endlich über sich gewann, ordnende Hand an dessen hinterlassene Papiere
zu legen. Das heiße Weh seines unersetzlichen Verlustes packte ihn
mit erneuter Gewalt, als er mit zitternden Fingern unter den vergilbten
Blättern wühlte -- sterbende Spuren des erstorbenen Lebens. Briefe,
Zeichnungen, amtliche und Geschäftspapiere glitten durch seine Hand.
Wichtiges wurde zur Seite gelegt, anderes dem Feuer übergeben. Ganze
Stöße lohten bereits leise flüsternd und knisternd im Kamin. Erwin
trennte sich schwer von diesen Blättern. Allein, er hielt es für gut so.
Wußte er denn, wenn auch für ihn der Augenblick kommen würde, der in der
Vernichtung waltenden Naturkraft seinen Tribut zu zahlen? Und kein fremdes
Auge sollte mit kalter Neugier das ihm theuerste Vermächtniß entweihen.
Immer neue und neue Schriftenbündel wanderten in den Kamin, der vom
Papierfeuer rasch erhitzt, milde Wärmeströme in das Gemach ausstrahlte,
in welches vom Garten her durch das halbgeöffnete Fenster kalte Nachtluft
drang.
Es war im Frühling. Das lockende Lächeln sonniger Tage hatte das
schlummernde Leben der Natur wachgeküßt -- um ihr Vertrauen grausam zu
enttäuschen. Ein heftiges Gewitter hatte neuen Schnee auf die nahen Berge
gebracht, und jetzt, als der nächtliche Himmel klar und sternhell über
der blühenden Erde sich wölbte, lauerte der Frost, um den segenspendenden
Thau in lebenmordendes Eis zu verwandeln.
Hier in der stillen Kammer flatterte Blatt um Blatt, von der geliebten,
liebenden Hand beschrieben, in die züngelnden Flammen, um auf dem Hügel
des grauen Aschengrabes den vorangegangenen Brüdern sich zuzugesellen.
Da, Briefe der Mutter, die er nie gekannt, dort von Freunden des Vaters,
dazwischen Rechnungen, Quittungen, geschäftliche Aufzeichnungen. Und hier
ein Notizbuch, ganz von der Hand des Vaters ausgefüllt. Erwin schlägt es
auf und blättert darin. Sein Auge feuchtet sich. Es sind nur Zahlen, die
das Büchlein enthält. Und doch, wie rütteln diese nüchternen, trockenen
Zahlen an seiner Seele, den unermeßlichen Verlust, den sie erlitten, neu
verschärfend! Es enthält die Einnahmen und Auslagen seines Vaters durch
eine lange Reihe von Jahren mit pünktlichster Genauigkeit verzeichnet. Auf
der einen Seite die Einnahmen, sie bleiben sich stetig gleich: die Rente
des winzigen Vermögens und das langsam aufsteigende Gehalt des Vaters.
Auf der gegenüberstehenden Seite die Auslagen: Wohnung, Kost, Kleider --
außer der Bestreitung der gemeinschaftlichen Bedürfnisse größtentheils
Auslagen für ihn, Erwin, sein Schulgeld, Bücher und so weiter. Der
gute Vater, wie wenig hatte er sich gegönnt, um dem Sohne Genügendes zu
bieten!
Schon ist Erwin im Begriffe, das Büchlein zur Seite zu legen. Mit
lässigem Finger schlägt er noch ein Blatt zurück.
Da verfärben sich plötzlich seine Wangen, weit öffnet sich sein Auge,
sein erstarrender Blick heftet sich auf ein kleines Wörtchen. Auf der
Seite der Einnahmen, dicht unter dem Monatsgehalt, steht geschrieben:
»Von Doctor Berger tausend Franken.«
* * * * *
Welk und todt senkten die vom nächtlichen Frost gemordeten Blüthen und
Blumen ihre Häupter, als Erwin am nächsten Morgen auf dem Wege nach dem
Amte sein Gärtchen durchschritt. Ohne ihrer zu achten, ging er an ihnen
vorüber.
