Dieses Grab liegt hinter dem Taufstein unter dem Altarraum und ist

mit einer Erzplatte bedeckt. Die lateinische Inschrift besagt, daß

Graf Wolrad von Waldeck und seine Gemahlin Anastasia ihrer Mutter

und Schwiegermutter, der Gräfin Katharina von Henneberg, verwitweten

Gräfin von Schwarzburg, eine selige Auferstehung wünschen. Katharina

war auf ihrem Witwensitz, der Heidecksburg, am 7. November 1567

gestorben. Als entschiedene Bekennerin der evangelischen Lehre, als

leutselige und fürsorgliche Beschützerin der Armen und Bedrängten,

lebte sie in der Erinnerung fort, und mehrere Geschichtswerke

erzählten, wie sie unerschrocken und kühn dem gefürchtetsten Heerführer

der Reformationszeit entgegengetreten war.

Das schlug in die Richtung der Studien ein, mit denen Schiller gerade

beschäftigt war. Er ging den Quellenberichten nach und faßte sie zu

dem Aufsatz zusammen, der aus seinen Werken oft abgedruckt und weit

verbreitet worden ist: Herzog von Alba bei einem Frühstück auf dem

Schlosse zu Rudolstadt, im Jahr 1547.

Für ihre Ortschaften hatte die Gräfin gesorgt durch einen

Sauvegardebrief: die spanischen Truppen verpflegte sie, damit ihre

Untertanen nicht durch Plünderung zu leiden hatten. Schilder mit dem

Wappen der Gräfin waren in jedem ihrer Dörfer angebracht. Herzog Alba

und seine Begleiter saßen bei einem Gastmahl auf dem Schlosse, als

die Nachricht eintraf, daß in Hasel und Cumbach geplündert wurde.

Rasch entschlossen ließ Katharina Saal- und Schloßpforten durch ihre

Bewaffneten besetzen und forderte, daß dem Kriegsbrauch Einhalt getan

wurde, widrigenfalls: »Fürstenblut für Ochsenblut!« Mit sauersüßer

Miene gaben die Herren Befehl, das geraubte Vieh den Eigentümern wieder

auszuliefern.

Die mündliche Überlieferung berichtet, daß Schiller wiederholt auch

den Turm der Stadtkirche besucht hat, wo vier wertvolle Glocken bis

heute erhalten sind. Eine von ihnen soll seine Aufmerksamkeit dabei

besonders gefesselt haben. Diese Andreasglocke trägt stark erhaben das

Bild des Schutzpatrons der Kirche, um ihren Hals zieht sich zartes

gotisches Spitzenwerk und faßt zwei Spruchbänder ein. Das untere Band

enthält die Nachricht von der Entstehung der Glocke: »Anno domini

1499. Osanna heis ich, Curdt Kerstan gos mich. Er Cristofferus von

Wiczleuben. Pharner.« Sie war in dem angegebenen Jahre auf dem Platz

hinter der Kirche von dem bedeutenden Erfurter Meister gegossen

worden, und der Pfarrer von Witzleben gehörte der Rudolstädter

Reformationsgeschichte an.

Das obere Schriftband bringt den Beruf der Glocke in Worte: »~Dulce

melos clango, sanctorum gaudia pango, defunctos plango, vivos voco,

fulgura frango.~« Süßen Laut klinge ich, Freuden der Gläubigen singe

ich, Tote beklage ich, Lebende rufe ich, Blitze wehre ich ab. In

mehreren Lesarten findet sich dieser Sinnspruch auf 133 Glocken.

Verkürzt um die beiden ersten Glieder, hat ihn Schiller über sein

»Glockengießerlied« gesetzt: ~Vivos voco, mortuos plango, fulgura

frango.~

Aus dem Dämmerlicht der Glockenstube schweifte das Auge gern hinaus in

die frische leuchtende Landschaft. Unten am Fuß des Kirchhügels lag

Charlottes Jugendheim, der Heißenhof, ihm gegenüber die Ludwigsburg,

und in deren Nähe, am Ausgang der Stadt die Glockengießerei von Mayer.

