Aber als sie die Hand ausstreckte, um die Klingelschnur zu ziehen, ward an

die Thür geklopft, und im nächsten Augenblicke stand Hellwig vor Malwinen

-- nicht als der frohsinnsprühende, kecke Junge, der Gefährte ihrer

Kindheit, nicht als großaufgeschossener, schlanker Jüngling, das Herz

voll Jugendlust, den Kopf voll hochfliegender Pläne, das Ideal ihrer

ersten Liebe, sondern in der Vollkraft reifer, aber frischer, ungebrochener

Männlichkeit. Wohl hatte die Zeit in die breite, gewölbte Stirn zwei

tiefe Furchen eingeschnitten, die von schwerer Gedankenarbeit oder auch von

erlittenem Gram erzählten, und der mächtige, dichte Vollbart kam Malwinen

ungemein fremd vor; aber als das seelenvolle, tiefblaue Auge mit seinem

warmen Strahl ihr Auge traf, da erkannte sie ihn wieder, den wohlbekannten

Blick des Freundes. Und so sonderbar ist das Menschengemüth! Während sie

vor wenig Augenblicken noch fest entschlossen war Alfred nicht zu sehen,

freute sie sich jetzt von ganzem Herzen seines Wiedersehens. Auch die bange

Beklommenheit, die sie bei seinem unerwarteten Eintreten ergriffen hatte,

wich allmählich vor dem kameradschaftlich treuherzigen Tone, den der

einstige Spielgenosse in altgewohnter Weise anschlug.

Er wußte so anmuthig zu plaudern. Zuerst berichtete er von den Reisen, die

er nach Vollendung seiner Universitätsstudien unternommen, in lebhafter,

fesselnder Darstellung die Eindrücke schildernd, die das Gesehene und

Erlebte auf ihn geübt. Dann erzählte er, von welch hoher Freude er

erfüllt ward, als er von den Erfolgen hörte, die Malwine auf ihrer

künstlerischen Laufbahn erntete. Und schließlich kehrte er zu ihrer

Kinderzeit zurück, der Jugendfreundin tausend kleine, gemeinschaftlich

durchgemachte Erlebnisse ins Gedächtniß rufend, die ihnen damals als

große, wichtige Abenteuer erschienen waren.

Ob sie sich noch erinnere, fragte er sie, wie sie einst im Walde, von einem

heftigen Gewitter überrascht, in einer auf der an den Wald grenzenden

Wiese zur Aufbewahrung des Heues errichteten Bretterhütte Schutz gesucht,

und in Folge der überstandenen Angst und der Ermüdung des raschen Laufes

und wohl auch vom starken Duft des frischen Heues betäubt, in so

tiefen Schlaf gesunken waren, daß sie den Abend und die ganze Nacht

ununterbrochen schliefen, bis sie am anderen Morgen ein sich mächtig

regender Appetit erweckte, worauf sie sich etwas kleinlaut und bange

vor dem Schelten der beunruhigten Eltern, die sie mit Angst und Sorge

vergeblich gesucht, nach Hause schlichen?

Und ob Malwine daran noch denke, wie sie einmal auf einer ihrer häufigen

Excursionen nach der auf einem nahen Hügel gelegenen Burgruine, mit

einer Laterne versehen, in den unterirdischen Gängen und Gewölben des

Ritterschlosses herumstöberten, fest überzeugt, daß sie entweder einen

verborgenen Schatz, oder aber das Knochengerippe irgend eines in dem

Verließe verschmachteten Gefangenen entdecken müßten?

»Ah,« rief Alfred lachend, »ich that damals gar muthig und verwegen,

ich versichere Dich aber, als uns das Licht in der Laterne plötzlich

verlöschte und wir rathlos in dem finsteren, von dumpfem Modergeruch

erfüllten Kellerraum standen, da war mir ganz abscheulich grausig zu

Muthe, und hätte nicht der Gedanke, daß Furcht für einen Mann eine

Schande sei, mir Kraft gegeben, so hätte ich sicherlich vor Angst

geweint.«

Und so plauderte er weiter, an dieses und jenes Begebniß aus ihrer

Jugendzeit erinnernd, nach dem einen oder anderen Bekannten jener Epoche

sich erkundigend, und dazwischen verflocht er die Erzählung späterer

Ereignisse.

