Vorderindien fast ganz entblößt von Zinn ist, ja, daß dieses
Metall seit den ältesten Zeiten dort importiert wird.[156] Es ist
nur eine Fundstätte von Zinnerzen in Ostindien bekannt, und zwar
in Mewar (Udaipur in Radschputana), zwischen der Parnassa und
ihrem Nordzuflusse Kotasari[157], und daß von dieser Stätte aus
frühzeitig ein Zinnexport stattgefunden, ja, daß die Zinnwerke
überhaupt dort früh betrieben worden seien, dafür liegt keinerlei
Anzeichen vor. Damit fällt eine der von WORSAAE angeführten
Bedingungen weg, daß gerade Indien das Mutterland der Bronze
gewesen sein soll. Was die hinterindische Halbinsel betrifft, so
ist diese allerdings eine der ergiebigsten Zinnquellen, doch erst,
wie wir sehen werden, in verhältnismäßig junger Zeit. Vorderindien
aber, das reiche Kulturland, bezog, wie historisch sich nachweisen
läßt, seinen Zinnbedarf aus dem Abendlande.
Der von einem Anonymus herrührende Periplus des erythräischen
Meeres -- höchst wahrscheinlich aus dem ersten Jahrhundert unserer
Zeitrechnung stammend -- führt an, daß zu Aualites am arabischen
Busen (Seïla an der Tadschurabai) +kassiteros oligos+ neben anderen
Waren eingeführt worden sei.[158] Dieses »wenig Zinn« soll nun,
so hat man vielfach angenommen, aus Indien gekommen sein. Schon
LASSEN[159] hatte das Zinn, welches frühzeitig im Abendlande
gebraucht wurde, aus Indien stammen lassen und dafür als Hauptgrund
angeführt, daß das homerische +kassiteros+ von dem Sanskritworte
_kastira_ stamme. Danach wären also schon zur homerischen Zeit
die Hellenen mit dem indischen Zinn vertraut gewesen. Allein
es scheint alles dafür zu sprechen, daß die Sache sich gerade
umgekehrt verhält und daß das griechische Wort mit der Sache nach
Vorderindien gewandert sei.[160] Das Zinn der Mittelmeerländer
und Vorderasiens stammte im Altertum nur aus dem phönizischen
Handel, der in den britischen und iberischen Zinnwerken seine
Quelle hatte. »Zinn aus Indien ist aber im vorderasiatischen
Handel nicht nur unerweislich, sondern es ist auch bekannt, daß
noch in jüngerer Zeit Indien kein Zinn produzierte und daß es
aus den Westländern dahin ausgeführt wurde.« MOVERS, der diesen
Ausspruch thut[161], beruft sich dabei auf PLINIUS[162], welcher,
nachdem er vom _plumbum album_ oder Zinn und vom _plumbum nigrum_
oder Blei gehandelt, schreibt: »_India neque aes neque plumbum
habet, gemmisque suis ac margaritis haec permutat._« Nun hatte
Indien allerdings Kupfer (_aes_), und wollte man danach die Stelle
bei PLINIUS anfechten und nicht gelten lassen, so liegen aus dem
bereits angeführten Periplus noch einige Stellen vor, die uns den
direkten Import von +kassiteros+ und zwar von Alexandrien, einmal
nach Kane in Arabien und zweimal nach der indischen Westküste
(Barygaza und Bakare), neben Kupfer (+chalkos+) anführen.[163] Als
phönizischer Monopolgegenstand hatte das Zinn einen hohen Wert
erreicht und wurde, wie PLINIUS uns erzählt, gegen Edelsteine und
Perlen in Vorderindien vertauscht. Dieses hätte aber nicht der Fall
sein können, wenn um jene Zeit bereits die reichen hinterindischen
Zinngruben im Betriebe gewesen wären.
