Aber es genügt noch nicht, daß Lassalle an die Richtigkeit seines

Mittels glaubte, um es zu rechtfertigen, daß er über sein Ziel sich so

unbestimmt wie nur möglich äußerte. Er, der in dem schon zitierten

Aufsatz über den „Franz von Sickingen” so trefflich dargelegt hatte,

welche Gefahr darin liegt, „die wahren und letzten Zwecke der Bewegung

andern (‚und beiläufig eben dadurch häufig sogar sich selbst’) geheim

zu halten”, der in diesem Geheimhalten bei Sickingen dessen

„sittliche Schuld” erblickt hatte, die seinen Untergang herbeiführen

mußte, den Ausfluß eines Mangels an Zutrauen in die Macht der von ihm

vertretenen Idee, ein „Abweichen von seinem Prinzip”, ein „halbes

Gebrochensein” -- er gerade zuletzt hätte sich darauf verlegen

dürfen, die Bewegung auf ein Mittel, statt auf den wirklichen Zweck

zuzuspitzen. Die Entschuldigung, daß man diesen Zweck dem „Mob” noch

nicht sagen durfte, oder daß die Massen für ihn noch nicht zu

gewinnen waren, trifft nicht zu. Waren die Massen für das wirkliche

Ziel der Bewegung noch nicht zu interessieren, so war diese

überhaupt verfrüht und dann konnte auch das Mittel, selbst wenn

erlangt, nicht zum Ziele führen. In den Händen einer Arbeiterschaft,

die ihre weltgeschichtliche Mission noch nicht zu begreifen vermag,

konnte das allgemeine Wahlrecht mehr schaden als nützen und mußten

die Produktivgenossenschaften mit Staatskredit nur der bestehenden

Staatsgewalt zugute kommen, ihr Prätorianer liefern. War aber die

Arbeiterschaft entwickelt genug, das Ziel der Bewegung zu begreifen,

dann mußte dieses auch offen ausgesprochen werden. Es brauchte damit

noch nicht als unmittelbares, über Nacht zu verwirklichendes Ziel

hingestellt zu werden, aber nicht nur der Führer, sondern auch jeder

der Geführten mußte wissen, welchem Ziel das Mittel galt, und daß es

nichts als Mittel zu diesem Ziele war. Die Masse wäre dadurch nicht

mehr vor den Kopf gestoßen worden, als es durch den Kampf um das

Mittel selbst geschah. Lassalle weist selbst darauf hin, wie fein der

Instinkt der herrschenden Klassen ist, wenn es sich um ihre Existenz

handelt. „Individuen,” sagt er in dieser Beziehung mit Recht, „sind

zu täuschen, Klassen niemals.”

Wem das im Vorstehenden Ausgeführte doktrinär erscheint, der sei auf die

Geschichte der Bewegung unter und nach Lassalle verwiesen. Und damit

will ich zum Schluß auf dieses Thema übergehen.

Fußnoten:

[24] „Neue Zeit”, Jahrgang 1890/91: „Zur Frage des ehernen

Lohngesetzes.” Die so betitelte Abhandlung ist von mir später

gesondert in das Buch „Zur Theorie des Lohngesetzes und Verwandtes”

(erster Teil der Sammelschrift „Zur Theorie und Geschichte des

Sozialismus”, Berlin, Ferd. Dümmler) übernommen worden.

[25] Proudhon selbst hatte die Produktivassoziation Louis Blanc

„entlehnt” -- richtiger, Louis Blancs Assoziationsplan in seiner

Weise umgearbeitet. Lassalles Vorschlag nimmt eine Mittelstellung

zwischen Louis Blancs und Proudhons Vorschlägen ein; mit dem ersteren

hat er die Staatshilfe, mit dem letzteren die Selbständigkeit der

Assoziation gemein.

[26] In der von Prof. Ad. Wagner besorgten Ausgabe der Lassalleschen

Briefe heißt es „nicht gehört”. Das „nicht” beruht aber, wie

sich im folgenden zeigt, auf einem Druckfehler. Es fehlt auch in dem

Abdruck des Briefes bei Rudolph Meyer (vgl. a. a. O. S. 463).

[27] D. h. als der Überschuß des Bodenertrags über einen gewissen

Mindestsatz, unter dem Boden überhaupt nicht bewirtschaftet wird,

weil er nicht einmal vollwertige Bezahlung für die in ihn gesteckte

Arbeit abwirft.

