spiegelten diese Wut natürlich entsprechend wieder. Lassalle drückt das
so aus, daß er sagt: „Selbst (!) die reaktionären Blätter wußten
damals ihrem Erstaunen und ihrer Entrüstung über dieses Gebaren kaum
hinreichenden Ausdruck zu geben.” Und er zitiert als Beweis die
„Berliner Revue”, das Organ des reaktionärsten Muckertums.
Natürlich benutzten die Reaktionäre die Finte, ihren Angriffen auf die
liberale Presse ein sozialistisches Mäntelchen umzuhängen, sich zu
gebärden, als ob sie ihres kapitalistischen Charakters halber angriffen.
Statt jedoch gegen diese Fälschung des sozialistischen Gedankens zu
protestieren und jede Solidarität mit ihren Urhebern zurückzuweisen,
leistete Lassalle dem Spiel der Bismärcker noch Vorschub, indem er ihre
Blechmünzen den Arbeitern als echtes Gold ausgab.
Gewiß ist die Tatsache, daß die Presse heute ein Geldgeschäft ist, ein
großer Übelstand, ein mächtiger Faktor der Korruption des öffentlichen
Lebens. Dem ist aber, solange überhaupt das kapitalistische
Privateigentum besteht, schwerlich abzuhelfen, -- am allerwenigsten
durch beschränkende Gesetze des selbst noch kapitalistisch geleiteten
Staates. Soweit heute Abhilfe geschaffen werden kann, wird sie durch die
Freiheit der Presse ermöglicht. Davon aber wollte die preußische
Regierung nichts wissen, und Lassalle unterstützte ihren Widerstand
noch, indem er zwar für volle Preßfreiheit eintrat, aber zugleich
erklärte, daß diese ohnmächtig sein würde, das Wesen der Presse
umzuwandeln, wenn nicht zugleich der Presse das Recht entzogen würde,
Annoncen zu bringen. Mit letzterem würde die Presse nämlich aufhören,
eine lukrative Geldspekulation zu sein, und würden wieder nur solche
Männer Zeitungen schreiben, welche für das Wohl und das geistige
Interesse des Volkes kämpfen.
Braucht es noch eines besonderen Nachweises, wie absolut wirkungslos
dieses Mittel wäre? Lassalle hätte nur seine Blicke über den
Grenzbereich des preußischen Staates hinaus nach England und Frankreich
zu richten brauchen, um sich von der Verkehrtheit seiner Idee zu
überzeugen. In England bildete und bildet heute noch das Annoncenwesen
eine sehr wesentliche Einnahmequelle der Presse, während in Frankreich
den Blättern die Aufnahme von Anzeigen zwar nicht direkt verboten, aber
durch eine hohe Steuer fast unmöglich gemacht, auf ein Minimum reduziert
war. War deshalb die französische Presse besser als die englische?
Weniger im Dienst des Kapitalismus, weniger korrumpiert als jene? Mit
nichten. Die Abwesenheit der Annoncen hatte es im Gegenteil dem
Bonapartismus sehr wesentlich erleichtert, die Presse für seine Zwecke
zu korrumpieren, und sie hatte anderseits die politische Presse
Frankreichs nicht verhindert, der hohen Finanz in viel höherem Grade
dienstbar zu sein, als es die politische Presse Englands war.
