Besprechungen unter vier Augen mit dem damaligen Herrn von Bismarck
hatte, ist heute über jeden Zweifel sichergestellt. Die langjährige
Vertraute Lassalles, die Gräfin Sophie von Hatzfeldt, hat es im Sommer
1878, als Bismarck sein Knebelungsgesetz gegen die deutsche
Sozialdemokratie einbrachte, aus eigner Initiative Vertretern
derselben unter Hinzufügung der näheren Umstände mitgeteilt, und als
August Bebel in der schon erwähnten Sitzung vom 16. September 1878 die
Sache im deutschen Reichstag zur Sprache brachte, gab Bismarck tags
darauf zu, Zusammenkünfte mit Lassalle gehabt zu haben, und suchte
nur in Abrede zu stellen, daß es sich dabei um politische
Verhandlungen gedreht habe. Bebel hatte, gestützt auf die Mitteilungen
der Gräfin Hatzfeldt, gesagt: „Es drehte sich bei diesen
Unterhaltungen und Unterhandlungen um zweierlei, erstens um
Oktroyierung des allgemeinen Stimmrechts, und zweitens um die
Gewährung von Staatsmitteln zu Produktivgenossenschaften. Fürst
Bismarck war für diesen Plan von Lassalle vollständig gewonnen, er
weigerte sich nur, wie Lassalle verlangte, sofort mit der Oktroyierung
des allgemeinen Stimmrechts vorzugehen, bevor nicht der
schleswig-holsteinische Krieg glücklich zu Ende geführt worden sei.
Infolge dieser Meinungsverschiedenheit entstanden tiefe Differenzen
zwischen Lassalle und dem Fürsten Bismarck, und es war nicht etwa der
letztere, welcher die Unterhandlungen abbrach, sondern es war, wie ich
ausdrücklich konstatieren muß, Lassalle, der den Bruch herbeiführte
und erklärte, auf weitere Unterhandlungen sich nicht einlassen zu
können.” Darauf antwortete nun Bismarck: „Unsre Unterhaltungen drehten
sich gewiß auch um das allgemeine Wahlrecht, unter keinen Umständen
aber jemals um eine Oktroyierung desselben. Auf einen so
ungeheuerlichen Gedanken, das allgemeine Wahlrecht durch Oktroyierung
einzuführen, bin ich in meinem Leben nicht gekommen.” Er habe es „mit
einem gewissen Widerstreben”, als „Frankfurter Tradition” akzeptiert.
Was die Produktivgenossenschaften anbetreffe, so sei er „von deren
Unzweckmäßigkeit noch heute nicht überzeugt”. Nur hätten die damals
eingetretenen politischen Ereignisse die Fortführung der in dieser
Hinsicht angebahnten Versuche nicht gestattet. Übrigens habe nicht er,
sondern Lassalle diese Zusammenkünfte gewünscht, ihn brieflich darum
gebeten, und er, Bismarck, habe sich aus reiner Liebhaberei dazu
herbeigelassen, Lassalles Wünschen zu willfahren. „Was hätte mir
Lassalle bieten und geben können? Er hatte nichts hinter sich. In
allen politischen Verhandlungen ist das do ut des (ich gebe, damit du
gibst) eine Sache, die im Hintergrunde steht, auch wenn man
anstandshalber nicht davon spricht. Wenn man sich aber sagen muß, was
kannst du armer Teufel geben? -- Er hatte nichts, was er mir als
Minister hätte geben können.”
Es liegt auf der Hand, daß der Mann, der „offiziell noch nie gelogen”
hat, hier mit der Wahrheit sehr unoffiziell umsprang. Um einer bloßen
Unterhaltung willen wäre Lassalle nicht zum Minister gegangen, und
würde dieser nicht den „revolutionären Juden” wiederholt -- er selbst
gesteht, daß es viermal gewesen sein könne, während Sophie Hatzfeldt
behauptet hatte, daß es wiederholt drei- bis viermal in einer Woche
gewesen sei -- zu sich gebeten und mit ihm stundenlang disputiert
haben. Weiter braucht man nur die Reden der Regierungsvertreter in
der Kammer und die Artikel in der Regierungspresse aus jener Epoche
nachzulesen, um sich zu überzeugen, wie stark sich das Ministerium
Bismarck damals mit dem Gedanken trug, das allgemeine Wahlrecht
einzuführen, und dazu gab es unter den obwaltenden Umständen kaum
einen anderen Weg, als den der Oktroyierung. Lassalle selbst zitiert
in der Verteidigungsrede vor dem Staatsgerichtshof einige derartige
Äußerungen und knüpft daran im weiteren Verlauf die bekannten
Erklärungen, die nun erst, nachdem seine Zusammenkünfte mit Bismarck
bekannt geworden, richtig gewürdigt werden können:
„Der Staatsanwalt beschuldigt mich, das allgemeine und direkte
Wahlrecht herstellen und somit die Verfassung stürzen zu wollen!
