Arbeiterklasse in der heutigen Gesellschaft eine Tatsache hinstellte,
die gar nicht das charakterisierende Merkmal der modernen
Produktionsweise ist -- denn, wie gesagt, den vollen Arbeitsertrag hat
der Arbeiter zu keiner Zeit erhalten -- war der Hauptfehler seines
Abhilfemittels von vornherein angezeigt. Es ignoriert, oder, um Lassalle
auch nicht Unrecht zu tun, es unterschätzt die Stärke und den Umfang der
Gesetze der Warenproduktion und deren wirtschaftliche und soziale
Rückwirkungen auf das gesamte moderne Wirtschaftsleben. Wir müssen hier
wieder genau unterscheiden zwischen Lassalles Mittel und Lassalles Ziel.
Sein Ziel war natürlich, die Warenproduktion aufzuheben, sein Mittel
aber ließ sie unangetastet. Sein Ziel war die gesellschaftlich
organisierte Produktion, sein Mittel die individuelle Assoziation, die
sich von der Schulzeschen zunächst nur dadurch unterschied, daß sie mit
Staatskredit, mit Staatsmitteln ausgestattet werden sollte. Alles
weitere, der Verband der Assoziationen usw., bleibt bei ihm der
freiwilligen Entschließung jener überlassen -- es wird von ihnen erwartet,
aber ihnen nicht zur Bedingung gemacht. Der Staat sollte nur Arbeitern,
die sich zu assoziieren wünschten, die erforderlichen Mittel dazu auf
dem Wege der Kreditgewährung vorstrecken.
Die Assoziationen einer bestimmten Industrie würden also, solange sie
nicht diese ganze Industrie umfaßten, mit den bestehenden Unternehmungen
ihres Produktionszweigs in Konkurrenz zu treten, sich den Bedingungen
dieser Konkurrenz zu unterwerfen haben. Damit war als unvermeidliche
Folge auch gegeben, daß sich im Schoße der Assoziationen
Sonderinteressen herausentwickeln mußten, daß jede Assoziation danach
streben mußte, ihren Gewinn so hoch als möglich zu steigern, sei es auch
auf Kosten andrer Assoziationen oder andrer Arbeitskategorien. Ob mit
Staatskredit oder nicht, die Assoziationen blieben Privatunternehmungen
von mehr oder minder großen Gruppen von Arbeitern. Individuelle
Eigenschaften, individuelle Vorteile, individuelle Glückschancen mußten
daher bei ihnen eine hervorragende Rolle spielen, die Frage von Gewinn
und Verlust für sie dieselbe Bedeutung erhalten, wie für andre
Privatunternehmungen. Lassalle glaubte zwar erstens -- gestützt darauf,
daß 1848 in Paris der Andrang zu den Produktivgenossenschaften sehr
stark war --, daß sich sofort mindestens alle Arbeiter bestimmter
Industrien an den einzelnen Orten zu je einer großen Assoziation
zusammentun würden, und sprach sich zweitens im „Bastiat-Schulze”
später sogar dahin aus, daß der Staat in jeder Stadt immer „nur einer
Assoziation in jedem besonderen Gewerkszweig den Staatskredit zuteil
werden” lassen würde, „allen Arbeitern dieses Gewerkes den Eintritt in
dieselbe offen haltend”, aber selbst solche örtlich einheitlich
organisierten Assoziationen blieben noch immer in nationaler Konkurrenz.
Die nationale Konkurrenz sollte nun zwar durch große Assekuranz- und
Kreditverbände der Assoziationen untereinander in ihren ökonomischen
Folgen aufgehoben werden; es liegt aber auf der Hand, daß diese
Assekuranz ein Unding war, wenn sie nicht einfach ein anderes Wort war
für nationale Organisation und nationale Monopolisierung der Industrie.
