Ihre blonden Zöpfe hingen frei in den Nacken. Der groteske Hut mit den

großen, gelben Blumen saß ihr jetzt nicht auf dem Kopfe, ihr Gesicht zu

verunstalten. Aber das blaue Sammtjäckchen mit den weißen Borten ließ

Julian sogleich die Straßensängerin vom Morgen in ihr erkennen, deren

musikalische Vorträge ihn fast zur Verzweiflung gebracht.

Jetzt lief sie zu dem Wagen zurück. »Er ist da, Mutter!« schrie sie

in das offene Fensterchen hinein. »Er ist zurück, es ist ihm nichts

geschehen!« Des fremden Begleiters ihres Bruders wurde sie in der Hast

und Freude des Wiedersehens gar nicht gewahr. Und Julian machte sich nicht

bemerkbar. Er drückte ein paar kleine Münzen in die Hand des Knaben und

verschwand im Nebel.

Am anderen Abend aber saß Julian auf seinem über dem kühlen Grasboden

gebreiteten Ueberzieher vor dem grünen Karren der Spielleute und ließ

sich erzählen von ihrem Leben und Schicksal. Es war ein trauriges Lied,

aber kein selten gehörtes. Der Vater -- der Ernährer -- todt, die Mutter

erkrankt vor Noth und Mühsal, die Familie dem Elend preisgegeben, hätte

Elvira -- dies war der Name der kleinen Harfenistin, und Roland hieß ihr

Bruder -- sich nicht entschlossen, das von ihrem Vater -- der Dirigent

einer von einem Circus engagirten Musikkapelle war -- ererbte und so gut

es ging, entwickelte Talent zum Broterwerb für sich und die Ihrigen zu

verwerthen. So zogen sie von Stadt zu Stadt, von Land zu Land. Bei Tage

sang und spielte Elvira vor den Fenstern der Häuser, Abends in Kneipen

und Kaffeeschänken. Schon nahte die Stunde, da sie sich wieder auf den Weg

machen mußte nach dem Wirthshause, für welches sie heute bestellt war.

Meist begleitete sie ihr Brüderchen auf diesen Gängen. Die Mutter wollte

es so, da sie zu krank war, sie selbst zu begleiten. Lieber blieb sie

die langen, öden Stunden des späten Abends allein in ihren engen vier

Holzwänden, als daß sie das Mädchen allein hätte ziehen lassen. Auch

half Roland ja selbst zum Erwerb, denn schon führte er den Bogen, und

manche Hand, die sich dem Mädchen verschloß, öffnete sich mildthätig

für das blasse Kind, das auf seiner auch vom Vater ererbten Geige mit dem

Ernste eines großen Künstlers Tänze und Märsche herabfiedelte.

Acht Tage noch wollte die Musikantenfamilie in der Stadt verweilen.

Dann war die Zeit zu Ende, für welche sie von der Behörde

Aufenthaltsbewilligung erhalten hatte. Jeden Abend kam Julian, um ein

Stündchen in ihrer Mitte zu verweilen und irgend eine kleine Gabe, wie sie

seine bescheidenen Verhältnisse ihm eben gestatteten, mitzubringen, etwas

Geld oder Eßwaaren, die er gekauft oder von seinem Mittagsmahle erübrigt

hatte, oder ein altes, noch brauchbares Kleidungsstück, dessen er

glaubte, sich entledigen zu können oder das seine Hausfrau ihm für seine

Schützlinge geschenkt. Immer wurde er mit Jubel empfangen, nicht nur wegen

seiner kleinen Unterstützungen, sondern mehr noch um der freundlichen

Theilnahme willen, die sie bei ihm fanden.

Eines Abends jedoch -- es war der letzte ihres Aufenthaltes -- kam Roland

nicht, wie er es sonst immer gethan, ihm freudig entgegengelaufen. Weder

der Knabe noch seine Schwester ließen sich auf dem Platze vor dem Wagen

blicken. Näher schreitend war Julian schon im Begriffe, seine Anwesenheit

durch Rufen kundzugeben, als er, etwa zehn Schritte von sich entfernt,

in einem Winkel des Lattenzaunes, zwei dunkle, eng aneinander geschmiegte

Gestalten bemerkte. Es war Elvira. Ihr zur Seite stand ein Julian

unbekannter Mann, seine Arme um ihren Hals geschlungen, während ihr Kopf

auf seiner Schulter lehnte.

