Hatzfeldt-Prozeß hat sich Lassalle nie ganz freimachen können. Wir
meinen das nicht im spießbürgerlichen Sinne, etwa im Hinblick auf seine
späteren Liebesaffären, sondern mit Bezug auf seine von nun an
wiederholt bewiesene Bereitwilligkeit, jedes Mittel gutzuheißen und zu
benutzen, das ihm für seine jeweiligen Zwecke dienlich erschien; wir
meinen den Verlust jenes Taktgefühls, das dem Mann von Überzeugung
selbst im heftigsten Kampfe jeden Schritt verbietet, der mit den von ihm
vertretenen Grundsätzen in Widerspruch steht, wir meinen die von da an
wiederholt und am stärksten in der tragischen Schlußepisode seines
Lebens sich offenbarende Einbuße an gutem Geschmack und moralischem
Unterscheidungsvermögen. Als jugendlicher Enthusiast hatte Lassalle sich
in den Hatzfeldtschen Prozeß gestürzt, -- er selbst gebraucht in der
Kassettenrede das Bild des Schwimmers: „Welcher Mensch, der ein starker
Schwimmer ist, sieht einen andern von den Wellen eines Stromes
fortgetrieben, ohne ihm Hilfe zu bringen? Nun wohl, für einen guten
Schwimmer hielt ich mich, unabhängig war ich, so sprang ich in den
Strom” -- gewiß, aber leider war es ein recht trüber Strom, in den er
sich gestürzt, ein Strom, der sich in eine große Pfütze verlief, und als
Lassalle herauskam, war er von der eigenartigen Moral der Gesellschaft,
mit der er sich zu befassen gehabt, angesteckt. Seine ursprünglichen
besseren Instinkte kämpften lange gegen die Wirkungen dieses Giftes,
drängten sie auch wiederholt siegreich zurück, aber schließlich ist er
ihnen doch erlegen. Das hier Gesagte mag manchem zu scharf erscheinen,
aber wir werden im weiteren Verlauf unserer Skizze sehen, daß es nur
gerecht gegen Lassalle ist. Wir haben hier keine Apologie zu schreiben,
sondern eine kritische Darstellung zu geben, und das erste Erfordernis
einer solchen ist, die Wirkungen aus den Ursachen zu erklären[1].
Bevor wir jedoch weitergehen, haben wir zunächst noch der Rolle zu
gedenken, die Lassalle im Jahre 1848 gespielt hat.
Beim Ausbruch der März-Revolution war Lassalle so tief in den Maschen
des Hatzfeldtschen Prozesses verwickelt, daß er sich ursprünglich fast
zur politischen Untätigkeit verurteilt sah. Im August 1848 fand der
Prozeß wegen „Verleitung zum Kassettendiebstahl” gegen ihn statt und
er hatte alle Hände voll zu tun, sich auf diesen zu rüsten. Erst als
er nach siebentägiger Verhandlung freigesprochen worden war, gewann
er wieder Zeit, an den politischen Ereignissen jener bewegten Zeit
direkten Anteil zu nehmen.
Lassalle, der damals in Düsseldorf, der Geburtsstadt Heines, lebte,
stand natürlich als Republikaner und Sozialist auf der äußersten Linken
der Demokratie. Organ dieser im Rheinland war die von Karl Marx
redigierte „Neue Rheinische Zeitung”. Karl Marx gehörte ferner eine
Zeitlang dem Kreisausschuß der rheinischen Demokraten an, der in Köln
seinen Sitz hatte. So war eine doppelte Gelegenheit gegeben, Lassalle in
nähere Verbindung mit Marx zu bringen. Er verkehrte mündlich und
schriftlich mit dem erwähnten Kreisausschuß, sandte wiederholt
Mitteilungen und Korrespondenzen an die „Neue Rheinische Zeitung” und
erschien auch gelegentlich selbst auf der Redaktion dieses Blattes. So
bildete sich allmählich ein freundschaftlicher persönlicher Verkehr
zwischen Lassalle und Marx heraus, der auch später noch, als Marx im
Exil lebte, in Briefen und auch zweimal in Besuchen fortgesetzt wurde.