Hier hatte seit 1715 schon der Schweizer Geschütz- und Glockengießer

Johann Feer sein Gewerbe betrieben, und dann seit dessen Tode 1759 der

Nürnberger Rotgießer Johann Mayer. Volkstedt und Rudolstadt nehmen in

der Geschichte des Thüringer Glockengusses eine hervorragende Stelle

ein seit dem Mittelalter. In der Familie Mayer, die ihr Kunstgewerbe

bis 1872 ausübte, hat sich von Geschlecht zu Geschlecht in ganz

bestimmter Fassung die Kunde vererbt, wie Schiller wiederholt die

Gießhütte besucht hat, wie der Ahnherr zunächst gar nicht besonders

erbaut war über die Störung der Arbeit, daß der bleiche Gelehrte aber

rücksichtsvoll in dem hochlehnigen Stuhl an der Wand Platz genommen

hat, um die Arbeit nicht zu stören. Auch Karoline von Wolzogen

erinnert sich dessen, als sie das Lied von der Glocke erwähnt: »Lange

hatte Schiller dieses Gedicht in sich getragen und mit uns oft davon

gesprochen als einer Dichtung, von der er besondere Wirkung erwartete.

Schon bei seinem Aufenthalt in Rudolstadt ging er oft nach einer

Glockengießerei vor der Stadt spazieren, um von diesem Geschäft eine

Anschauung zu gewinnen.«

Weil er seine Kenntnisse von der Technik des Glockengusses noch einmal

nachprüfen wollte, schlug Schiller später die ökonomisch-technologische

Enzyklopädie von Krünitz auf. Dort fand er eine Glocke in Schaffhausen

erwähnt, die den Glockenspruch in der knappen Fassung trägt, wie sie

ihm dann geeignet erschien. Diese Glocke selbst hat er nie gesehen.

Auch sonst erheben eine Stuttgarter und die beiden Apoldaer Firmen

Anspruch darauf, den Dichter als lerneifrigen Liebhaber in ihre Kunst

eingeführt zu haben. Sollte ein triftiger Grund für diese Annahmen

vorhanden sein, so findet sich leicht eine Erklärung dafür. Glockenguß

ist technisch, wissenschaftlich und künstlerisch ein so anziehendes

Gewerbe, daß jeder, der sich einmal aufmerksam darum gekümmert hat,

gern die Gelegenheit wahrnimmt, seine Beobachtungen fortzusetzen und zu

ergänzen.

An der heutigen Maschinengießerei, Jenaische Straße 1, fordert eine

kleine Schrifttafel, verfaßt von Augustin Regensburger, auf, Johann

Mayers und seines Meistergesellen zu gedenken:

Steh, Wandrer, still, denn hier erstand,

Daß keine zweite möglich werde,

Gebaut von Schillers Meisterhand,

Die größte Glockenform der Erde.

Charlottes Jugendheim

Von dem Haus, wo Charlotte ihre Kindheit verlebte, besitzen wir eine

gemütvolle Schilderung aus ihrer eigenen Feder:

»Die Lage unserer Wohnung war höchst romantisch; an einer kleinen

Anhöhe, die mit Obstbäumen bepflanzt war, lag unser Haus. Die vordere

Seite hatte einen großen Hof, der mit einem kleinen Garten begrenzt

war. Vor uns lag ein fürstliches Lustschloß und rechts eine alte

Kirche, deren schöner Turm mir manche Phantasien erweckte, und das

Geläute der Glocken, das ich zu allen Stunden hörte, stimmte mich oft

ernst und melancholisch. Ich stand stundenlang an meinem Kammerfenster,

sah in die dunkeln Fenster des Turms hinein, hörte den Glocken zu und

sah die Wolken am Himmel sich bewegen. Mein Horizont war frei. In der

Ferne sahen wir schöne Berge und ein altes Schloß auf dem Berge liegen,

das oft das Ziel meiner Wünsche war. Ich stellte es mir auch gar zu

hübsch vor, über die Heide, so hieß die Reihe der Berge vor meinen

Augen, zu wandern und da neue Dörfer, eine neue Welt zu sehen. Auch

eine Hängebirke, die in einem der Gärten stand, die ich aus meinen

Fenstern, meiner kleinen Welt, übersehen konnte, hat mir viel Anlaß zu

Betrachtungen gegeben.

