Daß Lassalle im Winter 1863/64 wiederholte und eingehende

Besprechungen unter vier Augen mit dem damaligen Herrn von Bismarck

hatte, ist heute über jeden Zweifel sichergestellt. Die langjährige

Vertraute Lassalles, die Gräfin Sophie von Hatzfeldt, hat es im Sommer

1878, als Bismarck sein Knebelungsgesetz gegen die deutsche

Sozialdemokratie einbrachte, aus eigner Initiative Vertretern

derselben unter Hinzufügung der näheren Umstände mitgeteilt, und als

August Bebel in der schon erwähnten Sitzung vom 16. September 1878 die

Sache im deutschen Reichstag zur Sprache brachte, gab Bismarck tags

darauf zu, Zusammenkünfte mit Lassalle gehabt zu haben, und suchte

nur in Abrede zu stellen, daß es sich dabei um politische

Verhandlungen gedreht habe. Bebel hatte, gestützt auf die Mitteilungen

der Gräfin Hatzfeldt, gesagt: „Es drehte sich bei diesen

Unterhaltungen und Unterhandlungen um zweierlei, erstens um

Oktroyierung des allgemeinen Stimmrechts, und zweitens um die

Gewährung von Staatsmitteln zu Produktivgenossenschaften. Fürst

Bismarck war für diesen Plan von Lassalle vollständig gewonnen, er

weigerte sich nur, wie Lassalle verlangte, sofort mit der Oktroyierung

des allgemeinen Stimmrechts vorzugehen, bevor nicht der

schleswig-holsteinische Krieg glücklich zu Ende geführt worden sei.

Infolge dieser Meinungsverschiedenheit entstanden tiefe Differenzen

zwischen Lassalle und dem Fürsten Bismarck, und es war nicht etwa der

letztere, welcher die Unterhandlungen abbrach, sondern es war, wie ich

ausdrücklich konstatieren muß, Lassalle, der den Bruch herbeiführte

und erklärte, auf weitere Unterhandlungen sich nicht einlassen zu

können.” Darauf antwortete nun Bismarck: „Unsre Unterhaltungen drehten

sich gewiß auch um das allgemeine Wahlrecht, unter keinen Umständen

aber jemals um eine Oktroyierung desselben. Auf einen so

ungeheuerlichen Gedanken, das allgemeine Wahlrecht durch Oktroyierung

einzuführen, bin ich in meinem Leben nicht gekommen.” Er habe es „mit

einem gewissen Widerstreben”, als „Frankfurter Tradition” akzeptiert.

Was die Produktivgenossenschaften anbetreffe, so sei er „von deren

Unzweckmäßigkeit noch heute nicht überzeugt”. Nur hätten die damals

eingetretenen politischen Ereignisse die Fortführung der in dieser

Hinsicht angebahnten Versuche nicht gestattet. Übrigens habe nicht er,

sondern Lassalle diese Zusammenkünfte gewünscht, ihn brieflich darum

gebeten, und er, Bismarck, habe sich aus reiner Liebhaberei dazu

herbeigelassen, Lassalles Wünschen zu willfahren. „Was hätte mir

Lassalle bieten und geben können? Er hatte nichts hinter sich. In

allen politischen Verhandlungen ist das do ut des (ich gebe, damit du

gibst) eine Sache, die im Hintergrunde steht, auch wenn man

anstandshalber nicht davon spricht. Wenn man sich aber sagen muß, was

kannst du armer Teufel geben? -- Er hatte nichts, was er mir als

Minister hätte geben können.”

Es liegt auf der Hand, daß der Mann, der „offiziell noch nie gelogen”

hat, hier mit der Wahrheit sehr unoffiziell umsprang. Um einer bloßen

Unterhaltung willen wäre Lassalle nicht zum Minister gegangen, und

würde dieser nicht den „revolutionären Juden” wiederholt -- er selbst

gesteht, daß es viermal gewesen sein könne, während Sophie Hatzfeldt

behauptet hatte, daß es wiederholt drei- bis viermal in einer Woche

gewesen sei -- zu sich gebeten und mit ihm stundenlang disputiert

haben. Weiter braucht man nur die Reden der Regierungsvertreter in

der Kammer und die Artikel in der Regierungspresse aus jener Epoche

nachzulesen, um sich zu überzeugen, wie stark sich das Ministerium

Bismarck damals mit dem Gedanken trug, das allgemeine Wahlrecht

einzuführen, und dazu gab es unter den obwaltenden Umständen kaum

einen anderen Weg, als den der Oktroyierung. Lassalle selbst zitiert

in der Verteidigungsrede vor dem Staatsgerichtshof einige derartige

Äußerungen und knüpft daran im weiteren Verlauf die bekannten

Erklärungen, die nun erst, nachdem seine Zusammenkünfte mit Bismarck

bekannt geworden, richtig gewürdigt werden können:

„Der Staatsanwalt beschuldigt mich, das allgemeine und direkte

Wahlrecht herstellen und somit die Verfassung stürzen zu wollen!

