wesentlichen Punkten mit dem Programm der kleindeutschen Partei
(Einigung Deutschlands unter Preußens Spitze, unter Hinauswerfung
Österreichs aus dem deutschen Bund) überein, war direkt auf es
zugeschnitten. Trotzdem konnten sich eine große Anzahl kleindeutscher
Politiker nicht dazu entschließen, gerade in diesem Zeitpunkt die Sache
Österreichs von der des übrigen Deutschland zu trennen. Dies erschien
ihnen um so weniger zulässig, als es weiterhin bekannt war, daß Napoleon
den Krieg im Einvernehmen mit der zarischen Regierung in Petersburg
führte, dieser also den weiteren Zweck hatte, den russischen Intrigen im
Südosten Europas Vorschub zu leisten. Vielmehr ging ihre Meinung dahin,
jetzt käme es vor allen Dingen darauf an, den Angriff Napoleons
abzuschlagen. Erst wenn das geschehen sei, könne man weiter reden. Bis
es geschehen, müßten sich aber die Italiener gefallen lassen, daß man
sie, solange sie unter der Schutzherrschaft Bonapartes kämpften, einfach
als dessen Verbündete behandelte.
Es läßt sich nun nicht leugnen, daß man vom kleindeutschen Standpunkt
aus auch zu einer andern Auffassung der Situation gelangen, in der
vorentwickelten Gedankenreihe eine Inkonsequenz erblicken konnte. Wenn
Österreich, und namentlich dessen außerdeutsche Besitzungen, um so eher
je besser aus dem Deutschen Bund hinausgeworfen werden sollten, warum
nicht mit Vergnügen ein Ereignis begrüßen, das sich als ein Schritt zur
Verwirklichung dieses Programms darstellte? Hatte nicht Napoleon
erklärt, daß er nur Österreich und nicht Deutschland bekriege? Warum
also Österreich gegen Frankreich beistehen, zumal man dadurch gezwungen
werde, auch die Italiener zu bekriegen, die doch für die gerechteste
Sache von der Welt kämpften? Warum den Rhein verteidigen, ehe er
angegriffen, ehe auch nur eine Andeutung gefallen, daß ein Angriff auf
ihn beabsichtigt sei? Warum nicht lieber die Verlegenheit Österreichs
und die Beschäftigung Napoleons in Italien benutzen, um die Sache der
Einigung Deutschlands unter Preußens Führung auch durch positive
Maßnahmen einen weiteren Schritt zu fördern?
Dieser -- es sei wiederholt -- vom kleindeutschen Standpunkt aus
konsequenteren Politik spricht Lassalle in seiner, Ende Mai 1859
erschienenen Schrift „Der Italienische Krieg und die Aufgabe Preußens”
das Wort. Mit großer Energie bekämpft er die in den beiden Berliner
Organen des norddeutschen Liberalismus, der „National-Zeitung” und der
„Volks-Zeitung”, -- in der ersteren unter anderm auch von Lassalles
nachmaligem Freunde, Lothar Bucher -- verfochtene Ansicht, einem von
Bonaparte ausgehenden Angriff gegenüber müsse Preußen Österreich als
Bundesgenosse zur Seite stehen, und fordert er dagegen, daß Preußen den
Moment benutzen solle, den deutschen Kleinstaaten gegenüber seine
deutsche Hegemonie geltend zu machen und, wenn Napoleon die Karte
Europas im Süden nach dem Prinzip der Nationalitäten revidiere, dasselbe
im Namen Deutschlands im Norden zu tun, wenn jener Italien befreie,
seinerseits Schleswig-Holstein zu nehmen. Jetzt sei der Moment gekommen,
„während die Demolierung Österreichs sich schon von selbst vollzieht,
für die Erhöhung Preußens in der Deutschen Achtung zu sorgen”.
Und, fügt Lassalle schließlich hinzu, „möge die Regierung dessen
gewiß sein. In diesem Kriege, der ebensosehr ein Lebensinteresse des
deutschen Volks als Preußens ist, würde die deutsche Demokratie
selbst Preußens Banner tragen und alle Hindernisse vor ihm zu Boden
werfen mit einer Expansivkraft, wie ihrer nur der berauschende
Ausbruch einer nationalen Leidenschaft fähig ist, welche seit fünfzig
Jahren komprimiert in dem Herzen eines großen Volkes zuckt und
zittert.”
