Daß der „Franz von Sickingen” als Bühnenwerk verfehlt war, hat

Lassalle später selbst eingesehen, und er hat als Hauptursache dafür

den Mangel an dichterischer Phantasie bezeichnet. In der Tat macht

das Drama, trotz einzelner höchst wirkungsvoller Szenen und der

gedankenreichen Sprache, im ganzen einen trockenen Eindruck, die

Tendenz tritt zu absichtlich auf, es ist zuviel Reflexion da, und es

werden vor allem viel zuviel Reden gehalten. Auch ist die Metrik oft

von einer erstaunlichen Unbeholfenheit. Brandes erzählt, daß ein

Freund Lassalles, den dieser, während er am „Franz von Sickingen”

arbeitete, um seinen Rat ersuchte, und der ein bewährter metrischer

Künstler gewesen, Lassalle den Vorschlag gemacht habe, er solle das

Stück lieber in Prosa schreiben, und man kann Brandes beistimmen, daß

ein besserer Rat gar nicht gegeben werden konnte. Denn die

Lassallesche Prosa hat wirklich eine Reihe großer Vorzüge, und selbst

die stark entwickelte Tendenz, ins Deklamatorische zu verfallen,

hätte in einem Drama wie der Sickingen nichts verschlagen. Aber

Lassalle ließ sich nicht von seiner Idee abbringen, daß die Versform

für das Drama unentbehrlich sei, und so stolpern nicht nur seine

Ritter und Helden auf oft recht geschraubten fünffüßigen Jamben

einher, selbst die aufständischen Bauern bedienen sich der Stelzen

des Blankverses. Eine Ausnahme machen sie nur bei den bekannten

Losungsworten:

„Loset, sagt an: Was ist das für ein Wesen?”

„Wir können vor Pfaffen und Adel nicht genesen,”

die denn auch wahrhaft erfrischend wirken.

Indes diese technischen Fragen treten für uns zurück vor der Frage nach

Inhalt und Tendenz des Dramas. Lassalle wollte mit dem „Franz von

Sickingen” über das historische Drama, wie es Schiller und Goethe

geschaffen, einen weiteren Schritt hinaus machen. Die historischen

Kämpfe sollten nicht, wie namentlich bei Schiller, nur erst den Boden

liefern, auf welchem sich der tragische Konflikt bewegt, während die

eigentliche dramatische Handlung sich um rein individuelle Interessen

und Geschicke dreht, vielmehr sollten die kulturhistorischen Prozesse

der Zeiten und Völker zum eigentlichen Subjekt der Tragödie werden, so

daß sich diese nicht mehr um die Individuen als solche dreht, die

vielmehr nur die Träger und Verkörperungen der kämpfenden Gegensätze

sind, sondern um jene größten und gewaltigsten Geschicke der Nationen

selbst -- „Schicksale, welche über das Wohl und Wehe des gesamten

allgemeinen Geistes entscheiden und von den dramatischen Personen mit

der verzehrenden Leidenschaft, welche historische Zwecke erzeugen, zu

ihrer eigenen Lebensfrage gemacht werden. Bei alledem sei es

möglich,” meint Lassalle, „den Individuen aus der Bestimmtheit der

Gedanken und Zwecke heraus, denen sie sich zuteilen, eine durchaus

markige und feste, selbst derbe und realistische Individualität zu

geben.” (Vgl. das Vorwort zum Franz von Sickingen.) Ob und inwieweit

Lassalle die so gestellte Aufgabe gelöst hat und inwieweit sie

überhaupt lösbar ist, unter welchen Voraussetzungen sich die großen

Kämpfe der Menschheit und der Völker so in Individuen verkörpern

lassen, daß nicht das eine oder das andere, die Größe und umfassende

Bedeutung jener Kämpfe oder die lebendige Persönlichkeit der

Individuen dabei zu kurz kommt, ist ebenfalls eine Frage, die wir

hier unerörtert lassen können. Es genügt, daß Lassalle bei der

Durchführung des Dramas von jener Auffassung ausgegangen ist. Und nun

zum Stoff des Dramas selbst.