Nun wohl, meine Herren, obwohl ein einfacher Privatmann, kann ich

Ihnen sagen: ich will nicht nur die Verfassung stürzen, sondern es

vergeht vielleicht nicht mehr als ein Jahr, so habe ich sie gestürzt!

Aber wie? Ohne daß ein Tropfen Blutes geflossen, ohne daß eine Faust

zur Gewalt sich geballt hat! Es vergeht vielleicht nicht ein Jahr

mehr, so ist in der friedlichsten Weise von der Welt das allgemeine

und direkte Wahlrecht oktroyiert.

Die starken Spiele, meine Herren, können gespielt werden, Karten auf

dem Tisch! Es ist die stärkste Diplomatie, welche ihre Berechnungen

mit keiner Heimlichkeit zu umgeben braucht, weil sie auf erzene

Notwendigkeit gegründet sind.

Und so verkündige ich Ihnen denn an diesem feierlichen Orte, es wird

vielleicht kein Jahr mehr vergehen -- und Herr von Bismarck hat die

Rolle Robert Peels gespielt, und das allgemeine und direkte Wahlrecht

ist oktroyiert!”

Lassalle sagt freilich hierzu, er habe das von Anfang an gewußt, „schon

an dem ersten Tage, an welchem ich durch den Erlaß meines

Antwortschreibens diese Agitation begann, und es konnte niemand

entgehen, der mit klarem Blick die Situation auffaßte”. Aber wenn es

auch zweifelsohne richtig ist, daß man schon im Winter 1862/63 in

Regierungskreisen die Frage in Betracht zog, ob es möglich sei, durch

eine Änderung des Wahlgesetzes die fortschrittliche Kammermehrheit zu

sprengen, und zu diesem Behufe in sozialer Frage zu machen begann[32],

so würde Lassalle doch schwerlich mit dieser Bestimmtheit von einer

bevorstehenden Oktroyierung des allgemeinen Wahlrechts gesprochen haben

und immer wieder darauf zurückgekommen sein, wenn er nicht aus seinen

Unterhaltungen mit Bismarck die Überzeugung gewonnen hätte, daß, ob nun

vor oder nach Beendigung des dänischen Feldzuges, diese Oktroyierung

beschlossene Sache sei.

Mehr glaubwürdig ist es dagegen, wenn Bismarck bestreitet, daß es

zwischen ihm und Lassalle zu einem Bruch gekommen sei. Die Verhandlungen

schliefen ein, als Lassalle sich nach vielem Drängen überzeugt hatte,

daß Bismarck noch abwarten wollte, ehe er den immerhin gewagten Schritt

unternahm -- und darum spricht Lassalle auch immer nur von einer

möglicherweise binnen Jahresfrist erfolgenden Oktroyierung. Aber daß die

Verbindung noch nicht endgültig abgebrochen war, geht schon daraus

hervor, daß Lassalle fortfuhr, von allen seinen Veröffentlichungen usw.

durch das Sekretariat des „Allgemeinen deutschen Arbeitervereins” ein

Doppelexemplar in verschlossenem Kuvert und mit der Aufschrift

„persönlich” an Bismarck übersenden zu lassen.

