Werke über Japan mit jenen alten Steingeräten bekannt gemacht
und auf deren Übereinstimmung mit den europäischen Pfeilspitzen
etc. hingewiesen. Nach den japanischen Traditionen fielen die
alten Steinwaffen vom Himmel, wenn ein wütendes Heer von Geistern
in Sturm und Hagel dahinbrauste. Nachdem der Himmel wieder klar
geworden, zogen die Leute aufs Feld und fanden dort die Waffen und
Geräte, welche schon vor Zeiten in Raritätenkabinetten aufbewahrt
wurden und als _Rai fu seki_, Donnerkeile, bekannt waren, wie die
gleichen Steinbeile in Europa und anderwärts, von denen derselbe
Aberglaube herrscht. In den Tempeln wurden die ausgegrabenen
Steinobjekte als Überbleibsel der _Kami_, der Geister, von denen
die Japanesen abzustammen glauben, aufbewahrt.[247] Was Symmetrie
und Politur betrifft, sind diese japanischen Steingeräte noch
vollkommener, als die schönsten neolithischen Exemplare Europas.
~Heutige Metallurgie der Japaner.~ Wie bekannt, sind Bergbau und
Hüttenwesen heute in Japan hochentwickelt und in einzelnen Zweigen
der Metalltechnik ist das merkwürdige Volk des Sonnenaufganglandes
uns Europäern entschieden voraus. Zur Vervollständigung unserer
Angaben möge hier noch ein kurzer Bericht über das japanische
Montanwesen Platz finden, nach den Mitteilungen, welche GÜMBEL
gelegentlich der Weltausstellung in Philadelphia gegeben hat.[248]
Danach war zu Ende des achten Jahrhunderts der ~Bergbau~ in Japan
schon lebhaft im Betriebe, wie dieses auch durch zahlreiche
auflässige alte Baue bewiesen wird. Man trieb Stollen, einen unter
dem anderen, so weit es Wetter und Wasserzudrang gestatteten; die
Wasserhebungsvorrichtungen waren aber stets unvollkommen. Die
Stollen sind oft von so geringer Höhe, daß sie nur von Jungen
befahren werden konnten, die das zu fördernde Material in Säcken
zu Tage brachten. Die Fahrten bestehen aus einfachen Baumstämmen
mit eingeschnittenen Stufen. In der Gesteinsarbeit bediente man
sich der einfachsten Gezähe: Keilhammer, Schaufel, Hammer und
Meißel; zur Wasserhaltung benutzte man kleine hölzerne Handpumpen
und Kübel. Die Ventilierung war eine vorgeschrittenere, indem man,
um die Luftcirkulation herzustellen, die in verschiedener Höhe
angelegten Stollen vertikal verband und auch Wetterlutten anlegte,
die, aus hölzernen Dielen hergestellt, durch die Stollen geführt
wurden. Späne oder Lampen mit Fischöl und Docht aus Binsen dienten
zur Beleuchtung.
Uns interessieren hier die alten einheimischen metallurgischen
Prozesse, welche neuerdings den europäischen Methoden weichen
müssen. Aufbereitung und Herstellung der Edelmetalle war sehr
einfach. Die Erze wurden zuerst von Weibern auf der Grube
zerschlagen, sortiert und die haltigen Stücke zur Hütte gebracht,
hier das Erz weiter mit Hämmern auf geneigten Steinplatten in
Pulverform verwandelt und geschlämmt, wohl auch durch Handmühlen
verfeinert und verwaschen. Die erhaltenen Goldteilchen schmilzt
man in kleinen Schmelztiegeln auf offenem Holzkohlenfeuer, dessen
Intensität durch Handblasebälge verstärkt wird. Beim Silber
bediente man sich bisher der Schmelz- und Abtreibemethode, wie in
anderen Ländern, während man zur Scheidung von Gold und Silber das
Zusammenschmelzen mit Schwefel in Anwendung brachte.
Zur Darstellung von Gußeisen und Stahl bediente man sich bis in
die neueste Zeit ausschließlich des Magneteisens in Form kompakter
Massen oder von Sand, wie dieses Mineral im Gneis, granathaltigem
Diorit und Hornblendegestein reichlich vorzukommen pflegt.
