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FERDINAND LASSALLE
EINE WÜRDIGUNG
DES LEHRERS UND
KÄMPFERS
VON
EDUARD BERNSTEIN
VERLEGT BEI PAUL CASSIRER, BERLIN
1919
ALLE RECHTE VORBEHALTEN
COPYRIGHT 1919 BY PAUL CASSIRER, BERLIN
_DRUCK VON OSCAR BRANDSTETTER, LEIPZIG_
Inhalt.
Seite
Vorwort 5
Deutschland am Vorabend der Lassalleschen Bewegung 7
Lassalles Jugend, der Hatzfeldt-Prozeß, die Assisenrede
und der Franz von Sickingen 27
Ferdinand Lassalle und der Italienische Krieg 66
Das System der erworbenen Rechte 114
Der preußische Verfassungskonflikt, die Verfassungsreden
und das Arbeiterprogramm 145
Lassalle und das Leipziger Arbeiterkomitee. Das
Offene Antwortschreiben, politischer Teil 186
Der ökonomische Inhalt des Offenen Antwortschreibens.
Das eherne Lohngesetz und die Privatgenossenschaften
mit Staatskredit 213
Gründung und Führung des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins 235
Lassalle und Bismarck 263
Lassalles letzte Schritte und Tod 285
Schlußbetrachtung 293
Vorwort.
Die vorliegende Schrift wurde von mir in ihrer ersten Gestalt im Jahre
1891 verfaßt, als eine Einleitung zu der damals von der Buchhandlung
„Vorwärts” veranstalteten Sammelausgabe von Reden und Schriften
Lassalles. Der Umstand, daß ich zu jener Zeit noch in London lebte,
dessen Bibliotheken nur Teile der Lassalle-Literatur darboten, und daß
aus buchhändlerischen Gründen die Ausarbeitung der Schrift in einer
ziemlich kurz bemessenen Frist geschehen mußte, hatte verschiedene
Mängel zur Folge, die ich später oft bedauert habe.
Daß nun eine Neuausgabe notwendig geworden ist, hat mir die ersehnte
Gelegenheit geboten, hier zu bessern, was nach meiner eigenen
Überzeugung und dem Urteil der von mir als berechtigt anerkannten Kritik
vornehmlich zu bessern war. Insbesondere aber sind die in der
Zwischenzeit erschienenen, teilweise recht bedeutsamen Briefe von, an
und über Lassalle berücksichtigt worden, die dazu beigetragen haben, das
Bild des großen Lehrers und Kämpfers ganz wesentlich einheitlicher zu
gestalten, als es früher vor uns stand.
Lassalle als Vorkämpfer zu würdigen war die besondere Aufgabe der
Schrift. Von einem Mitglied der Partei, die in Lassalle einen ihrer
Begründer verehrt, _für_ die Partei, also namentlich auch für
bildungsdürstige Arbeiter geschrieben, hatte sie das Hauptgewicht darauf
zu legen, die Bedeutung Lassalles als Lehrer und Führer der von ihm 1863
neu ins Leben gerufenen Partei in möglichster Klarheit zur Anschauung zu
bringen. Das hatte insofern eine gewisse Beschränkung zur Folge, als das
literarhistorische Moment ziemlich zurücktreten mußte. Die Schrift
beansprucht nicht, mit Arbeiten zu rivalisieren, die Lassalle von der
Warte des außenstehenden Geschichtsschreibers oder Literaturpsychologen
behandeln. Aber dafür glaubt sie dasjenige Moment um so heller zur
Erkenntnis zu bringen, das gerade in unseren Tagen im Vordergrund des
Interesses steht und an dem Lassalle am meisten gelegen war: sein Wollen
und Wirken als bahnbrechender Lehrer des Sozialismus und als politischer
Führer der sozialistischen Demokratie.
_Berlin-Schöneberg_, im September 1919.
_Ed. Bernstein._
FERDINAND LASSALLE UND DIE DEUTSCHE SOZIALDEMOKRATIE
Deutschland am Vorabend der Lassalleschen Bewegung.
Seit es herrschende und unterdrückte, ausbeutende und ausgebeutete
Klassen gibt, hat es auch Auflehnungen der letzteren gegen die ersteren
gegeben, haben sich Staatsmänner und Philosophen, Ehrgeizige und
Schwärmer gefunden, welche gesellschaftliche Reformen zur Milderung oder
Beseitigung des Ausbeutungsverhältnisses in Vorschlag brachten. Will man
alle diese Bestrebungen unter den Begriff Sozialismus zusammenfassen, so
ist der Sozialismus so alt wie die Zivilisation. Hält man sich jedoch an
bestimmtere Erkennungsmerkmale als das bloße Verlangen nach einem
Gesellschaftszustand der Harmonie und des allgemeinen Wohlstandes, so
hat der Sozialismus der Gegenwart als Ideengebilde mit dem irgendeiner
früheren Epoche nur soviel gemein, daß er wie jener der geistige
Niederschlag der besonderen, von den Besitzlosen geführten Klassenkämpfe
seiner Zeit ist. Überall drückt die Struktur der Gesellschaft, auf deren
Boden er gewachsen ist, dem Sozialismus der Epoche ihren Stempel auf.
Der moderne Sozialismus ist das Produkt des Klassenkampfes in der
kapitalistischen Gesellschaft, er wurzelt in dem Klassengegensatz
zwischen Bourgeoisie und modernem Proletariat, einem Gegensatz, der
schon verhältnismäßig früh in der Geschichte in wirklichen Kämpfen zum
Ausdruck kommt, ohne freilich gleich im Anfang von den Kämpfenden selbst
in seiner vollen Tragweite begriffen zu werden. In seinem Anlauf gegen
die privilegierten Stände der feudalen Gesellschaft, sowie in seinem
Ringen mit dem absolutistischen Polizeistaat sieht sich das Bürgertum
zunächst veranlaßt, sich als den Anwalt der Interessen aller
Nichtprivilegierten aufzuspielen, die Beseitigung ihm unbequemer und die
Schaffung ihm behufs Entfaltung seiner Kräfte notwendiger Einrichtungen
jedesmal im Namen des ganzen Volkes zu verlangen. Es handelt dabei lange
Zeit im guten Glauben, denn nur die Vorstellung, die es selbst mit
diesen Forderungen verbindet, erscheint ihm als deren vernunftgemäße,
vor dem gesunden Menschenverstand Bestand habende Auslegung. Das
aufkommende Proletariat aber, soweit es sich selbst bereits von den
zunftbürgerlichen Vorurteilen freigemacht, nimmt die Verheißungen der
bürgerlichen Wortführer so lange für bare Münze, als das Bürgertum
ausschließlich Opposition gegen die Vertreter der ständischen
Institutionen ist. Hat jenes aber einmal die letzteren besiegt oder doch
soweit zurückgedrängt, um an die Verwirklichung seiner eigenen
Bestrebungen gehen zu können, so stellt sich bald heraus, daß die
hinter ihm stehenden Plebejer ganz andere Begriffe von dem versprochenen
Reich Gottes auf Erden haben, als ihre bisherigen Freunde und
Beschützer, und es kommt zu Zusammenstößen, die um so heftiger
ausfallen, je größer vorher die Illusionen waren. Das Proletariat ist
jedoch noch nicht stark genug, seinen Widerstand aufrechtzuerhalten, es
wird mit rücksichtsloser Gewalt zum Schweigen gebracht und tritt auf
lange Zeit wieder vom Schauplatz zurück.