Lassalle besuchte Marx 1862 in London, nachdem Marx im Jahre 1861 auf
einer Reise nach Deutschland Lassalle in Berlin besucht hatte. Indes
herrschte zu keiner Zeit ein tieferes Freundschaftsverhältnis zwischen
den beiden, dazu waren schon ihre Naturen viel zu verschieden angelegt.
Was sonst noch einer über die politische Kampfgenossenschaft
hinausgehenden Intimität im Wege stand, soll später erörtert werden.
Der hereinbrechenden Reaktion des Jahres 1848 gegenüber nahm
Lassalle genau dieselbe Haltung ein, wie die Redaktion der „Neuen
Rheinischen Zeitung” und die Partei, die hinter dieser stand. Gleich
ihr forderte er, als die preußische Regierung im November 1848 den
Sitz der Nationalversammlung verlegt, die Bürgerwehr aufgelöst
und den Belagerungszustand über Berlin verhängt hatte, und die
Nationalversammlung ihrerseits mit der Versetzung des Ministeriums
in Anklagezustand, sowie mit der Erklärung geantwortet hatte, daß
dieses Ministerium nicht berechtigt sei, Steuern zu erheben, zur
Organisierung des bewaffneten Widerstandes gegen die Steuererhebung
auf. Gleich dem Ausschuß der rheinischen Demokraten ward auch
Lassalle wegen Aufreizung zur Bewaffnung gegen die königliche
Gewalt unter Anklage gestellt, gleich ihm von den Geschworenen
freigesprochen, aber die immer rücksichtsloser auftretende Reaktion
stellte außerdem gegen Lassalle noch die Eventualanklage, zur
Widersetzlichkeit gegen Regierungsbeamte aufgefordert zu haben,
um ihn vor das Zuchtpolizeigericht zu bringen. Und in der Tat
verurteilte dieses -- die Regierung kannte unzweifelhaft ihre
Berufsrichter -- Lassalle schließlich auch zu sechs Monaten
Gefängnis.
Lassalles Antwort auf die ersterwähnte Anklage ist unter dem Titel
„Assisen-Rede” im Druck erschienen. Sie ist jedoch nie wirklich
gehalten worden, und alles, was in verschiedenen älteren Biographien
über den „tiefen” Eindruck erzählt wird, den sie auf die Geschworenen
und das Publikum gemacht habe, gehört daher in das Bereich der Fabel.
Lassalle hatte die Rede noch vor der Verhandlung in Druck gegeben,
und da einzelne der fertigen Druckbogen auch vorher in Umlauf gesetzt
worden waren, beschloß der Gerichtshof, die Öffentlichkeit
auszuschließen. Als trotz Lassalles Protest und der Erklärung, die
Verbreitung der Druckbogen sei ohne sein Vorwissen erfolgt, ja
höchstwahrscheinlich von seinen Feinden durch das Mittel der
Bestechung veranlaßt worden, der Gerichtshof den Beschluß aufrecht
erhielt, verzichtete Lassalle überhaupt darauf, sich zu verteidigen,
wurde aber nichtsdestoweniger freigesprochen.
