einem großen Fehler: Trotz aller Betonung der geschichtlichen
Veränderungen in Staat und Gesellschaft erscheint der Staat hier seinem
Begriff und Wesen nach als ein für alle Zeit gleicherweise Gegebenes,
als habe er von Anfang an einen bestimmten, einen seiner „Idee”
zugrunde liegenden Zweck gehabt, der zeitweise verkannt, mangelhaft
erkannt oder ignoriert worden sei und dem daher zur vollen
Anerkennung verholfen werden müsse. Der Staatsbegriff ist sozusagen
ein ewiger. In diesem Sinne zitiert Lassalle eine Stelle aus einer
Festrede von Boeckh, wo der berühmte Altertumskenner „gegen die
Staatsidee des Liberalismus” an die „antike Bildung” appelliert,
welche „nun einmal die unverlierbare Grundlage des deutschen Geistes
geworden” sei und von der aus sich die Ansicht erzeuge, der Begriff
des Staates sei dahin zu erweitern, daß „der Staat die Einrichtung
sei, in welcher die ganze Tugend der Menschheit sich verwirklichen
solle”. So begreiflich und innerhalb gewisser Grenzen auch durchaus
berechtigt der Protest gegen die sich damals breitmachende Theorie
des absoluten sozialpolitischen Gehen- und Geschehenlassens war, so
weit schießt Lassalle hier selbst über das Ziel. Der Staat der Alten
beruhte auf Gesellschaftszuständen, so grundverschieden von denen der
Gegenwart, daß die Ideen der Alten aber den Staat ebensowenig für die
Gegenwart maßgebend sein können, wie etwa die Ideen der Alten über
die Arbeit, das Geld, die Familie. Gleich diesen ist die antike
Staatsidee nur Material der vergleichenden Forschung, aber keineswegs
eine auf die Neuzeit übertragbare Theorie. Wenn nach Boeckh die
Staatsidee des Liberalismus die Gefahr einer „modernen Barbarei” in
sich trug, so die Aufpfropfung der antiken Staatsidee auf die heutige
Gesellschaft die Gefahr einer modernen Staatssklaverei. Ferner stimmt
es auch durchaus nicht, was Lassalle von den Wirkungen des Staates
sagt. Diese sind vielmehr zu verschiedenen Zeiten sehr verschiedene
gewesen. Großartige Kulturfortschritte sind vollzogen worden, ehe ein
Staat bestand, und wichtige Kulturaufgaben erfüllt worden, ohne den
jeweiligen Staat oder auch in Gegensatz zu ihm; der Staat hat
unzweifelhaft im wesentlichen den Fortschritt der Menschheit
gefördert, aber doch auch oft sich ihm als ein Hemmschuh erwiesen.
Natürlich dachte Lassalle nicht so unhistorisch, den Staatsbegriff
der Alten unverändert wieder herstellen zu wollen -- auch Boeckh lag
ein solcher Gedanke fern --, aber mit dem schlechtweg abgeleiteten
Staatsbegriff wurde die Sache nicht besser, sondern schlimmer. Der
Kultus des Staates schlechthin heißt der Kultus jedes Staates, und
wenn auch bei Lassalles demokratisch-sozialistischer Gesinnung ein
direktes Eintreten für den bestehenden Staat ausgeschlossen war, so
verhinderte diese doch nicht, daß jener Kultus später von den
Anwälten des bestehenden Staates weidlich zu dessen Gunsten
ausgebeutet wurde. Das ist überhaupt die Achillesferse aller auf
abgeleitete Begriffe aufgebauten Theorie, daß sie, so revolutionär
sie auch gedacht ist, tatsächlich immer in Gefahr ist, in eine
Verklärung bestehender oder vergangener Zustände umzuschlagen.
Lassalles Staatsidee war die Brücke, die den Republikaner Lassalle
eines Tages mit den Streitern für das absolute Königtum und den
Revolutionär Lassalle mit den eingefleischten Reaktionären
zusammenführte. Der philosophische Absolutismus hatte zu allen Zeiten
eine Ader, die ihn dem politischen Absolutismus nahe brachte.
So enthält dieser Vortrag, trotz seiner sonst vortrefflichen
Eigenschaften, im Keim bereits alle Fehler, welche in der späteren
Lassalleschen Bewegung zutage getreten sind.
