Antwortschreibens” und zugleich der Lassalleschen Agitation überhaupt.
Denn wenn natürlich hiermit nicht das letzte Wort der Bestrebungen
Lassalles gesagt war, so hielt doch Lassalle bis zuletzt daran fest,
die Bewegung auf diesen einen Punkt: „Allgemeines Wahlrecht behufs
Erlangung von Staatshilfe für Produktionsgenossenschaften” zu
beschränken, eben im Sinne des oben entwickelten Grundsatzes, daß die
Kunst praktischer Erfolge darin besteht, alle Kraft zu jeder Zeit auf
einen Punkt zu konzentrieren. Es ist von Wichtigkeit, dies im Auge zu
behalten, wenn man an die agitatorische Tätigkeit Lassalles den
richtigen Maßstab anlegen will. Sie ist, wenigstens in ihrem Beginn,
auf den unmittelbaren, praktischen Erfolg berechnet gewesen.
Ausdrücklich verweist Lassalle im „Offenen Antwortschreiben” auf die
Agitation und den Erfolg der Kornzoll-Liga in England, und ebenso
scheint ihm die Agitation der englischen Chartisten vorgeschwebt zu
haben, wie der Satz von der „Magenfrage” beweist, der an die Erklärung
des Chartistenpredigers Stephens erinnert: „Der Chartismus, meine
Freunde, ist keine politische Frage, sondern eine Messer- und
Gabelfrage.”
Wenn wir uns nun zunächst die Frage vorlegen, ob denn ein unmittelbarer
praktischer Erfolg der so abgesteckten Agitation überhaupt nach Lage der
damaligen Verhältnisse möglich war, so glaube ich die Frage unbedingt
bejahen zu müssen. Daß später Bismarck, wenn auch freilich nur zum
Norddeutschen Reichstag, wirklich das allgemeine Wahlrecht einführte,
ist für mich dabei nicht maßgebend. Allerhand Umstände hätten das
verhindern können, ohne daß dadurch die Tatsache umgestoßen worden wäre,
daß Lassalles Berechnung ihrer Zeit eine richtige war. Umgekehrt,
obgleich das Dreiklassenwahlsystem zum preußischen Landtag beibehalten
wurde, bleibt der Lassallesche Kalkül doch richtig; er entsprach
durchaus der damaligen politischen Situation. Lassalle wußte ganz genau,
daß, wenn im Lager der Fortschrittspartei das allgemeine Wahlrecht viele
Gegner und im ganzen nur laue Freunde hatte, dafür in den Kreisen der
Regierung das Dreiklassenwahlsystem allmählich mit immer scheeleren
Augen angesehen wurde. Die gouvernementalen Blätter sprachen sich
bereits ganz unverhohlen in diesem Sinne aus, und außerdem fehlte es,
wie wir gesehen haben, Lassalle durchaus nicht an Verbindungen, durch
die er genau über die Strömungen in den Hof- und Regierungskreisen
unterrichtet war. Wenn die Regierung in dem Verfassungskonflikt nicht
nachgeben wollte, so blieb ihr, kam nicht ein auswärtiger Krieg -- der
ihr aber auch verhängnisvoll werden konnte -- schließlich kaum etwas
anderes übrig, als Napoleon III. nachzuahmen: den Landtag aufzulösen und
ein anderes, „demokratischeres” Wahlrecht zu oktroyieren. Zu diesem
Schritt mußte sie sich um so mehr veranlaßt fühlen, je mehr eine starke,
von der Fortschrittspartei unabhängige Bewegung bestand, die die
Abschaffung des Dreiklassenwahlsystems auf ihre Fahne geschrieben hatte.
Gerade im Hinblick auf einen möglichen Krieg mußte ihr dies als der
beste Ausweg erscheinen, gegebenenfalls nicht das ganze Volk feindselig
gegen sich im Rücken zu haben[21].
Von dem Gesichtspunkt des unmittelbaren praktischen Erfolgs hatte also
Lassalle unzweifelhaft recht. Es war möglich, das allgemeine Wahlrecht
auf die von ihm entwickelte Weise zu erringen. Allerdings um einen
Preis: wenn die Regierung es gab, um der Fortschrittspartei nicht
nachgeben zu müssen, so wurde damit die Lösung des Verfassungskonflikts
mindestens noch weiter hinausgeschoben. „Seien Sie taub für alles, was
nicht allgemeines und direktes Stimmrecht heißt oder damit im
Zusammenhang steht und dazu führen kann”, heißt es im „Offenen
Antwortschreiben”. Einmal das allgemeine Wahlrecht durchgesetzt, würde
dieses, das muß man bei Lassalle, wenn er es auch nicht ausdrücklich
ausspricht, logischerweise als Voraussetzung annehmen, auch diese Frage
lösen. War aber diese Erwartung Lassalles vom allgemeinen Wahlrecht, wie
überhaupt die Erwartungen, die er an es knüpfte, in der Sache selbst
gerechtfertigt?