Sonst mußte die Überproduktion sehr bald die Assekuranzgesellschaft
sprengen. Und die Überproduktion war unvermeidlich, wenn der Staat, wie
es oben heißt, allen Arbeitern desselben Gewerkes den Eintritt in die
Assoziationen „offen hielt”. Lassalle verwickelte sich da, von seinem
sozialistischen Gewissen getrieben, in einen großen Widerspruch. „Den
Eintritt offen halten” heißt die Assoziation zur Aufnahme jedes sich
meldenden Arbeiters verpflichten. Nach dem „Offenen Antwortschreiben”
sollte aber die Assoziation dem Staat gegenüber vollkommen unabhängig
sein, ihm nur das Recht der Genehmigung der Statuten und der Kontrolle
der Geschäftsführung zur Sicherung seiner Interessen zustehen. Mit
obiger Verpflichtung war sie dagegen aus einem unabhängigen in ein
öffentliches, d. h. unter den gegebenen Verhältnissen staatliches
Institut umgewandelt -- ein innerer Gegensatz, an dem sie unbedingt
hätte scheitern müssen.
Ein anderer Widerspruch der Lassalleschen Produktivgenossenschaft ist
folgender. Solange die Assoziationen nur einen Bruchteil der Angehörigen
eines bestimmten Industriezweiges umfaßten, unterstanden sie den
Zwangsgesetzen der Konkurrenz, und dies um so mehr, als Lassalle ja
gerade die Betriebe fabrikmäßiger Großproduktion im Auge hatte, die
zugleich die großen Weltmarktsindustrien bilden. Wo aber Konkurrenz
besteht, besteht auch geschäftliches Risiko; die Konkurrenz zwingt den
Unternehmer, sei er eine einzelne Person, eine Aktiengesellschaft oder
eine Assoziation, sich der Möglichkeit auszusetzen, daß sein Produkt
jeweilig als unterwertig -- d. h. als Erzeugnis von nicht
gesellschaftlich notwendiger Arbeit -- aus dem Markt geworfen wird.
Konkurrenz und Überproduktion, Konkurrenz und Stockung, Konkurrenz und
Bankrotte sind in der heutigen Gesellschaft untrennbar. Eine
Beherrschung der Produktion durch die Produzenten selbst ist nur möglich
nach Maßgabe der Aufhebung der Konkurrenz unter ihnen, nur erreichbar
durch das Monopol. Während aber die Konkurrenz in der heutigen
Gesellschaft die wichtige Mission hat, die Konsumenten vor
Übervorteilung zu schützen und die Produktionskosten beständig zu
senken, hat das Monopol umgekehrt die Tendenz, die Konsumenten zugunsten
der Monopolinhaber zu überteuern und den Fortschritt der Technik, wenn
nicht aufzuheben, so doch zu verlangsamen. Das letztere um so mehr, wenn
die beteiligten Arbeiter selbst die Inhaber des Monopols sind. Die
Aufhebung des geschäftlichen Risikos für die Assoziationen würde also im
Rahmen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, wenn überhaupt zu
verwirklichen, notwendigerweise auf Kosten der Konsumenten vor sich
gehen, die jedesmal den betreffenden Produzenten gegenüber die große
Mehrheit ausmachen. Zwischen Assoziations- und Gesamtinteresse wäre ein
unlösbarer Antagonismus.
In einem sozialistischen Gemeinwesen wäre das natürlich leicht zu
verhindern, aber ein solches wird nicht den Umweg von der
subventionierten Produktivgenossenschaft zur Vergesellschaftung der
Produktion gehen, sondern die Produktion, auch wenn sie sich dabei der
Form der genossenschaftlichen Betriebe bedient, von vornherein auf
gesellschaftlicher Grundlage organisieren. In die kapitalistische
Gesellschaft verpflanzt, wird gerade die Produktivgenossenschaft dagegen
so oder so stets einen kapitalistischen Charakter annehmen. Die
Lassalleschen Produktivgenossenschaften würden sich von den
Schulze-Delitzschschen nur quantitativ, nicht qualitativ, nur der Größe,
nicht dem Wesen nach unterschieden haben.