Möglich, daß für Vorderasien noch eine andere Zinnquelle
von Bedeutung war, aus der vielleicht das Material zu den
altassyrischen Bronzen geflossen sein kann. STRABO erzählt von dem
am Paropamisus angesessenen Volke der Drangen, daß sie »Mangel an
Wein leiden, aber Zinn findet sich bei ihnen«.[164] Beglaubigung
erhält diese Nachricht durch das neuerdings bestätigte Vorkommen
von Zinn in Chorassan, das auf K. E. V. BAER's Anregung hin
dort von OGORODNIKOW erkundigt wurde. Zwanzig Farasangen (à 7
Werst) von der Stadt Utschan Mion Abot befinden sich reiche Lager
von Zinn, Eisen, Kupfer und sechs Farasangen von Meschhed ein
Zinnbergwerk, das sogenannte Rabotje Alokaband. Zinnerne Krüge und
Waschschüsseln, aus dem Zinn dieser Bergwerke verfertigt, sind in
Meschhed im Überfluß vorhanden.[165]
~Vorkommen indischer Bronzen.~ Wie steht es nun mit den Funden
alter indischer Bronzen? Zunächst ist hervorzuheben, daß die
typische Bronze, wie sie vom Kaukasus an und von Kleinasien bis
nach England und Skandinavien vorkommt, eine ganz bestimmte
Mischung ist, welche (kleine Schwankungen abgerechnet) durchgängig
9 Kupfer und 1 Zinn enthält, woraus auf einen gemeinsamen Ursprung
für diese abendländische Bronze geschlossen werden kann. Vielleicht
reicht diese bestimmte Bronze bis Persien[166], weiter nach Osten
ist sie aber nicht nachgewiesen, wie wir an den Analysen indischer
Bronzen sehen werden.
Alte Bronzen sind in Indien nicht häufig und es ist
charakteristisch für die wenigen Bronzefunde, daß sie mehr Schmuck-
und Luxusgegenstände, als solche zum täglichen Gebrauch, wie Messer
u. dgl., darstellen. »_Dans la péninsule indienne les instruments
en bronze sont des plus rares et l'on ne peut guére citer que la
découverte faite dans les environs de Jabalpur; les instruments
exhumés dans cette localité avaient comme composition suivant M.
Twean: cuivre 86,7; étain 13,3._«[167] Es ist dieses also eine von
unserer typischen Bronze abweichende Komposition.
Indessen liegen doch noch mehr alte Bronzefunde aus Vorderindien
vor. Im Nilgirigebirge und im Coimbatoredistrikt (Südindien)
sind Schalen und gerippte Armbänder ausgegraben worden, die
sich teilweise jetzt im königlichen Museum zu Berlin befinden
und die aus Steinkreisen jüngerer Zeit stammen. Die Armbänder
waren eine Zink-Kupferlegierung; der Zinn- und Kupfergehalt
der Schalen schwankte sehr beträchtlich (8,52; 9,45; 14,74 und
25,23% Zinn).[168] -- Bei der Stadt Hyderabad im Dominion Nizam's
befinden sich zahlreiche Gruppen von Cairns, in denen Ausgrabungen
unternommen wurden; es zeigten sich dabei zwei Glocken, die eine
aus Bronze, die andere aus Kupfer, zusammen mit Töpfergeschirr,
sowie Speer- und Pfeilspitzen.[169] Ob letztere von Eisen
oder Bronze waren, ist nicht gesagt, doch ist -- wie aus dem
nachfolgenden Funde hervorgeht -- wohl das erstere anzunehmen.