Die Freunde und Bekannten aber, die ihm begegneten, blickten ihm betroffen
nach. Kaum erkannten sie ihn wieder, so verändert schien er. Er war nicht
krank gewesen -- und doch sah er um viele Jahre gealtert aus --
»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht --«
Der kleine Geiger.
In einer mächtigen deutschen Stadt weiß ich ein schönes Haus, in dem ich
manch glückliche Stunde meines Lebens verbracht. Nicht mitten im Gewühle
des Häusermeeres ist es gelegen, sondern außerhalb des Stadtthores, dort,
wo vor etwa dreißig Jahren noch tiefer Wald gestanden. »Garten« wird
dieses von ausgedehnten Plätzen und breiten Straßen durchschnittene
Gebiet nunmehr genannt. Aber nicht in zierlicher Cultur und Kunst blickt es
dem Besucher überall entgegen; an manchen Stellen weist es noch die alte
Pracht und stolze Würde des einstigen Waldes auf.
Jenes, mit der kleinen Geschichte, die ich hier erzählen will, verwebte
Stück des Gartens kann keinen Anspruch darauf erheben, ob seiner
großartigen, landschaftlichen Reize gerühmt zu werden, immerhin aber ist
es von lieblichem, dem Auge wohlthuenden Grün geschmückt, von frischer,
erquickender Luft durchweht und von weniger Menschen heimgesucht als andere
Partien des ausgedehnten Gartens.
An der dieses Terrain durchschlängelnden schmalen Chaussee liegt das Haus,
zu welchem meine Erinnerung mich heute zurückführt. In griechischem Stile
mit feinem Geschmacke erbaut, die Vorderfront dem grünen, luftigen
Haine zugekehrt, durch Umzäunung und schattige Parkanlagen von
den Nachbarhäusern getrennt, erhebt es sich in schmuckloser, edler
Einfachheit.
Im Frühling, wenn die linden Lüfte durch den großen Garten wehen und die
Rosenbäume und Hecken um die Villa ihren entzückenden Duft verbreiten,
dann klingen von allen Ecken des Hauses Gesang und Saitenspiel durch die
weitgeöffneten Fenster. Die schönsten und süßesten Klänge aber tönen,
nicht allen Vorübergehenden vernehmbar, von der Rückseite her, die frei
an einen öden, sandigen Bauplatz stößt.
Wenige dachten daran, ihre Schritte dorthin zu lenken. Nur ein kleiner
Kinderwagen wurde, am weiten Tummelplatze fröhlich spielender Knaben und
Mädchen vorüber, täglich dahingerollt. Das halbwüchsige Mädchen,
das den Wagen leitete, trabte stets wieder von dannen, nachdem es für
denselben ein Plätzchen im Schatten des Hauses gefunden und allerlei
Steinchen, Gräser und Blätter auf das Bettchen im Inneren des Wagens
gelegt hatte.
Das erregte gar sehr meine Neugierde und einmal, als ich wieder um
die Mittagszeit heimwärts schlenderte, ging ich flugs auf das winzige
Wagengebäude los, um einen kecken Blick auf dessen stillen Insassen zu
werfen, der hier täglich für lange Stunden der Einsamkeit anvertraut
wurde. Leise schlich ich mich um die Ecke und schob das grüne Tuch, das
vom Wagendache herabhing, behutsam zur Seite.
Da sah ich auf dem mit großgeblümtem Kattun überzogenen Kissen einen
blonden Knabenkopf liegen, so weiß und bleich, als läge eine Gipsmaske
über dem Gesichtchen. Die Augen waren geschlossen und leiser Athem bewegte
kaum bemerkbar die Wangen und Nasenflügel des kleinen Träumers. Kein
Strahl des warmen, goldigen Sonnenglanzes, in dem die frühlingsfrische
Erde gebadet lag, fiel in die von dem kahlen Sandplatze umgebene Mauerecke,
wo der blasse Knabe in seinem dürftigen Strohwägelchen schlummerte.
Armes Kind! Gern hätte ich Dich wachgeküßt. Aber ach, der Thränenstrom
aus mitleidsvollem Herzen hätte Dir nichts gefruchtet. Du brauchtest
kräftigere Arznei für Deine fahlen Wangen, für Deine so mühsam athmende
Brust -- Du brauchst das Glück.