Immerhin berührte Lassalle in diesem Teil seiner Rede wenigstens eine
Frage, die in der Tat ab ein wunder Punkt des modernen öffentlichen
Lebens bezeichnet werden muß. War der Zeitpunkt auch schlecht gewählt,
war das Heilmittel auch von problematischem Wert, an und für sich bleibt
die Tatsache, daß die Presse, ob mit oder ohne Annoncen, immer mehr ein
kapitalistisches Institut wird, ein Krebsschaden, auf den die
Aufmerksamkeit der Arbeiterklasse gelenkt werden muß, soll sie sich vom
Einfluß der Kapitalistenorgane befreien. Ganz und gar unzutreffend aber
war, was Lassalle über die Feste sagt, welche die Fortschrittler 1863
Bismarck zum Trotz abhielten. Er wußte doch wohl, daß die Feste weiter
nichts waren, als Agitationsversammlungen, als Demonstrationen gegen die
Regierung, wie sie in Frankreich und England unter ähnlichen
Verhältnissen auch veranstaltet worden waren. Wollte er sie kritisieren,
so mußte er hervorheben, daß mit den Festen allein noch nichts getan
war, daß, wenn es bei ihnen blieb, die Sache des Volks gegen die
Regierung um keinen Schritt gefördert wurde. Statt dessen beschränkte er
sich darauf, die Redensarten der Regierungspresse über die Feste zu
wiederholen, den Hohn, unter dem diese ihren Ärger zu verbergen suchte,
noch zu überbieten. Niemand, der die Geschichte der preußischen
Verfassungskämpfe des Jahres 1863 genauer kennt, wird diese Stelle der
Lassalleschen Rede lesen können, ohne sie zu mißbilligen.
Der dritte Teil der Rede, die Kritik des im Sommer 1863 zu
Frankfurt a. M. zusammengetretenen Deutschen Abgeordnetentages, wäre
berechtigt gewesen, wenn Lassalle sich nicht in demselben Augenblick, wo
er den Fortschrittlern einen Vorwurf daraus machte, daß sie mit den
deutschen Fürsten liebäugelten, um Herrn von Bismarck bangezumachen --
wir haben gesehen, wie er ihnen im „Offenen Antwortschreiben” das
„Dogma von der preußischen Spitze” vorgeworfen und Preußen als den
reaktionärsten der deutschen Staaten hingestellt hatte -- wenn
Lassalle nicht in demselben Atemzuge seinerseits ein gleiches Spiel
getrieben hätte, wie die Fortschrittler, nur daß er nach der andern
Seite hin liebäugelte. Seine ganze Rede enthält keine Silbe gegen
Bismarck und die preußische Regierung, wohl aber eine ganze Reihe
direkter und indirekter Schmeicheleien an deren Adresse. Er läßt sie
„mit dem ruhigen Lächeln tatsächlicher Verachtung” über die
Beschlüsse der Kammer hinweggehen, und er stellt Bismarck das Zeugnis
aus, er sei „ein Mann”, während die Fortschrittler alte Weiber seien.
Noch ein Passus der Rede zeugt von der veränderten Frontrichtung
Lassalles.
Der Führer des Nationalvereins, Herr von Bennigsen, hatte den
Abgeordnetentag mit folgenden Worten geschlossen, und es ist ganz gut,
wieder einmal daran zu erinnern: „Die Leidenschaft der Volkspartei und
die Verstocktheit der Regierenden habe schon oft zu revolutionären
Umwälzungen geführt. Aber das deutsche Volk sei nicht bloß einmütig,
sondern auch so gemäßigt bei seinen Ansprüchen, daß die deutsche
nationale Partei, die keine Revolution wolle und keine machen kann,
keine Verantwortung dafür habe, wenn nach ihr eine Partei kommen sollte,
welche, weil keine Reform mehr möglich, zu der Umwälzung greife.”
