Theodor strahlte und auch in Margarethens Augen blitzte ein

Freudenschimmer, der mich fast rasend machte vor Grimm, und ich

beschloß, meine letzte Karte auszuspielen, um Arthur von seinem Vorhaben

zurückzuhalten.

Nach dem Thee, während Margarethe uns einige Lieder sang, zu welchen

sie Theodor, wie gewöhnlich auf dem Clavier begleitete, brach ich die

Gelegenheit vom Zaune, um meinem Freunde, mit Ausnahme des auf Margarethe

bezüglichen Details, mein ganzes mit Theodor während der Bahnfahrt

geführtes Gespräch zu erzählen. Mit wahrer Wonne verbreitete ich mich

über die eines Don Juan's würdigen Anschauungen des »Unwiderstehlichen«

über Liebe und Treue und entblödete mich nicht, auch seines, wie

er behauptete, aus seinen intimen Erfahrungen geschöpften Wahl- und

Wahrspruches: =Veni, vidi, vici!= Erwähnung zu thun. Wer beschreibt

jedoch meine Fassungslosigkeit, als ich sah, daß auch dieses Mittel nicht

verfing!

Mit ruhigem Lächeln hörte Arthur mir zu, und als ich schwieg, sagte er

ganz unbefangen:

»Ja, ja, ich kenne das. Solche Ansichten sind bei den Männern gang und

gäbe, namentlich bei den Junggesellen.«

Ich war wie vor den Kopf geschlagen und starrte ihn an, als hätte er

plötzlich angefangen, chaldäisch zu sprechen. Auch muß ich in meinem

grenzenlosen Staunen ein etwas dummes Gesicht gemacht haben, denn er lachte

geradezu, als er mich ansah. Ich wurde so erbittert über ihn, daß ich ihm

sicherlich etwas Grobes gesagt hätte, wenn nicht in diesem Augenblicke

ein von Margarethe vorgetragenes Gounod'sches Lied beendigt und sie zu uns

herangetreten wäre, wodurch unser Gespräch abgeschnitten war.

So zwang ich mich denn, gegen Margarethe gewendet, zu ein paar artigen

Floskeln über ihren Gesang -- von dem ich diesmal freilich wenig gehört

hatte -- während ich innerlich Arthur mit Molière apostrophirte: =Tu

l'as voulu, George Dandin!= Am anderen Morgen, als Arthur, seinem Vorhaben

gemäß, fort fuhr, stand Margarethe, so zeitlich früh es auch war, am

Wagen, um ihm Adieu zu sagen. Am offenen Fenster stehend, sah ich, wie sie

sich zärtlich umarmten und küßten und hörte Margarethe sagen:

»Also pünktlich, Arthur, keine Verspätung!«

»Pünktlich, wie eine Sonnenuhr!« rief er zurück, während er lachend in

den Wagen sprang.

Ich aber dachte: »Sei Du nur pünktlich, mein Lieber, so pünktlich

kannst Du doch nicht sein, um Deinem Unheil zuvorzukommen, dem Du kopfüber

entgegen rennst!«

Der Vormittag verging wie die anderen, ohne daß etwas Besonderes vorfiel.

Nur glaubte ich an Theodor sowohl wie an Margarethe eine gewisse nervöse

Unruhe zu bemerken, als ob sie irgend etwas mit Spannung erwarteten.

Bei Tische -- das Dessert war eben aufgetragen worden -- griff Theodor nach

seinem mit edlem Wein gefüllten Glase und es emporhaltend, sprach er zu

Margarethe gewendet:

»Es verstößt zwar gegen die gute Lebensart, sich selbst zum

Hauptgegenstande des Gespräches zu machen. Dennoch kann ich es mir nicht

versagen, zu bemerken, daß ich heute mein Geburtsfest feiere. Gestatten

Sie mir, gnädige Frau, mein Glas auf Ihr Wohl zu leeren, indem ich Ihrer

Güte und Ihrer liebenswürdigen Einladung, in Ihrem Hause zu weilen, es

danke, daß der heutige sich zu dem schönsten und reizvollsten Geburtstag

meines Lebens gestaltet.«

Margarethe schlug sich in die Hände.

»Ihr Geburtstag ist heute!« rief sie heiter. »Das trifft sich ja

köstlich! Schade, daß Sie es nicht früher gesagt, dann hätten wir

ein kleines Fest veranstaltet. Never mind, noch ist es ja nicht zu spät

dazu.«

Ein schelmisches Lächeln flog über ihr Gesicht. Sie erhob ihr Glas und

die Becher klangen aneinander.

Mich aber faßte es wie ein Taumel. Indem ich mit dem Rande meines Glases

dasjenige Margarethens berührte, rief ich lustig:

»Evviva, Theodor! Ein Hoch dem Unwiderstehlichen und seiner Siegesbahn!«

Theodor blickte mich betroffen an. Margarethe lachte.