Ich wollte mich abwenden, um heimzugehen, aber da zog aus offenem Fenster
des Hauses ein sanfter Ton auf weicher Saite in die zitternde, webende
Mittagsluft, schwellte, wuchs und breitete sich und öffnete die müden
Lider des Schläfers. Der Knabe bewegte und bog sich aus dem engen
Wagenraum; beseligtes Staunen malte sich in den feinen Zügen und
aus großen, vertrauenden Kinderaugen blickte er hinaus in das blaue,
sonnendurchleuchtete Aethergewölbe über sich und hinauf zu dem Fenster,
aus dem die süßen Töne quollen. Immer voller und gewaltiger wurde der
Gesang der Saiten, immer strahlender das Auge und bleicher die Wange des
entzückten Lauschers, bis alles verklungen war. Dann sank er ermattet in
die Polster zurück und die farblosen Lippen flüsterten: »So wollt' ich's
können! -- Ach, wenn ich eine Geige hätte!« -- und ich ergrimmte ob
solch hilflosen Wehes der Sehnsucht.
Der Künstler aber -- die Welt nannte ihn damals und nennt ihn noch heute
den »Geigenkönig« -- hörte mir lächelnd zu, als ich ihm von dem Knaben
erzählte, und machte ihm eine kleine Geige zum Geschenk.
Als der Sommer kam, wurde für den Wagen des Kleinen eine andere Ruhestelle
gesucht, abseits vom Hause auf grünem Rasenplatz, im kühlen Schatten
dichtbelaubter Bäume. Aber auch hier schlich ich mich oftmals leise an und
belauschte ihn, wie er seine von ihm unzertrennliche Geige in den zarten
Händen hielt und darauf Töne zu bilden suchte, süße, liebliche Laute,
und ich freute mich, als ich sah, daß die Zufriedenheit des erfüllten
Herzenswunsches und der reichliche Aufenthalt im Freien die früher so
blassen Wangen des Kindes mit rosenfarbenem Anhauch überkleideten.
Doch der Sommer enteilte. Die Rasenteppiche bleichten dem Winter entgegen;
die grünen Wälder färbten sich in gelbe und braune Tinten. Ein
langandauernder Regen fiel, und als sich der Himmel wieder aufheiterte,
brachte die nächste Nacht Reif und Frost. Auf Büschen und Bäumen waren
die vergilbten Blätter von der Nässe zusammengeklebt, und als die
müde Herbstsonne sie allmählich wieder getrocknet hatte, fielen
sie schaarenweise zur Erde, so oft ein Windstoß über sie hinfuhr.
Frostschauernd, ächzend und knarrend schüttelten sich die ihres
Laubgewandes entkleideten Bäume in den rauhen Stürmen.
Und mit dem grünen Laub erbleichten auch wieder die Wangen des armen,
kranken Knaben. Sehnsüchtig blickte er aus der dunklen, feuchten
Portiersstube seiner Eltern ins Freie und gedachte der vielen guten
Stunden, die er draußen, von der warmen Sommerluft umweht, vom dichten
Blätterdach der mächtigen Buchen beschattet, verträumt hatte. Selten,
nur an ganz milden Tagen, wurde er in sein Wägelchen, und später, als der
Winter kam und mit seinem Schnee und Eis den großen Garten überzog, in
den Schlitten gesteckt und unter den buntgeblümten Kissen tief begraben,
für ein halbes Stündchen durch die Straße geführt.
Fast täglich kam der freundliche Arzt zu dem kleinen Patienten, fühlte
ihm den Puls, strich mit sanfter Hand über sein blondes Haargelock und
verordnete dies und jenes als stärkende Nahrung. Und manchmal drückte er
eine Banknote in die zitternde Hand der verkümmerten Mutter, damit es ihr
leichter würde, seine Verordnungen auszuführen.
Des Knaben einzige Freude war sein Geigenspielzeug. Fleißig übte er
Triller und Läufe; immer gewandter leiteten die schlanken Fingerchen den
kleinen Bogen über die Saiten und ein seliges Lächeln glitt über sein
Gesichtchen, wenn es ihm gelang, eine ihm besonders schwierig dünkende
Passage zu seiner Zufriedenheit zu bewältigen.
