nämlich, daß in der modernen Gesellschaft die Arbeiter unter normalen
Verhältnissen viel mehr als irgendeine andere Gesellschaftsklasse auf
die gemeinsame Aktion angewiesen sind, und daß in der Tat schon die
Existenzbedingungen des modernen industriellen Proletariers den Geist
der Gemeinschaftlichkeit in ihm entwickeln, während umgekehrt der
Bourgeois nur unter anormalen Verhältnissen, nicht aber durch die bloße
Art seiner gesellschaftlichen Existenz, zur gemeinschaftlichen Aktion
sich veranlaßt sieht. Dieser richtige Gedanke empfängt aber durch die
obige Verallgemeinerung eine total falsche Deutung. Die Massenaktion
heißt noch lange nicht die persönliche Diktatur; wo die Masse ihren
Willen aus der Hand gibt, ist sie vielmehr bereits auf dem Wege, aus
einem revolutionären ein reaktionärer Faktor zu werden. Die persönliche
Diktatur ist in den Kämpfen der modernen Gesellschaft jedesmal der
Rettungsanker der in ihrer Existenz sich bedroht sehenden reaktionären
Klassen gewesen, niemand ist mehr geneigt, den „negativen, ätzenden
Individualismus” aufzugeben, als der moderne Bourgeois, sobald sein
Geldsack, sein Klassenprivilegium, ernsthaft gefährdet erscheint. In
solchen Momenten wird das Schlagwort von der „einen reaktionären
Masse” zur Wahrheit und blüht, sobald die Strömung sich
verallgemeinert, der Bonapartismus. Die zur Selbstregierung sich
unfähig fühlenden Klassen tun das, was Lassalle oben den Arbeitern
unterstellt: sie treten ihren Willen an eine einzelne Persönlichkeit
ab und verdammen jeden Versuch, etwaigen Sonderinteressen dieser
Persönlichkeit entgegenzutreten, als „unruhigen, nörgelnden
Individualismus”. So beschuldigte die deutsche Bourgeoisie in den
letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts immer wieder gerade die
Partei, die tatsächlich am konsequentesten deren Klassenforderungen
vertritt -- die deutschfreisinnige Partei -- des Verrats an ihren
Interessen, weil sie durch ihre „Nörgelei” die staatserhaltende
Tätigkeit der Regierung beeinträchtige, und so griff im Jahre 1851
die französische Bourgeoisie ihre eigenen parlamentarischen Vertreter
jedesmal, wenn diese daran gingen, dem Louis Bonaparte die Mittel zum
Staatsstreich zu verweigern, solange als Unruhestifter, Anarchisten
usw. an, bis Napoleon stark genug war, sich zum Diktator der
Bourgeoisie aufzuwerfen, statt sich mit der Rolle des bloßen Hüters
der Ruhe und Ordnung für die Bourgeoisie zu begnügen.
Eine aufsteigende, revolutionäre Klasse hat absolut keinen Anlaß,
ihren Willen aus der Hand zu geben, auf das Recht der Kritik, auf das
„Besserwissen-Wollen” ihren Führern gegenüber zu verzichten. Und wir
haben bei der Solinger Affäre gesehen, daß, wie sehr auch Lassalle
den Arbeitern gegenüber auf seine höhere Intelligenz pochte, er
gerade aus den Reihen der Arbeiter heraus ein sehr deutliches und
kräftiges „Nein” hatte hören müssen, und sicherlich nicht zum
Schaden der Bewegung. Auch in Berlin hatte er bei einem bestimmten
Anlaß ein ebensolches „Nein” gehört -- er sprach, wenn er sich
rühmte, in dem von ihm geleiteten Verein „Autorität und Freiheit” in
der oben geschilderten Weise verwirklicht zu haben, mehr einen
Wunsch, als eine bereits verwirklichte Tatsache aus.