Diese Gegenstände befinden sich im Asiatic Society-Museum zu
Bombay. -- Im Jahre 1867 grub MEADOWS TAYLOR einen Cairn bei Hyat
Nugger, etwa zehn Miles südöstlich von Hyderabad, aus, dessen
Inhalt sich jetzt im Museum der Irischen Akademie befindet. Das
bemerkenswertheste Stück unter den Funden war ein Deckel, wie
es scheint zu einer Schüssel gehörig, oben mit der Figur eines
Schafes oder Hirsches geziert. Der Durchmesser betrug 25 cm und die
Wölbung erhob sich 8,5 cm über den Rand. Das Metall war gleichmäßig
25 mm stark, sorgfältig gegossen und poliert. »_This, with the
exception of a bell and a small drinking cup_ (der eben angeführte
Fall ist gemeint) _are the only bronze articles, which have been
found in the Hyderabad cairns and I found none in the cairns of
Sorapoor._« In dem gleichen Cairn wurden mehrere Exemplare von
_Turbinella pyrum_ und ein Halsband aus den gleichen Schnecken,
einiges rohe Töpfergeschirr und einige eiserne verrostete Speer-
und Pfeilspitzen gefunden.[170]
Bronze ist also selten in Indien zusammen mit Eisen und außerdem
in meist jüngeren Gräbern und von anderer Komposition als
unsere abendländische gefunden worden. Das in Indien noch jetzt
vielfach erzeugte ~Kupfer~ ist dagegen weit häufiger in alten
Grabstätten entdeckt worden. Beile, eine Lanzenspitze und Armbänder
aus diesem Metall sind bei Mainpur in den Nordwestprovinzen
ausgegraben worden; die Beile gleichen europäischen Formen und
die Lanzenspitzen zeigen Widerhaken. Ein größerer Fund von
404 Kupfergeräten und 102 Silberstücken wurde bei dem Dorfe
Gangaria im Distrikte Balaghat, Centralprovinzen, gemacht. Diese
Kupferinstrumente bestanden in langen Meißeln; die Silberstückchen
hatten als Schmuck gedient. Bei Pachumla im Distrikt Hazaribagh hat
man eine dicke Kupferaxt und in Sind einen 20 cm langen Kupfercelt
ausgegraben.[171]
Auch in früher historischer Zeit tritt uns eher Kupfer als Bronze
in Indien bei Gebrauchsgegenständen entgegen, wie denn NEARCHOS
berichtet, daß die Inder sich der Gefäße aus geschmolzenem,
nicht getriebenem Kupfer bedienten, und KLEITARCHOS, daß sie
aus demselben Metalle Tische, Sessel, Becher und Wassergefäße
verfertigten.[172]
Die Seltenheit der Bronze- und die Häufigkeit der alten
Kupfergeräte, zusammengenommen mit dem häufigen Vorkommen von
alten Eisenfunden, deuten keineswegs darauf, daß in Indien eine
Bronzezeit der Eisenzeit voranging.
~Gegenwärtige Kupfererzeugung in Indien.~ Eine zum Teil sehr
altertümliche und hochinteressante Kupferproduktion, welche in
ihrem ganzen Wesen einen primitiven Charakter trägt, hat sich
zu Chetri am Fuße der Arvaliberge in der Radschputana erhalten.
Glücklicherweise sind wir durch einen eingehenden Bericht des
Colonel J. C. BROOKE über dieselben genau unterrichtet[173], so daß
wir uns eine vollständige Vorstellung von dieser Industrie machen
können.
In den Ausläufern des Gebirges sind reiche Eisen-, Kupfer-, Alaun-
und Kobaltgruben und von den Einwohnern der 1000 bis 1500 Häuser
zählenden Stadt lebt ein großer Teil, namentlich die ärmere
Klasse, vom Bergbau und Hüttenwesen. Hindus sind in den Alaun- und
Kupfervitriolwerken thätig, während Mohamedaner in den Gruben und
Schmelzhütten arbeiten.
Die Bergwerke liegen etwa 80 m über der Ebene und die Schächte
führen in einem Winkel von 60 Grad im Zickzack, doch sehr
unregelmäßig und oft abzweigend, in die Tiefe. Manchmal sind die
Gänge so niedrig, daß ein Mann nur liegend durch dieselben gelangen
kann, oft erweitern sie sich zu Kammern, aus denen durch Raubbau
das Kupfererz gewonnen wird. Je tiefer, desto reicher sind die
Erze, doch ist denselben wegen des Wassers nicht beizukommen, denn
die Bewältigung der Wässer ist eine außerordentlich primitive. Die
Leute bilden eine Kette vom Mundloche bis zum Wasser und reichen
sich so von Hand zu Hand Thongefäße (Ghurrahs) mit dem geschöpften
Wasser oder taubem Gestein gefüllt -- ein kostspieliges und
langsames Verfahren. In einem Schachte des Kulhanwerkes fand BROOKE
27 Leute mit dieser Arbeit beschäftigt und da jeder derselben einen
Raum von etwa 2 m beherrschte, so ergiebt sich daraus die Tiefe der
Mine mit 54 m.