Zum Schluß ermahnt Lassalle die Arbeiter, sich ganz von dem Gedanken an
die hohe geschichtliche Mission ihrer Klasse durchdringen zu lassen, aus
ihm die Pflicht zu einer ganz neuen Haltung herzuleiten. „Es ziemen
Ihnen nicht mehr die Laster der Unterdrückten, noch die müßigen
Zerstreuungen der Gedankenlosen, noch selbst der harmlose Leichtsinn
der Unbedeutenden. Sie sind der Fels, auf welchen die Kirche der
Gegenwart gebaut werden soll!”
Lassalle ließ, wie gesagt, auch diesen Vortrag drucken. Aber so
vorsichtig er auch gehalten ist, so sehr Lassalle jede unmittelbare
politische Schlußfolgerung vermeidet, so witterte die Berliner Polizei,
zumal ihr Lassalles politische Bestrebungen sehr gut bekannt waren, doch
sofort, worauf der Vortrag hinauslief. Sie ließ die ganze, bei einem
Berliner Drucker hergestellte Auflage von 3000 Exemplaren beschlagnahmen
und gegen Lassalle Strafuntersuchung einleiten. Ende Juni war die
Broschüre im Druck vollendet und konfisziert worden. Am 4. November 1862
reichte der Staatsanwalt von Schelling -- ein Sohn des Philosophen
Schelling -- beim Berliner Stadtgericht das Gesuch ein um Einleitung der
Strafuntersuchung gegen Lassalle wegen „Aufreizung der besitzlosen
Klassen zu Haß und Verachtung gegen die Besitzenden”. Am 17. November
beschloß das Stadtgericht, dem Gesuch Folge zu geben, und am
16. Januar 1863 kam der Prozeß in erster Instanz zur Verhandlung. Trotz
einer wahrhaft brillanten Verteidigung, in der sich Lassalle dem
Staatsanwalt und dem Gerichtspräsidenten gleich überlegen zeigte, und
namentlich den ersteren Spießruten laufen ließ, wurde Lassalle doch zu
vier Monaten Gefängnis verurteilt. Er appellierte und hatte wenigstens
den Erfolg, daß das Kammergericht die Gefängnisstrafe in eine
verhältnismäßig unerhebliche Geldstrafe umwandelte. Die Beschlagnahme
der Broschüre blieb allerdings aufrechterhalten, indes ließ Lassalle den
Vortrag nun bei Meyer & Zeller in Zürich in Neuauflage erscheinen.
Ebenfalls bei Meyer & Zeller erschienen die drei Broschüren über den
Prozeß in der ersten Instanz -- von denen die erste die
Verteidigungsrede Lassalles (unter dem Sondertitel: „Die Wissenschaft
und die Arbeiter”), die zweite den stenographischen Bericht über die
mündlichen Verhandlungen, und die dritte eine etwas breite Kritik des
erstinstanzlichen Urteils enthält -- und schließlich auch unter dem
Titel: „Die indirekte Steuer und die Lage der arbeitenden Klassen”, die
eine ganze Geschichte und Kritik der indirekten Steuer darbietende
Verteidigungsrede in der zweiten Instanz. War die erste
Verteidigungsrede eine außerordentlich geschickte und wirkungsvolle
Beweisführung dafür, daß der Satz in der preußischen Verfassung „die
Wissenschaft und ihre Lehre sind frei” sinnlos wäre, wenn er nicht das
Recht in sich begriffe, die Lehren der Wissenschaft und ihre Theorien
den breiten Volkskreisen vorzutragen, und daß gerade die Arbeiterklasse
infolge ihrer gesellschaftlichen Lage die natürliche Verbündete der für
ihre Freiheit kämpfenden Wissenschaft sei, so ist die Rede über die
indirekte Steuer eine ganze ökonomische Abhandlung mit sehr vielem
geschichtlichen und statistischen Material, die man noch heute mit
Frucht lesen wird, eine der wuchtigsten Anklageschriften gegen das
System der indirekten Steuern, die je geschrieben wurden. Politisch
kommt in dieser zweiten Rede schon der Kampf Lassalles mit dem
bürgerlichen Liberalismus zu schärfstem Ausdruck, während in der ersten
Rede noch die Gemeinsamkeit des Kampfes beider wider die Reaktionsmächte
betont wurde. Eine eingehendere Würdigung dieser Reden findet man in den
Vorworten des Schreibers zu ihnen. Hier müssen wir vorerst wieder auf
die Zeit zurückgehen, in welcher der Vortrag selbst gehalten worden war,
das Frühjahr 1862.
