Ich gebe das ganze Glück meines Lebens in Ihre Hände. Ich liebe

Lottchen, ach, wie oft war dieses Geständnis auf meinen Lippen, es

kann Ihnen nicht entgangen sein. Seit dem ersten Tage, wo ich in Ihr

Haus trat, hat mich Lottchens liebe Gestalt nicht mehr verlassen.

Ihr schönes edles Herz habe ich durchschaut. In so vielen froh

durchlebten Stunden hat sich ihre zarte sanfte Seele in allen Gestalten

mir gezeigt. Im stillen innigen Umgang, wovon Sie selbst so oft

Zeugin waren, knüpfte sich das unzerreißbarste Band meines Lebens.

Mit jedem Tage wuchs die Gewißheit in mir, daß ich durch Lottchen

allein glücklich werden kann. Hätte ich diesen Eindruck vielleicht

bekämpfen sollen, da ich noch nicht vorhersehen konnte, ob Lottchen

auch die meine werden kann? Ich hab es versucht, ich habe mir einen

Zwang vorgeschrieben, der mir viele Leiden gekostet hat. Aber es ist

nicht möglich, seine höchste Glückseligkeit zu fliehen, gegen die

laute Stimme des Herzens zu streiten. Alles, was meine Hoffnungen

niederschlagen könnte, habe ich in diesem langen Jahre, wo diese

Leidenschaft in mir kämpfte, geprüft und gewogen, aber mein Herz

hat es widerlegt. Kann Lottchen glücklich werden durch meine innige

ewige Liebe, und kann ich Sie, Verehrungswürdigste, lebendig davon

überzeugen, so ist nichts mehr, was gegen das höchste Glück meines

Lebens in Anschlag kommen kann. Ich habe nichts zu fürchten, als die

zärtliche Bekümmernis der Mutter um das Glück ihrer Tochter, und

glücklich wird sie durch mich sein, wenn Liebe sie glücklich machen

kann. Und daß dieses ist, habe ich in Lottchens Herzen gelesen.

Wollen Sie, teuerste Mutter, o lassen Sie mich bei diesem Namen Sie

nennen, der die Gefühle meines Herzens und meine Hoffnungen gegen

Sie ausspricht, wollen Sie das Teuerste, was Sie haben, meiner Liebe

anvertrauen? Meine Wünsche durch Ihre Billigung in Wirklichkeit

verwandeln, wenn es auch die Wünsche Ihrer Tochter sind, wenn wir uns

beide in dieser Bitte vereinigen? Ich werde Ihnen mehr zu danken haben,

als ich einem Menschen danken kann. Sie werden glücklich sein in der

Glückseligkeit Ihrer Kinder. Unsere Dankbarkeit wird geschäftig sein,

Ihr Leben zu verschönern und Ihnen das Geschenk der Liebe durch Liebe

zu erstatten.

Ich erlaube mir keine weitre Erklärung, bis Sie über die Wünsche

meines Herzens entschieden haben werden. Steht nur in Ihrer Seele

meinem Glücke nichts entgegen, so werden keine Hindernisse von außen

ihm im Wege stehen. Mit welcher Unruhe und Sehnsucht erwarte ich von

Ihnen den Ausspruch über mein ganzes Glück! Aber Liebe allein wird Sie

leiten, und darauf gründe ich frohe Hoffnungen. Ewig der Ihrige mit der

innigsten Ehrfurcht und Liebe.«

Nur ein gutes treues Mutterherz konnte eine Antwort geben, wie die,

deren Inhalt ihn nun von Zweifeln erlöste:

»Rudolstadt, den 21. Dezember 1789.

Ja, ich will Ihnen das Beste und Liebste, was ich noch zu geben habe,

meine gute Lottchen, geben. Die Liebe meiner Tochter zu Ihnen und Ihre

edle Denkungsart bürgt mir für das Glück meines Kindes, und dieses

allein suche ich. Verzeihen Sie aber der Sorgsamkeit und der Pflicht

einer Mutter: Können Sie Lottchen neben Ihrer zärtlichen Liebe, nicht

ein glänzendes Glück, sondern nur ein gutes Auskommen verschaffen?