Diese Kupferbergwerke werden teils von den Eigentümern bearbeitet,
teils an Meistbietende versteigert. Die genannte Kulhanmine
hat sechs oder sieben Schachte, von denen jeder mit 50 bis 100
Rupien jährlich bezahlt wird; eine geringe Summe, wenn man den
großen Reichtum an oft 75% Metall haltenden Kupfererzen bedenkt.
Die Bergleute arbeiten in Abteilungen von je acht Mann. Die
Schicht dauert von früh acht Uhr bis zum Abend und in dieser Zeit
fördern sie etwa 2-1/2-3 Maunds Erz. Das Erz wird in kleinen
3 kg haltenden Körben emporgebracht und in der Stadt Chetri an
mohamedanische Borahs versteigert. Gutes schwarzes Schwefelkupfer
wird mit zehn Rupien, Pyrit mit 4-5 Rupien per Maund verkauft.
Der Borah mietet sich nun Arbeiter, die monatlich drei Rupien
erhalten und mit kleinen Hämmern das Erz zerschlagen und vom tauben
Gestein sondern. Dann wird das Erz zerstampft. Dieses geschieht
mit Ghuns, 16 kg schweren Hämmern von eigentümlicher Form, ähnlich
den Stampfen der Pflasterer. Es sind cylindrische Eisenstücke, an
welchen horizontal angebrachte Stäbe als Handhaben sitzen und die
mit beiden Händen gestoßen werden. Dabei schiebt der Arbeiter das
Erz mit den Füßen zusammen, indem er die Zehen wie Finger gebraucht.
[Illustration: Fig. 16. Kupferschmelze in Chetri. Nach BROOKE.]
Das mehremal so durchstampfte feine Erz wird nun mit Kuhmist
vermischt und in 2 cm lange Rollen geformt, die erst an der Sonne
getrocknet und dann in einem Feuer aus Kuhdünger an der offenen
Luft geröstet werden. Jetzt ist das Erz fertig zum Schmelzen. Um
den Ofen zu errichten, werden Kumhars oder Töpfer geholt. Der Ofen
ist 1 m hoch, hat 28 cm Durchmesser und besteht aus Schlacken, die
mit Thon verkittet werden. Die »Düsen« (Mündungen) der Blasebälge
werden gleich mit unten eingebaut. Diese Düsen sind irdene Röhren,
die nach dem Ofen zu dicker werden und hier ein Luftloch haben,
das mit einem nassen Lappen zugestopft ist, der von Zeit zu
Zeit herausgenommen wird, um die Düsen zu reinigen. Das andere
dünnere Ende der Düse ist mit dem Schlauchblasebalg verbunden. Die
Luftklappe der Schläuche ist durch zwei Stöcke am Ende derselben
gebildet, welche der Arbeiter öffnet, wenn der Schlauch für die
Zulassung der Luft emporgezogen wird und die er schließt, wenn
der Schlauch zur Auspressung der Luft niedergedrückt wird. Der
obere Teil des Ofens ist aus Ringen von feuerfestem Thon, etwa
25 cm hoch, gebildet. Im ganzen wendet man drei Blasebälge an; an
der vierten Seite des Ofens liegt die Öffnung desselben mit einer
Tümpelplatte aus feuerfestem Thon. Am Grunde derselben ist ein
Loch, um das geschmolzene Metall abzulassen. (Fig. 16).
Der Ofen wird täglich frisch beschickt; jede Schmelzung dauert
12-14 Stunden. Das geröstete Erz wird schichtweise mit Holzkohle in
den Ofen gethan, auch ein Zuschlag beigefügt, welcher _Rit_ genannt
wird. Letzterer besteht aus Abfall (_refuse_) von alten Eisenöfen,
der in ganzen Halden noch vorhanden ist, denn das Eisen wurde lange
vorher hier schon verarbeitet, ehe das Kupfererz entdeckt war.
Auf jede Beschickung des Ofens kommen fünf Maunds geröstetes Erz,
ebensoviel Zuschlag (_Rit_) und vier Maunds Holzkohle.
Da das erschmolzene Metall schwefelhaltig ist, muß es raffiniert
werden. Dieses geschieht dadurch, daß ein Strom erhitzter Luft
über das flüssige Metall getrieben und dieses fortwährend dabei
abgeschäumt wird. Der Luftstrom wird durch einen einzigen Blasebalg
erzeugt, welchen ein Mann aufzieht, während zwei andere ihn dann
wieder niedertreten.