Ich hatte Unterricht in den Morgenstunden; ich lernte nicht gern, und

es war mir peinlich, wenn ich die Stunde schlagen hörte, und mein

Lehrer begann eine neue Materie des Unterrichts. Französisch lernte ich

auch nicht gern; Zeichnen und Schreiben wurden mir auch schwer. Aber am

aller unangenehmsten war mir die Tanzstunde. Mittags freute ich mich

immer an Tisch zu gehen; da saß mein Vater und erwartete uns, er konnte

nicht allein gehen, und seine Jäger, deren er viele hatte, mußten ihn

stets führen.

Er war immer heiter und freundlich bei Tisch, erzählte uns lustige

Geschichten, erkundigte sich nach unserm Fleiß, ließ sich auch oft von

seinen Jägern erzählen, wie es in der Welt ging, die ihn interessierte.

Er hatte die Wälder, die er meistens anlegte, mit Liebe gepflegt. Alles

war ihm wichtig; jeder neu erworbene Baum vergrößerte sein Interesse.

Ich hörte gar zu gern zu, wenn solche Gespräche kamen, und dachte mir

immer, wie es da und dort aussehen müßte. Ich sah die Plätze im Geist

und lebte mit den Bäumen der Wälder, mit den Höhen und Tälern, mit den

Nebeln, wie Ossian in seiner Welt, am liebsten. Nach dem Essen kam der

Lehrer, und wir hatten Unterricht in der Geographie, lasen Zeitungen

oder schrieben Briefe. Alsdann kam noch der französische Sprachmeister,

und unsere Stunden hatten ein Ende. Der übrige Teil des Tages gehörte

uns.

Wir gingen auf unserm Berg herum, und ich bildete mir ein, jeder neue

Busch, den ich fände, sei auch andern fremd. War es böses Wetter, so

setzte ich mich still in einen Winkel und hörte Karolinen und Amalien

zu, die eine Art dialogisierter Romane spielten. Eine war immer eine

Heldin des Stücks, und statt zu erzählen, wie es geschehen sei,

dramatisierten sie die Geschichte. Dieses hatte unendlichen Reiz für

mich. Ich saß dabei und hörte alles an und war begierig, wie es enden

würde. Wie alle Romane und Theaterstücke, so endete sich dieses auch

immer mit einer Heirat.

Hatte mein Vater Geschäfte mit seinen Jägern des Abends, so kam meine

Mutter und die Kusine, eine fertige Leserin, las uns vor. Ich arbeitete

nicht gern in früherer Zeit, so gerne ich jetzt tätig bin. Ich hatte

noch eine Art Unterhaltung, die mich besonders anzog. Ich hatte Figuren

aus den Kalendern, die ich mir künstlich ausschnitt. Mit diesen spielte

ich die Romane nach, die ich hörte. Es gab aber noch wenige zu der

Zeit, zumal deutsche.

Nach sieben Uhr gingen wir zu unserem Vater, wo wir ein kleines Mahl

einnahmen, und nach dem Essen blieben wir noch bei ihm bis um neun

Uhr, wo meine Mutter uns begleitete. Die Mädchen im Hause wurden

versammelt, die Kusine las einen Abendsegen, es wurde ein geistliches

Lied gesungen, die gute Mutter segnete ihre Kinder ein, und so gingen

wir gläubig zur Ruhe und erwarteten den andern Morgen, um wieder so zu

leben.

Noch ehe wir aufstanden, war der geschäftige Vater schon in den

Wäldern, besah die Anlagen, ordnete die Holzschläge an, bestimmte

die Jagdreviere, und meistens war die Mutter mit ihm. Hatte er keine

solchen Geschäfte, so fuhr er mit ihr nach seinen Feldern. Er hatte aus

Liebe zur Ökonomie Felder gepachtet. Da besah er, wie jede Pflanzung

stand, ließ Anstalten zur Ernte machen, kurz er wies jedes Geschäft des

Tages an.

Es war uns eine eigene Freude, die Ernte einfahren zu sehen, und an

diese wiederkehrende Freude knüpften wir unsere Erinnerung. Bald halfen

wir die Gemüse aufzubewahren, bald das Obst für den Winter zu legen,

bald halfen wir einmachen und Obst trocknen. Alles wurde uns wichtig,

und es wurde mit einer Wichtigkeit behandelt, wovon man nur in einer

einfachen Lebensweise einen Begriff hat. Das ganze Haus hatte nur einen

Gesichtspunkt bei einem ökonomischen Fest, alles war beschäftigt.