Beruhigen Sie mich über diesen Punkt, und ich nenne Sie mit Freuden

Sohn. Wäre ich reich, könnte ich Ihnen mit meiner Tochter ein

ansehnliches Vermögen geben, wie gern würde ich Ihnen da zeigen, daß

Verdienst und ein Herz, so wie ich das Ihrige kenne, die schätzbarsten

Güter der Erde für mich sind. Da mein Vermögen aber nicht groß und

unser jetziges Leben diese Frage verlangt, weil ohne hinlänglichen

Unterhalt kein Familienglück bestehen kann, so müssen Sie mir meine

Ängstlichkeit vergeben. Die ich mich mit wahrer Ergebenheit und

Freundschaft nenne

Ihre treue Freundin von Lengefeld.«

Zwei gute und treuherzige Briefe von Rudolstädtern in der Ferne trafen

ein, der eine noch an Fräulein von Lengefeld in der Neuen Gasse, der

andere bereits an Frau Hofrätin Schiller in Jena.

»Genf, den 27. Januar 1790.

Daß ich an der Entscheidung Ihres Schicksals, liebes Lottchen, den

lebhaftesten Anteil nehme, dafür bürgt Ihnen meine Freundschaft für

Sie. Mögen Sie mit dem Manne, den Sie sich gewählt haben, in allen

künftigen Lagen Ihres Lebens immer so glücklich sein, als es Ihr gutes

edles Herz verdient. Einer meiner sehnlichsten Wünsche wird dadurch

erfüllt werden. Schiller, der mir bereits für seinen Geist die größte

Achtung eingeflößt hat, soll mir auch in dem neuen Verhältnisse,

in welches ich mit ihm durch Sie gesetzt werde, herzlich willkommen

sein, und ich bitte Sie, ihn von meiner aufrichtigsten Freundschaft zu

versichern.

Es ist freilich eben so gar artig nicht, daß Sie so mit einem Male

Ihrem alten Lehrer aus der Schule laufen und mich, Ihren alten Freund,

verlassen. Allein ich würde zuviel Eigennutz verraten, wenn ich mich

zu sehr darüber beschweren wollte, und Knebeln muß es doch eigentlich

recht wohl tun, seine Schülerin nun als hochgelehrte Professorin auf

der Hohen Schule zu wissen. Ich will nun von Ihnen recht viel lernen,

vorzüglich rechne ich sehr darauf, durch Ihre Vermittelung bisweilen

etwas von Schillers historischen Vorlesungen zu erhalten. Seine erste

im Merkur eingerückte Vorlesung habe ich kürzlich gelesen. Sie ist ganz

meisterhaft und hat mir außerordentlich gefallen. Schiller behandelt

die Geschichte genau so, wie ich immer gewünscht habe, sie behandelt

zu sehen. Jede einzelne Geschichte wird durch seine Darstellung ein

schöner Teil von einem großen harmonischen Ganzen, von der Geschichte

der Menschheit.

Daß Sie uns in Rudolstadt nicht ganz vergessen, und daß Sie sich so

einrichten werden, daß Sie alle Ferien bei uns mit Ihrem Freunde

zubringen, darauf zähle ich sicher.

Leben Sie wohl, liebes Lottchen, und lassen Sie bald wieder etwas von

sich hören.

von Beulwitz.«

»Genf, den 15. März 1790.

Bestes Schwesterchen,

wie sehr Ihr Wohl und Glück Ihrem Brüderchen am Herzen liegt, wie

sehr er sich jetzt freut, Sie in derjenigen Lage zu sehen, die Sie

sich selbst wünschten und wählten, können Sie sich leicht vorstellen.

Nichts konnte mir mehr Vergnügen machen, als Sie mit einem so braven

Mann, als Herr Schiller ist, verbunden zu sehen. Erlauben Sie mir,

mich bei dieser Gelegenheit zu fernerer Freundschaft zu empfehlen.

Recht oft hoffe ich Sie mit Ihrem lieben Mann in Rudolstadt zu sehen,

und so manche angenehme Stunde soll uns im freundschaftlichen Zirkel

verfließen. Dann singen wir Herrn Schillers Lied an die Freude! Jetzt

muß unser Lieblingsdichter diese Stelle doppelt fühlen: ›Wer ein holdes

Weib errungen, mische seinen Jubel ein!‹ –

Darf ich bitten, mich Herrn Schiller zu fernerer Freundschaft zu

empfehlen. Bald werde ich Ihnen mündlich sagen können, wie sehr ich Sie

verehre, und bin

Ihr aufrichtiger

Freund und Diener

Ludwig Friedrich.«

* * * * *

»An einem Montag, den 22. Februar 1790, wurden wir in Wenigenjena vom

Diakonus Schmidt getraut.

