So schön das Ganze entwickelt ist, so leidet diese Darstellung doch an

einem großen Fehler: Trotz aller Betonung der geschichtlichen

Veränderungen in Staat und Gesellschaft erscheint der Staat hier seinem

Begriff und Wesen nach als ein für alle Zeit gleicherweise Gegebenes,

als habe er von Anfang an einen bestimmten, einen seiner „Idee”

zugrunde liegenden Zweck gehabt, der zeitweise verkannt, mangelhaft

erkannt oder ignoriert worden sei und dem daher zur vollen

Anerkennung verholfen werden müsse. Der Staatsbegriff ist sozusagen

ein ewiger. In diesem Sinne zitiert Lassalle eine Stelle aus einer

Festrede von Boeckh, wo der berühmte Altertumskenner „gegen die

Staatsidee des Liberalismus” an die „antike Bildung” appelliert,

welche „nun einmal die unverlierbare Grundlage des deutschen Geistes

geworden” sei und von der aus sich die Ansicht erzeuge, der Begriff

des Staates sei dahin zu erweitern, daß „der Staat die Einrichtung

sei, in welcher die ganze Tugend der Menschheit sich verwirklichen

solle”. So begreiflich und innerhalb gewisser Grenzen auch durchaus

berechtigt der Protest gegen die sich damals breitmachende Theorie

des absoluten sozialpolitischen Gehen- und Geschehenlassens war, so

weit schießt Lassalle hier selbst über das Ziel. Der Staat der Alten

beruhte auf Gesellschaftszuständen, so grundverschieden von denen der

Gegenwart, daß die Ideen der Alten aber den Staat ebensowenig für die

Gegenwart maßgebend sein können, wie etwa die Ideen der Alten über

die Arbeit, das Geld, die Familie. Gleich diesen ist die antike

Staatsidee nur Material der vergleichenden Forschung, aber keineswegs

eine auf die Neuzeit übertragbare Theorie. Wenn nach Boeckh die

Staatsidee des Liberalismus die Gefahr einer „modernen Barbarei” in

sich trug, so die Aufpfropfung der antiken Staatsidee auf die heutige

Gesellschaft die Gefahr einer modernen Staatssklaverei. Ferner stimmt

es auch durchaus nicht, was Lassalle von den Wirkungen des Staates

sagt. Diese sind vielmehr zu verschiedenen Zeiten sehr verschiedene

gewesen. Großartige Kulturfortschritte sind vollzogen worden, ehe ein

Staat bestand, und wichtige Kulturaufgaben erfüllt worden, ohne den

jeweiligen Staat oder auch in Gegensatz zu ihm; der Staat hat

unzweifelhaft im wesentlichen den Fortschritt der Menschheit

gefördert, aber doch auch oft sich ihm als ein Hemmschuh erwiesen.

Natürlich dachte Lassalle nicht so unhistorisch, den Staatsbegriff

der Alten unverändert wieder herstellen zu wollen -- auch Boeckh lag

ein solcher Gedanke fern --, aber mit dem schlechtweg abgeleiteten

Staatsbegriff wurde die Sache nicht besser, sondern schlimmer. Der

Kultus des Staates schlechthin heißt der Kultus jedes Staates, und

wenn auch bei Lassalles demokratisch-sozialistischer Gesinnung ein

direktes Eintreten für den bestehenden Staat ausgeschlossen war, so

verhinderte diese doch nicht, daß jener Kultus später von den

Anwälten des bestehenden Staates weidlich zu dessen Gunsten

ausgebeutet wurde. Das ist überhaupt die Achillesferse aller auf

abgeleitete Begriffe aufgebauten Theorie, daß sie, so revolutionär

sie auch gedacht ist, tatsächlich immer in Gefahr ist, in eine

Verklärung bestehender oder vergangener Zustände umzuschlagen.

Lassalles Staatsidee war die Brücke, die den Republikaner Lassalle

eines Tages mit den Streitern für das absolute Königtum und den

Revolutionär Lassalle mit den eingefleischten Reaktionären

zusammenführte. Der philosophische Absolutismus hatte zu allen Zeiten

eine Ader, die ihn dem politischen Absolutismus nahe brachte.

So enthält dieser Vortrag, trotz seiner sonst vortrefflichen

Eigenschaften, im Keim bereits alle Fehler, welche in der späteren

Lassalleschen Bewegung zutage getreten sind.