Erfahrungen in bezug auf das allgemeine und direkte Wahlrecht lagen zur
Zeit Lassalles nur aus Frankreich vor. Und hier sprachen sie durchaus
nicht besonders zu dessen Gunsten. Es hatte zwar während der
Februarrepublik eine Reihe von Sozialisten in die Volksvertretung
gebracht, aber die Stimme dieser Sozialisten war erdrückt worden durch
die der Vertreter der verschiedenen Bourgeoisparteien, und das
allgemeine Wahlrecht hatte den Staatsstreich Bonapartes so wenig
verhindert, daß im Gegenteil Bonaparte ihn hatte unternehmen können als
„Wiederhersteller des allgemeinen Wahlrechts”. Und dabei war die
Februarrepublik, als sie ins Leben trat, vom Pariser Proletariat
proklamiert worden als soziale Republik, ihr war vorhergegangen eine
Epoche sozialistischer Propaganda von großartigster Ausdehnung, so daß
nach dieser Seite hin die Voraussetzungen dafür gegeben waren, daß sie
im Laufe der Zeit zu einer wirklichen sozialistischen Republik hätte
werden können. Warum wurde sie es nicht? Warum konnte sie vielmehr durch
das Kaiserreich gestürzt werden?
Wenn Lassalle am Schluß des „Arbeiterprogramms” sagt, was am
2. Dezember 1851 gestürzt worden, das sei „nicht die Republik”
gewesen, sondern die Bourgeoisrepublik, welche durch das Wahlgesetz
vom Mai 1850 das allgemeine Wahlrecht aufgehoben und einen verkappten
Zensus zur Ausschließung der Arbeiter eingeführt hatte; die Republik
des allgemeinen Wahlrechts aber würde „an der Brust der französischen
Arbeiter einen unübersteiglichen Wall gefunden haben”, so wiederholt
er damit ein Schlagwort der kleinbürgerlichen Revolutionäre à la
Ledru-Rollin, das die Frage nicht beantwortet, sondern nur
verschiebt. Wo war dieser „unübersteigliche Wall”, als die auf Grund
des allgemeinen Wahlrechts gewählte Kammer dieses aufhob? Warum
hatten die Pariser Arbeiter diesen „Staatsstreich der Bourgeoisie”
nicht verhindert?
Hätte Lassalle sich diese Frage vorgelegt, so würde er auf die Tatsache
gestoßen sein, daß die Februarrepublik als soziale Republik sich nicht
halten konnte, weil die Klasse, auf die sie sich als solche hätte
stützen müssen, noch nicht entwickelt genug war -- d. h. nicht
entwickelt genug im sozialen Sinne dieses Wortes. Das moderne
industrielle Proletariat war da, es war stark genug gewesen, für einen
Augenblick die bestehende Ordnung der Dinge über den Haufen zu werfen,
aber nicht stark genug, sie niederzuhalten. Wir begegnen hier wieder dem
Grundfehler der Lassalleschen Betrachtungsweise. Selbst wo Lassalle auf
die tieferen Ursachen der geschichtlichen Vorgänge einzugehen sucht,
hält ihn seine mehr juristische Denkart davon ab, ihrer sozialen Seite
wirklich auf den Grund zu gehen, und auch das Ökonomische packt er
gerade da an, wo es sich bereits, wenn ich mich so ausdrücken darf,
juristisch verdichtet hat. Nur so ist es zu erklären, daß er, um den
Arbeitern zu zeigen, aus welchen Elementen sich die Bevölkerung des
Staats zusammensetzt, sich an die Statistik der Einkommensverteilung,
und zwar ausschließlich an sie hält. Der Streit, der sich damals an
diese Stelle des „Offenen Antwortschreibens” knüpfte, ist ein
verhältnismäßig untergeordneter. Ob Lassalle sich um einige Prozentsätze
nach der einen oder anderen Richtung geirrt hat, darauf kommt im Grunde
wenig an, die Tatsache, daß die große Masse der Bevölkerung in dürftigen
Verhältnissen lebt, während nur eine kleine Minderheit im Überfluß
schwelgt, konnten die Wackernagel und Konsorten, die sich Lassalle
damals entgegenstellten, mit dem Aufwand ihrer ganzen Rabulistik nicht
aus der Welt leugnen. Viel wichtiger ist es, daß Lassalle gar nicht
berücksichtigt, aus wie verschiedenartigen Elementen sich die 96 oder 89
Prozent der Bevölkerung zusammensetzten, als deren „große
Assoziation” er den Staat bezeichnete. Welch großen Bruchteil davon
Kleinhandwerker und Kleinbauern, sowie vor allem die Landarbeiter
bildeten, die noch großenteils völlig unter der geistigen
Vormundschaft ihrer Arbeitsherren standen, läßt er ganz unerörtert.