Schiller kam einige Tage vorher nach Erfurt, wo ich und Karoline war,

uns abzuholen. Wir kamen Sonntag abends nach Jena. Den Montag früh

fuhren wir drei zusammen nach Kahla, wo wir meine Mutter abholten.

Es war ein Frühlingstag wie heute, wo ich dieses mit Schmerzen

niederschreibe. Von Kahla fuhren wir gegen 2 Uhr ab und kamen um 5

Uhr ganz in der Stille in Wenigenjena an, stiegen an der Kirche aus,

niemand war bei der Trauung zugegen, als meine Mutter und Karoline. Den

Abend brachten wir still und ruhig miteinander in Gesprächen zu beim

Tee. So verging der Tag, der so viele Freuden in seinem Gefolge hatte

und so viele Schmerzen. Jeglichen Menschen erwartet sein Tag, auch

meiner wird kommen!«

Aus Charlottes Tagebuch.

Das Frühjahr 1791

Das Jahr 1791 begann mit Not und Sorge. Am 3. Januar bei einem

Hoffest in Erfurt war Schiller zusammengebrochen. Der Arzt schaffte

wohl Linderung, aber nicht Heilung. Am 9. Januar erfolgte die Reise

nach Weimar, am 11. die Rückkehr nach Jena. Im Briefwechsel des

Freundeskreises ist die Sorge und die Hoffnung zu erkennen, mit der

alle die Ereignisse im Befinden Schillers begleiteten. Erst am 22.

Februar führt der Genesende selbst wieder die Feder und berichtet

dem Dresdener Freund seinen Zustand und seine Pläne für den Sommer.

Schon am Krankenlager hatte sich ein Wetteifer gezeigt: nicht nur

Verwandte und altbewährte Freunde hatten einander übertroffen in ihren

Bemühungen, auch neue Anhänger bewarben sich, wenigstens einmal eine

Nachtwache leisten zu dürfen. Schillers philosophische Studien hatten

ihm Schüler in reiferen Mannesjahren zugeführt, die nur vorübergehend

Jena aufsuchten, um seinen persönlichen Verkehr zu genießen. Im Anfang

des April folgten ihm einige dieser neuen Freunde auch in seine

Erholungszeit nach Rudolstadt.