So schildert BROOKE das Verfahren, aus dem wir deutlich die
beiden bei der Darstellung des Kupfers stattfindenden Prozesse
erkennen können: einmal die Niederschmelzung des rohen mit Schwefel
etc. verunreinigten Schwarzkupfers und dann dessen Raffinierung
(Garmachen), indem das letztere einem neuen Gebläsestrom ausgesetzt
wird. Dadurch erst wird das reine, gare, zur weiteren Verarbeitung
brauchbare Kupfer gewonnen. Es liegen also hier zwei Prozesse vor,
während bei der primitiven Eisengewinnung, wie wir sie bei den
Negern kennen lernten, nur ein Prozeß nöthig ist, was doch darauf
schließen läßt, daß zunächst dieses letztere Verfahren, nämlich die
Eisendarstellung bekannt sein mußte, ehe zu dem komplizierteren,
der Kupferreduktion und Raffination, Übergegangen werden konnte.
Fußnoten:
[153] LUBBOCK, Vorgeschichtliche Zeit. Jena 1874. II. 57.
[154] MEADOWS TAYLOR, On prehistoric Archaeology of India. Journ.
of the Ethnological Society. I. 157-181 (1869).
[155] WORSAAE, Vorgeschichte des Nordens. Hamburg 1878. 48 ff. und
Arch. f. Anthropol. XII. 518.
[156] CRAWFURD in Transact. Ethnolog. Soc. New Series. IV. 9.
[157] Zeitschrift für allgem. Erdkunde. I. 133.
[158] Editio FABRICIUS. Leipzig 1883. 44.
[159] Indische Altertumskunde. I. 239.
[160] Siehe die Beweise bei MOVERS, Phönizier. II. Bd. III. T. 63.
[161] A. a. O.
[162] Hist. nat. XXXIV. 48.
[163] Ed. FABRICIUS. 64. 90. 96.
[164] STRABO. 724 ed. CASAUB.
[165] V. BAER, Von wo das Zinn zu den ganz alten Bronzen gekommen
sein mag? Archiv für Anthropologie. IX. 265.
[166] VIRCHOW im Korrespondenzblatt 1883. 81.
[167] Revue d'Anthropologie. 1880. 299.
[168] JAGOR in Verhandl. Berlin. Anthropol. Ges. 1877. 206.
[169] Journ. Ethnolog. Soc. New Series. I. 169.
[170] Journ. Ethnolog. Soc. New Series. I. 176.
[171] Revue d'Anthropologie. 1880. 299 nach Proceed. Asiatic
Society of Bengal. 1870.
[172] LASSEN, Indische Altertumskunde. II. 726.
[173] The mines of Khetree in Rajpootana. Journ. Asiat. Soc.
Bengal. Calcutta 1864. 519-529. (New Series No. CXXIII).
Das Eisen in Vorderindien.
~Alte Eisenfunde in Vorderindien.~ Bei der leichten Zerstörbarkeit
des Eisens ist das häufige Vorkommen von prähistorischen
Eisenfunden in altindischen Gräbern und Steindenkmälern sehr
beachtenswert, wobei aber -- was schon bei der Bronze betont wurde
-- nicht zu übersehen ist, daß viele jener Steindenkmale jüngeren
Datums sind. Dagegen sollen die »_Korumba rings_« in Südindien aus
einer Zeit datieren, die noch vor der arischen Einwanderung in jene
Lande liegt; man hält sie für gleichalterig mit den megalithischen
Bauten Europas. Während nun letztere meist mit Bronzesachen
associiert sind, findet man bei und unter den indischen
Steindenkmälern vorzugsweise Eisengeräte. MADLICOT und BLANFORD
in ihrem Werke über die posttertiären Gebilde und das Alter des
Menschen auf der indischen Halbinsel (Kalkutta 1879) bemerken,
daß das Eisen höchstwahrscheinlich viel früher in Indien als in
Europa bearbeitet wurde[174], wofür denn auch die verhältnismäßig
zahlreichen »prähistorischen« Eisenfunde sprechen. Bereits im Jahre
1820 hat BABINGTON die pilz- oder schirmförmigen megalithischen
Denkmäler in Malabar, die man Topie-Kulls oder Pandu-Kulies
nennt, untersucht und außer Urnen darin eiserne Geräte und Waffen
verschiedener Art gefunden, darunter einen eisernen Dreifuß und
eine eiserne Lampe.[175] Ganz die gleichen eisernen Gegenstände:
Lanzenspitzen, Speerspitzen, Fragmente von Schwertern, Dreifuße und
Lampen entdeckte MEADOWS TAYLOR[176] in den alten Kistvaens von
Sorapur, zusammen mit glasierten und unglasierten Urnen. Dr. BELL,
welcher die Narkael-pulli-Cairns zwischen Hyderabad und Masulipatam
untersuchte, fand darin neben einem Skelett ein Stück Eisen.[177]
Die Tumuli in den Bergen von Oapur (Mysore bei Bangalore),
welche W. DENISON öffnete, zeigten im Innern Gräber, bedeckt mit
ungeheueren Gneisplatten (5,30 m lang, 3,50 m breit, 1,40 m dick
und 20 Tonnen wiegend!), deren Transport unerklärlich erscheint.
