und Hoffnung nicht mehr für uns, sondern
gegen uns dienen, und die sinnliche Selbstliebe auf keine Weise
in unsern Vorteil gezogen werden kann. Wir sind daher sogar
durch die Not gedrungen, innerlich und im Grunde gute Menschen
bilden zu wollen, indem nur in solchen die deutsche Nation noch
fortdauern kann, durch schlechte aber notwendig mit dem Auslande
zusammenfließt. Wir müssen darum an die Stelle jener Selbstliebe,
an welche nichts Gutes für uns sich länger knüpfen läßt, eine
andre Liebe, die unmittelbar auf das Gute, schlechtweg als
solches, und um sein selbst willen gehe, in den Gemütern aller,
die wir zu unsrer Nation rechnen, setzen und begründen.
Die Liebe für das Gute schlechtweg als solches, und nicht etwa um
seiner Nützlichkeit willen für uns selber, trägt, wie wir schon
ersehen haben, die Gestalt des Wohlgefallens an demselben: eines
so innigen Wohlgefallens, daß man dadurch getrieben werde, es
in seinem Leben darzustellen. Dieses innige Wohlgefallen also
wäre es, was die neue Erziehung als festes und unwandelbares
Sein ihres Zöglings hervorbringen müßte; worauf denn dieses
Wohlgefallen durch sich selbst den unwandelbar guten Willen
desselben Zöglings als notwendig begründen würde.
Ein Wohlgefallen, das da treibt einen gewissen Zustand der Dinge,
der in der Wirklichkeit nicht vorhanden ist, hervorzubringen in
derselben, setzt voraus ein Bild dieses Zustandes, das vor dem
wirklichen Sein desselben vorher dem Geiste vorschwebt, und jenes
zur Ausführung treibende Wohlgefallen auf sich zieht. Somit setzt
dieses Wohlgefallen in der Person, die von ihm ergriffen werden
soll, voraus das Vermögen, selbsttätig dergleichen Bilder, die
unabhängig seien von der Wirklichkeit, und keineswegs Nachbilder
derselben, sondern vielmehr Vorbilder, zu entwerfen. Ich habe
jetzt zu allernächst von diesem Vermögen zu sprechen, und ich
bitte, während dieser Betrachtung ja nicht zu vergessen, daß
ein durch dieses Vermögen hervorgebrachtes Bild eben als bloßes
Bild, und als dasjenige, worin wir unsre bildende Kraft fühlen,
gefallen könne, ohne doch darum genommen zu werden als Vorbild
einer Wirklichkeit, und ohne in dem Grade zu gefallen, daß es
zur Ausführung treibe; daß dies letztere ein ganz andres, und
unser eigentlicher Zweck ist, von dem wir später zu reden nicht
unterlassen werden, jenes nächste aber lediglich die vorläufige
Bedingung enthält zur Erreichung des wahren letzten Zwecks der
Erziehung.