Wie schon der Titel anzeigt, hat es das Unternehmen Franz von Sickingens

gegen die deutschen Fürsten zum Mittelpunkt. Sickingen und sein Freund

und Ratgeber Ulrich von Hutten sind die Helden des Dramas, und es ist

eigentlich schwer zu sagen, wer von beiden das Interesse mehr in

Anspruch nimmt, der militärische und staatsmännische oder der

theoretische Repräsentant des niederen deutschen Adels.

Merkwürdigerweise hat Lassalle nicht in dem ersteren, sondern in dem

letzteren sich selbst zu zeichnen versucht. „Lesen Sie mein

Trauerspiel,” schreibt er an Sophie von Sontzew. „Alles, was ich Ihnen

hier sagen könnte, habe ich Hutten aussprechen lassen. Auch er hatte

alle Verleumdungen, alle Arten von Haß, jede Feindseligkeit zu ertragen.

Ich habe aus ihm den Spiegel meiner Seele gemacht, und ich konnte dies,

da sein Schicksal und das meinige einander vollständig gleich und von

überraschender Ähnlichkeit sind.” Es würde selbst Lassalle schwer

geworden sein, diese überraschende Ähnlichkeit zu beweisen, namentlich

um die Zeit, wo er diesen Brief schrieb. Er führte in Berlin ein

luxuriöses Leben, verkehrte mit Angehörigen aller Kreise der besser

situierten Gesellschaft und erfreute sich als Politiker nicht entfernt

eines ähnlichen Hasses wie der fränkische Ritter, der Urheber der

leidenschaftlichen Streitschriften wider die römische Pfaffenherrschaft.

Nur in einigen Äußerlichkeiten lassen sich Analogien zwischen Lassalle

und Hutten ziehen, aber in diesem Falle kann es weniger darauf ankommen,

was tatsächlich war, sondern was Lassalle glaubte und wovon er sich bei

seinem Werke geistig leiten ließ. Menschen mit so ausgeprägtem

Selbstgefühl sind in der Regel leicht Täuschungen über sich selbst

ausgesetzt. Genug, wir haben in dem Hutten des Dramas Lassalle vor uns,

wie er um jene Zeit dachte, und die Reden, die er Hutten in den Mund

legt, erhalten dadurch für das Verständnis des Lassalleschen

Ideenkreises eine besondere Bedeutung.

Hierher gehört namentlich die Antwort Huttens auf die Bedenken des

Ökolampadius gegen den geplanten Aufstand:

„Ehrwürd'ger Herr! Schlecht kennt Ihr die Geschichte.

Ihr habt ganz recht, es ist Vernunft ihr Inhalt,”

ein echt Hegelscher Satz,

„Doch ihre Form bleibt ewig -- die Gewalt!”

Und dann, als Ökolampadius von der „Entweihung der Liebeslehre durch das

Schwert” gesprochen:

„Ehrwürd'ger Herr! Denkt besser von dem Schwert!

Ein Schwert, geschwungen für die Freiheit, ist

Das fleischgewordne Wort, von dem Ihr predigt,

Der Gott, der in der Wirklichkeit geboren.

Das Christentum, es ward durchs Schwert verbreitet,

Durchs Schwert hat Deutschland jener Karl getauft,

Den wir noch heut den Großen staunend nennen.

Es ward durchs Schwert das Heidentum gestürzt,

Durchs Schwert befreit des Welterlösers Grab!

Durchs Schwert aus Rom Tarquinius vertrieben,

Durchs Schwert von Hellas Xerxes heimgepeitscht

Und Wissenschaft und Künste uns geboren.

Durchs Schwert schlug David, Simson, Gideon!

So vor- wie seitdem ward durchs Schwert vollendet

Das Herrliche, das die Geschichte sah,

Und alles Große, was sich jemals wird vollbringen,

Dem _Schwert_ zuletzt verdankt es sein Gelingen!”