Für jeden, der lesen kann, ist diese Erklärung eine zwar recht
lendenlahme Drohung, aber doch eine Drohung mit der Revolution. „Wir
wollen keine Revolution, o Gott behüte, wir waschen unsere Hände in
Unschuld, aber wenn ihr nicht nachgebt, dann wird sie doch kommen, und
dann habt ihr es euch selbst zuzuschreiben.” Eine, wenn man wirklich die
ganze Nation hinter sich hat, sehr feige Art zu drohen, aber leider
zugleich auch sehr gebräuchliche Art zu drohen -- so gebräuchlich, daß,
wie gesagt, über den Sinn der Erklärung gar kein Mißverständnis möglich
war. Was aber tut Lassalle? Er stellt sich, als ob er die Drohung nicht
verstanden habe, und er stellt sich so, nicht etwa, um die
Fortschrittler zu einer entschiedeneren Sprache herauszufordern, sondern
um ihnen zu drohen für den Fall, daß es zu einer Revolution oder einem
Staatsstreich kommen sollte. Er zitiert den obigen Ausspruch des Herrn
von Bennigsen und läßt ihm das nachstehende Pronunziamento folgen:
„Erheben wir also unsere Arme und verpflichten wir uns, wenn jemals
dieser Umschwung, sei es auf diesem, sei es auf jenem Wege käme, es den
Fortschrittlern und Nationalvereinlern gedenken zu wollen, daß sie bis
zum letzten Augenblicke erklärt haben: sie wollen keine Revolution!
Verpflichtet euch dazu, hebt eure Hände empor.”
Und „die ganze Versammlung erhebt in großer Aufregung ihre Hände”,
heißt es in dem, von Lassalle selbst redigierten Bericht über die
Rede.
Was sollte diese Drohung, dieses „Gedenken” bedeuten? Es war kaum eine
andre Auslegung möglich, ab daß man die Fortschrittler, wenn nicht
direkt angreifen, so doch im Stich lassen wollte, wenn es „auf diesem
oder jenem Wege” zum gewaltsamen Zusammenstoß kommen sollte. Eine solche
Drohung in diesem Moment konnte aber nur die eine Wirkung haben, die
Fortschrittler, statt sie vorwärtszutreiben, erst recht kopfscheu zu
machen.
In einer der Versammlungen, in Solingen, kam es zu blutigen Konflikten.
Eine Anzahl Fortschrittler, die versucht hatten, Lassalle zu
unterbrechen, wurden von exaltierten Anhängern desselben mit
Messerstichen bedacht. Auf Grund dieser Vorkommnisse löste der
Bürgermeister eine halbe Stunde später die Versammlung auf, worauf
Lassalle, gefolgt von einer, ein Hoch über das andere ausbringenden
Menge zum Telegraphenbureau eilte und das bekannte Telegramm an Bismarck
aufgab, das mit den Worten beginnt: „Fortschrittlicher Bürgermeister hat
soeben an der Spitze von zehn mit Bajonettgewehren bewaffneten Gendarmen
und mehreren Polizisten mit gezogenem Säbel von mir einberufene
Arbeiterversammlung ohne jeden gesetzlichen Grund aufgelöst”, und mit
der „Bitte um strengste, schleunigste, gesetzliche Genugtuung” schloß.
Auch wenn man alles in Betracht zieht, was zu Lassalles Entschuldigung
angeführt werden kann: seine Erbitterung über die ihm von seiten der
Fortschrittler widerfahrenen Angriffe, seine Enttäuschung über die
verhältnismäßig geringen Erfolge seiner Agitation, seinen tiefen
Widerwillen gegen die feige Taktik der Fortschrittler, seine einseitige,
aber doch aufrichtige Gegnerschaft gegen die liberale Wirtschaftslehre
-- kurz, wenn man sich noch so sehr in seine damalige Lage hineindenkt,
so geht doch aus diesem Telegramm, in Verbindung mit der vorstehend
geschilderten Rede, eines unbestreitbar hervor -- daß Lassalle, als er
nach Deutschland zurückkam, bereits seinen inneren Halt -- wenn ich mich
so ausdrücken darf: seinen Standpunkt verloren hatte. Ein solches
Telegramm hätte man keinem Konservativen verziehen, geschweige denn
einem Mann, der sich mit Stolz einen Revolutionär genannt, und der
seiner inneren Überzeugung nach sicherlich sich noch für einen solchen
hielt. Wenn nicht andre Erwägungen, so hätte das einfachste Taktgefühl
Lassalle verbieten müssen, sich zu einem Appell an die Staatsgewalt
herbeizulassen, der mit einer politischen Denunziation begann.