Zur Ehre Lassalles muß gesagt werden, daß er von Anfang an die
persönliche Spitze für unerläßlich gehalten hatte. Zu diesem bloßen
Glauben kam nun jedoch das wirkliche Bedürfnis hinzu. Die Politik, die
er jetzt eingeschlagen hatte, war nur durchzuführen, wenn die Mitglieder
und Anhänger der Bewegung kritiklos dem Führer folgten und ohne Murren
taten, was er von ihnen verlangte. Wie Lassalle selbst das Versprechen
des Königs von Preußen gegenüber den schlesischen Webern in einer Weise
behandelte, daß nur noch ein kleiner, ganz beiläufiger Vorbehalt den
Demokraten -- man möchte sagen, vor seinem Gewissen -- salvierte, das
übrige aber auf den reinen Cäsarismus hinauslief, so mußten auch sie
bereit sein, auf Kommando das Loyalitätsmäntelchen umzuhängen. Wenn
eines die Ronsdorfer Rede wenigstens menschlich zu entschuldigen vermag,
so ist es die Tatsache, daß sie für Lassalle unter den gegebenen
Verhältnissen eine Notwendigkeit war. Er brauchte die Diktatur, um die
Arbeiter je nach Bedürfnis für seine jeweiligen Zwecke zur Verfügung zu
haben, und er brauchte die Bestätigung der Diktatur, um nach oben hin
als eine bündnisfähige Macht zu erscheinen. Die Rede war der notwendige
Schritt auf der einmal betretenen Bahn -- ein Halt war da nicht mehr
möglich.
Fußnoten:
[32] Es sei hier noch einmal an das Auftreten Eichlers erinnert.
Ferner ist interessant folgende Stelle aus dem Schlußwort einer
Ansprache des Herrn Herm. Wagener, Vertrauten des Herrn von Bismarck
und tonangebenden Leiter der „Kreuz-Zeitung”, in einer Sitzung des
konservativen preußischen Volksvereins vom 2. November 1862: „Meine
Herren, täuschen wir uns nicht, lernen wir von unsern Gegnern, denn
sie sagen mit Recht, wenn es Euch nicht gelingt, die soziale Frage zu
lösen, so ist all Euer Laufen und Mühen umsonst. Ich schließe deshalb
mit der Aufforderung, treiben wir das, was wir als die Aufgaben und
Bedürfnisse der nächsten Zukunft erkennen, treiben wir das mit noch
mehr Energie, treiben wir es nicht bloß für die Zeit der Wahlen.”
[33] Der Aufsatz ist in unserer Gesamtausgabe der Lassalleschen
Schriften dem für das große Publikum bestimmten Vorwort Lassalles zum
Franz von Sickingen angefügt (vgl. Bd. I).
[34] Die Stelle lautet: „Mit dem Trost einer möglichst baldigen
gesetzlichen Regelung der Frage und dadurch Abhülfe ihrer Not
entließen Seine Majestät die Deputation. Das königliche Versprechen
wird erhebend und ermuthigend in allen Thälern des Riesengebirges
widerhallen und vielen hundert duldenden redlichen Familien neue
Hoffnung und neue Kraft zum muthigen Ausharren geben.”
Lassalles letzte Schritte und Tod.
Die ihr folgenden Schritte Lassalles, sowohl was die innere
Vereinsleitung als auch was die geplante nächste äußere Aktion des
Vereins anbetrifft, bewegten sich denn auch in der gleichen Richtung. Im
Verein drang er auf die Ausstoßung Vahlteichs, der in bezug auf die
Organisation in Gegensatz zu ihm getreten war, und er stellte dabei
nicht nur die Kabinettsfrage: er oder ich, so daß den Vereinsmitgliedern
kaum etwas anderes übrig blieb, als den Arbeiter Vahlteich dem Herrn
Präsidenten aufzuopfern, er verfuhr auch sonst in dieser Angelegenheit
höchst illoyal, indem er z. B. Anweisungen gab, sein gegen Vahlteich
gerichtetes, sehr umfangreiches Anklageschreiben in solcher Weise
zirkulieren zu lassen, daß Vahlteich selbst den Inhalt des Schreibens
erst kennenlernen mußte, nachdem die übrigen Vorstandsmitglieder bereits
gegen ihn beeinflußt waren.