Malwine hörte ihm schweigend zu. Selten unterbrach sie seine Rede durch

eine Frage oder durch eine eingestreute Bemerkung. Ihr war es, als sei die

sie umgebende Wirklichkeit, alles, was sie sah und hörte, nicht Wahrheit,

sondern ein Traumgebilde. Und im Traume sah sie sich ins Elternhaus

zurückversetzt -- als Mädchen -- und Alfred, den zu lieben sie nie

aufgehört, sei heimgekehrt, um -- sie dachte den Gedanken nicht zu Ende.

Allmählich veränderte Alfred sein Gesprächsthema. Von seinen eigenen

Erlebnissen ging er auf jene Malwinens über, sprach von ihren Gemälden,

dann von ihren Eltern, von ihrem Gatten und von dem schweren Unglücke,

das durch dessen Erblindung ihn und sie getroffen, augenscheinlich bemüht,

Malwine zu Mittheilungen über sie selbst und ihr Leben zu veranlassen.

Aber ihre Antworten waren kurz und ausweichend, und so war er genöthigt,

die Unterhaltung selbst weiterzuführen.

Plötzlich unterbrach er sich. Sein über das scheinbare Chaos von

Gemälden, Sculpturwerken, Alterthümern, Decorationsstücken und den

sonstigen unzählbaren im Atelier zerstreuten verschiedenen Gegenständen

schweifender Blick war auf das Bild mit den beiden Kindern gefallen, und

mit einem Ausrufe lebhafter Ueberraschung war er aufgesprungen, um es

näher zu betrachten.

»So hattest Du des wilden Jungen doch nicht gänzlich vergessen,« sagte

er dann. »Dieses Bild giebt Zeugniß, daß Du manchmal seiner gedacht.«

Ein feines Incarnat überzog Malwinens Wangen.

»Wer würde seiner Kindheit vergessen,« entgegnete sie, »zumal wenn

dieselbe eine glückliche war?«

Alfred antwortete nicht. Er war an das offene Fenster getreten, von welchem

aus sich ein herrlicher Fernblick darbot über das weite Thal, den stillen

See mit seinem stolzen Königsschlosse und den himmelanstrebenden Bergen

im Hintergrunde. Die sinkende Sonne sendete ihren letzten Strahlengruß und

die pittoresken Formen der blaugrünen Gebirge zeichneten sich scharfkantig

auf dem in leuchtenden Farbentönen von dunklem Violett bis hellem

Rosa erglühenden Firmamente ab. Munter und behende glitt ein kleines

Dampfschiff über den See, und die sich hinter demselben hinziehende

Wasserfurche glitzerte und glänzte wie flüssiges Gold. Ein sanfter

Lufthauch strich durch die Blätter der Bäume, wiegte die Spitzen der

schlanken, grünen Grashalme und die Kelche der Blumen und tändelte

mit dem Strahle des Springbrunnens im Garten. Aus dem Zimmer des Blinden

klangen leise, wie aus ferner Welt, weiche, innige Geigentöne.

»Malwine,« unterbrach Alfred plötzlich das eingetretene Schweigen, indem

er mit fast brüsker Raschheit sich vom Fenster weg zu ihr wendete, »Du

weißt die eigentliche Ursache meines Hierherkommens noch nicht.«

Erstaunt und fragend blickte Malwine in das heftig erregte Antlitz des

Freundes.

»Die eigentliche Ursache Deines Kommens --?«

»Ja, die weißt Du noch nicht,« wiederholte Alfred. »Ich bin gekommen,

Dich zu fragen, ob Du glücklich bist? Ob Deine Ehe eine glückliche ist,

ob Dein Gatte nicht nur Deine Hand, sondern auch Dein Herz besitzt?«

»Und ich,« erwiderte Malwine kalt, »muß Deine Frage mit einer

Gegenfrage beantworten, wer Dir das Recht giebt, derartige Erklärungen von

mir zu fordern?«

»Wer mir das Recht giebt?« stieß Alfred mit gepreßter Stimme hervor.