Und wenn man selbst dieses Telegramm noch mit der durch die Auflösung
der Versammlung hervorgerufenen Erregung entschuldigen könnte, so
folgten ihm bald andre, bei kältester Überlegung unternommene Schritte,
die ebenfalls den politischen Grundsätzen, als deren Vertreter Lassalle
auftrat, schnurstracks entgegenstanden. Hier nur ein Beispiel, das zudem
in enger Verbindung mit den vorerwähnten Vorkommnissen steht.
Einige Arbeiter, die in der Solinger Versammlung vom Messer Gebrauch
gemacht haben sollten, waren im Frühjahr 1864 zu mehrmonatigen
Gefängnisstrafen verurteilt worden. Und da war es Lassalle, der allen
Ernstes und wiederholt den Vorschlag machte, die Verurteilten sollten,
unterstützt durch eine allgemeine Arbeiteradresse, ein Gnadengesuch an
den König von Preußen richten. Man denke, Lassalle, der noch einige
Jahre zuvor geschrieben hatte (vgl. S. 88 dieser Schrift), er habe zu
seinem Leidwesen erst in Berlin gesehen, „wie wenig entmonarchisiert”
das Volk in Preußen sei, Lassalle, der in Frankfurt am Main ausgerufen
hatte: „Ich habe keine Lust und keinen Beruf, zu andern zu sprechen, als
zu Demokraten”, er, der als Führer der neuen Bewegung doch vor allem die
Pflicht hatte, seinen Anhängern das Beispiel demokratischen Stolzes zu
geben, ermuntert sie, vom König von Preußen Begnadigung zu erbetteln.
Indes, die Arbeiter zeigten sich hier taktfester als ihr Führer. Am 20.
April 1864 meldet der Solinger Bevollmächtigte Klings, daß gegen
Lassalles Vorschlag allgemeine Abneigung herrsche. Sämtliche
Hauptmitglieder des Vereins hätten sich dagegen ausgesprochen. „Die
beiden von hier Verurteilten gehören zu der entschiedensten
Arbeiterpartei und würden, selbst wenn es vier Jahre wären, nicht zu
bewegen sein, ein Gnadengesuch einzureichen, weil es ihren Gesinnungen
widerstreitet, Sr. Majestät verpflichtet zu sein.”
Dieser Widerstand erweckte das demokratische Gewissen Lassalles, und er
schrieb an Klings, die Weigerung der Leute erfülle ihn mit großem Stolz.
Aber den Gedanken der Adresse an den König gab er noch immer nicht auf,
sondern suchte nachzuweisen, daß diese auch ohne das Gnadengesuch der
Verurteilten von großem Nutzen sein könne. Es kann, heißt es wörtlich,
„vielleicht auch noch folgender Nutzen eintreten, daß, wenn die Adresse
von mehreren tausend Arbeitern unterschrieben ist, man diesem Schritte
oben eine -- für uns ganz unverbindliche -- Auslegung gibt, durch welche
man sich um so mehr ermutigt fühlt, bei kommender Gelegenheit an die
Oktroyierung des allgemeinen und direkten Wahlrechts zu gehen: ein
Schritt, den man, wie Ihnen der beigefügte Leitartikel der
ministeriellen Zeitung (die damals veröffentlichte Sternzeitung) zeigt,
oben jetzt gerade wieder hin und her überlegt”. Indes auch diese
Perspektive vermochte die Solinger nicht von der Richtigkeit des
empfohlenen Schrittes zu überzeugen, und so blieb der Bewegung diese
Bloßstellung erspart.
