Es wäre übrigens sehr falsch, die Tatsache zu verkennen, daß dieser

Kultus der Persönlichkeit Lassalles sich für die Agitation lange Zeit im

hohen Grade fördernd erwiesen hat. Es liegt nun einmal in den meisten

Menschen der Zug, eine Sache, die sich in jedem gegebenen Moment um so

mehr als etwas Abstraktes darstellt, je weittragender ihre Ziele sind,

gern in einer Person verkörpert zu sehen. Diese Personifizierungssucht

ist das Geheimnis der Erfolge der meisten Religionsstifter, ob

Charlatane oder Illusionäre, und sie ist in England und Amerika ein

anerkannter Faktor im politischen Parteikampfe. Sie ist so stark, daß

zuweilen die bloße Tatsache, daß eine Persönlichkeit aus einer

Körperschaft Gleicher oder selbst Besserer ausscheidet, genügt, sie über

diese hinauszuheben und ihr eine Macht zu verschaffen, die jener

hartnäckig verweigert wurde. Man erinnere sich nur des Boulanger-Fiebers

in Frankreich, das durchaus nicht der Beispiele in der Geschichte

anderer Länder ermangelt. Dutzende von Mitgliedern der französischen

Kammer waren Boulanger an Wissen, Begabung und Charakter überlegen und

konnten auf die ehrenvollsten Narben im Dienste der Republik verweisen,

aber sie sanken doch zu Nullen ihm gegenüber herab, während er zur

großen Eins emporgeschnellt wurde und sein Name Hunderttausende

entflammte. Warum? Weil sich plötzlich in ihm eine Idee verkörperte,

während die Deputiertenkammer, trotz der Summe von Wissen und Erfahrung,

die sie repräsentierte, nichts war als eine anonyme Vielheit.

Der Name Lassalle wurde zum Banner, für das sich die Massen immer mehr

begeisterten, je mehr die Schriften Lassalles ins Volk drangen. Für

den unmittelbaren Erfolg berechnet, mit einem außergewöhnlichen Talent

geschrieben, populär und doch die theoretischen Gesichtspunkte

hervorhebend, übten sie und üben sie zum Teil noch heute eine große

agitatorische Wirkung aus. Das „Arbeiterprogramm”, das „Offene

Antwortschreiben”, das „Arbeiterlesebuch” usw. haben Hunderttausende

für den Sozialismus gewonnen. Die Kraft der Überzeugung, die in diesen

Schriften weht, hat Hunderttausende zum Kampf für die Rechte der

Arbeit entflammt. Dabei verlieren sich die Lassalleschen Schriften nie

in ein gegenstandsloses Phrasengeklingel, -- ein verständiger

Realismus, der sich zwar gelegentlich in den Mitteln vergreift, der

aber stets die Wirklichkeit im Auge zu behalten sucht, herrscht in

ihnen vor und hat sich durch sie auch der Bewegung mitgeteilt. Wovon

Lassalle in seiner Praxis eher etwas zu viel hatte, davon hat er in

seine ersten und besten Agitationsschriften das rechte Maß dessen

hineingelegt, was die Arbeiterbewegung brauchte. Wenn die deutsche

Sozialdemokratie den Wert einer kräftigen Organisation zu allen Zeiten

zu schätzen gewußt hat, wenn sie von der Notwendigkeit des

Zusammenfassens der Kräfte so durchdrungen ist, daß sie auch ohne das

äußere Band einer Organisation doch alle Funktionen einer solchen

aufrechtzuerhalten gewußt hat, so ist das zum großen Teil eine

Erbschaft der Agitation Lassalles. Es ist eine unbestreitbare

Tatsache, daß diejenigen Orte, wo in der Arbeiterschaft die

Traditionen der Lassalleschen Agitation am stärksten waren, in bezug

auf die Organisation in der Regel am meisten geleistet haben.

Indes, man kann die Vorteile einer Sache nicht haben, ohne auch ihre

Nachteile in den Kauf nehmen zu müssen. Wir haben gesehen, welchen

doppelt zwieschlächtigen Charakter die Lassallesche Agitation trug,

zwieschlächtig in ihrer theoretischen Grundlage, zwieschlächtig in ihrer

Praxis. Das blieb natürlich lange noch bestehen, nachdem Lassalle selbst

aus dem Leben geschieden war. Ja, es verschlimmerte sich noch.