Es liegt in den Sätzen „doch ihre -- der Geschichte -- Form bleibt

ewig die Gewalt”, und „daß alles Große, was sich jemals wird

vollbringen”, dem Schwert zuletzt sein Gelingen verdanken werde,

unzweifelhaft viel Übertreibung. Trotzdem hatte der Hinweis, daß das

für die Freiheit geschwungene Schwert das „fleischgewordene Wort”

sei, daß, wer die Freiheit erwerben will, bereit sein muß, für sie

mit dem Schwert zu kämpfen, seine volle Berechtigung in einer Epoche,

wo man in weiten Kreisen der ehemaligen Demokratie sich immer mehr

darauf verlegte, alles von der Macht des Wortes zu erwarten. Sehr

zeitgemäß, und nicht nur für die damalige Epoche, sind auch die

Worte, die Lassalle den alten Balthasar Slör Sickingen im letzten Akt

zurufen läßt:

„O, nicht der Erste seid Ihr, werdet nicht

Der Letzte sein, dem es den Hals wird kosten

In großen Dingen schlau zu sein. _Verkleidung_

Gilt auf dem Markte der Geschichte nicht,

Wo im Gewühl die Völker dich nur an

Der Rüstung und dem Abzeichen erkennen;

Drum hülle stets vom Scheitel bis zur Sohle

Dich kühn in deines eig'nen Banners Farbe.

Dann probst du aus im ungeheuren Streit

Die ganze Triebkraft deines wahren Bodens,

Und stehst und fällst mit deinem ganzen Können!”

Auch der Ausspruch Sickingens:

„Das Ziel nicht zeige, zeige auch den Weg.

Denn so verwachsen ist hienieden Weg und Ziel,

Daß eines sich stets ändert mit dem andern,

Und andrer Weg auch andres Ziel erzeugt”.

ist ein Satz aus dem politischen Glaubensbekenntnis Lassalles. Leider

hat er ihn jedoch gerade in der kritischsten Periode seiner politischen

Laufbahn unbeachtet gelassen.

Halten wir uns jedoch nicht bei Einzelheiten auf, sondern nehmen wir das

Ganze des Dramas, ziehen wir seine Quintessenz.

Die Rolle Huttens und Sickingens in der Geschichte ist bekannt. Sie sind

beide Vertreter des spätmittelalterlichen Rittertums, einer um die Zeit

der Reformation im Untergehen begriffenen Klasse. Was sie wollen, ist

diesen Untergang aufhalten, ein vergebliches Beginnen, das

notwendigerweise scheitert und dasjenige, was es verhindern will, nur

beschleunigt. Da Hutten wie Sickingen durch Charakter wie Intelligenz

ihre Klasse weit überragen, so ist hier in der Tat das Material zu

einer echten Tragödie gegeben, der vergebliche Kampf markiger

Persönlichkeiten gegen die geschichtliche Notwendigkeit.

Merkwürdigerweise wird aber diese Seite der Hutten-Sickingenschen

Bewegung im Lassalleschen Drama am wenigsten behandelt, so

bedeutungsvoll sie doch gerade für die -- wir wollen nicht einmal sagen,

sozialistische, sondern überhaupt die moderne wissenschaftliche

Geschichtsbetrachtung ist. Im Drama geht das Hutten-Sickingensche

Unternehmen an tausend Zufälligkeiten -- Unüberlegtheit, Mißgriffe in

den Mitteln, Verrat usw. -- zugrunde, und Hutten-Lassalle schließt mit

den Worten: „Künft'gen Jahrhunderten vermach' ich unsere Rache”, was

unwillkürlich an den recht unhistorischen Schluß in Götz von

Berlichingen erinnert: „Wehe dem Jahrhundert, das dich von sich stieß!