Als Lassalle anfangs Oktober 1863 nach Berlin zurückkehrte, ging er
zunächst mit allem Eifer daran, die Hauptstadt für seine Sache zu
erobern. Er verfaßte einen Aufruf „An die Arbeiter Berlins”, ließ ihn
in 16000 Exemplaren abziehen und einen Teil davon unentgeltlich unter
den Arbeitern Berlins verbreiten. Obwohl der Aufruf sehr wirksam
geschrieben ist und namentlich geschickt an die entstellten Berichte
der Berliner fortschrittlichen Presse („Volkszeitung” und „Reform”)
über die rheinischen Versammlungen anknüpft, war der Erfolg doch
zunächst ein sehr bescheidener. Die ersten Versammlungen Lassalles in
Berlin fanden in kleineren Sälen statt und gaben zu allerhand Gespött
Anlaß, und als in der ersten größeren Versammlung Lassalle auf
Requisition der Berliner Staatsanwaltschaft verhaftet wurde,
klatschten fanatisierte Arbeiter sogar dazu Beifall. Die Mehrheit der
Personen, die sich als Neugierige oder unter dem Eindruck der
Vorträge Lassalles in die Listen hatten einzeichnen lassen, fielen
bald wieder ab, so daß der Verein, der Anfang Dezember 1863 es bis
auf über 200 Mitglieder in Berlin gebracht hatte, im Februar 1864
kaum noch drei Dutzend Mitglieder zählte, wovon obendrein ein großer
Teil Nichtarbeiter waren.
Neben der Agitation beschäftigten Lassalle auch sehr stark seine
Prozesse und sonstigen Kämpfe mit den Behörden. Denn so angenehm dem
Ministerium Bismarck auch seine Agitation war, soweit diese sich gegen
die Fortschrittspartei kehrte, so wußte es doch sehr gut, daß es in
Lassalle keinen Helfer hatte, der sich als willfähriges Werkzeug
gebrauchen ließ. Es konnte ihm also nur angenehm sein, wenn die unteren
Behörden fortfuhren, Lassalle mit Prozessen usw. zu überschütten.
Dadurch kam es in die Lage, entweder zur rechten Zeit einen unbequemen
Dränger loszuwerden oder vielleicht gar ihn doch „mürbe” zu bekommen.
Wie dem jedoch sei, die Staatsanwaltschaft in Düsseldorf ließ die Rede
„Die Feste, die Presse usw.” konfiszieren und erhob gegen Lassalle
Anklage auf Verletzung der §§ 100, 101 des Preußischen Strafgesetzbuches
(Aufreizung und Verbreitung erdichteter Tatsachen behufs Herabsetzung
von Anordnungen der Obrigkeit). Der Prozeß verursachte Lassalle
unendlich viel Scherereien und endete, nachdem Lassalle in erster
Instanz in contumaciam zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden war,
mit seiner Verurteilung in zweiter Instanz zu sechs Monaten Gefängnis.
Wegen der Flugschrift „An die Arbeiter Berlins” erhob die
Staatsanwaltschaft in Berlin Anklage wegen Hochverrats gegen Lassalle
und ließ auch, wie bereits erwähnt, Lassalle in Untersuchungshaft
nehmen, aus der er jedoch gegen Kaution freigelassen wurde. Beides,
Anklage wie Verhaftsbefehl, mochten indes der persönlichen Rachsucht des
Staatsanwalts von Schelling entflossen sein, den Lassalle ein Jahr
vorher in seiner Verteidigung vor dem Stadtgericht so bös zerzaust
hatte. In der Gerichtsverhandlung, die am 12. März 1864 vor dem
Staatsgerichtshof in Berlin stattfand, beantragte der Staatsanwalt nicht
weniger als drei Jahre Zuchthaus und fünf Jahre Polizeiaufsicht gegen
Lassalle; das Gericht erkannte jedoch, soweit die Anklage auf Hochverrat
lautete, auf Freisprechung und überwies die Behandlung der
untergeordneteren, von der Staatsanwaltschaft behaupteten Verstöße gegen
das Strafgesetz der zuständigen Gerichtsabteilung.