Besonders reich an solchen Erzen ist die Provinz Rikuckiu, wo zu
Heigori die erzführenden Lagerzüge sich meilenweit fortsetzen.
Ähnliche Lager finden sich auch im kalkigen Schiefer der Provinz
Iwaki. Der Gehalt der Erze beträgt durchschnittlich 62 bis 65%.
Eisenglanz und Brauneisensteine wurden nicht benutzt.
Diese Magneteisenerze werden nach der alten Methode in kleinen
Öfen von rektangulärem Querschnitt nach Art der Stücköfen von
3,5-4,5 m Höhe verschmolzen. Zum Ofenbau benutzt man feuerfesten
Thon, den man für die Herstellung des Herdes mit Holzkohlenpulver
vermengt. Als Gebläse dienen hölzerne, mit der Hand in Bewegung
gesetzte gewöhnliche Blasebälge oder auch ganz eigentümlich
konstruierte, aus zwei liegenden cylindrischen Sektoren bestehende
blasebalgähnliche Maschinen, in welchen durch eine oszillierende
Auf- und Niederbewegung zweier an einer Achse befestigter Bretter
ein Luftstrom erzeugt wird. Ventile regulieren das Aus- und
Einströmen der Luft, während die Bewegung durch das Herüber- und
Hinübertreten von zwei oder drei Menschen bewirkt wird.
Wendet man Magneteisen in Sandform an, so stellt man eine Grube von
3,5-4,5 m Weite und 3 m Tiefe im Boden her, füllt diese lagerweise
mit Holzkohlenstaub und feuerfestem Thon, den man durch Entzünden
der Kohle brennt und härtet, um auf diese Weise den Unterbau zu
gewinnen, auf dem man den eigentlichen Ofen an der Basis 2-3/4 m
auf 1-1/2 m breit und 1 m hoch mit einem keilförmigen Hohlraume
errichtet. Beim Beginne des Schmelzens wird der Ofen mit Holzkohle
gefüllt, das Gebläse angelassen und sobald die Füllung sich
setzt, nach etwa zwölf Stunden, Magneteisensand gegen 3750 kg und
gleichviel Kohle nachgefüllt. Der Schmelzprozeß dauert zwei Tage
und drei Nächte und man erzeugt gegen 45% Roheisen und 1% Stahl,
der, nachdem das Eisen abgelassen ist, als eine an den Wänden
hängenbleibende Luppe herausgenommen wird. Die ganze Manipulation,
vom Ofenbau bis zum Wegbringen des Produktes, nimmt acht Tage in
Anspruch.
Zinnerze kommen in Satsuma, Suwo und Bingo vor; die Zinnproduktion
ist aber nicht bedeutend. Das Kupfer, so heißt es bei GÜMBEL, sei
in Japan zuerst im Jahre 684 unserer Zeitrechnung entdeckt worden,
was jedenfalls zu spät angesetzt ist. Die Art seiner Darstellung
ist ähnlich wie in Europa. Bekannt sind die vielen schönen farbigen
Legierungen, zu denen man es benutzt.
Da die Bronzen, welche mit Steingeräten zusammen in Japan gefunden
werden, im strengsten Sinne prähistorisch sind, so muß das Kupfer
auch zu jener Zeit in Japan bekannt gewesen und nicht erst vor
1200 Jahren entdeckt worden sein. Zur Zeit, als unser Landsmann E.
KÄMPFER (1690) Japan bereiste[249], war Kupfer das gewöhnlichste
unter allen Metallen des Landes. Messing war aber selten und teurer
als Kupfer, da man das hierzu nötige Galmei aus Tonkin beziehen
mußte. Eisen aber war, was uns interessiert, mit Kupfer im gleichen
Preise und eiserne Werkzeuge waren teurer als solche aus Kupfer
oder Messing. Nägel, Klammern, Haken, welche anderwärts aus Eisen
hergestellt wurden, machte man zu KÄMPFER's Zeit aus Kupfer. Sehr
feines Zinn wurde damals in der Provinz Bongo gewonnen, aber wenig
gebraucht. Bronze wird von KÄMPFER nicht erwähnt, wiewohl man
sie vortrefflich zu bereiten wußte und daraus die herrlichsten
kunstgewerblichen Gegenstände herstellte. Mag man auch eine
»Kupferzeit« in Japan annehmen, eine »Bronzeperiode« in dem Sinne,
daß die Bronze das Material zur Herstellung der gewöhnlichen
Gebrauchsgegenstände war, hat es in Japan nicht gegeben.