Wehe der Nachkommenschaft, die dich verkennt!” Begreift man aber, warum

der junge Goethe im achtzehnten Jahrhundert sich einen Vertreter des

untergehenden Rittertums zum Helden wählen konnte, so ist es schon

schwerer zu verstehen, wie nahezu hundert Jahre später, zu einer Zeit,

wo die Geschichtsforschung bereits ganz andere Gesichtspunkte zur

Beurteilung der Kämpfe des Reformationszeitalters eröffnet hatte, ein

Sozialist wie Lassalle zwei Vertreter eben dieses Rittertums schlechthin

als die Repräsentanten „eines kulturhistorischen Prozesses hinstellt,

auf dessen Resultaten”, wie er sich in der Vorrede ausdrückt, „unsere

ganze Wirklichkeit lebt”. „Ich wollte,” sagt er an der betreffenden

Stelle weiter, „wenn möglich, diesen kulturhistorischen Prozeß noch

einmal in bewußter Erkenntnis und leidenschaftlicher Ergreifung durch

die Adern alles Volkes jagen. Die Macht, einen solchen Zweck zu

erreichen, ist nur der Poesie gegeben -- und darum entschloß ich mich zu

diesem Drama.”

Nun vertreten allerdings Hutten und Sickingen neben und mit der Sache

des Rittertums noch den Kampf gegen die Oberherrschaft Roms und für die

Einheit des Reiches, zwei Forderungen, welche ideologisch die des

untergehenden Rittertums waren, geschichtlich aber im Interesse der

aufkommenden Bourgeoisie lagen, und die denn auch durch die Entwicklung

der Verhältnisse in Deutschland nach Überwindung der unmittelbaren

Wirkungen des Dreißigjährigen Krieges wieder in den Vordergrund gedrängt

und im neunzehnten Jahrhundert in erster Reihe von dem liberalen

Bürgertum verfochten wurden. Der deutsche Adel hat sich erst nach der

Gründung des neudeutschen Reiches daran erinnert, daß er einmal eine so

anständige Persönlichkeit wie Franz von Sickingen hervorgebracht hat --

den Hutten kann er noch immer nicht verdauen; in den fünfziger Jahren

und noch später feierte der „Gartenlauben”-Liberalismus Hutten und

Sickingen als Vorkämpfer der nationalen und Aufklärungsbewegung und

ignorierte ihre Klassenbestrebungen.

Genau dasselbe ist im Lassalleschen Drama der Fall. Ulrich von Hutten

und Franz von Sickingen kämpfen lediglich um der geistigen Freiheit

willen gegen den römischen Antichrist, nur im Interesse der nationalen

Sache gegen die Einzelfürsten. „Was wir wollen,” sagt Sickingen im

Zwiegespräch mit Hutten, --

„das ist ein ein'ges großes, mächt'ges Deutschland,

Zertrümmerung alles Pfaffenregiments,

Vollständ'ger Bruch mit allem röm'schen Wesen,

Die reine Lehr' als Deutschlands ein'ge Kirche,

Wiedergeburt, zeitmäßige der alten,

Der urgermanischen gemeinen Freiheit,

Vernichtung unsrer Fürstenzwergherrschaft

Und usurpierten Zwischenregiments,

Und machtvoll auf der Zeit gewaltigem Drang

Gestützt, in ihrer Seele Tiefen wurzelnd,

Ein -- evangelisch Haupt als Kaiser an der Spitze

Des großen Reichs.”

Und Hutten antwortet: „Treu ist das Bild.”

Da Lassalle ausdrücklich den „Franz von Sickingen” als ein

Tendenzdrama bezeichnet, so haben wir in ihm einen Beleg für die

Wandlung, die sich in ihm in bezug auf seine -- vorläufig ideale --

Stellungnahme zu den politischen Strömungen der Zeit vollzogen. Es

sollte indes gar nicht lange dauern, bis sich diese Wandlung, eine

Annäherung an die Auffassungsweise der norddeutschen bürgerlichen

Demokratie, auch gegenüber einer konkreten Frage des Tages offenbaren

sollte[3].

Der „Franz von Sickingen” war im Winter 1857/58 vollendet worden.