Ebenso kann man Bismarck auch glauben, daß seine Verhandlungen mit

Lassalle wegen des „do ut des” zu keinen bestimmten Abmachungen führen

konnten. Zwar stand die Sache nicht so, wie Bismarck sie nachträglich

protzenhaft mit der Phrase abtut: „Was kannst du armer Teufel geben? Er

hatte nichts, was er mir als Minister hätte geben können.” Bismarck

hatte es zu jener Zeit gar nicht so üppig, daß er nicht jede Hilfe

brauchen konnte, und etwas konnte Lassalle ihm immerhin geben. Die Sache

war nur die, daß es nicht genug war, um Bismarck zu bestimmen Lassalles

Drängen nachzugeben. Vielleicht ist das auch mit einer der Gründe, daß

Lassalle, der noch am 25. Juli 1863 an Vahlteich geschrieben hatte: „Sie

können unsre Bevollmächtigten keine Unwahrheiten sagen lassen. Sie

können sie also nicht auffordern, von 10000 Mitgliedern zu sprechen,

während wir vielleicht nicht 1000 haben. Man kann schweigen über diesen

Punkt, aber lügen schickt sich für uns nicht” -- nach seiner Rückkehr

nach Berlin in geradezu krankhafter Weise seine Erfolge übertrieb. Er

wollte um jeden Preis eine Macht scheinen, wenn es ihm nicht gelang, mit

wirklichen Massen aufzumarschieren. Aber Bismarck war durch andre

Berichterstatter wahrscheinlich hinreichend darüber informiert, wie es

in Wirklichkeit mit der Bewegung stand.

Und dann hatte es mit dem „Geben” auch sonst seine eigne Bewandtnis.

Bismarck war sich schwerlich auch nur einen Augenblick im unklaren

darüber, daß er an Lassalle nur so lange und nur insoweit einen

politischen Verbündeten haben würde, solange dieses Bündnis im

Interesse Lassalles und seiner politischen Zwecke lag -- mit andern

Worten, daß Lassalle genau so mit ihm verfahren würde, wie er mit

ihm, d. h. sich unbarmherzig gegen ihn wenden würde, sobald er das

von ihm erreicht hatte, was er brauchte. Davon mußte ihn die erste

Unterredung mit Lassalle überzeugt haben, daß dieser nicht, wie

Rodbertus einmal sehr gut von Bucher sagt, „ein Fisch ohne Gräten”

war, sondern ganz gehörige Gräten und Stacheln hatte. Mit der

Aussicht auf ein Pöstchen -- von Geld gar nicht zu reden -- war da

nichts zu machen. Einmal das Wahlrecht gegeben, konnte Lassalle

leicht sehr unbequem werden, also warum sich übereilen? Die Agitation

Lassalles kehrte ihre Spitze ohnehin immer schroffer und einseitiger

gegen die liberale Partei, und das war vorderhand alles, was Bismarck

brauchte.

In seiner Verteidigungsrede „Die Wissenschaft und die Arbeiter”,

gehalten am 16. Januar 1863, hatte Lassalle erklärt:

„Kann man bei uns selbst nur sagen, daß die Einführung des

Dreiklassenwahlgesetzes den besitzenden Klassen, daß sie dem deutschen

Bürgertum zur Last falle?... Die preußische Regierung ist es, nicht die

besitzenden Klassen in Preußen, welche für alle Zeiten und vor allem

Volk die Schuld und Verantwortlichkeit des oktroyierten

Dreiklassenwahlgesetzes tragen wird.” Und: „Bourgeoisie und Arbeiter

sind wir die Glieder eines Volkes und ganz einig gegen unsre

Unterdrücker” -- d. h. also gegen die Regierung.

Vor dem Staatsgerichtshof aber -- am 12. März 1864 -- ist ihm der

Verfassungskonflikt in Preußen nur noch der Kampf zwischen dem

Königtum und einer „Clique”. Dieser „Clique” könne das Königtum

nicht weichen, „vollkommen wohl” aber könne es „das Volk auf die

Bühne rufen und sich auf es stützen. Es brauche sich hierzu nur

seines Ursprungs zu erinnern, denn alles Königtum ist ursprünglich

Volkskönigtum gewesen.”

„Ein Louis-Philippsches Königtum, ein Königtum von der Schöpfung der

Bourgeoisie könnte dies freilich nicht; aber ein Königtum, das noch aus

seinem ursprünglichen Teige geknetet dasteht, auf den Knauf des

Schwertes gestützt, könnte das vollkommen wohl, wenn es entschlossen

ist, wahrhaft große, nationale und volksgemäße Ziele zu verfolgen.”

Das ist die Sprache des Cäsarismus, und im weiteren Verlaufe seiner

Rede steigert Lassalle sie noch, indem er die bestehende Verfassung

als eine vom Königtum der Bourgeoisie erwiesene Gunst hinstellt.