Sie deckten eine Steinkiste, welche im Innern irdene Tschattis
oder Töpfe enthielt, genau von der Form, wie sie jetzt noch in
jener Gegend im Gebrauch. Die Töpfe enthielten Asche und eiserne
Pfeilspitzen, in der Kiste selbst lagen die verrosteten Reste von
eisernen Schwertklingen.[178]
Noch andere Eisenfunde sind zahlreich in den Steinkreisen oder
Barrows der Centralprovinzen in der Umgegend von Nagpur gemacht
worden. »_The barrows in the Hingnah plains are countless: one
gazes on them in mute astonishment._« Die ersten dort von dem
Schotten HYSLOP und später von RIVETT-CARNAC gemachten Ausgrabungen
befinden sich im Museum zu Nagpur; es sind Bruchstücke von
Töpferwaren; kleine steinerne Wassertröge und verschiedene
Geräte aus Eisen und Stahl -- nichts von Knochen, Horn, Stein,
Feuerstein oder Bronze. Im Jahre 1867 unternahm Major G. G.
PEARSE die Ausgrabung eines dortigen Barrow, desjenigen von
Warrigaon, welcher von den Hindu mit einer mythischen Rasse von
Kuhhirten in Verbindung gebracht wird. Der Barrow hat 75 Yards
Umfang, ist eiförmig, enthält 9800 qm Erde und ist mit einem
stellenweise doppelten Kreise von 0,30-1,10 m hohen Steinen
versehen. Die Ausgrabung wurde im Centrum begonnen und hier stieß,
1,40 m unter der Oberfläche, PEARSE auf reihenweise gestellte
schwarze und braune irdene, mit der Drehscheibe hergestellte
Gefäße; die schwarzen zerfielen zu Staub, sie hatten kegelförmige
Deckel und breite Böden. Die braunen, wiewohl auch zerfallend,
waren aus dauerhafterem Material. Alle diese Gefäße hatten
eine durchaus verschiedene Form von den jetzt in jener Gegend
üblichen thönernen Ghurras. Bei dem ferneren Graben wurden gut
erhaltene, aber ebenholzschwarze Kokosnußschalen entdeckt; dann
kam in 1,60 m Tiefe und 30 cm unter den Thongefäßen das eiserne
verstählte Ende eines Pfluges zum Vorschein, ein noch jetzt bei
den Eingeborenen benutztes und unter dem Namen _Nangur ke oolie_
bekanntes Ackergerät. Noch etwas tiefer folgte das Skelett eines
starkknochigen, 1,68 m großen Menschen, von dem nur wenig erhalten
blieb. Auf der rechten Seite des Skeletts wurde eine verstählte
Pflugschar und ein anderes Stahlgerät, auf der linken verschiedene
Eisen- und Stahlgeräte gefunden, die nicht näher in unserer Quelle
beschrieben sind, sich aber im British-Museum befinden. Auf der
Brust lagen Kupfergefäße, die bei Berührung zerfielen. Auf dem
Deckel eines der 12 cm im Durchmesser haltenden Kupfergefäße
befanden sich in Hochrelief Figuren, welche Gänse, eine Schlange
und einen Vogel darstellten. Bei einem zweiten Skelette wurde eine
»Bratpfanne«, ähnlich den noch jetzt bei den dortigen Eingeborenen
gebrauchten und _Kurraie_ genannten, gefunden; ferner ein großer
goldener Ring, Löffel, Messer, Pflugenden, Spatel von Eisen und
Stahl. Auch dieses Skelett, welches gleichfalls zerfiel, hatte
ebenfalls zerbrechende Kupfergefäße auf der Brust liegen. Im Innern
eines der Kupfergefäße befand sich ein kleines Kupferornament,
geziert mit Gänsen[179]; es scheint ein Schalenhalter für eine
Öllampe gewesen zu sein, und wenn dieses der Fall, das Vorbild für
die großen Messinglampen mit Figuren aus Vögeln, die jetzt in den
Bazars der großen indischen Städte verkauft werden. PEARSE grub bis
zu 3,30 m Tiefe, ohne weitere Funde in dem Barrow zu machen.