Ich zog indes freilich lieber auf dem Berg herum, den sich meine

kindische Phantasie vergrößerte, suchte Blumen und Zweige und kam

oft recht von Dornen zerrissen zurück und ganz atemlos. Bald wollte

ich eine Blume pflücken, die unzugänglich war, bald fiel ich aus

Unvorsichtigkeit den Berg hinunter, ohne Wunden ging keine meiner

Streifereien ab. Kam zuweilen ein Besuch, der unsere Art zu leben

unterbrach, so vernahmen wir nichts Neues, denn jeder lebte auf diese

Art.

Ein Fest für uns war ein Besuch bei einem alten Geistlichen, dem

Beichtvater unseres Hauses, der mit seiner Frau ein patriarchalisches

Leben führte. Die runden Fensterscheiben im Zimmer, der große Schrank

von Nußbaum mit großen geschliffenen Gläsern besetzt, mit Kirschen

von Glas und einer ruhenden Kuh von Porzellan, die eine Butterbüchse

war, war mir so lieb und erfreulich als der Kohlkopf in Vossens Luise.

Ein schöner bunter Teppich lag auf dem Kaffeetisch. An der Seite des

Zimmers war ein Fensterchen, das in die Küche sehen ließ, wo der Kaffee

uns entgegendampfte, oder die schönen Kuchen gebacken wurden. Die

Hoffnung, die Erwartung, was uns bevorstände, war für mich wichtig.

Wenn der Tisch mit den Gaben des Herbstes prangte, saß ich recht

gemütlich und hörte den Gesprächen, die mit Einfalt im Gemüt gehalten

wurden, zu und verlor mich in dieser Welt.

Wenn um sechs Uhr die große Glocke schallte, wir mochten in welchem

Gespräch wir auch wollten begriffen sein, so faltete der alte gute Mann

seine Hände und betete laut, wir beteten mit. Die alte Frau Pfarrerin

ging zu ihm, rief ihm laut ins Ohr, denn er war taub: ›Glückseligen

guten Abend, Papa!‹ und das vorige Gespräch begann wieder. Um sieben

verließen wir diesen langen Besuch, aber nicht ohne Rührung über die

Güte und Einfalt, im edeln Sinn des Wortes, unserer Freunde. Sie kamen

auch öfters zu uns, und immer war es die nämliche Unterhaltung. Der

alte Pfarrer las wenig, doch die Zeitungen, die zuweilen auch unser

Gespräch machten, einige theologische Bücher und gelehrte Zeitungen,

die ich immer mit einer Art Neugierde und Ehrfurcht ansah, lagen auf

seinem Tische.

Besuche unseres Alters hatten wir in dieser Zeit selten. Sonntags

gingen wir in die Kirche und der Vater an Hof. Die Mutter ging

Donnerstags gewöhnlich hin. Das war auch ein Fest für mich, sie geputzt

zu sehen, und ich beschäftigte mich oft in der Vorstellung damit.

Sonntags hatten wir meistens oder gaben Besuche. Ein fehlgeschlagener

Anschlag auf einen Besuch war immer störend, und die Kusine, die gern

ausging, sann oft stundenlang darüber nach, wo man sich nur könne

melden lassen.

Ein großer schöner mit Bäumen bepflanzter Gang an der Saale war auch

an den Besuchtagen unser Spaziergang. Dort versammelte sich die schöne

Welt, und dort begegneten wir auch unsern Gespielinnen.

Auch der fürstliche Garten unserer Wohnung gegenüber war Sonntags unser

Ziel. Alles mir Unbekannte und Fremde dünkte mir wunderbar, dieser

Zug ist mir aus meiner früheren Jugend auffallend. Der Garten mit

holzgeschnitzten Figuren, mit einer Laube, worin ein großes Bild war,

im Geschmack des Gartens, den der Apotheker in Hermann und Dorothea

beschreibt: dies waren meine Kunstwerke. Ein plumper Neptun mit einem

Dreizack in einem Bassin war mir auch verwunderungswürdig, und er kam

mir oft in meinen Träumen wieder vor. Auch ein Labyrinth, in dem ich

mich oft zu verlieren fürchtete, war mir bedeutend.