Ob aber gehalten oder nicht, die „Assisen-Rede” bleibt jedenfalls ein
interessantes Dokument für das Studium der politischen Entwicklung
Lassalles. Er steht in ihr fast durchgängig auf dem von Karl Marx drei
Monate vorher in dessen Rede vor den Kölner Geschworenen vertretenen
Standpunkt. Ein Vergleich der beiden Reden zeigt dies aufs deutlichste,
ebenso aber auch die Verschiedenartigkeit des Wesens von Marx und
Lassalle. Marx enthält sich aller oratorischen Ausschmückung, er geht
direkt auf die Sache ein, entwickelt in einfacher und gedrängter
Sprache, Satz für Satz, scharf und mit rücksichtsloser Logik seinen
Standpunkt und schließt ohne jede Apostrophe mit einer Charakteristik
der politischen Situation. Man sollte meinen, seine eigene Person stehe
ganz außer Frage, und er habe nur die Aufgabe, den Geschworenen einen
politischen Vortrag zu halten. Lassalle dagegen peroriert fast von
Anfang bis zu Ende, er erschöpft sich in -- oft sehr schönen -- Bildern
und in Superlativen. Alles ist Pathos, ob von der durch ihn vertretenen
Sache oder von seiner Person die Rede ist, er spricht nicht zu den
Geschworenen, sondern zu den Tribünen, zu einer imaginären
Volksversammlung, und schließt, nach Verkündigung einer Rache, die „so
vollständig” sein wird wie „die Schmach, die man dem Volke antut”,
mit einer Rezitation aus Tell.
Noch im Gefängnis, wo er sich durch seine Energie und Hartnäckigkeit
Vergünstigungen ertrotzte, die sonst Gefangenen nie erteilt zu werden
pflegten -- so erhielt er, was er später selbst für ungesetzlich
erklärte, wiederholt Urlaub, um in den Prozessen der Gräfin Hatzfeldt zu
plädieren -- und in den darauffolgenden Jahren wurde Lassalles Tätigkeit
wieder fast vollständig durch die Hatzfeldtsche Angelegenheit in
Anspruch genommen. Daneben hielt Lassalle ein gastliches Haus für
politische Freunde und versammelte längere Zeit einen Kreis
vorgeschrittener Arbeiter um sich, denen er politische Vorträge hielt.
Endlich erfolgte im Jahre 1854 im Hatzfeldtschen Prozeß der
Friedensschluß. Die Gräfin erhielt ein bedeutendes Vermögen ausbezahlt
und Lassalle eine Rente von jährlich siebentausend Talern
sichergestellt, die ihm gestattete, seine Lebensweise ganz nach seinen
Wünschen einzurichten.
Zunächst behielt er seinen Wohnsitz in Düsseldorf bei und arbeitete hier
an seinem „Heraklit” weiter. Daneben unternahm er allerhand Reisen,
u. a. auch eine in den Orient. Auf die Dauer aber konnten ihn diese
Unterbrechungen nicht mit dem Aufenthalt in der Provinzialstadt, in der
das politische Leben erloschen war, aussöhnen. Es verlangte ihn nach
einem freieren, anregenderen Leben, als es die rheinische Stadt bot oder
erlaubte, nach dem Umgang mit bedeutenden Persönlichkeiten, nach einem
größeren Wirkungskreis. So erwirkt er sich denn 1857 durch die
Vermittlung Alexander von Humboldts beim Prinzen von Preußen von der
Berliner Polizei die Erlaubnis, seinen Wohnsitz in Berlin nehmen zu
dürfen.
Dieses Gesuch wie die erteilte Erlaubnis verdienen Beachtung. Lassalle
hatte im Mai 1849 in flammenden Worten die „schmachvolle und
unerträgliche Gewaltherrschaft” gebrandmarkt, die „über Preußen
hereingebrochen”; er hatte ausgerufen: „Warum zu soviel Gewalt noch
soviel Heuchelei? Doch das ist preußisch” und „vergessen wir nichts,
nie, niemals... Bewahren wir sie auf, diese Erinnerungen, sorgfältig
auf, wie die Gebeine gemordeter Eltern, deren einziges Erbe ist der
Racheschwur, der sich an diese Knochen knüpft.” (Assisenrede.) Wie kam
er nun dazu, ein solches Gesuch zu stellen, und es dem guten Willen der
Regierung, die in der angegebenen Weise angegriffen worden war, anheim
zu stellen, es zu bewilligen? Er konnte in politischen Dingen sehr
rigoros sein und hat es 1860 in einem Brief an Marx scharf verurteilt,
daß Wilhelm Liebknecht für die großdeutsch-konservative „Augsburger
Allgemeine Zeitung” schrieb. Aber er hielt es im Hinblick auf die
wissenschaftlichen Arbeiten, die ihn beschäftigten, für sein gutes
Recht, die Aufenthaltsbewilligung zu verlangen, und im Bewußtsein der
Festigkeit seines politischen Wollens für reine Formsache, daß er seine
betreffenden Eingaben als Gesuche abzufassen hatte. Denn es handelt sich
da um verschiedene Anträge, der erste 1855 an den Berliner
Polizeigewaltigen Hinckeldey, der zweite, im Juni 1856, direkt an den
damaligen Prinzregenten gerichtet (Vgl. darüber „Dokumente des
Sozialismus”, Jahrgang 1903, S. 130 und 407 ff.) Aus diesen Schritten
machte er Karl Marx gegenüber kein Geheimnis.