Sein Lehrmeister aber war kein geringerer als der Geigenkönig selbst, der,
gerührt von der glühenden Sehnsucht nach Musik, die der Funke des Genies
in der Brust des siechen Knaben entzündet hatte, gar manchesmal
verstohlen in die enge, dumpfe Stube trat und dem vor freudigem Entzücken
verstummenden Kinde liebliche Weisen auf seiner Violine vorspielte.
Jeder Tag, an dem solches geschah, war ein Festtag für den Kleinen, der
seine Geige, welcher der Meister so wunderbar herrliche Töne zu entlocken
wußte, wie ein Heiligthum betrachtete und die erlauschten Melodien
schüchtern nachzuspielen versuchte.
Allein weder die Wissenschaft des Arztes, noch die stille Seligkeit des
Kindes, welche ihm die Beschäftigung mit seiner geliebten Musik gewährte,
vermochten es, dem Zerstörungswerke der finsteren Naturgewalten, die an
der Vernichtung dieses jungen Lebens arbeiteten, einen Damm zu setzen.
Immer fahler und eingefallener wurden des Knaben Wangen, breiter die
dunklen Ringe um seine Augen, fleischloser die zarten Glieder, und immer
matter und müder fühlte er sich. Bald wurde ihm selbst das Geigenspiel
zu einer Anstrengung, der seine schwindenden Kräfte nicht mehr gewachsen
waren, und traurig haftete der Blick seiner großen, glanzlosen Augen
auf dem Instrumente, das stumm und verstaubt auf dem Tische neben seinem
Bettchen ruhte.
Da kam die Weihnachtszeit, und voll Glanz und Pracht und froher Lust wurde
das schöne Fest in der Künstlerfamilie gefeiert. Freunde, Bekannte und
Kunstgenossen waren von Nah und Fern herbeigeströmt, um im gastlichen
Hause des Geigenkönigs an der heiteren Festfeier theilzunehmen. Kaum
vermochte der geräumige Salon, in dem der fast bis an die Decke reichende
Christbaum in glänzend strahlendem Schmucke prangte, die reiche Zahl der
Gäste zu fassen.
Das war ein Jauchzen und Jubiliren, ein Händeklatschen und Gläserklingen,
daß selbst die Ernstgesinnten vom Wirbel der Freude erfaßt wurden, daß
auch die Alten in die Lust der frohlockenden Kinderherzen mit einstimmten.
Mir aber fiel mitten in den Lichtglanz der dunkle Schatten meines kranken
Schützlings, und der Gedanke beschlich traurig meine Seele, daß in dem
heiteren Kreise wohl Keiner des Armen sich erinnert. Unbemerkt schlich ich
mich aus den hellen Räumen ins Treppenhaus nach unten, um zu erfahren, wie
es dem Kleinen gehe.
Auch in der Portierswohnung war Licht zu sehen, und ich trat ein. Mit
geschlossenen Augen, still und blaß, lag der Kranke in seinem Bettchen;
der Vater kauerte stumm in einem Winkel der Stube und begrüßte mich kaum;
die Mutter aber schlich weinend umher und machte sich tausenderlei, auch
ganz Ueberflüssiges, zu schaffen, nur um etwas zu thun zu haben.
Sie wußten, daß es mit ihrem Kinde zu Ende ging. Der Doctor hatte es
ihnen gesagt, und der Zustand des abgezehrten, zu Tode erschöpften Knaben
bannte jede Hoffnung.
Ich fand kein Wort des Trostes für die armen Alten. Beklommenen Herzens
setzte ich mich an die kleine Lagerstätte und hatte Mühe, meine eigenen
Thränen zurückzuhalten, angesichts des großen, mächtigen Schmerzes, der
den kummergebeugten Eltern bevorstand.
Nicht lange hatte ich so, meinen traurigen Gedanken mich hingebend,
dagesessen, als der Kleine die Augen aufschlug und, als er mich bemerkte,
mühsam auf seine Geige hindeutete und, mich mit sanft flehendem Blicke
anschauend, seine winzigen, abgemagerten Händchen bittend ineinanderlegte.
Ich verstand ihn. Rasch erhob ich mich von meinem Sitze und eilte zurück
in die lichtstrahlenden Räume zu den frohen Festgenossen.
