Noch eine andere Stelle aus den Briefen an Rodbertus gehört hierher:

„Wenn ich etwas in meinem Leben gehaßt habe, ist es die kleindeutsche

Partei. Alles Kleindeutsche ist Gothaerei und Gagerei (von Gagern, dem

‚Staatsmann’ der Kleindeutschen, abgeleitet) und reine Feigheit. Vor

1½ Jahren hielt ich hier einmal bei mir eine Versammlung meiner

Freunde ab, worin ich die Sache so formulierte: Wir müssen alle wollen:

Großdeutschland moins les dynasties.”

„Ich habe in meinem Leben kein Wort geschrieben, das der kleindeutschen

Partei zugute käme, betrachte sie als das Produkt der bloßen Furcht vor:

Ernst, Krieg, Revolution, Republik und als ein gutes Stück

Nationalverrat.” (Brief vom 2. Mai 1863.)

Es ist klar, daß, wenn es Lassalle mit dem nationalen Programm, wie er

es in „Der Italienische Krieg usw.” entwickelte, ernst gewesen wäre,

er unmöglich die obigen Sätze hätte schreiben können, denn jenes ist

ganz gewiß kleindeutsch. Er benutzte es vielmehr nur, weil es ihm für

seine viel weitergehenden politischen Zwecke, für die Herbeiführung

der Revolution, die die nationale Frage im großdeutschen Sinne lösen

sollte, zweckmäßig erschien. In den, auf sein Schreiben vom 27. Mai

1859 folgenden Briefen an Marx und Engels spricht er sich immer

bestimmter in diesem Sinne aus. Da die meist sehr ausführlichen

Briefe nun in ihrem vollen Wortlaut zum Abdruck gekommen sind, so

können wir uns hier auf einige Auszüge und kurze Zusammenfassungen

beschränken.

Etwa am 20. Juni 1859 (die Lassalleschen Briefe sind sehr oft ohne

Datum, so daß dieses aus dem Inhalt kombiniert werden mußte) schreibt

Lassalle an Marx: „Nur in dem populären Kriege gegen Frankreich ...

sehe ich ein Unglück. In dem bei der Nation unpopulären Kriege aber ein

immenses Glück für die Revolution ... Die Aufgabe verteilt sich also so,

daß unsere Regierungen den Krieg machen müssen (und sie werden dies tun)

und wir ihn unpopularisieren müssen ... Ihr scheint dort, zehn Jahre

fern von hier, wirklich noch gar keine Ahnung zu haben, wie wenig

entmonarchisiert unser Volk ist. Ich habe es auch erst in Berlin mit

Leidwesen gesehen ... Käme nun noch hinzu, daß dem Volk die Überzeugung

beigebracht wird[6], die Regierung führe diesen Krieg als einen

nationalen, sie habe sich zu einer nationalen Tat erhoben, so solltet

Ihr sehen, wie vollständig die Versöhnung würde und wie, gerade bei

Unglücksfällen, das Band der ‚deutschen Treue’ das Volk an seine

Regierungen binden würde ...” Was in unserm Interesse liegt, ist

offenbar etwa folgendes:

„1. daß der Krieg gemacht wird. (Dies besorgen, wie gesagt, unsere

Regierungen schon von selbst.) Alle Nachrichten, die mir aus guter

Quelle zukommen, besagen, daß der Prinz drauf und dran sei, für

Österreich einzutreten.”

Das war, wie oben bemerkt, keineswegs so unbedingt zutreffend.

„2. daß er schlecht geführt wird. (Dies werden unsere Regierungen

gleichfalls von selbst besorgen, und um so mehr, je weniger das

Volksinteresse für den Sieg sie unterstützt.)

„3. daß das Volk der Überzeugung sei, der Krieg werde im

volksfeindlichen, im dynastischen, im kontrerevolutionären Sinne, also

gegen seine Interessen, unternommen. -- Dies allein können wir besorgen,

und dies zu besorgen ist daher unsere Pflicht.”