»Das gilt nicht,« rief sie. »Darauf stoße ich nicht an.«

»Mein Freund hat sich falsch ausgedrückt,« fiel Theodor ein. »Manche

Spötter geben mir allerdings diesen Namen. Dies beruht jedoch auf einer

Verwechslung der Begriffe. Kein einzelner Mensch ist unwiderstehlich, nur

die siegreiche Allmacht der Liebe ist es. Wollen Sie auf die Macht der

Liebe trinken, gnädige Frau?«

Während Theodor sprach, hatte Margarethe den Blick gesenkt. Jetzt sah sie

wieder auf.

»Es lebe die Liebe!« sagte sie.

Nochmals erklangen die Gläser und Theodor's und Margarethens Blicke

begegneten sich in stummer und doch beredter Sprache.

Nach Tische zog Margarethe sich für kurze Zeit zurück, um, wie sie

mir zuflüsterte, für Theodor's Geburtstag eine kleine Ueberraschung

vorzubereiten.

»Du wolltest mir mit Deinem Toast eine kleine Grube graben,« sagte

Theodor, als Margarethe uns verlassen hatte. »Ich fürchte jedoch, daß

sich wieder einmal das Sprichwort von solchem Gebaren bewähren werde.

Nicht ich werde es sein, der hineinstürzt. Deine Theorien werden mit einem

großen Plumps hineinfallen.«

»Morgen geht die Frist zu Ende,« versetzte ich.

»Allerdings. Aber zweifelst Du wirklich noch daran, daß meine

Anschauungen Recht erhalten werden?«

Ich zuckte mit den Achseln und gab keine Antwort.

Eine halbe Stunde später vereinigten wir uns im kühlen Billardzimmer zu

einer kleinen Partie, denn noch war es zu heiß, um ins Freie zu gehen.

Später sollte eine Kahnfahrt und nach derselben ein Spaziergang in

den Wald unternommen werden. Margarethe wollte uns zu dem an ihrem

Lieblingsplätzchen erbauten Pavillon führen, den sie uns noch nicht

gezeigt hatte.

Alles verlief ganz programmgemäß. Aber während ich ruderte, bemerkte ich

wiederholt, wie Theodor, der am Steuer saß, mit Margarethen leise

Worte tauschte. Auch schien es mir, daß sich die von mir schon früher

wahrgenommene erregte Spannung ihres Wesens sichtlich steigerte.

Schon neigte sich die Sonne ihrem Untergange zu, ihre schräg auffallenden

Strahlen glitzerten und glänzten auf den Wellen wie flüssiges Gold. Die

Abendkühle senkte sich erfrischend hernieder.

An einer buchtähnlichen Biegung des Flusses, an dessen Ufer eine Bank

stand, landeten wir, um von dort aus den Weg durch den Forst nach

dem Pavillon einzuschlagen. Wir hatten jedoch erst einige Schritte

zurückgelegt, als Margarethe erklärte, vorher noch nach Hause gehen zu

wollen, um sich einen Shawl zu holen. Der Abend sei plötzlich so kühl

geworden.

Theodor meinte jedoch, wir sollten vorangehen, er würde nach Hause eilen,

um das Gewünschte zu bringen.

Er setzte sich in Schnellschritt -- doch nur, um nach zwei Minuten einen

kleinen Schrei auszustoßen und, indem er hinkend zu uns zurückkehrte, die

Erklärung abzugeben, er sei gestrauchelt, habe sich den Fuß verletzt und

bäte daher mich, die Mission zu übernehmen, da er unmöglich so rasch

zu gehen vermöchte. Sie Beide würden hier auf der Bank meine Rückkehr

abwarten.

Ich verstand -- und vermochte es nicht, ein spöttisches Lächeln zu

unterdrücken. Fragend blickte ich auf Margarethe, doch als sie mit

freundlicher Bitte sich Theodor's Anordnung anschloß, sah ich, daß es ihr

Wunsch sei, daß ich sie verlasse, und begab mich auf den Weg.

»Das also haben sie mitsammen abgekartet, als ich sie flüstern sah,«

dachte ich, während ich beinahe laufend dem Hause zustürmte. Dort ließ

ich mir von einem Diener irgend einen Shawl Margarethens geben und kehrte

wieder zurück. Etwa zwanzig Minuten mochten verflossen sein, so war ich

wieder zur Stelle. Doch die Bank war leer. Weder von Margarethe noch von

Theodor eine Spur.

Ich rief, aber keine Antwort tönte zurück.

Da lachte ich laut auf -- doch that mir dieses Lachen so wehe, als ob ich

weinte.