Wie man nun auch über Vahlteichs Vorschläge zur Abänderung der
Organisation denken mochte, die Art, wie Lassalle schon den Gedanken
an eine Reformierung des Vereins quasi als Verrat an der Sache
hinstellte, war um so weniger gerechtfertigt, als er, Lassalle, selbst
bereits halb entschlossen war, den Verein fallen zu lassen, wenn sein
letzter Versuch, „einen Druck auf die Ereignisse auszuüben”,
mißglücken sollte.
Dieser Versuch oder „Coup”, wie Lassalle ihn selbst genannt, sollte in
Hamburg in Szene gesetzt werden. Er betraf die Angelegenheit der soeben
von Dänemark eroberten Herzogtümer Schleswig-Holstein.
Als im Winter 1863 der Tod des Königs von Dänemark die
schleswig-holsteinische Frage in den Vordergrund gedrängt hatte, hatte
Lassalle, der in jenem Moment bereits mit Bismarck in Unterhandlung
stand und deshalb ein großes Interesse daran hatte, je nach derjenigen
Politik, für die die preußische Regierung sich entschloß, den Verein
Stellung nehmen zu lassen, bei dessen Mitgliedern gegen den
„Schleswig-Holstein-Dusel” Stimmung gemacht[35] und eine Resolution
ausgearbeitet und überall annehmen lassen, in der erklärt wurde:
„Die einheitliche Gestaltung Deutschlands würde die
schleswig-holsteinische Frage ganz von selbst erledigen. Dieser
großen Aufgabe gegenüber erscheint die Frage, ob, solange in
Deutschland 33 Fürsten bestehen, einer derselben ein ausländischer
Fürst ist, von verhältnismäßig sehr untergeordnetem Interesse.”
Im übrigen enthält die Resolution nur mehr oder weniger allgemeine
Wendungen; alle deutschen Regierungen seien verpflichtet, die
Einverleibung der Herzogtümer in Deutschland „nötigenfalls mit
Waffengewalt” durchzusetzen, aber das Volk wird aufgefordert, auf der
Hut zu sein; es „lasse sich durch nichts von seinen gewaltigen zentralen
Aufgaben abziehen”. Gegen die Fortschrittler und Nationalvereinler wird
der Vorwurf erhoben, daß sie „Schleswig-Holstein als eine Gelegenheit
benutzen zu wollen scheinen, um die Aufmerksamkeit von der inneren Lage
abzulenken und der Lösung eines Konfliktes, dem sie nicht gewachsen
sind, unter dem Schein des Patriotismus zu entfliehen”. Dies im Dezember
1863.
Jetzt waren die Herzogtümer erobert, und es handelte sich um die Frage,
was mit ihnen geschehen solle. Ein großer Teil der Fortschrittler trat
für die legitimen Ansprüche des Herzogs von Augustenburg ein, während
man in maßgebenden Kreisen Preußens auf die Annexion der Herzogtümer in
Preußen hinarbeitete. So wenig Interesse nun die demokratischen Parteien
hatten, zu den vorhandenen 33 souveränen Fürsten in Deutschland noch
einen 34sten zu schaffen, so hatten sie andrerseits auch keine Ursache,
der zur Zeit reaktionärsten Regierung in Deutschland einen Machtzuwachs
zuzusprechen. Lassalle aber hatte bereits so sehr sein politisches
Taktgefühl verloren, daß er allen Ernstes beabsichtigte, in Hamburg eine
große Volksversammlung abzuhalten und von dieser eine Resolution
beschließen zu lassen, des Inhalts, daß Bismarck verpflichtet sei, die
Herzogtümer gegen den Willen Österreichs und der übrigen deutschen
Staaten an Preußen zu annektieren. Es braucht nicht durch Worte
bezeichnet zu werden, welche Rolle Lassalle damit auf sich nahm und zu
welcher Rolle er die sozialistisch gesinnten Arbeiter Hamburgs
gebrauchen wollte, die ihm so warme Dankbarkeit und Verehrung
entgegenbrachten. Indes ist es nicht zur Ausführung des Vorhabens
gekommen, es blieb den Hamburger Arbeitern der Konflikt zwischen ihrer
demokratischen Überzeugung und der vermeintlichen Pflicht gegen ihren
Führer glücklicherweise erspart.