»Meine Liebe giebt mir das Recht hierzu. Ja, Malwine, ich liebe Dich,

ich habe Dich immer geliebt. Aber als kindischer Junge an Deiner Seite

hinlebend, da wußte ich es selbst nicht, daß meine Liebe eine tiefere,

mächtigere sei als die brüderliche Zuneigung zur Jugendfreundin. Als

ich fern von Dir weilte in weitem, fremdem Lande, da wurde es mir freilich

klar, daß ich Dich liebte mit der ganzen Kraft meines Herzens, aber

brieflich um Dich werben, Dir brieflich das Geständniß ablegen, das

wollte ich nicht. Du solltest frei sein, die Jahre unserer Trennung, so

dachte ich, würden auch Dich die Klarheit über Dich selbst gewinnen

lassen, ob Du in mir nur den Kameraden sahst, oder ob Du mich so liebtest,

wie mir manchmal die sinnbethörende Hoffnung meines Herzens vorspiegelte.

-- Heimgekehrt, erfuhr ich, Du seiest verlobt. -- Ich habe in diesen Jahren

redlich mit mir gerungen, Malwine, ich hab' es versucht, meine Neigung zu

bekämpfen, Dich zu vergessen. Ich kann es nicht. Ein Dämon des

Zweifels flüstert mir unablässig zu, daß Du vielleicht mir doch nicht

unwiederbringlich verloren seiest, daß Du diese Ehe vielleicht ohne

Liebe eingegangen, daß nicht Doctor Wilnau es ist, der Dein Herz besitzt,

sondern --«

»Halt ein!« rief Malwine, deren Wangen Todesblässe überdeckte.

Aber Alfred gehorchte nicht.

»Nein, erst soll mir Gewißheit werden,« fuhr er fort, indem er ihre

beiden Hände erfaßte und gegen sich hinzog. »Sprich nur das eine Wort,

sprich es aus, Malwine, ob Du ihn liebst! Wenn es so ist, wenn es ihm

gelungen, Dein Herz zu gewinnen und Dich zu beglücken, ich schwöre es

Dir, dann will ich schweigend dieses Haus verlassen und Du sollst niemals

wieder von mir hören. Wenn aber Deine Ehe ein Irrthum war, wenn sie Dir

das Glück nicht bietet, das Du von ihr erhofft, wenn Du mich liebst

-- dann, o dann wird keine Macht der Erde Dich in diesen Fesseln

zurückhalten, ich werde sie zu sprengen wissen und vor Gott und der Welt

wirst Du mein Weib werden!«

Malwine schwieg. Sie hatte die Augen geschlossen und ihr Athem drang schwer

und zitternd aus ihrer hochwogenden Brust.

Tief und tiefer beugte sich Alfred's Angesicht auf ihr Haupt hernieder.

Seine Lippen berührten die ihrigen, und ihm ward die Gewißheit, nach der

er sich gesehnt --

Ein heller Glockenton weckte die Beiden aus der seligen Trunkenheit des

ersten Kusses der Liebe. Es war das Zeichen zum Abendtisch.

Auf der Veranda fanden sie Gesellschaft. Einige Herren aus der Umgebung

waren zum Besuche des Doctors eingetroffen und der gastfreundliche Hausherr

hatte sie zum Abendbrot gebeten. Malwine war froh, nicht mit Richard und

Alfred allein zu sein. Die Rolle, die sie jetzt zwischen beiden Männern

hätte spielen müssen, wäre ihr als Lüge erschienen, und ihrer geraden,

offenen Natur war Lüge unerträglich. Die Gegenwart der Fremden enthob

sie des trügerischen Spieles, indem sie allen Anwesenden die gleiche

freundliche Aufmerksamkeit schenkte. Aber während sie über des einen mehr

oder weniger geistreichem Wortspiele höflich lächelte, von einem Anderen

sich den Unterschied zwischen der englischen und russischen Art der

Bereitung des Thees erklären ließ, oder mit einem dritten über die

realistische Richtung in der dichtenden und bildenden Kunst discutirte, war

ihr Gedanke doch nur bei dem, der ihr gegenüber saß, aus dessen Auge ihr

unermeßliche Liebe und unermeßliche Freude entgegenleuchtete, und bei

ihrer nächsten Zukunft, die ihr ein neues, bis jetzt noch nicht gekanntes

Glück bringen sollte.