Es ist begreiflich, daß der Vortrag als solcher zunächst kein
besonderes Aufsehen machte. So sehr er sich dem inneren Gehalt nach von
der Kost unterschied, die den Berliner Arbeitern damals von den
Fortschrittsrednern vorgesetzt wurde, der äußeren, politischen Tendenz
nach wich er wenig von ihr ab. An radikalen Wendungen, Anspielungen auf
eine Neuauflage der 1848er Revolution, Angriffen auf die indirekte
Steuer usw. ließen es auch die fortschrittlich-demokratischen
Dutzendredner nicht fehlen. Ja, da sie ihre Reden mit Ausfällen gegen
die Regierung spickten, hörten sich diese gewöhnlich viel radikaler an
als der fast ganz akademisch gehaltene Vortrag Lassalles. Wenn der
Philister oppositionell ist, nimmt er es in der Großspurigkeit der
Redensarten mit jedem auf. Auf die Mehrheit seiner Hörer, ob Arbeiter
oder Bürger, machte der Vortrag noch nicht den Eindruck von
außergewöhnlichem Radikalismus.
So wurde denn auch Lassalle, der Mitglied der „Philosophischen
Gesellschaft” in Berlin war, noch in demselben Frühjahr von dieser dazu
ausersehen, bei der auf den 19. Mai veranstalteten Gedenkfeier zum
hundertjährigen Geburtstage des Philosophen Fichte die Festrede zu
halten. Weder an seinem sozialen noch an seinem politischen
Radikalismus, der natürlich in diesen Kreisen wohl bekannt war, nahmen
die leitenden Persönlichkeiten damals Anstoß. Da das Bürgertum in seiner
großen Mehrheit oppositionell war, durften auch seine Gelehrten noch
Ideologie treiben.
Sechs Monate zuvor hatte Lassalle in den „Demokratischen Studien”
Fichte als Apostel der deutschen Republik gefeiert; wenn man ihm
jetzt den Auftrag erteilte, dem Andenken Fichtes eine Festrede zu
halten, so war das im Grunde nichts als eine Anerkennung jenes
Aufsatzes. Und Lassalle ließ sich denn auch die Gelegenheit nicht
entgehen, das dort Gesagte in anderer Umkleidung zu wiederholen.
Die Rede trägt den Titel: „Die Philosophie Fichtes und die Bedeutung des
deutschen Volksgeistes.” Sie ist glänzend, soweit sie Fichtes Stellung
in der Geschichte der deutschen Philosophie zur Anschauung bringt.
Weiterhin aber verfällt Lassalle wieder in eine ganz althegelsche
Ideologie. Der deutsche Volksgeist ist die metaphysische Volksidee, und
seine Bedeutung besteht darin, daß die Deutschen die hohe
weltgeschichtliche Aufgabe haben, aus dem „reinen Geist” heraus diesem
„nicht bloß eine reale Wirklichkeit”, sondern sogar „die bloße
Stätte seines Daseins, sein Territorium”, erst zu schaffen. „Indem
hier das Sein aus dem reinen Geist selbst erzeugt wird, mit nichts
Geschichtlichem, nichts Naturwüchsigem und Besonderem verwachsen,
kann es nur sein, des reinen Gedankens, Ebenbild sein, und trägt
hierin die Notwendigkeit jener Bestimmung zur höchsten und
vollendetsten Geistigkeit der Freiheit, die ihm Fichte weissagt.” Und
was Fichte philosophisch in der Einsamkeit seines Denkens aufgestellt
habe, das sei, einen anderen Ausspruch dieses Philosophen
bewahrheitend, bereits „zur Religion geworden” und durchbebe „unter
dem populären und dogmatischen Namen der deutschen Einheit jedes
edlere deutsche Herz”.
Das Streben nach der deutschen Einheit als die Frucht des „reinen, mit
nichts Geschichtlichem verwachsenen” Geistes hinstellen -- das ging noch
über die Ideologie des Liberalismus hinaus. Deshalb scheint auch der mit
großer Konsequenz und Einheitlichkeit des Gedankens durchgeführte
Vortrag seine Wirkung auf das Festpublikum total verfehlt zu haben. Wie
einige Blätter schadenfroh berichteten, verließen die Hörer zum großen
Verdruß Lassalles allmählich das Zimmer der Festrede, „um sich nach dem
Zimmer des leckeren Mahles zu verfügen”. Sie vergaßen aber
hinzuzusetzen, daß die Hörerschaft sich nicht nur aus Mitgliedern der
philosophischen Gesellschaft, sondern in der Mehrheit aus deren Gästen
zusammensetzte -- meist also Leute, die solche Festversammlungen
lediglich des guten Tons halber besuchen.