Dies war der Fall in allen bürgerlichen Erhebungen des 16., 17. und 18.
und selbst noch der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Die rasche
Entwicklung, welche die Revolution der Produktionsverhältnisse in
diesem Jahrhundert nahm, änderte jedoch auch das Verhalten des
Proletariats gegenüber der Bourgeoisie. Es bedurfte nicht mehr
außergewöhnlicher Veranlassungen, um den Gegensatz der Interessen und
Bestrebungen der beiden an den Tag treten zu lassen, er kam in den
vorgeschrittenen Ländern auch ohne solche zum Ausdruck. Arbeiter fingen
an, sich zum Widerstand gegen Kapitalisten zu organisieren, die
bürgerlich-kapitalistische Gesellschaftsordnung wurde vom
proletarischen Standpunkt aus der Kritik unterworfen, es entstand eine
antibürgerliche sozialistische Literatur. Verhältnismäßig unbedeutende
Reibereien im Schoße der Bourgeoisie, ein bloßer Konflikt eines ihrer
Flügel gegen einen andern aber genügten, um die tatkräftigeren Elemente
des Proletariats als selbständige Partei mit eigenen Forderungen in die
Aktion treten zu lassen. Die Reformbewegung des liberalen Bürgertums in
England wurde das Signal zur Chartistenbewegung, die Julirevolution in
Frankreich leitete erst eine rein republikanische Propaganda, dann aber
sozialistische und proletarisch-revolutionäre Bewegungen ein, die
zusammen an Ausdehnung kaum hinter der Chartistenagitation
zurückbleiben.
Literarisch und propagandistisch schlägt die Bewegung in den vierziger
Jahren nach Deutschland hinüber. Schriftsteller und Politiker, die
entweder als Exilierte oder um dem Polizeigeruch in der Heimat für eine
Zeitlang zu entgehen, sich ins Ausland begeben, werden Proselyten des
Sozialismus und suchen ihn nach Deutschland zu verpflanzen, deutsche
Arbeiter, die auf ihrer Wanderschaft in Paris oder London gearbeitet,
bringen die sozialistische Lehre in die Heimat zurück und kolportieren
sie auf den Herbergen. Es werden geheime sozialistisch-revolutionäre
Propagandagesellschaften gegründet und schließlich, am Vorabend des
Revolutionsjahres 1848, tritt der Kommunistenbund ins Leben mit einem
Programm, das mit unübertroffener revolutionärer Schärfe und
Entschiedenheit den Gegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie
kennzeichnet, aber zugleich auch ausspricht, daß die besonderen
Verhältnisse in Deutschland dort dem Proletariat zunächst noch die
Aufgabe zuweisen, gemeinsam mit der Bourgeoisie gegen die absolute
Monarchie, das feudale Grundeigentum und die reaktionäre Kleinbürgerei
zu kämpfen.
Die Februarrevolution in Frankreich und die Märzrevolution in
Deutschland fanden das erstere in seinen Zentren stark sozialistisch
unterwühlt, das letztere gleichfalls schon mit einer relativ großen
Anzahl sozialistisch gesinnter Arbeiter durchsetzt. Hier wie dort
lieferten die Arbeiter, wenn auch nicht in gleichem Verhältnis, bereits
die tatkräftigsten Elemente der Revolution. Aber die Verhältnisse waren
in Frankreich, trotz seiner politischen und ökonomischen Überlegenheit,
der Verwirklichung des Sozialismus nicht viel günstiger als in
Deutschland. Auf dem Lande herrschte der kleinbäuerliche Grundsatz vor,
während in den Städten und Industriebezirken zwar die große Industrie
bereits um sich gegriffen, aber doch noch lange nicht die
Alleinherrschaft erobert hatte. Neben ihr spielte, und zwar gerade in
Paris, dem Hauptplatz der Luxusgewerbe, das kleinere und mittlere
Handwerk, wenn es auch aufgehört hatte, Zunfthandwerk zu sein und schon
meist für den Großindustriellen arbeitete, noch eine verhältnismäßig
große Rolle, ganz besonders auch das sogenannte Kunsthandwerk.
Dementsprechend hatte der französische Sozialismus selbst dort, wo er
sich vom eigentlichen Utopismus freigemacht hatte, mit wenigen Ausnahmen
einen stark kleinbürgerlichen Zug. Und auch die Februarrevolution und
die furchtbare Lehre der Junischlacht änderten daran nichts. Sie gaben
dem utopistischen Sozialismus bei den französischen Arbeitern den
Todesstoß, aber an seine Stelle trat auf Jahre hinaus -- der
Proudhonismus.
In dieser relativen Unreife der ökonomischen Verhältnisse liegt die
Erklärung für die sonst unbegreifliche Tatsache, daß, während es damals
in Frankreich von Sozialisten wimmelte, während über 200 Mitglieder der
Deputiertenkammer sich „Sozialdemokraten” nannten, die bonapartistische
Repression die Arbeiter mit leeren Redensarten abzuspeisen vermochte.
In Deutschland war die Unreife natürlich noch größer. Die große Masse
der Arbeiter steckte nicht nur noch tief in kleinbürgerlichen, sondern
teilweise sogar in direkt zunftbürgerlichen Anschauungen. Auf
verschiedenen der Arbeiterkongresse, die das Jahr 1848 ins Leben rief,
wurden die reaktionärsten Vorschläge diskutiert. Nur eine
verhältnismäßig kleine Minderheit der deutschen Arbeiter hatte bereits
die revolutionäre Mission der Arbeiterklasse begriffen. Wenn diese
überall in den vordersten Reihen der Volksparteien kämpfte, wenn sie, wo
immer sie konnte, die bürgerliche Demokratie vorwärtszutreiben suchte,
so zahlte sie die Kosten dafür an ihrem eigenen Leibe. Die Kommunisten
des Jahres 1848 fielen auf den Barrikaden, auf den Schlachtfeldern in
Baden, sie füllten die Gefängnisse, oder mußten, als die Reaktion auf
der ganzen Linie gesiegt, das Exil aufsuchen, wo ein großer Teil von
ihnen im Elend zugrunde ging. Die jungen Arbeiterorganisationen, die das
Frühjahr 1848 ins Leben gerufen, wurden von den Regierungen
unterschiedlos aufgelöst oder zu Tode drangsaliert. Was an Sozialisten
noch im Lande blieb, zog sich entweder in Erwartung günstigerer Zeiten
ganz von der Öffentlichkeit zurück, oder verphilisterte und schloß sich
an die ihm adäquate Fraktion des bürgerlichen Liberalismus an. Letzteres
gilt namentlich auch von einer Anzahl Vertreter des halb schöngeistigen,
halb sansculottischen „wahren” Sozialismus, der mit so vielem Lärm
aufgetreten war. Die Arbeiter selbst aber, mehr oder weniger
eingeschüchtert, lassen von dem Gedanken ihrer Organisation als Klasse
mit selbständigen Zielen ab und verfallen der Vormundschaft der
radikalen Bourgeoisparteien oder der Protektion wohlmeinender
Bourgeoisphilantropen.