Julian fühlte sein Herz sich zusammen schnüren. Die alte Geschichte --

wie hätte es denn auch anders sein können unter solchen Verhältnissen!

Und doch, ach -- wie leid that es ihm um das junge Mädchen.

Er überlegte. Sollte er sich unbemerkt von dannen schleichen -- oder die

Mutter aufsuchen, die sicherlich im Wagen saß? -- Wenn er jetzt gleich

wieder fort ging, wie sollte er den Leuten die Flasche Wein und den kalten

Braten zukommen lassen, die er ihnen zur Wegzehrung auf ihrer morgigen

Wanderschaft mitgebracht.

Da lösten sich die beiden Gestalten aus ihrer Umarmung, der Mann eilte

raschen Schrittes der Stadt zu, Elvira aber, die Arme auf einen Pfosten des

Zaunes, den Kopf in die Hände gestützt, brach in bitterliches Schluchzen

aus.

In zwei Sätzen stand Julian neben ihr.

»Was ist geschehen? Warum weinen Sie?« drang er in das Mädchen, ihr den

Kopf streichelnd, wie man einem weinenden Kinde thut.

Sie antwortete nicht sogleich, die Thränen erstickten ihre Stimme. Endlich

aber faßte sie sich. Und nun erfuhr Julian, um was es sich handelte.

Der junge Mann, der eben von ihr gegangen, liebte sie. In einem kleinen

Gasthause, wo sie zuweilen sang und er sein Abendbrot zu nehmen pflegte,

hatte sie ihn kennen gelernt. Heute nun, da er wußte, daß sie am

nächsten Tage fortwandern sollten, war er gekommen, ihr zu sagen, daß

es ihm Ernst sei, daß er sie heiraten und mit der Mutter gleich alles

Nöthige besprechen und festsetzen wolle.

»Nun --?« fragte Julian, als das Mädchen stockte.

»Ich werde ihn wohl nie im Leben wiedersehen,« fuhr sie mit zitternder

Stimme leise fort. »Ich hab' ihn abgewiesen und ihm Lebewohl gesagt.«

»Sie lieben ihn also nicht?«

Da schluchzte sie laut auf.

»O -- wie ich ihn liebe!« Und dann, nach kurzem, stillem Hinweinen:

»Sehen Sie, ich kann ihn nicht heiraten, ich darf nicht, weder ihn noch

einen Anderen. Wenn ich seine Frau würde, müßte ich meinen Erwerb

aufgeben. Er würde es nicht dulden, daß ich als Harfenistin durch

Straßen und Schenken ziehe. Er ist Buchbindergeselle und erwirbt genug

für uns Beide. Wovon sollten aber die Mutter und Roland leben, wenn ich

aufhörte, zu singen? Er hat nicht genug, um auch sie zu ernähren, und

selbst, wenn er es könnte, so möchte ich doch nicht, daß sie das bittere

Brot der Gnade äßen.«

Sie schwieg. Und Julian fand kein tröstendes Wort. Es war ihm weh zu

Muthe.

Da wurden nahende Schritte hörbar. Es war Roland, der in der Stadt einige

kleine Einkäufe besorgt hatte.

Elvira raffte sich auf. »Kommen Sie, gehen wir zu den Anderen!«

flüsterte sie. Und dann, ganz leise: »Sagen Sie der Mutter nicht, daß

ich geweint habe. Sie weiß, daß ich ihn abgewiesen habe, aber sie soll es

nicht erfahren, daß ich ihn lieb habe. Es würde sie zu traurig machen.«

Am anderen Tage auf dem Heimwege von seinem abendlichen Spaziergange lenkte

Julian wieder, ohne selbst recht zu wissen, warum, seine Schritte nach

dem Wiesenplatze vor dem Auwald. Leer, öde und still lag er heute da.

Das kurze Gras um die Stelle, wo der Wagen gestanden, war zertreten und

zerstampft, und daneben, wo sie den kleinen eisernen Herd hingestellt

hatten, auf dem Elvira die Suppe und Kartoffeln für das Abendessen kochte,

lagen Stückchen halbverkohlten Holzes auf der Erde.