Geselliges Leben entwickelt sich hier, drei- bis viermal die Woche

wird ein Spazierritt unternommen. Am 24. April folgt Schiller einer

Einladung zur Hoftafel, die Umgebung ist heiter, aber er selbst

beurteilt seinen Zustand mit klarem Blick: ›Ich mag niemand sagen, daß

ich meine Beschwerden behalten muß. – Es soll mir nicht an Mut fehlen,

wenn auch das Schlimmste über mich kommen wird.‹

Zu dem neuen Kreise gehörte der fünfundzwanzigjährige Mediziner

Benjamin Erhard aus Nürnberg, Kantischer Philosoph, Mathematiker,

Zeichner und Musiker, ein bestimmt auftretender, humorvoller Mensch,

dessen Wesen Schiller mit fühlbarem Anteil schildert. Er berichtet

in seinen Denkwürdigkeiten: »Durch Schillers Bekanntschaft wurde ich

veranlaßt, ihn in Rudolstadt bei seinem Schwager zu besuchen. Ich

verlebte hier einige der glücklichsten Tage meines Lebens, unter lauter

gebildeten Menschen, die mich an äußerer Bildung alle übertrafen,

und die doch Güte genug hatten, mir meine innere als Ersatz für die

äußere anzunehmen. Die Prinzen und Prinzessinnen kamen beständig in

dieses Haus, und meine geringe Fertigkeit im Zeichnen und Kenntnis des

Generalbasses erwarb mir ihre Gunst. Der Ton, der hier herrschte, war

die unschuldigste Geselligkeit, die ich bisher gesehen hatte. Ich war

eines Abends auf dem Schlosse und phantasierte auf Verlangen auf dem

Fortepiano; meine Laune gab mir deutsche Tänze ein, und diese wirkten

auf die Gesellschaft so, daß sie zu tanzen anfing, und ich meine Tänze

fortspielen mußte. Reinhold, der auch auf Besuch hier war, sagte mir

ins Ohr: ›Nun erfahre ich, was ich in meinem Leben nicht erwartet

habe, daß ein Hof nach der Musik eines Philosophen tanzt.‹ Das hörte

aber doch ein Nahestehender, der Scherz wurde in der Gesellschaft

verbreitet und gefiel jedermann. Mit dem Buchhändler Göschen ging ich

zu Fuß nach Jena zurück und fand auch in ihm einen Freund.«

Aus dem Bekanntenkreis, zu dem auch der Freiherr von Hardenberg, der

Dichter Novalis, gehörte, nennt Schiller noch einen Klagenfurter

Fabrikanten Baron von Herbert und zwei Livländer, Baron von Adlerskron,

Offizier und Philosoph, und Karl Gotthard Graß, der sich als Theolog,

Philosoph, Dichter und Maler betätigte. Aus dessen Feder besitzen wir

die Schilderungen von Schillers Krankheit, die ihn am 7. Mai überfiel.

Aus seiner Heimat schreibt er 1795 an Schiller: »Es sind vier Jahre,

vier Jahre! verflossen, seit ich in Rudolstadt von Ihnen ging; nur wenn

ich auf die Lebhaftigkeit meiner Rückerinnerungen an jene Augenblicke

sehe, scheinen es mir so viele Tage zu sein. Ich sehe noch jeden

einzelnen Moment unverrückt und deutlich vor mir. Wie wir am Bett saßen

und Ihnen vorlasen, und was wir lasen; wie wir die Mondlandschaft vor

Ihnen aufstellten; dann wieder, wie Ihre Gattin an Ihrem Bett kniete

und die Tränen verbarg, und Ihre Hände sie umschlangen; wie Sie mit mir

Malaga und auf Wiedersehen tranken; dies alles, und was Sie mir sagten,

und was ich empfand, dies alles ist mir so gegenwärtig, wie von gestern

her. Ich kenne jeden Zug Ihres Gesichts, ich höre Ihre Stimme, und die

leiseste Berührung dieser Erinnerungen durchdringt meine ganze Seele!«

Aus Neapel beantwortet er die Nachricht von Schillers Tod, unter der er

zusammenbrechen wollte; dabei fließt ihm in die Feder: »Erinnern Sie

sich noch eines Augenblicks, der mir unvergeßlich ist, als Schiller in

Rudolstadt so krank war: Ich befand mich in seinem Zimmer und hatte,

indem ich am Fenster stand und las, mir das Bild des Leidenden und

das Edle und Große, welches seine Form und seine Züge umschwebte,

tief eingeprägt. Er hatte, soviel ich weiß, etwas Opium genommen,

die heftigen Krämpfe zu stillen, und lag da, leicht entschlummert,

wie ein Marmorbild. Sie befanden sich im Nebenzimmer, wo ich Ihnen

die Schillersche Übersetzung des vierten Buchs der Äneide vorgelesen

hatte, und von Zeit zu Zeit kamen Sie an die Türe, sich nach Schiller

umzusehen. Sie sahen ihn also da liegen und nahten leise auf bloßen

Strümpfen, und ebenso leise knieten Sie mit gefalteten Händen vor sein

Bette hin. Ihr loses dunkles Haar floß über die Schulter. Still weinte

Ihr Auge. Sie hatten es wohl kaum bemerkt, daß noch jemand im Zimmer

war. Der ohnmächtige Kranke schlug indessen etwas die Augen auf. Er

erblickte Sie; mit Leidenschaft umschlangen plötzlich seine Arme Ihr

Haupt, und so blieb er auf Ihrem Nacken ruhen, indem ihn die Kraft

von neuem verließ. Verzeihen Sie, daß ichs wagte, Ihnen eine Szene zu

schildern, die so heilig und himmlisch war, daß nur Unsterbliche sie

belauschen sollten. Begreifen Sie nun, daß ich Schiller und Sie nie

vergessen konnte?«

Treuer Pflege, der Hilfe der Rudolstädter Ärzte Conradi und Beythan,

sowie des Jenaer Hofrats Stark gelang es, den Leidenden zu retten. Am

9. Juli reiste er mit Frau und Schwägerin nach Karlsbad, von wo Lotte

meldet, daß die Kur guten Erfolg hat. Karoline wurde nach Rudolstadt

zurückberufen, denn am 21. Juli fand die Vermählung des Erbprinzen

Ludwig Friedrich mit der Prinzessin Karoline Luise in Homburg statt,

und am 5. August sollte der feierliche Einzug des jungen Paares in

Rudolstadt erfolgen.