Lassalle geht dann auf die Frage ein, welchen Zweck es haben könne,

„einen populären Krieg gegen Frankreich bei uns erregen zu wollen”.

Auch hier aber sind es lediglich zwei Rücksichten, die er als

maßgebend anerkennt: 1. die Rückwirkung auf die Aussichten der

revolutionären Parteien hüben und drüben, und 2. die Rückwirkung auf

die Beziehungen der deutschen Demokratie zur französischen und

italienischen Demokratie. Die Frage der Interessen Deutschlands als

Nation berührt er gar nicht. Auf den Vorhalt, daß er dieselbe Politik

empfehle wie Vogt, der im französischen Solde schreibe, antwortet er:

„Willst Du mich durch die schlechte Gesellschaft, die ich habe, ad

absurdum führen? Dann könnte ich Dir das Kompliment zurückgeben, daß

Du das Unglück hast, diesmal mit Venedey und Waldeck einer Meinung zu

sein.” Alsdann rühmt er sich, daß seine Broschüre „immens” gewirkt

habe, „Volks-Zeitung” und „National-Zeitung” hätten zum Rückzug

geblasen, die letztere „in einer Serie von sechs Leitartikeln eine

vollständige Schwenkung gemacht”. Daß Lassalle gar nicht darauf kam,

sich zu fragen, warum denn diese Organe kleindeutscher Richtung sich

so schnell bekehren ließen!

In einem Brief an Marx von Mitte Juli 1859 -- nach Villafranca -- heißt

es: „Es ist ganz selbstredend, daß zwischen uns nicht das Prinzip,

sondern, wie Du sagst und wie ich es nie anders auffaßte, die

‚passendste Politik’ ... streitig war.” Und um wieder keinen Zweifel

darüber zu lassen, wie er das meine, setzt er die Worte hinzu: „d. h.

also doch die zur revolutionären Entwicklung passendste Politik.”

Anfang 1860 an Fr. Engels: „Nur zur Vermeidung von Mißverständnissen

muß ich bemerken, daß ich übrigens auch im vorigen Jahre, als ich

meine Broschüre schrieb, sehnlichst wünschte, daß Preußen den Krieg

gegen Napoleon mache. Aber ich wünschte ihn nur unter der Bedingung,

daß die Regierung ihn mache, er aber beim Volke so unpopulär und

verhaßt wie möglich sei. Dann freilich wäre er ein großes Glück

gewesen. Aber dann mußte die Demokratie gegen, nicht für diesen Krieg

schreiben und propagieren ... Für die gegenwärtige Lage sind wir

wahrscheinlich ganz einer Meinung und wohl ebensosehr für die

zukünftige.”

In dem gleichen Brief kommt Lassalle auch auf die damals gerade

eingebrachte Militärreorganisations-Vorlage zu sprechen, die bekanntlich

später zum Konflikt zwischen der Regierung und der liberalen

Bourgeoisie führte. Die Mobilmachung 1859 hatte die preußische Regierung

überzeugt, wie wenig schlagfertig die preußische Armee noch war und daß

durchgreifende Änderungen notwendig waren, um sie in den Stand zu

setzen, sei es nun gegen Frankreich oder Österreich, mit einiger

Aussicht auf Erfolg ins Feld zu rücken. Wer es also mit „Preußens

deutschem Beruf” ernst nahm, der mußte auch in die Heeresreorganisation

einwilligen oder mindestens objektiv ihre Berechtigung anerkennen, was

ja auch die Fortschrittler anfangs taten. Hören wir nun Lassalle: „Das

Gesetz ist schmachvoll! Aufhebung -- völlige, nur verkappte -- der

Landwehr als letzten demokratischen Restes der Zeit von 1810, Schöpfung

eines immensen Machtmittels für Absolutismus und Junkertum ist in zwei

Worten der evidente Zweck desselben. Nie würde Manteuffel gewagt haben,

so etwas vorzuschlagen! Nie hätte er es durchgesetzt. Wer jetzt in

Berlin lebt und nicht am Liberalismus stirbt, der wird nie am Ärger

sterben!”