Dann überlegte ich, was ich thun sollte. Hier warten? -- Wozu! Hierher

kamen sie gewiß nicht mehr. Nach Hause zurückkehren, allein? -- Damit

riskirte ich, Margarethe zu compromittiren, deren Escapade mit Theodor

dadurch bekannt wurde. Den Beiden auf dem Wege nach dem Pavillon folgen? --

Das war unmöglich, denn ich kannte den Weg nicht, der eine Steinwurfweite

von der Bank entfernt sich in drei verschiedenen Richtungen nach dem Walde

hin trennte. Also was thun --?

Plötzlich schoß mit ein Gedanke durch den Kopf. Spornstreichs eilte ich

wieder zur Villa zurück und rief Pluto heran, Margarethens prächtige

dänische Dogge, deren specielle Freundschaft ich mir bereits erworben

hatte und die mir ohne Widerstreben folgte. Zum viertenmale legte ich,

jetzt von Pluto begleitet, den Weg zur Bank am Flußufer zurück. Dort

angelangt, rief ich dem Hunde zu:

»Such' die Frau, such' Deine Herrin, Pluto! Such', such'!« und ich hielt

ihm Margarethens Tuch an die Nase, auf daß er besser verstehe, wen er

suchen sollte. Und das kluge, schöne Thier verstand mich vortrefflich.

Erst hob es den Kopf empor und schnupperte in die Lüfte, dann den Weg

entlang. Und ein leises, kurzes Gebell anschlagend, sprang es in weiten

Sätzen auf einem der sich kreuzenden Fußpfade dem Walde zu.

»Langsam, Pluto, langsam!« rief ich ihm zu, da ich ihm kaum zu folgen

vermochte.

Der Hund mäßigte seinen Lauf und nun ging es, von ihm geleitet, in den

Wald hinein.

Es dämmerte bereits und im Forste lag schon tiefes Dunkel. Mit den Füßen

über Wurzeln stolpernd, mit dem Kopfe an Bäume stoßend, das Gesicht

gepeitscht von den niederhängenden Zweigen, folgte ich im Laufschritte

meinem wackeren Führer.

Plötzlich sah ich eine Lichtung vor mir und in demselben Augenblicke

hörte ich Pluto, der mir in den letzten Minuten vorangeeilt war, laut und

freudig aufbellen. Dann ließ sich Margarethens Stimme vernehmen:

»Pluto, Du hier! Wie kommst Du hierher, mein Braver?«

Und darauf Theodor:

»Er wird aus dem Garten entkommen und Ihrer Spur gefolgt sein.«

Da waren sie also! -- Tief aufathmend blieb ich stehen. In diesem Zustande,

athemlos, keines Wortes mächtig, mit zerzaustem Haar, die Kleider in

Unordnung vom wilden Lauf, konnte ich unmöglich vor die Beiden hintreten.

Was würden sie von mir denken! Auch mußte ich mich erst besinnen, was ich

ihnen zur Erklärung meiner seltsamen Parforcejagd sagen wollte.

Behutsam, um meine Nähe durch kein Geräusch zu verrathen, drang ich bis

an den Saum des Waldes vor. Nur der dämmernde Lichtschein, der von dort in

das Dickicht fiel, leitete mich jetzt. Denn die Stimmen der Gesuchten waren

verstummt. Am Rande der Lichtung, vom tiefen Schatten der Bäume gedeckt,

hielt ich nochmals inne. Und jetzt erblickte ich die Beiden.

Inmitten der kleinen Waldwiese, nahe dem im Stile eines

Miniaturschweizerhäuschens gebauten Pavillon, stand Margarethe, das Haupt

zu Theodor herabgeneigt, der vor ihr auf den Knien lag --

Und mit bebender Stimme sprach er:

»Zürne mir nicht, Margarethe, daß ich es wage, Dir das Geheimniß meines

Herzens zu entdecken. Ich liebe Dich, liebe Dich unsäglich!«

Margarethe trat einen Schritt zurück.

»Wie unvorsichtig!« flüsterte sie hastig. »Wissen Sie denn nicht, daß

nicht nur Wände, zuweilen auch die Bäume Ohren haben? -- So stehen Sie

doch auf!«

Theodor erhob sich. Und die Hand nach dem Pavillon ausstreckend, bat er:

»Margarethe --?!«

Die Thür öffnete sich und Beide verschwanden im Inneren des Häuschens.

In einer Secunde stürmte blitzartig eine Fluth von Gedanken und Gefühlen

durch mein Inneres.

Ein Schmerz durchzuckte mich, wie er heftiger nicht hätte sein können,

wäre ich Margarethens Gatte oder Bruder gewesen. Einen Augenblick fühlte

ich mich versucht, ihnen nachzustürzen und Theodor zu Boden zu schlagen.