Lassalle war, nachdem er in Düsseldorf noch einen Prozeß ausgefochten,
in die Schweiz gegangen. Er nahm zunächst Aufenthalt auf Rigi Kaltbad,
und dort besuchte ihn gelegentlich eines Ausfluges Fräulein Helene von
Dönniges, deren Bekanntschaft er im Winter 1861/62 in Berlin gemacht
und der er, nach ihrer Darstellung, schon damals seine Hand angetragen
hatte. Es entwickelte sich im Anschluß an den Besuch jene Liebesaffäre,
deren Schlußresultat der frühzeitige Tod Lassalles war.
Die Einzelheiten der Lassalle-Dönniges-Affäre sind heute so bekannt und
die für Lassalle bezeichnenderen Schritte desselben in dieser Affäre so
über alle Zweifel sichergestellt, daß auf eine Wiedererzählung des
ganzen Verlaufs der Sache hier verzichtet werden kann. Lassalle zeigte
sich bei diesem Anlasse auch durchaus nicht in einem neuen Lichte; er
entwickelte vielmehr nur Eigenschaften, die wir bereits bei ihm kennen
gelernt haben -- man kann sagen, daß die Dönniges-Affäre im kleinen und
auf einem andern Gebiet lediglich ein Abbild der Lassalleschen
Agitationsgeschichte darstellt. Lassalle glaubt in Helene von Dönniges
das Weib seiner Wahl gefunden zu haben. Die einzige Schwierigkeit ist,
das Jawort der Eltern zu erlangen. Aber Lassalle hegt nicht den
mindesten Zweifel, daß es dem Einfluß seiner Persönlichkeit gelingen
muß, diese Schwierigkeit zu überwinden. Selbstbewußt, und zugleich mit
umsichtiger Berechnung aller in Betracht kommenden Momente, entwirft er
seinen Operationsplan. Er wird kommen, die Zuneigung der Eltern erobern
und ihnen die Einwilligung abringen, ehe sie noch recht wissen, was sie
mit ihrer Genehmigung tun. Da stellt sich plötzlich ein kleines,
unvorhergesehenes Hindernis in den Weg: durch eine Unvorsichtigkeit der
jungen Dame erfahren die Eltern früher als sie sollen von der Verlobung
und erklären, Lassalle unter keinen Umständen als Schwiegersohn annehmen
zu wollen. Indes noch gibt Lassalle seinen Plan nicht auf, sein Triumph
wird nur um so größer sein, je größer der Widerstand der Eltern. Von
diesem Selbstbewußtsein getragen, begeht er einen Schritt, der die
Situation so gestaltet, daß jede Hoffnung, auf dem geplanten Wege zum
Ziele zu gelangen, ausgeschlossen ist, ja, der sogar das Mädchen selbst
an ihm irre werden läßt. Indes, ist's nicht dieser Weg, so ist's ein
anderer. Und ohne Rücksicht darauf, was er sich und seiner politischen
Stellung schuldig ist, beginnt Lassalle einen Kampf, bei dem es für ihn
nur einen Gesichtspunkt gibt: den Erfolg. Jedes Mittel ist recht, das
Erfolg verspricht. Spione werden angestellt, die die Familie Dönniges
beobachten und über jeden ihrer Schritte rapportieren müssen. Durch die
Vermittlung Hans von Bülows wird Richard Wagner ersucht, den König von
Bayern zu veranlassen, zugunsten Lassalles bei Herrn v. Dönniges zu
intervenieren, während dem Bischof Ketteler von Mainz der Übertritt
Lassalles zum Katholizismus angeboten wird, damit der Bischof seinen
Einfluß zugunsten Lassalles geltend mache. Lassalle machte sich nicht
die geringsten Gedanken darüber, wie wenig würdig es der geschichtlichen
Mission war, die er übernommen hatte, bei einem Minister von Schrenk zu
antichambrieren, damit dieser ihm zu seiner Geliebten verhelfe, noch
kümmerte er sich darum, wie wenig er sich seines Vorbildes Hutten würdig
erwies, wenn er bei einem eingefleischten Vertreter Roms um Hilfe zur
Erlangung eines Weibes petitionierte. Hier, wo er hätte stolz sein
dürfen, wo er stolz sein mußte, war er es nicht.