So lebte und trieb ich mein Wesen in engen Umgebungen bis in mein

neuntes Jahr, wo unser guter Vater uns entrissen wurde.«

Karoline befand sich bereits in einem Alter, wo der Gedanke an den Tod

schwere Seelenbewegung hervorruft, wie sie selbst bekennt:

»In meinem dreizehnten Jahre verlor ich den Vater. Seine Krankheit

wurde mir wohl als bedenklich, doch nicht als einen nahen Tod drohend

vorgestellt.

Noch hatte ich nichts Geliebtes durch den Tod verloren, so daß mir

diese grauenvolle Erscheinung in ihrer Macht und Tiefe fremd war. Der

Vater starb in der Nacht an einem Stickflusse. Die Diener kamen zu uns

herauf in den oberen Stock, mit dem Befehl der Mutter, wir sollten uns

ruhig in unserm Zimmer halten. Ihre Klagetöne drangen zu uns herauf,

meine Unruhe trieb mich die Treppe hinab, um ihr und dem Vater näher

zu sein. Es war am Morgen gegen drei Uhr, eine Lampe brannte schwach

auf der Hausflur. Die Zimmer meiner Mutter öffneten sich, man ging aus

und ein, ich lehnte auf dem Treppengeländer, um in das Innere derselben

blicken zu können. Da hörte ich die Stimme des Vaters. ›Weißt du nicht,

daß ein allmächtiger Gott lebt?‹ hörte ich ihn sagen. Die Stimme war

mir sonderbar nahe, als töne sie von der Hausflur her. Doch zweifelte

ich in dem Moment durchaus nicht, daß der Vater noch lebe und die

Mutter zu trösten suche.

[Illustration: Die Schillerglocke]

Als am nächsten Morgen das traurige Ereignis uns ausführlich mitgeteilt

wurde, und meine Mutter äußerte, schon gegen ein Uhr in der Nacht sei

der Vater sprachlos gewesen, sagte ich: ›Ich habe ihn ja um drei noch

reden hören!‹ worüber alles verwundert war. Vor dem Abgeschiedenen

hatte ich übrigens durchaus keine Scheu oder Furcht, ja ich weilte

oft lange in seinem Kabinett, wo ich ihn zuletzt gesehn, und bat Gott,

er möge mich ihn noch einmal sehen, ihn mir erscheinen lassen.«

[Illustration: Charlottes Jugendheim]

Der Heyßenhof war im 16. Jahrhundert Sitz einer Familie Heyße, stand

in alter Beziehung zum Rittergut Großkochberg, als dessen Inhaber ein

Herr von Stein 1720 damit belehnt wurde. Von 1770 bis 1780 war er

fürstliches Eigentum, dann ging er in den Besitz einer Müllersfamilie

Mallenbeck über. Wann der Jägermeister von Lengefeld sich hier

einmietete, und ob seine Töchter im Heyßenhof geboren wurden, kann

nicht festgestellt werden. In ihrem Erinnerungsleben spielt aber

diese Örtlichkeit eine bedeutsame Rolle, verlebten sie doch hier die

Kindheitsjahre, die mit ihren frisch empfundenen Eindrücken am tiefsten

und längsten bis in das Alter vorhalten.

Der Schönfeldsche Hof gegenüber war ebenfalls seit Jahrhunderten ein

Kochberger Vorwerk gewesen. Die fürstliche Hofverwaltung hatte ihn

1706 erworben, und Prinz Ludwig Günther von 1734 an die Ludwigsburg

gebaut und mit einem Garten in französischer Mode ausgestattet, wie ihn

Charlotte sah.

Der Damm am Saaleufer, 1735 angelegt, senkte sich reich mit schattigen

Bäumen bepflanzt als Wiese und Weide zum Flusse hinab, und links

von ihm dehnte sich der Anger aus als ländlicher Tummelplatz mit

Schießstand, Gaststätten und einem Sommertheater.