Man hat Lassalle später auf Grund dieser Broschüre zu einem Advokaten
der „deutschen” Politik Bismarcks zu stempeln gesucht, und es läßt
sich nicht bestreiten, daß das in ihr entwickelte nationale Programm
als solches eine große Ähnlichkeit mit dem des im Sommer 1859
gegründeten Nationalvereins und ebenso, mutatis mutandis, mit der
Politik hat, die Bismarck bei der Verwirklichung der deutschen
Einheit unter preußischer Spitze befolgte. Lassalle war eben bei all
seinem theoretischen Radikalismus in der Praxis noch ziemlich stark
im Preußentum stecken geblieben. Nicht daß er bornierter preußischer
Partikularist gewesen wäre -- wir werden gleich sehen, wie weit er
davon entfernt war --, aber er sah die nationale Bewegung und die auf
die auswärtige Politik bezüglichen Angelegenheiten im wesentlichen
durch die Brille des preußischen Demokraten an, sein Haß gegen
Österreich war in dieser Hinsicht ebenso übertrieben, wie der
Preußenhaß vieler süddeutscher Demokraten und selbst Sozialisten.
Österreich ist ihm „der kulturfeindlichste Staatsbegriff, den Europa
aufzuweisen hat”, er möchte „den Neger kennen lernen, der, neben
Österreich gestellt, nicht ins Weißliche schimmerte”; Österreich ist
„ein reaktionäres Prinzip”, der „gefährlichste Feind aller
Freiheitsideen”; „der Staatsbegriff Österreich” muß „zerfetzt,
zerstückt, vernichtet, zermalmt -- in alle vier Winde zerstreut
werden”, jede politische Schandtat, die man Napoleon III. vorwerfen
könne, habe Österreich auch auf dem Gewissen, und „wenn die Rechnung
sonst ziemlich gleichstehen möchte -- das römische Konkordat hat
Louis Napoleon trotz seiner Begünstigung des Klerus nicht
geschlossen”. Selbst Rußland kommt noch besser weg, als Österreich.
„Rußland ist ein naturwüchsig-barbarisches Reich, welches von seiner
despotischen Regierung soweit zu zivilisieren gesucht wird, als mit
ihren despotischen Interessen verträglich ist. Die Barbarei hat hier
die Entschuldigung, daß sie nationales Element ist.” Ganz anders aber
mit Österreich. „Hier vertritt, im Gegensatz zu seinen Völkern, die
Regierung das barbarische Prinzip, künstlich und gewaltsam seine
Kulturvölker unter dasselbe beugend.”
In dieser einseitigen und relativ -- d. h. wenn man die übrigen Staaten
in Vergleich zieht -- damals auch übertriebenen Schwarzmalerei
Österreichs und auch sonst in verschiedenen Punkten, begegnet sich die
Lassallesche Broschüre mit einer Schrift, die schon einige Wochen vor
ihr erschienen war und ebenfalls die Tendenz hatte, die Deutschen zu
ermahnen, Napoleon in Italien, solange er den Befreier spiele, freie
Hand zu lassen und der Zertrümmerung Österreichs zu applaudieren. Es war
dies die Schrift Karl Vogts „Studien zur gegenwärtigen Lage Europas”,
ein die bonapartistischen Schlagworte wiedergebendes und direkt oder
indirekt auch auf bonapartistischen Antrieb geschriebenes Buch. Ich
würde Anstand genommen haben, diese Schrift in irgendeinem Zusammenhange
mit der Lassalleschen zu zitieren, indes Lassalle ist so durchaus über
jeden Verdacht der Komplizität mit Vogt oder dessen Einbläsern erhaben,
daß die Möglichkeit absolut ausgeschlossen ist, durch den Vergleich, der
mir aus sachlichen Gründen notwendig erscheint, ein falsches Licht auf
Lassalle zu werfen. Zum Überfluß will ich aber noch einen Passus aus der