Schließlich sei noch eine Stelle aus einem Briefe Lassalles an Marx aus

Aachen vom 11. September 1860 zitiert. Marx hatte u. a. auch in einem

Briefe an Lassalle auf eine Zirkularnote Gortschakoffs hingewiesen, in

der ausgeführt worden war, daß, wenn Preußen Österreich gegen Frankreich

zu Hilfe käme, Rußland seinerseits für Frankreich intervenieren, d. h.

Preußen _und_ Österreich den Krieg erklären würde. Diese Note sei,

hatte Marx ausgeführt, erstens ein Beweis, daß es sich um einen Anschlag

gehandelt habe, bei dem die Befreiung Italiens nur Vorwand, die

Schwächung Deutschlands aber der wirkliche Zweck war, und sie sei

zweitens eine unverschämte Einmischung Rußlands in deutsche

Angelegenheiten, die nicht geduldet werden dürfe. Darauf erwidert nun

Lassalle, er könne in der Note eine Beleidigung nicht erblicken, aber

selbst wenn eine solche darin enthalten sei, so treffe sie ja doch nur

„die deutschen Regierungen”. „Denn, diable! was geht Dich und mich

die Machtstellung des Prinzen von Preußen an? Da alle seine Tendenzen

und Interessen gegen die Tendenzen und Interessen des deutschen Volkes

gerichtet sind, so liegt es vielmehr gerade im Interesse des deutschen

Volkes, wenn die Machtstellung des Prinzen nach außen so gering wie

möglich ist.” Man müsse sich also eher solcher Demütigungen freuen und

sie höchstens in dem Sinne gegen die Regierungen benutzen, wie es die

Franzosen unter Louis Philipp getan hätten.

Man kann sich wohl nicht „hochverräterischer” ausdrücken, als es hier

überall geschieht, und diejenigen, die ehedem Lassalle als das Muster

eines guten Patrioten im nationalliberalen Sinne dieses Wortes der

Sozialdemokratie von heute gegenüberstellten, haben nach

Veröffentlichung der Lassalleschen Briefe an Marx und Engels einfach

einpacken müssen. Die Motive, die Lassalle bei der Abfassung des

„Italienischen Krieges” leiteten, sind alles andere, nur nicht eine

Anerkennung der nationalen Mission der Hohenzollern. Weit entfernt, daß

hier, wie es in den meisten bürgerlichen Biographien heißt, bei Lassalle

der Parteimann hinter den Patrioten zurücktritt, kann man im Gegenteil

eher sagen, daß der Parteimann, der republikanische Revolutionär, den

Patrioten zurückdrängt.

Man könnte freilich mit einem gewissen Schein von Recht die Frage

aufwerfen: „Ja, wenn der Standpunkt, den Lassalle in seinen Briefen an

Marx entwickelt, so grundverschieden ist von dem, den er in der

Broschüre vertritt, wer garantiert dann, daß der erstere der wirklich

von Lassalle im Innersten seines Herzens eingenommene ist? Kann Lassalle

nicht, da er doch das eine Mal sein wahres Gesicht verhüllt, dies Marx

gegenüber getan haben?” Gegen diese Annahme sprechen aber so viele

Gründe, daß es kaum der Mühe lohnt, sich mit ihr zu belassen. Der

wichtigste ist der, daß der Widerspruch zwischen Broschüre und Briefen

schließlich doch nur ein scheinbarer ist. Wo Lassalle in der Broschüre

etwas sagt, was sich nicht mit den in seinen Briefen entwickelten Ideen

deckt, da spricht er immer nur hypothetisch mit einem großen „Wenn”,

und diesem Wenn stellt er am Schluß ein „Wenn aber nicht, dann”