[28] Hier nicht zu verwechseln mit den Vorschlägen von Henry George,

Flürscheim usw., da Lassalle die allgemeine Verwirklichung der

Assoziationen voraussetzt, ohne welche, wie wir früher gesehen haben,

jede Steuerreform nach seiner Ansicht am ehernen Lohngesetz scheitern

müßte.

[29] Auch war es bei solcher Auffassung nur logisch, wenn Lassalle

z. B. in seiner Leipziger Rede „Zur Arbeiterfrage” den sogenannten

Manchestermännern u. a. schon daraus einen Vorwurf machte, daß

sie, wenn sie könnten, den Staat „untergehen lassen würden in der

Gesellschaft”. Tatsächlich liegt das Bezeichnende jedoch darin, daß

die Manchestermänner den Staat in der kapitalistischen Gesellschaft

untergehen lassen wollen.

Gründung und Führung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins.

Die Einzelheiten der Lassalleschen Agitation können hier nicht

dargestellt werden, soll diese Schrift nicht den Umfang eines ganzen

Werkes annehmen; ich muß mich vielmehr darauf beschränken, vorderhand

nur die allgemeinen Züge der Bewegung hervorzuheben.

Das „Offene Antwortschreiben” hatte zunächst nur zum Teil die Wirkung,

die Lassalle sich von ihm versprach. Wohl durfte er an Gustav Levy in

Düsseldorf und andere schreiben: „Das Ganze liest sich mit solcher

Leichtigkeit, daß es dem Arbeiter sofort sein muß, als wüßte er es schon

jahrelang!” Die Schrift war wirklich ein agitatorisches Meisterwerk,

sachlich und doch nicht trocken, beredt, ohne ins Phrasenhafte zu

verfallen, voller Wärme und zugleich mit scharfer Logik geschrieben.

Aber -- die Arbeiter lasen sie vorerst überhaupt nicht; nur wo der Boden

bereits vorbereitet war, schlug sie in den Reihen der Arbeiterschaft

ein. Dies war der Fall, wie wir gesehen haben, in Leipzig, desgleichen

in Frankfurt a. M., in einigen größeren Städten und Industrieorten am

Rhein und in Hamburg. Teils hatten zurückgekehrte politische Flüchtlinge

eine sozialistische Propaganda im kleinen entfaltet, teils lebten, wie

namentlich am Rhein, die Traditionen der sozialistischen Propaganda aus

der Zeit vor und während der 1848 er Revolution wieder auf. Aber das

Gros der Arbeiter, die an der politischen Bewegung teilnahmen, blieb auf

längere Zeit hinaus noch von dem ergangenen Appell unberührt und

betrachtete Lassalle mit denselben Augen wie die meisten Führer der

Fortschrittspartei -- als einen Handlanger der Reaktion.

Was nämlich die Fortschrittspartei in Preußen und außerhalb Preußens

anbetrifft, so hatte bei dieser allerdings das „Antwortschreiben” einen

wahren Sturm erregt -- nämlich einen wahren Sturm der Entrüstung, der

leidenschaftlichen Erbitterung. Sie waren sich so groß vorgekommen, so

erhaben in ihrer Eigenschaft als Ritter der bedrohten Volksrechte, und

nun wurde ihnen plötzlich von links her zugerufen, daß sie keinen

Anspruch auf diesen Titel, daß sie sich des Vertrauens, das ihnen das

Volk bisher entgegengebracht, unwürdig erwiesen hätten und daß daher

jeder, der es mit der Freiheit aufrichtig meine, insbesondere jeder

Arbeiter, ihnen den Rücken zu kehren habe. Eine solche Beschuldigung

verträgt keine kämpfende Partei, am allerwenigsten, wenn sie sich in

einer Situation befindet, wie damals die Fortschrittspartei. Die

Feindseligkeiten zwischen ihr und der preußischen Regierung hatten

allmählich einen Höhegrad erreicht, daß eine gewaltsame Lösung des

Konfliktes fast unvermeidlich schien, jedenfalls mußte man sich auf das

Äußerste gefaßt machen. Auf die Deduktionen der Regierungsorgane, daß

die Fortschrittspartei gar nicht das wirkliche Volk hinter sich habe,

hatte diese bisher mit Hohn und Spott antworten können, das Volk, das

politisch denke, stehe einmütig hinter ihr, und in dieser Zuversicht

hatte sie eine immer drohendere Sprache geführt. Denn wenn die

Fortschrittler auch keine große Lust hatten, Revolution zu machen, an

Drohungen mit ihr ließen sie es darum doch nicht fehlen[30].

