Lassalle war mit denjenigen Männern, die den Mittelpunkt der

Fortschrittspartei in Berlin bildeten, schon seit einiger Zeit

zerfallen. Anfangs 1860 hatte er noch mit großer Emphase in einem

Brief an Marx für die kleinbürgerlich-demokratische Berliner

„Volkszeitung” eine Lanze eingelegt, sie ein Blatt genannt, das,

„wenn auch häufig mit viel weniger Mut, als erforderlich ist, und mit

viel weniger Konsequenz, als es sich trotz der Preßfesseln zur

Pflicht machen sollte, doch immerhin den demokratischen Standpunkt im

allgemeinen durch alle die Jahre hindurch verteidigt hat und weiter

verteidigt”, und hatte jede andere Politik, als die 1848 von der

„Neuen Rheinischen Zeitung” gegenüber den „blau-revolutionären”

Blättern und Parteien eingenommene für „ebenso theoretisch falsch wie

praktisch verderblich” erklärt. „Wir müssen”, schrieb er, „in

bezug auf die vulgär-demokratischen Parteien und ihre verschiedenen

Nüancen ebensosehr die Identität, als den Unterschied unsres

sozial-revolutionären Standpunktes mit ihnen festhalten. Bloß den

Unterschied herauskehren -- wird Zeit sein, wenn sie gesiegt haben.”

Sollte die Partei in London dagegen sich zu dem Standpunkt entwickelt

haben, alle bloß blau-revolutionären Blätter und Parteien den

reaktionären gleichzustellen, dann „erkläre ich entschieden, daß ich

diese Wandlung nicht mitmachen, sie vielmehr überall à outrance

bekämpfen werde”. Im Brief vom 19. Januar 1861 teilt er jedoch Marx

mit, daß er die Weigerung der „Volkszeitung”, eine längere Einsendung

von ihm gegen die „Nationalzeitung” abzudrucken, als Anlaß benutzt

habe, um mit ihrem Herausgeber, Franz Duncker, zu brechen. „Umgang

meine ich, denn andres bestand überhaupt nicht. Ich benutze den

Anlaß, sage ich. Denn es ist mir eine erwünschte Gelegenheit noch

mehr als ein Grund. Es ist schon lange dahin gekommen mit ihm, daß

ich diese Notwendigkeit einsah; es ist mit diesem mattherzigen

Gesindel gar kein Verhältnis möglich, und so werde ich denn dies

benutzen, um alle Beziehungen zu ihm, was ich ohne meine natürliche

Gutmütigkeit schon lange getan, aufzuheben.” In der vom 27. März

1861 datierten Vorrede zum „System der erworbenen Rechte” finden wir

denn auch schon einen an jener Stelle sogar ziemlich unvermittelten

Angriff auf die „Wortführer der liberalen Bourgeoisie”, die den

Begriff des Politischen in einer „geistlosen Verflachung und

Oberflächlichkeit”, in einer „Isoliertheit” fassen, die sie zwingt,

„sich an bloße Worte hinzuverlieren, und auf Worten mit Worten und

für Worte zu kämpfen”. Indes blieb Lassalle doch mit andern

Fortschrittlern und Nationalvereinlern in Verkehr, und in Berlin

selbst hatte der Bruch mit Duncker vorerst nur die Folge, daß

politisch noch zweideutigere Gestalten Lassalles Umgang bildeten.

Abgesehen von einigen wirklichen Gelehrten, durften ganz gewöhnliche

Salonlöwen, wie der Baron Korff, Meyerbeers Schwiegersohn, oder

radikaltuende Künstler, wie Hans von Bülow usw., sich der intimen

Freundschaft Lassalles rühmen[19]. In der Rechtfertigungsschrift der

Frau Helene von Racowitza wird von der Schreiberin, zwar

unabsichtlich aber desto eindrucksvoller, die sehr gemischte und zum

Teil ziemlich angefaulte Gesellschaft geschildert, in der sich

Lassalle bewegte, als sie seine Bekanntschaft machte (Anfang 1862).