Lassalle ließ auch diese Rede im Separatdruck erscheinen und sandte sie,
zusammen mit dem „Julian Schmidt”, und dem Vortrag „über
Verfassungswesen” durch Lothar Bucher an Marx. Er habe „etwas
politisch-praktische Agitation beginnen” wollen, schreibt er unter dem
9. Juni an letzteren. „So habe ich den Verfassungsvortrag in vier
Vereinen gehalten. Außerdem einen weit längeren Vortrag über den
Arbeiterstand geschrieben und in einem Arbeiterverein gehalten.”
Es ist dies das „Arbeiterprogramm”. „Ich habe mich jetzt auch
entschlossen,” setzt er hinzu, „ihn drucken zu lassen; er ist bereits
unter der Presse. Sowie er fertig ist, sende ich ihn Dir.” Im
weiteren Verlauf seines Briefes kommt er wieder darauf zurück, daß
durch die intensivere Beschäftigung mit anderen Dingen in den letzten
drei Jahren die nationalökonomische Materie in seinem Kopf „gleichsam
fossil” geworden sei. Erst wenn „alles wieder flüssig geworden”,
werde er an die zweite Lektüre des Marxschen Buches „Zur Kritik der
politischen Ökonomie” gehen, und dann ziemlich gleichzeitig an dessen
Besprechung und die Ausführung seines eigenen ökonomischen Werkes --
„welch letztere freilich sehr lange dauern wird”. Dieses Programm
werde ohnehin durch eine zweimonatige Reise unterbrochen, denn im
Sommer halte er es in Berlin nicht aus. Im Juli werde er nach der
Schweiz reisen oder erst nach London kommen und dann in die Schweiz
gehen.
Er entschied sich für das letztere. Vorher aber schrieb er noch einmal
an Marx, und zwar:
„Lieber Marx! Der Überbringer ist der Hauptmann Schweigert, der mit
Auszeichnung unter Garibaldi und speziell unter meinem Freund Rüstow
gedient hat. Er ist der ehrlichste und zuverlässigste Kerl von der Welt.
C'est un homme d'action. Er steht an der Spitze der Wehrvereine, die er
von Coburg aus organisiert und geht jetzt nach London, um dort
Geldmittel für 3000 Gewehre aufzutreiben, die er für die Wehrvereine
braucht. Ich brauche Dir nicht erst zu sagen, wie wünschenswert dies
wäre. Habe also die Güte, ihn mit allen Leuten in Rapport zu setzen, von
denen er Geld für diesen Zweck erhalten kann oder sonstigen zu diesem
Ziel führenden Vorschub zu tun. Tue Dein Möglichstes.
„Die Wahrscheinlichkeit, daß ich nach London komme, nimmt zu.
Berlin, 19. 6. 62. Dein F. Lassalle.”
Die von Coburg aus organisierten „Wehrvereine” standen im Lager des
„Nationalvereins”, der seinen Sitz in jener Stadt hatte. Rüstow wollte
sie offenbar für Aktionen verwendbar machen, die zeitgemäß werden
konnten, wenn Garibaldi sich von neuem erhob. Die Betonung des „homme
d'action”, und das große Interesse an der Beschaffung der 3000 Gewehre
sind eine weitere Bestätigung für das weiter oben von den
Revolutionsplänen Lassalles Gesagte.
Mit zwei kurzen Briefen aus London selbst, die sich auf Besuche und
einen zu unternehmenden gemeinsamen Ausflug beziehen, schließen die mir
vorliegenden Briefe Lassalles an Marx ab. Es wäre aber falsch, daraus
den Schluß zu ziehen, daß es bei dem Besuch zu einem Bruch zwischen den
beiden gekommen wäre. Ein solcher hat nie stattgefunden. Wohl aber
wissen wir von Marx, daß in den mündlichen Auseinandersetzungen zwischen
ihm und Lassalle er dem letzteren die grundsätzliche Verschiedenheit der
beiderseitigen Standpunkte rückhaltlos dargelegt, sich rundweg gegen
dessen Pläne erklärt habe. Bald nachdem Lassalle im Herbst 1862 nach
Berlin zurückgekehrt war, schlief die Korrespondenz gänzlich ein. Um so
enger schloß sich Lassalle an Bucher an, der ihn später auch mit
Rodbertus in Verbindung brachte.