Und gerade in einem solchen Augenblick sollte man sich von einem Manne,

der als Demokrat, als Gegner der Regierung auftrat, vorwerfen lassen,

man habe die Sache des Volkes preisgegeben, ruhig mitansehen, wie dieser

Mensch die Arbeiter unter einem neuen Banner um sich zu scharen suchte?

Das hieß ihnen Unmenschliches zumuten.

Schon der Selbsterhaltungstrieb gebot den Fortschrittlern ihr

Möglichstes zu versuchen, die Lassallesche Agitation nicht aufkommen zu

lassen, und die nachträgliche Kritik hat es daher nur mit dem Wie dieser

Gegenwehr zu tun, nicht mit der Tatsache selbst, die zu begreiflich ist,

um zu irgendwelcher Betrachtung Anlaß zu bieten. Die Art der Gegenwehr

nun kann kaum anders bezeichnet werden, als mit dem Wort: kläglich. Daß

die Fortschrittler Lassalle als einen Handlanger der Reaktion

hinstellten, ist eigentlich noch das geringste, was ihnen zum Vorwurf

gemacht werden könnte. Denn es läßt sich nun einmal nicht bestreiten,

daß Lassalles „Antwortschreiben” zunächst Wasser auf die Mühle der

preußischen Regierung sein mußte. Statt sich aber darauf zu beschränken,

Lassalle in denjenigen Punkten entgegenzutreten, in denen sie eine

starke Position, oder, wie die Engländer es nennen, „einen starken

Fall” ihm gegenüber hatten, bissen sie gerade auf diejenigen seiner

Angriffe an, die sie bei ihrer schwachen Seite trafen, und

entwickelten dabei eine geistige Ohnmacht, die in ihrer Hilflosigkeit

hätte Mitleid erregen können, wenn sie nicht zugleich mit einer so

riesigen Dosis von Selbstüberhebung gepaart gewesen wäre. Lassalles

einseitiger Staatsidee setzten sie eine bis ins Abgeschmackte

getriebene Verleugnung aller sozialpolitischen Aufgaben des

Staats gegenüber, seinem, wie wir gesehen haben, auf zum Teil

unrichtigen Voraussetzungen beruhenden ehernen Lohngesetz die

platteste Verherrlichung der bürgerlich-kapitalistischen

Konkurrenzgesellschaft. In ihrer blinden Wut vergaßen sie so sehr

alle Wirklichkeit, alles, was sie selbst früher in bezug auf die

nachteiligen Wirkungen der kapitalistischen Produktion geschrieben

hatten, daß sie durch die Unsinnigkeit ihrer Behauptungen selbst die

Übertreibungen Lassalles rechtfertigten. Aus kleinbürgerlichen

Gegnern des Kapitalismus wurden die Schulze-Delitzsch und Genossen

über Nacht zu dessen Lobrednern. Man vergleiche nur die im ersten

Abschnitt dieser Schrift (S. 18 ff.) gegebenen Auszüge aus der 1858

erschienenen Schrift des ersteren mit den Ausführungen Schulzes in

seinem „Kapitel zu einem deutschen Arbeiterkatechismus” -- eine

Zusammenstellung von sechs Vorträgen, die letzten davon bestimmt,

Lassalle vor den Berliner Arbeitern kritisch zu vernichten. Während

dort es als eine der schönsten Wirkungen der selbsthilflerischen

Assoziationen bezeichnet wurde, daß sie den Unternehmergewinn

herunterdrücken hülfen, heißt es hier, daß „die Wissenschaft ein

solches Ding wie Unternehmergewinn” gar nicht kenne und also

auch natürlich keinen Gegensatz zwischen Arbeitslohn und

Unternehmergewinn. Sie kenne nur „a) Unternehmerlohn und b)

Kapitalgewinn” (vgl. Schulze-Delitzsch, Kapitel S. 153). Gegenüber

solcher „Wissenschaft” brauchte man nicht einmal ein Lassalle zu

sein, um mit ihr fertig zu werden.