Wo sie wohl jetzt weilen mochten? -- Was die Zukunft ihnen bringen würde?

-- Immer nur Mühe, Entbehrung, Lasten und Sorge? -- Oder auch Glück und

Freude? -- dachte Julian. Und während er am Ufer des leise rauschenden

Flusses langsam weiter schritt, auf dessen sanft dahingleitenden Wellen die

Gasflammen und elektrischen Bogenlichter der Straßen- und Brückenlaternen

sich spiegelnd aufblitzten wie herabgefallene, auf dem Wasser schwimmende

Sterne, klang ihm wieder das Lied im Ohre:

»Es ist bestimmt in Gottes Rath,

Daß man vom Liebsten, das man hat -- muß scheiden --«

Arme Elvira! Als sie es vor seinem Fenster gesungen, ahnte sie wohl nicht,

wie bald es sich an ihr erfüllen sollte!

Sein Bild.

Es giebt bekanntlich Menschen, die sich nie, selbst in den glücklichsten

Lebenstagen nicht glücklich fühlen, und Andere dagegen, die sehr wenig

bedürfen, um froh und zufrieden zu sein. Die Ersteren -- sie sind leider

in der Mehrzahl -- haben die unglückliche Gewohnheit, ihre eigenen

Verhältnisse immer mit solchen der besser situirten Leute zu vergleichen

und an diesen abzumessen, wobei sie selbstverständlich zu dem Resultate

kommen, ihre Lage als eine bedauernswerthe zu betrachten. Statt ihr

Augenmerk darauf zu richten, was das Geschick ihnen Gutes beschert hat,

ziehen sie nur in Erwägung, was es ihnen versagt. Wohnen sie in einer

kleinen Stadt, so beklagen sie es, die Vortheile eines Aufenthaltes in

einer Großstadt entbehren zu müssen, werden sie nach einer solchen

versetzt, so bemitleiden sie sich dafür, nicht den Sommer auf dem

Lande zubringen zu können; wird auch dies ihnen ermöglicht, so ist

es sicherlich nicht der ihren Wünschen entsprechende Punkt, wohin die

Umstände sie geführt haben.

Martin Jost gehörte nicht zu dieser Kategorie von Menschen. Er gehörte zu

der kleinen Zahl jener Anderen, die sich mit dem bescheidensten Lose --

so es nur erträglich -- zufrieden geben; die sich des flüchtigsten

Lichtblickes in ihrem Dasein freuen und selbst dann, wenn ihr

Schicksalshimmel, mit trüben Wolken verhängt, düster auf sie

herniederblickt, unbewußt die tiefe Lebensweisheit üben, daß sie

geduldig auf eine Besserung warten. Seit fünfzehn Jahren bei einem

Rechtsanwalte als Schreiber bedienstet, bezog Martin einen Monatssold, der

gerade ausreichte, daß er nicht hungern und nicht frieren mußte und

nicht in schmutzigen oder zerrissenen Kleidern einherzugehen brauchte.

Er bewohnte eine kleine, schlicht möblirte Stube bei einer ältlichen

Beamtenswitwe, bereitete sich eigenhändig seinen Morgenkaffee, aß seit

vielen Jahren in demselben bescheidenen Gasthause, in demselben Zimmer, an

demselben Tische zu Mittag und trug unverändert denselben grauen Rock und

denselben schwarzen Filzhut. Allerdings wurden Hut und Rock, wenn sie

sich als vom Zahne der Zeit allzu scharf mitgenommen erwiesen, durch

neue ersetzt. Da der Nachkömmling jedoch immer genau so aussah wie sein

Vorgänger, so machte es den Eindruck, als ob Martin mit seinen Kleidern

verwachsen wäre. Nur wenn er -- dies war der einzige Luxus, den er sich

gönnte -- das Theater besuchte, vertauschte er den grauen mit einem

schwarzen Rocke, mit demselben schwarzen Rocke, den er vor fünfzehn Jahren

gelegentlich der behufs Erlangung seiner Dienststelle bei dem Advocaten

unternommenen Präsentationsvisite getragen hatte.