Es vollzieht sich eine Entwicklung, die in allen wesentlichen Punkten
mit den in England und Frankreich unter den gleichen Umständen vor
sich gegangenen Wandlungen übereinstimmt. Der Fehlschlag der
erneuerten Agitation der Chartisten im Jahre 1848 hatte in England
die Wirkung, daß der christliche Sozialismus der Maurice, Kingsley,
Ludlow sich in den Vordergrund drängte und einen Teil der Arbeiter
veranlaßte, in selbsthilflerischen Genossenschaften ihre Befreiung zu
suchen -- nicht nur ihre ökonomische, sondern auch ihre
„moralische”, ihre Befreiung vom „Egoismus”, vom „Klassenhaß”
usw. Wenn nun diese ‚christlichen Sozialisten’ auch mit ihren
Bestrebungen weder selbstsüchtige, persönliche Zwecke verbanden, noch
die Geschäfte irgendeiner besonderen Partei der besitzenden Klassen
besorgten, so war die Wirkung ihrer Propaganda unter den Arbeitern,
soweit ihr Einfluß reichte, doch zunächst die der Ablenkung derselben
von den allgemeinen Interessen ihrer Klasse, d. h. politische
Entmannung. Soweit es gelang, den „Klassenegoismus” zu vertreiben,
trat in den meisten Fällen an seine Stelle ein philiströser
Genossenschaftsegoismus und ein nicht minder philisterhaftes
„Bildungs”-Pharisäertum. Die Gewerkvereinsbewegung ihrerseits
verliert sich fast ganz in der Verfolgung der allernächstliegenden
Interessen, während die Reste der Oweniten sich meist auf die
sogenannte freidenkerische Propaganda werfen.
In Frankreich war es die Niederlage der Juni-Insurrektion gewesen,
welche die Arbeiterklasse in den Hintergrund der revolutionären Bühne
drängte. Jedoch vorerst nur in den Hintergrund. Der rege politische
Geist des Pariser Proletariats konnte selbst durch diesen Riesenaderlaß
nicht sofort ertötet werden. „Es versucht sich”, wie Marx im 18.
Brumaire schreibt, „jedesmal wieder vorzudrängen, sobald die Bewegung
einen neuen Anlauf zu nehmen scheint.” Indes seine Kraft war gebrochen,
es konnte selbst nicht einmal mehr vorübergehend siegen. „Sobald eine
der höher über ihm liegenden Gesellschaftsschichten in revolutionäre
Gärung gerät, geht es eine Verbindung mit ihr ein und teilt so alle
Niederlagen, die die verschiedenen Parteien nacheinander erleiden. Aber
diese nachträglichen Schläge schwächen sich immer mehr ab, je mehr sie
sich auf die ganze Oberfläche der Gesellschaft verteilen. Seine
bedeutenderen Führer in der Versammlung und in der Presse fallen der
Reihe nach den Gerichten zum Opfer, und immer zweideutigere Figuren
treten an seine Spitze. Zum Teil wirft es sich auf doktrinäre
Experimente, Tauschbanken und Arbeiter-Assoziationen, also in eine
Bewegung, worin es darauf verzichtet, die alte Welt mit ihren eigenen
großen Gesamtmitteln umzuwälzen, vielmehr hinter dem Rücken der
Gesellschaft, auf Privatweise, innerhalb seiner beschränkten
Existenzbedingungen, seine Erlösung zu vollbringen sucht, also notwendig
scheitert.” (Der achtzehnte Brumaire, 3. Aufl., S. 14 und 15.)
In Deutschland endlich, wo von einer eigentlichen Niederlage der
Arbeiter keine Rede sein konnte, weil diese sich zu einer größeren
Aktion als Klasse noch gar nicht aufgeschwungen hatten, unterblieben
ebenfalls auf lange hinaus alle Versuche von Arbeitern, sich in
nennenswerter Weise selbständig zu betätigen. Während die bürgerliche
Philanthropie in Vereinen „für das Wohl der arbeitenden Klasse” sich
mit der Frage der Arbeiterwohnungen, Krankenkassen und anderen
harmlosen Dingen beschäftigte, nahm sich ein kleinbürgerlicher
Demokrat, der preußische Abgeordnete Schulze-Delitzsch, der
selbsthilflerischen Genossenschaften an, um vermittelst ihrer zur
„Lösung der sozialen Frage” zu gelangen, bei welchem löblichen
Unternehmen ihm gerade die ökonomische Rückständigkeit Deutschlands
in ermunterndster Weise zustatten kam.
Von vornherein hatte Schulze-Delitzsch bei seinen Genossenschaften
weniger die Arbeiter, als die kleineren Handwerksmeister im Auge gehabt;
diese sollten durch Kredit- und Rohstoffvereine in den Stand gesetzt
werden, mit der Großindustrie zu konkurrieren. Da nun die Großindustrie
in Deutschland noch wenig entwickelt war, es dafür aber eine große
Anzahl von Handwerksmeistern gab, die sich noch nicht, wie die Meister
der kleinen Industrie in Frankreich und England, an die große Industrie
angepaßt hatten, sondern noch nach irgendeinem Schutz vor ihr
ausschauten, so mußte bei diesen seine Idee auf einen fruchtbaren Boden
fallen, die geschilderten Genossenschaften ihnen auch, solange sich die
Großindustrie ihres besonderen Produktionszweiges noch nicht bemächtigt
hatte, wirklich von Nutzen sein. So sproßten denn die Kredit- und
Rohstoffvereine fröhlich auf, neben ihnen auch Konsumvereine von
Kleinbürgern und Arbeitern, und im Hintergrunde winkten -- als die Krone
des Ganzen erscheinend -- die Produktivgenossenschaften von Arbeitern
als die Verwirklichung des Gedankens der Befreiung der Arbeit vom
Kapital.