Aber trotz seiner geistigen Überlegenheit, trotz seiner packenden

Rhetorik hatte Lassalle doch den Fortschrittlern gegenüber nicht den

Erfolg, auf den er gerechnet hatte. Von einer Wirkung des „Offenen

Antwortschreibens” gleich der der von Luther an die Wittenberger

Schloßkirche genagelten Thesen -- wie sie Lassalle sich laut dem bereits

erwähnten Schreiben an seinen Freund Levy versprach -- konnte zunächst

auch nicht entfernt die Rede sein. Am 19. Mai 1863 hatte Lassalle in

Frankfurt a. M., nachdem er zwei Tage vorher auf dem dort abgehaltenen

„Arbeitertag des Maingaues” eine vierstündige Rede gehalten, in einer

zum Abschluß derselben anberaumten Volksversammlung die Annahme einer

Resolution durchgesetzt, wonach sich die Anwesenden verpflichteten, für

das Zustandekommen eines allgemeinen deutschen Arbeitervereins im Sinne

Lassalles zu wirken, und am 23. Mai 1863 ward alsdann in Leipzig, in

Anwesenheit von Delegierten aus 11 Städten (Hamburg, Harburg, Köln,

Düsseldorf, Mainz, Elberfeld, Barmen, Solingen, Leipzig, Dresden und

Frankfurt a. M.), der „Allgemeine Deutsche Arbeiterverein” gegründet,

auf Grund von Statuten, die Lassalle im Verein mit dem ihm befreundeten

demokratischen Fortschrittsabgeordneten Ziegler ausgearbeitet hatte.

Gemäß diesen Statuten war die Organisation eine streng zentralistische,

was sich zum Teil durch die deutschen Vereinsgesetze, zum Teil durch den

Umstand erklärt, daß ursprünglich auch an die Gründung eines allgemeinen

Arbeiterversicherungsverbandes gedacht worden war. Der Plan war fallen

gelassen worden, aber Lassalle behielt trotzdem die Bestimmungen der

Statuten bei, die sich lediglich auf ihn bezogen hatten, so namentlich

die persönlicher Spitze und die geradezu diktatorischen Vollmachten für

die Person des Präsidenten, der obendrein auf fünf Jahre unabsetzbar

sein sollte. Es machten sich zwar bereits auf dieser ersten

konstituierenden Versammlung Anzeichen einer Opposition gegen solche

Präsidialgewalt bemerkbar, aber sie konnte gegenüber Lassalles

ausgesprochenem Wunsch auf unveränderte Annahme der Statuten nicht

durchdringen. Mit allen gegen eine Stimme (York aus Harburg) wurde

Lassalle zum Präsidenten erwählt, und nachdem man ihm noch die Befugnis

zugestanden, so oft und auf so lange als er wollte, einen

Vizepräsidenten zu ernennen, nahm er nach einigem Zaudern die Wahl an.

Er war somit anerkannter Führer der neuen Bewegung; diese selbst aber

blieb auf längere Zeit hinaus noch auf eine geringe Anhängerschaft

beschränkt. Drei Monate nach der Gründung betrug die Mitgliederzahl des

Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins kaum 900. An sich wäre das ein gar

nicht zu verachtender Anfang gewesen, aber Lassalle hatte auf ganz

andere Zahlen gerechnet. Er wollte nicht der Leiter einer

Propagandagesellschaft, sondern der Führer einer Massenbewegung sein.

Die Massen aber blieben der neuen Organisation fern.

Lassalle war eine bedeutende Arbeitskraft, er konnte zeitweise eine

wahrhafte Riesenarbeit leisten; aber was ihm nicht gegeben war, das war

das stetige, solide, ausdauernde Schaffen. Der Verein war noch nicht

sechs Wochen alt, da trat der neue Präsident bereits eine mehrmonatige

Erholungsreise an -- zunächst in die Schweiz, dann an die Nordsee.

Freilich blieb Lassalle auch unterwegs nicht untätig. Er unterhielt eine

rege Korrespondenz, suchte alle möglichen Größen für den Verein zu

gewinnen, wobei er übrigens nicht sehr wählerisch vorging, aber gerade

das, worauf es ankam: die Agitation unter den Massen, ließ er ruhen.