Über die Hälfte der Bevölkerung Preußens entfiel damals auf den
Ackerbau, die größeren Städte spielten bei weitem nicht die Rolle,
die sie heute spielen, vom Standpunkt der industriellen Entwicklung
betrachtet, war der ganze Osten der Monarchie nur eine Wüste mit
vereinzelten Oasen[22].
Was konnte unter solchen Umständen das allgemeine Wahlrecht an der
Zusammensetzung der Kammer ändern? War von ihm ein besseres Resultat zu
erwarten, als von dem allgemeinen Wahlrecht im Frankreich der Jahre 1848
und 1849? Sicherlich nicht. Es konnte eine gewisse Anzahl von
Arbeitervertretern in die Volksvertretung bringen, und das war an sich
gewiß sehr zu wünschen. Aber im übrigen mußte es, gerade je mehr es die
Wirkung erfüllte, die Lassalle von ihm versprach -- nämlich einen
Volksvertretungskörper zusammenbringen, der „das genaue, treue Ebenbild
ist des Volkes, das ihn gewählt hat” („Arbeiterprogramm”) -- die
Zusammensetzung der Kammer verschlechtern, anstatt sie zu verbessern.
Denn so jämmerlich immer die damalige Volksvertretung war, sie war doch
wenigstens bürgerlich-liberal. Lassalle vergaß, daß die dürftigen
Klassen zwar unter Umständen sämtlich revolutionäre Truppen stellen,
aber keineswegs samt und sonders revolutionäre Klassen sind, er vergaß,
daß die 89 Prozent nur erst zum Teil aus modernen Proletariern
bestanden.
Wenn also das allgemeine Wahlrecht zu erlangen möglich war, so ist doch
damit noch keineswegs gesagt, daß es das, wozu es selbst wieder als
Mittel dienen sollte, auch in absehbarer Zeit herbeigeführt haben würde.
Bei der politischen und sonstigen Bildungsstufe der großen Masse der
Bevölkerung konnte das Wahlrecht auch zunächst das Gegenteil bewirken,
statt Vertreter moderner Prinzipien, solche des Rückschritts in größerer
Anzahl als bisher in die Kammer bringen. Nicht alle Fortschrittler waren
aus Klasseninteresse Gegner oder laue Freunde des allgemeinen
Wahlrechts, es waren unter ihnen ein großer Teil Ideologen, welche
gerade durch die Entwicklung der Dinge in Frankreich in bezug auf seinen
Wert skeptisch geworden waren. Auch Sozialisten dachten so. Es sei nur
an Rodbertus erinnert, der in seinem Offenen Brief an das Leipziger
Komitee ebenfalls auf Frankreich hinwies, als ein Beispiel dafür, daß
das allgemeine Stimmrecht „nicht notwendig dem Arbeiterstande die
Staatsgewalt in die Hände spielt”. Es sei gesagt worden, das allgemeine
Wahlrecht solle nur Mittel zum Zweck sein, Mittel seien aber „zu
verschiedenen Zwecken und mitunter zu den entgegengesetzten brauchbar”.
„Sind Sie,” fragt er, „dessen gewiß, daß hier das Mittel mit
zwingender Notwendigkeit zu dem von Ihnen aufgesteckten Ziele führen
muß? Ich glaube das nicht.” Aus den Briefen Lassalles an Rodbertus
geht auch hervor, daß, beinahe mehr noch als Rodbertus'
gegensätzliches Urteil über den Wert der Produktivgenossenschaften,
sein Gegensatz gegen das allgemeine Stimmrecht der Grund war, daß er
trotz aller dringenden Bitten Lassalles dem Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein nicht beitrat[23].