Zum Schluß ermahnt Lassalle die Arbeiter, sich ganz von dem Gedanken an

die hohe geschichtliche Mission ihrer Klasse durchdringen zu lassen, aus

ihm die Pflicht zu einer ganz neuen Haltung herzuleiten. „Es ziemen

Ihnen nicht mehr die Laster der Unterdrückten, noch die müßigen

Zerstreuungen der Gedankenlosen, noch selbst der harmlose Leichtsinn

der Unbedeutenden. Sie sind der Fels, auf welchen die Kirche der

Gegenwart gebaut werden soll!”

Lassalle ließ, wie gesagt, auch diesen Vortrag drucken. Aber so

vorsichtig er auch gehalten ist, so sehr Lassalle jede unmittelbare

politische Schlußfolgerung vermeidet, so witterte die Berliner Polizei,

zumal ihr Lassalles politische Bestrebungen sehr gut bekannt waren, doch

sofort, worauf der Vortrag hinauslief. Sie ließ die ganze, bei einem

Berliner Drucker hergestellte Auflage von 3000 Exemplaren beschlagnahmen

und gegen Lassalle Strafuntersuchung einleiten. Ende Juni war die

Broschüre im Druck vollendet und konfisziert worden. Am 4. November 1862

reichte der Staatsanwalt von Schelling -- ein Sohn des Philosophen

Schelling -- beim Berliner Stadtgericht das Gesuch ein um Einleitung der

Strafuntersuchung gegen Lassalle wegen „Aufreizung der besitzlosen

Klassen zu Haß und Verachtung gegen die Besitzenden”. Am 17. November

beschloß das Stadtgericht, dem Gesuch Folge zu geben, und am

16. Januar 1863 kam der Prozeß in erster Instanz zur Verhandlung. Trotz

einer wahrhaft brillanten Verteidigung, in der sich Lassalle dem

Staatsanwalt und dem Gerichtspräsidenten gleich überlegen zeigte, und

namentlich den ersteren Spießruten laufen ließ, wurde Lassalle doch zu

vier Monaten Gefängnis verurteilt. Er appellierte und hatte wenigstens

den Erfolg, daß das Kammergericht die Gefängnisstrafe in eine

verhältnismäßig unerhebliche Geldstrafe umwandelte. Die Beschlagnahme

der Broschüre blieb allerdings aufrechterhalten, indes ließ Lassalle den

Vortrag nun bei Meyer & Zeller in Zürich in Neuauflage erscheinen.

Ebenfalls bei Meyer & Zeller erschienen die drei Broschüren über den

Prozeß in der ersten Instanz -- von denen die erste die

Verteidigungsrede Lassalles (unter dem Sondertitel: „Die Wissenschaft

und die Arbeiter”), die zweite den stenographischen Bericht über die

mündlichen Verhandlungen, und die dritte eine etwas breite Kritik des

erstinstanzlichen Urteils enthält -- und schließlich auch unter dem

Titel: „Die indirekte Steuer und die Lage der arbeitenden Klassen”, die

eine ganze Geschichte und Kritik der indirekten Steuer darbietende

Verteidigungsrede in der zweiten Instanz. War die erste

Verteidigungsrede eine außerordentlich geschickte und wirkungsvolle

Beweisführung dafür, daß der Satz in der preußischen Verfassung „die

Wissenschaft und ihre Lehre sind frei” sinnlos wäre, wenn er nicht das

Recht in sich begriffe, die Lehren der Wissenschaft und ihre Theorien

den breiten Volkskreisen vorzutragen, und daß gerade die Arbeiterklasse

infolge ihrer gesellschaftlichen Lage die natürliche Verbündete der für

ihre Freiheit kämpfenden Wissenschaft sei, so ist die Rede über die

indirekte Steuer eine ganze ökonomische Abhandlung mit sehr vielem

geschichtlichen und statistischen Material, die man noch heute mit

Frucht lesen wird, eine der wuchtigsten Anklageschriften gegen das

System der indirekten Steuern, die je geschrieben wurden. Politisch

kommt in dieser zweiten Rede schon der Kampf Lassalles mit dem

bürgerlichen Liberalismus zu schärfstem Ausdruck, während in der ersten

Rede noch die Gemeinsamkeit des Kampfes beider wider die Reaktionsmächte

betont wurde. Eine eingehendere Würdigung dieser Reden findet man in den

Vorworten des Schreibers zu ihnen. Hier müssen wir vorerst wieder auf

die Zeit zurückgehen, in welcher der Vortrag selbst gehalten worden war,

das Frühjahr 1862.

