Ebenfalls im Herbst 1862, nachdem am 13. Oktober Bismarck den Landtag

vertagt hatte, hielt Lassalle seinen zweiten Verfassungsvortrag: „Was

nun?” Er beruft sich dort darauf, daß die Ereignisse den Ausführungen

in seinem ersten Vortrage recht gegeben haben. Die „Kreuzzeitung”, der

Kriegsminister von Roon und der gegenwärtige Ministerpräsident von

Bismarck hätten seine Theorie, daß Verfassungsfragen Machtfragen sind,

bestätigt. Gestützt auf ihre Macht habe die Regierung fortgefahren, sich

über die Beschlüsse der Kammer hinwegzusetzen. Es handle sich nun

weniger um die Frage, wie der Verfassung von 1850 zur Fortdauer ihrer

Existenz zu verhelfen sei, an deren Bestimmungen das Volk zum Teil gar

kein Interesse habe, sondern einfach um die Frage, wie das Budgetrecht

der Volksvertretung aufrechtzuerhalten, das parlamentarische Regime zur

Wahrheit zu machen sei, da „in ihm, und nur in ihm das Wesen einer jeden

wahrhaft konstitutionellen Regierung” bestehe. Soll man zu dem Mittel

der Steuerverweigerung greifen? Nein, antwortet Lassalle. Diese sei als

solche ein wirksames Mittel nur in den Händen eines Volkes, das, wie das

englische, die vielen Machtmittel der organisierten Macht auf seiner

Seite habe. Sie hätte nur dann einen Sinn, wenn sie dazu dienen sollte,

einen allgemeinen Aufstand zu entflammen. Aber an einen solchen „werde

unter den jetzigen Umständen hoffentlich wohl niemand denken”. Das

einzige Mittel sei, auszusprechen, was ist. Die Kammer müsse, sobald sie

wieder zusammentrete, „aussprechen das, was ist”. Das sei „das

gewaltigste politische Mittel”. Die Kammer müsse es der Regierung

unmöglich machen, mit dem Scheinkonstitutionalismus weiter zu regieren.

Sobald sie wieder zusammentrete, müsse sie unverzüglich einen Beschluß

fassen, daß sie, solange die Regierung ihren Verfassungsbruch fortsetze,

es ablehne, durch Forttagen und Fortbeschließen der Regierung behilflich

zu sein, den Schein eines verfassungsmäßigen Zustandes aufrechtzuhalten,

und daß sie daher ihre Sitzungen „auf unbestimmte Zeit, und zwar auf so

lange aussetze, bis die Regierung den Nachweis antritt, daß die

verweigerten Ausgaben nicht länger fortgesetzt werden”. Sobald die

Kammer diesen Beschluß gefaßt habe, sei die Regierung besiegt. Auflösung

nutze ihr nichts, denn die neuen Abgeordneten würden mit derselben

Parole wiedergewählt werden. Ohne Kammer könne sie aber auch nicht

regieren. Ihr Kredit, ihr Ansehen, ihre Machtstellung nach außen würden

so gewaltig darunter leiden, daß sie über kurz oder lang gezwungen sein

werde, nachzugeben. Ein anderes Mittel, den Konflikt beizulegen, gäbe es

aber nicht. Durch Forttagen und Verweigern anderer oder auch aller

Ausgaben der Regierung würden nur Volk und Regierung an die süße

Gewohnheit der Nichtbeachtung von Kammerbeschlüssen gewöhnt. Noch

schlimmer würde es sein, wollte die Kammer sich auf einen Kompromiß

einlassen, etwa für den Preis der Bewilligung der zweijährigen

Dienstzeit. Nein, kein Nachgeben in der konstitutionellen Grundfrage, um

die es sich jetzt handle. Je hartnäckiger sich die Regierung stelle, um

so größer werde alsdann ihre Demütigung sein, wenn sie sich gezwungen

sehen werde, nachzugeben. „Um so mehr erkennt sie dann die

gesellschaftliche Macht des Bürgertums als die ihr überlegene Macht an,

wenn sie erst später umkehrend sich vor Volk und Kammer beugen muß.”