Nun wohl, meine Herren, obwohl ein einfacher Privatmann, kann ich
Ihnen sagen: ich will nicht nur die Verfassung stürzen, sondern es
vergeht vielleicht nicht mehr als ein Jahr, so habe ich sie gestürzt!
Aber wie? Ohne daß ein Tropfen Blutes geflossen, ohne daß eine Faust
zur Gewalt sich geballt hat! Es vergeht vielleicht nicht ein Jahr
mehr, so ist in der friedlichsten Weise von der Welt das allgemeine
und direkte Wahlrecht oktroyiert.
Die starken Spiele, meine Herren, können gespielt werden, Karten auf
dem Tisch! Es ist die stärkste Diplomatie, welche ihre Berechnungen
mit keiner Heimlichkeit zu umgeben braucht, weil sie auf erzene
Notwendigkeit gegründet sind.
Und so verkündige ich Ihnen denn an diesem feierlichen Orte, es wird
vielleicht kein Jahr mehr vergehen -- und Herr von Bismarck hat die
Rolle Robert Peels gespielt, und das allgemeine und direkte Wahlrecht
ist oktroyiert!”
Lassalle sagt freilich hierzu, er habe das von Anfang an gewußt, „schon
an dem ersten Tage, an welchem ich durch den Erlaß meines
Antwortschreibens diese Agitation begann, und es konnte niemand
entgehen, der mit klarem Blick die Situation auffaßte”. Aber wenn es
auch zweifelsohne richtig ist, daß man schon im Winter 1862/63 in
Regierungskreisen die Frage in Betracht zog, ob es möglich sei, durch
eine Änderung des Wahlgesetzes die fortschrittliche Kammermehrheit zu
sprengen, und zu diesem Behufe in sozialer Frage zu machen begann[32],
so würde Lassalle doch schwerlich mit dieser Bestimmtheit von einer
bevorstehenden Oktroyierung des allgemeinen Wahlrechts gesprochen haben
und immer wieder darauf zurückgekommen sein, wenn er nicht aus seinen
Unterhaltungen mit Bismarck die Überzeugung gewonnen hätte, daß, ob nun
vor oder nach Beendigung des dänischen Feldzuges, diese Oktroyierung
beschlossene Sache sei.
Mehr glaubwürdig ist es dagegen, wenn Bismarck bestreitet, daß es
zwischen ihm und Lassalle zu einem Bruch gekommen sei. Die Verhandlungen
schliefen ein, als Lassalle sich nach vielem Drängen überzeugt hatte,
daß Bismarck noch abwarten wollte, ehe er den immerhin gewagten Schritt
unternahm -- und darum spricht Lassalle auch immer nur von einer
möglicherweise binnen Jahresfrist erfolgenden Oktroyierung. Aber daß die
Verbindung noch nicht endgültig abgebrochen war, geht schon daraus
hervor, daß Lassalle fortfuhr, von allen seinen Veröffentlichungen usw.
durch das Sekretariat des „Allgemeinen deutschen Arbeitervereins” ein
Doppelexemplar in verschlossenem Kuvert und mit der Aufschrift
„persönlich” an Bismarck übersenden zu lassen.