Und wie man sonst auch über Rodbertus denken mag, seine Motive werden
auf das Unzweifelhafteste durch den Schlußsatz seines Briefes
charakterisiert, wo er den Arbeitern anrät, obwohl Lassalle recht habe,
daß man solche Fragen nicht mehr debattiere, doch Freizügigkeit und
freie Wahl der Beschäftigung als selbstverständlich in ihr Programm
aufzunehmen, um „jeden Reaktionär, der Ihnen schaden könnte, höchst
wirksam zurückzuscheuchen”.
Wenn Rodbertus und andere die Gefahr des Bonapartismus übertrieben, so
nahm Lassalle sie seinerseits entschieden zu leicht. Die Schwenkung, die
er später tatsächlich in dieser Richtung machte, lag dem Ideengang nach
von vornherein in ihm. Höchst charakteristisch ist dafür eine Stelle aus
dem teilweise schon früher zitierten Brief Lassalles an Marx vom 20.
Juni 1859 über die Frage des italienischen Krieges. Dort heißt es:
„Im Anfang, als mit solcher Wut überall das nationale Geschrei
eines Krieges gegen Frankreich ausbrach, rief die ‚Volkszeitung’
(Bernstein, für mich ein Urreaktionär, ist ihr Redakteur) in einem
Leitartikel triumphierend aus: ‚Will man wissen, was dies Geschrei
aller Völker gegen Frankreich bedeutet? Will man seine
welthistorische Bedeutung kennen? Die Emanzipation Deutschlands von
der politischen Entwicklung Frankreichs -- das bedeutet es.’ --
Habe ich erst nötig, den urreaktionären Inhalt dieses
Triumphgeschreis Dir auseinanderzusetzen? Doch gewiß nicht! Ein
populärer Krieg gegen Frankreich -- und unsere kleinbürgerlichen
Demokraten, unsere Dezentralisten, die Feinde aller
Gesellschaftsinitiative, haben einen unberechenbaren Kraftzuwachs
auf lange, lange gewonnen. Noch bis weit in die deutsche Revolution
hinein würde die Wirkung dieser Strömung sich bemerklich machen.
Wir haben wahrhaftig nicht nötig, diesem gefährlichsten Feind, den
wir haben, dem deutschen Spießbürgerindividualismus, durch einen
blutigen Antagonismus gegen den romanisch-sozialen Geist in seiner
klassischen Form, in Frankreich, noch neue Kräfte zuzuführen.”
So Lassalle. Der verstorbene Redakteur der „Volkszeitung” verdiente in
gewisser Hinsicht zweifelsohne den Titel, den Lassalle ihm hier beilegt,
aber des zitierten Satzes wegen vielleicht am wenigsten. Die politische
Entwicklung Frankreichs war in jenem Zeitpunkt der Bonapartismus,
während die Partei der „Volkszeitung” auf England, als ihr politisches
Vorbild, schwor. Das war sicher sehr einseitig, aber noch nicht
reaktionär, oder doch reaktionär nur insoweit, als es eben einseitig
war. Lassalles Auffassung, die in dem staatlichen Zentralismus
Frankreichs ein Produkt des „romanisch-sozialen” Geistes sah, ihn mit
dem Grundgedanken des Sozialismus identifizierte, dagegen seine
reaktionäre Seite ganz unbeachtet ließ, ist jedoch nicht minder
einseitig.
So weit über die politische Seite des Lassalleschen Programms, nun zu
seiner ökonomischen.
Fußnoten:
[20] Wohl ein Druckfehler. D. H.