Dann aber „keinen Versöhnungsdusel, meine Herren”. Keinen neuen

Kompromiß mit dem alten Absolutismus, sondern „den Daumen aufs Auge und

das Knie auf die Brust”.

Lassalle nimmt in diesem Vortrag im ganzen eine versöhnliche Haltung

gegenüber der Fortschrittspartei ein. Er will „der Einigkeit zuliebe”

alle schweren Anklagen, die er gegen sie auf dem Herzen habe,

unterdrücken. Nur die „Volkszeitung” und ihre Hintermänner, deren

Politik das Aussprechen was nicht ist, sei, greift er an. Diese

„Geistesärmsten” trügen durch ihre Versuche, die Regierung in eine

konstitutionelle „umzulügen”, einen sehr großen Teil der

Verantwortung für den jetzigen Stand der Dinge. Aber „Friede, meine

Herren, der Vergangenheit”!

Ob Lassalle im Innersten seines Herzens so friedlich gesinnt war und

wirklich sich dem Glauben hingab, die Fortschrittler würden auf seinen

Vorschlag eingehen, oder ob diese Versöhnlichkeit nur oratorische

Floskel war, um ihm später eine desto schärfere Position gegen die

Fortschrittler zu verleihen, läßt sich schwer feststellen. Es mag beides

zutreffen. Daß er einem zeitweiligen Zusammengehen mit den

Fortschrittlern grundsätzlich nicht abgeneigt war, haben wir vorher

gesehen, viele persönliche Beziehungen ließen ihm das sogar als

wünschenswert erscheinen, und vom prinzipiellen Standpunkt ließ sich bei

der damaligen Sachlage auch nichts dagegen einwenden. Auf der anderen

Seite war es aber immer zweifelhafter geworden, ob die Fortschrittler

sich mit ihm einlassen und ihm denjenigen Einfluß auf ihre Taktik

einräumen würden, auf den er Anspruch zu haben glaubte.

Fußnoten:

[18] Daß die Führer der Italiener Becker sehr gut kannten, geht

aus einem Briefe Mazzinis an Becker vom Juni 1861 hervor. Vgl. die

Veröffentlichungen R. Rüeggs aus den Papieren Joh. Ph. Beckers im

Jahrgang 1888 der „Neuen Zeit”, S. 458 usf.

[19] Die Briefe Lassalles an Hans von Bülow sind Mitte der achtziger

Jahre im Buchhandel erschienen. (Dresden und Leipzig, H. Minden.)

So dünn das Bändchen, so liederlich ist es zusammengestellt. Im

Vorwort wird eine Stelle aus einem Brief Heines über Lassalle dem

Fürsten Pückler-Muskau zugeschrieben; die Briefe selbst sind nicht

einmal chronologisch geordnet, wozu deren Nichtdatierung von seiten

Lassalles den Vorwand liefern muß, obwohl bei den meisten aus dem

Inhalt das ungefähre Datum leicht festzustellen war. In einem der

Briefe ist von „Salingers genialer Komposition” die Rede. Der

Herausgeber, der die Briefe von Hans von Bülow selbst erhalten, macht

dazu die Note „Arbeiterhymne von Herwegh”. Daß der Name Salinger

bzw. Solinger Pseudonym für Hans von Bülow war, wird dagegen nicht

einmal angedeutet. Bülow hatte die Komposition des Herweghschen

Gedichts unter dem Namen Solinger veröffentlicht.

Lassalle und das Leipziger Arbeiterkomitee. -- Das Offene

Antwortschreiben, politischer Teil.