Es ist begreiflich, daß der Vortrag als solcher zunächst kein

besonderes Aufsehen machte. So sehr er sich dem inneren Gehalt nach von

der Kost unterschied, die den Berliner Arbeitern damals von den

Fortschrittsrednern vorgesetzt wurde, der äußeren, politischen Tendenz

nach wich er wenig von ihr ab. An radikalen Wendungen, Anspielungen auf

eine Neuauflage der 1848er Revolution, Angriffen auf die indirekte

Steuer usw. ließen es auch die fortschrittlich-demokratischen

Dutzendredner nicht fehlen. Ja, da sie ihre Reden mit Ausfällen gegen

die Regierung spickten, hörten sich diese gewöhnlich viel radikaler an

als der fast ganz akademisch gehaltene Vortrag Lassalles. Wenn der

Philister oppositionell ist, nimmt er es in der Großspurigkeit der

Redensarten mit jedem auf. Auf die Mehrheit seiner Hörer, ob Arbeiter

oder Bürger, machte der Vortrag noch nicht den Eindruck von

außergewöhnlichem Radikalismus.

So wurde denn auch Lassalle, der Mitglied der „Philosophischen

Gesellschaft” in Berlin war, noch in demselben Frühjahr von dieser dazu

ausersehen, bei der auf den 19. Mai veranstalteten Gedenkfeier zum

hundertjährigen Geburtstage des Philosophen Fichte die Festrede zu

halten. Weder an seinem sozialen noch an seinem politischen

Radikalismus, der natürlich in diesen Kreisen wohl bekannt war, nahmen

die leitenden Persönlichkeiten damals Anstoß. Da das Bürgertum in seiner

großen Mehrheit oppositionell war, durften auch seine Gelehrten noch

Ideologie treiben.

Sechs Monate zuvor hatte Lassalle in den „Demokratischen Studien”

Fichte als Apostel der deutschen Republik gefeiert; wenn man ihm

jetzt den Auftrag erteilte, dem Andenken Fichtes eine Festrede zu

halten, so war das im Grunde nichts als eine Anerkennung jenes

Aufsatzes. Und Lassalle ließ sich denn auch die Gelegenheit nicht

entgehen, das dort Gesagte in anderer Umkleidung zu wiederholen.

Die Rede trägt den Titel: „Die Philosophie Fichtes und die Bedeutung des

deutschen Volksgeistes.” Sie ist glänzend, soweit sie Fichtes Stellung

in der Geschichte der deutschen Philosophie zur Anschauung bringt.

Weiterhin aber verfällt Lassalle wieder in eine ganz althegelsche

Ideologie. Der deutsche Volksgeist ist die metaphysische Volksidee, und

seine Bedeutung besteht darin, daß die Deutschen die hohe

weltgeschichtliche Aufgabe haben, aus dem „reinen Geist” heraus diesem

„nicht bloß eine reale Wirklichkeit”, sondern sogar „die bloße

Stätte seines Daseins, sein Territorium”, erst zu schaffen. „Indem

hier das Sein aus dem reinen Geist selbst erzeugt wird, mit nichts

Geschichtlichem, nichts Naturwüchsigem und Besonderem verwachsen,

kann es nur sein, des reinen Gedankens, Ebenbild sein, und trägt

hierin die Notwendigkeit jener Bestimmung zur höchsten und

vollendetsten Geistigkeit der Freiheit, die ihm Fichte weissagt.” Und

was Fichte philosophisch in der Einsamkeit seines Denkens aufgestellt

habe, das sei, einen anderen Ausspruch dieses Philosophen

bewahrheitend, bereits „zur Religion geworden” und durchbebe „unter

dem populären und dogmatischen Namen der deutschen Einheit jedes

edlere deutsche Herz”.

Das Streben nach der deutschen Einheit als die Frucht des „reinen, mit

nichts Geschichtlichem verwachsenen” Geistes hinstellen -- das ging noch

über die Ideologie des Liberalismus hinaus. Deshalb scheint auch der mit

großer Konsequenz und Einheitlichkeit des Gedankens durchgeführte

Vortrag seine Wirkung auf das Festpublikum total verfehlt zu haben. Wie

einige Blätter schadenfroh berichteten, verließen die Hörer zum großen

Verdruß Lassalles allmählich das Zimmer der Festrede, „um sich nach dem

Zimmer des leckeren Mahles zu verfügen”. Sie vergaßen aber

hinzuzusetzen, daß die Hörerschaft sich nicht nur aus Mitgliedern der

philosophischen Gesellschaft, sondern in der Mehrheit aus deren Gästen

zusammensetzte -- meist also Leute, die solche Festversammlungen

lediglich des guten Tons halber besuchen.