[21] Wir haben oben, bei Besprechung des „Italienischen Krieges”
gesehen, mit welchem kühlen, gar nicht in die Schablone des „guten
Patrioten” passenden Blick Lassalle die Rückwirkung auswärtiger
Verwicklungen auf die innere Politik betrachtete. Sehr bezeichnend
dafür ist auch eine Stelle in der Schrift „Was nun?”, die schon
deshalb hierher gehört, weil Lassalles dort entwickelter Vorschlag
tatsächlich nur zwei Lösungen zuließ: Entweder Staatsstreich oder
Revolution. Anknüpfend daran, wie unmöglich und unhaltbar die
auswärtige diplomatische Stellung der preußischen Regierung wäre,
wenn sein Vorschlag befolgt würde, fährt Lassalle fort:
„Daß Keiner von Ihnen, meine Herren, glaube, dies sei ein
unpatriotisches Räsonnement. Einmal hat der Politiker, wie der
Naturforscher, Alles zu betrachten, was ist, und also alle wirkenden
Kräfte in Erwägung zu ziehen. Der Antagonismus der Staaten unter
einander, der Gegensatz, die Eifersucht, der Konflikt in den
diplomatischen Beziehungen ist einmal eine wirkende Kraft und,
gleichviel ob gut oder schlimm, müßte sie hiernach schon unbedingt
in Rechnung gezogen werden. Überdies aber, meine Herren, wie oft
habe ich Gelegenheit gehabt, in der Stille meines Zimmers bei
historischen Studien mir die große Wahrheit auf das Genaueste zu
vergegenwärtigen, daß fast garnicht abzusehen wäre, auf welcher Stufe
der Barbarei wir, und die Welt im Allgemeinen, noch stehen würden,
wenn nicht seit je die Eifersucht und der Gegensatz der Regierungen
unter einander ein wirksames Mittel gewesen wäre, die Regierung zu
Fortschritten im Innern zu zwingen! Endlich aber, meine Herren, ist
die Existenz der Deutschen nicht von so prekärer Natur, daß bei ihnen
eine Niederlage ihrer Regierungen eine wirkliche Gefahr für die
Existenz der Nation in sich schlösse. Wenn Sie, meine Herren, die
Geschichte genau und mit innerem Verständniß betrachten, so werden
Sie sehen, daß die Kulturarbeiten, die unser Volk vollbracht hat, so
riesenhafte und gewaltige, so bahnbrechende und dem übrigen Europa
vorleuchtende sind, daß an der Nothwendigkeit und Unverwüstlichkeit
unserer nationalen Existenz garnicht gezweifelt werden kann. Geraten
wir also in einen großen äußeren Krieg, so können in demselben wohl
unsere einzelnen Regierungen, die sächsische, preußische, bayerische
zusammenbrechen, aber wie ein Phönix würde sich aus der Asche
derselben unzerstörbar erheben das, worauf es uns allein ankommen
kann -- das deutsche Volk!”
Es ist in diesen Sätzen sehr viel Richtiges enthalten, doch darf man
zweierlei nicht vergessen. Erstens, daß, ein so wichtiger Faktor
des Fortschritts der Völker die Rivalität der Regierenden sein kann
und unzweifelhaft oft gewesen ist, sie doch auch recht oft als ein
Faktor im entgegengesetzten Sinne gewirkt, sich als ein Hemmnis des
Fortschritts erwiesen hat. Es sei nur an die beiden Gesichter des
heutigen Militarismus erinnert. Zweitens, daß ein äußerer Krieg zwar
ein großes Kulturvolk nicht aus der Reihe der Nationen auslöschen, es
aber doch so wesentlich in seinen Lebensinteressen schädigen kann,
daß er immer eine Sache bleibt, die man in Betracht ziehen, aber
auf die man nicht spekulieren soll. In dem erwähnten Beispiel tut
Lassalle nur das erstere, aber wie der Schlußsatz und seine Briefe
zeigen, war er auch zu dem Letzteren sehr geneigt -- eine übrigens
weit verbreitete, aber darum nicht minder zu bekämpfende Tendenz.
[22] Auf 3428457 selbsttätige Personen in der Landwirtschaft
kamen damals in Preußen erst 766180 selbsttätige Personen in der
Fabrikindustrie, die Geschäftsleiter und Beamten eingeschlossen.
[23] Ursprünglich hatte es in Rodbertus' „Offenem Brief” geheißen:
„Und ich wiederhole, daß ich mir auch von den Produktivassoziationen
nicht im Geringsten einen Beitrag zu dem verspreche, was man die
Lösung der sozialen Frage nennt.” Auf Wunsch Lassalles wurden aber
diese Worte beim Druck fortgelassen, da er der Sache nach eine
Wiederholung des in dem Brief vorher Gesagten sei, in dieser scharfen
Form aber notwendigerweise „die Arbeiter, wenn sie so schroffen
Widerstreit zwischen ihren Führern sehen, entmutigen müsse”.
(Lassalles Brief an Rodbertus vom 22. April 1863.)
Der ökonomische Inhalt des Offenen Antwortschreiben.
Das eherne Lohngesetz und die Privatgenossenschaften mit Staatskredit.