China sowohl als Japan zeigen die Metalltechnik seit der ältesten
Zeit und unabhängig vom Abendlande. Sie bilden ein abgeschlossenes
Reich für sich, von dem aber, bei geographischem Zusammenhange ganz
naturgemäß, Ausstrahlungen nach Nordwest und Norden, zu türkischen,
finnischen und hyperboräischen Völkern stattfinden mußten.
Fußnoten:
[237] GROSIER, De la Chine. Paris 1818. I. 191.
[238] GOGUET, III. 331 citiert bei TYLOR, Early history of mankind.
208.
[239] China. I. 369 ff.
[240] V. RICHTHOFEN a. a. O. I. 373.
[241] Mitteil. der Anthropol. Ges. in Wien. IX. 218.
[242] J. MARKHAM, Notes on a journey through Shantung. Journ. R.
Geogr. Soc. vol. 40. 217 (1870).
[243] V. RICHTHOFEN, China. II. 477.
[244] V. RICHTHOFEN, China II. 411. 412. 436.
[245] A. a. O. II. 500.
[246] V. SIEBOLD in Verhandl. Berlin. Anthropol. Ges. 1878. 429.
-- MORSE, Traces of an early race in Japan. New-York 1879. -- J.
MILNE, The stone age in Japan. Journ. Anthropol. Inst. X. 389.
[247] PH. FR. V. SIEBOLD, Nippon, Archiv zur Beschreibung von
Japan. II. 45 ff. Taf. 11-13.
[248] Das Ausland. Nr. 37. 1877.
[249] Geschichte und Beschreibung von Japan. Lemgo 1777.
Die Metalle im Norden Asiens.
~Das Eisen bei den sibirischen Völkerschaften.~ Als die Russen
über den Ural gingen und im 17. Jahrhundert erobernd Sibirien
durchzogen, trafen sie neben den Gerätschaften und Waffen aus Stein
und Knochen bei den dortigen Stämmen wenige eiserne Werkzeuge, die
auf dem Handelswege dorthin gelangt waren, jedoch nur einzelne
Völker, welche mit der Darstellung und Bearbeitung des Eisens
vertraut waren.
Daß die Ostjaken bei der Ankunft der Russen Eisen schmolzen und
Schmiedearbeiten ausführten, erwähnt J. G. MÜLLER[250], doch
ist diese Kunst jetzt bei ihnen verloren gegangen, wie POLJAKOW
angiebt[251], wohl infolge der russischen Eiseneinfuhr. Die Tataren
am Tom wurden von den Russen bei ihrem Vordringen nach Sibirien
als Kusnezi (Schmiede) bezeichnet, »weil in ihrer Gegend viel
Eisenerz fällt, woraus sie Eisen schmelzen und dasselbe zum Haus-
und Jagdgebrauche verarbeiteten«.[252]
Auf das eisenkundigste sibirische Volk trafen die Russen aber erst,
als sie bis zur Lena vorgedrungen waren. Hier saßen die Jakuten,
türkischen Stammes, welche Waffen, wie Messer, Beile, Lanzen,
Pfeile, Streitäxte und Kurjaks, d. h. Lederpanzer mit kleinen
eisernen Platten benäht, Helme etc., verfertigten. Von den Jakuten
lernten ihre nächsten Nachbarn, die Tungusen und Lamuten, den
Gebrauch des Eisens kennen, denn bereits 1652 trafen die Russen
die Lamuten an der Ochota mit ganz gleichen Waffen wie die Jakuten
versehen.[253]
Trotzdem in Sibirien russische Eisenwaren den Markt behaupten,
bereiten die Jakuten noch jetzt in der primitivsten Weise ihr
Eisen selbst aus den Erzen. Das Eisenerz gewinnt man in zwei
jakutischen Bezirken, dem Chatschikat- und dem Schemkonbezirke. Im
erstgenannten, am Flusse Botama, werden in Darkylach, Schestakowsk
und Kürtägija jährlich über 25000 kg, im Schamkonbezirke, am Bache
Lütäga, über 3500 kg Eisen gewonnen (zu V. MIDDENDORFF's Zeit). Als
Blasebälge dienen beim Ausbringen zwei lederne Butterschläuche.