Die Verteidigungsrede in diesem Prozeß ist ein wichtiges Dokument für
die Geschichte der Lassalleschen Agitation. Bevor wir jedoch auf sie
eingehen, haben wir noch der großen sozialpolitischen Arbeit Lassalles
zu erwähnen, die Ende Januar 1864 die Presse verließ und als sein
propagandistisches Hauptwerk bezeichnet werden muß. Es ist dies die
Streitschrift „Herr Bastiat-Schulze von Delitzsch, der ökonomische
Julian, oder Kapital und Arbeit”.
Es wurde gelegentlich bereits der Vorträge erwähnt, die
Schulze-Delitzsch im Frühjahr 1863 im Berliner Arbeiterverein hielt und
unter dem Titel „Kapitel zu einem deutschen Arbeiterkatechismus” als
Gegenschrift gegen die Lassallesche Agitation veröffentlichte. Diese,
aus den plattesten Gemeinplätzen der liberalen Ökonomie
zusammengesetzten Vorträge nun boten Lassalle eine willkommene Handhabe,
den auf der Höhe seines Ruhms stehenden Schulze und mit ihm die Partei,
die in ihm ihren ökonomischen Heros verehrte, jetzt auch theoretisch zu
vernichten. Berücksichtigt man, daß Lassalle zu systematischen
ökonomischen Arbeiten nicht gekommen war, sondern gerade in dem Moment,
wo er sich an die Vorarbeiten zu seinem ökonomischen Werk machen wollte,
durch die praktische Agitation davon abgelenkt wurde, und zieht man
außerdem in Betracht, daß Lassalle, während er den „Bastiat-Schulze”
schrieb, durch seine Prozesse und die Arbeiten für die Leitung des
Vereins fortgesetzt in Anspruch genommen war, so kann man nicht umhin,
in diesem Buch einen neuen Beweis für das außergewöhnliche Talent, die
staunenswerte Vielseitigkeit und Elastizität des Lassalleschen Geistes
zu erblicken. Freilich trägt der „Bastiat-Schulze” daneben auch aufs
deutlichste die Spuren seines Entstehens. So sehr die Form der Polemik
der Popularität der Schrift zugute kommt, sind die Umstände, unter denen
diese Polemik erfolgte, die hochgradige Gereiztheit Lassalles, die um so
größer war, als Lassalle wohl selbst fühlte, daß er immer mehr in eine
falsche Position geriet -- die Enttäuschung einerseits, und das
Bestreben, sich über diese Enttäuschung selbst hinwegzutäuschen,
andererseits, dem Ton der Polemik sehr verhängnisvoll gewesen. Aber auch
inhaltlich ist sie keineswegs immer auf der Höhe des Gegenstandes,
sondern verliert sich oft in kleinliche Wortklauberei, die obendrein
nicht einmal immer in der Sache zutrifft[31]. Dazu ist der sachliche
und theoretische Teil, so brillant die Einzelheiten vielfach sind, nicht
frei von Widersprüchen. Als Ganzes genommen hat der „Bastiat-Schulze”
jedoch das große Verdienst, den historischen Sinn und das Verständnis
für die tieferen Probleme der Ökonomie unter den deutschen Arbeitern in
hohem Grade gefördert zu haben. Stellenweise erhebt sich die Darstellung
auf die Höhe des Besten, was Lassalle je geschrieben hat, an diesen
Stellen leuchtet sein Genius noch einmal in seinem hellsten Glanze auf.
Fußnoten:
[30] Ich erinnere mich, obwohl ich damals noch ein Schulknabe war,
noch sehr gut jener Epoche; aus ihr datieren meine ersten politischen
Eindrücke. In der Schulklasse, auf dem Turnplatz -- überall wurde
in jenen Tagen politisiert, und natürlich gaben wir Knaben nur
in unserer Art wieder, was wir im elterlichen Hause, in unserer
Umgebung, zu vernehmen pflegten. Meine Mitschüler gehörten den
bürgerlichen Klassen, meine Spielkameraden dem Proletariat an, aber
die einen wie die andern waren gleich fest davon überzeugt, daß eine
Revolution „kommen muß”, denn „mein Vater hat es auch gesagt”.