Vorrede zum „Herr Vogt” von Karl Marx hierhersetzen, jener Schrift, die
den Beweis lieferte, daß Vogt damals im bonapartistischen Interesse
schrieb und agitierte, und deren Beweisführung neun Jahre später durch
die in den Tuilerien vorgefundenen Dokumente bestätigt wurde -- ein
Passus, der schon deshalb hierher gehört, weil er zweifelsohne gerade
auch auf Lassalle sich bezieht. Marx schreibt:
„Von Männern, die schon vor 1848 miteinander darin übereinstimmten,
die Unabhängigkeit Polens, Ungarns und Italiens nicht nur als ein
Recht dieser Länder, sondern als das Interesse Deutschlands und
Europas zu vertreten, wurden ganz entgegengesetzte Ansichten
aufgestellt über die Taktik, die Deutschland bei Gelegenheit des
italienischen Krieges von 1859 Louis Bonaparte gegenüber
auszuführen habe. Dieser Gegensatz entsprang aus gegensätzlichen
Urteilen über tatsächliche Voraussetzungen, über die zu entscheiden
einer späteren Zeit vorbehalten bleibt. Ich für meinen Teil habe es
in dieser Schrift nur mit den Ansichten Vogts und seiner Klique zu
tun. Selbst die Ansicht, die er zu vertreten vorgab, und in der
Einbildung eines urteilslosen Haufens vertrat, fällt in der Tat
außerhalb der Grenzen meiner Kritik. Ich behandle die Ansichten,
die er wirklich vertrat.” (K. Marx „Herr Vogt”. Vorwort V, VI.)
Trotzdem war es natürlich nicht zu vermeiden, daß dort, wo Vogt mit
Argumenten operiert, die sich auch bei Lassalle finden, dieser in der
Marxschen Schrift mitkritisiert wird, was übrigens Lassalle nicht
verhindert hat, in einem Briefe an Marx vom 19. Januar 1861 zu
erklären, daß er nach der Lektüre des „Herr Vogt” Marx'
Überzeugung, daß Vogt von Bonaparte bestochen sei, „ganz
gerechtfertigt und in der Ordnung” finde, der innere Beweis dafür[4]
sei „mit einer immensen Evidenz geführt”. Das Buch sei „in jeder
Hinsicht ein meisterhaftes Ding”.
Jedenfalls ist der „Herr Vogt” ein äußerst instruktives Buch zum
Verständnis der Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts; dieses Pamphlet
enthält eine Fülle von geschichtlichem Material, das zu einem ganzen
Dutzend Abhandlungen ausreichen würde.
Für unsere Betrachtung hat es aber noch ein besonderes Interesse.
Die Korrespondenz zwischen Marx und Lassalle war zu keiner Zeit so
lebhaft, als in den Jahren 1859 und 1860, und ein großer Teil davon
handelt eben von dem italienischen Krieg und der ihm gegenüber
einzunehmenden Haltung. Ob die Briefe Marx' hierüber an Lassalle noch
erhalten sind und wenn, in welchen Händen sie sich befinden, ist bis
jetzt nicht bekannt, noch ob der jetzige Besitzer sie zu veröffentlichen
bereit ist. Aus den Lassalleschen Briefen ist jedoch die Stellung, die
Marx damals einnahm, nur unvollkommen zu ersehen, und noch weniger ihre
Begründung, da sich Lassalle, wie übrigens ganz natürlich, meist darauf
beschränkt, seine Stellungnahme zu motivieren und die Einwände gegen
dieselbe möglichst zu widerlegen. Es braucht aber wohl nicht des
weiteren dargelegt zu werden, warum in einer für Sozialisten
geschriebenen Abhandlung über Lassalle nicht nur dessen persönliche
Beziehung zu den Begründern des modernen wissenschaftlichen Sozialismus,
sondern auch sein Verhältnis zu ihrer theoretischen Doktrin und zu ihrer
Behandlung der politischen und sozialen Fragen von besonderem Interesse
ist.