Niemand lasse aber „gern aus seiner eigenen Gunst ein Halsband

drehen, an welchem er erwürgt wird, und das ist niemand zu verdenken,

und daher auch dem Königtum nicht”. Beständig auf das angebliche

„Recht” hingedrängt, habe sich das Königtum „erinnert, daß es mehr

in seiner Stellung läge, sich auf das wirkliche Recht zurückzuziehen

und das Volk auf die Bühne zu führen, als einer Clique zu weichen und

von einer Handvoll Personen sich aus seiner eignen Gunst ein Halsband

winden zu lassen, an dem es erwürgt wird”. So würde er, Lassalle,

sprechen an dem Tage, wo das Königtum die Verfassung gestürzt und das

allgemeine Wahlrecht oktroyiert haben werde, wenn man ihn der

intellektuellen Urheberschaft dieses Verfassungsumsturzes anklagte.

Lassalle war bereits so weit, daß er nicht nur durch die Tatsache seiner

Agitation -- was unter Umständen nicht zu vermeiden ist -- der Reaktion

vorübergehend einen Dienst erwies, er verfiel auch immer mehr darin, die

Sprache der Reaktion zu sprechen. Gewiß konnte er noch immer mit

Wallenstein ausrufen:

„Beim großen Gott des Himmels! Es war nicht

Mein Ernst, beschlossene Sache war es nie!”

Er spielte mit der Reaktion, glaubte sie seinen Zwecken dienstbar

machen, sie selbst aber im gegebenen Moment mit einem Ruck

abschütteln zu können. In diesem Sinne nannte er auch einmal der

Gräfin Hatzfeldt gegenüber Bismarck seinen „Bevollmächtigten”. Aber

er vergaß, daß es eine Logik der Tatsachen gibt, die stärker ist als

selbst der stärkste individuelle Wille, und daß, indem er überhaupt

um den Erfolg spielte, statt auf die eigne Kraft der Bewegung zu

vertrauen und ausschließlich ihr seine Energie zu widmen, er nach

seiner eignen Theorie die Bewegung selbst zum Teil bereits aufgab.

In der Tat, um noch einmal auf den schon zitierten Aufsatz Lassalles

über die Grundidee seines „Franz von Sickingen” zurückzugreifen: mit

der seit seiner Rückkehr aus den Bädern vollzogenen Schwenkung war

Lassalle genau zu derselben Taktik gelangt, die er in jenem Aufsatz

als die „sittliche Schuld” Franz von Sickingens hingestellt hatte. Es

ist merkwürdig, wie genau Lassalle dort sein eignes Schicksal

vorgezeichnet hat. Auch er war auf die „sich realistisch dünkende

Verständigkeit” verfallen, revolutionäre Zwecke durch diplomatische

Mittel erreichen zu wollen, er hatte eine Maske vorgenommen, seinen

Gegner -- die preußische Regierung -- zu täuschen, aber er täuschte

tatsächlich nicht diese, sondern die Massen des Volkes, ohne die er

nichts war; die Bewegung selbst blieb auf einen kleinen Trupp

persönlicher Anhänger beschränkt. Und wie Lassalle von Sickingen

schreibt, daß „dieser große Diplomat und Realist, der alles sorgsam

vorherberechnet und den Zufall ganz ausschließen will, gerade dadurch

zuletzt gezwungen ist, dem zufälligsten Zufall alles anheim zu

geben”, und, „während die Rechnung auf jene Täuschung durch den

Anschein des Zufälligen und Unwesentlichen an der bewußten Natur des

Bestehenden zugrunde gehen muß, die Entscheidung, statt wie er

wollte, aus den Händen des vorbereiteten, vielmehr aus denen des

ersten unvorbereiteten Zufalls entgegennehmen muß”[33] -- so sieht

auch er, Lassalle, sich gezwungen, nunmehr bloß noch mit dem Zufall

zu rechnen, alles von zufälligen Konstellationen in der inneren und

äußeren Politik abhängig zu machen. Im Vertrauen auf seine

realistische Gewandtheit spielte er, aber er bedachte nicht, daß beim

Spiel derjenige die meisten Aussichten hat seinen Mitspieler

lahmzulegen, der die meisten Trümpfe in der Hand -- beim politischen

Spiel, der über die meisten tatsächlichen Machtfaktoren zu gebieten

hat. Und da das in diesem Falle nicht er, sondern Bismarck war,

konnte es nicht ausbleiben, daß er schließlich mehr Bismarcks, als

dieser sein „Bevollmächtigter” wurde.

