vertagt hatte, hielt Lassalle seinen zweiten Verfassungsvortrag: „Was
nun?” Er beruft sich dort darauf, daß die Ereignisse den Ausführungen
in seinem ersten Vortrage recht gegeben haben. Die „Kreuzzeitung”, der
Kriegsminister von Roon und der gegenwärtige Ministerpräsident von
Bismarck hätten seine Theorie, daß Verfassungsfragen Machtfragen sind,
bestätigt. Gestützt auf ihre Macht habe die Regierung fortgefahren, sich
über die Beschlüsse der Kammer hinwegzusetzen. Es handle sich nun
weniger um die Frage, wie der Verfassung von 1850 zur Fortdauer ihrer
Existenz zu verhelfen sei, an deren Bestimmungen das Volk zum Teil gar
kein Interesse habe, sondern einfach um die Frage, wie das Budgetrecht
der Volksvertretung aufrechtzuerhalten, das parlamentarische Regime zur
Wahrheit zu machen sei, da „in ihm, und nur in ihm das Wesen einer jeden
wahrhaft konstitutionellen Regierung” bestehe. Soll man zu dem Mittel
der Steuerverweigerung greifen? Nein, antwortet Lassalle. Diese sei als
solche ein wirksames Mittel nur in den Händen eines Volkes, das, wie das
englische, die vielen Machtmittel der organisierten Macht auf seiner
Seite habe. Sie hätte nur dann einen Sinn, wenn sie dazu dienen sollte,
einen allgemeinen Aufstand zu entflammen. Aber an einen solchen „werde
unter den jetzigen Umständen hoffentlich wohl niemand denken”. Das
einzige Mittel sei, auszusprechen, was ist. Die Kammer müsse, sobald sie
wieder zusammentrete, „aussprechen das, was ist”. Das sei „das
gewaltigste politische Mittel”. Die Kammer müsse es der Regierung
unmöglich machen, mit dem Scheinkonstitutionalismus weiter zu regieren.
Sobald sie wieder zusammentrete, müsse sie unverzüglich einen Beschluß
fassen, daß sie, solange die Regierung ihren Verfassungsbruch fortsetze,
es ablehne, durch Forttagen und Fortbeschließen der Regierung behilflich
zu sein, den Schein eines verfassungsmäßigen Zustandes aufrechtzuhalten,
und daß sie daher ihre Sitzungen „auf unbestimmte Zeit, und zwar auf so
lange aussetze, bis die Regierung den Nachweis antritt, daß die
verweigerten Ausgaben nicht länger fortgesetzt werden”. Sobald die
Kammer diesen Beschluß gefaßt habe, sei die Regierung besiegt. Auflösung
nutze ihr nichts, denn die neuen Abgeordneten würden mit derselben
Parole wiedergewählt werden. Ohne Kammer könne sie aber auch nicht
regieren. Ihr Kredit, ihr Ansehen, ihre Machtstellung nach außen würden
so gewaltig darunter leiden, daß sie über kurz oder lang gezwungen sein
werde, nachzugeben. Ein anderes Mittel, den Konflikt beizulegen, gäbe es
aber nicht. Durch Forttagen und Verweigern anderer oder auch aller
Ausgaben der Regierung würden nur Volk und Regierung an die süße
Gewohnheit der Nichtbeachtung von Kammerbeschlüssen gewöhnt. Noch
schlimmer würde es sein, wollte die Kammer sich auf einen Kompromiß
einlassen, etwa für den Preis der Bewilligung der zweijährigen
Dienstzeit. Nein, kein Nachgeben in der konstitutionellen Grundfrage, um
die es sich jetzt handle. Je hartnäckiger sich die Regierung stelle, um
so größer werde alsdann ihre Demütigung sein, wenn sie sich gezwungen
sehen werde, nachzugeben. „Um so mehr erkennt sie dann die
gesellschaftliche Macht des Bürgertums als die ihr überlegene Macht an,
wenn sie erst später umkehrend sich vor Volk und Kammer beugen muß.”