Der Tagesliterat hatte in bezug auf dieses Verhältnis lange Zeit seine
fertige Schablone. Für die Politik im engeren Sinne des Wortes lautete
sie: Lassalle war national, Marx und Engels waren in jeder Hinsicht
international, Lassalle war deutscher Patriot, Marx und Engels waren
vaterlandslos, sie haben sich immer nur um die Weltrepublik und die
Revolution gekümmert, was aus Deutschland wurde, war ihnen gleichgültig.
Seit dem Erscheinen der ersten Auflage dieser Schrift hat jene
Gegenüberstellung aufgegeben werden müssen.
Noch ehe Lassalles „Italienischer Krieg” erschien, war in demselben
Verlage, wie später diese, eine Broschüre erschienen, die dasselbe Thema
behandelte. Sie war betitelt: „Po und Rhein.” Der Verfasser, der sich
ebensowenig nannte, wie Lassalle in der ersten Auflage seiner Schrift,
suchte militärwissenschaftlich nachzuweisen, daß die von den Organen der
österreichischen Regierung ausgegebene Parole, Deutschland bedürfe zu
seiner Verteidigung im Südwesten der italienischen Provinzen, falsch
sei, daß auch ohne diese Deutschland noch eine starke Defensivposition
in den Alpen habe, namentlich sobald ein einheitliches und unabhängiges
Italien geschaffen sei, da ein solches kaum je einen triftigen Grund,
mit Deutschland zu hadern, wohl aber häufig genug Anlaß haben werde,
Deutschlands Bundesgenossenschaft gegen Frankreich zu suchen.
Oberitalien sei ein Anhängsel, das Deutschland höchstens im Kriege
nutzen, im Frieden immer nur schaden könne. Und auch der militärische
Vorteil im Kriege würde erkauft durch die geschworene Feindschaft von 25
Millionen Italienern. Aber, führte der Verfasser alsdann aus, die Frage
um den Besitz dieser Provinzen ist eine zwischen Deutschland und
Italien, und nicht eine zwischen Österreich und Louis Napoleon.
Gegenüber einem Dritten, einem Napoleon, der um seiner eigenen, in
anderer Beziehung anti-deutschen Interessen willen sich einmischte,
handle es sich um die einfache Behauptung einer Provinz, die man nur
gezwungen abtritt, einer militärischen Position, die man nur räumt, wenn
man sie nicht mehr halten kann ... „Werden wir angegriffen, so wehren
wir uns.” Wenn Napoleon als Paladin der italienischen Unabhängigkeit
auftreten wolle, so möge er erst bei sich anfangen und den Italienern
Korsika abtreten, dann werde man sehen, wie ernst es ihm ist. Solle aber
die Karte von Europa revidiert werden, „so haben wir Deutsche das
Recht, zu fordern, daß es gründlich und unparteiisch geschehe, und daß
man nicht, wie es beliebte Mode ist, verlange, Deutschland allein solle
Opfer bringen.” „Das Endresultat dieser ganzen Untersuchung aber
ist,” heißt es schließlich, „daß wir Deutsche einen ganz
ausgezeichneten Handel machen würden, wenn wir den Po, den Mincio,
die Etsch und den ganzen italienischen Plunder vertauschen könnten
gegen die Einheit ... die allein uns nach innen und außen stark
machen kann.”
Der Verfasser dieser Broschüre war kein anderer als -- Friedrich Engels.
Unnütz zu sagen, daß Engels sie im Einverständnis mit Karl Marx
veröffentlicht hatte. Den Verleger hatte Lassalle besorgt. Lassalle
hatte auch, wie aus einem seiner Briefe hervorgeht, eine Besprechung
ihres Inhalts an die -- damals noch unabhängige -- Wiener „Presse”
geschickt, deren Redakteur mit ihm verwandt war. Er kannte also ihren
Inhalt ganz genau, als er seinen „Italienischen Krieg” schrieb,
polemisiert somit auch gegen sie, wenn er die Ansicht bekämpft, daß, da
der Krieg durch Napoleons Führung aus einem Befreiungskrieg in ein gegen
Deutschland gerichtetes Unternehmen verwandelt sei, das notgedrungen mit
einem Angriff auf den Rhein enden werde, er auch deutscherseits nur als
solches zu behandeln sei. Auf der andern Seite wird, wie schon erwähnt,
Lassalles Schrift im „Herr Vogt” mitkritisiert, und zwar in dem
Abschnitt VIII „Dâ-dâ-Vogt und seine Studien”[5].