Trotzdem blieb der Erfolg aus. Der Bischof von Mainz konnte gar nichts
tun, weil Helene von Dönniges protestantisch war, und der
Vermittlungsversuch, den ein vom bayerischen Minister des Auswärtigen an
den Schauplatz des Konfliktes entsandter Vertrauensmann unternahm,
führte nur dahin, Lassalle den Beweis zu liefern, daß er durch die Art
seines Vorgehens sich und das Weib, für das er kämpfte, in eine total
falsche Position gebracht hatte. Obwohl er gewußt hatte, daß Helene
jeder Willensenergie entbehrte und darin gerade einen Vorzug für sein
zukünftiges Zusammenleben mit ihr erblickt hatte -- „erhalten Sie mir
Helene in den unterwürfigen Gesinnungen, in denen sie jetzt ist”, hatte
er am 2. August an die Gräfin Hatzfeldt geschrieben --, hatte er ihr
jetzt eine Rolle zugemutet, welche die höchste Willensstärke erforderte,
und war empört darüber, daß das junge Mädchen sich ihr zu entziehen
suchte. Getragen von seinem Selbstgefühl und gewohnt, die Dinge
ausschließlich unter dem Gesichtswinkel seiner Stimmungen und Interessen
zu betrachten, hatte er ganz außer Erwägung gelassen, daß gerade die
unterwürfigsten Menschenkinder am leichtesten ihre Empfindungen ändern,
und sah den „bodenlosen Verrat” und das „unerhörteste Spiel” einer
„verworfenen Dirne”, wo weiter nichts vorlag, als die Unbeständigkeit
eines verwöhnten Weltkindes.
Indes, er war nervös total heruntergekommen und besaß längst nicht mehr
die Energie eines gesunden Willens. Das rasche Zugreifen zu
Gewaltmitteln, das Bestreben, um jeder Kleinigkeit wegen Himmel und
Hölle in Bewegung zu setzen, die Unfähigkeit, Widerspruch zu ertragen
oder sich einen Wunsch zu versagen, sind nicht Beweise geistiger Kraft,
sondern eines hochgradigen Schwächezustandes. Auch der schnelle Wechsel
von Zornesausbrüchen und Tränen, der sich nach den übereinstimmenden
Berichten der Augenzeugen bei Lassalle damals zeigte, deutet untrüglich
auf ein stark zerrüttetes Nervensystem.