Das Lohngesetz, auf welches sich Lassalle berief und dem er das
Beiwort „ehern” gab, entspricht, wie ich an anderer Stelle[24]
nachgewiesen zu haben glaube, einer bestimmten Produktionsmethode --
der Manufakturindustrie -- und einem auf ihr beruhenden
Gesellschaftszustande, ist also in der Gesellschaft der modernen
Großindustrie, der entwickelten Verkehrsmittel, des beschleunigten
Kreislaufes von Krisis, Stockung und Prosperität, der rasch sich
vollziehenden Steigerung der Produktivität der Arbeit usw. zum
mindesten überlebt. Auch setzt es ein absolut freies Walten von
Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt voraus, das schon gestört
ist, sobald die Arbeiterklasse dem Unternehmertum organisiert
gegenübertritt, oder der Staat, bzw. die Gesetzgebung, in die Regelung
des Arbeitsverhältnisses eingreifen. Wenn also die Liberalen Lassalle
entgegenhielten, sein Lohngesetz stimme nicht, es sei veraltet, so
hatte das teilweise seine Berechtigung. Aber nur teilweise. Denn die
guten Leute verfielen ihrerseits in viel schlimmere Fehler als
Lassalle.
Lassalle legte den Ton auf den ehernen Charakter der den Lohn
bestimmenden Gesetze, weil er den stärksten Schlag gegen die moderne
Gesellschaft damit zu führen meinte, daß er nachwies, der Arbeiter
erhalte unter keinen Umständen seinen vollen Arbeitsertrag, den vollen
Anteil an dem von ihm erzeugten Produkt. Er gab der Frage einen
rechtlichen Charakter, und agitatorisch hat sich das auch höchst wirksam
erwiesen. Aber in der Sache selbst traf er damit keineswegs den Kern der
Frage. Den vollen Ertrag seiner Arbeit hat der Arbeiter auch unter den
früheren Produktionsformen nicht erhalten, und wenn ein „ehernes”
Gesetz es verhindert, daß der Lohn dauernd unter ein bestimmtes
Minimum sinkt, dieses Minimum selbst aber -- wie Lassalle
ausdrücklich zugab -- im Laufe der Entwicklung sich zwar langsam
hebt, aber doch hebt, so war der Beweis für die Notwendigkeit der von
ihm geforderten Einmischung des Staates schwer zu erbringen.
Das, worauf es wirklich ankommt, ist von Lassalle erst später, und nur
beiläufig, hervorgehoben worden. Nicht die Ablohnung des Arbeiters mit
einem Bruchteil des von ihm erzeugten neuen Wertes, sondern diese
Ablohnung in Verbindung mit der Unsicherheit der proletarischen
Existenz, die Abhängigkeit des Arbeiters von den in wechselnden
Zeiträumen einander folgenden Kontraktionen des Weltmarktes, von
beständigen Revolutionen der Industrie und der Absatzverhältnisse -- der
schreiende Gegensatz zwischen dem immer mehr gesellschaftlich werdenden
Charakter der Produktion und ihrer anarchischen Leitung, dabei die
wachsende Unmöglichkeit für den einzelnen Arbeiter, aus der doppelten
Abhängigkeit vom Unternehmertum und den Wechselfällen des industriellen
Zyklus sich zu befreien, die beständige Bedrohung mit dem
Hinausgeworfenwerden aus einer Sphäre der Industrie in eine andre,
tieferstehende, oder in das Heer der Arbeitslosen -- das ist es, was die
Lage der Arbeiterklasse in der modernen Gesellschaft so unerträglich
macht, sie von der bei jeder vorhergehenden Produktionsweise zum
Schlechteren unterscheidet. Die Abhängigkeit des Arbeiters ist mit der
scheinbaren Freiheit nur größer geworden. Sie ist es, die mit eherner
Wucht auf der Arbeiterklasse lastet, und deren Druck zunimmt mit der
wachsenden Entwicklung des Kapitalismus. Die Lohnhöhe dagegen wechselt
heute, je nach den verschiedenen Industriezweigen, von buchstäblichen
Verhungerungslöhnen bis zu Löhnen, die tatsächlich einen gewissen
Wohlstand darstellen, und ebenso ist die Ausbeutungsrate in den
verschiedenen Industrien eine sehr verschiedene, teils höher, teils aber
auch geringer als in früheren Produktionsepochen. Beide hängen von sehr
veränderlichen Faktoren ab, beide wechseln nicht nur von Industrie zu
Industrie, sondern sind auch in jeder einzelnen Industrie den größten
Veränderungen unterworfen, und beständig ist nur die Tendenz des
Kapitals, die Ausbeutungsrate zu erhöhen, zusätzliche Mehrarbeit auf die
eine oder die andere Weise aus dem Arbeiter herauszupressen.