Ein solcher »Simirj« wird aus halbgegerbten, geräucherten Fellen
zusammengenäht und ist sackartig geformt. Die obere Öffnung »wird
durch zwei Stöcke geschlossen, gleich einem Portemonnaie«. Dieser
Verschluß ist so luftdicht, daß es genügt, eine Röhre (am unteren
Ende) einzufügen, zwei Säcke nebeneinander zu stellen und durch
abwechselndes Ausdrücken der Luft einen Blasebalg zu ersetzen. Beim
Emporziehen des Sackes wird momentan die Mundöffnung gelüftet.[254]
Es ist dieses also dieselbe Art von Blasebalg, wie wir sie bei
den Zigeunern, in Indien und teilweise in Afrika kennen gelernt
haben.[255] Näheres über die Eisendarstellung giebt unsere Quelle
nicht an, aber sie erwähnt, daß die aus dem gewonnenen Eisen
hergestellten jakutischen Schmiedearbeiten vorzüglich sind,
namentlich die Messer. Die Klinge ist ähnlich wie die Schneide
unserer Hobeleisen gebildet, indem die eine Fläche der Klinge
im spitzen, die andere im rechten Winkel zum Rücken derselben
gerichtet ist. Der Holzgriff ist mit eingelegten Messingstreifen
verziert, Umgüsse von Blei festigen die Klinge im Griffe. Diese
Klingen sind außerordentlich biegsam, so daß der Jakut sie im
Halbkreis biegen kann, um damit aus freier Hand zu drechseln.
Außerordentlich geschickt in der Metallbearbeitung, fertigen sie
noch Äxte, Bärenspieße, Sicheln, Scheren, alle verziert und oft
mit Silber tauschiert. Noch jetzt stehen die Eisenarbeiter bei den
Jakuten in hohem Ansehen, wie z. B. TEMIR JEGOR, der eiserne Jegor,
den F. MÜLLER[256] am Olenek unter 69° nördl. Br. traf und der dort
seine Kunstfertigkeit ausübte. Die Eisenbereitung bei den Jakuten
ist um deswillen von Interesse, weil sie einmal uns zeigt, wie
weit dieselbe nach Norden hin vorgedrungen ist und andererseits,
wie dieselbe mit dem Charakter eines nomadischen Volkes nicht
unverträglich ist; ursprünglich Schafzüchter, sind die Jakuten
zur Pferdezucht übergegangen und, allmählich ihre Weidegründe
erweiternd, bis zur Eismeerküste vorgerückt.
Die übrigen Völker Sibiriens befanden sich beim Einrücken der
Russen noch in der Steinzeit und stürzten sich, gerade so wie es
von den Südseeinsulanern bekannt ist, auf das neue Metall, das
neben Tabak und Branntwein ihnen der begehrteste Tauschartikel
wurde, so daß für ein gewöhnliches Messer ein Zobelfell gegeben
wurde.[257]
Ausgeschlossen ist nicht, daß bei den östlichen, Japan und China
zugewandten Völkern hin und wieder Eisen, aus ostasiatischer Quelle
stammend, vorkommt, doch war diese Einwirkung nur eine höchst
untergeordnete und keinen durchgreifenden Einfluß ausübende. Nach
STELLER[258] lernten die Kamtschadalen das Eisen erst durch die
Russen kennen; sie besaßen im Anfange des 18. Jahrhunderts fast nur
Gerätschaften aus Stein oder Knochen. Noch eingehender als unser
Landsmann behandelt die hier interessierenden Verhältnisse der
Russe KRASCHENINNIKOW. »Aus Knochen und Stein,« sagt er, »waren der
Kamtschadalen Äxte, Wurfpfeile, Nadeln, Spieße. Die Äxte bestanden
aus den Knochen der Walfische oder Rentiere, zuweilen aus Achat
und Kieselstein. Sie hatten die Gestalt eines Keiles und waren
an gekrümmte Handhaben befestigt. Damit höhlten sie ihre Kanoes,
Schalen und Tröge aus; allein mit so viel Mühe und Zeitaufwand,
daß ein Kahn drei Jahre und eine große Schale wohl ein Jahr Zeit
erforderte. Natürlich erhielten dadurch diese Gegenstände einen
hohen Wert. Auch sehr feine Arbeiten konnten die Kamtschadalen mit
ihren einfachen Werkzeugen ausführen. So sah KRASCHENINNIKOW eine
Kette aus Walroßzahn mit den feinsten Gliedern, wie gedrechselt.