In dieser Verfassung war es ihm unmöglich, die erlittene Niederlage
ruhig zu ertragen, und er suchte sich durch ein Duell Genugtuung zu
verschaffen für die ihm nach seiner Ansicht angetane Schmach. So töricht
das Duell an sich ist, so begreiflich war es unter den obwaltenden
Verhältnissen. In den Gesellschaftskreisen, in denen die Affäre spielte,
ist das Duell das reinigende Bad für allen Schmutz und allen Schimpf,
und wenn Lassalle nicht die moralische Kraft besaß, sich im Kampf um
irgendeine Sache auf solche Mittel zu beschränken, welche sich für den
Vertreter der Partei der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft
schicken, so war es auch nur konsequent, daß er für den vermeintlich
erlittenen Schimpf sich in der Weise seiner Umgebung Genugtuung zu
verschaffen suchte. Wer sich dem Bojaren Janko von Rakowitza im Duell
gegenüberstellte, das war nicht der Sozialist Lassalle, sondern der
verjunkerte Kaufmannssohn Lassalle, und wenn mit dem letzteren auch der
erstere, der Sozialist, im Duell erschossen wurde, so sühnte er damit
die Schuld, daß er jenem die Macht über sich eingeräumt hatte.
Fußnoten:
[35] In einen Brief Lassalles an den Vize-Präsidenten Dr. Dammer,
an den Lassalle in der ersten Aufregung zwei sich durchaus
widersprechende Telegramme gesandt, hatte es wörtlich geheißen:
„Die erste Depesche ... erließ ich sofort, weil mir der ganze
Schleswig-Holstein-Dusel in vieler Hinsicht höchst unangenehm ist.”
Der Widerspruch in den Telegrammen erklärt sich jetzt durch die
widerspruchsvolle Situation, in die Lassalle geraten war. Er war,
ohne es selbst zu wissen, nicht mehr frei.
Schlußbetrachtung.
So machte ein frühzeitiger Tod der politischen Laufbahn Lassalles,
seinen Plänen und Hoffnungen ein jähes Ende. Vielleicht war es gut so,
vielleicht hat er es selbst in seinen letzten Stunden nicht als ein
Unglück empfunden. Das Ziel, das er im Sturm nehmen zu können geglaubt,
war wieder in die Ferne gerückt, und für die ruhige Organisationsarbeit
hielt er sich nicht geschaffen. So sah seine nächste Zukunft sehr
problematisch aus, und dies mag zu der fast wahnsinnigen Hast, mit der
er sich in die Dönniges-Affäre gestürzt hatte, viel beigetragen haben.
Es ist eigentlich müßig, sich die Frage vorzulegen, was Lassalle wohl
getan hätte, wenn er nicht der Kugel des Herrn von Rakowitza erlegen
wäre. Indes ist diese Frage bisher meist in einer Weise erörtert
worden, die ein kurzes Eingehen darauf rechtfertigt.
Gewöhnlich wird nämlich gesagt, es würde Lassalle, wenn er weiter gelebt
hätte, nach Lage der Dinge nichts übrig geblieben sein, als gleich
seinem Freunde Bucher eine Stelle im preußischen Staatsdienst
anzutreten. Wer aber so spricht, beurteilt Lassalle absolut falsch. Wohl
hätte die von ihm schließlich eingeschlagene Politik, wenn konsequent
weiter befolgt, ihn zuletzt ins Regierungslager führen müssen, aber auf
diesen letzten Schritt hätte es Lassalle eben für sich nicht ankommen
lassen. Er hätte nie den preußischen Beamtenrock angezogen. Er besaß
genug, um nach seinen Bedürfnissen leben zu können, und seinem Ehrgeiz
hätte eine Stelle, wie die preußische Regierung sie ihm bieten konnte,
ebensowenig genügt, wie sie seiner im Innersten stets unveränderten
Gesinnung entsprochen hätte. In dieser Hinsicht hätte eher er zu
Bismarck, als dieser zu ihm sagen können: „Was kannst du, armer Teufel,
geben?”