Ebenso kann man Bismarck auch glauben, daß seine Verhandlungen mit
Lassalle wegen des „do ut des” zu keinen bestimmten Abmachungen führen
konnten. Zwar stand die Sache nicht so, wie Bismarck sie nachträglich
protzenhaft mit der Phrase abtut: „Was kannst du armer Teufel geben? Er
hatte nichts, was er mir als Minister hätte geben können.” Bismarck
hatte es zu jener Zeit gar nicht so üppig, daß er nicht jede Hilfe
brauchen konnte, und etwas konnte Lassalle ihm immerhin geben. Die Sache
war nur die, daß es nicht genug war, um Bismarck zu bestimmen Lassalles
Drängen nachzugeben. Vielleicht ist das auch mit einer der Gründe, daß
Lassalle, der noch am 25. Juli 1863 an Vahlteich geschrieben hatte: „Sie
können unsre Bevollmächtigten keine Unwahrheiten sagen lassen. Sie
können sie also nicht auffordern, von 10000 Mitgliedern zu sprechen,
während wir vielleicht nicht 1000 haben. Man kann schweigen über diesen
Punkt, aber lügen schickt sich für uns nicht” -- nach seiner Rückkehr
nach Berlin in geradezu krankhafter Weise seine Erfolge übertrieb. Er
wollte um jeden Preis eine Macht scheinen, wenn es ihm nicht gelang, mit
wirklichen Massen aufzumarschieren. Aber Bismarck war durch andre
Berichterstatter wahrscheinlich hinreichend darüber informiert, wie es
in Wirklichkeit mit der Bewegung stand.
Und dann hatte es mit dem „Geben” auch sonst seine eigne Bewandtnis.
Bismarck war sich schwerlich auch nur einen Augenblick im unklaren
darüber, daß er an Lassalle nur so lange und nur insoweit einen
politischen Verbündeten haben würde, solange dieses Bündnis im
Interesse Lassalles und seiner politischen Zwecke lag -- mit andern
Worten, daß Lassalle genau so mit ihm verfahren würde, wie er mit
ihm, d. h. sich unbarmherzig gegen ihn wenden würde, sobald er das
von ihm erreicht hatte, was er brauchte. Davon mußte ihn die erste
Unterredung mit Lassalle überzeugt haben, daß dieser nicht, wie
Rodbertus einmal sehr gut von Bucher sagt, „ein Fisch ohne Gräten”
war, sondern ganz gehörige Gräten und Stacheln hatte. Mit der
Aussicht auf ein Pöstchen -- von Geld gar nicht zu reden -- war da
nichts zu machen. Einmal das Wahlrecht gegeben, konnte Lassalle
leicht sehr unbequem werden, also warum sich übereilen? Die Agitation
Lassalles kehrte ihre Spitze ohnehin immer schroffer und einseitiger
gegen die liberale Partei, und das war vorderhand alles, was Bismarck
brauchte.
In seiner Verteidigungsrede „Die Wissenschaft und die Arbeiter”,
gehalten am 16. Januar 1863, hatte Lassalle erklärt:
„Kann man bei uns selbst nur sagen, daß die Einführung des
Dreiklassenwahlgesetzes den besitzenden Klassen, daß sie dem deutschen
Bürgertum zur Last falle?... Die preußische Regierung ist es, nicht die
besitzenden Klassen in Preußen, welche für alle Zeiten und vor allem
Volk die Schuld und Verantwortlichkeit des oktroyierten
Dreiklassenwahlgesetzes tragen wird.” Und: „Bourgeoisie und Arbeiter
sind wir die Glieder eines Volkes und ganz einig gegen unsre
Unterdrücker” -- d. h. also gegen die Regierung.
Vor dem Staatsgerichtshof aber -- am 12. März 1864 -- ist ihm der
Verfassungskonflikt in Preußen nur noch der Kampf zwischen dem
Königtum und einer „Clique”. Dieser „Clique” könne das Königtum
nicht weichen, „vollkommen wohl” aber könne es „das Volk auf die
Bühne rufen und sich auf es stützen. Es brauche sich hierzu nur
seines Ursprungs zu erinnern, denn alles Königtum ist ursprünglich
Volkskönigtum gewesen.”
„Ein Louis-Philippsches Königtum, ein Königtum von der Schöpfung der
Bourgeoisie könnte dies freilich nicht; aber ein Königtum, das noch aus
seinem ursprünglichen Teige geknetet dasteht, auf den Knauf des
Schwertes gestützt, könnte das vollkommen wohl, wenn es entschlossen
ist, wahrhaft große, nationale und volksgemäße Ziele zu verfolgen.”
Das ist die Sprache des Cäsarismus, und im weiteren Verlaufe seiner
Rede steigert Lassalle sie noch, indem er die bestehende Verfassung
als eine vom Königtum der Bourgeoisie erwiesene Gunst hinstellt.