Das letztere war auch die Meinung von Rodbertus, der ein viel zu
durchgebildeter Ökonom war, als daß ihm diese schwache Seite der
Lassalleschen Assoziationen hätte entgehen können. Wir haben bereits aus
dem oben zitierten Brief Lassalles an ihn gesehen, wie schroff Rodbertus
sich in seinem „Offenen Brief” über sie hatte äußern wollen, und die
auf jenen folgenden Briefe Lassalles an Rodbertus lassen ziemlich
deutlich durchblicken, welches der Haupteinwand von Rodbertus war.
Noch deutlicher aber geht dies aus den Briefen von Rodbertus an
Rudolph Meyer hervor, und es dürfte nicht uninteressant sein, einige
der betreffenden Stellen hier folgen zu lassen.
Unterm 6. September 1871 schreibt Rodbertus:
„... Hieran läßt sich, in weiterem Verfolg, auch nachweisen, daß
dasjenige Kollektiveigentum, das die Sozialdemokraten heute verfolgen,
das von Agrargemeinden und Produktivgenossenschaften, ein viel
schlechteres, zu weit größeren Ungerechtigkeiten führendes Grund- und
Kapitaleigentum ist, als das heutige individuelle. Die Arbeiter folgen
hier noch Lassalle. Ich hatte ihn aber brieflich überführt, zu welchen
Absurditäten und Ungerechtigkeiten ein solches Eigentum ausgehen müsse
und (was ihm besonders unangenehm war) daß er gar nicht der Schöpfer
dieser Idee sei, sondern sie Proudhons Idée générale de la Révolution
entlehnt habe.”[25]
Brief vom 24. Mai 1872: „Noch einen dritten Grund allgemeiner Natur habe
ich gegen diese Löhnungsart. (Es ist von der Beteiligung am
Geschäftsgewinn die Rede.) Sie bleibt entweder eine Gratifikation, wie
Settegast mit Recht sagt -- und mit ‚Biergeldern’ wird die soziale
Frage nicht gelöst -- oder sie entwickelt sich auch zu einem
Anrecht in Leitung des Betriebs und damit schließlich zu einem
Kollektiveigentum am Einzelbetriebsfonds. Dies Kollektiveigentum
liegt aber nicht auf dem sozialen Entwicklungswege. Der Beweis würde
mich zu weit führen, aber so weit hatte ich Lassalle denn doch schon
in unserer Korrespondenz getrieben, daß er mir in einem seiner
letzten Briefe schrieb: ‚Aber, wer sagt Ihnen denn, daß ich will, daß
der Produktivassoziation der Fonds zum Betriebe _gehören_ soll!’
(sic!) Es geht auch einfach nicht! Das Kollektiveigentum der Arbeiter
an den einzelnen Betrieben wäre ein weit übleres Eigentum, als das
individuale Grund- und Kapitaleigentum oder selbst das Eigentum einer
Kapitalistenassoziation.” ...