Im Spätsommer 1862 schien es einen Augenblick, als wolle die preußische
Regierung der Volksvertretung gegenüber eine nachgiebigere Haltung
einschlagen. Wieder wurde hin- und herverhandelt, bis plötzlich der
König in schroffer Weise der Kammer erklären ließ, daß er sich auf keine
Konzessionen in bezug auf die Verkürzung der Militärdienstpflicht
einlasse und auch keine Neigung verspüre, um Indemnität für die
verfassungswidrige Durchführung der Armeeorganisation einzukommen. Die
Kammer antwortete damit, daß sie die Forderung der Regierung, die Kosten
der Heeresorganisation in den Etat der ordentlichen Ausgaben
aufzunehmen, mit 308 gegen 11 Stimmen verwarf. Um den Widerstand der
Mehrheit zu brechen, berief der König an Stelle des Herrn v. d. Heydt
den gerade in Berlin befindlichen Gesandten Preußens am französischen
Hofe, Otto v. Bismarck, ins Ministerium. Die vorhergegangene schroffe
Betonung der königlichen Vorrechte war bereits im Einverständnis mit
Bismarck erfolgt.
Bismarck, der 1847 im „Vereinigten Landtag” und 1849 in der
Preußischen Nationalversammlung als feudal-junkerlicher Heißsporn
aufgetreten war, hatte sich inzwischen zum „modernen Staatsmann”
entwickelt. Er hatte die junkerlichen Ideologien über Bord geworfen,
um desto wirksamer die Interessen des „befestigten Grundbesitzes”
wahrzunehmen, er hatte den vormärzlichen Absolutismus aufgegeben, um
dem Königtum dadurch eine um so privilegiertere Stellung zu sichern,
daß die Volksvertretung die Verantwortung, aber auch nichts als die
Verantwortung für die Bedürfnisse und die Politik der Monarchie
übernehmen sollte. Kurz, er hatte die Maximen des als Bonapartismus
bekannten Regierungssystems übernommen, das, wenn es von Demokratie
spricht, Regierungsgewalt meint, und von Fürsorge für das Wohl der
Armen deklamiert, wenn es einen Steuerfeldzug auf die Taschen der
Arbeiter im Schilde führt. Von der zarischen Diplomatie hatte er
gelernt, wie man absolutistisch regieren und unter der Hand mit
Revolutionären Geschäfte machen kann, von der bonapartistischen, wie
man stets in dem Augenblick den Gegner einer verpönten Handlung
beschuldigen muß, wo man selbst eben diese Handlung zu begehen im
Begriff ist. Als Spezialität übte er außerdem die Gepflogenheit aller
geriebenen Diplomaten, zeitweilig eine verblüffende Aufrichtigkeit an
den Tag zu legen, um bei der nächsten Gelegenheit mit desto mehr
Erfolg die Sprache gebrauchen zu können, um die Wahrheit nicht zu
sagen.
Mit dieser „Aufrichtigkeit” trat Bismarck auch vor die Kammer, trotzdem
wurde ihm jedoch sein deutsches Programm nicht geglaubt. Seine Erklärung
in der Budgetkommission, die deutsche Frage werde nur durch „Blut und
Eisen” gelöst werden, reizte nur um so mehr zum Widerstand. Das
Abgeordnetenhaus blieb bei seinem Beschluß bestehen, der Regierung
nichts zu bewilligen, bevor nicht sein verfassungsmäßiges Recht von ihr
anerkannt sei, worauf Bismarck das Haus vertagte mit der Erklärung, die
Regierung werde vorderhand das Geld nehmen, wo sie es finde.
Indes war seine Lage keineswegs eine sehr gesicherte. Wohl hatte er die
Regierungsgewalt, d. h. die organisierte Macht, hinter sich, während
die Kammer vorläufig nichts als die „öffentliche Meinung” auf ihrer
Seite hatte. Indes, er wußte ganz gut, daß er sich auf die preußischen
Bajonette nicht „setzen” konnte. Auf durchgreifende Erfolge in der
auswärtigen Politik, geeignet, die ehemaligen „Gothaer”, d. h. die
schwachliberalen Kleindeutschen, für die Regierung zurückzugewinnen, war
vorderhand nicht zu rechnen. Er mußte also anderwärts Verbündete gegen
die Fortschrittspartei zu gewinnen suchen.