Die Schlüsse, die PEARSE aus seiner Ausgrabung zieht, sind
folgende. Die Erbauer des Barrow waren weder Buddhisten noch
Hindu, denn sonst würden sie ihre Toten verbrannt haben. Es war
ein starkes, kräftiges Volk, welches vortrefflichen Stahl kannte,
Ackerbau trieb, Öl brannte, die Töpferscheibe kannte, Kupfer
schmolz, Tier- und andere Ornamente darstellte und wohl auch
Handel trieb, worauf die aus weiter Ferne stammenden Kokosschalen
hindeuten. Manche der aufgefundenen Geräte scheinen Vorläufer der
heute in Indien gebrauchten zu sein. Trotz der uralt erscheinenden
Bestattungsweise unter einem mit Steinen umkreisten Tumulus und der
Beigabe von Ackergeräten ist aber PEARSE wegen der Bratpfannen und
modern gestalteten Löffel doch abgeneigt, die Barrows von Nagpur
einer alten prähistorischen Rasse zuzuschreiben.[180] Und damit
thut er wohl recht, da der bis heute in Indien fortdauernde Brauch
der Errichtung von Steinpfeilern, die nicht selten vorkommende
Vereinigung uralter und sehr moderner Bräuche die größte Vorsicht
in der Altersbeurteilung derartiger Funde erheischen.
~Gegenwärtige einheimische Eisenproduktion Indiens.~ Die
systematische Durchforschung Vorderindiens, welche in der neuesten
Zeit von der Regierung angestellt wurde, hat reiche Kohlen- und
Eisenerzstätten ergeben. Das Wardhathal in den Centralprovinzen
wird als eine der reichsten Eisenerzstätten der Welt geschildert.
Ein nicht minder reicher Distrikt, Ranigunge, liegt in der Nähe
von Kalkutta; im Salemdistrikt tritt der Magneteisenstein in
meilenlangen Lagern von 15-30 m Mächtigkeit auf; ein zwei Miles
langer und eine halbe Mile breiter Berg in Lohara besteht ganz aus
Magneteisenstein und reinem Eisenglanz.
Vorderindien ist also reich an Eisenerzen, darunter ganz
vorzügliche Sorten Magneteisen und Hämatite, auch sind titanhaltige
Eisensande häufig. Auf der Weltausstellung zu London im Jahre
1862 waren indische Eisenerze und Hüttenprodukte reichlich
vertreten.[181]
In der einheimischen, uralt bodenständigen Eisenindustrie werden
Magneteisensteine, roter und brauner Glaskopf, Eisenglanz,
namentlich aber Brauneisenerze verwendet. Zur Holzkohle bedient
man sich des Teakholzes, der Akazie und besonders des Salbaumes
(_Shorea robusta_). Auch in Vorderindien ist der Schmelzprozeß die
alte Rennarbeit, die unmittelbare Gewinnung des schmiedbaren Eisens
aus dem Erze, mit niedrigen Öfen und einfachen Gebläsen betrieben,
wobei das schmiedbare Eisen, eine Mischung von Schmiedeeisen und
Stahl, als Frischstück oder Luppe erhalten wird.