* * * * *

»Am 10. April 1805. Jeder Mensch sollte die Geschichte seiner

Empfindungen für sich selbst aufsetzen, nicht sich ängstlich beobachten

und immer mit seinem Gewissen sich abfinden, sondern sich mit freiem

Sinne prüfen, wie die äußern Gegenstände auf uns wirken. –

Je länger man in der Welt lebt, je näher man die Menschen beleuchtet,

je mehr flüchtet man sich in sein eigenes Herz zurück. Welche Zwecke,

welche Neigungen leiten die, die wir beobachten! Falsches Streben nach

unerreichbaren Dingen ist beinah die ganze Existenz mancher Naturen. Wo

ist der Friede zu finden, wenn er nicht in uns ist?

Je gebildeter die Natur, je näher den Abwegen! Kein Mittelweg führt zu

dem Genuß einer ruhigen Existenz. Haben wir das Schicksal beschworen,

so entsteht in uns selbst der Kummer. Immer das Unerreichbare zu

erringen strebt die Natur. Immer in jeder Lage, in jedem Moment des

Lebens ist nur Hoffnung nach etwas Besserem, für etwas Besseres der

einzige Stab, auf den wir unsere wankende Existenz stützen. Soll

dieses ewige Streben nach dem Besseren zwecklos sein? Soll es nicht dem

Geist die Deutung geben, daß es einen Ort gibt, wo endlich alles Hoffen

erfüllt wird?«

So schrieb die ehemalige Rudolstädterin in ihrem Heim an der Esplanade

zu Weimar, als der Gatte hoffnungslos darniederlag.

Vier Wochen darauf trat das Ereignis ein, das die ~Chère mère~ in einer

Urkunde bezeugt: »Den 9. Mai, abends zwischen 5 und 6 Uhr ist mein

Schwiegersohn, Hofrat von Schiller, Mitglied der Witwensozietät, mit

Tod abgegangen.«

Eine schwache, achtunddreißigjährige Witwe, brach Charlotte am

Sterbebette in der Dachstube zusammen, dann nahm sie die Last auf sich,

die eine gütige Vorsehung sonst nur den Armen eines Menschenpaares

zumutet: Unmündige zu tragen und zu führen, bis sie ihren Lebensweg aus

eigener Kraft weitergehen können.

Schillers Familie in Rudolstadt

Nach Schillers Verheiratung löste sich bald der Hausstand in der Neuen

Gasse auf. Frau von Lengefeld hatte schon 1789 ihr Amt als Erzieherin

der Schwestern Ludwig Friedrichs angetreten und bezog eine Wohnung auf

der Heidecksburg. Karoline von Beulwitz trennte sich von ihrem Gemahl,

verließ Rudolstadt und ging 1794 eine neue Ehe mit Wilhelm von Wolzogen

ein.

Über den Verkehr Schillers und der Seinen enthalten die Hoffurierbücher

trockene, aber genaue Auskunft, da jede Mahlzeit und jedes

Nachtquartier eingetragen ist.

»Herr Schiller und Frau Hofrätin sind vom 2. bis 12. September 1799

mittags an Erbprinzen Tafel und abends bei fürstlicher Tafel gewesen.«

Bis 1803 wohnt »Frau Hofrätin Schiller« wiederholt bei ihrer Mutter,

dann tritt eine Pause ein bis 1810. Als zwölfjähriger Knabe besingt

Ernst von Schiller romantisch schwärmerisch die Kapelle im Mörlagraben

und dichtet eine Ballade: Der Ritter und die Saalnixe. Bald erscheint

»Herr von Schiller«, der siebzehnjährige Sohn Karl, als Gast an der

fürstlichen Tafel. Am 23. Februar 1811 nimmt Ernst an einem Maskenfest

auf dem Schlosse teil als Marquis Posa und fällt auf, wegen seiner

großen Ähnlichkeit mit dem Vater, die kleine Karoline gesellt sich zu

den fürstlichen Kindern. Karl verkehrt als »Herr Leutnant von Schiller«

bis 1815 an der Familientafel, Ernst »der Herr Kammerassessor« bis

1818, dann führt der Beruf sie beide in die Ferne. Von 1819–1823 feiert

»Frau Hofrat von Schiller mit zwei Fräulein« regelmäßig den Geburtstag

der Mutter am Hofe, Emilie hat Beziehungen zu Familien in der Stadt,

Karoline findet sich am 28. November 1822 als »bleibender Gast« auf dem

Schlosse ein.