Jedenfalls gingen sie auf die Friedensbedingung, d. h. die von Lassalle

vorgeschlagene Kampfesmethode, nicht ein. Man kann ihnen auch von ihrem

Standpunkt aus nicht unrecht geben. Lassalles Vorschlag war sehr gut,

wenn man es so schnell als möglich zum Äußersten treiben wollte, wenn

man entschlossen, sowie in der Lage war, auf einen Staatsstreich -- denn

weiter blieb der Regierung bei dieser Taktik nichts übrig -- mit einer

Revolution zu antworten. Soweit waren aber die Fortschrittler noch

nicht, und darum zogen sie die Methode des Hinziehens vor. Ohne

Revolution in unmittelbarer Reserve lief der freiwillige Verzicht auf

die Tribüne in der Kammer auf den famosen „passiven Widerstand”

hinaus, über den Lassalle sich mit Recht selbst lustig machte. Durch

beharrliche Verweigerung des Budgets konnte man ebenso laut und

drastisch „aussprechen, was ist”, die öffentliche Meinung ebenso

wirksam oder noch mehr in Erregung halten, als durch das Mittel der

Vertagung ins Unbestimmte, das der Regierung obendrein einen Schein

von Recht für die Außerkraftsetzung der Verfassung lieferte. Das war

ja aber die Hauptidee der Taktik der Fortschrittler, die Regierung

vor allem als Vertreterin der Gewalt gegenüber dem Recht

hinzustellen. „Ihre Hauptwortführer,” sagt B. Becker sehr gut,

„waren meist Leute aus dem Richter- und Advokatenstande, folglich an

juristisch-advokatorische _Dehnbarkeit_[20] gewöhnt und den Streit

der Kammermajorität mit der Regierung wie einen langen Rechtsstreit

zu betrachten geneigt.”

Sie erhoben denn auch von neuem gegen Lassalle den Vorwurf, daß er,

gleich der Regierung, Macht vor Recht gestellt habe. Und nun, nicht nach

der ersten Verfassungs-Broschüre, wie es bei Becker heißt, schrieb

Lassalle den Aufsatz „Macht und Recht”, in welchem er der

Fortschrittspartei rund heraus den Fehdehandschuh hinwarf. Es war ihm

ein leichtes, die ganze Lächerlichkeit jenes Vorwurfs mit ein paar

Worten schlagend nachzuweisen und den Fortschrittlern als Zugabe den

Beweis zu liefern, daß ihr Abgott Schwerin, dessen Erklärung, daß in

Preußen „Recht vor Macht gehe”, sie so laut bejubelten, an einem

ganzen Dutzend Rechtsbrüchen, wo Macht vor Recht ging, teilgenommen

hatte. „Es hat kein Mensch im preußischen Staat das Recht, vom

‚Recht’ zu sprechen” -- ruft er aus -- „als die Demokratie, die

alte und wahre Demokratie. Denn sie allein ist es, die stets am Recht

festgehalten und sich zu keinem Kompromiß mit der Macht erniedrigt

hat.” Und: „Bei der Demokratie allein ist alles Recht -- und bei ihr

allein wird die Macht sein!”

Dieser Kriegserklärung, in Form einer Berichtigung an die radikale

Berliner „Reform” eingesandt, verschloß letztere -- für die Lassalle

noch im Juni 1862 bei Marx ein gutes Wort eingelegt hatte -- ihre

Spalten, desgleichen die „Vossische Zeitung”. Die letztere lehnte auch

die Aufnahme des Aufsatzes als bezahltes Inserat ab, worauf Lassalle ihn

als „Offenes Sendschreiben” in Zürich erscheinen ließ. Daß die Wahl

dieses Verlagsortes die „preßgesetzlichen Bedenken” der „Vossischen

Zeitung” eigentlich rechtfertigte, kümmerte ihn nicht weiter.