Es ist zudem nicht unmöglich, daß Lassalle durch Verbindungen der Gräfin
Hatzfeldt, die ziemlich weit reichten, davon unterrichtet war, daß sich
in den oberen Regionen Preußens ein neuer Wind vorbereite. Wie weit
diese Verbindungen reichten, geht aus Informationen hervor, die Lassalle
bereits im Jahre 1854, beim Ausbruch des Krimkrieges, an Marx nach
London gelangen ließ. So teilt er Marx unterm 10. Februar 1854 den
Wortlaut einer Erklärung mit, die einige Tage vorher vom Berliner
Kabinett nach Paris und London abgegangen sei, schildert die Zustände im
Berliner Kabinett -- der König und fast alle Minister für Rußland, nur
Manteuffel und der Prinz von Preußen für England -- und die für gewisse
Eventualitäten vom Kabinett beschlossenen Maßregeln, worauf es heißt:
„Alle die hier mitgeteilten Nachrichten kannst Du so betrachten, als
wenn Du sie aus Manteuffels und Aberdeens eigenem Munde hättest!” Vier
Wochen später machte er wieder allerhand Mitteilungen über beabsichtigte
Schritte des Kabinetts, gestützt auf Mitteilungen „zwar nicht aus meiner
‚offiziellen’, aber doch aus ziemlich glaubhafter Quelle”. Am 20. Mai
1854 klagt er, daß seine „diplomatische Quelle” eine weite Reise
angetreten habe. „Eine so vorzügliche Quelle, durch die man
kabinettsmäßig informiert war, zu haben und dann auf so lange Zeit
wieder verlieren, ist überaus ärgerlich.” Aber er hat immer noch
Nebenquellen, die ihn über Interna des Berliner Kabinetts unterrichten,
und ist u. a. „zeitig vorher von Bonins Entlassung usw.” benachrichtigt
worden.
Einige dieser Quellen standen dem Berliner Hof sehr nahe, und ihre
Berichte mögen auch Lassalles Schritt veranlaßt haben. Die geistige
Zerrüttung Friedrich Wilhelm IV. war um das Jahr 1857 bereits sehr weit
vorgeschritten, und wenn auch die getreuen Minister und Hüter der
monarchischen Idee sie noch nicht für genügend erachteten, des Königs
Regierungsunfähigkeit auszusprechen, so wußte man doch in allen
unterrichteten Kreisen, daß der Regierungsantritt des Prinzen von
Preußen nur noch eine Frage von Monaten sei.
In Berlin vollendete Lassalle zunächst den Heraklit, der Ende 1857 im
Verlage von Franz Duncker erschien.
Über dieses beinahe mehr noch philologische als philosophische Werk
gehen die Meinungen der Sachverständigen auseinander. Die einen stellen
es als epochemachend hin, die andern behaupten, daß es in der Hauptsache
nichts sage, was nicht schon bei Hegel zu finden sei. Richtig ist, daß
Lassalle hier fast durchgängig auf althegelschem Standpunkt steht -- die
Dinge werden aus den Begriffen entwickelt, die Kategorien des Gedankens
als ewige metaphysische Wesenheiten behandelt, deren Bewegung die
Geschichte erzeugt. Aber auch diejenigen, welche die epochemachende
Bedeutung der Lassalleschen Arbeit bestreiten, geben zu, daß sie eine
sehr tüchtige Leistung ist. Sie verschaffte Lassalle in der
wissenschaftlichen Welt einen geachteten Namen.