Ebensowenig wie die englischen christlichen Sozialisten verband
Schulze-Delitzsch ursprünglich mit der Propaganda für die
selbsthilflerischen Genossenschaften spezifische politische
Parteizwecke, sondern folgte, gleich jenen, nur einer mit seinem
Klasseninstinkt verträglichen Philanthropie. Zur Zeit, als er sich der
Bewegung zuwandte, war die politische Partei, zu der er gehörte, die
Linke der preußischen Nationalversammlung, von der öffentlichen Bühne
zurückgetreten. Nachdem sie sich von der Krone und deren geliebten
Krautjunkern nach allen Regeln der Kunst hatte hineinlegen lassen, hatte
sie, als die preußische Regierung das Dreiklassenwahlsystem oktroyierte,
bis auf weiteres das Feld geräumt. Sie ballte die Faust in der Tasche
und ließ die Reaktion sich selbst abwirtschaften.
Kleinbürger vom Scheitel bis zur Sohle, aber Kleinbürger mit liberalen
Anschauungen, dabei in seiner Art wohlmeinend, hatte Schulze-Delitzsch,
als er von der Reaktion gemaßregelt worden war, eine Idee aufgegriffen,
die damals allgemein in der Luft lag. „Assoziation” hatte der Ruf der
Sozialisten in den dreißiger und vierziger Jahren gelautet,
Assoziationen hatten Arbeiter im Revolutionsjahr gegründet, Assoziation
dozierte der konservative Schriftsteller V. A. Huber, warum sollte der
liberale Kreisrichter Schulze nicht auch für „Assoziationen” sich
erwärmen?
Da wir auf die Assoziationsfrage an anderer Stelle einzugehen haben
werden, so seien hier nur aus einer 1858 veröffentlichten Schrift
Schulze-Delitzschs einige Sätze zitiert über die Wirkungen, die er von
den selbsthilflerischen Genossenschaften in bezug auf die Lage der
Arbeiter erwartete:
„Und was die im Lohndienst verbleibenden Arbeiter anbelangt, so ist die
Konkurrenz, welche die Assoziationsgeschäfte ihrer bisherigen Genossen
den Unternehmern machen, auch für sie von den günstigsten Folgen. Denn
muß nicht die solchergestalt vermehrte Nachfrage seitens der Unternehmer
zum Vorteil der Arbeiter rücksichtlich der Lohnbedingungen ausschlagen?
Sind nicht die Inhaber der großen Etablissements dadurch genötigt, ihren
Arbeitern möglichst gute Bedingungen zu bieten, weil sie sonst
riskieren, daß dieselben zu einer der bestehenden Assoziationen
übertreten, oder gar selbst eine dergleichen gründen, wozu natürlich die
geschicktesten und strebsamsten Arbeiter am ersten geneigt sein werden?
-- Gewiß, nur auf diese Weise, indem die Arbeiter selbst den
Arbeitgebern Konkurrenz bieten, läßt sich ein dauernder Einfluß auf die
Lohnerhöhung, auf eine günstigere Stellung der Arbeiter im ganzen
ausüben, den man mittelst gesetzlicher Zwangsmittel, wie wir früher
gesehen haben, oder durch die Appellation an die Humanität niemals
allgemein und mit Sicherheit erreicht ...
„Ist nur erst eine Anzahl solcher Assoziationsetablissements von den
Arbeitern errichtet und das bisherige Monopol der Großunternehmer
hierbei durchbrochen, so kann es nicht ausbleiben, daß sich die enormen
Gewinne derselben, welche sie früher ausschließlich zogen, vermindern,
weil sie den Arbeitern ihr Teil davon zukommen lassen müssen. Während
also der Reichtum von der einen Seite etwas bescheidenere Dimensionen
annehmen wird, schwindet auf der andern Seite der Notstand mehr und
mehr, und die Zustände beginnen sich dem Niveau eines allgemeinen
Wohlstandes zu nähern. Damit ist sowohl dem Mammonismus wie dem
Pauperismus eine Grenze gezogen, diesen unseligen Auswüchsen unserer
Industrie, in denen wir zwei gleich feindliche Mächte wahrer Kultur
erblicken ...
„Nur darauf kommen wir immer wieder zurück: daß ehe nicht die Arbeiter
sich aus eigener Kraft und aus eigenem Triebe an dergleichen
Unternehmungen wagen und tatsächlich die Möglichkeit dartun, daß sie es
allenfalls auch allein, ohne Beteiligung der übrigen Klassen,
durchzusetzen vermögen, man sich von seiten dieser wohl hüten wird,
ihnen dabei entgegenzukommen, weil man viel zu sehr dabei interessiert
ist, sie in der bisherigen Abhängigkeit zu erhalten. Erst wenn dieser
Beweis bis zu einem durch die Konkurrenz fühlbaren Grade von ihnen
geliefert ist, erst nachdem sie den Unternehmern einmal selbst als
Unternehmer entgegengetreten sind, dürfen sie auf Beachtung ihrer
Wünsche, auf das Entgegenkommen des Publikums, insbesondere der
Kapitalisten rechnen, welche sie erst dann als Leute zu betrachten
anfangen werden, welche im Verkehr auch mitzählen, während sie ihnen bis
dahin für bloße Nullen galten, die beim Exempel selbständig für sich gar
nicht in Ansatz kamen. Auf dem Gebiete des Erwerbs hat einmal das
Eigeninteresse die unbestrittene Herrschaft, und Ansprüche und
Strebungen, mögen sie noch so gerecht und billig sein, finden nur dann
erst Geltung, wenn sie in sich selbst soweit erstarkt sind, daß sie in
tatsächlichen, lebenskräftigen Gestaltungen sich unabweisbar
hervordrängen.” ... (Vgl. Schulze-Delitzsch, Die arbeitenden Klassen und
das Assoziationswesen in Deutschland. Leipzig 1858, S. 58, 61 und 63.)
Indes auf dem volkswirtschaftlichen Kongreß, der im Sommer 1862
tagte, mußte Schulze eingestehen, daß noch fast gar keine
Produktivgenossenschaften und nur eine winzige Anzahl von Konsumvereinen
beständen. Nur die aus Handwerksmeistern und kleinen Geschäftsleuten
zusammengesetzten Kredit- und Vorschußvereine gediehen, neben ihnen,
aber in geringerer Anzahl, die Rohstoffgenossenschaften.
Wir sind damit unserer Darstellung des Ganges der Ereignisse von 1848
bis zum Beginn der Lassalleschen Agitation etwas vorausgeeilt, und
nehmen jetzt deren Faden wieder auf.
Bereits der Krimkrieg hatte der europäischen Reaktion einen
empfindlichen Stoß versetzt, indem er die „Solidarität der
Regierungen”, die eine ihrer Bedingungen war, arg ins Wanken brachte.
Die Rivalität zwischen Preußen und Österreich trat in dem verschiedenen
Verhalten des Wiener und Berliner Kabinetts zu Rußland von neuem zutage,
während der Tod Nikolaus I. und die Lage, in der sich das Zarenreich am
Ende des Krieges befand, die Reaktionsparteien in Europa ihres stärksten
Hortes beraubte. Rußland hatte vorläufig so viel mit seinen inneren
Angelegenheiten zu tun, daß es auf Jahre hinaus nicht in der Lage war,
sich für die Sache der Ordnung in irgendeinem andern Lande des
„Prinzips” halber zu interessieren, es kam für die innere Politik der
Nachbarstaaten vor der Hand außer Betracht. Zunächst jedoch beschränkte
sich die Rivalität zwischen Preußen und Österreich auf kleinliche
Kabinettsintrigen, ihren Landeskindern gegenüber blieben beide
Regierungen vorderhand noch „solidarisch”.