Wie sehr die Darlegungen Lassalles oft mit den Vogtschen
übereinstimmten, dafür nur ein Beispiel. Österreichischerseits war auf
die Verträge von 1815 hingewiesen worden, durch welche Österreich der
Besitz der Lombardei garantiert worden war. Darauf antworten nun:
Vogt:
„Es ist sonderbar, eine solche Sprache in dem Munde der einzigen
Regierung (bei Vogt unterstrichen) zu vernehmen, die bis jetzt in
frecher Weise die Verträge gebrochen hat. Von allen andern sind sie
bis jetzt respektiert worden, nur Österreich hat sie gebrochen,
indem es mitten im Frieden, ohne Ursache, seine frevelnde Hand
gegen die durch diese Verträge garantirte Republik Krakau
ausstreckte und dieselbe dem Kaiserstaat ohne weiteres
einverleibte.” („Studien”, S. 58.)
Lassalle:
„Die Verträge von 1815 können nicht einmal mehr diplomatisch
ernstlich aufgerufen werden. Verletzt durch die Konstituirung
Belgiens, mit Füßen getreten und zerrissen gerade von Österreich
durch die gewaltsame Okkupation Krakaus, gegen welche die
europäischen Kabinette zu protestieren nicht unterließen, haben sie
jede rechtliche Gültigkeit für jedes Mitglied der europäischen
Staatenfamilie verloren.” („Der Ital. Krieg usw.” Ges. Schriften
Bd. I S. 43.)
Hören wir nun Marx gegen Vogt:
„Nikolaus natürlich vernichtete Konstitution und Selbständigkeit des
Königreich Polen, durch die Verträge von 1815 garantiert, aus
‚Achtung’ vor den Verträgen von 1815. Rußland achtete nicht minder
die Integrität Krakaus, als es die freie Stadt im Jahre 1831 mit
moskowitischen Truppen besetzte. Im Jahre 1836 wurde Krakau wieder
besetzt von Russen, Österreichern und Preußen, wurde völlig als
erobertes Land behandelt und appellierte noch im Jahre 1840, unter
Berufung auf die Verträge von 1815, vergebens an England und
Frankreich. Endlich am 22. Februar 1846 besetzten Russen,
Österreicher und Preußen abermals Krakau, um es Österreich
einzuverleiben. Der Vertragsbruch geschah durch die drei nordischen
Mächte, und die österreichische Konfiskation von 1846 war nur das
letzte Wort des russischen Einmarsches von 1831.” („Herr Vogt”, S.
73/74.) In einer Note weist dann Marx noch auf sein Pamphlet
„Palmerston and Poland” hin, wo nachgewiesen sei, daß Palmerston seit
1831 ebenfalls an der Intrige gegen Krakau mitgearbeitet habe. Indes
das letztere ist eine Frage, die uns hier nicht weiter interessiert,
wohl aber interessiert uns der andere Nachweis bei Marx, daß Vogt
auch mit der Verweisung auf das Beispiel Krakaus nur eine von
bonapartistischer Seite ausgehende Argumentation ab- und umschrieb.
In einem der Anfang 1859 bei Dentu in Paris herausgekommenen
bonapartistischen Pamphlete, „La vraie question, France, -- Italie --
Autriche”, hatte es wörtlich geheißen:
„Mit welchem Rechte übrigens würde die österreichische Regierung die
Unverletzbarkeit der Verträge von 1815 anrufen, sie, welche dieselben
verletzt hat durch die Konfiskation von Krakau, dessen Unabhängigkeit
diese Verträge garantierten?”
Vogt hatte in seiner Manier überall noch einen Extratrumpf
aufgesetzt. Phrasen wie „die einzige Regierung”, „in frecher
Weise”, „frevelnde Hand” sind sein Eigentum. Ebenso wenn er am
Schluß des obenzitierten Satzes pathetisch die „politische Nemesis”
gegen Österreich anruft.