Lassalle hatte ihn, wie er an Marx schreibt, bereits entworfen und

begonnen, während er noch am Heraklit arbeitete. Es sei ihm ein

Bedürfnis gewesen, sich zeitweilig aus der abstrakten Gedankenwelt, in

die er sich bei jener Arbeit „einspintisieren” mußte, mit einem

Gegenstand zu beschäftigen, der in direkterer Beziehung zu den großen

Kämpfen der Menschheit stand. Daher habe er nebenbei Mittelalter und

Reformationszeit studiert und sich an den Werken und dem Leben Ulrich

von Huttens „berauscht”, als ihn die Lektüre eines gerade erschienenen

elenden „modernen” Dramas auf den Gedanken brachte: Das -- der Kampf

Huttens -- wäre ein Stoff, der Behandlung wert. So habe er ohne

ursprünglich an sich als ausführenden Dichter zu denken, den Plan des

Dramas entworfen, wurde sich aber alsbald klar, daß er es auch selbst

fertig machen müsse. Es sei „wie eine Eingebung” über ihn gekommen.

Man spürt es dem Drama auch an, daß es mit warmem Herzblut

geschrieben wurde. Trotz der oben bezeichneten Fehler erhebt es sich,

dank seines geistigen Gehalts, immer noch himmelhoch über die ganze

Dramenliteratur jener Zeit. Es hätte es keiner der deutschen Dichter

damals besser gemacht als Lassalle.

Fußnoten:

[1] Auf Vorgänge, die mit Führung und Ausgang des Hatzfeldt-Prozesses

in Verbindung stehen, bezieht sich ein Teil der Anklagen, welche im

Jahre 1855 eine von Düsseldorf, dem damaligen Wohnort Lassalles, nach

London entsandte Deputation rheinischer Sozialisten bei Karl Marx und

Freiligrath gegen Lassalle erhob und die auf diese beiden, wie Marx an

Engels schrieb, einen _entscheidenden Eindruck_ machten.

[2] G. Brandes, Ferdinand Lassalle. Ein literarisches Charakterbild.

Berlin 1877.

[3] Das Vorstehende war seinerzeit gerade geschrieben, als ich

durch die Freundlichkeit von Friedrich Engels die im Nachlaß von

Karl Marx vorgefundenen Briefe Lassalles an Karl Marx erhielt, die

seitdem von Franz Mehring herausgegeben sind (Stuttgart, J. H. W.

Dietz Nachfolger). Ein vom 7. Mai 1859 datierter, an Marx und Engels

adressierter Brief handelt bis auf wenige Zeilen ausschließlich vom

„Franz von Sickingen”. Lassalle hatte von dem Drama, sobald es im

Druck erschienen, je ein Exemplar an Karl Marx und Friedrich Engels

geschickt, worauf ihm diese, die damals noch örtlich getrennt lebten,

eingehend ihre Urteile über es mitteilten, und der erwähnte Brief

Lassalles ist dessen Antwort auf diese Urteile. Er verbindet sie in

einem und demselben Schreiben, weil, wie er sich ausdrückt, „Eure

beiderseitigen Einwürfe, ohne geradezu identisch zu sein, doch in der

Hauptsache dieselben Punkte berühren”.

Aus dem Lassalleschen Schreiben geht hervor, daß die Kritik von

Marx wie Engels eben die Punkte betrifft, die auch ich im obigen

kritisieren zu müssen glaubte. „Ihr stimmt beide darin überein,”

schreibt Lassalle an einer Stelle, „daß auch Sickingen noch zu

abstrakt gezeichnet ist.” In diesem Satze ist in nuce dasselbe gesagt,

was ich oben ausgeführt habe. Der Lassallesche Sickingen ist nicht der

streitbare Ritter der ersten Jahrzehnte des sechzehnten Jahrhunderts,

er ist der in des letzteren Rüstung gesteckte Liberale des neunzehnten

Jahrhunderts, das heißt der liberale Ideologe. Seine Reden fallen

gewöhnlich vollständig aus der Epoche, in der sie gehalten sein

sollen, heraus. „Ihr begegnet Euch Beide”, schreibt Lassalle an

einer andern Stelle, „daß ich die Bauernbewegung ‚zu sehr

zurückgesetzt’, ‚nicht genug hervorgehoben habe’. Du (Marx)