»Meister,« flüsterte ich, indem ich mich sachte an den Hausherrn
herandrängte, »unser kleiner Schützling da unten liegt im Sterben. Ihm
verlangt nach Euch und nach Musik. Wollt Ihr seines Lebens letzten Wunsch
erfüllen?«
Da begegnete ein warmer, milder Strahl aus dem Auge des Künstlers dem
meinen. Leise drückte er mir die Hand und verließ mit mir den Saal. Er
holte seine Geige, und wenige Minuten später standen wir im Zimmer des
sterbenden Kindes.
Und wieder rieselten die wundervollen Klänge gleich perlenden Toncascaden
von den bebenden Saiten, schwellend, wogend, säuselnd wie mildes
Frühlingswehen, innig wie liebenden Herzens Pochen, erhaben wie frommer
Gottgedanke. Und wie ein Gruß aus Engels Munde umschmeichelten die
lieblichen Melodien die entfliehende Kindesseele und umgaukelten sie mit
tönenden Zauberbildern.
Und wieder schlug der Knabe in entzücktem Lauschen sein Auge auf, und
seine schmalen, bleichen Lippen lispelten fast unhörbar:
»Er hat es gesagt, er selber, auch ich werde Geigenkönig wie er!«
Ein sanftes, seliges Lächeln verklärte seine Züge, ein zitternder
Seufzer hob die eingefallene Brust, und eingelullt von stolzem
Hoffnungstraum und süßer Harmonien Sang entschlief er.
Oben ward das Weihnachtsfest bis zum hellen Morgen gefeiert. Und als ich
Abschied nahm vom Meister, da wollte mein Mund niedersinken auf des edlen
Menschen Hand, der ruhm- und glückumgeben, der Elenden nicht vergißt und
ihnen Trost und Liebe spendet.
Die Harfenspielerin.
Aergerlich warf Julian die Feder fort, daß die Tinte aufspritzte.
Da sollte der Henker diese mühsamen Rechnungen revidiren, während
vom Hofe herauf unausstehliches Harfengeklimper und eine müde, dünne
Mädchenstimme tönte, die sinnige Volkslieder und rohe Gassenhauer in
wüstem Durcheinander herableierte.
Julian hatte der Sängerin schon eine Geldmünze zugeworfen, auf daß sie
den Platz räume und ihre musikalischen Productionen irgend anderswohin
verlege, wo sie ihn nicht in seiner Arbeit störten. Daran war aber
vorläufig nicht zu denken, denn die ganze Kinderwelt des großen Hauses
stand in einem Kreise um sie herum, ihren schrecklichen Vorträgen freudig
lauschend. Sie wollte sie noch nicht ziehen lassen, und die Harfenistin
blieb gern, auf eine Entlohnung von den Müttern der Kinder hoffend, die
theils an deren Seite stehend, theils von den offenen Fenstern aus dem
Jubel ihrer Kleinen zulächelten.
Nochmals versuchte Julian, in seinen Rechnungen fortzufahren, doch ebenso
erfolglos wie früher. Die Ziffern und Zahlen tanzten ihm wie kleine,
neckende Kobolde vor den Augen. Bald wußte er nicht mehr, wie viel Rest
bleibe von achtundzwanzig Mark sieben Pfennige, nach Abzug von siebzehn
Mark zweiunddreißig Pfennige.
»In der Weidlingau ist der Himmel blau --« klang es ihm in die Ohren.
»Sechs Mark achtundzwanzig Pfennige. -- Nein, gefehlt!«
»Ach, es wär' so schön gewesen --«
»Sieben Mark fünfzehn Pfennige. -- Wieder falsch!«
»Wenn die Schwalben heimwärts zieh'n --«
»Zum Teufel auch, wenn diese verdammte Schwalbe nur heimwärts zöge!
-- Fünf Mark sechzehn Pfennige. -- Abermals gefehlt! -- Nein, so geht es
nicht, absolut nicht! Da könnte man verrückt werden.«
»Wann's Mailüfterl weht,
Zergeht draußd' im Wald der Schnee --«
Julian sprang von seinem Sitze auf. Er wollte lieber abwarten, daß Ruhe
würde, als sein Gehirn foltern mit solch vergeblicher Anstrengung. Was er
unter diesen Umständen herausrechnete, würde doch nur ein Unsinn sein.