Vom Rechtsanwalt Hiersemenzel, in dessen Haus die erste Zusammenkunft

zwischen Helene und Lassalle stattfand, und dessen „reizende

blondlockige Frau” jener Lassalle als „einen der intimsten Freunde

ihres Mannes” bezeichnete, schreibt Lassalle selbst wenige Monate

darauf -- am 9. Juni 1862 -- an Marx: „Beiläufig, mit dem ganz

gemeinen Hecht Hiersemenzel habe ich for ever gebrochen” und fügt

recht bezeichnend hinzu: „Glaube etwa nicht, daß seine Frau die

Veranlassung davon bildet.”

Dauerhafter erwies sich die Freundschaft Lassalles mit Lothar Bucher,

der nach Erlaß der Amnestie nach Deutschland zurückgekehrt war und sich

in Berlin niedergelassen hatte. Bucher war freilich kein Hecht, sondern

gehörte einer zahmeren zoologischen Gruppe an.

Verschiedene Briefe von und an Lassalle aus jener Zeit bestätigen, daß

dieser aus Italien mit ziemlich abenteuerlichen Plänen heimgekehrt war,

die an seinen Garibaldi vorgeschlagenen Revolutionsplan anknüpften.

Einer der interessantesten davon ist der Brief Lothar Buchers vom 19.

Januar 1862. Bucher, dem es damals herzlich schlecht ging und den

Lassalle, wie er unterm 9. Februar 1862 an W. Rüstow schrieb, „in

langen, mit rasender geistiger Anstrengung verbundenen Unterredungen”

für seine Ideen zu gewinnen versucht hatte, nimmt in jenem Brief auf

eine am Abend vorher geführte Debatte mit Lassalle Bezug und führt aus,

daß er es zwar für möglich halte, die bestehende Ordnung -- „oder

Unordnung” -- der Dinge in Deutschland niederzuwerfen, aber noch nicht,

sie niederzuhalten; mit andern Worten, daß die Zeit für eine

sozialistische Revolution noch nicht reif sei. „Bedenken Sie dazu noch

eins: daß jede sozialistische Bewegung in Frankreich auf lange Zeit

hinaus mit dem Kot und Gift des Bonapartismus versetzt sein und bei uns

eine Menge gesunder und reiner Elemente gegen eine ähnliche Bewegung

wachrufen würde.” Auf die Frage, was denn also geschehen solle, habe er

nur „die lahme Antwort Machiavellis”: Politik ist die Wahl unter

Übeln. „Ein Sieg des Militärs” -- d. h. der preußischen Regierung!!

-- wäre „ein Übel”, aber „ein Sieg des heutigen Österreich wäre

kein Sieg des reaktionären Prinzips”. Dafür stelle er Lassalle als

Zeugen die „Berliner Revue” usw. usw. Diese als Einwand gegen

Lassalle vorgebrachten Darlegungen lassen nur den Schluß zu, daß

Lassalle eine Revolution erzwingen zu können glaubte und im Hinblick

hierauf Österreich für den Vorstoß ausersehen hatte. Damit war der

obenerwähnte Versuch, Garibaldi zu einem Freischarenzug nach Wien zu

gewinnen, hinlänglich erklärt. Fraglich ist nur, wie Lassalle, der

für gewöhnlich in politischen Dingen ein sehr nüchterner Rechner war,

zu einem so abenteuerlichen Plan kommen konnte. Ob er von

französischen, ungarischen oder italienischen Revolutionären angeregt

worden war, die Lassalle auf seiner Reise nach und durch Italien

kennengelernt, muß dahingestellt bleiben. Da Wilhelm Rüstow um ihn

wußte und, wie Lassalle Marx erzählte, ihn gebilligt habe, mag er

auch auf Anregungen dieses etwas phantasiereichen Militärs

zurückzuführen sein. Es ist schwer zu glauben, daß er Lassalles

eignem Kopf entsprungen war, so sehr er mit gewissen Ideen Lassalles

übereinstimmte.