Ferner sorgte er unbegreiflicherweise nicht einmal dafür, daß der Verein

wenigstens ein ordentliches Wochenblatt zur Verfügung hatte, obwohl es

ihm an den Mitteln dazu nicht fehlte. Er begnügte sich mit

gelegentlichen Subventionen an Blätter, wie den in Hamburg von dem alten

Freischärler Bruhn herausgegebene „Nordstern” und den in Leipzig von

einem Eigenbrödler, Dr. Ed. Löwenthal, herausgegebene „Zeitgeist”,

womit diese Blätter zeitweise über Wasser gehalten wurden, ohne

jedoch deshalb aufzuhören beständig zwischen Leben und Sterben zu

schweben.

Wie die Masse der Arbeiter, so blieben auch die meisten der

vorgeschrittenen Demokraten und Sozialisten aus den bürgerlichen

Kreisen, an die sich Lassalle mit Einladungen zum Beitritt wandte, dem

Verein fern. Ein großer Teil dieser Leute war, wie bereits erwähnt,

stark verphilistert oder doch auf dem besten Wege zum Philisterium,

andere wurden durch ein unbestimmtes persönliches Mißtrauen gegen

Lassalle davon abgehalten, sich öffentlich für ihn zu erklären, wieder

andere hielten den Zeitpunkt für sehr ungeeignet, die Fortschrittspartei

von links her zu attackieren. Und selbst diejenigen, die dem Verein

beitraten, ließen es meist bei der einfachen Mitgliedschaft bewenden und

verhielten sich im übrigen durchaus passiv. Dafür agitierten zwar andere

Mitglieder des Vereins, ganz besonders die aus der Arbeiterklasse

hervorgegangenen, um so eifriger, und der Sekretär des Vereins, Jul.

Vahlteich, entwickelte eine geradezu fieberhafte Tätigkeit Anhänger für

den Verein zu werben, aber die Erfolge entsprachen durchaus nicht den

Anstrengungen. Auf der einen Seite erwies sich die Gleichgültigkeit der

unentwickelten Masse der Arbeiter, auf der andern die das Interesse des

Augenblicks absorbierende nationale Bewegung in Verbindung mit dem

Verfassungskampf in Preußen als ein fast unübersteigbares Hindernis, so

daß an verschiedenen Orten die Mitglieder des Vereins bereits lebhaft

die Frage diskutierten, ob man nicht durch Anziehungsmittel

unpolitischer Natur, Gründung von Unterstützungskassen usw., das

Werbegeschäft fördern solle.

Lassalle selbst war einen Augenblick geneigt, auf die Diskussion dieser

Frage einzugehen -- vgl. seinen Brief vom 29. August 1863 an den

Vereinssekretär (zitiert bei B. Becker, Geschichte der Arbeiteragitation

usw. S. 83) --, er kam aber wieder davon ab, weil er einsah, daß der

Verein damit notwendigerweise seinen Charakter ändern mußte. Er würde

aufgehört haben, eine jederzeit disponible politische Maschine

abzugeben, und nur als eine solche hatte er in den Augen Lassalles Wert.

Noch in den Bädern entwarf Lassalle die Grundgedanken einer Rede, mit

der er bei seiner Rückkehr die Agitation wieder aufnehmen wollte, und

zwar zunächst am Rhein, wo der Boden sich ihm am günstigsten erwiesen

hatte. Es ist dies die Rede „Die Feste, die Presse und der Frankfurter

Abgeordnetentag”.