Es war ihm nicht an der Wiege gesungen worden, daß er es nicht weiter

bringen sollte als bis zum Schreiber. Ein munterer, aufgeweckter Knabe,

hatten seine Lehrer ihn als einen fleißigen und begabten Schüler sehr

lieb gehabt. Doch als sein Vater plötzlich starb, Frau und Sohn in den

dürftigsten Verhältnissen zurücklassend, da unterbrach der Jüngling

seine zu den schönsten Hoffnungen berechtigenden Studien und trat, da

sich eine bessere Stelle ihm nicht bot, als Diätist in den Dienst des

Rechtsanwaltes, sich und die Mutter von seinem kleinen Gehalte ernährend.

Jetzt war auch die Mutter seit Jahren todt, und da er nun für niemand mehr

als für sich selbst zu sorgen brauchte, brachte er es, so gering seine

Bezahlung auch war, doch fertig, nicht nur ein kleines Sümmchen für

unvorhergesehene Fälle von Krankheit oder Noth jährlich zurückzulegen,

sondern auch sich das Vergnügen eines zeitweiligen Theaterbesuches, des

einzigen und ausschließlichen Vergnügens, das er kannte, zu gestatten.

Niemand ahnte es, welche Begeisterung in dem Inneren dieses stillen,

unscheinbaren Männchens loderte, welches mächtige Echo das Wort des

Dichters in dem Herzen dieses scheinbar trockenen Actenabschreibers fand.

Ein Copist! Wie sollte die Seele eines Menschen, der seit einer Reihe von

Jahren von acht Uhr Morgens bis Mittags, von zwei Uhr Nachmittags bis

sechs Uhr Abends nichts anderes that, als seine Feder in trostloser

Einförmigkeit über das Papier hingleiten zu lassen, anderer Empfindungen

und Gedanken als solcher der nüchternsten Alltäglichkeit fähig sein! Ja,

besaß solch eine Schreibmaschine überhaupt etwas wie eine Seele?

Und doch! Ein Wesen gab es, das in den sinnend vor sich hinblickenden

grauen Augen des von niemanden beachteten, schüchternen und schweigsamen

Mannes zu lesen verstand, ein Wesen, welches wußte, welch eine reiche Welt

zarter und reiner Gefühle, freier und edler Ideen hinter dem durch den

Schein alltäglicher Unbedeutendheit täuschenden Aeußeren verborgen lag.

Dieses eine Wesen war die Blumenmacherin Elise H., die er erst vor wenigen

Jahren kennen gelernt hatte, mit der ihn aber jetzt herzliche Freundschaft

verband.

Im Theater war es gewesen. Sie hatte neben ihm gesessen; durch sein

bescheidenes freundliches Anerbieten, sein Opernglas zu benützen, war ein

Gespräch herbeigeführt worden und im Laufe desselben hatte er die ihm

wundersam scheinende Entdeckung gemacht, daß seine Sitznachbarin von

demselben Enthusiasmus über die sie entzückende Bühnendichtung erfüllt

war, wie er selbst. Da sie allein war und da sie den Weg nach Hause

allein hätte zurücklegen müssen, bot er ihr, seine Schüchternheit

überwindend, seine Begleitung an, welche angenommen wurde. Und nicht nur

das -- sie gestattete ihm auch, sie zu besuchen. Immer reger wurde der

Verkehr zwischen ihnen, immer mehr Freude und Erquickung fanden die beiden

Einsamen in den trauten Stunden ihres Zusammenseins und bald wurde es

ihnen zur Gewohnheit, an bestimmten Tagen der Woche die Abende in Elisens

traulichem Stübchen zu verbringen.

Sie verkehrten wie Geschwister miteinander. Nachdem der Thee getrunken war,

griff Elise wieder zu ihrer Arbeit, Martin aber nach einem Buche, aus dem

er ihr vorlas und über welches sie dann ihre Gedanken austauschten. Sie

empfanden es Beide als ein großes Glück, einander begegnet, Einer in dem

Anderen eine Menschenseele gefunden zu haben, die sie von der trostlosen

Vereinsamung, die jeden bedrückte, erlöste und ihnen Gelegenheit bot,

alles, was in ihnen lebte und webte, ihre durch das stete Schweigen

gleichsam verschleiert gebliebenen Empfindungen, die Ideen, welche

theilweise noch unreif und verworren, nach Klärung rangen, auszusprechen

und sie durch das Urtheil des Anderen frische Nahrung, Erweiterung und

Berichtigung finden zu lassen.