Niemand lasse aber „gern aus seiner eigenen Gunst ein Halsband
drehen, an welchem er erwürgt wird, und das ist niemand zu verdenken,
und daher auch dem Königtum nicht”. Beständig auf das angebliche
„Recht” hingedrängt, habe sich das Königtum „erinnert, daß es mehr
in seiner Stellung läge, sich auf das wirkliche Recht zurückzuziehen
und das Volk auf die Bühne zu führen, als einer Clique zu weichen und
von einer Handvoll Personen sich aus seiner eignen Gunst ein Halsband
winden zu lassen, an dem es erwürgt wird”. So würde er, Lassalle,
sprechen an dem Tage, wo das Königtum die Verfassung gestürzt und das
allgemeine Wahlrecht oktroyiert haben werde, wenn man ihn der
intellektuellen Urheberschaft dieses Verfassungsumsturzes anklagte.
Lassalle war bereits so weit, daß er nicht nur durch die Tatsache seiner
Agitation -- was unter Umständen nicht zu vermeiden ist -- der Reaktion
vorübergehend einen Dienst erwies, er verfiel auch immer mehr darin, die
Sprache der Reaktion zu sprechen. Gewiß konnte er noch immer mit
Wallenstein ausrufen:
„Beim großen Gott des Himmels! Es war nicht
Mein Ernst, beschlossene Sache war es nie!”
Er spielte mit der Reaktion, glaubte sie seinen Zwecken dienstbar
machen, sie selbst aber im gegebenen Moment mit einem Ruck
abschütteln zu können. In diesem Sinne nannte er auch einmal der
Gräfin Hatzfeldt gegenüber Bismarck seinen „Bevollmächtigten”. Aber
er vergaß, daß es eine Logik der Tatsachen gibt, die stärker ist als
selbst der stärkste individuelle Wille, und daß, indem er überhaupt
um den Erfolg spielte, statt auf die eigne Kraft der Bewegung zu
vertrauen und ausschließlich ihr seine Energie zu widmen, er nach
seiner eignen Theorie die Bewegung selbst zum Teil bereits aufgab.
In der Tat, um noch einmal auf den schon zitierten Aufsatz Lassalles
über die Grundidee seines „Franz von Sickingen” zurückzugreifen: mit
der seit seiner Rückkehr aus den Bädern vollzogenen Schwenkung war
Lassalle genau zu derselben Taktik gelangt, die er in jenem Aufsatz
als die „sittliche Schuld” Franz von Sickingens hingestellt hatte. Es
ist merkwürdig, wie genau Lassalle dort sein eignes Schicksal
vorgezeichnet hat. Auch er war auf die „sich realistisch dünkende
Verständigkeit” verfallen, revolutionäre Zwecke durch diplomatische
Mittel erreichen zu wollen, er hatte eine Maske vorgenommen, seinen
Gegner -- die preußische Regierung -- zu täuschen, aber er täuschte
tatsächlich nicht diese, sondern die Massen des Volkes, ohne die er
nichts war; die Bewegung selbst blieb auf einen kleinen Trupp
persönlicher Anhänger beschränkt. Und wie Lassalle von Sickingen
schreibt, daß „dieser große Diplomat und Realist, der alles sorgsam
vorherberechnet und den Zufall ganz ausschließen will, gerade dadurch
zuletzt gezwungen ist, dem zufälligsten Zufall alles anheim zu
geben”, und, „während die Rechnung auf jene Täuschung durch den
Anschein des Zufälligen und Unwesentlichen an der bewußten Natur des
Bestehenden zugrunde gehen muß, die Entscheidung, statt wie er
wollte, aus den Händen des vorbereiteten, vielmehr aus denen des
ersten unvorbereiteten Zufalls entgegennehmen muß”[33] -- so sieht
auch er, Lassalle, sich gezwungen, nunmehr bloß noch mit dem Zufall
zu rechnen, alles von zufälligen Konstellationen in der inneren und
äußeren Politik abhängig zu machen. Im Vertrauen auf seine
realistische Gewandtheit spielte er, aber er bedachte nicht, daß beim
Spiel derjenige die meisten Aussichten hat seinen Mitspieler
lahmzulegen, der die meisten Trümpfe in der Hand -- beim politischen
Spiel, der über die meisten tatsächlichen Machtfaktoren zu gebieten
hat. Und da das in diesem Falle nicht er, sondern Bismarck war,
konnte es nicht ausbleiben, daß er schließlich mehr Bismarcks, als
dieser sein „Bevollmächtigter” wurde.