gegenüber, und formuliert dieses „Dann” so: „So wird damit nur aber

und aber bewiesen sein, daß die Monarchie in Deutschland einer

nationalen Tat nicht mehr fähig ist.” Die positiven Behauptungen in

der Broschüre hält er aber alle auch in den Briefen aufrecht. Er meint

es vollkommen aufrichtig mit der, den Hauptinhalt der Broschüre

ausmachenden Darlegung, daß die Demokratie -- worunter er die

Gesamtheit der entschiedenen Oppositionsparteien verstand -- den Krieg

gegen Frankreich nicht gutheißen dürfe, weil sie sich dadurch mit den

Unterdrückern Italiens identifiziere, und es war ihm ferner durchaus

ernst mit dem Wunsche der Zertrümmerung Österreichs. Bis soweit ist

denn auch die Broschüre, ob man nun den in ihr entwickelten Standpunkt

für richtig hält oder nicht, als subjektive Meinungsäußerung

vollkommen berechtigt.

Anders mit dem Schlußkapitel. Dort treibt Lassalle eine Diplomatie, die

gerade er in seinem Kommentar zum Franz von Sickingen als verwerflich

bekämpft hatte. Auch der demokratische Politiker braucht nicht in jedem

Zeitpunkt seine letzten Absichten auszuposaunen. Aber es steht ihm nicht

an und bringt ihn in eine falsche Lage, wenn er für eine Politik

eintritt, von der er nicht auch will, daß sie befolgt werde. Das jedoch

tut Lassalle. Der uneingeweihte Leser seiner Schrift mußte glauben, er

wünsche nichts sehnlicher, als daß die preußische Regierung die darin

von ihm entwickelte Politik befolge. Wohl konnte er sich darauf berufen,

daß er sicher war, die preußische Regierung werde diese Politik nicht

befolgen. Damit war aber das Doppelspiel sicherlich nicht

gerechtfertigt. Das Advokatenstück, eine Sache nur deshalb zu

empfehlen, weil man zu wissen glaubt, daß sie doch nicht geschieht, ist

ein durchaus falsches Mittel der Politik, nur geeignet, die eigenen

Anhänger irrezuführen, was ja später auch in diesem Falle eingetreten

ist. Das Beispiel, auf das Lassalle sich für seine Taktik beruft, ist

das denkbar unglücklichste. Die Art, wie die republikanische Opposition

in Frankreich unter Louis Philipp, die Herren vom „National”,

auswärtige Politik machten, ebnete später dem Mörder der Republik, dem

Bonapartismus, die Bahn. Wie die „reinen Republikaner” die

napoleonische Legende gegen Louis Philipp, so glaubte Lassalle die

friderizianische Legende gegen die damalige preußische Regierung

ausspielen zu können. Aber die friderizianische Tradition, wenigstens

soweit sie hier in Betracht kam, war keineswegs von der preußischen

Regierung aufgegeben, und statt gegen die Hauspolitik der

Hohenzollern, machte Lassalle Propaganda für sie.

Wie diese später, sobald Preußen sich dazu militärisch stark genug

fühlte, energisch aufgenommen wurde, wie sie zunächst zum Bürgerkrieg

zwischen Nord- und Süddeutschland führte, wie Österreich glücklich aus

dem deutschen Bund herausgedrängt und die „Einigung”

Rumpf-Deutschlands alsdann vollzogen wurde, haben wir gesehen, aber

diese Realisierung des im „Italienischen Krieg” entwickelten Programms

verhält sich zu der Lösung, die Lassalle vorschwebte, wie in der

Lessingschen Fabel das Kamel zum Pferd[7].

[Wohin hat uns die preußische Lösung der deutschen Frage gebracht?