Denn wie Martin war auch Elise solcher Eltern Kind, die für sie ein

besseres Los als das einer Handarbeiterin im Auge gehabt und ihr eine gute

Erziehung hatten angedeihen lassen. Sie hatte viel gelesen und manches

gelernt; doch wies der ihr zutheil gewordene Unterricht zu viele Mängel

und Lücken auf, um sie durch Verwerthung desselben zur Gewinnung der

Mittel ihres Lebensunterhaltes zu befähigen. Und so kam es, daß, als

das Unglück über sie hereinbrach, in rascher Folge ihre beiden Eltern zu

verlieren und, ohne Vermögen, auf eigenen Broterwerb angewiesen zu sein,

ihr bis dahin nur zu ihrem Vergnügen gepflegtes Talent der Erzeugung

zierlicher Kunstblumen zur Quelle der Erwerbung der Subsistenzmittel wurde

für sie selbst und für ihren von schwerem Siechthum befallenen kleinen

Bruder.

Doch während sie so saß und Stunde um Stunde die weißen

Battistblättchen zu Blumen- und Blüthengebilden zusammenfügte, um dann

die zarte Form mit Farbe zu überkleiden, da flatterten ihre Gedanken weit

hinaus aus dem engen Raum, und die reichen, vielgestaltigen Bilder, die

ihre Phantasie erbaute, belebten die gleichförmige Einsamkeit ihres

wirklichen Lebens. Jetzt war dies anders geworden; in Martin hatte Elise

einen Genossen gefunden, der allem von ihr Gedachten und Empfundenen

williges Gehör und Verständniß entgegenbrachte.

Auf diese Weise waren einige Jahre verflossen, als die Verschlimmerung des

Zustandes des kleinen Patienten und schließlich sein Tod im Verkehre

der beiden Freunde eine schmerzliche Unterbrechung herbeiführte. Und als

Martin -- nachdem Elise den von seinen Leiden erlösten Knaben zur Ruhe

bestattet hatte, ihr nun noch vereinsamteres Leben wieder in alter Weise

aufnahm -- auch zur Gewohnheit seiner regelmäßigen Besuche zurückkehren

wollte, da sah er sich plötzlich vor die Alternative gestellt, entweder

auf seinen ihm so lieb gewordenen Verkehr mit der Freundin zu verzichten

oder ihren guten Ruf zu gefährden. Denn jetzt fingen Elisens Nachbarsleute

an, die Köpfe zusammenzustecken, zu zischeln und zu flüstern und Martin's

häufige Besuche bei Elise, die nun nicht einmal mehr den Bruder an

der Seite hatte, dessen stete Anwesenheit die Sache anständiger hatte

erscheinen lassen, als einen die Moral verletzenden Scandal zu bezeichnen.

Martin fühlte sich tief unglücklich und wußte keinen Ausweg. Die

Freundin dem Gerede verleumderischer Lästerungen preisgeben wollte er

nicht, auf sie Verzicht zu leisten, dies glaubte er aber nicht über sich

bringen zu können, denn -- jetzt erst ward er sich darüber klar -- nicht

freundschaftliche Gefühle allein waren es, die ihn an sie fesselten. Nein,

die Freundschaft hatte sich in seinem Herzen in Liebe umgewandelt. Aber so

sorgsam hatte er das Geheimniß gehütet, daß er bis zu diesem Augenblicke

selbst nicht wußte, was in seinem Inneren lebte.

Ein Anderer würde an seiner Stelle nicht gezögert haben, Elisen seine

Liebe zu gestehen und sie zu fragen, ob sie seine Frau werden wolle. Er

aber fand hierzu den Muth nicht. Seine Schüchternheit und die aus diesem

Gefühle geborene Ueberzeugung der Unmöglichkeit, daß er im Stande sein

sollte, die Neigung eines weiblichen Wesens, am allerwenigsten aber die

Elisens, die er in seinem Urtheile unerreichbar hoch über sich stellte,

zu erwerben, banden ihm die Zunge. Und so kam es, daß er, statt einen

entscheidenden Schritt zu thun, mit eigenen Händen den Weg verrammelte,

der ihn an das gewünschte Ziel hätte bringen können; er ließ seine

Besuche bei Elisen immer seltener werden und blieb, allerlei Vorwände

suchend, schließlich ganz aus.