Dann aber „keinen Versöhnungsdusel, meine Herren”. Keinen neuen
Kompromiß mit dem alten Absolutismus, sondern „den Daumen aufs Auge und
das Knie auf die Brust”.
Lassalle nimmt in diesem Vortrag im ganzen eine versöhnliche Haltung
gegenüber der Fortschrittspartei ein. Er will „der Einigkeit zuliebe”
alle schweren Anklagen, die er gegen sie auf dem Herzen habe,
unterdrücken. Nur die „Volkszeitung” und ihre Hintermänner, deren
Politik das Aussprechen was nicht ist, sei, greift er an. Diese
„Geistesärmsten” trügen durch ihre Versuche, die Regierung in eine
konstitutionelle „umzulügen”, einen sehr großen Teil der
Verantwortung für den jetzigen Stand der Dinge. Aber „Friede, meine
Herren, der Vergangenheit”!
Ob Lassalle im Innersten seines Herzens so friedlich gesinnt war und
wirklich sich dem Glauben hingab, die Fortschrittler würden auf seinen
Vorschlag eingehen, oder ob diese Versöhnlichkeit nur oratorische
Floskel war, um ihm später eine desto schärfere Position gegen die
Fortschrittler zu verleihen, läßt sich schwer feststellen. Es mag beides
zutreffen. Daß er einem zeitweiligen Zusammengehen mit den
Fortschrittlern grundsätzlich nicht abgeneigt war, haben wir vorher
gesehen, viele persönliche Beziehungen ließen ihm das sogar als
wünschenswert erscheinen, und vom prinzipiellen Standpunkt ließ sich bei
der damaligen Sachlage auch nichts dagegen einwenden. Auf der anderen
Seite war es aber immer zweifelhafter geworden, ob die Fortschrittler
sich mit ihm einlassen und ihm denjenigen Einfluß auf ihre Taktik
einräumen würden, auf den er Anspruch zu haben glaubte.
Fußnoten:
[18] Daß die Führer der Italiener Becker sehr gut kannten, geht
aus einem Briefe Mazzinis an Becker vom Juni 1861 hervor. Vgl. die
Veröffentlichungen R. Rüeggs aus den Papieren Joh. Ph. Beckers im
Jahrgang 1888 der „Neuen Zeit”, S. 458 usf.
[19] Die Briefe Lassalles an Hans von Bülow sind Mitte der achtziger
Jahre im Buchhandel erschienen. (Dresden und Leipzig, H. Minden.)
So dünn das Bändchen, so liederlich ist es zusammengestellt. Im
Vorwort wird eine Stelle aus einem Brief Heines über Lassalle dem
Fürsten Pückler-Muskau zugeschrieben; die Briefe selbst sind nicht
einmal chronologisch geordnet, wozu deren Nichtdatierung von seiten
Lassalles den Vorwand liefern muß, obwohl bei den meisten aus dem
Inhalt das ungefähre Datum leicht festzustellen war. In einem der
Briefe ist von „Salingers genialer Komposition” die Rede. Der
Herausgeber, der die Briefe von Hans von Bülow selbst erhalten, macht
dazu die Note „Arbeiterhymne von Herwegh”. Daß der Name Salinger
bzw. Solinger Pseudonym für Hans von Bülow war, wird dagegen nicht
einmal angedeutet. Bülow hatte die Komposition des Herweghschen
Gedichts unter dem Namen Solinger veröffentlicht.
Lassalle und das Leipziger Arbeiterkomitee. -- Das Offene
Antwortschreiben, politischer Teil.