Diese Rede, die Lassalle in den Tagen vom 20. bis 29. September 1863 in

Barmen, Solingen und Düsseldorf hielt, bezeichnet den Wendepunkt in

seiner Agitation. Welche Einflüsse während der Sommermonate auf ihn

eingewirkt hatten, wird wohl kaum festgestellt werden können, indes wird

man nicht fehlgehen, wenn man auf die Gräfin Hatzfeldt und ihre

Verbindungen schließt. Die Hatzfeldt hatte begreiflicherweise fast ein

noch größeres Streben, Lassalle vom Erfolg emporgehoben zu sehen, als

dieser selbst; für sie ging das Interesse am Sozialismus vollständig auf

im Interesse an Lassalle, durch dessen Vermittlung sie überhaupt erst

zum Sozialismus gekommen war. Sie wurde auch sicherlich nur durch ihre

große Zuneigung zu Lassalle getrieben, wenn sie ihm zu Schritten riet,

die wohl versprachen, seinem persönlichen Ehrgeiz Befriedigung zu

verschaffen, die aber die Bewegung selbst im höchsten Grade

kompromittieren konnten. Für sie war eben die Bewegung Lassalle und

Lassalle die Bewegung, sie betrachtete die Dinge meist durch die Brille

der vermeintlichen Interessen Lassalles. Solche uneigennützigen Freunde

sind indessen in der Regel von sehr zweifelhaftem Wert. Sind sie aber

obendrein noch durch Erziehung, Lebensstellung usw. in besonderen

Klassenvorurteilen befangen und haben sie keinen eigenen selbständigen

Wirkungskreis, so wirkt ihre Fürsorge zuweilen schlimmer als Gift. Sie

bestärken den Gegenstand ihrer Liebe in allen seinen Fehlern und

Schwächen, sie reizen beständig seine Empfindlichkeit, indem sie ihn auf

jedes Unrecht aufmerksam machen, das ihm scheinbar geschehen; mehr als

der Beleidigte selbst verzehren sie sich im Durst nach Rache für dieses

Unrecht, sie hetzen und schüren und intrigieren -- alles in bester

Absicht, aber zum größten Schaden dessen, für den es vermeintlich

geschieht.

Die Hatzfeldt war in ihrer Art eine gescheite Frau, die Lassalle, so

sehr sie ihm an Wissen und Energie nachstand, doch in bezug auf

Erfahrung überlegen war. Wo seine Leidenschaft nicht im Wege stand, gab

er viel auf ihren Rat; er mußte doppelt auf ihn wirken, wo er seinen

Leidenschaften Vorschub leistete. In einem am Schluß seiner Laufbahn

geschriebenen Briefe an die Gräfin macht Lassalle dieser gegenüber die

Bemerkung, sie sei es ja eigentlich gewesen, die ihn zur Annahme des

Präsidiums des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins veranlaßt habe.

Das ist sicherlich nicht wörtlich zu nehmen. Lassalle hätte wohl auch

ohne die Gräfin das Präsidium angenommen. Aber in solchen Situationen

läßt man sich besonders gern durch gute Freunde zu dem bestimmen, was

man selbst möchte, weil es die Verantwortlichkeit zu mindern scheint.

Die Gräfin wird also Lassalles Bedenken beschwichtigt haben, und es

liegt der Schluß mehr als nahe, daß sie es mit Verweisung auf die Dinge

getan haben wird, die sich in den oberen Regionen Preußens damals

vorbereiteten. Es sei nur an die Erklärung Lassalles in seiner

Verteidigungsrede im Hochverratsprozeß erinnert, daß er schon vom ersten

Tage, wo er seine Agitation begann, gewußt habe, daß Bismarck das

allgemeine Wahlrecht oktroyieren werde, und an die weitere Erklärung,

daß, als er das „Offene Antwortschreiben” erließ, ihm „klar” war,

daß „große auswärtige Konflikte bevorstehen, Konflikte, welche es

unmöglich machen, das Volk zu ignorieren”. Er stellt es zwar dort so

hin, als ob dies jeder hätte wissen müssen, der die Ereignisse mit

sicherem Blick verfolge, aus seinen Briefen an Marx haben wir aber

gesehen, wie sehr er sich bei seinen politischen Schritten durch die

„Informationen” beeinflussen ließ, die ihm aus „diplomatischen

Quellen” über die Vorgänge in Regierungskreisen zugingen.

Die Hatzfeldt war durch das langsame Wachstum des Allgemeinen deutschen

Arbeitervereins sicherlich noch mehr enttäuscht worden, als Lassalle

selbst. Durch ihren ganzen Bildungsgang auf die Mittel der Intrige und

stillen Diplomatie abgerichtet, mußte sie auch jetzt darauf verfallen,

hinten herum das zu erreichen, was auf dem Wege des offenen Kampfes sich

als so schwer zu erreichen erwies. In diesem Streben fand sie an

Lassalles Geneigtheit, Erfolge, die er sich einmal als Ziel gesetzt, um

jeden Preis zu erzwingen, an seinem rücksichtslosen Temperament und

seinem hochgradigen Selbstgefühl nur zu bereitwillige Unterstützung.