Lassalle hatte, als er seine Broschüre schrieb, das Vogtsche Machwerk
noch nicht zu Gesicht bekommen, aber daß seine Schrift durch die von
Bonaparte ausgegebenen und durch tausend Kanäle in die Presse des In-
und Auslandes lancierten Schlagworte beeinflußt war, das unterliegt
nach diesem Beispiel, dem noch eine ganze Reihe ähnlicher an die Seite
gesetzt werden können, gar keinem Zweifel. Wenn die nationalliberalen
Bismarckanbeter sich später darauf beriefen, daß die Politik ihres Heros
sogar die Sanktion Lassalles erhalten habe, so übersahen sie dabei nur
die eine Tatsache, daß das von Lassalle der preußischen Regierung
vorgehaltene Programm, wie immer es von Lassalle selbst gemeint war, in
den entscheidenden Punkten dem Programm glich, das Bonaparte zu jener
Zeit den deutschen Patrioten vorsetzen ließ, um sie für seine damalige
Politik zu gewinnen. Alle die Ausführungen Lassalles in dieser Schrift,
die später von bürgerlichen Schriftstellern als ungewöhnliche
Vorhersagungen bezeichnet worden sind, finden sich auch in Vogts
„Studien” und andern aus bonapartistischen Quellen gespeisten
Pamphleten. Gerade Vogt wußte z. B. schon im Jahre 1859, also noch vor
der preußischen Heeresreform, daß, wenn Preußen einen deutschen
Bürgerkrieg für die Herstellung einer einheitlichen deutschen
Zentralgewalt ins Werk setzen würde, dieser Krieg „nicht so viel Wochen
kosten würde, als der italienische Feldzug Monate.” („Studien”
S. 155.) Des weiteren wußte Vogt, daß das Berliner Kabinett Österreich
im Stich lassen werde, es mußte nach ihm „dem Kurzsichtigsten” klar
geworden sein, daß ein Einverständnis zwischen Preußens Regierung und
der kaiserlichen Regierung Frankreichs besteht; daß Preußen nicht zur
Verteidigung der außerdeutschen Provinzen Österreichs zum Schwerte
greifen ... jede Teilnahme des Bundes oder einzelner Bundesglieder
für Österreich verhindern wird, um ... seinen Lohn für diese
Anstrengungen in norddeutschen Flachlanden zu erhalten. („Studien” S.
19.) Mehr Vorhersagungen kann man wirklich von einem Propheten nicht
verlangen.
Allerdings ist dies Programm nicht sofort zur Ausführung gekommen.
Bismarck, der dazu bereit gewesen wäre, war dem Prinzregenten von
Preußen noch zu sehr Stürmer, um ihm als Minister des Auswärtigen genehm
zu sein. Der nachmalige Wilhelm I. schreckte vor dem Gedanken zurück,
Österreich rundheraus die Bundeshilfe zu versagen. Er stellte seine
Bedingungen, und als man in Wien nicht auf sie einging, hielt er seine
Truppen zurück. So „drauf und dran” Österreich zu helfen, wie
Lassalle eine Zeitlang annahm, war auch er nicht.
„Meine Broschüre ‚Der italienische Krieg und die Aufgabe
Preußens’” -- schreibt Lassalle unterm 27. Mai 1859 an Marx und
Engels -- „wird Euch zugekommen sein. Ich weiß nicht, ob Ihr dort
hinreichend deutsche Zeitungen lest, um mindestens durch diese
annähernd von der Stimmung hier unterrichtet gewesen zu sein.