Jedenfalls gingen sie auf die Friedensbedingung, d. h. die von Lassalle
vorgeschlagene Kampfesmethode, nicht ein. Man kann ihnen auch von ihrem
Standpunkt aus nicht unrecht geben. Lassalles Vorschlag war sehr gut,
wenn man es so schnell als möglich zum Äußersten treiben wollte, wenn
man entschlossen, sowie in der Lage war, auf einen Staatsstreich -- denn
weiter blieb der Regierung bei dieser Taktik nichts übrig -- mit einer
Revolution zu antworten. Soweit waren aber die Fortschrittler noch
nicht, und darum zogen sie die Methode des Hinziehens vor. Ohne
Revolution in unmittelbarer Reserve lief der freiwillige Verzicht auf
die Tribüne in der Kammer auf den famosen „passiven Widerstand”
hinaus, über den Lassalle sich mit Recht selbst lustig machte. Durch
beharrliche Verweigerung des Budgets konnte man ebenso laut und
drastisch „aussprechen, was ist”, die öffentliche Meinung ebenso
wirksam oder noch mehr in Erregung halten, als durch das Mittel der
Vertagung ins Unbestimmte, das der Regierung obendrein einen Schein
von Recht für die Außerkraftsetzung der Verfassung lieferte. Das war
ja aber die Hauptidee der Taktik der Fortschrittler, die Regierung
vor allem als Vertreterin der Gewalt gegenüber dem Recht
hinzustellen. „Ihre Hauptwortführer,” sagt B. Becker sehr gut,
„waren meist Leute aus dem Richter- und Advokatenstande, folglich an
juristisch-advokatorische _Dehnbarkeit_[20] gewöhnt und den Streit
der Kammermajorität mit der Regierung wie einen langen Rechtsstreit
zu betrachten geneigt.”
Sie erhoben denn auch von neuem gegen Lassalle den Vorwurf, daß er,
gleich der Regierung, Macht vor Recht gestellt habe. Und nun, nicht nach
der ersten Verfassungs-Broschüre, wie es bei Becker heißt, schrieb
Lassalle den Aufsatz „Macht und Recht”, in welchem er der
Fortschrittspartei rund heraus den Fehdehandschuh hinwarf. Es war ihm
ein leichtes, die ganze Lächerlichkeit jenes Vorwurfs mit ein paar
Worten schlagend nachzuweisen und den Fortschrittlern als Zugabe den
Beweis zu liefern, daß ihr Abgott Schwerin, dessen Erklärung, daß in
Preußen „Recht vor Macht gehe”, sie so laut bejubelten, an einem
ganzen Dutzend Rechtsbrüchen, wo Macht vor Recht ging, teilgenommen
hatte. „Es hat kein Mensch im preußischen Staat das Recht, vom
‚Recht’ zu sprechen” -- ruft er aus -- „als die Demokratie, die
alte und wahre Demokratie. Denn sie allein ist es, die stets am Recht
festgehalten und sich zu keinem Kompromiß mit der Macht erniedrigt
hat.” Und: „Bei der Demokratie allein ist alles Recht -- und bei ihr
allein wird die Macht sein!”
Dieser Kriegserklärung, in Form einer Berichtigung an die radikale
Berliner „Reform” eingesandt, verschloß letztere -- für die Lassalle
noch im Juni 1862 bei Marx ein gutes Wort eingelegt hatte -- ihre
Spalten, desgleichen die „Vossische Zeitung”. Die letztere lehnte auch
die Aufnahme des Aufsatzes als bezahltes Inserat ab, worauf Lassalle ihn
als „Offenes Sendschreiben” in Zürich erscheinen ließ. Daß die Wahl
dieses Verlagsortes die „preßgesetzlichen Bedenken” der „Vossischen
Zeitung” eigentlich rechtfertigte, kümmerte ihn nicht weiter.