Österreichs Verdrängung aus dem deutschen Bund hat die panslawistische

Propaganda im höchsten Grade gefördert, die österreichische Regierung

muß heute den Slawen eine Konzession nach der andern machen, und diese

traten infolgedessen mit immer größeren Ansprüchen auf. Wo sie früher

mit Anerkennung ihrer Sprache und Nationalität zufrieden gewesen wären,

wollen sie heute herrschen und unterdrücken; in Prag, heute eine

tschechische Stadt, fraternisierten Tschechen und französische

Chauvinisten und toastierten auf den Kampf wider das Deutschtum. Die

Angliederung der deutschen Landesteile Österreichs an Deutschland wird

früher oder später freilich doch erfolgen, aber unter zehnfach

ungünstigeren Verhältnissen als vor der glorreichen Herauswerfung

Österreichs aus dem deutschen Bunde. Vorläufig muß das Deutsche Reich

ruhig zusehen, wie in jenen Landesteilen die Slawisierung immer weiter

um sich greift, denn die Bismarckische Art der Einigung Deutschlands hat

Rußland so stark gemacht, daß die deutsche Politik wieder das größte

Interesse an der Erhaltung selbst dieses Österreichs hatte. Etwas ist

immer noch besser als gar nichts. Und freilich, solange in Rußland der

Zarismus mit seinen panslawistischen Aspirationen herrscht, so lange

mag das heutige Österreich als Staat noch eine Berechtigung haben.]

Lassalle wollte natürlich ganz etwas anderes als die bloße

Herausdrängung Österreichs aus dem Reiche. Er wollte die Zertrümmerung,

die Vernichtung Österreichs, dessen deutsche Länder einen integrierenden

Teil der einen und unteilbaren deutschen Republik bilden sollten. Aber

um so weniger durfte er auch nur zum Schein ein Programm aufstellen,

dessen unmittelbare Folge der Bürgerkrieg in Deutschland sein mußte, ein

Krieg von Norddeutschland gegen Süddeutschland, dessen Bevölkerung 1859

ganz entschieden auf seiten Österreichs stand. Nur Lassalles starke

Geneigtheit, dem jeweilig verfolgten Zweck alle außer ihm liegenden

Rücksichten zu opfern, erklärt dieses Zurückgreifen auf eine Diplomatie,

die er noch soeben im „Franz von Sickingen” aufs schärfste verurteilt

hatte.

Hinzu kam bei Abfassung der Broschüre der leidenschaftliche Drang, in

die aktuelle Politik einzugreifen. Er spricht sich immer und immer

wieder in seinen Briefen aus. Wenn Lassalle um jene Zeit die Beteiligung

an irgendeiner Sache mit dem Hinweis auf seine wissenschaftlichen

Arbeiten, die er noch vorhabe, ablehnt, so geschieht es mit dem

Vorbehalt: Aber wenn sich eine Möglichkeit bietet, unmittelbar auf die

revolutionäre Entwicklung einzuwirken, dann lasse ich auch die

Wissenschaft liegen. So hatte er auch am 21. März 1859 an Fr. Engels

geschrieben:

„Vielmehr werde ich beim nationalökonomischen und

geschichtsphilosophischen Fache -- ich meine Geschichte im Sinne von

sozialer Kulturentwicklung -- von nun an wohl verbleiben, wenn nicht,

was freilich sehr zu hoffen wäre, der endliche Beginn praktischer

Bewegungen alle größere theoretische Tätigkeit sistiert.”

„Wie gerne will ich ungeschrieben lassen, was ich etwa weiß, wenn es

dafür gelingt, einiges von dem zu tun, was wir (Partei-Plural) können.”

Und sechs Wochen, nachdem er das geschrieben, sollte Lassalle ins

monarchistisch-kleindeutsche Lager abgeschwenkt sein? Nein, seine

Diplomatie war falsch, aber seine Absicht war die alte geblieben: die

Revolution für die eine und unteilbare deutsche Republik. Sie ist

gemeint, wenn er der Schrift das Motto aus dem Virgil voransetzt:

Flectere si nequeo superos acheronta movebo -- wenn ich die Götter --

die Regierung -- nicht beeinflussen kann, werde ich den „Acheron” --

das Volk -- in Bewegung setzen.