Das Wahrscheinliche ist vielmehr, daß Lassalle sich, sobald die gegen
ihn erkannten Strafen rechtskräftig geworden, dauernd im Ausland
niedergelassen und dort einen Umschwung der Verhältnisse in Preußen,
bzw. Deutschland abgewartet hätte. Denn daß der Hamburger „Coup”,
selbst wenn die Versammlung zustande kam und die Resolution
beschlossen wurde, an den tatsächlichen Verhältnissen zunächst nichts
geändert haben würde, liegt auf der Hand. Wie gering diese Aussicht
war, geht daraus hervor, daß das bloße Jawort Helenes von Dönniges
genügt hatte, um Lassalles Ansicht über den voraussichtlichen Effekt
des „Coup” erheblich zu erschüttern. Am 27. Juli hatte er über diesen
an die Gräfin Hatzfeldt geschrieben: „... Ich muß noch vorher in
Hamburg sein, wo ich einen großen, sehr großen, vielleicht tatsächlich
wichtigen Coup schlagen will.” Tags darauf erhält er Helenes Zusage
und schreibt nun an die Gräfin, daß er sich selbst „nicht zu viel”
von dem Versuch in Hamburg verspreche. Die betreffende Stelle dieses
Briefes ist zwar oft zitiert, da sie aber für Lassalles damalige
Stimmung äußerst charakteristisch ist, mag sie auch hier zum Abdruck
kommen. Sie lautet:
„Wie Sie mich doch mißverstehen, wenn Sie schreiben: ‚Können Sie sich
nicht auf einige Zeit in Wissenschaft, Freundschaft und schöner Natur
genügen?’ Sie meinen, ich müsse Politik haben.
Ach, wie wenig Sie au fait in mir sind. Ich wünsche nichts sehnlicher,
als die ganze Politik loszuwerden, um mich in Wissenschaft, Freundschaft
und Natur zurückzuziehen. Ich bin der Politik müde und satt. Zwar würde
ich so leidenschaftlich wie je für dieselbe entflammen, wenn ernste
Ereignisse da wären, oder wenn ich die Macht hätte, oder ein Mittel
sähe, sie zu erobern -- ein solches Mittel, das sich für mich schickt;
denn ohne höchste Macht läßt sich nichts machen. Zum Kinderspiel aber
bin ich zu alt und zu groß. Darum habe ich höchst ungern das Präsidium
übernommen! Ich gab nur Ihnen nach. Darum drückt es mich jetzt gewaltig.
Wenn ich es los wäre, jetzt wäre der Moment, wo ich entschlossen wäre,
mit Ihnen nach Neapel zu ziehen! (Aber wie es los werden?!)
Denn die Ereignisse werden sich, fürcht' ich, langsam, langsam
entwickeln, und meine glühende Seele hat an diesen Kinderkrankheiten und
chronischen Prozessen keinen Spaß. Politik heißt aktuelle momentane
Wirksamkeit. Alles andere kann man auch von der Wissenschaft aus
besorgen! Ich werde versuchen, in Hamburg einen Druck auf die Ereignisse
auszuüben. Aber inwieweit das wirken wird, das kann ich nicht
versprechen und verspreche mir selbst nicht zu viel davon!
Ach könnte ich mich zurückziehen!” --
In demselben Brief schreibt Lassalle an anderer Stelle, er sei „lustig
und voller Lebenskraft” und „nun, die alte Kraft ist noch da, das alte
Glück auch noch”. Es waren also lediglich politische Erwägungen, die
jene resignierten Sätze diktierten.
Als er nach dem Aufenthalt mit Helene von Dönniges in Bern am
3. August 1864 in Genf eintraf, scheint Lassalle bereits zur vorläufigen
Expatriierung entschlossen gewesen zu sein. In den Papieren Joh. Ph.