* * * * *
Zwischen der Veröffentlichung des Vortrages „Was nun?” (Dezember 1862)
und der Abfassung des „Sendschreibens” (Februar 1863) liegen wiederum
zwei Monate. Noch vor dieser Zeit (Ende Oktober 1862) waren zwei
Mitglieder des Leipziger Arbeiterkomitees, der Tabakarbeiter
F. W. Fritzsche und der Schuhmacher Julius Vahlteich, nach Berlin
gefahren und hatten dort, nach Konferenzen mit führenden Mitgliedern des
Berliner Arbeiterkomitees, sowie mit Schulze-Delitzsch und noch etlichen
Fortschrittsführern am 2. November einer großen Arbeiterversammlung
beigewohnt, in der mit überwiegender Mehrheit beschlossen wurde, das
Mandat für die Einberufung des Kongresses dem Leipziger Komitee zu
übertragen. Der Besuch überzeugte sie, die selbst schon Sozialisten
waren, daß die Arbeiter Berlins noch stark an Schulze-Delitzsch hingen,
dieser aber und die übrigen Führer der Fortschrittspartei von einer
selbständigen Arbeiterbewegung sehr wenig wissen wollten. Spätere
Anfragen bestärkten diesen Eindruck noch. In bezug auf die Frage des
Beitritts zum Nationalverein erhielt man die bereits erwähnte klassische
Antwort, die Arbeiter sollten sich als „Ehrenmitglieder” des
Nationalvereins betrachten. In bezug auf die Frage des Wahlrechts waren
die Unruh, Schulze-Delitzsch usw. selbst gespalten, hielten sie auch
außerdem für keine brennende. Das Dreiklassenwahlsystem hatte ja eine so
vortreffliche Kammer zusammengebracht, man könne es also schon noch eine
Weile mitansehen. Daß die vortreffliche, d. h. die oppositionelle
Kammer, lediglich das Produkt der besonderen Zeitverhältnisse war, kam
den guten Leuten nicht zum Bewußtsein.
Von dem jugendlichen Berliner Demokraten, dem späteren
Fortschrittsabgeordneten Ludwig Löwe, wurden die Leipziger auf Ferdinand
Lassalle und dessen Vortrag „Das Arbeiterprogramm” aufmerksam gemacht
und setzten sich nun mit Lassalle in Verbindung. Man kann sich leicht
denken, wie sehr dies dessen Entschluß bestärken mußte, nunmehr das
„Friede der Vergangenheit, meine Herren” zurückzunehmen. Als er das
Sendschreiben „Macht und Recht” erließ, war bereits zwischen ihm und
dem Leipziger Komitee verabredet, daß dieses ihn in einem offiziellen
Schreiben ersuchen sollte, seine Ansichten über die Aufgaben der
Arbeiterbewegung und die Frage der Assoziationen in einer ihm passend
erscheinenden Form darzulegen, und daß diese Form eben die einer
Flugschrift sein sollte. Die äußerst interessanten damaligen Briefe
Lassalles an die Leipziger sind neuerdings von Prof. H. Oncken in
Grünbergs „Archiv für die Geschichte des Sozialismus” veröffentlicht
worden (Jahrgang 2, Heft 2 und 3). Sie zeigen, daß Lassalle, so froh
er über die Verbindung mit dem Leipziger Komitee war, sich diesem
doch in keiner Weise aufdrängte. Die Leipziger, d. h. die treibenden
Elemente im Arbeiterverein, wußten sehr gut, worauf sie
hinauswollten; worüber man noch unentschlossen war, das war weniger
das Wesen der zu unternehmenden Aktion, als das Aktionsprogramm. Es
war durchaus nicht „das Bewußtsein seiner eigenen Unklarheit”, wie
Bernh. Becker in seiner „Die Wahrheit über alles” stellenden
Geschichte der Lassalleschen Arbeiteragitation schreibt, die das
Komitee veranlaßte, in einem vom 10. Februar datierten „Aufruf an die
deutschen Arbeiter” gleichzeitig für Beschleunigung, aber gegen
Übereilung des zu berufenden Arbeiterkongresses sich auszusprechen.
Der Kongreß sollte möglichst bald stattfinden, aber nicht so bald,
daß nicht inzwischen die Lassallesche Antwort ihre Wirkung getan
haben konnte. In derselben Sitzung, wo es den vorerwähnten Aufruf
erließ, beschloß das Komitee, folgenden Brief an Lassalle zu
schicken, der auch tags darauf abging:
„Herrn Ferdinand Lassalle in Berlin.