Dies die Situation, in der Lassalle die Ronsdorfer Ansprache, „die
Agitation des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins und das Versprechen
des Königs von Preußen” hielt. Es ist seine letzte und zugleich seine
schwächste Agitationsrede, ausschließlich auf den äußeren Effekt
berechnet. Wie sehr sich Lassalle der Schwäche dieser Rede bewußt war,
zeigt ihre von ihm selbst redigierte gedruckte Ausgabe mit den überall
eingestreuten Vermerken über den Effekt der einzelnen Sätze -- Krücken,
deren ein Vortrag, der an Hand und Fuß gesund ist, durchaus entbehren
kann, und die den Eindruck einer inhaltsvollen Rede sogar
beeinträchtigen würden. Aber die Ronsdorfer Rede weist keinen der
Vorzüge der ersten Agitationsreden Lassalles auf, potenziert dagegen
deren Fehler.
Die Rede ist nicht bloß inhaltlich schwach, sie ist auch ihrer Tendenz
nach tadelnswerter als alle Mißgriffe, die Lassalle bis dahin begangen.
Schlesische Weber hatten, durch die Not getrieben und durch die
Sozialdemagogie der Feudalen ermuntert, eine Deputation nach Berlin
geschickt, um beim König von Preußen um Abhilfe gegen die Übelstände,
unter denen sie litten, zu petitionieren. Sie waren auch schließlich, da
es sich um die Arbeiter eines fortschrittlichen Fabrikanten handelte,
auf Veranlassung Bismarcks vom König empfangen worden und hatten auf
ihre Beschwerden die Antwort erhalten, der König habe seine Minister
angewiesen, „eine gesetzliche Abhilfe, soweit sie möglich ist, schleunig
und mit allem Ernst vorzubereiten”.
Daß Lassalle diesen Schritt der schlesischen Weber und den Empfang
der Deputation von Seiten des Königs als einen Erfolg seiner
Agitation hinstellt, wird ihm, so übertrieben es tatsächlich war,
niemand zum besonderen Vorwurf machen. Wie andere Übertreibungen in
der Ansprache, erklärte sich auch diese aus der Situation Lassalles.
Indes Lassalle blieb dabei nicht stehen. Er gab dem Empfang der
Deputation durch den König und den Worten des letzteren eine
Auslegung, die zunächst nur als eine Reklame für jenen und dessen
Regierung wirken konnte. Er verliest den Arbeitern einen Bericht der
offiziösen „Zeidlerschen Korrespondenz” über den Empfang der
Deputation beim König und liest gerade die dem Königtum günstigste
Stelle daraus, wie er in der gedruckten Rede ausdrücklich
verzeichnet, „mit dem höchsten Nachdruck der Stimme und begleitet
sie mit der eindringlichsten Handbewegung”[34].
In den Worten des Königs liege, erklärt er, „die Anerkennung des
Hauptgrundsatzes, zu dessen Gunsten wir unsere Agitation begonnen” --
nämlich, daß eine Regelung der Arbeiterfrage durch die Gesetzgebung
notwendig sei -- ferner, „das Versprechen des Königs, daß diese
Regelung der Arbeiterfrage und Abhilfe der Arbeiternot durch die
Gesetzgebung erfolgen soll”, und drittens, da „eine
Fortschrittskammer, eine nach dem oktroyierten Dreiklassenwahlgesetz
erwählte Kammer, dem Könige niemals die zu diesem Zwecke
erforderlichen Gelder bewilligen und ebensowenig, selbst wenn die
Sache ohne Geld zu machen wäre, auch nur ihre Zustimmung zu einem
solchen Gesetz erteilen würde”, so sei in dem königlichen
Versprechen, „innerlich durch die Kraft der Logik eingeschlossen”
auch „das allgemeine und direkte Wahlrecht versprochen worden”.
Bei diesen Worten läßt der Bericht „die Versammlung, welche diesem
ganzen letzten Teil der Rede in einer unglaublichen Spannung ...
zugehört” habe, in einen „nicht zu beschreibenden Jubel” ausbrechen,
der immer wieder von neuem begonnen habe, sobald Lassalle weiter zu
sprechen versuchte.
War der Jubel wirklich so groß, so bewies er, daß die Arbeiter Lassalles
Auslegung des königlichen Versprechens für bare Münze nahmen, das
schlimmste Zeugnis, das dieser Rede ausgestellt werden konnte.