Die Abendstunden gingen vorüber und die Gäste kehrten heim. Mit einem

flüchtigen »Schlafe wohl!« und einem raschen Händedruck verabschiedete

Malwine sich von ihrem Gatten, um sich in ihr Schlafzimmer zurückzuziehen.

Sie bedurfte der Einsamkeit, um über das Geschehene und noch zu

Geschehende nachzudenken, sich auf sich selbst zu besinnen. Denn alles war

ja so plötzlich, so unvorbereitet über sie hereingebrochen.

»Morgen komme ich wieder, um mit Dir alles Nöthige zu besprechen,« hatte

Alfred ihr beim Weggehen zugeflüstert.

Ja morgen, morgen!

Verwundert schaute Malwine um sich, als sie die Thür zu ihrem neben dem

Schlafzimmer gelegenen Boudoir öffnete. Ein starker, süß betäubender

Wohlgeruch drang ihr entgegen. Und nun erblickte sie einen mächtigen

Heliotropenstrauß -- ihre Lieblingsblumen -- und vor demselben ein

kleines Etui aus dunklem Leder. Es enthielt einen goldenen Armreif, dessen

Innenseite das Datum zweier Tage trug, des morgigen und desselben Tages vor

fünf Jahren.

Was sollte all dies bedeuten?

Ach, jetzt fiel es ihr ein. Morgen war der fünfte Jahrestag ihrer

Vermählung. Und diese Geschenke kamen von Richard, der ihr damit ein

Zeichen geben wollte, daß er dieses Tages mit Freude gedenke.

»Richard, Richard!« stammelte sie, und einer mächtigen Sturmfluth gleich

überwältigte sie die Erinnerung an den, dessen Frau sie war, der sie

liebte und dessen sie, im heißen Drange ihrer eigenen wieder erwachten und

jetzt erwiderten Liebe, nimmer gedachte.

Mit einem halb unterdrückten Wehruf sank Malwine auf die Kissen des Divans

und preßte die Hände vor ihr zuckendes Gesicht. Ihr Denken drehte sich

wirr im Kreise und ein wilder, brennender Schmerz umschnürte wie mit

eisernen Klammern ihre Brust.

Doch allmählich glätteten sich die Wogen ihrer vom Grunde aufgewühlten

Seele und ihr Geist gewann die Klarheit wieder, welche die aufgewiegelte

Leidenschaft auf Augenblicke zu trüben vermocht. Sie überdachte die fünf

Jahre ihrer Ehe, fünf Jahre der treuesten, innigsten Liebe ihres Mannes.

Sie gedachte jenes entsetzlichen Tages, als seine dauernde, unheilbare

Erblindung zur unzweifelhaften Gewißheit geworden. Sie selbst war die,

wenn auch schuldlose Ursache dieses Unglückes. Als sie an schwerer und

ansteckender Krankheit daniedergelegen, war Richard, als ihr Arzt

und Pfleger, nicht von ihrem Lager gewichen. So hatte er das Gift der

mörderischen Krankheit eingesogen. Malwine genas -- er erblindete. Und

als er ihr Schluchzen hörte, das sie, von heißem Mitleid ergriffen, nicht

zurückzudrängen vermochte, da versuchte er es, sie zu trösten.

»Weine nicht!« sprach er, »denn ich bin nicht bedauernswerth. Ich fühle

mich unvergleichlich glücklicher -- wenn auch blind -- an Deiner Seite,

als mit gesunden, sehenden Augen ohne Dich.«

Und von diesem Manne, dessen einziges Glück in der düsteren Nacht seines

Lebens sie war, sollte sie sich abwenden? Dieses Herz sollte sie von sich

stoßen, das warm und liebend nur für sie schlug? O, sie wußte es wohl,

wenn sie es ihm sagte, daß ein Anderer ihre Liebe besitze, er würde der

Trennung ihrer Ehe und ihrer Verbindung mit dem, den sie liebte, nicht

entgegen treten. Er war zu groß und edel, um ein Wesen mit Gewalt an sich

gekettet zu halten, das nicht in freier Wahl und Neigung sein eigen war.

Aber konnte sie es denn? Vermochte sie es, auf den Trümmern des durch ihre

Hand vernichteten Lebensglückes der großmüthigsten Seele ihr eigenes

selbstsüchtiges Glück zu erbauen?