Indem er glaubte, daß Elise nichts ahnte von dem, was in ihm vorging und

was die Ursache war seines plötzlichen Abbrechens ihres Verkehres,

hatte er sich jedoch sehr getäuscht. Nicht nur war der Klatschbasen

mißbilligendes und verleumderisches Geflüster über ihre vertraulichen

Beziehungen zu Martin auch ihr, ebenso wie ihm, ja noch früher zu Ohren

gekommen, sie hatte auch das in seinem Herzen glühende Feuer gar lange

schon wahrgenommen. Ja, sie hatte es bereits erkannt, daß sie von ihm

geliebt sei, bevor er sich selbst dessen bewußt geworden.

Einige Wochen waren vorübergegangen, ohne daß Martin die Schwelle des

trauten Zimmers mit dem mit geblumten Kattun überzogenen Sopha, in dessen

Ecke er so oft gelehnt, mit dem Lederfauteuil, auf welchem er Elise so oft

sitzen gesehen, das blasse, nicht schöne und doch so anziehende Gesicht

mit den freundlich und klar blickenden Blauaugen nach vorne über den

großen Arbeitstisch geneigt, ohne daß er die Schwelle dieses Zimmers,

nach dem es ihn so mächtig zurückzog, überschritten hatte. Anfänglich

war es ihm schwer, ach, furchtbar schwer gefallen, seinen Entschluß

durchzuführen. Oft hatte er das Haus, das ihn unwiderstehlich lockte,

umschritten, war an dessen Thor stehen geblieben, hatte bebenden Herzens

nach den zwei Fenstern hinaufgeblickt, durch deren zugezogene Vorhänge

der gedämpfte Lichtschein der Lampe fiel. Aber betreten hatte er das

Haus nicht. Denn er wußte, daß wenn er erst im Flur stünde, er der

Versuchung, seinen Vorsatz zu brechen, nicht widerstehen würde. Er

glaubte, daß es seine Pflicht sei, diesen Vorsatz auszuführen. Und das

Bewußtsein erfüllter Pflicht war ihm mehr werth als sein Glück.

Da erhielt er eines Tages ein Briefchen von Elise, worin sie ihn bat, sie

Abends zu altgewohnter Stunde zu besuchen; sie habe ihm eine Mittheilung zu

machen, seinen Freundesrath in wichtiger Angelegenheit zu erbitten.

Er kam. Und als er das liebe Gesichtchen wieder sah, noch blasser als sonst

-- oder ließen nur das Trauerkleid und die schwarze Halskrause es so

blaß aussehen? -- und um die Augenbrauen ein seltsam nervöses Zucken,

als wohnte hinter dieser Stirn ein neuer Kummer, ein Kummer, dessen Ursache

vielleicht er war, da ward ihm zu Muthe, als müßte er vor sie hintreten,

ihre Hand fassen und ihr alles sagen, wie es ihm ums Herz sei.

Doch er bezwang sich und schwieg.

»Sie wollen mir etwas mittheilen, meinen Rath hören,« sagte er mit

erzwungener Ruhe.

»Ja, freilich! Doch davon später, nach dem Thee,« antwortete sie. »Denn

heute will ich zu Ehren Ihres Besuches mir Feierabend gönnen.«

Und nun ging sie daran, den Tisch zu decken. Für kalten Aufschnitt,

Sardellenbutter, geröstete Brotschnitten, auch Backwerk daneben, hatte sie

bereits gesorgt, und nun ordnete sie alles in ihrer stillen, geräuschlosen

Art. Dabei knisterte und flackerte das Feuer im Ofen, denn es war Winter,

und das Wasser im Theekessel summte ein trauliches Liedchen.

Martin wurde es immer wohler und zugleich immer weher in seiner Seele. Und

er glaubte vergehen zu müssen bei dem Gedanken, wie glücklich er werden

könnte, wenn -- ja wenn --

Dann fing sie zu plaudern an von allen möglichen Dingen -- ganz wie

früher, als sie noch gewohnt waren, einander alle kleinen Begebenheiten,

alle Freuden und Leiden ihres einfachen Lebens mitzutheilen. Auch von dem

todten Brüderchen sprach sie, und wie sie jetzt, seitdem es ihr genommen,

sich noch viel einsamer fühle als früher, so lange sie für ihn zu sorgen

und zu schaffen hatte.