Jetzt stimmte das Mädchen das von Mendelssohn in Musik gesetzte alte
Volkslied an:
»Es ist bestimmt in Gottes Rath,
Daß man vom Liebsten, das man hat -- muß scheiden.«
Julian liebte dies Lied ungemein. Er hatte es als Knabe oft gesungen.
Allerlei sanfte Erinnerungen erwachten in ihm: an das Elternhaus, an die
Gefährten, an seine frohe, glückliche Kindheit. Und jetzt ertappte
er sich dabei, wie er, gleich den Kindern im Hofe, der dünnen, etwas
umflorten Stimme der von ihm soeben noch so zornig verwünschten Sängerin
lauschte. Und jetzt trat er gar an das Fenster, öffnete es und blickte
hinab in den Hofraum, wo der Gegenstand seines Aergers mitten unter der
Schaar der entzückten Kleinen stand, spielte und sang. Ihre schwächliche,
hagere Gestalt beugte sich nach vorn über die Harfe, das Gesicht sah er
nicht, denn ein hoher, unmoderner Strohhut mit großen, gelben, schmutzigen
Seidenbändern und zerknüllten Kunstblumen von derselben Farbe geziert,
entzog es seinen Blicken. Ein verwaschenes Kattunröckchen und ein blaues,
mit weißen Schnüren benähtes Sammetjäckchen vervollständigten ihren
Anzug. Man sah es deutlich, diese Kleider waren, unbrauchbar geworden,
von ihren früheren Eigenthümern statt weggeworfen zu werden, der
armen Harfenistin geschenkt worden. Sie sah komisch genug aus in dieser
verwitterten, theatralischen Gewandung. Man hätte darob lächeln mögen,
hätte ihre Armseligkeit nicht so traurig gestimmt. Und noch verschärft
wurde dieser Eindruck durch das Lied, das sie eben sang, dies Volkslied,
das in seiner schlichten Wehmuth so ergreifend wirkt:
»Es ist bestimmt in Gottes Rath,
Daß man vom Liebsten, das man hat -- muß scheiden --«
klang es wieder in schrillem, von der Uebermüdung schon heiserem Tone von
den Lippen der jungen Bänkelsängerin; ihre Finger griffen mechanisch die
Accorde in der alten Harfe und die großen gelben Bänder und Blumen auf dem
lächerlichen Hute nickten und flatterten im Winde.
Julian's Unmuth war gänzlich verflogen, Mitleid stahl sich in sein Herz.
Er holte noch eine zweite kleine Geldmünze aus seinem Täschchen, wickelte
sie in Papier und warf sie der fahrenden Sängerin vor die Füße. Diese
hatte eben das Lied beendet, sie hob die Münze vom Boden auf, und als sie
den Kopf neigend nach dem Fenster hinauf dankte, in dem Julian lehnte,
sah er in ein blasses Gesichtchen, aus dem ihm dunkle, traurige Augen
entgegenblickten. Er nickte ihr freundlich zu und schaute ihr nach,
als sie, die schwere Harfe auf den Rücken ladend, deren Bürde ihr
schwächlicher Körper schier nicht tragen zu können schien, langsam dem
Hofthor zuschritt. Dann machte er sich an seine unterbrochene Arbeit und
in einer Viertelstunde hatte er die Musikantin in der blauen Sammtjacke und
mit den gelben Blumen auf dem Hute völlig vergessen. Doch wie unbewußt
pfiff er leise die Melodie des Liedchens vor sich hin: »Es ist bestimmt in
Gottes Rath --«
Wie allabendlich schlenderte er auch heute nach Schluß seiner Amtsstunden,
»der Straßen quetschenden Enge« entfliehend, aus der Stadt ins Freie. Er
nahm seinen Weg in die Auwaldungen, die sich den launischen Windungen des
weiter unten die Stadt durchschneidenden Flusses folgend, zwischen dessen
Ufer und einer nach einem fürstlichen Lustschlosse führenden Lindenallee
hinziehen.