Für die Charakteristik Lassalles und seines geistigen Entwicklungsganges
ist sein Werk über Herakleitos den Dunklen von Ephesos aber nicht bloß
darin von Bedeutung, daß es Lassalle als eben entschiedenen Anhänger
Hegels zeigt. Man kann auch dem bekannten dänischen Literarhistoriker G.
Brandes zustimmen, wenn er in seiner oft zugunsten belletristischer
Ausschmückung mit den Tatsachen ziemlich frei umspringenden Studie über
Lassalle[2] auf verschiedene Stellen in der Arbeit über Heraklit als
Schlüssel zum Verständnis von Lassalles Lebensanschauungen hinweist. Es
gilt dies namentlich von Lassalles großem Kultus des Staatsgedankens --
auch in dieser Hinsicht war Lassalle Althegelianer -- und in bezug auf
Lassalles Auffassung von Ehre und Ruhm. Brandes schreibt in ersterer
Hinsicht:
„Heraklits Ethik, sagt Lassalle, faßt sich in den einen Gedanken
zusammen, der zugleich der ewige Grundbegriff des Sittlichen selbst ist:
‚Hingabe an das Allgemeine.’ Das ist zugleich griechisch und modern;
aber Lassalle kann sich das Vergnügen nicht versagen, in der speziellen
Ausführung dieses Gedankens bei dem alten Griechen die Übereinstimmung
mit Hegels Staatsphilosophie nachzuweisen: ‚Wie in der Hegelschen
Philosophie die Gesetze gleichfalls aufgefaßt werden als die Realisation
des allgemeinen substantiellen Willens, ohne daß bei dieser Bestimmung
im geringsten an den formellen Willen der Subjekte und deren Zählung
gedacht wird, so ist auch das Allgemeine Heraklits gleich sehr von der
Kategorie der empirischen Allheit entfernt.’” (Vgl. a. a. O. S. 40.)
Brandes hat nicht Unrecht, wenn er zwischen dieser Staatsidee, die bei
Lassalle immer wiederkehrt, und Lassalles Bekennerschaft zur Demokratie
und zum allgemeinen Stimmrecht -- die doch die Herrschaft des „formellen
Willens der Subjekte” darstellen -- einen Gegensatz erblickt, den man
„nicht ungestraft in seinem Gemüte hegt”, und der in der Welt der
Prinzipien das Gegenstück zu dem Kontrast darstelle, der „rein
äußerlich zutage trat, wenn Lassalle mit seiner ausgesucht eleganten
Kleidung, seiner ausgesucht feinen Wäsche und seinen Lackstiefeln in
und zu einem Kreise von Fabrikarbeitern mit rußiger Haut und
schwieligen Händen sprach”.
Das ist belletristisch ausgedrückt. Tatsächlich hat Lassalles
althegelsche Staatsidee ihn später im Kampf gegen den Liberalismus weit
über das Ziel hinausschießen lassen.