Festhalten an Lassalles Taktik hieß Festhalten an der Schwenkung, die

er während der letzten Monate seiner Agitation vollzogen, er selbst in

dem Bewußtsein und mit dem Vorbehalt, jeden Augenblick umkehren, die

Maske abwerfen zu können. Aber, um einen seiner eignen Aussprüche

anzuwenden: Individuen können sich verstellen, Massen nie. Seine Politik

fortführen hieß, wenn es buchstäblich genommen wurde, die Massen

irreführen. Und die Massen wurden irregeführt. Es kam die Zeit der

Schweitzerschen Diktatur. Ob J. B. von Schweitzer je ein Regierungsagent

im buchstäblichen Sinne dieses Wortes war, scheint mir sehr zweifelhaft;

kein Zweifel aber kann bestehen, daß seine Politik zeitweise der eines

Regierungsagenten nahekam. Kam es doch unter seiner Leitung dahin, daß

von Agitatoren des „Allgemeinen deutschen Arbeitervereins” Republikaner

sein für gleichbedeutend mit Bourgeois sein erklärt wurde, weil die

bisherigen Republiken Bourgeoisrepubliken gewesen. Schweitzer war

unzweifelhaft der begabteste Nachfolger Lassalles. Aber wenn er ihn an

Talent nahezu erreichte, so übertraf er ihn zugleich in einigen seiner

bedenklichsten Fehler. Mit noch weniger Scheu als Lassalle hat er mit

den preußischen Hof-Sozialdemagogen geliebäugelt. Daß er dies jedoch

konnte, ohne je um einen, seine Politik unterstützenden Satz aus

Lassalles Reden in Verlegenheit zu sein, ist ein Vorwurf, der Lassalle

nicht erspart bleiben darf. Schlimmeres, als die um die

verfassungsmäßigen Rechte der Volksvertretung kämpfenden Parteien, unter

denen sich Männer wie Johann Jacoby, Waldeck, Ziegler usw. befanden,

einfach als eine „Clique” zu bezeichnen, hat selbst Schweitzer nie

getan.

Auch andre Fehler Lassalles erbten sich in der Bewegung fort, und es hat

langwierige und schwere Kämpfe gekostet, bis sie völlig überwunden

wurden. Was die theoretischen Irrtümer Lassalles anbetrifft, die ich

oben ausführlicher behandelt habe, so sei hier nur daran erinnert, wie

heftige Kämpfe es gekostet hat, bis sich in der deutschen

sozialistischen Arbeiterschaft eine richtige Wertschätzung der

Gewerkschaftsbewegung Bahn gebrochen hat, wie lange die Gewerkschaften

von einem großen Teil der Sozialisten mit dem Hinweis auf das „eherne

Lohngesetz” bekämpft wurden. Die persönliche Färbung, die Lassalle der

Bewegung gab, hatte zur Folge, daß diese nach seinem Tode in das

Fahrwasser der Sektiererei geriet und noch lange Jahre in ihm trieb.

Leute, die eine hervorragende Rolle gespielt und auffallende

Eigenschaften entwickelt haben, pflegen alsbald eine große Anzahl

Nachahmer zu erzeugen. So auch Lassalle. Die Viertels- und

Achtels-Lassalle sproßten nach seinem Tode fröhlich aus dem Boden. Da

sie aber in Ermangelung seines Talents sich darauf beschränken mußten,

ihm nachzuahmen „wie er sich geräuspert und wie er gespuckt”, und

dies, wie wir gesehen haben, nicht gerade das Beste an ihm war, so

bildeten sie eine der unerquicklichsten Erscheinungen der

Arbeiterbewegung.

Heute ist das alles überwunden, und die Sozialdemokratie kann ohne

Bitterkeit darüber hinweggehen. Aber es gab eine Zeit, wo die Bewegung

darunter litt, und darum sei es hier erwähnt.