Es war um diese Zeit, im Herbst 1862, daß man in Berlin in
Arbeiterkreisen anfing, die Einberufung eines Allgemeinen deutschen
Arbeiterkongresses zur Erörterung von besonderen Fragen des Arbeiterwohls
ernsthaft zu betreiben, und daß in Zusammenkünften, die dieser Frage
galten, ein beschäftigungsloser Arbeiter namens Eichler mit besonderer
Heftigkeit die Fortschrittspartei der Lahmheit anklagte und gegen die
Schulzeschen Genossenschaften loszog, die dem Arbeiter nichts nützten.
Mit der „Selbsthilfe”, von der die Liberalen soviel Geschrei machten,
sei es nichts, nur der Staat könne den Arbeitern helfen. Eichler, der
behauptete, von seinem Prinzipal wegen seiner absprechenden
Äußerungen über die Schulzesche Selbsthilfe gemaßregelt zu sein, fand
die Mittel, nach Leipzig zu reisen, wo im dortigen Arbeiterverein
„Vorwärts” gleichfalls die Idee der Einberufung eines allgemeinen
Arbeiterkongresses und die Gründung einer selbständigen
Arbeiterorganisation lebhaft diskutiert wurde. Er suchte das
Leipziger Zentralkomitee für die Einberufung des Kongresses nach
Berlin zu gewinnen, und als man ihm etwas genauer auf den Zahn
fühlte, rückte er schließlich in der Hitze des Gefechtes mit der
Erklärung heraus, er wisse ganz genau, daß die preußische Regierung
den guten Willen habe, den Arbeitern zu helfen, namentlich bei der
Gründung von Produktivgenossenschaften; er könne mitteilen, daß Herr
von Bismarck bereit sei, 30000 Taler zur Gründung einer
Maschinenbauer-Produktivgenossenschaft zu liefern -- die
Maschinenbauer waren damals, und noch lange später, in Berlin die
Kerntruppe der Fortschrittspartei! Natürlich müßten sich die Arbeiter
dazu entschließen, der Fortschrittspartei den Rücken zu kehren, die
eine Partei der Bourgeoisie, der Hauptfeindin der Arbeiter, sei.
Damit fiel Eichler indes ab, denn so wenig die Leute, welche in Leipzig
den Arbeiterkongreß betrieben, Verehrer der Fortschrittler waren, so
geringe Lust hatten sie, ihnen der preußischen Regierung zuliebe in den
Rücken zu fallen. Eichler zog unverrichteter Sache heim und scheint auch
in Berlin wenig ausgerichtet zu haben. Als man ihm wegen seiner
auffällig flotten Lebensweise, die zu seiner „Arbeitslosigkeit” so gar
nicht paßte, auf den Pelz rückte, machte er mysteriöse Anspielungen auf
eine reiche vornehme Dame, die Wohlgefallen an ihm gefunden habe, und da
er ein hübscher Bursche war, hatte das auch nichts besonders
Unwahrscheinliches. Eichler verschwand dann von der Bildfläche und
tauchte später als -- preußischer Polizeibeamter auf.
Als 16 Jahre später, in der Reichstagssitzung vom 16. September 1878,
August Bebel die Eichlersche „Mission” dem inzwischen zum Fürsten
avancierten Bismarck vorhielt, suchte dieser tags darauf den Eichler von
sich abzuschütteln, indem er ein Versehen Bebels in der Zeitbestimmung
für sich ausnutzte -- Bebel hatte September statt Oktober 1862 als die
Zeit des Eichlerschen Gastspiels in Leipzig angegeben; aber im Vertrauen
auf die Wirkung dieses Kunstgriffs ließ er sich zu dem Geständnis
verleiten, Eichler habe späterhin „Forderungen an mich gestellt für
Dienste, die er mir nicht geleistet hatte”, und daß ihm „bei der
Gelegenheit erst in Erinnerung gekommen, daß Herr Eichler im Dienste der
Polizei gewesen ist und daß er Berichte geliefert hat”. (Vgl. die unter
dem Titel „Die Sozialdemokratie vor dem deutschen Reichstage”
veröffentlichten amtlichen Stenogramme über die Beratung des
Sozialistengesetzes, 1878, S. 85.) Mit andern Worten, die angebliche
vornehme Dame, oder, wie sich der Leipziger „Volksstaat” seinerzeit
einmal drastisch ausdrückte, die „aristokratische Vettel” entpuppte
sich als -- das Berliner Polizeipräsidium.