Schwer und mühsam erhob Malwine sich von ihrem Sitze. Sie trat auf die

Terrasse. »Er schläft,« dachte sie. »Kein Traumgott flüstert es ihm

zu, daß ich hier stehe, eines Anderen gedenkend; daß ich, seine Frau,

die Hand erhoben, um sein Lebensglück zu zerstören. Schlummere ruhig, Du

Guter, Edler, möge auch mein eigenes Herz darüber brechen, Deine Liebe

werde ich nicht verrathen --!«

Da tönten leise, wie eine Antwort auf ihrer Seele Ruf, süße Klänge

durch die stille Nacht. Richard stand am offenen Fenster und spielte. Er

spielte für sie, spielte ihr liebstes Lied.

Plötzlich legte sich ein weicher Arm um seinen Nacken und ein treues Haupt

an seine Brust. Er ließ die Geige sinken und drückte einen Kuß auf das

lockige Haar. Ein heißer Tropfen fiel auf seine Hand.

»Du weinst, Geliebte?«

»O lasse mich weinen, Richard! Sollte ich ungerührt bleiben ob Deiner

unendlichen Güte, Deiner unendlichen Liebe?«

Lächelnd zog Richard seine Frau fester an sich.

»Du weinst, weil ich Dich liebe! Ich aber weine nicht, ich bin so

glücklich, und doch liebst ja Du auch mich?«

»Ich liebe Dich!«

»Und wirst mich ewig lieben?«

»Ewig!«

* * * * *

Am anderen Tage um die Mittagsstunde trat Alfred durch das Gitterthor des

Gartens auf die Straße. Malwine hatte ihm für immer Lebewohl gesagt.

Als Pfand ihrer Freundschaft nahm er das Bild der beiden Kinder auf dem

Waldesrasen mit sich. Es hing fortan über seinem Arbeitstische. Und

in schweren Stunden des Kampfes zwischen Pflicht und Neigung, wenn der

ungestüme, leidenschaftliche Drang der Natur recht zu behalten drohte

gegen die leise mahnende Stimme höherer Geisteserkenntniß, da blickte er

zu dem Bilde auf, und im Gedanken an sie, die ihn geliebt und ihre Liebe

der Pflicht geopfert, fand er, gleich ihr, die Kraft zum schwersten Siege,

zum Siege über das eigene Herz!

»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht --«

Irgendwo las ich einmal vor langer, langer Zeit ein Volkslied. Ich vergaß

es wieder, nur eine Verszeile daraus ist in meiner Erinnerung haften

geblieben:

»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht --«

Und diese Zeile summt mir im Kopfe, wenn ich meines jungen Freundes Erwin

gedenke --

Kaum dreijährig hatte er seine Mutter verloren. Und da er auch keine

Geschwister besaß, hängte er sich mit der ganzen Liebesfähigkeit

seines kleinen Kinderherzens an seinen Vater, der ihm der Inbegriff alles

Herrlichen, Guten und Edlen, kurz sein Abgott war. Und mit Recht.

Denn außer diesem Manne gab es wohl kaum einen zweiten, der mit solch

opfervoller Liebe für sein Kind sorgte. Mutter und Geschwister, Erzieher

und Kameraden wußte er ihm zu ersetzen. Außer den Stunden, die den

Knaben in der Schule, den Vater im Amte festhielten, sah man die Beiden

unzertrennlich beisammen. Der Vater repetirte mit dem Jungen dessen

Schulaufgaben, las ihm vor, theilte seine Spiele, nahm ihn auf den

Spaziergängen mit. So schmiegte sich die junge Seele immer inniger an den

väterlichen Freund und Berather an, und nichts spielte sich in des Sohnes

Leben ab, was er dem Vater nicht in kindlicher Hingebung vertraut hätte.

Nur einmal ereignete sich etwas, was er ihm verschwieg.

Eines Tages, als die Schule zu Ende war und das Jungvolk sich lachend und

plaudernd auf den Heimweg begab, trat einer der Knaben plötzlich an Erwin

heran und gab ihm einen Schlag ins Gesicht.

Erwin war über diesen unerwarteten Angriff so überrascht, daß er erst

gar nicht daran dachte, sich zu vertheidigen.