Am 11. Dezember 1823 verschied die ~Chère mère~, und die Fürstin

Karoline Luise wurde den drei vereinsamten Frauen aufrichtige Freundin

und treue Beraterin.

[Illustration: Das Schillerhaus in Volkstedt]

Drei Jahre später, am 9. Juli 1826, starb Charlotte in Bonn. Sie hatte

den Augenarzt von Walther daselbst aufgesucht, um ihr Starleiden heilen

zu lassen. Die Operation gelang, aber Schwindelanfälle und Atemnot

traten ein. Ernst von Schiller zeigt der Fürstin Karoline Luise den

Tod der Mutter an: »Ich fand sie phantasierend, doch mit helleren

Momenten, in deren einem sie meine Anwesenheit erkannte und einige,

doch schwache Teilnahme zeigte. Die Bilder ihrer Phantasie waren mild,

es war der Regen, der die Blumen erquicken würde. Ich holte Walther,

der mir gleich sagte, daß sie rettungslos verloren sei, es sei ein

Nervenschlag, der durchaus unerwartet gekommen wäre. Um halb 5 Uhr

hörte sie auf zu sprechen. Ohne irgendein Zeichen ihres Bewußtseins zu

geben, hauchte die Vortreffliche morgens gegen 6 Uhr ihr edles Leben

aus. Emilie und ich waren zugegen. Euer Durchlaucht kennen den

Schmerz und werden den unsrigen begreifen.«

[Illustration: Die Saale zwischen Volkstedt und Rudolstadt]

Emilie war ein hochstrebendes Wesen und fühlte schwer den Kampf

zwischen ihren Idealen und der Wirklichkeit. An ihren Bruder Ernst

schloß sie sich eng an. Seelsorgerin in allen Gewissensangelegenheiten

blieb ihr die Fürstin in Rudolstadt, bis Adalbert von Gleichen sie 1828

als Gattin heimführte.

Über Karolines Verkehr und ihren Aufenthalt in Rudolstadt ist die

zuverlässigste Kunde erhalten geblieben. Schon als Kind hatte sie

gern mit jüngeren Kindern verkehrt. Noch bei Lebzeiten der Mutter war

sie in das Katharinenstift zu Stuttgart eingetreten, um Erziehung und

Unterricht gründlich kennenzulernen. Krankheit und Tod der Mutter

bestimmten sie, sich eine eigene Stellung im Leben zu suchen. Bei

allen Entscheidungen war auch ihr die »Fürstin Mutter« in Rudolstadt

eine treue und nimmermüde, vielerfahrene Freundin. In die Familie des

württembergischen Herzogs Eugen zu Karlsruhe in Schlesien trat sie ein,

um diesem eine achtjährige Tochter zu erziehen. Als die Tätigkeit dort

zu Ende war, legten die alten Beziehungen der Eltern zu Hof und Stadt

sowie die neuen Verbindungen der Schwester Emilie zu der Familie von

Gleichen den Gedanken nahe, nach Rudolstadt zurückzukehren. Vor Not

blieb sie bewahrt, da sich der geistige Nachlaß des Vaters in Barbesitz

der Erben verwandelte. Nun trat eine arbeitshungrige dreißigjährige

Dame in das Leben der kleinen Residenz ein. Studium und Lektüre

befriedigten sie nicht. Die philosophischen und dichterischen Werke des

Vaters beherrschte sie vollkommen, und anderen davon mitzuteilen durch

Vortrag oder Einübung von Rollen bereitete ihr Genuß und Freude. Eine

Entscheidung im Gemütsleben hatte sie standhaft überwunden und »durch

herrliche, edle Menschen Trost und Erquickung in der Freundschaft

empfangen.« Nunmehr folgt sie dem Zuge des Herzens, »um das Ideal ihres

Lebens ins Werk zu setzen«.