Lassalle ließ auch diese Rede im Separatdruck erscheinen und sandte sie,

zusammen mit dem „Julian Schmidt”, und dem Vortrag „über

Verfassungswesen” durch Lothar Bucher an Marx. Er habe „etwas

politisch-praktische Agitation beginnen” wollen, schreibt er unter dem

9. Juni an letzteren. „So habe ich den Verfassungsvortrag in vier

Vereinen gehalten. Außerdem einen weit längeren Vortrag über den

Arbeiterstand geschrieben und in einem Arbeiterverein gehalten.”

Es ist dies das „Arbeiterprogramm”. „Ich habe mich jetzt auch

entschlossen,” setzt er hinzu, „ihn drucken zu lassen; er ist bereits

unter der Presse. Sowie er fertig ist, sende ich ihn Dir.” Im

weiteren Verlauf seines Briefes kommt er wieder darauf zurück, daß

durch die intensivere Beschäftigung mit anderen Dingen in den letzten

drei Jahren die nationalökonomische Materie in seinem Kopf „gleichsam

fossil” geworden sei. Erst wenn „alles wieder flüssig geworden”,

werde er an die zweite Lektüre des Marxschen Buches „Zur Kritik der

politischen Ökonomie” gehen, und dann ziemlich gleichzeitig an dessen

Besprechung und die Ausführung seines eigenen ökonomischen Werkes --

„welch letztere freilich sehr lange dauern wird”. Dieses Programm

werde ohnehin durch eine zweimonatige Reise unterbrochen, denn im

Sommer halte er es in Berlin nicht aus. Im Juli werde er nach der

Schweiz reisen oder erst nach London kommen und dann in die Schweiz

gehen.

Er entschied sich für das letztere. Vorher aber schrieb er noch einmal

an Marx, und zwar:

„Lieber Marx! Der Überbringer ist der Hauptmann Schweigert, der mit

Auszeichnung unter Garibaldi und speziell unter meinem Freund Rüstow

gedient hat. Er ist der ehrlichste und zuverlässigste Kerl von der Welt.

C'est un homme d'action. Er steht an der Spitze der Wehrvereine, die er

von Coburg aus organisiert und geht jetzt nach London, um dort

Geldmittel für 3000 Gewehre aufzutreiben, die er für die Wehrvereine

braucht. Ich brauche Dir nicht erst zu sagen, wie wünschenswert dies

wäre. Habe also die Güte, ihn mit allen Leuten in Rapport zu setzen, von

denen er Geld für diesen Zweck erhalten kann oder sonstigen zu diesem

Ziel führenden Vorschub zu tun. Tue Dein Möglichstes.

„Die Wahrscheinlichkeit, daß ich nach London komme, nimmt zu.

Berlin, 19. 6. 62. Dein F. Lassalle.”

Die von Coburg aus organisierten „Wehrvereine” standen im Lager des

„Nationalvereins”, der seinen Sitz in jener Stadt hatte. Rüstow wollte

sie offenbar für Aktionen verwendbar machen, die zeitgemäß werden

konnten, wenn Garibaldi sich von neuem erhob. Die Betonung des „homme

d'action”, und das große Interesse an der Beschaffung der 3000 Gewehre

sind eine weitere Bestätigung für das weiter oben von den

Revolutionsplänen Lassalles Gesagte.

Mit zwei kurzen Briefen aus London selbst, die sich auf Besuche und

einen zu unternehmenden gemeinsamen Ausflug beziehen, schließen die mir

vorliegenden Briefe Lassalles an Marx ab. Es wäre aber falsch, daraus

den Schluß zu ziehen, daß es bei dem Besuch zu einem Bruch zwischen den

beiden gekommen wäre. Ein solcher hat nie stattgefunden. Wohl aber

wissen wir von Marx, daß in den mündlichen Auseinandersetzungen zwischen

ihm und Lassalle er dem letzteren die grundsätzliche Verschiedenheit der

beiderseitigen Standpunkte rückhaltlos dargelegt, sich rundweg gegen

dessen Pläne erklärt habe. Bald nachdem Lassalle im Herbst 1862 nach

Berlin zurückgekehrt war, schlief die Korrespondenz gänzlich ein. Um so

enger schloß sich Lassalle an Bucher an, der ihn später auch mit

Rodbertus in Verbindung brachte.