Jedenfalls überzeugte sich Lassalle daheim, daß zu einer Revolution in

Deutschland vor allem noch die deutschen Revolutionäre fehlten. Indes

war die Situation doch zu bewegt, um die zu einer Rückkehr zum

Studiertisch nötige Ruhe in ihm aufkommen zu lassen. Statt alsbald an

die große national-ökonomische Arbeit zu gehen, die er sich vorgenommen,

verschob er sie immer wieder, um sich den Fragen des Tages zu widmen,

was bei dem täglich lebhafter pulsierenden öffentlichen Leben übrigens

nur durchaus erklärlich war.

Die erste Leistung, mit der er zunächst an die Öffentlichkeit trat, war

das gemeinsam mit Bucher verfaßte Pamphlet „Julian Schmidt, der

Literarhistoriker”. Obwohl die Schrift formell Kritik einer von Schmidt

zusammengeschriebenen „Geschichte der deutschen Literatur” ist, zeigt

das Vorwort, daß mit ihr die liberale Presse überhaupt getroffen werden

sollte. Und auch die liberale Partei. Da Schmidt deren Programm

mitunterschrieben hatte und eifrig verfocht, sollte „Julian der

Grabowite” füglich der Ausdruck werden können, „welcher den geistigen

Höhepunkt dieser Partei kennzeichnet”. Eine etwas übertriebene Logik,

wie es überhaupt in der Schrift an Übertreibungen nicht fehlt. Auch war

der Zeitpunkt für sie nicht sehr günstig gewählt, da gerade in jenen

Tagen die Regierung das Abgeordnetenhaus aufgelöst und Wilhelm I. ein

Reskript gegen die fortschrittlich-liberale Presse erlassen hatte. War

nun auch die Fraktion Grabow -- die altliberale Partei -- nicht mit der

Fortschrittspartei identisch, sondern noch ein gutes Teil mehr als diese

zu Kompromissen geneigt, so machte sie doch in der Verfassungsfrage

gemeinsame Sache mit ihr, so daß der Hieb sie in einem Augenblick traf,

wo sie zufällig sich besser zeigte, als sonst. Im ganzen aber war die

Julian Schmidt applizierte Lektion eine wohlverdiente, die scharfe

Geißelung der bei ihm oft in „gespreizter Bildungssprache” sich

wichtig machenden Oberflächlichkeit durchaus berechtigt.

Lassalle-Bucher verteidigen mit Witz und Schärfe die größten

Denker und Dichter Deutschlands gegen die oft fälschende und

tendenziös-gehässige Schmidtsche Überkritik. Wo „der Setzer” das

Wort nimmt, ist es immer Lassalle, der spricht, während Lothar Bucher

als „das Setzerweib” vorgeführt wird.

Eine Einladung, die er im Frühjahr 1862 erhielt, in einem Berliner

liberalen Bezirksverein einen Vortrag zu halten, gab Lassalle erwünschte

Gelegenheit -- da es ihm in der Presse nicht möglich war --, den Führern

der Fortschrittspartei vor ihren eignen Leuten mündlich

gegenüberzutreten. Als Thema wählte er die Frage des Tages: den

ausgebrochenen Verfassungskonflikt. Aber mit geschickter Berechnung

hielt er sich in dem ersten Vortrag, den er „Über Verfassungswesen”