Sehr geehrter Herr!
Ihre Broschüre: ‚Über den besonderen Zusammenhang der gegenwärtigen
Geschichtsperiode mit der Idee des Arbeiterstandes’ ist hier überall von
den Arbeitern mit großem Beifall aufgenommen worden und das
Zentralkomitee hat sich in Ihrem Sinne in der Arbeiterzeitung
ausgesprochen. Andrerseits sind von verschiedenen Seiten sehr ernstliche
Bedenken ausgesprochen worden, ob die von Schulze-Delitzsch empfohlenen
Assoziationen der großen Mehrzahl der Arbeiter, die gar nichts besitzt,
genügend helfen können, ob namentlich durch dieselben die Stellung der
Arbeiter im Staat in der Art verändert werden kann, wie es notwendig
erscheinen muß. Das Zentralkomitee hat in der Arbeiterzeitung (Nr. 6)
hierüber seine Ansichten ausgesprochen; es ist der Überzeugung, daß das
Assoziationswesen unter unsern jetzigen Verhältnissen nicht genug
leisten könne. -- Da nun aber aller Orten die Ideen von
Schulze-Delitzsch als maßgebend für den Arbeiterstand, unter dem wir die
gedrückteste Klasse des Volkes verstehen, empfohlen werden, und da doch
wohl noch andere Mittel und Wege, als die von Schulze-Delitzsch
vorgeschlagenen, denkbar wären, um die Ziele der Arbeiterbewegung:
Verbesserung der Lage der Arbeiter in politischer, materieller und
geistiger Beziehung zu erreichen, so hat das Zentralkomitee in seiner
Sitzung vom 10. Februar cr. einstimmig beschlossen:
Sie zu ersuchen, in irgendeiner Ihnen passend erscheinenden Form
Ihre Ansichten über die Arbeiterbewegung und über die Mittel, deren
dieselbe sich zu bedienen hat, sowie besonders auch über den Wert
der Assoziationen für die ganz unbemittelte Volksklasse,
auszusprechen.
Wir legen den größten Wert auf Ihre Ansichten, welche Sie in der
angeführten Broschüre ausgesprochen haben, und werden deshalb auch
Ihre ferneren Mitteilungen vollkommen zu würdigen wissen. Wir
ersuchen Sie schließlich nur noch um möglichst baldige Erfüllung
unserer Bitte, da uns viel daran liegt, die Entwicklung der
Arbeiterbewegung zu beschleunigen. -- Mit Gruß und Handschlag!
Leipzig, 11. Februar 63.
Für das Zentralkomitee zur Berufung eines
Allgemeinen Deutschen Arbeiterkongresses
Otto Dammer.”
Die Antwort auf diesen Brief bildete das vom 1. März 1863 datierte
„Offene Antwortschreiben an das Zentralkomitee zur Berufung eines
allgemeinen deutschen Arbeiterkongresses zu Leipzig von Ferdinand
Lassalle”.
Mit dieser Schrift und ihrer Annahme im Komitee und im Leipziger
Arbeiterverein selbst beginnt die eigentlich sozialistische Agitation
Lassalles und die Geschichte des „Allgemeinen deutschen
Arbeitervereins”.
* * * * *
Das „Offene Antwortschreiben” Lassalles tritt zunächst der Ansicht
entgegen, daß die Arbeiter sich nicht um die Politik zu bekümmern
hätten. Im Gegenteil, sie hätten sich durchaus an der Politik zu
beteiligen, bloß dürften sie dies nicht in der Weise tun, daß sie sich
als den „selbstlosen Chor und Resonanzboden” der Fortschrittspartei
betrachteten. Der Nachweis dafür, daß die Fortschrittspartei den
Anspruch darauf verwirkt habe, stützt sich im wesentlichen auf das von
dieser im Verfassungskonflikt beobachtete Verhalten und ist insofern
nicht überall von gleichmäßiger Beweiskraft. Wenn Lassalle z. B. auf
Seite 4 der Schrift der Fortschrittspartei vorwarf, daß sie „nur ....