begründest dies so: Ich hätte Sickingen und Hutten daran untergehen

lassen müssen, daß sie, wie der polnische Adel etwa, nur in ihrer

Einbildung revolutionär waren, in der Tat aber ein reaktionäres

Interesse vertraten. ‚Die adligen Repräsentanten der Revolution’,

sagst Du, ‚hinter deren Stichwörtern von Einheit und Freiheit immer

noch der Traum des alten Kaiserthums und des Faustrechts lauert

-- durften dann nicht so alles Interesse absorbiren, wie sie es

bei Dir thun, sondern die Vertreter der Bauern, namentlich dieser,

und der revolutionären Elemente in den Städten mußten einen ganz

bedeutend aktiveren Hintergrund bilden. Du hättest dann auch in

viel höherem Grade gerade die modernsten Ideen in ihrer naivsten

Form sprechen lassen können, während jetzt in der That, außer der

religiösen Freiheit, die bürgerliche Einheit die Hauptidee bleibt’.

‚Bist Du nicht selbst’, rufst Du aus, ‚gewissermaßen wie Dein

Franz von Sickingen in den diplomatischen Fehler gefallen, die

lutherisch-ritterliche Opposition über die plebejisch-bürgerliche zu

stellen?’”

Ich habe aus diesem Zitat die Lassalleschen Zwischenbemerkungen

fortgelassen, weil sie sich meist auf im Brief vorhergehende

Ausführungen beziehen, hier also unverständlich wären. Im wesentlichen

verteidigt sich Lassalle damit, daß er nachzuweisen sucht, die

ritterliche Beschränktheit, soweit sie überhaupt im historischen

Sickingen vorhanden, damit genügend zum Ausdruck gebracht zu haben,

daß Sickingen, statt sich an die ganze Nation zu wenden, statt alle

revolutionären Kräfte im Reich zum Aufstand aufzurufen und sich an

ihre Spitze zu stellen, seinen Aufstand als einen ritterlichen beginnt

und fortführt, bis er an der Beschränktheit seiner ritterlichen

Mittel zugrunde geht. Gerade darin, daß Sickingen unterliegt, weil

er nicht weit genug gegangen, liege die tragische und zugleich die

revolutionäre Idee des Dramas. Der Bauernbewegung aber habe er in

der einen Szene des Stückes, in der er die Bauern selbst auf die

Bühne bringe, und in den verschiedenen Hinweisen auf sie in den Reden

Balthasars usw., vollauf die Bedeutung zugeschrieben, welche ihr in

Wirklichkeit innegewohnt habe und noch darüber hinaus. Geschichtlich

sei die Bauernbewegung ebenso reaktionär gewesen, wie die des Adels.

Die letztere Auffassung hat Lassalle bekanntlich auch in

verschiedenen seiner späteren Schritten verfochten, so u. a. im

„Arbeiterprogramm”. Sie ist aber m. E. keineswegs richtig. Daß

die Bauern mit Forderungen auftraten, die auf die Vergangenheit

zurückgriffen, stempelt ihre Bewegung noch zu keiner reaktionären,

die Bauern waren zwar keine neue Klasse, aber sie waren keineswegs,

wie die Ritter, eine untergehende Klasse. Das Reaktionäre in ihren

Forderungen ist nur formell, nicht das Wesentliche. Das übersieht

Lassalle, der als Hegelianer hier wieder in den Fehler verfällt,

die Geschichte aus den „Ideen” abzuleiten, so vollständig, daß er

zu der Marxschen Bemerkung: „Du hättest dann auch in viel höherem

Grade gerade die modernsten Ideen in ihrer naivsten Form sprechen

lassen können”, ein doppeltes Fragezeichen, verstärkt durch ein

Ausrufungszeichen, macht.

Der andere Teil seiner Verteidigung hätte dann seine Berechtigung,

wenn im Stück auch nur die leiseste Andeutung gegeben wäre, daß

Sickingens Beschränkung auf seine ritterlichen Mittel seiner

ritterlichen Beschränktheit geschuldet war. Das ist aber nicht der

Fall. Im Stück wird sie lediglich als ein taktischer Fehler behandelt.

Das reicht aus für die tragische Idee des Dramas, aber nicht für

die Veranschaulichung des historischen Anachronismus, an dem das

Sickingensche Unternehmen in Wirklichkeit zugrunde gegangen ist.