Der Andere aber lachte höhnisch auf und rief: »Das hast Du für Deinen

Vater bekommen, gieb es weiter an ihn, er verdient es!«

Da stürzte sich Erwin, außer sich vor Zorn, Schmerz und Entrüstung auf

den Burschen und bläute ihn so durch, daß dieser, obgleich größer und

stärker als Erwin, sich dessen Schläge, die ihm auf Schulter, Rücken und

Gesicht nur so niederhagelten, nicht erwehren konnte.

»Nimm es zurück, was Du gesagt hast, nimm es zurück. Sonst -- sonst --«

rief er, stammelnd vor Wuth, während seine kleinen Fäuste den Beleidiger

bearbeiteten.

Der Andere versuchte Kopf und Gesicht mit seinen Armen zu decken, aber die

Raserei der Empörung seiner Gefühle verlieh Erwin solche Kraft, daß

sein Gegner, die Nutzlosigkeit jeder Vertheidigung bald einsehend, heulend

schrie: »Hör' auf! Ich will es nicht wieder sagen, gewiß nicht! Hör'

auf, hör' auf!«

Da hielt Erwin in der Züchtigung des Buben inne. Er hob seine Schultasche,

die er, um die Arme frei zu bekommen, von sich geworfen, vom Boden auf, und

ohne sich um den Gemaßregelten, noch auch um die anderen Schulkameraden,

die dem wilden Auftritte theils erschreckt, theils lachend zugeschaut

hatten, weiter zu kümmern, verließ er raschen Schrittes, noch schwer

athmend und mit von der Erregung und Anstrengung gerötheten Wangen und

blitzenden Augen den Kampfplatz.

Er ging nicht gleich nach Hause. Es war ihm beklommen zu Muthe. Er mochte

dem Vater das Erlebte nicht mittheilen, ihm die abscheulichen Worte nicht

wiedererzählen, die der freche Bursche ihm zugeschrien. Nein, das mochte

er nicht. Er hätte, sie nicht über die Lippen gebracht, so sehr schämte

er sich, sie gehört zu haben. Darum mußte er sich erst Zeit gönnen, um

sich zu beruhigen und dem Vater unbefangen gegenüber treten zu können.

Er machte einen weiten Umweg und als er, nothgedrungen, endlich doch seinem

Heim zuschritt, fühlte er es als eine willkommene Erleichterung, von der

ihm die Wohnungsthür aufschließenden alten Dienerin zu hören, daß sein

Vater eben einen Boten mit der Nachricht geschickt habe, Erwin möge

mit dem gewohnten abendlichen Spaziergang nicht auf ihn warten, da er

dienstlich verhindert sei, zur üblichen Stunde nach Hause zu kommen.

Sonst war Erwin solches ihm aufgedrungenes Alleinsein ein unerfreulicher

Zwischenfall, heute empfand er es als eine Wohlthat.

Er setzte sich an seinen Arbeitstisch, und so schwer es ihm anfänglich

auch fiel, seine Gedanken bei seinen Schulaufgaben festzuhalten, gelang es

seinem angestrengten Willen doch, die flüchtigen zu bannen. Allmählich

übte die Arbeit ihre segensreiche Wirkung, sein erregtes Gemüth Ruhe

finden zu lassen, und als der Vater, ihn begrüßend, Abends in sein

Zimmer trat, lag kein Schatten von Verstimmung mehr im klaren Blicke seines

Sohnes.

Die Tage rollten wieder dahin im altgewohnten Geleise. Wohl tauchte hin

und wieder die Erinnerung an den ängstlich verschwiegenen Vorfall mit

peinlicher Lebendigkeit in Erwin's Seele auf, und zuweilen schien es

ihm, als könnte er den Stachel, den er in seinem Herzen zurückgelassen,

ausreißen, wenn er ihn seinem Vater erzählte. Aber so oft der Gedanke an

Mittheilung des Geschehenen näher an ihn herantrat, fühlte er zugleich

das innerliche Unvermögen hierzu -- und so schwieg er und vergaß es

allmählich selbst.

Eine Reihe von Jahren war verflossen, der Knabe zum Jüngling gereift. --

An dem innigen Verhältniß zwischen Vater und Sohn hatte die Zeit aber

nichts geändert, die Beiden schienen unter einem Himmel friedlichen,

wolkenlosen Glückes zu wandeln.