das Festhalten am Budgetbewilligungsrecht zum Inhalt ihres Kampfes
habe”, so vergaß er, daß er selbst es noch im Vortrage „Was nun?”
als das eigentliche und mit aller Energie zu vertretende Objekt des
Kampfes bezeichnet hatte. Ebenso konnte sich die Fortschrittspartei
auf ihn selbst berufen, wenn er es ihr als eine politische Sünde
anrechnete, daß sie
„sich durch ihr Dogma von der preußischen Spitze zwingt, in der
preußischen Regierung den berufenen Messias für die deutsche
Wiedergeburt zu sehen, während es, mit Einschluß Hessens, nicht
eine einzige deutsche Regierung gibt, welche hinter der preußischen
in politischer Beziehung zurückstände, während es, und zwar mit
Einschluß Österreichs (!!), fast keine einzige deutsche Regierung
gibt, welche der preußischen nicht noch bedeutend voraus wäre.”
Indes in der Sache selbst hatte Lassalle natürlich recht. Die
Organisation der Arbeiter als selbständige politische Partei mit eigenem
Programm war eine geschichtliche Notwendigkeit, und wenn die Entwicklung
der politischen Zustände Deutschlands es zweifelhaft erscheinen lassen
konnte, ob es gerade in jenem Augenblick geraten war, die Arbeiter vom
Heerbann der gegen den Absolutismus kämpfenden Fortschrittspartei
abzutrennen, so lag von seiten der letzteren genug vor, was zu dieser
Abtrennung geradezu herausforderte. Zudem hieß die selbständige
Organisierung der Arbeiter an sich noch nicht Beeinträchtigung der
Aggressivkraft der Fortschrittspartei. Daß sie diese in der Tat zur
Folge hatte, ist in nicht geringem Grade Schuld der Fortschrittspartei
selbst -- ihrer wahrhaft bornierten Haltung gegenüber der neuen
Bewegung. Zum Teil allerdings auch Schuld des Programms, welches
Lassalle dieser Bewegung gab.
Wir haben bei Besprechung des „Arbeiterprogramms” gesehen, welch
abstrakte, rein ideologische Vorstellung Lassalle mit dem Begriff
„Staat” verband. Es ist keine Übertreibung zu sagen, daß er einen
wahren Kultus mit dem Staatsbegriff trieb. „Das uralte Vestafeuer
aller Zivilisation, den Staat, verteidige ich mit Ihnen gegen jene
modernen Barbaren” -- nämlich die Manchesterpartei -- ruft er in der
Rede „Die indirekte Steuer” den Richtern des Berliner Kammergerichts
zu, und ähnliche Stellen finden sich in fast allen seinen Reden vor.
Dieser Staatskultus ist die Achillesferse der Lassalleschen Doktrin,
die Ursache von allerhand verhängnisvollen Fehlgriffen. Die
althegelisch-ideologische Vorstellung vom „Staat” veranlaßte
Lassalle, in einem Augenblick den Arbeitern eine halbmystische
Verehrung des Staats einzuprägen, wo es sich für sie zunächst noch
darum handelte, die Bevormundungen des Polizeistaats erst
loszuwerden. Es hört sich sehr hübsch an, wenn er im „Offenen
Antwortschreiben” den Arbeitern zuruft: „Wie, Sie wollten über
Freizügigkeit debattieren? Ich weiß Ihnen hierauf nur mit dem
Distichon Schillers zu antworten:
„Jahrelang bedien' ich mich schon meiner Nase zum Riechen,
Aber hab' ich an sie auch ein erweisliches Recht?” --
Freizügigkeit und Gewerbefreiheit seien Dinge, die man in einem
gesetzgebenden Körper „stumm und lautlos dekretiert, aber nicht mehr
debattiert”. Tatsächlich jedoch waren diese Dinge und mit ihnen die
Koalitionsfreiheit eben noch nicht da, während die Arbeiter sie
unbedingt brauchten. Der wirkliche Grund, warum Freizügigkeit und
Gewerbefreiheit einen verhältnismäßig untergeordneten Rang auf einem
Arbeiterkongreß einzunehmen hatten, war der, daß sie zugleich in hohem
Grade Forderungen des bürgerlichen Liberalismus waren; aber überflüssig
war ihre Diskutierung schon deshalb nicht, weil selbst in
Arbeiterkreisen noch sehr viel Unklarheit über ihre Bedeutung herrschte.