Eine Stelle wie die hier zitierte findet sich in keinem der zur
Veröffentlichung gelangten Briefe Lassalles an Rodbertus. Es ist aber
kaum anzunehmen, daß Rodbertus sich so bestimmt ausgedrückt haben
würde, wenn er den Wortlaut nicht vor sich gehabt hätte. Möglich, daß er
gerade diesen Brief später verlegt hat. Kein triftiger Grund spricht
nämlich dagegen, daß Lassalle sich nicht in der Tat einmal so
ausgedrückt haben sollte. In allen Lassalleschen Reden ist vielmehr von
den Zinsen die Rede, welche die Assoziationen dem Staat für das
vorgeschossene Kapital zu zahlen hätten. Es liegt also in dem Satz noch
nicht einmal ein Zugeständnis an den Rodbertusschen Standpunkt. Ein
solches, und zwar ein so starkes, daß es zugleich in eine --
unbeabsichtigte -- Verurteilung der Produktivassoziationen umschlägt,
findet sich dagegen in dem Brief Lassalles an Rodbertus vom 26. Mai
1863. Dort heißt es:
„Dagegen ist ja so klar wie die Sonne, daß, wenn dem Arbeiter Boden,
Kapital und Arbeitsprodukt gehört[26], von einer Lösung der sozialen
Frage nicht die Rede sein kann. Dasselbe Resultat wird sich also auch
annähernd herausstellen, wenn ihm Boden und Kapital zur Benutzung
geliefert wird und ihm das Arbeitsprodukt gehört. Bei der ländlichen
Assoziation wird dann der Arbeiter entweder mehr oder weniger als sein
Arbeitsprodukt haben. Bei der industriellen Assoziation wird er in der
Regel mehr erhalten als seinen Arbeitsertrag. Alles dieses weiß ich
genau und würde es, wenn ich mein ökonomisches Werk schreibe, sehr
explizit nachweisen.”
Im nächsten Brief erklärt Lassalle, da Rodbertus entweder den Sinn der
vorstehenden Sätze nicht genau verstanden hatte oder Lassalle in die
Enge jagen wollte, sich noch deutlicher. Er schreibt (einen hier
gleichgültigen Zwischensatz lasse ich fort):
„Meine Äußerung: ‚bei der ländlichen Assoziation wird dann der
Arbeiter entweder mehr oder weniger als sein Arbeitsprodukt haben’,
ist jedenfalls in bezug auf das ‚mehr’ doch leicht zu verstehen. Ich
verstehe gar nicht die Schwierigkeit, die in bezug auf diesen Satz
stattfinden könnte.
Die Assoziationen auf den besser beschaffenen oder besser gelegenen usw.
Äckern würden doch zunächst gerade so Grundrente beziehen, wie jetzt die
Einzelbesitzer derselben. Und folglich mehr als ihren wirklichen
Arbeitsertrag, Arbeitsprodukt, haben.
Allein schon daraus allein, daß einer in der Gesellschaft mehr hat als
sein legitimes Arbeitsprodukt, folgt, daß ein andrer weniger haben muß,
als bei der legitimen Verteilung des Arbeitsertrages, wie wir uns
dieselbe übereinstimmend (vgl. den Schluß Ihres dritten sozialen
Briefes) denken, auf die Vergütung seiner Arbeit kommen würde.
Genauer: Was ist mein legitimes Arbeitsprodukt (im Sinne der endgültigen
Lösung der sozialen Frage, also im Sinne der ‚Idee’, die ich hier
immer als Norm und Vergleichungsmaßstab bei dem ‚mehr oder weniger’
unterstelle)? Ist es das Produkt, das ich ländlich oder industriell
unter beliebigen Verhältnissen individuell hervorbringen kann,
während ein anderer unter günstigeren Verhältnissen mit derselben
Arbeit mehr, ein Dritter unter noch ungünstigeren mit derselben
Arbeit weniger erzeugt? Doch nicht! Sondern mein Arbeitsprodukt wäre
der Anteil an der gesamten gesellschaftlichen Produktivität, der
bestimmt wird durch das Verhältnis, in welchem mein Arbeitsquantum
zum Arbeitsquantum der gesamten Gesellschaft steht.
Nach dem Schluß Ihres dritten sozialen Briefes können Sie das unmöglich
bestreiten.
Und folglich haben, solange die Arbeiter der einen Assoziation
Grundrente beziehen, die Arbeiter der andern, die nicht in diesem Fall
sind, weniger als ihnen zukommt, weniger als ihr legitimes
Arbeitsprodukt.”