betitelte, noch absolut auf dem Boden akademischer Darlegung. Er

entwickelt seinen prinzipiellen Standpunkt, ohne die sich aus ihm

ergebenden Folgerungen selbst darzulegen. Verfassungsfragen sind

Machtfragen, eine Verfassung hat nur dann und so lange gesicherten

Bestand, als sie der Ausdruck der realen Machtverhältnisse ist; ein Volk

besitzt nur dann in der Verfassung einen Schutz gegen Willkür der

Regierenden, wenn es in der Lage und gewillt ist, im gegebenen Fall auch

ohne die Verfassung sich gegen sie zu schützen. Es sei daher der größte

Fehler gewesen, daß man 1848, anstatt zuerst die realen Machtfaktoren zu

ändern und vor allen Dingen das Heer aus einem königlichen in ein

Volksheer zu verwandeln, die Zeit mit dem Ausarbeiten einer Verfassung

so lange vertrödelte, bis die Gegenrevolution Kraft genug geschöpft

hatte, die Nationalversammlung auseinanderzujagen. Wenn das Volk wieder

einmal in die Lage komme, eine Verfassung zu machen, möge man diese

Erfahrung daher beherzigen. Die von der Regierung eingebrachten

Heeresvorlagen seien ebenfalls aus diesem Gesichtspunkt zu beurteilen --

d. h. als dem Bestreben entsprungen, die tatsächlichen Verhältnisse

weiter zugunsten der Regierung umzugestalten. „Das Fürstentum, meine

Herren,” heißt es am Schluß, „hat praktische Diener, nicht

Schönredner, aber praktische Diener, wie sie Ihnen zu wünschen

wären.”

Der Grundgedanke, von dem Lassalle hier ausgeht, ist unbestreitbar

richtig. Auch die meisten Fortschrittler sahen das wohl ein. Wenn sie

trotzdem einen andern Standpunkt fingierten, so taten sie dies, weil die

Übersetzung des ersteren in die Praxis einfach die Revolution hieß, die

Partei aber -- ein Teil der Führer überhaupt nur, der andere jedenfalls

zunächst -- den Kampf auf parlamentarischem Boden zu führen wünschte.

Man brauchte aber auch keineswegs ein so geschworener Gegner der

Revolution zu sein, als wie Lassalle die Fortschrittler -- und im großen

und ganzen auch durchaus mit Recht -- damals hinstellte, um den

Zeitpunkt für eine solche als noch nicht gekommen zu erachten. Auch

Lassalles Freund Bucher war ja, wie wir gesehen haben, trotz der vielen

Gründe, die er hatte, die bestehende Ordnung der Dinge zu hassen,

dieser Ansicht. Für den parlamentarischen Kampf bot jedoch die Fiktion,

daß man für die bestehende Verfassung gegen die Regierung, die diese

verletzte, für das „Recht” gegen die Macht kämpfte, eine viel

günstigere, oder sagen wir lieber, bequemere Position, als die offene

Proklamierung des Kampfes um die Macht selbst. Die materiellen

Machtmittel hatte die Regierung in der Hand, darum wollte man sich

wenigstens alle moralischen sichern.

Obwohl Lassalle in seinem Vortrage nichts gesagt hatte, was nicht jeder

Fortschrittler -- ja, jeder vernünftige Mensch überhaupt unterschreiben

konnte, war er daher doch den Führern der Fortschrittspartei höchst

unangenehm, während die Regierungs- und Reaktionspartei sich die Hände

rieb. Ganz offen bejubelte ihn die „Kreuz-Zeitung”, das Organ der

Junker und Mucker. Nicht nur, daß es ihr überhaupt angenehm war, wenn

der Konflikt ins Herz des Feindes getragen wurde, lag ihr auch

deshalb daran, die Verfassungsfrage als eine reine Machtfrage

zwischen Königtum und Volksvertretung dargestellt zu sehen, weil

dadurch ihre Position als einzig zuverlässige Stütze des Thrones eine

um so befestigtere wurde. Man muß nicht vergessen, daß die

„Neue Ära” Wilhelms I. nebenbei ein Versuch gewesen war, den Thron

der Hohenzollern von der allzu lästig gewordenen Vormundschaft der

ostelbischen Junker und der Bureaukratie zu emanzipieren. Gegenüber

dem Programm, wie es Lassalle formulierte, mußte diese dagegen dem

König als das unbedingt kleinere Übel erscheinen.

Lassalle ließ den Vortrag, den er noch in drei weiteren

fortschrittlichen Versammlungen gehalten hat -- ein Beweis, daß die

fortschrittliche Wählerschaft nichts Bedenkliches an ihm fand -- „auf

mehrfaches Andringen” in Druck erscheinen. Inzwischen hatten die

Neuwahlen zum Landtage einen eklatanten Sieg der Fortschrittspartei über

die Regierung gebracht, und alles harrte gespannten Blicks, wie sich

unter diesen Verhältnissen der Konflikt zwischen den beiden weiter

entwickeln werde.