Im Spätsommer 1862 schien es einen Augenblick, als wolle die preußische

Regierung der Volksvertretung gegenüber eine nachgiebigere Haltung

einschlagen. Wieder wurde hin- und herverhandelt, bis plötzlich der

König in schroffer Weise der Kammer erklären ließ, daß er sich auf keine

Konzessionen in bezug auf die Verkürzung der Militärdienstpflicht

einlasse und auch keine Neigung verspüre, um Indemnität für die

verfassungswidrige Durchführung der Armeeorganisation einzukommen. Die

Kammer antwortete damit, daß sie die Forderung der Regierung, die Kosten

der Heeresorganisation in den Etat der ordentlichen Ausgaben

aufzunehmen, mit 308 gegen 11 Stimmen verwarf. Um den Widerstand der

Mehrheit zu brechen, berief der König an Stelle des Herrn v. d. Heydt

den gerade in Berlin befindlichen Gesandten Preußens am französischen

Hofe, Otto v. Bismarck, ins Ministerium. Die vorhergegangene schroffe

Betonung der königlichen Vorrechte war bereits im Einverständnis mit

Bismarck erfolgt.

Bismarck, der 1847 im „Vereinigten Landtag” und 1849 in der

Preußischen Nationalversammlung als feudal-junkerlicher Heißsporn

aufgetreten war, hatte sich inzwischen zum „modernen Staatsmann”

entwickelt. Er hatte die junkerlichen Ideologien über Bord geworfen,

um desto wirksamer die Interessen des „befestigten Grundbesitzes”

wahrzunehmen, er hatte den vormärzlichen Absolutismus aufgegeben, um

dem Königtum dadurch eine um so privilegiertere Stellung zu sichern,

daß die Volksvertretung die Verantwortung, aber auch nichts als die

Verantwortung für die Bedürfnisse und die Politik der Monarchie

übernehmen sollte. Kurz, er hatte die Maximen des als Bonapartismus

bekannten Regierungssystems übernommen, das, wenn es von Demokratie

spricht, Regierungsgewalt meint, und von Fürsorge für das Wohl der

Armen deklamiert, wenn es einen Steuerfeldzug auf die Taschen der

Arbeiter im Schilde führt. Von der zarischen Diplomatie hatte er

gelernt, wie man absolutistisch regieren und unter der Hand mit

Revolutionären Geschäfte machen kann, von der bonapartistischen, wie

man stets in dem Augenblick den Gegner einer verpönten Handlung

beschuldigen muß, wo man selbst eben diese Handlung zu begehen im

Begriff ist. Als Spezialität übte er außerdem die Gepflogenheit aller

geriebenen Diplomaten, zeitweilig eine verblüffende Aufrichtigkeit an

den Tag zu legen, um bei der nächsten Gelegenheit mit desto mehr

Erfolg die Sprache gebrauchen zu können, um die Wahrheit nicht zu

sagen.

Mit dieser „Aufrichtigkeit” trat Bismarck auch vor die Kammer, trotzdem

wurde ihm jedoch sein deutsches Programm nicht geglaubt. Seine Erklärung

in der Budgetkommission, die deutsche Frage werde nur durch „Blut und

Eisen” gelöst werden, reizte nur um so mehr zum Widerstand. Das

Abgeordnetenhaus blieb bei seinem Beschluß bestehen, der Regierung

nichts zu bewilligen, bevor nicht sein verfassungsmäßiges Recht von ihr

anerkannt sei, worauf Bismarck das Haus vertagte mit der Erklärung, die

Regierung werde vorderhand das Geld nehmen, wo sie es finde.

Indes war seine Lage keineswegs eine sehr gesicherte. Wohl hatte er die

Regierungsgewalt, d. h. die organisierte Macht, hinter sich, während

die Kammer vorläufig nichts als die „öffentliche Meinung” auf ihrer

Seite hatte. Indes, er wußte ganz gut, daß er sich auf die preußischen

Bajonette nicht „setzen” konnte. Auf durchgreifende Erfolge in der

auswärtigen Politik, geeignet, die ehemaligen „Gothaer”, d. h. die

schwachliberalen Kleindeutschen, für die Regierung zurückzugewinnen, war

vorderhand nicht zu rechnen. Er mußte also anderwärts Verbündete gegen

die Fortschrittspartei zu gewinnen suchen.