Der Herbst 1789

Schillers Geschichtswerk über den Abfall der Niederlande war im

Rudolstädter Sommer abgeschlossen worden und zur Michaelismesse 1788 in

den Buchhandel gekommen. Daraufhin konnte sich Goethe für Charlottes

Freund und Frau von Steins Schützling verwenden, als die Professur

für Geschichte in Jena ganz unerwartet erledigt war. Der Dichter

sollte nun Mann der Wissenschaft sein und ein Lehramt mit drückenden

Verpflichtungen übernehmen. Das kam ihn hart an, aber die Aussicht

auf eine feste Staatsstellung verlieh ihm ein Recht, auf Charlottes

Hand zu hoffen. In Lauchstedt bei Halle erhielt er ihr Jawort. Vor der

besorgten Mutter mußte das vorläufig noch ein Geheimnis bleiben.

Das junge Glück beseelt ihn mit neuem Mut, und zwischen dem Ernst der

Tagesarbeit ließt der Scherz in seine Worte: »Die Mohammedaner kehren,

wenn sie beten, ihr Gesicht nach Mekka, ich werde mir einen Katheder

hier anschaffen, wo ich das meinige gegen Rudolstadt wenden kann, denn

dort ist meine Religion und mein Prophet.«

Als der Semesterschluß winkt, nehmen die Pläne für den Ferienaufenthalt

bestimmte Form an: »Ich mache mir meine Ferien so gut zunutze, als ich

kann. Es sind die ersten, die ich erlebe, und es kommt mir wunderlich

vor, daß mir eine Zeit vorgeschrieben ist, wo ich frei über mich

disponieren kann. Kommenden Winter lese ich die Woche fünf Stunden

Universalgeschichte, von der fränkischen Monarchie an bis auf Friedrich

II., und eine Stunde Geschichte der Römer.«

Zwischen den Gedanken an die Arbeit belebt ihn die Freude auf die Nähe

der Braut:

»Jena, Dienstag, den 1. September.

Wie wird es mit unsern Abenden gehen, wenn ich in Volkstedt wohne? Ich

will es so einrichten, daß ich gegen drei gewöhnlich in Rudolstadt

bin, und zuweilen bleiben, bis die ~Chère Mère~ wieder geht. Zuweilen

komme ich auch den Vormittag. Bei schlechtem Wetter kann ich zur Not

im Wirtshaus oder sonst ein Absteigequartier finden. Den Tag, wann ich

komme, weiß ich noch nicht bestimmt. Ich vermute, daß ich morgen über

14 Tage mein letztes Kollegium lese.«

Etwas bange stimmt ihn der Gedanke, daß sie die Sorgen der Mutter

nicht steigern durch eine vorzeitige Kunde von ihrem Verlöbnis: »Die

~Chère Mère~ müßt Ihr bei ihrer Zurückkunft und, wenn ich da bin, eher

fleißiger als nachlässiger besuchen, sonst gewöhnt Ihr sie, mich und

eine unangenehme Erfahrung in ihrem Gemüt zusammen zu denken.«

Er muß zweierlei Briefe schreiben, solche die geheim bleiben, und

»ostensible«, die von Hand zu Hand gehen dürfen, und erwirbt sich

Anerkennung dafür:

»Du bist recht artig, daß Du sogleich den Brief geschrieben hast, und

so schön, so fein angelegt, daß es aussieht, als überträfst Du uns

noch in List. Nun im Ernst, mein Lieber, glaube nicht, daß es meine

Mutter so sehr beunruhigen kann, wenn Du uns nahe bist. Sie soll nicht

mißmutig sein, wenn wir uns freuen. Aber ich kann mir doch auch nicht

denken, daß es sie zu sehr betrüben könnte. Sie hat Dich doch auch

lieb, findet, daß man Deinen Umgang schätzen muß, dazu hat sie doch zu

viel Verstand, um es nicht zu finden, und fühlt doch auch, daß wir so

einsam sind, und uns Deine Gesellschaft wohltun wird. Sie soll morgen

den Brief sehen.