Ferdinand Lassalle und der italienische Krieg.

Anfang 1859 erschien der „Franz von Sickingen” als Buchdrama. Gerade

als er herauskam, stand Europa am Vorabend eines Krieges, der auf die

Entwicklung der Dinge in Deutschland eine große Rückwirkung ausüben

sollte. Es war der bereits im Sommer 1858 zwischen Louis Napoleon und

Cavour in Plombières verabredete französisch-sardinische Feldzug

behufs Losreißung der Lombardei von Österreich und der Beseitigung

der österreichischen Oberherrschaft in Mittelitalien.

Österreich gehörte damals zum deutschen Bund, und so erhob sich

natürlich die Frage, welche Haltung die übrigen Bundesstaaten in diesem

Streit einnehmen sollten. Sei es Pflicht des übrigen Deutschland, sich

gegenüber Frankreich mit Österreich zu identifizieren oder nicht?

Die Beantwortung der Frage war dadurch erschwert, daß der Krieg einen

zwieschlächtigen Charakter trug. Für die ihn betreibenden Italiener war

er ein nationaler Befreiungskampf, der die Sache der Einigung und

Befreiung Italiens einen Schritt vorwärts bringen sollte. Von seiten

Frankreichs dagegen war er ein Kabinettskrieg, unternommen, um die

Herrschaft des bonapartistischen Regimes in Frankreich zu stärken und

die Machtstellung Frankreichs in Europa zu erhöhen. Soviel stand auf

jeden Fall fest. Außerdem pfiffen es die Spatzen von den Dächern, daß

Napoleon sich von seinem Verbündeten, dem König von Sardinien, für seine

Bundesgenossenschaft einen hübschen Kaufpreis in Gebietsabtretungen

(Nizza und Savoyen) ausbedungen hatte und daß die „Einigung” Italiens

in jenem Moment nur soweit stattfinden sollte, als sich mit den

Interessen des bonapartistischen Kaiserreichs vertrug. Aus diesem

Grunde denunzierte z. B. ein so leidenschaftlicher italienischer

Patriot wie Mazzini bereits Ende 1858 den in Plombières zwischen

Napoleon und Cavour abgeschlossenen Geheimvertrag als eine bloße

dynastische Intrige. Soviel war sicher, daß, wer diesen Krieg

unterstützte, zunächst Napoleon III. und dessen Pläne unterstützte.

Napoleon III. brauchte aber Unterstützung. Gegen Österreich allein

konnte er im Bunde mit Sardinien den Krieg aufnehmen, kamen aber die

übrigen Staaten des Deutschen Bundes und namentlich Preußen Österreich

zu Hilfe, so stand die Sache wesentlich bedenklicher. So ließ er denn

durch seine Agenten und Geschäftsträger bei den deutschen Regierungen,

in der deutschen Presse und unter den deutschen Parteiführern mit allen

Mitteln dagegen agitieren, daß der Krieg als eine Sache behandelt werde,

die Deutschland etwas angehe. Was habe das deutsche Volk für ein

Interesse, die Gewaltherrschaft, die Österreich in Italien ausübe,

aufrechtzuerhalten, überhaupt einem so urreaktionären Staat wie

Österreich Hilfe zu leisten? Österreich sei der geschworene Feind der

Freiheit der Völker; werde Österreich zertrümmert, so würde auch für

Deutschland ein schönerer Morgen anbrechen.

Auf der anderen Seite entwickelten die österreichischen Federn, daß,

wenn die Napoleonischen Pläne im Süden sich verwirklichten, der Rhein in

direkte Gefahr geriete. Ihm würde der nächste Angriff gelten. Wer das

linke Rheinufer vor Frankreichs gierigen Händen sicherstellen wolle,

müsse dazu beitragen, daß Österreich seine militärischen Positionen in

Oberitalien unbeeinträchtigt erhalte, der Rhein müsse am Po verteidigt

werden.

Ferdinand Lassalle: Eine Würdigung des Lehrers und Kämpfers · 第 3 / 18 段