Es war um diese Zeit, im Herbst 1862, daß man in Berlin in

Arbeiterkreisen anfing, die Einberufung eines Allgemeinen deutschen

Arbeiterkongresses zur Erörterung von besonderen Fragen des Arbeiterwohls

ernsthaft zu betreiben, und daß in Zusammenkünften, die dieser Frage

galten, ein beschäftigungsloser Arbeiter namens Eichler mit besonderer

Heftigkeit die Fortschrittspartei der Lahmheit anklagte und gegen die

Schulzeschen Genossenschaften loszog, die dem Arbeiter nichts nützten.

Mit der „Selbsthilfe”, von der die Liberalen soviel Geschrei machten,

sei es nichts, nur der Staat könne den Arbeitern helfen. Eichler, der

behauptete, von seinem Prinzipal wegen seiner absprechenden

Äußerungen über die Schulzesche Selbsthilfe gemaßregelt zu sein, fand

die Mittel, nach Leipzig zu reisen, wo im dortigen Arbeiterverein

„Vorwärts” gleichfalls die Idee der Einberufung eines allgemeinen

Arbeiterkongresses und die Gründung einer selbständigen

Arbeiterorganisation lebhaft diskutiert wurde. Er suchte das

Leipziger Zentralkomitee für die Einberufung des Kongresses nach

Berlin zu gewinnen, und als man ihm etwas genauer auf den Zahn

fühlte, rückte er schließlich in der Hitze des Gefechtes mit der

Erklärung heraus, er wisse ganz genau, daß die preußische Regierung

den guten Willen habe, den Arbeitern zu helfen, namentlich bei der

Gründung von Produktivgenossenschaften; er könne mitteilen, daß Herr

von Bismarck bereit sei, 30000 Taler zur Gründung einer

Maschinenbauer-Produktivgenossenschaft zu liefern -- die

Maschinenbauer waren damals, und noch lange später, in Berlin die

Kerntruppe der Fortschrittspartei! Natürlich müßten sich die Arbeiter

dazu entschließen, der Fortschrittspartei den Rücken zu kehren, die

eine Partei der Bourgeoisie, der Hauptfeindin der Arbeiter, sei.

Damit fiel Eichler indes ab, denn so wenig die Leute, welche in Leipzig

den Arbeiterkongreß betrieben, Verehrer der Fortschrittler waren, so

geringe Lust hatten sie, ihnen der preußischen Regierung zuliebe in den

Rücken zu fallen. Eichler zog unverrichteter Sache heim und scheint auch

in Berlin wenig ausgerichtet zu haben. Als man ihm wegen seiner

auffällig flotten Lebensweise, die zu seiner „Arbeitslosigkeit” so gar

nicht paßte, auf den Pelz rückte, machte er mysteriöse Anspielungen auf

eine reiche vornehme Dame, die Wohlgefallen an ihm gefunden habe, und da

er ein hübscher Bursche war, hatte das auch nichts besonders

Unwahrscheinliches. Eichler verschwand dann von der Bildfläche und

tauchte später als -- preußischer Polizeibeamter auf.

Als 16 Jahre später, in der Reichstagssitzung vom 16. September 1878,

August Bebel die Eichlersche „Mission” dem inzwischen zum Fürsten

avancierten Bismarck vorhielt, suchte dieser tags darauf den Eichler von

sich abzuschütteln, indem er ein Versehen Bebels in der Zeitbestimmung

für sich ausnutzte -- Bebel hatte September statt Oktober 1862 als die

Zeit des Eichlerschen Gastspiels in Leipzig angegeben; aber im Vertrauen

auf die Wirkung dieses Kunstgriffs ließ er sich zu dem Geständnis

verleiten, Eichler habe späterhin „Forderungen an mich gestellt für

Dienste, die er mir nicht geleistet hatte”, und daß ihm „bei der

Gelegenheit erst in Erinnerung gekommen, daß Herr Eichler im Dienste der

Polizei gewesen ist und daß er Berichte geliefert hat”. (Vgl. die unter

dem Titel „Die Sozialdemokratie vor dem deutschen Reichstage”

veröffentlichten amtlichen Stenogramme über die Beratung des

Sozialistengesetzes, 1878, S. 85.) Mit andern Worten, die angebliche

vornehme Dame, oder, wie sich der Leipziger „Volksstaat” seinerzeit

einmal drastisch ausdrückte, die „aristokratische Vettel” entpuppte

sich als -- das Berliner Polizeipräsidium.

Ferdinand Lassalle: Eine Würdigung des Lehrers und Kämpfers · 第 10 / 18 段