Soweit Lassalle. Ein Mißverständnis ist hier gar nicht mehr möglich. Die
„Idee”, welche Lassalle bei dem „mehr oder weniger” unterstellt,
ist die kommunistische, die das gesamte Arbeitsprodukt der
Gesellschaft und nicht den individuellen Arbeitsertrag des einzelnen
oder der Gruppe ins Auge faßt, und Lassalle war sich durchaus dessen
bewußt, daß, solange der letztere den Verteilungsmaßstab bildet, ein
Bruchteil der Bevölkerung mehr, der andere aber notwendigerweise
weniger erhalten werde als ihm auf Grund des von ihm verrichteten
Anteils an der gesellschaftlichen Gesamtarbeit, bei gerechter
Verteilung, zukommen sollte, d. h. daß die Assoziationen zunächst
eine neue Ungleichheit schaffen würden. Gerade mit Rücksicht darauf
habe er, so behauptet Lassalle immer wieder, bei Entwicklung seines
Vorschlages das Wort „Lösung der sozialen Frage” sorgfältig vermieden
-- „nicht aus praktischer Furchtsamkeit und Leisetreterei, sondern
aus jenen theoretischen Gründen”.
Im weiteren Verlauf des Briefes entwickelt Lassalle, daß die
Ungleichheit bei den ländlichen Assoziationen durch eine
differenzierende Grundsteuer leicht beseitigt werden könne, welche „die
ganze Grundrente abolieren, d. h. in die Hände des Staats bringen, den
Arbeitern nur den wirklich gleichmäßigen Arbeitsertrag lassen” soll --
die Grundrente im Sinne Ricardos genommen[27]. Die Grundsteuer würde die
Bezahlung bilden für die Überlassung der Bodenfläche an die
assoziierten Arbeiter und -- wie es bei Lassalle heißt -- „schon aus
Gerechtigkeit und Neid” von den ländlichen Assoziationen
„leidenschaftlich begünstigt werden”. Der Staat aber hätte an dieser
Grundrente die Mittel, Schulunterricht, Wissenschaft, Kunst, öffentliche
Ausgaben aller Art zu bestreiten. Bei den industriellen Assoziationen
solle sich die Ausgleichung dagegen dadurch vollziehen, daß sobald die
Assoziationen jeder einzelnen Branche sich zu je einer großen
Assoziation zusammengezogen haben, der private Zwischenhandel aufhören
und der Verkauf in vom Staat angelegten Verkaufshallen besorgt werden
würde. „Würde hiermit nicht zugleich getötet werden, was man heut
Überproduktion und Handelskrise nennt?”
Der Gedanke der Verstaatlichung oder Vergesellschaftung der
Grundrente[28] ist ein durchaus rationeller, d. h. er enthält keinen
Widerspruch in sich. Es ist auch sogar meines Erachtens sehr
wahrscheinlich, daß er auf einer gewissen Stufe der Entwicklung
irgendwie verwirklicht werden wird. Die Idee der Zusammenziehung der
Assoziationen ist dagegen nur ein frommer Wunsch, der in Erfüllung gehen
kann, aber nicht notwendigerweise in Erfüllung zu gehen braucht,
solange die Teilnahme ins Belieben der einzelnen Assoziationen gestellt
wird. Und selbst wenn sie in Erfüllung ginge, würde damit noch durchaus
nicht schlechthin verhindert sein, daß die Mitglieder der einzelnen
Assoziation nicht in ihrem Anteil an deren Ertrage eine größere oder
unter Umständen geringere Quote des gesellschaftlichen Gesamtprodukts
erhalten, als ihnen auf Grund der geleisteten Arbeitsmenge zukäme. Es
stände immer wieder Assoziationsinteresse gegen Gesamtinteresse.
Hören wir noch einmal Rodbertus.