Die schon tiefstehende herbstliche Abendsonne stahl sich durch die theils
schon entlaubten, theils in die glühendsten Bronze- und Purpurfarben
getauchten Baumkronen der Buchen und Erlen und durch das niedrige Buschwerk
der Weiden, zitternde Streiflichter über den fahlen Rasenboden und die
herabgefallenen gelben Blätter hinstreuend. Plötzlich aber erloschen die
Lichter und Farben, der Himmel, die Bäume, der Wasserspiegel des
Flusses erkalteten -- die Sonne war gesunken. Und mit einemmale kroch
ein bleifarbener Nebel aus dem Strombette empor, Au und Wald mit seinem
unabsehbaren Mantel umspannend.
Julian trat den Rückweg an. Wenn die Nacht hereinbrach bei solch
dichtem Nebel, konnte er den schmalen Fußweg durch den Wald allzu leicht
verfehlen. So eilte er beschleunigten Schrittes heimwärts, das Tempo erst
mäßigend, als ihm der aus der Ferne auftauchende Laternenschimmer
der Stadt, trotz der rasch hereingebrochenen Dunkelheit, über die
einzuschlagende Richtung Sicherheit gab.
Plötzlich blieb er stehen. Ihm war, als hätte er leises Weinen eines
Kindes vernommen. Scharf aufhorchend, spähte er in das graue, wogende
Nebelmeer, aus dem die näher stehenden Bäume wie Gespenster mit
ausgestreckten Armen emporragten.
Einige Augenblicke blieb alles still, dann hörte er sie wieder, die
klagende Kinderstimme.
»Holla! Was giebt es? Wer ist da?« rief er nun mit voller Kraft in den
dunklen schweigenden Wald hinein.
Er hatte sich nicht getäuscht. Ein ängstlicher Ruf aus kindlicher Kehle
antwortete ihm, und der Richtung desselben nachgehend, stand er in
wenigen Minuten an der Seite eines neben einem Bündel Reisig an dem Boden
kauernden und bitterlich weinenden, etwa zehnjährigen Knaben.
Jetzt freilich versiegten seine Thränen rasch und, das Bündel dürrer
Baumzweige auf den Schultern, neben Julian einhertrabend erzählte er
diesem, wie er, um Holz zu suchen, in die »Au« geschickt worden, von der
Nacht und dem plötzlich einfallenden Nebel überrascht, aber den Heimweg
nicht mehr habe finden können.
Nach rascher Wanderung hatten sie den nach der Stadt zu gelegenen Ausgang
des Waldes bald erreicht. Noch hatten sie einen am Damm des Flusses sich
hinziehenden schmalen Wiesengrund zu überschreiten, um in bewohntes Gebiet
zu gelangen. Schon tauchten die ersten Häuser mit ihren erleuchteten
Fenstern freundlich winkend aus dem Nebel auf, als der Knabe stehen blieb
und, das Holzbündel von der Schulter werfend, seinem Führer für die ihm
geleistete Hilfe dankte.
»Ich bin gleich zu Hause,« sagte er. »Hier wohnen wir.«
Julian blickte um sich. Kein Haus, keine Hütte war zu sehen.
»Da!« sagte der Kleine und streckte die Hand aus. Und jetzt bemerkte
Julian einen dicht an dem einen großen Platz umschließenden Lattenzaun
stehenden, unförmlichen Gegenstand, in welchem er bei näherer
Besichtigung einen jener sonderbaren Wagen erkannte, wie ihn wandernde
Zigeuner oder Seiltänzer minderer Sorte und derartiges fahrendes Volk
als ihre bewegliche Wohnung mit sich zu führen pflegen: einen auf Rädern
stehenden großen grünen Kasten mit zwei winzigen, Schiffsluken ähnlichen
Fensterchen, hinter welchen ein Lichtlein brannte.
»O --!« entschlüpfte es Julian's Lippen, während er einen Seufzer
unterdrückte.
In demselben Augenblicke aber stürzte von der Rückseite des Wagens eine
weibliche Gestalt auf den Knaben zu. »Endlich, endlich!« rief sie. »Wir
glaubten schon, es sei Dir ein Unglück geschehen.« Und sie umarmte und
küßte ihn.