* * * * *

Zwischen der Veröffentlichung des Vortrages „Was nun?” (Dezember 1862)

und der Abfassung des „Sendschreibens” (Februar 1863) liegen wiederum

zwei Monate. Noch vor dieser Zeit (Ende Oktober 1862) waren zwei

Mitglieder des Leipziger Arbeiterkomitees, der Tabakarbeiter

F. W. Fritzsche und der Schuhmacher Julius Vahlteich, nach Berlin

gefahren und hatten dort, nach Konferenzen mit führenden Mitgliedern des

Berliner Arbeiterkomitees, sowie mit Schulze-Delitzsch und noch etlichen

Fortschrittsführern am 2. November einer großen Arbeiterversammlung

beigewohnt, in der mit überwiegender Mehrheit beschlossen wurde, das

Mandat für die Einberufung des Kongresses dem Leipziger Komitee zu

übertragen. Der Besuch überzeugte sie, die selbst schon Sozialisten

waren, daß die Arbeiter Berlins noch stark an Schulze-Delitzsch hingen,

dieser aber und die übrigen Führer der Fortschrittspartei von einer

selbständigen Arbeiterbewegung sehr wenig wissen wollten. Spätere

Anfragen bestärkten diesen Eindruck noch. In bezug auf die Frage des

Beitritts zum Nationalverein erhielt man die bereits erwähnte klassische

Antwort, die Arbeiter sollten sich als „Ehrenmitglieder” des

Nationalvereins betrachten. In bezug auf die Frage des Wahlrechts waren

die Unruh, Schulze-Delitzsch usw. selbst gespalten, hielten sie auch

außerdem für keine brennende. Das Dreiklassenwahlsystem hatte ja eine so

vortreffliche Kammer zusammengebracht, man könne es also schon noch eine

Weile mitansehen. Daß die vortreffliche, d. h. die oppositionelle

Kammer, lediglich das Produkt der besonderen Zeitverhältnisse war, kam

den guten Leuten nicht zum Bewußtsein.

Von dem jugendlichen Berliner Demokraten, dem späteren

Fortschrittsabgeordneten Ludwig Löwe, wurden die Leipziger auf Ferdinand

Lassalle und dessen Vortrag „Das Arbeiterprogramm” aufmerksam gemacht

und setzten sich nun mit Lassalle in Verbindung. Man kann sich leicht

denken, wie sehr dies dessen Entschluß bestärken mußte, nunmehr das

„Friede der Vergangenheit, meine Herren” zurückzunehmen. Als er das

Sendschreiben „Macht und Recht” erließ, war bereits zwischen ihm und

dem Leipziger Komitee verabredet, daß dieses ihn in einem offiziellen

Schreiben ersuchen sollte, seine Ansichten über die Aufgaben der

Arbeiterbewegung und die Frage der Assoziationen in einer ihm passend

erscheinenden Form darzulegen, und daß diese Form eben die einer

Flugschrift sein sollte. Die äußerst interessanten damaligen Briefe

Lassalles an die Leipziger sind neuerdings von Prof. H. Oncken in

Grünbergs „Archiv für die Geschichte des Sozialismus” veröffentlicht

worden (Jahrgang 2, Heft 2 und 3). Sie zeigen, daß Lassalle, so froh

er über die Verbindung mit dem Leipziger Komitee war, sich diesem

doch in keiner Weise aufdrängte. Die Leipziger, d. h. die treibenden

Elemente im Arbeiterverein, wußten sehr gut, worauf sie

hinauswollten; worüber man noch unentschlossen war, das war weniger

das Wesen der zu unternehmenden Aktion, als das Aktionsprogramm. Es

war durchaus nicht „das Bewußtsein seiner eigenen Unklarheit”, wie

Bernh. Becker in seiner „Die Wahrheit über alles” stellenden

Geschichte der Lassalleschen Arbeiteragitation schreibt, die das

Komitee veranlaßte, in einem vom 10. Februar datierten „Aufruf an die

deutschen Arbeiter” gleichzeitig für Beschleunigung, aber gegen

Übereilung des zu berufenden Arbeiterkongresses sich auszusprechen.

Der Kongreß sollte möglichst bald stattfinden, aber nicht so bald,

daß nicht inzwischen die Lassallesche Antwort ihre Wirkung getan

haben konnte. In derselben Sitzung, wo es den vorerwähnten Aufruf

erließ, beschloß das Komitee, folgenden Brief an Lassalle zu

schicken, der auch tags darauf abging:

„Herrn Ferdinand Lassalle in Berlin.