Im Brief an Rudolph Meyer vom 16. August 1872 nimmt er auf einen Artikel
des „Neuen Sozialdemokrat” Bezug, wo ausgeführt war, daß Lassalle der
„weitgehendsten Richtung des Sozialismus” angehört habe, und meint,
das sei wohl richtig, es sei
„aber auch ebenso richtig, daß Lassalle und der (Neue)
‚Sozialdemokrat’ ursprünglich eine Produktivassoziation angestrebt
haben, wie Schulze-Delitzsch sie wollte, nämlich in welcher der
Kapitalgewinn den Arbeitern selbst gehören sollte, nur daß
Schulze-Delitzsch wollte, sie sollten sich das Kapital selbst dazu
sparen, und Lassalle wollte, der Staat, auch der heutige, sollte es
ihnen liefern (ob leihen oder schenken, ist wohl nicht ganz klar).
Aber eine Produktivassoziation, die den Kapitalgewinn einsackt,
setzt ja das Kapitaleigentum, das ‚Gehören’ voraus. Wie soll also
jene ‚weitgehendste Richtung’ mit einer solchen Assoziation
vermittelt werden können?”
Rodbertus geht nun auf die Frage ein, ob die Produktivassoziation
als „provisorische Institution” gedacht werden könne, und
fährt nach einigen allgemeinen Bemerkungen fort: „Genug, die
Produktivassoziation, die Lassalle und der ‚Sozialdemokrat’ in der
Tat angestrebt, kann auch nicht einmal als Übergangszustand zu jenem
‚weitgehendsten’ Ziele dienen, denn, der menschlichen Natur gemäß,
würde er nicht zu allgemeiner Brüderlichkeit, sondern zu dem
schärfsten Korporationseigentum zurückführen, in welchem nur die
Personen der Besitzenden gewechselt hätten, und das sich tausendmal
verhaßter machen würde, als das heutige individuale Eigentum. Der
Durchgang von diesem zu dem allgemeinen Staatseigentum kann eben
niemals das Korporations- oder auch Kollektiveigentum sein (es kommt
ziemlich über eins heraus); weit eher ist gerade das individuale
Eigentum der Übergang vom Korporationseigentum zum Staatseigentum.
Und hierin liegt die Konfusion der Sozialdemokraten (und lag die
Lassalles), nämlich bei jenem weitgehendsten Ziel (das auch bei
Lassalle noch kein praktisches Interesse erregen sollte) doch die
Produktivassoziation mit Kapitalgewinn und also auch Kapitaleigentum
zu verlangen. Niemals sind also die Pferde mehr hinter den Wagen
gespannt worden, als von den Berliner Sozialdemokraten (und ihrem
Führer Lassalle, insofern er ebenfalls jenes ‚weitgehendste’ Ziel
anstrebte) und das weiß Marx sehr gut.” (Briefe usw. von
Rodbertus-Jagetzow.)
Ich habe Rodbertus so ausführlich sprechen lassen, weil er Lassalle
vielleicht am objektivsten gegenüberstand und in seiner Auffassung vom
Staat usw. sehr viel Berührungspunkte mit Lassalle hatte, auch wohl
niemand so eingehend mit Lassalle über die Produktivgenossenschaften
diskutiert hat, wie er. Ganz unbefangen ist sein Urteil freilich auch
nicht, da er bekanntlich seine eigene Theorie von der „Lösung der
sozialen Frage” hatte, nämlich den Normalwerksarbeitstag und den
verhältnismäßigen Arbeitslohn. Aber den schwachen Punkt in der
Lassalleschen Assoziation hat er in der Hauptsache richtig bezeichnet,
wenn er sagt, daß diese die Pferde hinter den Wagen spannt. Lassalle
wollte die Vergesellschaftung der Produktion und der Produktionsmittel,
und weil er es für unzeitgemäß hielt, das dem „Mob” -- worunter er
den ganzen Troß der Gedankenlosen aller Parteien verstand -- bereits
zu sagen, den Gedanken selbst aber in die Massen schleudern wollte,
stellte er das ihm ungefährlicher scheinende Postulat der
Produktivgenossenschaft mit Staatskredit auf.