Dies die Situation, in der Lassalle die Ronsdorfer Ansprache, „die

Agitation des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins und das Versprechen

des Königs von Preußen” hielt. Es ist seine letzte und zugleich seine

schwächste Agitationsrede, ausschließlich auf den äußeren Effekt

berechnet. Wie sehr sich Lassalle der Schwäche dieser Rede bewußt war,

zeigt ihre von ihm selbst redigierte gedruckte Ausgabe mit den überall

eingestreuten Vermerken über den Effekt der einzelnen Sätze -- Krücken,

deren ein Vortrag, der an Hand und Fuß gesund ist, durchaus entbehren

kann, und die den Eindruck einer inhaltsvollen Rede sogar

beeinträchtigen würden. Aber die Ronsdorfer Rede weist keinen der

Vorzüge der ersten Agitationsreden Lassalles auf, potenziert dagegen

deren Fehler.

Die Rede ist nicht bloß inhaltlich schwach, sie ist auch ihrer Tendenz

nach tadelnswerter als alle Mißgriffe, die Lassalle bis dahin begangen.

Schlesische Weber hatten, durch die Not getrieben und durch die

Sozialdemagogie der Feudalen ermuntert, eine Deputation nach Berlin

geschickt, um beim König von Preußen um Abhilfe gegen die Übelstände,

unter denen sie litten, zu petitionieren. Sie waren auch schließlich, da

es sich um die Arbeiter eines fortschrittlichen Fabrikanten handelte,

auf Veranlassung Bismarcks vom König empfangen worden und hatten auf

ihre Beschwerden die Antwort erhalten, der König habe seine Minister

angewiesen, „eine gesetzliche Abhilfe, soweit sie möglich ist, schleunig

und mit allem Ernst vorzubereiten”.

Daß Lassalle diesen Schritt der schlesischen Weber und den Empfang

der Deputation von Seiten des Königs als einen Erfolg seiner

Agitation hinstellt, wird ihm, so übertrieben es tatsächlich war,

niemand zum besonderen Vorwurf machen. Wie andere Übertreibungen in

der Ansprache, erklärte sich auch diese aus der Situation Lassalles.

Indes Lassalle blieb dabei nicht stehen. Er gab dem Empfang der

Deputation durch den König und den Worten des letzteren eine

Auslegung, die zunächst nur als eine Reklame für jenen und dessen

Regierung wirken konnte. Er verliest den Arbeitern einen Bericht der

offiziösen „Zeidlerschen Korrespondenz” über den Empfang der

Deputation beim König und liest gerade die dem Königtum günstigste

Stelle daraus, wie er in der gedruckten Rede ausdrücklich

verzeichnet, „mit dem höchsten Nachdruck der Stimme und begleitet

sie mit der eindringlichsten Handbewegung”[34].

In den Worten des Königs liege, erklärt er, „die Anerkennung des

Hauptgrundsatzes, zu dessen Gunsten wir unsere Agitation begonnen” --

nämlich, daß eine Regelung der Arbeiterfrage durch die Gesetzgebung

notwendig sei -- ferner, „das Versprechen des Königs, daß diese

Regelung der Arbeiterfrage und Abhilfe der Arbeiternot durch die

Gesetzgebung erfolgen soll”, und drittens, da „eine

Fortschrittskammer, eine nach dem oktroyierten Dreiklassenwahlgesetz

erwählte Kammer, dem Könige niemals die zu diesem Zwecke

erforderlichen Gelder bewilligen und ebensowenig, selbst wenn die

Sache ohne Geld zu machen wäre, auch nur ihre Zustimmung zu einem

solchen Gesetz erteilen würde”, so sei in dem königlichen

Versprechen, „innerlich durch die Kraft der Logik eingeschlossen”

auch „das allgemeine und direkte Wahlrecht versprochen worden”.

Bei diesen Worten läßt der Bericht „die Versammlung, welche diesem

ganzen letzten Teil der Rede in einer unglaublichen Spannung ...

zugehört” habe, in einen „nicht zu beschreibenden Jubel” ausbrechen,

der immer wieder von neuem begonnen habe, sobald Lassalle weiter zu

sprechen versuchte.

War der Jubel wirklich so groß, so bewies er, daß die Arbeiter Lassalles

Auslegung des königlichen Versprechens für bare Münze nahmen, das

schlimmste Zeugnis, das dieser Rede ausgestellt werden konnte.