Ebenfalls im Frühjahr 1862 hielt Lassalle in Berlin -- im

Handwerkerverein der Oranienburger Vorstadt, dem Maschinenbauerviertel

Berlins -- noch einen zweiten Vortrag, dem er den Titel gab: „Über den

besonderen Zusammenhang der Idee des Arbeiterstandes mit der

gegenwärtigen Geschichtsperiode”. Auch diesen Vortrag hatte er vorher

sorgfältig ausgearbeitet. Und er ist, wenngleich in Einzelheiten nicht

einwandfrei -- schon der Titel fordert zur Kritik heraus --

unzweifelhaft eine der besten, wenn nicht die beste der Lassalleschen

Reden. Eine ebenso klare wie schöne Sprache, gedrungene, flüssige,

nirgends überladene und doch nie trockene Darstellung, von Satz zu Satz

fortschreitende systematische Entwicklung des Grundgedankens, sind ihre

formellen Vorzüge, während sie ihrem Inhalte nach -- wie gesagt, mit

einigen Einschränkungen -- eine vortreffliche Einleitung in die

Gedankenwelt des Sozialismus genannt werden kann. Es nimmt ihrem Werte

nichts, wenn ich sie als eine, der Zeit und den Umständen, unter denen

sie gehalten wurde, angepaßte Umschreibung des „Kommunistischen

Manifestes” bezeichne; sie führt in der Hauptsache an der Hand konkreter

Beispiele aus, was im historischen Teil des Manifestes in großen Zügen

bereits vorgezeichnet ist.

Noch immer spielen freilich die Hegelsche Ideologie und die juristische

Auffassungsweise in die Darstellung hinein, aber neben ihnen tritt doch

auch, wie das übrigens im Vortrag über Verfassungswesen gleichfalls

geschieht, die Betonung der ökonomischen Grundlagen der Bewegung der

Geschichte in den Vordergrund. Daß die Arbeiter vermöge ihrer

Klassenlage in der modernen bürgerlichen Gesellschaft die eigentliche

revolutionäre Klasse bilden, diejenige Klasse, die berufen ist, die

Gesellschaft auf eine neue Grundlage zu stellen -- die Grundidee des

kommunistischen Manifestes -- ist auch der leitende Gedanke des

„Arbeiterprogramms”, unter welchem Namen der Vortrag später in Druck

erschienen ist. Nur daß sich für Lassalle die Sache sofort wieder in

juristische Begriffe kristallisiert und mit ideologischen Vorstellungen

verquickt wird. Wenn Lassalle im Titel und durchgängig im Vortrage

selbst vom Arbeiterstand spricht, so könnte man darin eine bloße

Konzession an den Sprachgebrauch erblicken, an der nur Pedanterie

Anstoß nehmen möchte. Indes es muß Lassalle zu seinem Lobe nachgesagt

werden, daß er in der Wahl seiner Ausdrücke durchaus nicht leichtfertig

zu Werke ging; es ist kein bloßes Zugreifen nach einer populären

Redewendung, die ihn vom „Arbeiterstand”, von einem „vierten Stand”

sprechen läßt, sondern eine Folge seiner wesentlich juristischen

Vorstellungen. Es ist derselbe Rückfall, der ihn den Begriff des

Bourgeois nicht etwa von der tatsächlichen Machtstellung herleiten

läßt, die der Kapitalbesitz rein vermöge seiner ökonomischen Wirkungen

und Kräfte verleiht, sondern -- von den rechtlichen und staatlichen

Privilegien, die der Kapitalist auf Grund seines Besitzes genießt oder

beansprucht. Statt den fundamentalen Unterschied zwischen dem modernen

Bourgeois und dem mittelalterlichen Feudalherrn scharf zu kennzeichnen,

verwischt er ihn auf solche Weise und läßt den Kapitalbesitzer nur dann

einen Bourgeois sein, wenn er staatlich und rechtlich die Stellung

eines Feudalen beansprucht. (Vgl. S. 20-22 des „Arbeiterprogramm”.)