Einen zweiten Stoß gab der Reaktion die allgemeine Geschäftsstockung,
die 1857 und 1858 sich einstellte. Wie die allgemeine Prosperität 1850
die wankenden Throne zum Stehen gebracht hatte, so brachte die
Handelskrise von 1857, die alle ihre Vorgängerinnen an Ausdehnung und
Intensität übertraf, die stehenden Throne wieder ins Wanken. Überall
gärte es in den unter der Krisis leidenden Volkskreisen, überall
schöpfte die Opposition aus dieser Unzufriedenheit der Massen neue
Kraft, überall erhoben die „Mächte des Umsturzes” von neuem ihr
Haupt. Am drohendsten in Frankreich, wo der Thron freilich am
wenigsten fest stand. Noch einmal versuchte es Napoleon III. mit
drakonischen Gewaltmaßregeln, zu denen das Attentat Orsinis ihm den
Vorwand lieferte; aber als er merkte, daß er dadurch seine Position
eher verschlimmerte als sie zu verbessern, griff er zu einem andern
Mittel. Er versuchte durch einen populären auswärtigen Krieg sein
Regiment im Innern wieder zu befestigen und sein Leben vor den Dolchen
der Carbonari zu beschützen. Diese hatten das einstige Mitglied ihrer
Verschwörung durch Orsini wissen lassen, daß, wenn er sein ihnen
gegebenes Wort nicht einlöse, sich immer neue Rächer gegen ihn erheben
würden. Der italienische Feldzug wurde also eingeleitet. Fast um
dieselbe Zeit nimmt in Preußen mit der Regentschaft Wilhelms I. die
„Neue Ära” ihren Anfang. Von dem vorderhand noch geheimgehaltenen
Wunsch beherrscht, Österreichs Hegemonie in Deutschland zu brechen,
sucht Wilhelm I., damals noch Prinzregent, das liberale Bürgertum zu
gewinnen und ernennt ein diesem genehmes Ministerium. Anfangs ging
auch alles gut. Gerührt, daß er so ganz ohne sein Zutun wieder
Gelegenheit bekam, mit dreinzureden, überbot sich der bürgerliche
Liberalismus in allen möglichen Loyalitätsbeteuerungen. Der
„Nationalverein” wurde gegründet mit dem Programm: Deutschlands
Einigung unter Preußens Spitze. Preußen wurde die ehrenvolle Rolle
zuerteilt, die politischen und nationalen Aspirationen der liberalen
Bourgeoisie zu verwirklichen. Ein neuer Völkerfrühling schien
angebrochen und ein viel schönerer als der von 1848, denn er versprach
die Rose ohne die Dornen. Bei einer revolutionären Erhebung ist man
nie sicher, wo sie Halt macht und welche Elemente sie in ihrem
Verlaufe entfesselt. Jetzt aber brauchte man nicht die unbekannte
Masse aufzurufen, alles versprach sich hübsch parlamentarisch
abzuspielen. Wenn es jedoch wider Erwarten zu jenem Äußersten kommen
sollte -- hatte nicht das Beispiel der Schulze-Delitzschen Spar- und
Konsumvereine, der Vorschuß- und Rohstoffgenossenschaften die Arbeiter
von ihren sozialistischen Utopien geheilt und ihnen den Beweis
geliefert, welche große Dinge sie von der Selbsthilfe zu erwarten
hätten, sie überzeugt, daß sie nichts, aber auch gar nichts als die
liberalen „Freiheiten” brauchten?
Wer heute die sozialpolitische Literatur des deutschen Liberalismus
jener Tage wieder nachliest, dem fällt nichts so sehr auf als die
kolossale Naivetät, die darin in bezug auf alle Fragen vorherrscht, die
über den engen Horizont des aufgeklärten Gewürzkrämers hinausgehen. Man
war sehr gebildet, sehr belesen, man wußte sehr viel von altathenischer
Verfassung und englischem Parlamentarismus zu erzählen, aber die
Nutzanwendung, die man aus allem zog, war immer die, daß der aufgeklärte
deutsche Gewürzkrämer oder Schlossermeister der Normalmensch sei, und
daß, was diesem nicht in den Kram passe, wert sei, daß es zugrunde gehe.
Mit dieser selbstgefälligen Naivetät trieb man es im preußischen
Abgeordnetenhaus zum Verfassungskonflikt, noch ehe man sich fest in den
Sattel gesetzt, und mit dieser Naivetät entfremdete man sich die
Arbeiterklasse, lange bevor ein ernsthafter Interessengegensatz dazu
Veranlassung gab. Man wußte erschrecklich viel Geschichte, aber man
hatte „auch wirklich nichts” aus ihr gelernt.
Auf die Ursachen und den Gegenstand des preußischen Verfassungskonflikts
braucht hier nicht eingegangen zu werden. Genug, er brach aus, und der
Liberalismus sah sich plötzlich, er wußte selbst nicht wie, im
heftigsten Krakeel mit eben der Regierung, die er die schöne Rolle der
Wiederherstellung des Deutschen Reiches zugedacht, die Hegemonie in
Deutschland zugesprochen hatte. Indes das war vorläufig nur Pech, aber
kein Unglück. Die liberale Partei war mittlerweile so stark geworden,
daß sie den Streit eine gute Weile aushalten konnte. Dank dem bornierten
Trotz ihres Widersachers hatte sie fast das ganze Volk hinter sich. Die
nationale Strömung hatte alle Klassen der Bevölkerung erfaßt; von der
kleinen Vetterschaft der ostelbischen Feudalen und Betbrüder abgesehen,
überließen sie namentlich der inzwischen konstituierten
Fortschrittspartei die Ausfechtung des Kampfes mit der preußischen
Regierung. Welche Fehler diese Partei auch beging, wie gemischt auch
immer ihre Elemente, wie unzulänglich auch ihr Programm, in jenem
Zeitpunkt vertrat sie, gegenüber der aufs neue ihr Haupt erhebenden
Koalition von Junkertum und Polizeiabsolutismus, eine Sache, bei der ihr
Sieg im Interesse aller nicht feudalen Gesellschaftselemente lag: das
Budgetrecht der Volksvertretung.