Er beging damit denselben Fehler, den er in seinem Aufsatz über Franz
von Sickingen als die tragische Schuld Sickingens hingestellt hatte, er
„listete” mit der „Idee”, wie es in jenem Aufsatz heißt, und
täuschte die Freunde mehr, als die Feinde. Aber er tat es, wie
Sickingen, im guten Glauben. Wenn Lassalle wiederholt gegenüber
Rodbertus erklärt hat, er sei bereit, auf die Assoziationen zu
verzichten, sobald jener ihm ein ebenso leichtes und wirksames Mittel
zum gleichen Zweck zeige, so darf man daraus nicht den Schluß ziehen,
daß Lassalle nicht von der Güte seines Mittels durchaus überzeugt
war. Solche Erklärungen pflegt jeder abzugeben, und kann sie um so
eher abgeben, je mehr er seiner Sache sicher zu sein glaubt. Und wie
sehr dies bei Lassalle der Fall, zeigt seine letzte Äußerung in bezug
auf die Assoziationen Rodbertus gegenüber: „Kurz, ich begreife nicht,
wie man nicht sehen könnte, daß die Assoziation, vom Staat ausgehend,
der organische Entwicklungskeim ist, der zu allem weiteren führt.” --
Er ist also unbedingt von dem Vorwurf freizusprechen, mit dieser
Forderung den Arbeitern etwas empfohlen zu haben, von dessen
Richtigkeit er nicht durchdrungen war, ein Vorwurf, der viel
schwerwiegender wäre, als der eines theoretischen Irrtums.
Lassalle glaubte, daß in dem Mittel der Assoziationen mit Staatskredit
der Zweck, dem diese dienen sollten, nämlich die Verwirklichung der
sozialistischen Gesellschaft, in seinen wesentlichen Grundzügen bereits
enthalten, daß hier in der Tat -- worauf er so großes Gewicht legte --
„das Mittel von der eignen Natur des Zweckes ganz und gar durchdrungen”
sei. Nun ist ja auch tatsächlich die Assoziation im kleinen ein Stück
Verwirklichung des sozialistischen Prinzips der Gemeinschaftlichkeit,
und die Forderung der Staatshilfe eine Anwendung des Gedankens, die
Staatsmaschinerie als Mittel der ökonomischen Befreiung der
Arbeiterklasse in Anspruch zu nehmen, sowie zugleich ein Mittel, den
Zusammenhang mit dem großen Ganzen, der bei der Schulzeschen Assoziation
verlorenging, möglichst zu bewahren. Bis soweit kann man Lassalle nicht
nur keinen Vorwurf machen, sondern muß vielmehr die Einheitlichkeit des
Gedankens bei ihm im höchsten Grade anerkennen. Wir haben gesehen,
welche Auffassung er vom Staat hatte, wie dieser für ihn nicht der
jeweilige politische Ausdruck bestimmter gesellschaftlicher Zustände
war, sondern die Verwirklichung eines ethischen Begriffs, der durch
jeweilige historische Einflüsse zwar beeinträchtigt, dessen ewige
„wahre Natur” aber nicht aufgehoben werden kann. Bei solcher
Auffassung ist es aber nur folgerichtig, in der Forderung der
Staatshilfe mehr als eine bloße praktische Maßregel zu erblicken
und ihr, wie Lassalle dies getan, als einem fundamentalen Prinzip des
Sozialismus, eine selbständige prinzipielle Bedeutung zuzuschreiben[29].
Und ebenso steht die Forderung der Produktivgenossenschaften in
engster Ideenverbindung mit Lassalles Theorie des ehernen
Lohngesetzes. Sie fußt auf denselben ökonomischen Voraussetzungen.
Kurz, es ist hier alles, möchte ich sagen, aus einem Guß.