Sie war 40 cm lang, aus einem Stück geschnitten und »ein Kunststück
des größten Meisters würdig«. Die Ansicht, daß die Kamtschadalen
vor Ankunft der Russen durch die Japanesen (via Kurilen) das Eisen
kennen gelernt, weist KRASCHENINNIKOW nicht zurück[259], doch fand
der Import jedenfalls nur im geringen Maße statt.
Die nördlichen Nachbarn der Kamtschadalen, die Koriäken, erhielten
dagegen das Eisen sicher erst durch die Russen, verstanden es aber
bald, dasselbe in meisterlicher Weise zu bewältigen, wenn sie
es auch nicht aus den Erzen darstellen lernten. »Messer, Beile,
Piken, Ringe für die Rentier- und Hundegespanne, Armspangen von
eigener Arbeit sieht man überall bei diesen Nomaden. Besonders
aber zeichnen sich Messer und Piken durch Zierlichkeit aus,
indem sie meist von ausgelegter Arbeit sind. Arabesken aller
Art werden tief in das Eisen eingraviert und in die Einschnitte
feine Kupferstreifen eingehämmert. Es ist oft erstaunlich,
wie diese Leute mit so sehr mangelhaften Instrumenten die
regelmäßigsten Formen den Messern und Piken geben und diese auf das
geschmackvollste verzieren können.«[260]
Noch weiter nördlich uns wendend, treffen wir auf die Tschuktschen,
bei denen nach KARL VON NEUMANN, der sie 1869 besuchte, die
Einführung des Eisens durch den Engländer BILLINGS am Ende des
vorigen Jahrhunderts erfolgte, ohne die geringste Änderung in
den Lebensgewohnheiten dieses Volkes hervorzubringen.[261] Sie
sind noch heute, wie wir durch NORDENSKIÖLD erfahren, ein Volk,
bei dem der Übergang vom Gebrauche des Steines und Knochens zum
Eisen sich studieren läßt, da mehr und mehr europäische und
amerikanische Eisenwaren bei ihnen zur Verwendung kommen, ohne
jedoch jene soziale und kulturelle Umwälzung hervorzurufen, die
wir gewöhnlich mit der Einführung des Eisens verknüpft wähnen.
Das Material wechselt, aber sonst bleibt alles beim alten. Zur
Ausrüstung der Schlitten gehört jetzt ein Stab mit Eisenbeschlag
und einer Menge Eisenringe. Ihre Pfeile sind noch teils mit
Holz- und Knochenspitzen, teils mit Eisenspitzen versehen, die
Angelhaken aus Knochen oder Eisen, die Löffel aus Knochen, Kupfer
oder (eingeführt) Eisenblech; die Hämmer zum Zermalmen der Knochen
aber -- echt prähistorischer Form! -- aus Stein. Neben dem alten
Drillbohrer zum Feuermachen benutzen die Tschuktschen schon Stahl,
Feuer und Zunder. »Der Feuerstahl besteht oft aus einer Pfeilspitze
oder einem anderen alten Stahlgerät oder auch aus extra für diesen
Zweck geschmiedeten Eisen- und Stahlstücken. Gewöhnlich verrät die
Form dieser Geräte einen europäischen oder russisch-sibirischen
Ursprung, doch erwarb ich mir auch plump gehämmerte Eisenstücke,
welche Proben einheimischer Schmiedegeschicklichkeit zu sein
schienen. Ein Tschuktsche zeigte mir einen großen Feuerstahl
letztgenannter Art, welcher mit einem kupfernen Griff für den
Finger versehen und durch lange Benutzung hübsch geglättet war.«
Das Eisen zu diesen Feuerstählen war nicht meteorisch, mußte daher
eingeführt und jedenfalls kalt geschmiedet sein.[262]
Was die vielbesprochenen Onkilon jener Gegend betrifft, so lieferte
die Untersuchung ihrer Gräber nur Gerätschaften von Knochen und
Stein, nichts von Metall.[263]
~Die alten Bergbaue der Tschuden.~ So sind die Beziehungen der
nordsibirischen Völker zu den Metallen in historischer Zeit und in
der Gegenwart. Nordasien hat aber auch seine Völkerverschiebungen
und Wanderungen gehabt und alte Funde in den erzführenden
Gebirgen, wie in den Ebenen deuten auf vergangene Stämme, welche
mit der Bearbeitung der Metalle wohl vertraut waren, ja hierin
relativ Hervorragendes leisteten. In Bergbauen und Gräbern haben
sich die Schätze jener prähistorischen Zeit erhalten, die zusammen
mit der Linguistik uns Aufschlüsse über die vorgeschichtlichen
Metallarbeiter geben.