Aber einer Partei zeitweilig eine politische Aufgabe zuerkennen, heißt
noch nicht, sich ihr mit Haut und Haaren verschreiben, ihr gegenüber auf
jede Selbständigkeit verzichten. Das fühlten auch die entwickelteren
Elemente unter den deutschen Arbeitern. Ihnen konnte die Rolle der
Statisten, die ihnen die liberalen Wortführer zumuteten, die Kost, die
ihnen in den von diesen patronisierten Bildungs- usw. Vereinen
dargeboten wurde, unmöglich auf die Dauer genügen. Noch waren die alten
kommunistischen und revolutionären Traditionen nicht völlig
ausgestorben, noch gab es gar manchen Arbeiter, der entweder selbst
Mitglied irgendeiner der kommunistischen Verbindungen gewesen oder von
Mitgliedern über deren Grundsätze aufgeklärt, von ihnen mit
kommunistischen Schriften versehen worden war. Unter diesen, und durch
sie angeregt, fing man an, in immer weiteren Kreisen der Arbeiter die
Frage zu erörtern, ob es nicht an der Zeit sei, wenn nicht sofort eine
eigne Arbeiterpartei mit einem eignen Arbeiterprogramm, so doch
wenigstens einen Arbeiterverband zu schaffen, der etwas mehr sei als
eine bloße Kreatur der liberalen Partei.
Hätten die Herren Fortschrittler und Nationalvereinler nur ein wenig
aus der Geschichte anderer Länder gelernt gehabt, es wäre ihnen ein
Leichtes gewesen, zu verhindern, daß diese Bewegung sich ihnen
feindselig gegenüberstellte, solange sie selbst im Kampf mit der
preußischen Regierung lagen. Aber sie waren viel zu viel von dem
Gefühl durchdrungen, daß sie, da sie ja die Volkssache vertraten,
_das_ „Volk”, und als „Volk der Denker” über die Einseitigkeiten
-- nämlich die Klassenkämpfe -- des Auslandes erhaben seien; und so
begriffen sie denn auch nicht, daß es sich hier um eine Strömung
handelte, die früher oder später eintreten mußte, und daß es
nur darauf ankam, sich mit ihr auf eine verständige Weise
auseinanderzusetzen. So verliebt waren sie in sich, daß sie gar nicht
zu fassen vermochten, daß die Arbeiter noch nach mehr geizen konnten,
als nach der Ehre, durch sie vertreten zu sein. Die Antwort auf das
Gesuch, den Arbeitern die Eintrittsbedingungen in den Nationalverein
zu erleichtern: „Die Arbeiter sollen sich als die geborenen
Ehrenmitglieder des Vereins betrachten” -- d. h. hübsch draußen
bleiben -- war in der Tat typisch für das Unvermögen der
Parteigenossen des braven Schulze, etwas anderes zu begreifen, als
den denkenden Spießbürger -- ihr Ebenbild, ihren Gott.
So kam es unter anderem zu jenen Diskussionen in Leipziger
Arbeiterversammlungen, deren Ergebnis die Bildung eines Komitees zur
Einberufung eines Kongresses deutscher Arbeiter und in weiterer Folge
die Anknüpfung von Verhandlungen mit Ferdinand Lassalle war.
Lassalles Jugend, der Hatzfeldt-Prozeß, die Assisenrede und der Franz
von Sickingen.
Als das Leipziger Komitee sich an Lassalle wandte, stand dieser in
seinem 37. Lebensjahre, in der Vollkraft seiner körperlichen und
geistigen Entwicklung. Er hatte bereits ein bewegtes Leben hinter sich,
sich politisch und wissenschaftlich -- beides allerdings zunächst
innerhalb bestimmter Kreise -- einen Namen gemacht, er unterhielt
Verbindungen mit hervorragenden Vertretern der Literatur und Kunst,
verfügte über ansehnliche Geldmittel und einflußreiche Freunde -- kurz,
nach landläufigen Begriffen konnte ihm das Komitee, eine aus bisher
völlig unbekannten Persönlichkeiten zusammengesetzte Vertretung einer im
Embryozustand befindlichen Bewegung, nichts bieten, was er nicht schon
hatte. Trotzdem ging er mit der größten Bereitwilligkeit auf dessen
Wünsche ein und traf die einleitenden Schritte, der Bewegung diejenige
Richtung zu geben, die seinen Ansichten und Zwecken am besten entsprach.
Von anderen Rücksichten abgesehen, zog ihn gerade der Umstand besonders
zu ihr hin, daß die Bewegung noch keine bestimmte Form angenommen hatte,
daß sie sich ihm als eine ohne Schwierigkeit zu modelnde Masse
darstellte. Ihr erst Form zu geben, sie zu einem Heerbann in seinem
Sinne zu gestalten, das entsprach nicht nur seinen hochfliegenden
Plänen, das war überhaupt eine Aufgabe, die seinen natürlichen Neigungen
ungemein sympathisch sein mußte. Die Einladung traf ihn nicht nur bei
seiner sozialistischen Überzeugung, sondern auch bei seinen Schwächen.
Und so ging er denn mit großer Bereitwilligkeit auf sie ein.
Die vorliegende Arbeit beansprucht nicht, eine eigentliche Biographie
Ferdinand Lassalles zu geben, die sehr ansehnliche Zahl der
Lebensbeschreibungen des Gründers des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins noch um eine weitere zu vermehren. Der für sie zur
Verfügung stehende Raum gebietet von vielem abzusehen, was zu einer
Biographie gehörte. Was sie in erster Reihe will, ist vielmehr die
Persönlichkeit und Bedeutung Ferdinand Lassalles zu schildern, insoweit
seine politisch-literarische und agitatorische Tätigkeit in Betracht
kommt. Nichtsdestoweniger ist ein Rückblick auf den Lebenslauf Lassalles
unerläßlich, da er erst den Schlüssel zum Verständnis seines politischen
Handelns liefert.