Jede Äußerung der Wortführer der Fortschrittspartei, die als
ein Hinweis auf die Revolution gedeutet werden könnte, wurde
triumphierend von Mund zu Mund kolportiert, desgleichen Spottverse
auf den König und seine Minister.
[31] So ist z. B. gleich der erste Einwurf Lassalles gegen
Schulze-Delitzsch, „Bedürfnis” und „Trieb nach Befriedigung”
seien „nur zwei verschiedene Wortbezeichnungen für dieselbe Sache”
falsch. Beides fällt in der Regel zusammen, ist aber keineswegs
dasselbe. Einige Seiten darauf macht sich Lassalle darüber lustig,
daß Schulze-Delitzsch den Unterschied zwischen menschlicher und
tierischer Arbeit darin erblicke, daß die erstere Arbeit für künftige
Bedürfnisse sei, verfällt aber seinerseits in den noch größeren
Fehler, diesen Unterschied einfach darin zu sehen, daß der Mensch mit
Bewußtsein, das Tier ohne solches tätig sei. Und ähnlich an anderen
Stellen.
Lassalle und Bismarck.
Was Lassalle nach dem „Bastiat-Schulze” gesprochen und geschrieben
hat, trägt immer deutlicher die Züge der inneren Ermattung, der
geistigen Abspannung. Die Energie ist nicht mehr die ursprüngliche,
das natürliche Produkt des Glaubens an die eigene Kraft und die
Stärke der verfochtenen Sache, sondern nur noch eine erzwungene. Man
vergleiche das „Arbeiterprogramm” mit der Ronsdorfer Rede, die
Verteidigungsrede „Die Wissenschaft und die Arbeiter” mit der
Verteidigungsrede im Hochverratsprozeß, und man wird das hier Gesagte
verstehen. Die innere Kraft ist gewichen und Kraftausdrücke treten an
ihre Stelle, logisches Blendwerk ersetzt die zwingende logische
Beweisführung, und statt zu überzeugen, verlegt sich Lassalle immer
mehr auf das Überschreien. Was er vor kurzem noch den Fortschrittlern
vorgeworfen, tut er jetzt selbst -- er berauscht sich in erdichteten
Erfolgen.
Im Hochverratsprozeß braucht Lassalle zu seiner Verteidigung gegen die
Behauptung der Anklage, daß der Hintergedanke seiner Agitation die
schließliche Anwendung der physischen Gewalt sei, mit großem Geschick
das Bild des Schillerschen Wallenstein am Vorabend von dessen Übertritt
zu den Schweden und zitiert die Verse des Monologs im ersten Akt von
„Wallensteins Tod”:
„Wär's möglich? -- könnt' ich nicht mehr, wie ich wollte?
Nicht mehr zurück, wie mir's beliebt?”
Es ist merkwürdig, wie sehr diese Verse auf Lassalles eigene Situation
um jene Zeit passen, wie sehr seine Lage der Wallensteins, als dieser
jene Worte sprach, ähnlich war. Auch er hatte, wie der Friedländer -- um
sein eigenes Bild zu brauchen -- „Dinge getan, welche er à deux mains
verwenden konnte”. Er hatte sich nicht damit begnügt, die Vorgänge in
der inneren und äußeren Politik objektiv zu studieren, um den günstigen
Moment zur Aktion für seine Pläne auszunützen, er war bereits dazu
übergegangen, mit dem Vertreter der einen der Mächte, gegen die er
kämpfte, zu verhandeln, er war mit Herrn von Bismarck in direkte
Unterhandlung getreten. Sicherlich konnte auch er noch wie Wallenstein
sagen:
„Noch ist sie rein -- noch! das Verbrechen kam
Nicht über diese Schwelle noch!”
Noch war er keine Verpflichtungen eingegangen. Aber war er auch
innerlich noch frei? Konnte nicht auch ihn die Logik der Tatsachen dazu
treiben, die „Tat” zu vollbringen, weil er „nicht die Versuchung von
sich wies”?