Am 26. Mai 1832 veröffentlicht sie ihr »Anerbieten. Wenn es einigen

Eltern erwünscht sein könnte, ihre Töchter unter weiblicher Aufsicht

unterrichten zu lassen, so erbiete ich mich gern, sie vom siebenten

Jahre an täglich 5–6 Stunden bei mir aufzunehmen.«

Am 25. Juni beginnt der Unterricht, außer ihr selbst ist ein Kandidat

und eine Handarbeitslehrerin an der Klasse beschäftigt. Vom Jahre 1834

an erteilt der Theologe und Mathematiker Augustin Regensburger den

wissenschaftlichen Unterricht, und mit ihm tritt ein Geistesverwandter

in die Gefolgschaft der Stifterin ein.

Unter den Schülerinnen des Jahres 1835 wird Franziska Junot genannt,

ihr Vater war der Bergrat Junot in Katzhütte. Vornehme, heitere Ruhe

wird ihm nachgesagt. Aus erster Ehe Witwer geworden, mag er sich nach

einer mütterlichen Versorgerin für seine sechs Kinder umgesehen und

dabei das feinsinnige Erziehertalent Karolines erkannt haben. Am 26.

Juli 1836 fand die Trauung statt in der Kirche von Volkstedt, auf

der 48 Jahre vorher das Auge des Vaters täglich geruht hatte. Am 1.

April 1839 gab Karoline einem Söhnchen das Leben. Es erhielt die Namen

Felix Karl, trug das goldleuchtende, wallende Schillerhaar und wies

vielversprechende Anlagen auf; aber eine jäheintretende Krankheit

setzte seinem Dasein ein frühes Ende. Er starb am 27. April 1844 in

Rudolstadt. Sein Grab liegt auf dem alten Friedhof links, gegenüber der

Friedhofshalle.

Als Junot in das Kammerkollegium nach Rudolstadt berufen wurde,

bezog die Familie im Hause Augustenstraße 10 eine Wohnung. Ihre

Nachbarn erinnerten sich noch lange gern des stattlichen, würdevollen

Paares, das seine abendlichen Erholungsgänge auf und ab in der Straße

unternahm. Durch Freude und Sorge des täglichen Lebens klingt aus

den Briefen Karolines ein tiefbegründetes ideales Streben, das in

religiösem Trost über die Wirklichkeit erhob.

Bald sollte ihr neue Prüfung auferlegt werden, die Kirchennachrichten

melden am 4. Januar 1846 »Gestorben: der Fürstliche Bergrat, Herr Franz

Karl Emanuel Junot, 60 Jahre, 8 Monate und 12 Tage alt.« Karolines

Privatanzeige schließt: »Wir werden die vielfachen Beweise der Liebe

und Achtung gegen den Geschiedenen stets in dankbarem Herzen bewahren.«

Auf einer Reise zum Besuch der Schwester auf Greifenstein bei Bonnland

in Unterfranken erkrankte Karoline, und der Tod erfüllte ihr Sehnen am

19. Dezember 1850 in Würzburg.

In Rudolstadt, so hatte sie gewünscht, sollte ihr Herz beigesetzt

werden, und es fand seine Ruhe an der Stelle, wo Sohn und Gatte

bestattet lagen.

* * * * *

Das Bild Seite 13 ist die Wiedergabe einer Bleistiftzeichnung, die die

Unterschrift trägt: »Frl. Lottchen von Lengefeld. 1788.« Sie fand sich,

bisher unbeachtet, im Schloßmuseum unter Hunderten von Blättern aus der

zeichenfreudigen Zeit Ludwig Friedrichs. Das Profil ist mit sicherer

Hand, vielleicht unter Benutzung eines Schattenrisses, festgehalten

worden, während Haare und Gewand nicht die gleiche Bestimmtheit

erkennen lassen. Das H als Busennadel könnte Bezug haben auf die

Neckerei mit dem englischen Hauptmann Heron. Die Schriftzüge können die

Ludwig Friedrichs oder seines Lehrers, des Hofmalers Franz Cotta, sein.

Das Bild Seite 76 gibt eine Bleistiftzeichnung wieder, die

unterschrieben ist: »Rudolstadt d. 31. Decbr. 1839. Mathilde, Pr. zu

Schaumburg-Lippe.« Von der Hand der Fürstin Elisabeth zur Lippe stammt

der spätere Zusatz: »Caroline Junot, geb. von Schiller.« Ein anderes

Blatt vom 28. Dezember zeigt die Dargestellte mit einer Strickarbeit

beschäftigt und die Unterschrift dazu von der Fürstin Karoline Luise.

Rundgang an den Schillerstätten vorüber

Schiller in Rudolstadt · 第 3 / 4 段