Schon seine Abstammung scheint auf die Entwicklung Lassalles eine große,
man kann sogar sagen verhängnisvolle Wirkung ausgeübt zu haben. Wir
sprechen hier nicht schlechthin von vererbten Eigenschaften oder
Dispositionen, sondern von der bedeutungsvollen Tatsache, daß das
Bewußtsein, von jüdischer Herkunft zu sein, Lassalle eingestandenermaßen
noch in vorgeschrittenen Jahren peinlich war, und daß es ihm trotz seines
eifrigen Bemühens oder vielleicht gerade wegen dieses Bemühens nie
gelang, sich tatsächlich über seine Abstammung hinwegzusetzen, eine
innerliche Befangenheit loszuwerden. Aber man darf nicht vergessen, daß
Lassalles Wiege im östlichen Teil der preußischen Monarchie gestanden
hatte -- er wurde am 11. April 1825 in Breslau geboren --, wo bis zum
Jahre 1848 die Juden nicht einmal formell völlig emanzipiert waren. Die
Wohlhabenheit seiner Eltern ersparte Lassalle viele Widerwärtigkeiten,
unter denen die ärmeren Juden damals zu leiden hatten, aber sie schützte
ihn nicht vor den allerhand kleinen Kränkungen, denen die Angehörigen
jeder für untergeordnet gehaltenen Rasse, auch wenn sie sich in guter
Lebensstellung befinden, ausgesetzt sind, und die in einer so
selbstbewußten Natur, wie Lassalle von Jugend auf war, zunächst einen
trotzigen Fanatismus des Widerstandes erzeugen, der dann später oft in
das Gegenteil umschlägt. Wie stark dieser Fanatismus bei dem jungen
Lassalle war, geht aus seinem durch Paul Lindau zur Veröffentlichung
gebrachten Tagebuch aus den Jahren 1840 und 1841 hervor. Am
1. Februar 1840 schreibt der noch nicht 15 Jahre alte Ferdinand in sein
Tagebuch:
„... Ich sagte ihm dies, und in der Tat, ich glaube, ich bin einer
der besten Juden, die es gibt, ohne auf das Zeremonialgesetz zu
achten. Ich könnte, wie jener Jude in Bulwers ‚Leila’ mein Leben
wagen, die Juden aus ihrer jetzigen drückenden Lage zu reißen. Ich
würde selbst das Schafott nicht scheuen, könnte ich sie wieder zu
einem geachteten Volke machen. O, wenn ich meinen kindischen Träumen
nachhänge, so ist es immer meine Lieblingsidee, an der Spitze der
Juden mit den Waffen in der Hand sie selbständig zu machen.” Die
Mißhandlungen der Juden in Damaskus im Mai 1840 entlocken ihm den
Ausruf: „Ein Volk, das dies erträgt, ist schrecklich, es räche oder
dulde die Behandlung.” Und an den Satz eines Berichterstatters: „Die
Juden dieser Stadt erdulden Grausamkeiten, wie sie nur von diesen
Parias der Erde ohne furchtbare Reaktion ertragen werden können”,
knüpft er die von Börne übernommene Betrachtung an: „Also sogar die
Christen wundern sich über unser träges Blut, daß wir uns nicht
erheben, nicht lieber auf dem Schlachtfeld, als auf der Tortur
sterben wollen. Waren die Bedrückungen, um deren willen sich die
Schweizer einst erhoben, größer?... Feiges Volk, du verdienst kein
besseres Los.” Noch leidenschaftlicher äußert er sich einige Monate
später (30. Juli): „Wieder die abgeschmackten Geschichten, daß die
Juden Christenblut brauchten. Dieselbe Geschichte, wie in Damaskus,
auch in Rhodos und Lemberg. Daß aber aus allen Winkeln der Erde man
mit diesen Beschuldigungen hervortritt, scheint mir anzudeuten, daß
die Zeit bald reif ist, in der wir in der Tat durch Christenblut uns
helfen werden. Aide-toi et le ciel t'aidera. Die Würfel liegen, es
kommt auf den Spieler an.”
Diese kindischen Ideen verfliegen, je mehr sich der Blick erweitert,
aber die Wirkung, die solche Jugendeindrücke auf die geistigen
Dispositionen ausüben, bleibt. Zunächst wurde der frühreife Lassalle
durch den Stachel der „Torturen”, von denen er schreibt, um so mehr
angetrieben, sich für seine Person um jeden Preis Anerkennung und
Geltung zu verschaffen. Auf der anderen Seite wird der Rebell gegen die
Unterdrückung der Juden durch die Christen bald politischer
Revolutionär. Dabei macht er einmal, als er Schillers Fiesko gesehen,
folgende, von merkwürdig scharfer Selbstkritik zeugende Bemerkung: „Ich
weiß nicht, trotzdem ich jetzt revolutionär-demokratisch-republikanische
Gesinnungen habe wie einer, so fühle ich doch, daß ich an der Stelle des
Grafen Lavagna ebenso gehandelt und mich nicht damit begnügt hätte,
Genuas erster Bürger zu sein, sondern nach dem Diadem meine Hand
ausgestreckt hätte. Daraus ergibt sich, wenn ich die Sache bei Lichte
betrachte, daß ich bloß Egoist bin. Wäre ich als Prinz oder Fürst
geboren, ich würde mit Leib und Leben Aristokrat sein. So aber, da ich
bloß ein schlichter Bürgerssohn bin, werde ich zu seiner Zeit Demokrat
sein.”
Sein politischer Radikalismus ist es auch, der 1841 den
sechzehnjährigen Lassalle veranlaßt, den vorübergehend gefaßten
Entschluß, sich zum Kaufmannsberuf vorzubereiten, wieder aufzugeben und
von seinem Vater die Erlaubnis zu erwirken, sich zum Universitätsstudium
vorzubereiten. Die lange Zeit verbreitete Anschauung, als sei Lassalle
von seinem Vater wider seinen Willen auf die Handelsschule nach Leipzig
geschickt worden, ist durch das Tagebuch als durchaus falsch erwiesen,
Lassalle hat selbst seine Übersiedelung vom Gymnasium auf die
Handelsschule betrieben. Freilich nicht aus vorübergehender Vorliebe für
den Kaufmannsberuf, sondern um den Folgen einer Reihe von leichtsinnigen
Streichen zu entgehen, die er zu dem Zweck begangen hatte, seinem Vater
nicht die tadelnden Zensuren zeigen zu müssen, welche er -- nach seiner
Ansicht unverdient -- zu erhalten pflegte. Als es ihm aber auf der
Leipziger Handelsschule nicht besser erging als auf dem Breslauer
Gymnasium, als er auch dort mit den meisten der Lehrer, und vor allem
mit dem Direktor in Konflikte geriet, die sich immer mehr zuspitzten, je
radikaler Lassalles Ansichten wurden, da war's auch sofort mit der
Kaufmannsidee bei ihm vorbei. Im Mai 1840 hat er die Handelsschule
bezogen, und schon am 3. August „hofft” er, daß der „Zufall” ihn
eines Tages aus dem Kontor herausreißen und auf einen Schauplatz
werfen werde, auf dem er öffentlich wirken könne. „Ich traue auf den
Zufall und auf meinen festen Willen, mich mehr mit den Musen als den
Haupt- und Strazzabüchern, mich mehr mit Hellas und dem Orient, als
mit Indigo und Runkelrüben, mehr mit Thalien und ihren Priestern, als
mit Krämern und ihren Kommis zu beschäftigen, mich mehr um die
Freiheit, als um die Warenpreise zu bekümmern, heftiger die Hunde von
Aristokraten, die dem Menschen sein erstes, höchstes Gut wegnehmen,
als die Konkurrenten, die den Preis verschlechtern, zu verwünschen.”
„Aber beim Verwünschen soll's nicht bleiben,” setzt er noch hinzu. Zu
dem Radikalismus kommt der immer stärkere Drang, den Juden in sich
abzuschütteln, und dieser Drang ist schließlich so energisch, daß,
als Lassalle im Mai 1841 dem Vater seinen „unwiderruflichen”
Entschluß mitteilt, doch zu studieren, er zugleich ablehnt, Medizin
oder Jura zu studieren, weil „der Arzt wie der Advokat Kaufleute
sind, die mit ihrem Wissen Handel treiben”. Er aber wolle studieren
„des Wirkens wegen”. Mit dem letzteren war der Vater zwar nicht
einverstanden, er willigte aber ein, daß Lassalle sich zum Studium
vorbereite.