Damit indes genug. Es möchte sonst der Eindruck dessen, was ich vorher

von dem Erbe gesagt, das Lassalle der Arbeiterschaft bis auf heute

hinterlassen, wiederum abgeschwächt werden, und das liegt durchaus nicht

in meiner Absicht. Solange ich das Wirken Lassalles im einzelnen zu

untersuchen hatte, mußte ich scharf sein; denn höher als der Ruhm des

einzelnen steht das Interesse der großen Sache, für die der Kampf geht,

und diese fordert vor allen Dingen Wahrheit. Die Sozialdemokratie hat

keine Legenden und braucht keine Legenden, sie betrachtet ihre

Vorkämpfer nicht als Heilige, sondern als Menschen, und kann es daher

auch vertragen, wenn sie als Menschen kritisiert werden. Sie würdigt

darum nicht weniger ihre Verdienste und hält das Andenken derer in

Ehren, die das Werk der Befreiung der Arbeiterklasse wesentlich

gefördert haben.

Und das hat Lassalle in hohem Maße getan. Vielleicht in höherem Maße,

als er selbst am Vorabend seines Todes geahnt hat. Es ist anders

gekommen, als wie er glaubte, aber die Bewegung ist heute dieselbe, für

die er im Frühjahr 1863 das Banner aufpflanzte. Es sind dieselben

Ziele, für die sie heute kämpft, wenn sie auch in andrer Weise und mit

andern Forderungen kämpft. Nach etlichen Jahren wird sie vielleicht

wieder in andrer Weise kämpfen, und es wird doch dieselbe Bewegung sein.

Kein Mensch, und sei er der größte Denker, kann den Weg der

Sozialdemokratie im einzelnen vorherbestimmen. Niemand weiß, wie viele

Kämpfe noch vor ihr liegen und wie viele Kämpfer noch werden ins Grab

sinken müssen, bis das Ziel der Bewegung erreicht ist; aber die

Leichensteine ihrer Toten erzählen von den Fortschritten der Bewegung

und erfüllen ihre Kämpfer mit Siegesgewißheit für die Zukunft.

Lassalle hat die deutsche Sozialdemokratie nicht geschaffen, so wenig

wie irgendein andrer sie geschaffen hat. Wir haben gesehen, wie es

bereits unter den vorgeschrittenen Arbeitern Deutschlands gärte und

brodelte, als Lassalle sich an die Spitze der Bewegung stellte. Aber

wenn er auch nicht als Schöpfer der Partei bezeichnet werden darf, so

gebührt Lassalle doch der Ruhm, daß er Großes für sie ausgerichtet hat,

-- so Großes, wie es Einzelnen selten gegeben ist. Er hat, wo meist nur

erst unbestimmtes Wollen vorhanden war, bewußtes Streben verbreitet, er

hat der deutschen Arbeiterwelt die Erkenntnis von ihrer geschichtlichen

Mission beigebracht, er hat sie gelehrt, sich zur selbständigen

politischen Partei zu organisieren, und er hat auf diese Weise den

Entwicklungsprozeß der Bewegung ganz erheblich beschleunigt. Sein

eigentliches Unternehmen schlug fehl, aber der Kampf für es war kein

vergeblicher. Lassalle hat nicht umsonst die Fahne für die Erkämpfung

des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts erhoben. Dank der

Agitation des von ihm gegründeten Allgemeinen deutschen Arbeitervereins

für diese Forderung wurden die Fortschrittler genötigt, sich nun

gleichfalls ihrer anzunehmen, und so verschwand sie nicht mehr von der

Tagesordnung und mußte die Berliner Regierung in sie einwilligen, als

nach dem deutschen Kriege von 1866 die Verfassung des Norddeutschen

Bundes geschaffen wurde. Das allgemeine gleiche, direkte und geheime

Wahlrecht wurde wenigstens für den Reichstag des Norddeutschen Bundes

und später des Deutschen Reiches verfassungsmäßiges Volksrecht. Noch war

freilich die Zeit der Siege durch die Waffe dieses Wahlrechts nicht da.

Aber um siegen zu können, mußte die Arbeiterschaft erst kämpfen lernen.