Vom Ural bis zum Altai und wieder bis Transbaikalien werden die
alten Bergbaue und Gräber vom Volke den Tschuden oder Tschudaki
zugeschrieben. Daß es sich auf dieser weiten Ausdehnung um ein Volk
gehandelt habe, läßt sich nicht annehmen, wie denn auch die große
Verschiedenartigkeit der Grabfunde auf verschiedene Völker deutet
und ihre Beschaffenheit und ihr Stil verschiedene Zeitperioden
erkennen läßt. Die Wogulen, die jetzigen Bewohner des Ural, wußten,
als die Russen zu ihnen kamen, nicht mehr, von wem die alten Halden
und Schürfe herrührten, auch betrieben sie selbst keinen Bergbau,
sondern wiesen auf die Tschuden hin. Die alten Minen selbst, die
sich im Ural erhalten haben, schildert PALLAS folgendermaßen:
»Auf allen erzreichen Strecken am uralischen Gebirge finden sich
alte, von einer uns unbekannten Nation, welche den Bergbau sehr
fleißig getrieben haben muß, herrührende, oft ziemlich tief
getriebene Schachte, Stollen und Schürfe; ja die besten heutigen
Bergwerke im Orenburgischen haben ihre Entdeckung diesen alten
Spuren, welche unter dem Namen Starie- oder Tschudskie-Kopi
bekannt sind, zu danken. Sie sind um desto merkwürdiger, weil sie
gemeiniglich bloß in runden Kanälen und Gängen bestehen, welche
weder ausgezimmert, noch gestützt sind. Selbige sind zuweilen so
enge, daß die Arbeit darin höchst beschwerlich muß gewesen sein,
weil man in den getriebenen Örtern oft nicht einmal aufrecht
stehen kann. Bei der Saigatschi Rudnik (bei Orenburg) ist außer
vielen Schürfen ein außerordentlich geräumiger und mit vielen
Örtern ausgetriebener Stollen noch im besten Stande gefunden
worden, bei dessen Ausräumung man nicht nur geschmolzenes Kupfer in
runden Kuchen, sondern auch viele runde, aus weißem Thon gemachte
Töpfe, worin die Schmelzung verrichtet worden, ja auch Gebeine
von verschütteten Arbeitern beisammen gefunden, von Herden oder
Schmelzöfen aber nicht die geringste Spur bemerkt haben soll.«[264]
Als 1573 die Russen begannen, den Metallschätzen im Salairgebirge
und dem Kusnezkischen Alatau -- beides Ausläufer des Altai
-- Aufmerksamkeit zuzuwenden, waren die wichtigsten Gruben
bereits 10-15 m tief ausgebeutet und verschüttet und alte
Schlackenhaufen, aus denen man noch zwei Prozent Kupfer gewann,
enthielten Schmelztiegel und kupferne Waffen. Außerdem bewiesen
verschieden gestaltete Keile, Hacken und Hämmer mit Stiellöchern
aus geschliffenem Diorit, Trapp und Sandstein das hohe Alter dieser
Baue. Dagegen fehlten steinerne Geräte für die Bedürfnisse des
täglichen Lebens.[265]
Ganz besonders entwickelt sind die alten Bergbaue am Schlangenberge
im Altai, wo »die Tschuden« die reichen und milden ockerigen Erze
mit tiefen Schürfen und selbst Schächten von zehn und mehr Meter
förderten. In die festen Erze einzudringen, haben ihnen die Mittel
gefehlt, wiewohl man Spuren davon gefunden, daß sie in dieser
Richtung wenigstens Versuche gemacht haben. Über die Art, wie jene
Alten den Bergbau betrieben, lassen sich einige Andeutungen geben.