Sehr geehrter Herr!

Ihre Broschüre: ‚Über den besonderen Zusammenhang der gegenwärtigen

Geschichtsperiode mit der Idee des Arbeiterstandes’ ist hier überall von

den Arbeitern mit großem Beifall aufgenommen worden und das

Zentralkomitee hat sich in Ihrem Sinne in der Arbeiterzeitung

ausgesprochen. Andrerseits sind von verschiedenen Seiten sehr ernstliche

Bedenken ausgesprochen worden, ob die von Schulze-Delitzsch empfohlenen

Assoziationen der großen Mehrzahl der Arbeiter, die gar nichts besitzt,

genügend helfen können, ob namentlich durch dieselben die Stellung der

Arbeiter im Staat in der Art verändert werden kann, wie es notwendig

erscheinen muß. Das Zentralkomitee hat in der Arbeiterzeitung (Nr. 6)

hierüber seine Ansichten ausgesprochen; es ist der Überzeugung, daß das

Assoziationswesen unter unsern jetzigen Verhältnissen nicht genug

leisten könne. -- Da nun aber aller Orten die Ideen von

Schulze-Delitzsch als maßgebend für den Arbeiterstand, unter dem wir die

gedrückteste Klasse des Volkes verstehen, empfohlen werden, und da doch

wohl noch andere Mittel und Wege, als die von Schulze-Delitzsch

vorgeschlagenen, denkbar wären, um die Ziele der Arbeiterbewegung:

Verbesserung der Lage der Arbeiter in politischer, materieller und

geistiger Beziehung zu erreichen, so hat das Zentralkomitee in seiner

Sitzung vom 10. Februar cr. einstimmig beschlossen:

Sie zu ersuchen, in irgendeiner Ihnen passend erscheinenden Form

Ihre Ansichten über die Arbeiterbewegung und über die Mittel, deren

dieselbe sich zu bedienen hat, sowie besonders auch über den Wert

der Assoziationen für die ganz unbemittelte Volksklasse,

auszusprechen.

Wir legen den größten Wert auf Ihre Ansichten, welche Sie in der

angeführten Broschüre ausgesprochen haben, und werden deshalb auch

Ihre ferneren Mitteilungen vollkommen zu würdigen wissen. Wir

ersuchen Sie schließlich nur noch um möglichst baldige Erfüllung

unserer Bitte, da uns viel daran liegt, die Entwicklung der

Arbeiterbewegung zu beschleunigen. -- Mit Gruß und Handschlag!

Leipzig, 11. Februar 63.

Für das Zentralkomitee zur Berufung eines

Allgemeinen Deutschen Arbeiterkongresses

Otto Dammer.”

Die Antwort auf diesen Brief bildete das vom 1. März 1863 datierte

„Offene Antwortschreiben an das Zentralkomitee zur Berufung eines

allgemeinen deutschen Arbeiterkongresses zu Leipzig von Ferdinand

Lassalle”.

Mit dieser Schrift und ihrer Annahme im Komitee und im Leipziger

Arbeiterverein selbst beginnt die eigentlich sozialistische Agitation

Lassalles und die Geschichte des „Allgemeinen deutschen

Arbeitervereins”.

* * * * *

Das „Offene Antwortschreiben” Lassalles tritt zunächst der Ansicht

entgegen, daß die Arbeiter sich nicht um die Politik zu bekümmern

hätten. Im Gegenteil, sie hätten sich durchaus an der Politik zu

beteiligen, bloß dürften sie dies nicht in der Weise tun, daß sie sich

als den „selbstlosen Chor und Resonanzboden” der Fortschrittspartei

betrachteten. Der Nachweis dafür, daß die Fortschrittspartei den

Anspruch darauf verwirkt habe, stützt sich im wesentlichen auf das von

dieser im Verfassungskonflikt beobachtete Verhalten und ist insofern

nicht überall von gleichmäßiger Beweiskraft. Wenn Lassalle z. B. auf

Seite 4 der Schrift der Fortschrittspartei vorwarf, daß sie „nur ....