Die Siege sind dann nicht ausgeblieben, von Wahl zu Wahl haben sie sich

gehäuft, und im Augenblick, wo diese Abhandlung in neuer Form ins Land

geht, hat die deutsche Arbeiterschaft vermittelst des nun auf die Wahlen

zu allen Gesetzgebungskörpern und den Selbstverwaltungsvertretungen

ausgedehnten und in jeder Hinsicht demokratisierten Wahlrechts eine

politische Machtstellung erlangt, die ihr die glänzendsten Aussichten

auf Durchsetzung tiefgreifender Maßnahmen sozialer Befreiung eröffnet.

Sie zum Kampf einexerziert, ihr für ihn und ihre weiteren Ziele, wie es

im Liede heißt, Schwerter gegeben, zugleich aber auch in die Seelen

deutscher Arbeiter Sinn und Verständnis für diesen _organischen_ Weg

gepflanzt zu haben, der unter allen Gesichtspunkten dem wilden

Massenkampf vorzuziehen ist, -- bleibt das große, das unvergängliche

Verdienst Ferdinand Lassalles.

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| Anmerkungen zur Transkription |

| |

| Folgende Inkonsistenzen im Text wurden beibehalten, da beide |

| Schreibweisen üblich waren, oder die Begriffe aus Zitaten stammen: |

| |

| anderm -- anderem |

| andern -- anderen |

| Arbeiterverein -- Arbeiter-Verein |

| eigne -- eigene |

| garnicht -- gar nicht |

| heut -- heute |

| Testamentrecht -- Testamentsrecht |

| Vermittelung -- Vermittlung |

| Verständniß -- Verständnis |

| |

| Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |

| |

| Schmutztitel "FERDINAND LASSALLE" entfernt. |

| Inhaltsverzeichnis vom Ende des Buchs an den Anfang verschoben. |

| S. 16 "selbhilflerischen" in "selbsthilflerischen" geändert. |

| S. 19 "Kulter" in "Kultur" geändert. |

| S. 30 "Schaffot" in "Schafott" geändert. |

| S. 34 "Lorbeern" in "Lorbeeren" geändert. |

| S. 37 "Hatzfeldtprozeß" in "Hatzfeldt-Prozeß" geändert. |

| S. 38 "Hatzfeldtprozesses" in "Hatzfeldt-Prozesses" geändert |

| (Fußnote). |

| S. 44 "Hinkeldey" in "Hinckeldey" geändert. |

| S. 49 ‚ vor "Denn" eingefügt. |

| S. 55 „ vor "Bei alledem" entfernt. |

| S. 71 "mutatis mutantis" in "mutatis mutandis" geändert. |

| S. 72 „ vor "zerfetzt" eingesetzt. |

| S. 80 "Frei-Herrosé" in "Frey-Herosé" geändert (Fußnote). |

| S. 84 "Eisbock" in "Eisblock" geändert. |

| S. 99 "Ludwis" in "Ludwig" geändert. |

| S. 128 „ vor "..." eingesetzt (Fußnote 14). |

| S. 136 "Geschichtschreibung" in "Geschichtsschreibung" geändert. |

| S. 138 "Leibnitz" in "Leibniz" geändert. |

| S. 138 „ am Beginn von Leibniz Zitat eingefügt. |

| S. 154 "Macchiavellis" in "Machiavellis" geändert. |

| S. 182 "anvancierten" in "avancierten" geändert. |

| S. 206 ” hinter "Bourgeoisie" eingefügt. |

| S. 209 "sonderns" in "sonders" geändert. |

| S. 217 "mußte" und "mußten" vertauscht. |

| S. 219 "Weltmarktsindustrie" in "Weltmarktsindustrien" geändert. |

| S. 255 "Gensdarmen" in "Gendarmen" geändert. |

| S. 278 "wiederhallen" in "widerhallen" geändert. |

| S. 302 "I. B. von Schweitzer" in "J. B. von Schweitzer" geändert. |

| S. 303 "Sektirerei" in "Sektiererei" geändert. |

| Inhalt "Hatzfeld" in "Hatzfeldt" geändert. |

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Ferdinand Lassalle: Eine Würdigung des Lehrers und Kämpfers · 第 18 / 18 段