Doch als der Vater einmal von einer mehrwöchentlichen Dienstreise

heimkehrte, fand er Erwin, den linken Arm in der Schlinge tragend.

»Eine Bagatelle -- ein leichter Säbelhieb, in einer Studentenpaukerei

davongetragen -- weiter nichts« -- so beruhigte Erwin den besorgten Vater.

Und auf sein näheres Befragen erzählte er ihm, wie sich aus einem

ganz unbedeutenden Vorfall ein Wortwechsel zwischen ihm und einem seiner

Collegen entwickelt und ein Duell zur Folge gehabt habe.

Es war eine Lüge, was Erwin berichtete -- die erste Lüge seines Lebens.

Die Ursache des Zweikampfes war eine ganz andere als jene, die er dem Vater

erzählte.

Eines Abends, als Erwin im Kaffeehause einer Billardpartie seiner Collegen

zuschaute, hörte er im Laufe eines von zwei in seiner Nähe an einem

Tischchen sitzenden Herren mit leiser Stimme geführten Gespräches den

Namen seines Vaters fallen. Erwin trat unauffällig näher an sie heran und

horchte auf. Der ältere der beiden Herren erzählte dem jüngeren, daß

er um Verleihung der Stelle als Bahnarzt bei der St.'schen

Eisenbahngesellschaft eingekommen sei, nachdem dieselbe durch den Tod eines

gewissen Doctor Berger, der sie zuletzt bekleidet, frei geworden. Er warte

nur auf Herrn K...'s -- dies der Name von Erwin's Vater -- Rückkehr,

dessen Stimme, wie er wisse, bei der Besetzung der Stelle maßgebend

sei, um sich persönlich vorzustellen und ihn um Berücksichtigung

seines Gesuches zu bitten. Seine langjährige und, wie er glaube, nicht

verdienstlose Praxis berechtigte ihn wohl, auf Erlangung der betreffenden

Stelle zu hoffen.

Da lachte der Jüngere, und indem er Erwin mit herausforderndem Blicke

maß, wobei dieser in ihm den ehemaligen Schulkameraden erkannte,

dessen beleidigenden Ueberfall er mit seinen wackeren, kleinen Fäusten

gezüchtigt, sagte er:

»Ihre Verdienste werden Ihnen wenig nützen. Darauf dürfen Sie nicht

hoffen. Auch das Gesuch meines Vaters wurde eben um jenes Doctor Berger

willen, eines ganz unfähigen Arztes, abgewiesen. Wenn Sie reussiren

wollen, geben Sie Herrn K... einige hundert Franken, und Sie werden die

Stelle erhalten.«

Diese Worte waren die Ursache von Erwin's Zweikampf mit dem, der sie

gesprochen, gewesen. Zum zweitenmale hatte er seinen Arm erhoben zur Abwehr

einer Beschimpfung seines Vaters. Doch wie einst als Knabe, schwieg er auch

jetzt als Mann. Wie damals hätte er auch heute die schmachvollen Worte

nicht zu wiederholen vermocht, die der freche Verleumder auszusprechen

gewagt. Wozu auch? Wußte er doch, daß an der Ehrenhaftigkeit seines

Vaters kein Flecken haftete, und lag es doch klar am Tage, daß nur der

Grimm ob der sicherlich berechtigten Zurücksetzung zu Gunsten eines

verdienstvolleren Mannes es war, was den verwegenen Buben gegen ihn und

seinen Vater zu Haß und Verleumdung aufstachelte.

Mit lächelnder Ergebung nahm Erwin die väterlichen Ermahnungen vor einer

Wiederholung ähnlicher, thörichter Schlägereien entgegen und freute

sich im Stillen, daß ihm die Täuschung seines Vaters, die seinem

wahrheitsliebenden Herzen gar nicht leicht fiel, so gut gelungen war.

Die Wunde heilte rasch, und wieder glitt das Leben der Beiden in seiner

altgewohnten, friedlichen Weise dahin. Doch da kam ein Tag, da Erwin am

Krankenlager seines Vaters stand, und ein anderer, da er schluchzend an

seinem frischen Grabe kniete. Und dann kam eine Stunde --

Was ich geschaut: Novellen · 第 7 / 10 段