Kein Zweifel, es sollten mit dieser Rede, soweit die Arbeiter in

Betracht kamen, diese nur durch möglichst glänzende Ausmalung der

bisher erzielten Erfolge zur höchsten, begeisterten Tätigkeit für den

Verein hingerissen werden. Aber die Rede ist noch an eine andere

Adresse als die der Arbeiter gerichtet. In seiner Erwiderung auf eine

in der „Kreuzzeitung” erschienene Rezension des „Bastiat-Schulze”,

die nach Lassalle „von zu beachtenswerter Seite” kam, als daß die in

ihr an Lassalle gerichteten Fragen hätten unbeantwortet bleiben

dürfen, verweist Lassalle den Herrn Rezensenten des Regierungsblattes

ausdrücklich auf die Ronsdorfer Rede und läßt die Erwiderung und zwei

Exemplare der Rede unter Kuvert „persönlich” an Bismarck senden.

Beide, Rezension und Rede, sind berechnet, auf die Regierung Eindruck

zu machen -- ad usum delphini geschrieben. Der „unbeschreibliche

Jubel” sollte Köder für Bismarck und den König sein. Aber niemand

kann zwei Herren dienen, und das Bestreben, die Rede so zu

gestalten, daß sie den gewünschten Effekt nach oben mache, bewirkte,

daß sie tatsächlich einen durch und durch cäsaristischen Charakter

erhielt. Sie ist ein doppeltes Pronunziamento des Cäsarismus:

Cäsarismus in den Reihen der Partei, und Cäsarismus in der Politik

der Partei.

„Ja, es gibt nichts Organisations- und Zeugungsunfähigeres,

nichts Unintelligenteres,” heißt es in der Einsendung an die

„Kreuzzeitung”, „als der unruhige, nörgelnde liberale

Individualismus, diese große Krankheit unserer Zeit! Aber dieser

unruhige, nörgelnde Individualismus ist keineswegs Massenkrankheit,

sondern wurzelt notwendig und naturgemäß nur in den Viertels- und

Achtels-Intelligenzen der Bourgeoisie.

Der Grund ist klar: Der Geist der Massen ist, ihrer Massenlage

angemessen, immer auf objektive, auf sachliche Zwecke gerichtet. Die

Stimmen unruhiger, persönlichkeitssüchtiger Einzelner würden hier in

diesem Stimmenakkord verklingen, ohne nur gehört zu werden. Der

oligarchische Boden allein ist der homogene, mütterliche Boden für den

negativen, ätzenden Individualismus unserer liberalen Bourgeoisie und

ihre subjektive, eigenwillige Persönlichkeitssucht.”

Ähnlich hatte es in der Ronsdorfer Rede geheißen:

„Noch ein anderes höchst merkwürdiges Element unseres Erfolges habe

ich zu erwähnen. Es ist dieser geschlossene Geist strengster Einheit

und Disziplin, welcher in unserem Vereine herrscht! Auch in dieser

Hinsicht, und in dieser Hinsicht vor allem, steht unser Verein

epochemachend, und als eine ganz neue Erscheinung in der Geschichte,

da! Dieser große Verein, sich erstreckend über fast alle deutschen

Länder, regt sich und bewegt sich mit der geschlossenen Einheit eines

Individuums! In den wenigsten Gemeinden bin ich persönlich bekannt

oder jemals persönlich gewesen, und dennoch habe ich vom Rhein bis

zur Nordsee, und von der Elbe bis zur Donau noch niemals ein ‚Nein’

gehört, und gleichwohl ist die Autorität, die ihr mir anvertraut

habt, eine durchaus auf eurer fortgesetzten höchsten Freiwilligkeit

beruhende!... Wohin ich gekommen bin, überall habe ich von den

Arbeitern Worte gehört, die sich in den Satz zusammenfassen:

Wir müssen unserer aller Willen in einen einzigen Hammer

zusammenschmieden und diesen Hammer in die Hände eines Mannes legen,

zu dessen Intelligenz, Charakter und guten Willen wir das nötige

Zutrauen haben, damit er aufschlagen könne mit dem Hammer!

Die beiden Gegensätze, die unsere Staatsmänner bisher für unvereinbar

betrachteten, deren Vereinigung sie für den Stein der Weisen hielten,

Freiheit und Autorität, -- die höchsten Gegensätze, sie sind auf das

innigste vereinigt in unserem Verein, welcher so nur das Vorbild im

kleinen unserer nächsten Gesellschaftsform im großen darstellt. Nicht

eine Spur ist in uns von jenem nörgelnden Geiste des Liberalismus, von

jener Krankheit des individuellen Meinens und Besserwissen-Wollens, von

welchem der Körper unserer Bourgeoisie durchfressen ist ...”

Ferdinand Lassalle: Eine Würdigung des Lehrers und Kämpfers · 第 16 / 18 段