Nun arbeitete Lassalle mit Rieseneifer, und war im Jahre 1842 schon so
weit, sein Maturitätsexamen abzulegen. Er studiert zuerst Philologie,
geht aber dann zur Philosophie über und entwirft den Plan zu einer
größeren philologisch-philosophischen Arbeit über den Philosophen
Herakleitos von Ephesus. Daß er sich gerade diesen Denker zum Gegenstand
der Untersuchung auswählte, von dem selbst die größten Philosophen
Griechenlands bekannt hatten, daß sie nie sicher seien, ob sie ihn ganz
richtig verstanden, und der deshalb den Beinamen „der Dunkle” erhielt,
ist wiederum in hohem Grade bezeichnend für Lassalle. Mehr noch als die
Lehre Heraklits, den Hegel selbst als seinen Vorläufer anerkannt hatte,
reizte ihn das Bewußtsein, daß hier nur durch glänzende Leistungen
Lorbeeren zu erlangen waren. Neben dem schon erwähnten Trieb, jedermann
durch außergewöhnliche Leistungen zu verblüffen, hatte Lassalle zugleich
das Bewußtsein, jede Aufgabe, die er sich stellte, auch lösen zu können.
Dieses grenzenlose Selbstvertrauen war das Fatum seines Lebens. Es hat
ihn in der Tat Dinge unternehmen und zu Ende führen lassen, vor denen
tausend andere zurückgeschreckt wären, selbst wenn sie über die
intellektuellen Fähigkeiten Lassalles verfügt hätten, es ist aber auf
der andern Seite zum Anlaß verhängnisvoller Fehlgriffe und schließlich
zur Ursache seines jähen Endes geworden.
Nach vollendetem Studium ging Lassalle 1845 an den Rhein und später
nach Paris, teils um dort in den Bibliotheken zu arbeiten, teils um
die Weltstadt, das Zentrum des geistigen Lebens der Epoche,
kennenzulernen. In Paris gingen damals die Wogen der sozialistischen
Bewegung sehr hoch, und so zog es auch Lassalle dorthin, der 1843
schon sein sozialistisches Damaskus gefunden hatte. Ob und inwieweit
Lassalle mit den in Paris lebenden deutschen Sozialisten bekannt
wurde -- Karl Marx war, nachdem die „Deutsch-französischen
Jahrbücher” eingegangen und der „Vorwärts” sistiert worden war, im
Januar 1845 aus Paris ausgewiesen worden und nach Brüssel übersiedelt
--, darüber fehlen zuverlässige Angaben. Wir wissen nur, daß er viel
mit Heinrich Heine verkehrte, an den er empfohlen war, und dem er in
mißlichen Geldangelegenheiten (einem Erbschaftsstreit) große Dienste
leistete. Die Briefe, in denen der kranke Dichter dem zwanzigjährigen
Lassalle seine Dankbarkeit und Bewunderung aussprach, sind bekannt.
Sie lassen unter anderem erkennen, welch starken Eindruck Lassalles
Selbstbewußtsein auf Heine gemacht hat.
Nach Deutschland zurückgekehrt, machte Lassalle im Jahre 1846 die
Bekanntschaft der Gräfin Sophie von Hatzfeldt, die sich seit Jahren
vergeblich bemühte, von ihrem Manne, einem der einflußreichsten
Aristokraten, der sie allen Arten von Demütigungen und Kränkungen
ausgesetzt hatte, gesetzliche Scheidung und Herausgabe ihres Vermögens
zu erlangen. Man hat über die Motive, welche Lassalle veranlaßten, die
Führung der Sache der Gräfin zu übernehmen, vielerlei Vermutungen
aufgestellt. Man hat sie auf ein Liebesverhältnis mit der zwar nicht
mehr jugendlichen, aber noch immer schönen Frau zurückführen wollen,
während Lassalle selbst sich im Kassettenprozeß mit großer
Leidenschaftlichkeit dagegen verwahrt hat, durch irgendeinen anderen
Beweggrund dazu veranlaßt worden zu sein, als den des Mitleids mit
einer verfolgten, von allen helfenden Freunden verlassenen Frau, dem
Opfer ihres Standes, dem Gegenstand der brutalen Verfolgungen eines
übermütigen Aristokraten. Es liegt absolut kein Grund vor, dieser
Lassalleschen Beteuerung nicht zu glauben. Ob nicht Lassalle in den
folgenden Jahren vorübergehend in ein intimeres Verhältnis als das der
Freundschaft zur Gräfin getreten ist, mag dahingestellt bleiben; es ist
aber schon aus psychologischen Gründen unwahrscheinlich, daß ein solches
Verhältnis gleich am Anfang ihrer Bekanntschaft, als Lassalle den Prozeß
übernahm, bestanden habe. Viel wahrscheinlicher ist es, daß neben der
vielleicht etwas romantisch übertriebenen, aber doch durchaus
anerkennenswerten Parteinahme für eine verfolgte Frau und dem Haß gegen
den hochgestellten Adligen gerade das Bewußtsein, daß es sich hier um
eine Sache handelte, die nur mit Anwendung außergewöhnlicher Mittel und
Kraftentfaltung zu gewinnen war, einen großen Reiz auf Lassalle ausgeübt
hat. Was andere abgeschreckt hätte, zog ihn unbedingt an.
Er hat in dem Streit gesiegt, er hat den Triumph gehabt, daß der
hochmütige Aristokrat vor ihm, dem „dummen Judenjungen” kapitulieren
mußte. Aber er ist gleichfalls nicht unverletzt aus dem Kampf
hervorgegangen. Um ihn zu gewinnen, hatte er freilich außergewöhnliche
Mittel aufwenden müssen, aber es waren nicht, oder richtiger, nicht nur
die Mittel außergewöhnlicher Vertiefung in die rechtlichen Streitfragen,
außergewöhnlicher Schlagfertigkeit und Schärfe in der Widerlegung der
gegnerischen Finten; es waren auch die außergewöhnlichen Mittel des
unterirdischen Krieges: die Spionage, die Bestechung, das Wühlen im
ekelhaftesten Klatsch und Schmutz. Der Graf Hatzfeldt, ein gewöhnlicher
Genußmensch, scheute vor keinem Mittel zurück, seine Ziele zu erreichen,
und um seine schmutzigen Manöver zu durchkreuzen, nahm die Gegenseite zu
Mitteln ihre Zuflucht, die nicht gerade viel sauberer waren. Wer die
Aktenstücke des Prozesses nicht gelesen, kann sich keine Ahnung machen
von dem Schmutz, der dabei aufgewühlt und immer wieder herangeschleppt
wurde, von der Qualität der beiderseitigen Anklagen und -- Zeugen.