Über Lassalles Auffassung von Ehre und Ruhm schreibt Brandes:
„Noch eine Übereinstimmung, die letzte zwischen -- Heraklit und
Lassalle, bildet der trotz des Selbstgefühls und des Stolzes so
leidenschaftliche Drang nach Ruhm und Ehre, nach der Bewunderung und
dem Lobe anderer. Heraklit hat das oft zitierte Wort gesprochen: ‚Die
größeren Schicksale erlangen das größere Los.’ Und er hat gesagt, was
das rechte Licht auf diesen Satz wirft: ‚Daß die Menge und die sich
weise Dünkenden den Sängern der Völker folgen und die Gesetze um Rat
fragen, nicht wissend, daß die Menge schlecht, wenige nur gut, die
Besten aber dem Ruhme nachfolgen. ‚Denn,’ fügt er hinzu, ‚es wählen
die Besten eins statt allem, den immerwährenden Ruhm der
Sterblichen.’ Ruhm war für Heraklit also gerade jenes größere Los,
welches das größere Schicksal erlangen kann; sein Trachten nach Ehre
war nicht nur das unmittelbare, welches im Blute liegt, sondern ein
durch Reflexion und Philosophie begründetes. ‚Der Ruhm’, sagt
Lassalle, ‚ist in der Tat das Entgegengesetzte von allem, das
Entgegengesetzte gegen die Kategorie des unmittelbaren realen Seins
überhaupt und seiner einzelnen Zwecke. Er ist Sein der Menschen in
ihrem Nichtsein, eine Fortdauer im Untergang der sinnlichen Existenz
selbst, er ist darum erreichte und wirklich gewordene Unendlichkeit
des Menschen”, und mit Wärme fügt er hinzu: ‚Wie dies der Grund ist,
weshalb der Ruhm seit je die großen Seelen so mächtig ergriffen und
über alle kleinen und beschränkten Ziele hinausgehoben hatte, wie das
der Grund ist, weshalb Platen von ihm singt, daß er erst annahen kann
‚Hand in Hand mit dem prüfenden Todesengel’, so ist es auch der
Grund, weshalb Heraklit in ihm die ethische Realisierung seines
spekulativen Prinzips erblickte.’”
Allerdings lag es nicht in Lassalles Natur, sich mit dem Ruhm, der erst
Hand in Hand mit dem Todesengel annaht, zu begnügen. Im Gegensatz zu der
Heraklitischen Verachtung der Menge war er für den Beifall durchaus
nicht unempfindlich und nahm ihn selbst dann, wenn er mehr
Höflichkeitsform war, unter Umständen mit fast naiver Genugtuung für die
Sache selbst auf. Die Vorliebe für das Pathos, die sich bei Lassalle in
so hohem Grade zeigte, deutet in der Regel auf eine Neigung zur
Schauspielerei. Ist Lassalle nun auch von einer Dosis davon nicht ganz
freizusprechen, so kann man ihn wenigstens nicht anklagen, daß er aus
dem, was Brandes „seine unselige Vorliebe für den Lärm und
Trommelschall der Ehre, für ihre Pauken und Trompeten” nennt, je
einen Hehl gemacht habe. In seinen Schriften, in seinen Briefen tritt
sie mit einer Offenheit zutage, die in ihrer Naivetät etwas
Versöhnendes hat. Wenn Helene von Rakowitza in ihrer Rechtfertigungsschrift
erzählt, daß Lassalle ihr in Bern ausgemalt habe, wie er einst als
volkserwählter Präsident der Republik „von sechs Schimmeln gezogen”
seinen Einzug in Berlin halten werde, so ist man versucht, entweder
an eine Übertreibung der Schreiberin zu glauben, oder anzunehmen, daß
Lassalle sich durch Ausmalen einer so verlockenden Zukunft um so
fester in dem Herzen seiner Erwählten festzusetzen hoffte. Indes, die
bekannte schriftliche „Seelenbeichte” an Sophie von Sontzew beweist,
daß es sich bei diesem Zukunftsbild keineswegs nur um die Spielerei
einer müßigen Stunde, um den Einfall eines Verliebten handelte,
sondern um einen Gedanken, in dem Lassalle selbst sich berauschte,
dessen Zauber einen mächtigen Reiz auf ihn ausübte. Er nennt sich --
im Jahre 1860 -- „das Haupt einer Partei”, in bezug auf das sich
„fast unsere ganze Gesellschaft” in zwei Parteien teile, deren eine
-- ein Teil der Bourgeoisie und das Volk -- Lassalle „achtet, liebt,
sogar nicht selten verehrt”, für die er „ein Mann von größtem Genie
und von einem fast übermenschlichen Charakter ist, von dem sie die
größten Taten erwarten”. Die andere Partei -- die ganze Aristokratie
und der größte Teil der Bourgeoisie -- fürchtet ihn „mehr als irgend
jemand anders” und haßt ihn daher „unbeschreiblich”. Werde die
Frauenwelt dieser aristokratischen Gesellschaft es Sophie von Sontzew
nicht verzeihen, daß sie einen solchen Menschen heiratete, so werden
auf der andern Seite viele Frauen es ihr nicht verzeihen, daß ein
solcher Mensch sie heiratete, „sie eines Glückes halber beneiden, das
ihre Verdienste übersteige”. Und „freilich, ich verhehle es Ihnen
nicht, es könnte wohl sein, daß, wenn gewisse Ereignisse eintreten,
eine Flut von Bewegung, Geräusch und Glanz auf Ihr Leben fallen
würde, wenn Sie mein Weib werden.”