Und, wie immer, konsequent selbst in seinem Irrtum, stellt er als

bezeichnendes Merkmal -- d. h. nicht als ein, sondern als _das_ Merkmal

der Bourgeoisie-Gesellschaft -- das Klassen- oder Zensuswahlsystem hin.

Das preußische Dreiklassenwahlsystem, eingeführt von der

feudalistisch-absolutistischen Reaktion gegen die bürgerliche

Revolution des Jahres 1848, erscheint bei ihm als das Wahlsystem des

modernen Bourgeoisiestaates. Das hat allenfalls einen Sinn, wenn man

den Begriff Bourgeois auf die wenigen neufeudalen Großkapitalisten

beschränkt, aber was wird dann aus dem „vierten Stand”?

Als weiteres Kennzeichen des so bestimmten Bourgeoisiestaates bezeichnet

Lassalle die Ausbildung des Systems der indirekten Steuern als Mittel

der Abwälzung der Steuerlast auf die nicht privilegierten Klassen. Daß

jeder privilegierten Klasse die Tendenz innewohnt, sich von den Steuern

möglichst zu befreien, kann unbestritten bleiben. Aber wenn Lassalle den

Begriff des Klassenstaates vom Bestand von Wahlvorrechten abhängig

macht, dann wird seine Theorie schon durch die einfache Tatsache

umgestoßen, daß gerade in dem Lande, wo das allgemeine und direkte

Wahlrecht am längsten besteht, in Frankreich, das indirekte Steuersystem

am stärksten ausgebildet ist. Lassalles Deduktion, daß von den 97

Millionen Talern, die der preußische Staat im Jahre 1855 aus Steuern

einnahm, nur etwa 13 Millionen aus direkten Steuern herstammen, ist

übrigens gleichfalls anfechtbar. Er erklärt die 10 Millionen Taler

Grundsteuer einfach für eine indirekte Steuer, da sie nicht von den

Grundbesitzern bezahlt, sondern von diesen auf den Getreidepreis

abgewälzt werde. Das Abwälzen war aber keineswegs eine so leichte Sache,

solange die Landesgrenzen nicht durch Einfuhrzölle gegen die Zufuhr von

außen abgesperrt waren. Die Grundsteuer hat vielmehr lange Zeit als

eine reine Reallast auf den Grundbesitz gewirkt und ist auch als solche

von den Grundbesitzern empfunden und bei Veräußerungen behandelt worden.

9 Millionen Taler Einnahme aus dem Justizdienst mögen als eine indirekte

Steuer bezeichnet werden, da aber die ärmste Klasse keineswegs die

meisten Prozesse führt, so kann man hier nicht von einer Steuer zur

Entlastung des großen Kapitals sprechen, wie immer man sonst über die

Justizgebühren denkt. Kurz, die relative Steuerfreiheit des großen

Kapitals ist kein notwendiges Kriterium der Bourgeoisiegesellschaft.

Diese unterscheidet sich eben von der feudalen Gesellschaft dadurch, daß

sie nicht an gesetzliche Statuierung der Klassenunterschiede gebunden

ist, vielmehr auch bei formeller Gleichberechtigung aller fortbesteht.