Ihre Keilhauen und andere Gezähe waren aus Kupfer gegossen, wie
die gemachten Funde beweisen; statt der Fäustel aber benutzten
sie länglichrunde, sehr harte Steine, um welche in der Mitte eine
Vertiefung ausgeschliffen ist, die zur Befestigung des Steines mit
einem Riemen diente. Die Erze förderten sie in Ledersäcken an die
Oberfläche, wie ein solcher mit reichem Ocker bei einem Skelett
aufgefundener Sack beweist. Dieser goldhaltige Ocker war das
Hauptziel des Bergbaues, wie auch die alten goldhaltigen Geschütte
an den Bachufern darthun, wo der Goldschlich ausgewaschen wurde.
Von Eisenwerkzeugen ist keine Spur gefunden worden.[266] Auch in
der Gegend von Nertschinsk entdeckten die Russen alte Schürfe und
Bingen, sowie alte verwachsene Schmelzherde und von Blei- und
Kupferarbeit zeugende Schlacken und Glätten[267], und auch diese
wurden den Tschuden zugeschrieben.
Wer waren nun jene Tschuden, durch die die alten Bergbaue im Ural
und Altai angelegt wurden, Bergbaue, die viel gemeinschaftliches
in der Art und Weise ihrer Anlage zeigen und an beiden, wiewohl
weit von einander entfernten Orten, durch das Vorhandensein von
Kupfergeräten, sowie die Abwesenheit von Eisen charakterisiert
werden?
Es sind viele Mutmaßungen darüber aufgestellt worden. Vor hundert
Jahren bereits identifizierte der Petersburger Akademiker BAYER
die Tschuden mit den Skythen, die ja einen großen Teil Rußlands
bewohnten. Dieser Ansicht hat sich später ED. V. EICHWALD
angeschlossen, indem er die Skythen für die Vorfahren der heutigen
finnischen Völker ansah.
Bekanntlich werden die Skythen noch als Vorfahren einer Reihe
anderer Völker in Beschlag genommen und wir wollen die Ansicht V.
EICHWALD's dahingestellt sein lassen; daß aber die Tschuden --
deren Namen unter den westlichen Finnen noch fortlebt -- Finnen
gewesen sein können, dafür sprechen noch andere Gründe. Die
älteste Schmiedekunst der Finnen, als sie noch ungeteilt am Ural
und in Sibirien beisammen saßen, muß nach AHLQVIST[268] auf das
Kupfer bezogen werden; die Sprache legt hierfür Zeugnis ab, daß
die Bekanntschaft der Finnen mit dem Kupfer eine sehr frühzeitige
war, die Namen für dieses Metall sind in den finnischen Sprachen
genuin. Bronze aber kannten sie wahrscheinlich nicht, da in ihrer
Sprache sich keine Benennung für dieses Mischmetall vorfindet und
da sie für das Zinn, welches zu einer solchen Bereitung nötig, den
Namen erst aus den germanischen Sprachen entlehnt, also erst nach
ihrer Ankunft an der Ostsee dieses Metall kennen gelernt.[269]
Dort auch erhielten die baltischen Finnen von indogermanischen
Völkern die Bezeichnung für Eisen, während die östlichen, den
Ursitzen näher gebliebenen Finnen (Wogulen, Ostjaken, Wotjaken,
Syrjänen, Tscheremissen) für dieses Metall einen gemeinsamen, nicht
entlehnten Namen haben, der folglich erst entstanden sein kann,
nachdem Ost- und Westfinnen sich getrennt hatten.[270]