das Festhalten am Budgetbewilligungsrecht zum Inhalt ihres Kampfes

habe”, so vergaß er, daß er selbst es noch im Vortrage „Was nun?”

als das eigentliche und mit aller Energie zu vertretende Objekt des

Kampfes bezeichnet hatte. Ebenso konnte sich die Fortschrittspartei

auf ihn selbst berufen, wenn er es ihr als eine politische Sünde

anrechnete, daß sie

„sich durch ihr Dogma von der preußischen Spitze zwingt, in der

preußischen Regierung den berufenen Messias für die deutsche

Wiedergeburt zu sehen, während es, mit Einschluß Hessens, nicht

eine einzige deutsche Regierung gibt, welche hinter der preußischen

in politischer Beziehung zurückstände, während es, und zwar mit

Einschluß Österreichs (!!), fast keine einzige deutsche Regierung

gibt, welche der preußischen nicht noch bedeutend voraus wäre.”

Indes in der Sache selbst hatte Lassalle natürlich recht. Die

Organisation der Arbeiter als selbständige politische Partei mit eigenem

Programm war eine geschichtliche Notwendigkeit, und wenn die Entwicklung

der politischen Zustände Deutschlands es zweifelhaft erscheinen lassen

konnte, ob es gerade in jenem Augenblick geraten war, die Arbeiter vom

Heerbann der gegen den Absolutismus kämpfenden Fortschrittspartei

abzutrennen, so lag von seiten der letzteren genug vor, was zu dieser

Abtrennung geradezu herausforderte. Zudem hieß die selbständige

Organisierung der Arbeiter an sich noch nicht Beeinträchtigung der

Aggressivkraft der Fortschrittspartei. Daß sie diese in der Tat zur

Folge hatte, ist in nicht geringem Grade Schuld der Fortschrittspartei

selbst -- ihrer wahrhaft bornierten Haltung gegenüber der neuen

Bewegung. Zum Teil allerdings auch Schuld des Programms, welches

Lassalle dieser Bewegung gab.

Wir haben bei Besprechung des „Arbeiterprogramms” gesehen, welch

abstrakte, rein ideologische Vorstellung Lassalle mit dem Begriff

„Staat” verband. Es ist keine Übertreibung zu sagen, daß er einen

wahren Kultus mit dem Staatsbegriff trieb. „Das uralte Vestafeuer

aller Zivilisation, den Staat, verteidige ich mit Ihnen gegen jene

modernen Barbaren” -- nämlich die Manchesterpartei -- ruft er in der

Rede „Die indirekte Steuer” den Richtern des Berliner Kammergerichts

zu, und ähnliche Stellen finden sich in fast allen seinen Reden vor.

Dieser Staatskultus ist die Achillesferse der Lassalleschen Doktrin,

die Ursache von allerhand verhängnisvollen Fehlgriffen. Die

althegelisch-ideologische Vorstellung vom „Staat” veranlaßte

Lassalle, in einem Augenblick den Arbeitern eine halbmystische

Verehrung des Staats einzuprägen, wo es sich für sie zunächst noch

darum handelte, die Bevormundungen des Polizeistaats erst

loszuwerden. Es hört sich sehr hübsch an, wenn er im „Offenen

Antwortschreiben” den Arbeitern zuruft: „Wie, Sie wollten über

Freizügigkeit debattieren? Ich weiß Ihnen hierauf nur mit dem

Distichon Schillers zu antworten:

„Jahrelang bedien' ich mich schon meiner Nase zum Riechen,

Aber hab' ich an sie auch ein erweisliches Recht?” --

Freizügigkeit und Gewerbefreiheit seien Dinge, die man in einem

gesetzgebenden Körper „stumm und lautlos dekretiert, aber nicht mehr

debattiert”. Tatsächlich jedoch waren diese Dinge und mit ihnen die

Koalitionsfreiheit eben noch nicht da, während die Arbeiter sie

unbedingt brauchten. Der wirkliche Grund, warum Freizügigkeit und

Gewerbefreiheit einen verhältnismäßig untergeordneten Rang auf einem

Arbeiterkongreß einzunehmen hatten, war der, daß sie zugleich in hohem

Grade Forderungen des bürgerlichen Liberalismus waren; aber überflüssig

war ihre Diskutierung schon deshalb nicht, weil selbst in

Arbeiterkreisen noch sehr viel Unklarheit über ihre Bedeutung herrschte.