Lassalle schob diese Fragen beiseite, weil ihm wichtiger als sie die
Forderung der Staatshilfe schien. Einmal der Sache selbst wegen,
zweitens aber, weil er in dem Ausblick auf die Staatshilfe das einzig
wirksame Mittel erblickte, die Arbeiterklasse für die politische Aktion
aufzurütteln, sie zugleich von der Vormundschaft der bürgerlichen
Parteien zu emanzipieren und doch für die Erkämpfung der demokratischen
Forderungen zu erwärmen. Und kein Zweifel, daß ihm zu jener Zeit diese
zweite Seite die wichtigere war. Sie war es auch nach Lage der Dinge
selbst. Es handelte sich nur darum, ob Methode und Mittel, durch die er
diesen Zweck zu erreichen suchte, richtig waren.
Um die Arbeiter von der Wirkungslosigkeit der Selbsthilfe zu überzeugen,
wie sie von bürgerlicher Seite gepredigt wurde, berief sich Lassalle auf
das Lohngesetz der kapitalistischen Produktion, wie es von den
Klassikern der politischen Ökonomie, insbesondere und am schärfsten von
Ricardo formuliert worden war, das „eherne und grausame Gesetz, wonach
unter der Herrschaft von Angebot und Nachfrage der durchschnittliche
Arbeitslohn immer auf den notwendigen Lebensunterhalt reduziert bleibt,
der in einem Volke gewohnheitsmäßig zur Fristung der Existenz und zur
Fortpflanzung erforderlich ist”. Steige er zeitweilig über diesen Satz,
so bewirkten leichtere Verehelichung und Fortpflanzung eine Vermehrung
der Arbeiterbevölkerung und damit des Arbeiterangebots, infolgedessen
der Lohn wieder auf den früheren Lohnsatz zurückfalle. Falle er aber
unter diesen Satz, so bewirkten Auswanderung, größere Sterblichkeit
unter den Arbeitern, Enthaltung von Ehe und Fortpflanzung eine
Verminderung des Arbeiterangebots, infolgedessen die Löhne wieder
stiegen. So tanzten „Arbeiter und Arbeitslohn immer um den äußersten
Rand dessen herum, was nach dem Bedürfnis jeder Zeit zu dem
notwendigsten Lebensunterhalt gehört”, und dies „ändert sich nie”.