* * * * *

Die nächste Publikation, die Lassalle dem „Italienischen Krieg usw.”

folgen ließ, war ein Beitrag für eine Zeitschrift in Buchform, die der

demokratische Schriftsteller Ludwig Walesrode unter dem Titel

„Demokratische Studien” im Sommer 1860 herausgab. Es ist dies der

später als Broschüre herausgegebene Aufsatz: „Fichtes politisches

Vermächtnis und die neueste Gegenwart.” Man könnte ihn als ein

Nachwort zu „Der italienische Krieg usw.” bezeichnen, in welchem

Lassalle das offen heraussagt, was er dort zu verhüllen für gut

befunden. Das „politische Vermächtnis” Fichtes ist, wie Lassalle unter

Vorführung eines im Fichteschen Nachlaß vorgefundenen Entwurfs zu

einer politischen Abhandlung darlegt, der Gedanke der Einheit

Deutschlands als unitarische Republik. Anders sei die Verwirklichung

der Einheit Deutschlands überhaupt nicht möglich. Bei einer Eroberung

Deutschlands durch irgendeinen der bestehenden deutschen Staaten würde

„nicht Deutschland hergestellt, sondern nur die anderen Stämme durch

die gewaltsame Aufdrängung des spezifischen Hausgeistes unter die

Besonderheit desselben gebracht, preußifiziert, verbayert,

verösterreichert!” ... „Und indem so auch noch diejenige Ausgleichung

fortfiele, welche jetzt noch in dem Dasein der verschiedenen

Besonderheiten liegt,” schreibt er, „würde gerade dadurch das deutsche

Volk auch noch in seiner geistigen Wurzel aufgehoben.”

„Die Eroberung Deutschlands, nicht im spezifischen Hausgeiste, sondern

mit freiem Aufgehen desselben in den nationalen Geist und seine Zwecke,

wäre freilich ein ganz anderes! Aber die Idealität dieser Entschließung

ist es geradezu töricht von Männern zu verlangen” -- es ist von den

deutschen Fürsten, speziell vom König von Preußen, die Rede -- „deren

geistige Persönlichkeit doch wie die aller anderen ein bestimmtes

Produkt ihrer Faktoren in Erziehung, Tradition, Neigung und Geschichte

ist und die dies daher ebensowenig leisten können, als es einer von uns

anderen leisten würde, wenn seine Bildung und Erziehung ausschließlich

durch dieselben Faktoren bestimmt worden wäre.”

Dies sind die letzten eigenen Ausführungen Lassalles in dem Aufsatze. Es

folgen dann nur noch Darlegungen Fichtes, daß und warum die Einheit

Deutschlands nur möglich sei auf Grundlage der „ausgebildeten

persönlichen Freiheit”, und daß gerade deshalb die Deutschen „im

ewigen Weltenplane” berufen seien, ein „wahrhaftes Reich des Rechts”

darzustellen, ein Reich der „Freiheit, gegründet auf Gleichheit alles

dessen, was Menschenantlitz trägt”. Und „ferne sei es von uns, die

unerreichbare Gewalt dieser Worte durch irgendwelche Hinzufügungen

abschwächen zu wollen,” schließt Lassalle. Dann, zum Verleger

gewendet: „Habe ich nun, geehrter Herr, auch Ihrem Wunsche” -- einen

Artikel über eine „brennende Tagesfrage” zu schreiben -- „nicht

buchstäblich entsprochen, so ist doch, denke ich, Ihr Zweck erfüllt --

wie der meinige.”