Inwieweit damals schon die Fäden angeknüpft waren, die später Lassalle

ins Palais des Herrn von Bismarck führten, läßt sich heute nicht mehr

feststellen, aber sowohl die Worte, welche Lassalle, als er die Rede

„Die Feste, die Presse usw.” für den Druck niederschrieb, an seinen

Freund Levy richtete: „Was ich da schreibe, schreibe ich bloß für ein

paar Leute in Berlin,” als auch vor allem der Inhalt der Rede selbst

beweisen, daß an diesen Fäden mindestens eifrig gesponnen wurde. Die

Rede ist gespickt mit Angriffen auf die Fortschrittspartei, die

teilweise sehr übertrieben sind, während dagegen dem Minister Bismarck

unumwunden geschmeichelt wird. Hatten bis dahin stets der Demokrat und

der Sozialist in Lassalle die demagogische Ader in ihm gemeistert, so

meistert hier der Demagoge die ersteren.

Im Juni 1863 hatte die preußische Regierung, nachdem sie den Landtag

nach Hause geschickt, die berüchtigten Preßordonnanzen erlassen, welche

die Verwaltungsbehörden ermächtigten, nach vorheriger zweimaliger

Verwarnung das fernere Erscheinen irgendeiner inländischen Zeitung oder

Zeitschrift „wegen fortdauernder, die öffentliche Wohlfahrt

gefährdender Haltung zeitweise oder dauernd” zu verbieten. Die

liberale Presse, ausschließlich in den Händen von Privatunternehmern,

hatte daraufhin meist es vorgezogen, während der Dauer der

Preßordonnanzen überhaupt nichts mehr über die innere Politik zu

schreiben. Das war gewiß nichts weniger als tapfer, aber es war auch

nicht so schlimmer Verrat an der eigenen Sache als wie Lassalle es

hinstellt. Lassalle übersah geflissentlich, daß Bismarcks Absicht

beim Erlaß der Preßordonnanz eben gewesen war, die ihm verhaßten

Blätter der Opposition geschäftlich zu ruinieren, um seine eigene

oder eine ihm genehme Presse an ihre Stelle zu bringen. In der

Begründung der Preßordonnanz hatte es ausdrücklich geheißen:

„Die positive Gegenwirkung gegen die Einflüsse derselben (d. h. der

liberalen Presse) vermittelst der konservativen Presse kann schon

deshalb den wünschenswerten Erfolg nur teilweise haben, weil die

meisten der oppositionellen Organe durch eine langjährige Gewöhnung

des Publikums und durch die industrielle Seite der betreffenden

Unternehmungen eine Verbreitung besitzen, welche nicht leicht zu

bekämpfen ist.”

Wenn also die liberalen Blätter es nicht darauf ankommen ließen,

verboten zu werden, so erhielt die Regierung auch keine Möglichkeit,

andere Blätter an deren Stelle einzuschmuggeln oder jenen die Annoncen

abspenstig zu machen. Der eine Zweck der Maßregel wurde also gerade

durch dies zeitweilige Schweigen über die innere Politik vereitelt.

Nicht minder aber auch der zweite, direkt politische Zweck. Lassalle

meint in seiner Rede, wenn die liberale Presse sich hätte verbieten

lassen, wenn der Spießbürger nicht mehr beim Frühstück seine gewohnte

Zeitung bekommen hätte, dann würde die Erbitterung über die

Preßordonnanzen im Volke aufs höchste gesteigert worden sein und die

Regierung sich gezwungen gesehen haben, nachzugeben. Indes, die

Erbitterung war nicht minder groß, wenn der Spießer zwar seine gewohnte

Zeitung forterhielt, aber ihm zugleich Tag für Tag am Inhalt derselben

vordemonstriert wurde, daß seinem Organ ein Knebel angelegt war, wenn er

zwar sein Blatt, aber ohne den geliebten Leitartikel erhielt.

Zudem war die Preßordonnanz eine Maßregel, die nicht aufrechtzuerhalten

war, sobald der Landtag wieder zusammentrat. Es handelte sich um ein

Provisorium, und die liberalen Blätter hatten gar keine Ursache, während

desselben, Bismarck zuliebe -- wie Lassalle es ausdrückt -- „mit Ehren

zu sterben”.

Ferdinand Lassalle: Eine Würdigung des Lehrers und Kämpfers · 第 14 / 18 段