So übertrieben alle diese Äußerungen erscheinen, so wenig sie
der Wirklichkeit entsprachen zu einer Zeit, wo von einer
sozialistisch-demokratischen Partei gar keine Rede war, Lassalle
vielmehr gesellschaftlich mit den bürgerlichen Liberalen und Demokraten
auf bestem Fuße stand und soeben eine Broschüre veröffentlicht hatte,
deren Inhalt mit Aspirationen übereinstimmte, die in Regierungskreisen
gehegt wurden, so wohnt ihnen doch eine große subjektive Wahrheit inne
-- Lassalle selbst glaubte an sie. Lassalle glaubte an die Partei, die
in ihm ihr Haupt erblickte, wenn sie auch vorläufig bloß aus ihm bestand
und selbst in seinen Ideen noch ein sehr unbestimmtes Dasein führte. Die
Partei, das war er -- seine Bestrebungen und seine Pläne. Jedes Wort der
Anerkennung von seiten seiner Freunde oder aber, was er dafür hielt, war
für ihn Bestätigung seiner Mission, und nicht selten nahm er
Schmeichelei für aufrichtige Huldigung. Es ist merkwürdig, welcher
Widersprüche die menschliche Natur fähig ist. Lassalle war, wie aus den
Berichten seiner näheren Bekannten und aus seinen Briefen hervorgeht,
mit schmeichelhaften Adjektiven äußerst freigebig, aber sie waren
allenfalls Flitterwerk, wenn er sie verschleuderte, von anderen auf ihn
selbst angewendet, nahm er sie dagegen leicht für echtes Gold.
So sehr war seine Partei in seiner Vorstellung mit ihm selbst
verwachsen, daß, als er später wirklich an der Spitze einer Partei
stand, oder wenigstens an der Spitze einer im Entstehen begriffenen
Partei, er sie nur aus dem Gesichtswinkel seiner Person zu betrachten
vermochte und danach behandelte. Man mißverstehe uns nicht. Es wäre
absurd, etwa zu sagen, daß Lassalle den Allgemeinen deutschen
Arbeiterverein nur ins Leben rief, um seinem Ehrgeiz zu frönen, daß der
Sozialismus ihm nur Mittel, aber nicht Zweck war. Lassalle war
überzeugter Sozialist, das unterliegt gar keinem Zweifel. Aber er wäre
nicht imstande gewesen, in die sozialistische Bewegung aufzugehen, ihr
seine Persönlichkeit -- ich sage ausdrücklich nicht sein Leben,
aufzuopfern.
Soviel an dieser Stelle hierüber.
Dem griechischen Philosophen folgte ein deutscher Ritter. Kurz nachdem
der Heraklit erschienen, vollendete Lassalle ein bereits in Düsseldorf
entworfenes historisches Drama und ließ es, nachdem eine anonym
eingereichte Bühnenbearbeitung von der Intendantur der Kgl. Schauspiele
abgelehnt worden war, 1859 unter seinem Namen im Druck erscheinen.