Welches aber war Lassalles Zweck bei der Veröffentlichung des Aufsatzes,

der das Datum: Januar 1860, trägt? Auch darüber gibt ein Brief an Marx

uns Auskunft. Unter dem 14. April 1860 legt Lassalle diesem dar, warum

er, obwohl seine ganze Zeit zur Fertigstellung eines großen Werkes in

Anspruch genommen sei, Walesrodes Einladung angenommen habe. Erstens

habe er in diesem einen sehr redlichen Mann gefunden, der mutvoll und

tapfer, wie auch seine verdienstliche Broschüre „Politische

Totenschau” zeige, wohl verdiene, daß man etwas für ihn tue. Dann aber

heißt es weiter:

„Endlich konnte das Taschenbuch doch vielleicht einigen entwickelnden

Einfluß auf unsere deutschen Philister ausüben, und schlug ich aus, so

kam der Auftrag jedenfalls an einen weit weniger entschiedenen, ja ganz

unbedingt an einen mit monarchischem oder ähnlichem Demokratismus oder

klein-deutschen Ideen Liebäugelnden, während mir der Auftrag die

Möglichkeit bot, wieder einmal einen echt republikanischen Feldruf

ertönen zu lassen und so im Namen unserer Partei von einem Buche Besitz

zu ergreifen, welches, wie ich mir vorstelle, nach seinem sonstigen

Inhalt, obgleich ich weder über diesen noch seine Mitarbeiter Näheres

weiß, schwerlich zur Verbreitung unserer Ideen und des Einflusses

unserer Partei beigetragen hätte.

„So schreiben-wollend und nicht wollend entstand ein Artikel, von dem

ich mir, speziell um ihn Dir zu überschicken, einen besonderen Abzug

kommen ließ. (Das Buch erscheint erst zur Oktobermesse.) Ich schicke ihn

gleichzeitig mit diesem Brief, bitte Dich, ihn zu lesen und dann an

Engels zu senden und endlich mir zu schreiben, ob er Dir gefallen.

„Ich glaube, daß er mitten in diesem widrigen gothaischen Gesumme doch

immerhin den erfrischenden Eindruck macht, daß hinter den Bergen auch

noch Leute, daß eine republikanische Partei noch lebt, den Eindruck

eines Trompetenstoßes.”

Das Werk, an dessen Fertigstellung F. Lassalle damals arbeitete, war das

„System der erworbenen Rechte”. Drollig und doch wieder für jeden, der

sich mit größeren Arbeiten beschäftigt, ungemein verständlich klingt die

Klage Lassalles, die Arbeit ziehe sich so lange hin, daß er „bereits

einen intensiven Haß gegen sie bekommen habe”. Aber das „verm--

Werk”, wie er es an einer anderen Stelle in demselben Briefe nennt,

sollte auch in den drei Monaten, die er sich nun als Termin stellt,

noch nicht fertig werden.

Lassalle litt im Jahre 1860 wieder stark an Anfällen jener chronischen

Krankheit, von der er bereits in der Düsseldorfer Assisenrede spricht,

und die ihn periodisch immer wieder heimsuchte. „Ich war und bin noch

recht krank”, fängt ein Brief an, der Ende Januar 1860 geschrieben sein

muß, „ich war von neuem krank und schlimmer als früher”, beginnt der

obenzitierte Brief. „Habe ich mich in der letzten Zeit überarbeitet oder

rächt sich nun zu lange Vernachlässigung”, heißt es weiter, „kurz,

es scheint als ob meine Gesundheit aufgehört habe, der unverwüstliche

Fels zu sein, auf den ich sonst so zuversichtlich pochen konnte.” Um

sich gründlich zu heilen, ging Lassalle im Sommer desselben Jahres

nach Aachen. Dort machte er die Bekanntschaft einer jungen Russin,

Sophie von Sontzew, die ihren Vater, der ebenfalls einer Kur bedürftig

war, nach Aachen begleitet hatte, und diese Dame nahm Lassalle so für

sich ein, daß er ihr noch in Aachen einen Heiratsantrag machte, den

aber Fräulein von Sontzew nach einigen Wochen Bedenkzeit ablehnte.

Ferdinand Lassalle: Eine Würdigung des Lehrers und Kämpfers · 第 5 / 18 段