Es sei daher jeder Versuch der Arbeiterklasse, durch die individuellen
Anstrengungen ihrer Mitglieder ihre Lage zu verbessern, notwendigerweise
zur Wirkungslosigkeit verurteilt. Ebenso sei es verfehlt, die Lage der
Arbeiter durch Konsumvereine verbessern zu wollen. So lange diese
vereinzelt blieben, könnten sie hier und da den Arbeitern Vorteile
verschaffen. Von dem Zeitpunkt aber an, wo sie allgemein würden, würden
die Arbeiter als Produzenten, an ihrem Lohne, wieder verlieren, was sie
als Konsumenten, beim Einkauf ihrer Bedarfsartikel, gewönnen. Die Lage
der Arbeiterklasse könne vielmehr dauernd nur von dem Druck jenes
ökonomischen Gesetzes befreit werden, wenn an die Stelle des
Arbeitslohns der Arbeitsertrag trete, wenn die Arbeiterklasse ihr
eigener Unternehmer werde. Das sei aber nicht durch die Gründung
selbsthilflerischer Assoziationen zu erreichen, da diesen die
erforderlichen Mittel dazu fehlten, und da sie nur zu oft dem Schicksal
verfielen, daß in ihnen der Unternehmergeist seinen Einzug halte und die
Mitglieder in die „widrige Karikatur der Arbeiter mit Arbeitermitteln
und Unternehmergesinnungen” verwandelte. Die großen Fragen ließen sich
nur mit großen Mitteln lösen, und darum müßten die Assoziationen in
großartigem Maßstabe und mit Ausdehnung auf die fabrikmäßige
Großindustrie ins Leben gerufen, die Mittel dazu aber -- das nötige
Kapital, bzw. der nötige Kredit -- vom Staat dargeboten werden. Das sei
durchaus kein Kommunismus oder Sozialismus. „Nichts ist weiter entfernt
von dem sogenannten Kommunismus oder Sozialismus als diese Forderung,
bei welcher die arbeitenden Klassen ganz wie heute ihre individuelle
Freiheit, individuelle Lebensweise und individuelle Arbeitsvergütung
beibehalten und zu dem Staat in keiner anderen Beziehung stehen, als daß
ihnen durch ihn das erforderliche Kapital, resp. der erforderliche
Kredit zu ihrer Assoziation vermittelt wird.” Der Beruf des Staates sei
es aber gerade, die großen Kulturfortschritte der Menschheit zu
erleichtern und zu vermitteln. „Dazu existiert er, hat immer dazu
gedient und dienen müssen.” Was aber „ist denn der Staat”? Und
Lassalle führt die Zahlen der preußischen Einkommensstatistik von
1851 an, wonach in jenem Jahre 89 Prozent der Bevölkerung ein
Einkommen unter 200 Talern gehabt hatten, dazu 7¼ Prozent der
Bevölkerung ein solches von 200 bis 400 Talern, so daß also 96¼
Prozent der Bevölkerung in elender, gedrückter Lage sich befänden.
„Ihnen also, meine Herren, den notleidenden Klassen, gehört der
Staat, nicht uns, den höheren Ständen, denn aus Ihnen besteht er! Was
ist der Staat? fragte ich, und Sie ersehen jetzt aus wenigen Zahlen,
handgreiflicher als aus dicken Büchern, die Antwort: Ihre, der
ärmeren Klassen, große Assoziation -- das ist der Staat.” Und wie
den Staat zu der geforderten Intervention vermögen? Dies werde nur
durch das allgemeine und direkte Wahlrecht möglich sein. Nur wenn die
gesetzgebenden Körper Deutschlands aus dem allgemeinen und direkten
Wahlrecht hervorgehen -- „dann und nur dann werden Sie den Staat
bestimmen können, sich dieser seiner Pflicht zu unterziehen”. Das
allgemeine und direkte Wahlrecht ... „ist nicht nur Ihr politisches,
es ist auch ihr soziales Grundprinzip, die Grundbedingung aller
sozialen Hilfe”. Darum mögen sich die Arbeiter zu einem allgemeinen
deutschen Arbeiterverein organisieren, der zum Zweck habe die
Einführung des allgemeinen und direkten Wahlrechts in allen deutschen
Ländern. Werde diese Forderung von den 89 bis 96 Prozent der
Bevölkerung als Magenfrage aufgefaßt und daher auch mit der
Magenwärme durch den ganzen nationalen Körper hin verbreitet, so
werde es keine Macht geben, die sich dem lange widersetzen würde.
„Alle Kunst praktischer Erfolge besteht darin, alle Kraft zu jeder
Zeit auf einen Punkt -- auf den wichtigsten Punkt -- zu konzentrieren
und nicht nach rechts und links zu sehen. Blicken Sie nicht nach
rechts noch links, seien Sie taub für alles, was nicht allgemeines
und direktes Wahlrecht heißt oder damit in Zusammenhang steht und
dazu führen kann.”