Daß wir Dich nachmittags von drei Uhr bis gegen sechs oder sieben immer

sehen wollen, haben wir auch schon ausgedacht, und wir gehen immer

abends um acht Uhr nach dem Essen bei Hof. Da können wir immer zwei

Stunden bleiben. Alle Tage kommt meine Mutter nicht zu uns, also werden

wir uns oft ungestört sehn können. Lieber, wie freut sich mein Herz

dieser Aussicht!«

Am 18. September trifft der sehnlichst Erwartete ein, und fünf Wochen,

reich an Arbeit, hell durch Freude, getrübt von mancherlei Sorgen,

vereinigen den Rudolstädter Kreis in der Neuen Gasse.

Karoline, die Schwester und Freundin, weiß in allem Bescheid:

»Endlich kamen die Ferien. Schiller bewohnte wieder sein Haus in

Volkstedt und brachte Morgen- und Nachmittagsstunden bei uns zu, da die

Abende größtenteils der Mutter gehörten. Das Geheimnis der glücklichen

Liebe zwischen ihr und uns, welches zu ihrer Ruhe nötig war, empfanden

wir als eine ungewohnte Störung doppelt schmerzlich in dieser goldenen

Zeit, denn immer hatte Offenheit unter uns gewaltet. Doch tröstete uns

der Mutter sich stets gleich bleibende Achtung und Freundschaft für

Schiller. Dieser arbeitete an seinen Vorlesungen, an der Thalia und dem

Geisterseher und schweifte in den schönen Herbsttagen in der Gegend

umher, in der Erinnerung und Hoffnung ihn anlächelte. Auch manche

poetischen Pläne und Stimmungen entsprangen diesen Wanderungen, auf

denen wir ihn oft begleiteten. Die Liebe und die sichere Aussicht auf

ein glückliches häusliches Leben, welches immer der Gegenstand seiner

Sehnsucht gewesen war, bildeten einen lichten Grund in seinem Gemüte.

Aber die Ungewißheit der Epoche, wo Lottchen mit ihm leben könnte,

erzeugte oft Sorge und Unruhe.

Es graute ihm vor der Einsamkeit in Jena. Der günstige Moment, seine

Bitte dem Herzog von Weimar vorzutragen, lag noch fern, und an ihrer

Erfüllung konnte man doch noch zweifeln. Da alles an der Festigkeit der

Existenz, die die Mutter beruhigen konnte, hing, so erging sich unsere

Phantasie in tausend Plänen, die dazu führen konnten. Städte, Länder

und Verhältnisse mit wohlgesinnten Menschen, die nur der Gestaltung

bedurften, lagen immer bereit.«

Unter den Plänen, die erwogen wurden, beschäftigte auch der ernsthaft

die Gemüter, nur auf die schriftstellerische Tätigkeit den Hausstand,

und zwar in Rudolstadt, zu gründen. All diesen Überlegungen kommt

Frau von Stein zuvor, indem sie den Herzog bestimmt, für Schiller ein

kleines Jahresgehalt zu versprechen. Nun gilt es ihm als erste Pflicht,

der Mutter seiner Braut sein Herz und seine Lage zu eröffnen:

»Jena, den 18. Dezember 1789.

Wie lange und wie oft, seit mehr als einem Jahre, gnädige Frau,

habe ich mit mir selbst gestritten, ob ich es wagen soll Ihnen zu

gestehen, was ich jetzt nicht mehr zurückhalten kann. Ich muß Sie

bitten, verehrungswürdigste Freundin, sich jetzt alles gegenwärtig zu

machen, was je in Ihrem gütigen Herzen für mich sprach. Ich selbst muß

mir jedes Ihrer Worte zurückrufen, worin ich Wohlwollen für mich zu

erkennen glaubte, um in diesem Augenblicke Mut und Hoffnung zu fassen.

Es gab Augenblicke, unvergeßlich sind sie meinem Herzen, wo Sie mich

vergessen ließen, daß ich ein Fremdling in Ihrem Hause sei, ja, wo Sie

unter Ihren Kindern auch mich mit zu zählen schienen. Was Sie damals

ohne Bedeutung sagten, was nur eine vorübergehende Bewegung Ihres

Herzens Ihnen eingab, wie tief ergriff es mein Herz, wo lange schon

kein anderer Wunsch mehr lebte, als Ihr Sohn genannt zu werden. Sie

haben es in Ihrer Gewalt, jene Äußerungen in volle selige Wahrheit für

mich zu verwandeln.

Schiller in Rudolstadt · 第 2 / 4 段