Und dann -- ganz plötzlich -- rückte sie mit dem heraus, was sie

eigentlich vorhatte, ihm mitzutheilen. Sie hege die Absicht, sich zu

verheiraten, sagte sie ihm. Der Mann ihrer Wahl sei ein guter, braver

Mensch, arm wie sie selbst. Aber sie Beide stellen ja keine großen

Ansprüche an das Leben und sie seien gewohnt, zu arbeiten. Und -- was die

Hauptsache -- sie liebe ihn. Da sie aber zu einem so wichtigen Schritt sich

nicht entschließen wolle, ohne seinen Rath zu hören, so bäte sie ihn um

sein Urtheil. Er werde gleich Gelegenheit haben, den Erwählten kennen zu

lernen, denn sie habe diesen gebeten, heute Abend auch zu ihr zu kommen.

Martin schnellte von seinem Sitze empor. Kreidebleich stand er vor ihr.

Sein Herz hämmerte in so wuchtigen Schlägen, daß er kaum zu sprechen

vermochte.

»Wie?« stammelte er. »Er kommt hierher? Jetzt, hier soll ich ihm

begegnen? Nein, Elise, das fordern Sie nicht von mir! Das nicht! Lassen Sie

mich gehen, bevor er kommt.«

»Sie wollen mir Ihren Freundesrath vorenthalten?« fragte Elise. »Mir ist

an Ihrem Urtheile viel gelegen.«

»Ach, welchen Nutzen haben Sie davon? Nein, ich will nicht hier bleiben,

ich will nicht!« rief Martin fast verzweifelt und rannte im Zimmer umher,

um Hut und Ueberrock zu suchen, die er nicht fand, obgleich beides

vor seinen Augen an einem Haken an der Thür hing. Elise aber blieb

unerbittlich.

»Warum wollen Sie ihm nicht begegnen?« fragte sie. »Sagen Sie mir, warum

Sie es nicht wollen.«

Da trat Martin dicht an sie heran, und indem er die Hände wie bittend

ineinander legte, sagte er: »Warum? -- Weil -- weil -- Ach, Elise, Sie

quälen mich nutzlos. Sie ahnen nicht --«

Er vollendete den Satz nicht und wandte sich ab. Hut und Rock vom Nagel

reißend, wollte er aus dem Zimmer stürzen.

Elise hielt ihn zurück.

»Wenn Sie meine Bitte durchaus nicht erfüllen wollen, wohlan, gehen Sie,

ich halte Sie nicht auf. Doch sein Bild sehen Sie sich an. Hier ist es, so

sieht er aus. Und nun sagen Sie mir, ob er Ihnen gefällt, ob Sie glauben,

daß meine Wahl eine gute, ob ich sie nicht zu bereuen haben werde.«

Und sie hielt dem Widerstrebenden eine Photographie vor die Augen. Es war

seine eigene --

Martin stieß einen leisen Schrei aus und im nächsten Augenblicke lag

Elise in seinen Armen. Er glaubte nicht, daß ihre Wahl keine gute sei --

und sie hatte sie nie zu bereuen.

Collection Hartleben.

Eine Auswahl

der hervorragendsten Romane aller Nationen.

Preis des Bandes eleg. geb. 40 Kr. = 75 Pf. = 1 Fr.

Pränumeration für ein Jahr (26 Bände) 10 fl. = 19 M. = 25 Fr.

Inhalt des ersten Jahrganges.

I.-IV. Carlén, Emilie. Der Vormund.

V.-VI. Dumas, Alexander. So sei es.

VII.-VIII. Sue, Eugen. Miß Mary.

IX. Jokai, Mor. Hallil Patrona. (Die weiße Rose.)

X. Sand, Georg. Die kleine Fadette. (Die Grille.)

XI.-XII. Mügge, Theod. Verloren und gefunden.

XIII.-XIV. Thackeray, William. Die Geschichte Heinrich Esmond's.

XV. Turgénjew, Iwan. Frühlingsfluthen.

XVI. Maquet, Aug. Liebe und Verrath.

Was ich geschaut: Novellen · 第 9 / 10 段