Lassalle schob diese Fragen beiseite, weil ihm wichtiger als sie die

Forderung der Staatshilfe schien. Einmal der Sache selbst wegen,

zweitens aber, weil er in dem Ausblick auf die Staatshilfe das einzig

wirksame Mittel erblickte, die Arbeiterklasse für die politische Aktion

aufzurütteln, sie zugleich von der Vormundschaft der bürgerlichen

Parteien zu emanzipieren und doch für die Erkämpfung der demokratischen

Forderungen zu erwärmen. Und kein Zweifel, daß ihm zu jener Zeit diese

zweite Seite die wichtigere war. Sie war es auch nach Lage der Dinge

selbst. Es handelte sich nur darum, ob Methode und Mittel, durch die er

diesen Zweck zu erreichen suchte, richtig waren.

Um die Arbeiter von der Wirkungslosigkeit der Selbsthilfe zu überzeugen,

wie sie von bürgerlicher Seite gepredigt wurde, berief sich Lassalle auf

das Lohngesetz der kapitalistischen Produktion, wie es von den

Klassikern der politischen Ökonomie, insbesondere und am schärfsten von

Ricardo formuliert worden war, das „eherne und grausame Gesetz, wonach

unter der Herrschaft von Angebot und Nachfrage der durchschnittliche

Arbeitslohn immer auf den notwendigen Lebensunterhalt reduziert bleibt,

der in einem Volke gewohnheitsmäßig zur Fristung der Existenz und zur

Fortpflanzung erforderlich ist”. Steige er zeitweilig über diesen Satz,

so bewirkten leichtere Verehelichung und Fortpflanzung eine Vermehrung

der Arbeiterbevölkerung und damit des Arbeiterangebots, infolgedessen

der Lohn wieder auf den früheren Lohnsatz zurückfalle. Falle er aber

unter diesen Satz, so bewirkten Auswanderung, größere Sterblichkeit

unter den Arbeitern, Enthaltung von Ehe und Fortpflanzung eine

Verminderung des Arbeiterangebots, infolgedessen die Löhne wieder

stiegen. So tanzten „Arbeiter und Arbeitslohn immer um den äußersten

Rand dessen herum, was nach dem Bedürfnis jeder Zeit zu dem

notwendigsten Lebensunterhalt gehört”, und dies „ändert sich nie”.