Absolute Franzosenfresserei, Franzosenhaß (Napoleon nur Vorwand, die
revolutionäre Entwicklung Frankreichs der wirkliche geheime Grund),
das ist das Horn, in das alle hiesigen Zeitungen blasen, und die
Leidenschaft, die sie, die nationale Ader anschlagend, ins Herz der
untersten Volksklassen und der demokratischen Kreise zu gießen
suchen, und leider mit Erfolg genug. So nützlich ein gegen den Willen
des Volkes von der Regierung unternommener Krieg gegen Frankreich für
unsere revolutionäre Entwicklung sein würde, so schädlich müßte ein
von verblendeter Volkspopularität getragener Krieg auf unsre
demokratische Entwicklung einwirken. Zu den im 6. Kapitel meiner
Broschüre in dieser Hinsicht exponierten Gründen kommt dazu, daß man
schon jetzt den Riß, der uns von unsern Regierungen trennt, ganz und
gar zuwachsen läßt. Solchem drohenden Unheil fand ich für Pflicht,
mich entgegenzuwerfen ... Natürlich gebe ich mich keinen Augenblick
der Täuschung hin, als könnte und würde die Regierung den sub III
eingeschlagenen Weg ergreifen. Im Gegenteil!... Aber eben um so mehr
fühlte ich mich gedrungen, diesen Vorschlag zu machen, gerade weil er
sofort in einen Vorwurf umschlägt. Er kann wie ein Eisblock wirken,
an dem sich die Wogen dieser falschen Popularität zu brechen
anfangen.”
Danach kam es Lassalle bei Abfassung seiner Schrift mehr darauf an, die
revolutionäre als die nationale Bewegung zu fördern, die letztere der
ersteren zu subordinieren. Der Gedanke an sich war berechtigt, die Frage
war eben nur, ob das Mittel das richtige war, ob es nicht die nationale
Bewegung, über deren zeitweilige Berechtigung zwischen Lassalle
einerseits und Marx und Engels andererseits durchaus keine
Meinungsverschiedenheit bestand, in falsche Bahnen lenken mußte. Marx
und Engels behaupteten das. Nach ihrer Ansicht kam es zunächst darauf
an, den gegen Deutschland als Ganzes geführten Streich durch eine
gemeinsame Aktion aller Deutschen zurückzuschlagen, und nicht in dem
Moment, wo ein solcher Schlag geführt wurde, eine Politik selbst nur
scheinbar zu unterstützen, die zur Zerreißung Deutschlands führen mußte.
Die Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen und Lassalle in dieser Frage
beruht im wesentlichen darauf, daß sie sie mehr in ihrem weiteren
historischen und internationalen Zusammenhang betrachteten, während
Lassalle sich mehr durch die Rücksicht auf die augenblicklichen
Verhältnisse in der inneren Politik leiten ließ. Daher beging er auch
die Inkonsequenz, während er in bezug auf Frankreich streng zwischen
Volk und Regierung unterschied, Österreich und das Haus Habsburg ohne
weiteres zu identifizieren und die „Zertrümmerung Österreichs” zu
proklamieren, wo es sich zunächst doch nur um die Zertrümmerung des
habsburgischen Regierungssystems handeln konnte. In einem seiner Briefe
an Rodbertus knüpft er an folgenden Satz an, den dieser ihm geschrieben:
„Und ich hoffe noch die Zeit zu erleben, wo -- die türkische
Erbschaft an Deutschland gefallen sein wird und deutsche Soldaten
oder Arbeiter-Regimenter am Bosporus stehen”
und sagt:
„Es hat mich zu eigentümlich berührt, als ich in Ihrem letzten
Schreiben diese Worte las! Denn wie oft habe ich nicht gerade diese
Ansicht meinen besten Freunden gegenüber vergeblich vertreten und
mich dafür von ihnen einen Träumer nennen lassen müssen! Die ganze
Verschiebung der seit 1839 so oft in Angriff genommenen
orientalischen Frage hat für mich immer nur den vernünftigen Sinn und
Zusammenhang gehabt, daß die Frage so lange hinausgeschoben werden
muß, bis der naturgemäße Anwärter, die deutsche Revolution, sie löst!
Wir scheinen im Geist als siamesische Zwillingsbrüder zur Welt
gekommen zu sein.” (Briefe von Ferdinand Lassalle an Carl
Rodbertus-Jagetzow, herausgegeben von Ad. Wagner, Brief vom 8. Mai
1863.)
Wie Deutschland die türkische Erbschaft antreten sollte, nachdem
vorher Österreich „zerfetzt, zerstückt, vernichtet, zermalmt”, Ungarn
und die slawischen Landesteile von Deutsch-Österreich losgerissen
worden, ist schwer verständlich.