Anfechtbar war es auch, wenn Lassalle die Auferlegung von

Zeitungskautionen und der Zeitungsstempelsteuer als einen Beleg dafür

anführt, daß „die Bourgeoisie die Herrschaft ihres besonderen

Privilegiums und Elementes -- des Kapitals -- mit noch strengerer

Konsequenz durchführe, als dies der Adel im Mittelalter mit dem

Grundbesitz getan hatte”. Zeitungskautionen und Zeitungsstempel waren in

Preußen keineswegs Regierungsmittel der Bourgeoisie, sondern der

halb-feudalen und bureaukratischen Reaktion. Lassalle brauchte bloß den

Blick nach England zu wenden, wo die Bourgeoisie zur weitesten

Entfaltung gediehen war, um sich zu überzeugen, wie auch ohne die

kleinen Mittel eines rückständigen Regierungssystems die Presse, und

obendrein in noch viel höherem Maße als in Preußen, „Privilegium des

großen Kapitalbesitzes” werden kann. So richtig es natürlich war, gegen

diese Mittel der politischen Repression die Stimme zu erheben, so ist es

wiederum ein Beweis von Lassalles juristischer Denkweise, daß, wo er die

Wirkung der Herrschaft der Bourgeoisie auf das Preßwesen darstellen

will, er hier ausschließlich formal-rechtliche Einrichtungen anführt,

den Einfluß der ökonomischen Faktoren dagegen gänzlich ignoriert.

Und schließlich führt ihn seine Ideologie dahin, dem Staat, der

„Staatsidee”, einen Dithyrambus anzustimmen. Der „vierte Stand” hat

„eine ganz andere, ganz verschiedene Auffassung von dem sittlichen Zweck

des Staates als die Bourgeoisie”.

Als Staatsidee der Bourgeoisie stellt Lassalle die Auffassung der

liberalen Freihandelsschule hin, nach welcher die Aufgabe des Staates

einzig darin bestehe, die persönliche Freiheit des einzelnen und sein

Eigentum zu schützen.

Das sei aber eine „Nachtwächteridee”. Die Geschichte sei „ein Kampf

mit der Natur, mit dem Elende, der Unwissenheit, der Armut, der

Machtlosigkeit und somit der Unfreiheit aller Art, in der wir uns

befanden, als das Menschengeschlecht am Anfang der Geschichte

auftrat. Die fortschreitende Besiegung dieser Machtlosigkeit -- das

ist die Entwicklung der Freiheit, welche die Geschichte darstellt”.

Diese Entwicklung des Menschengeschlechts zur Freiheit zu

vollbringen, das sei die wahrhafte Aufgabe des Staates. Der Staat sei

„die Einheit der Individuen in einem sittlichen Ganzen”, sein Zweck

sei, „durch diese Vereinigung die einzelnen in den Stand zu setzen,

solche Zwecke, eine solche Stufe des Daseins zu erreichen, die sie

als einzelne niemals erreichen könnten, sie zu befähigen, eine Summe

von Bildung, Macht und Freiheit zu erlangen, die ihnen sämtlich als

einzelnen schlechthin unersteiglich wäre”. Und weiter sei sein Zweck,

„das menschliche Wesen zur positiven Entfaltung und fortschreitenden

Entwicklung zu bringen, mit anderen Worten, die menschliche

Bestimmung -- d. i. die Kultur, deren das Menschengeschlecht fähig

ist -- zum wirklichen Dasein zu gestalten”. Er sei „die Erziehung und

Entwicklung des Menschengeschlechts zur Freiheit”. So sehr sei dies

„die wahre und höhere Aufgabe” des Staates, daß „sie deshalb seit

allen Zeiten durch den Zwang der Dinge selbst von dem Staate, auch

ohne seinen Willen, auch unbewußt, auch gegen den Willen seiner

Leiter, mehr oder weniger ausgeführt wurde”.

Und der Arbeiterstand, die unteren Klassen der Gesellschaft überhaupt

haben schon durch die hilflose Lage, in der sich ihre Mitglieder als

einzelne befänden, den „tiefen Instinkt, daß eben dies die Bestimmung

des Staates sei und sein müsse”. Ein unter die Herrschaft der Idee des

Arbeiterstandes gesetzter Staat aber würde sich diese „sittliche

Natur” des Staates „mit höchster Klarheit und völligem Bewußtsein”

zu seiner Aufgabe machen und „einen Aufschwung des Geistes, die

Entwicklung einer Summe von Glück, Bildung, Wohlsein und Freiheit

herbeiführen, wie sie ohne Beispiel dasteht in der Weltgeschichte”.

Ferdinand Lassalle: Eine Würdigung des Lehrers und Kämpfers · 第 9 / 18 段