Beckers befindet sich eine von der Genfer Regierung für „Mr. Ferdinand
Lassalle professeur”, wohnhaft „chez Mr. Becker”, ausgestellte
Aufenthaltsbewilligung, und auf dem Umschlag derselben folgender Vermerk
von der Hand des alten Freiheitsveteranen:
„Als mir Freund Lassalle nach seiner Ankunft im verhängnisvollen Jahre
1864 hier mitteilte, er fühle seine Kraft aufgerieben, müsse Einhalt
machen; er habe geglaubt, er vermöge die sozialistische Bewegung in
etwa einem Jahre zum Durchbruch zu bringen, jetzt sehe er aber ein, daß
es Jahrzehnte erheische, wozu er seine leibliche Kraft nicht
hinreichend fühle, namentlich werde er die bevorstehenden
Gefängnisstrafen nicht überdauern können. Hierauf gab ich ihm den Rat,
sich unter bewandten Umständen irgendwo einen festen Wohnsitz zu
gründen, zu diesem Behufe sofort Domizil in Genf zu nehmen, und wenn er
dem Gesetz gemäß einen Aufenthalt von zwei Jahren nachweise, sich das
Bürgerrecht zu erwerben, was damals gar keinen Anstand gefunden hätte.
In der Zwischenzeit könnte er natürlich beliebige Reisen machen.
Lassalle schlug ohne Bedenken ein, und ich verschaffte ihm am 11.
August 1864 vorliegende Aufenthaltsbewilligung.”
Die Aufenthaltsbewilligung selbst lautet auf vorläufig sechs Monate.
Briefe, die vom Sekretariat des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins an
ihn gelangten, hat Lassalle während der vier Wochen seines Kampfes um
Helene von Dönniges gar nicht mehr beantwortet. Erst als er am Vorabend
des Duells sein Testament machte, gedachte er wieder des Vereins und
setzte dem Sekretär desselben, Willms, auf fünf Jahre hinaus eine Rente
von jährlich 500 Talern für Agitationszwecke aus und eine ebensolche von
jährlich 150 Talern für seinen persönlichen Bedarf. Als seinen
Nachfolger empfahl er dem Verein den Frankfurter Bevollmächtigten
Bernhard Becker. Er solle an der Organisation festhalten, „sie wird den
Arbeiterstand zum Siege führen”.
Unter den Mitgliedern des Vereins erregte die Nachricht von Lassalles
Tod nicht geringe Bestürzung. Es war ihnen lange unmöglich den Gedanken
zu fassen, daß Lassalle wirklich nur in einer gewöhnlichen Liebesaffäre
gefallen sei. Sie glaubten an einen vorbedachten Anschlag, der von den
Gegnern angezettelt sei, um den gefährlichen Agitator aus dem Wege zu
räumen, und feierten den Gefallenen als das Opfer einer nichtswürdigen
politischen Intrige. Ein wahrer Lassalle-Kultus entwickelte sich
zunächst, eine Art Lassalle-Religion, deren Propagierung vor allem die
Gräfin Hatzfeldt, aus übrigens menschlich durchaus erklärlichen Gründen,
sich angelegen sein ließ. Sehr trug zu diesem Kultus auch die Art bei,
wie Lassalle den Arbeitern persönlich gegenübergetreten war. So
liebenswürdig er im Umgang mit ihnen sein konnte, so hatte er doch
sorgfältig darauf geachtet, in seiner äußeren Erscheinung sowohl wie in
seinem Benehmen ihnen seine gesellschaftliche und geistige Überlegenheit
stets vor Augen zu halten. Mit größtem Wohlbehagen hatte er ferner sich
in Ronsdorf als eine Art Religionsstifter feiern lassen und selbst dafür
gesorgt, daß ein die wirklichen Vorgänge noch übertreibender Bericht
darüber im „Nordstern” erschien.
In seinen Reden war seine Person immer mehr in den Vordergrund getreten
-- so stark, daß, wenn er sich in Verbindung mit andern genannt hatte,
er stets das Ich hatte vorangehen lassen.
Einzelne mochte diese Art des Auftretens abstoßen, auf die Masse hatte
es, namentlich bei der Jugend der Bewegung, einen großen Zauber
ausgeübt, und je mehr sich ein Mythenkreis um Lassalles Persönlichkeit
wob, um so stärkere Wirkung übte der Zauber nachträglich aus.