Es sei daher jeder Versuch der Arbeiterklasse, durch die individuellen

Anstrengungen ihrer Mitglieder ihre Lage zu verbessern, notwendigerweise

zur Wirkungslosigkeit verurteilt. Ebenso sei es verfehlt, die Lage der

Arbeiter durch Konsumvereine verbessern zu wollen. So lange diese

vereinzelt blieben, könnten sie hier und da den Arbeitern Vorteile

verschaffen. Von dem Zeitpunkt aber an, wo sie allgemein würden, würden

die Arbeiter als Produzenten, an ihrem Lohne, wieder verlieren, was sie

als Konsumenten, beim Einkauf ihrer Bedarfsartikel, gewönnen. Die Lage

der Arbeiterklasse könne vielmehr dauernd nur von dem Druck jenes

ökonomischen Gesetzes befreit werden, wenn an die Stelle des

Arbeitslohns der Arbeitsertrag trete, wenn die Arbeiterklasse ihr

eigener Unternehmer werde. Das sei aber nicht durch die Gründung

selbsthilflerischer Assoziationen zu erreichen, da diesen die

erforderlichen Mittel dazu fehlten, und da sie nur zu oft dem Schicksal

verfielen, daß in ihnen der Unternehmergeist seinen Einzug halte und die

Mitglieder in die „widrige Karikatur der Arbeiter mit Arbeitermitteln

und Unternehmergesinnungen” verwandelte. Die großen Fragen ließen sich

nur mit großen Mitteln lösen, und darum müßten die Assoziationen in

großartigem Maßstabe und mit Ausdehnung auf die fabrikmäßige

Großindustrie ins Leben gerufen, die Mittel dazu aber -- das nötige

Kapital, bzw. der nötige Kredit -- vom Staat dargeboten werden. Das sei

durchaus kein Kommunismus oder Sozialismus. „Nichts ist weiter entfernt

von dem sogenannten Kommunismus oder Sozialismus als diese Forderung,

bei welcher die arbeitenden Klassen ganz wie heute ihre individuelle

Freiheit, individuelle Lebensweise und individuelle Arbeitsvergütung

beibehalten und zu dem Staat in keiner anderen Beziehung stehen, als daß

ihnen durch ihn das erforderliche Kapital, resp. der erforderliche

Kredit zu ihrer Assoziation vermittelt wird.” Der Beruf des Staates sei

es aber gerade, die großen Kulturfortschritte der Menschheit zu

erleichtern und zu vermitteln. „Dazu existiert er, hat immer dazu

gedient und dienen müssen.” Was aber „ist denn der Staat”? Und

Lassalle führt die Zahlen der preußischen Einkommensstatistik von

1851 an, wonach in jenem Jahre 89 Prozent der Bevölkerung ein

Einkommen unter 200 Talern gehabt hatten, dazu 7¼ Prozent der

Bevölkerung ein solches von 200 bis 400 Talern, so daß also 96¼

Prozent der Bevölkerung in elender, gedrückter Lage sich befänden.

„Ihnen also, meine Herren, den notleidenden Klassen, gehört der

Staat, nicht uns, den höheren Ständen, denn aus Ihnen besteht er! Was

ist der Staat? fragte ich, und Sie ersehen jetzt aus wenigen Zahlen,

handgreiflicher als aus dicken Büchern, die Antwort: Ihre, der

ärmeren Klassen, große Assoziation -- das ist der Staat.” Und wie

den Staat zu der geforderten Intervention vermögen? Dies werde nur

durch das allgemeine und direkte Wahlrecht möglich sein. Nur wenn die

gesetzgebenden Körper Deutschlands aus dem allgemeinen und direkten

Wahlrecht hervorgehen -- „dann und nur dann werden Sie den Staat

bestimmen können, sich dieser seiner Pflicht zu unterziehen”. Das

allgemeine und direkte Wahlrecht ... „ist nicht nur Ihr politisches,

es ist auch ihr soziales Grundprinzip, die Grundbedingung aller

sozialen Hilfe”. Darum mögen sich die Arbeiter zu einem allgemeinen

deutschen Arbeiterverein organisieren, der zum Zweck habe die

Einführung des allgemeinen und direkten Wahlrechts in allen deutschen

Ländern. Werde diese Forderung von den 89 bis 96 Prozent der

Bevölkerung als Magenfrage aufgefaßt und daher auch mit der

Magenwärme durch den ganzen nationalen Körper hin verbreitet, so

werde es keine Macht geben, die sich dem lange widersetzen würde.

„Alle Kunst praktischer Erfolge besteht darin, alle Kraft zu jeder

Zeit auf einen Punkt -- auf den wichtigsten Punkt -- zu konzentrieren

und nicht nach rechts und links zu sehen. Blicken Sie nicht nach

rechts noch links, seien Sie taub für alles, was nicht allgemeines

und direktes Wahlrecht heißt oder damit in Zusammenhang steht und

dazu führen kann.”

Ferdinand Lassalle: Eine Würdigung des Lehrers und Kämpfers · 第 11 / 18 段