Kein Zweifel, es sollten mit dieser Rede, soweit die Arbeiter in
Betracht kamen, diese nur durch möglichst glänzende Ausmalung der
bisher erzielten Erfolge zur höchsten, begeisterten Tätigkeit für den
Verein hingerissen werden. Aber die Rede ist noch an eine andere
Adresse als die der Arbeiter gerichtet. In seiner Erwiderung auf eine
in der „Kreuzzeitung” erschienene Rezension des „Bastiat-Schulze”,
die nach Lassalle „von zu beachtenswerter Seite” kam, als daß die in
ihr an Lassalle gerichteten Fragen hätten unbeantwortet bleiben
dürfen, verweist Lassalle den Herrn Rezensenten des Regierungsblattes
ausdrücklich auf die Ronsdorfer Rede und läßt die Erwiderung und zwei
Exemplare der Rede unter Kuvert „persönlich” an Bismarck senden.
Beide, Rezension und Rede, sind berechnet, auf die Regierung Eindruck
zu machen -- ad usum delphini geschrieben. Der „unbeschreibliche
Jubel” sollte Köder für Bismarck und den König sein. Aber niemand
kann zwei Herren dienen, und das Bestreben, die Rede so zu
gestalten, daß sie den gewünschten Effekt nach oben mache, bewirkte,
daß sie tatsächlich einen durch und durch cäsaristischen Charakter
erhielt. Sie ist ein doppeltes Pronunziamento des Cäsarismus:
Cäsarismus in den Reihen der Partei, und Cäsarismus in der Politik
der Partei.
„Ja, es gibt nichts Organisations- und Zeugungsunfähigeres,
nichts Unintelligenteres,” heißt es in der Einsendung an die
„Kreuzzeitung”, „als der unruhige, nörgelnde liberale
Individualismus, diese große Krankheit unserer Zeit! Aber dieser
unruhige, nörgelnde Individualismus ist keineswegs Massenkrankheit,
sondern wurzelt notwendig und naturgemäß nur in den Viertels- und
Achtels-Intelligenzen der Bourgeoisie.
Der Grund ist klar: Der Geist der Massen ist, ihrer Massenlage
angemessen, immer auf objektive, auf sachliche Zwecke gerichtet. Die
Stimmen unruhiger, persönlichkeitssüchtiger Einzelner würden hier in
diesem Stimmenakkord verklingen, ohne nur gehört zu werden. Der
oligarchische Boden allein ist der homogene, mütterliche Boden für den
negativen, ätzenden Individualismus unserer liberalen Bourgeoisie und
ihre subjektive, eigenwillige Persönlichkeitssucht.”
Ähnlich hatte es in der Ronsdorfer Rede geheißen:
„Noch ein anderes höchst merkwürdiges Element unseres Erfolges habe
ich zu erwähnen. Es ist dieser geschlossene Geist strengster Einheit
und Disziplin, welcher in unserem Vereine herrscht! Auch in dieser
Hinsicht, und in dieser Hinsicht vor allem, steht unser Verein
epochemachend, und als eine ganz neue Erscheinung in der Geschichte,
da! Dieser große Verein, sich erstreckend über fast alle deutschen
Länder, regt sich und bewegt sich mit der geschlossenen Einheit eines
Individuums! In den wenigsten Gemeinden bin ich persönlich bekannt
oder jemals persönlich gewesen, und dennoch habe ich vom Rhein bis
zur Nordsee, und von der Elbe bis zur Donau noch niemals ein ‚Nein’
gehört, und gleichwohl ist die Autorität, die ihr mir anvertraut
habt, eine durchaus auf eurer fortgesetzten höchsten Freiwilligkeit
beruhende!... Wohin ich gekommen bin, überall habe ich von den
Arbeitern Worte gehört, die sich in den Satz zusammenfassen:
Wir müssen unserer aller Willen in einen einzigen Hammer
zusammenschmieden und diesen Hammer in die Hände eines Mannes legen,
zu dessen Intelligenz, Charakter und guten Willen wir das nötige
Zutrauen haben, damit er aufschlagen könne mit dem Hammer!
Die beiden Gegensätze, die unsere Staatsmänner bisher für unvereinbar
betrachteten, deren Vereinigung sie für den Stein der Weisen hielten,
Freiheit und Autorität, -- die höchsten Gegensätze, sie sind auf das
innigste vereinigt in unserem Verein, welcher so nur das Vorbild im
kleinen unserer nächsten Gesellschaftsform im großen darstellt. Nicht
eine Spur ist in uns von jenem nörgelnden Geiste des Liberalismus, von
jener Krankheit des individuellen Meinens und Besserwissen-Wollens, von
welchem der Körper unserer Bourgeoisie durchfressen ist ...”