Aber hatte ich etwa ein Recht dazu? Wahrlich nicht! Dann ergriff mich

Scham, als ob ich es wäre, der einen Frevel begangen, und eine wilde

Qual, meinen Glauben an Tugend, an die Unwandelbarkeit treuer Liebe so

schmählich und auf so lächerliche Weise zerstört zu sehen. Und

alle diese Gedanken und Empfindungen waren in wenigen Augenblicken

zusammengedrängt, denn als ich mich wieder zusammenraffte, fiel hinter den

Beiden erst die Thür ins Schloß.

Doch was war dies? -- In dem Häuschen blitzte plötzlich ein Lichtschein

auf und ein schwacher Schrei ertönte.

Ich schritt vorwärts, und durch ein Fenster in den Pavillon spähend, bot

sich mir der überraschendste Anblick.

In der mir gegenüber liegenden Fensteröffnung las ich die durch ein

glänzendes Transparent gebildeten Worte:

»=Veni, vidi -- non vici.=«

Und nun wurde es hell im Pavillon. Unter Margarethens Händen flammte eine

Lampe auf. Und ich sah auf einem Tischchen allerlei kostbare Gegenstände

zierlich geordnet: einen eleganten Briefbeschwerer, eine prachtvolle

türkische Pfeife, ein Cigarrenetui und noch manches andere, dessen ich

mich nicht mehr entsinne.

Neben dem Tischchen aber stand Margarethe -- an Arthur's Schulter gelehnt

und Beide blickten lächelnd auf Theodor, der starr wie eine Bildsäule an

der Thür stand.

Jetzt trat Margarethe auf ihn zu.

»Hab' ich mein Wort gehalten?« fragte sie. »Ich sagte doch, Ihr

Geburtstag treffe sich köstlich. Schade, daß unser Freund, den wir

so schmählich im Stiche gelassen, nicht anwesend ist, sich auch an der

Ueberraschung zu laben.«

»Ihr Wunsch ist erfüllt, gnädige Frau,« fiel ich ein, lachend durch

die Thür tretend. »Freund Pluto hat mich hierher geführt.« Und gegen

Theodor gewendet, flüsterte ich: »Wer zuletzt lacht --«

Theodor hatte endlich seine Fassung wieder gewonnen und mit der Gewandtheit

des Weltmannes gute Miene zum bösen Spiele machend, dankte er mit

erzwungener Heiterkeit für die allerliebsten Geburtstagsgeschenke und --

leise zu Margarethe -- für die heilsame Lehre.

Ob diese Radicalcur ihn von dem Wahne seiner Unwiderstehlichkeit und von

jenem, daß es keine echte Treue gebe, gründlich geheilt hat? -- Ich

weiß es nicht. Mir gegenüber vermeidet er es ängstlich, auf dieses Thema

zurückzukommen.

Schwer geprüft.

Der Wanderer, der von dem in den südwestlichen Ausläufern der Allgäuer

Alpen, inmitten eines üppigen Tannen- und Eichenwaldes malerisch gelegenen

und durch seine heilkräftigen Mineralquellen auch als Curort bekannten

Weiler Adelholzen gegen das etwa eine halbe deutsche Meile davon entfernte,

knapp an die östlichen Ufer des freundlichen Chiemsees geschmiegte

Dörfchen Uebersee hinabsteigt, kommt, wo der Weg aus dem Walde hervortritt

und sich tiefer gegen die Thalebene senkt, an einem massiven Eisengitter

vorüber, das einen schattigen Garten gegen die daran vorbeiführende

Bergstraße abschließt. Wer in der Schwüle eines heißen Sommertages

hier vorüberschreitet, mag wohl einen Augenblick stillstehen, um durch die

Eisenstäbe des Gitters einen begehrlichen Blick auf dieses reizende Heim

zu werfen, welches das zwischen dem dunklen Grün der Bäume und über

den bunten Flor eines mächtigen, den ganzen Vorplatz des Gebäudes

einnehmenden Rosenrondeaus hell und heiter hervorblickende Landhaus seinen

Bewohnern bieten mag.

Auch heute sandte die Augustsonne ihre gluttragenden Strahlen versengend

heiß von dem wolkenlosen, durchsichtig klaren Himmel in das Thal

hernieder. Aber hier, in dem an breitästigen dichtbelaubten Bäumen

reichen Garten, in welchem aus dem unmittelbar angrenzenden Nadelholzwalde

die Luft frisch und würzig herabstrich, war die unten im Thalkessel

drückende Hitze wohlthuend gemildert.

Die Besitzer des anmuthigen Landhauses, Doctor Richard Wilnau -- den man,

seit eine Krankheit ihn des Augenlichtes beraubt, in der ganzen Umgegend

nicht anders als schlechtweg den »blinden Doctor« nannte -- und seine

junge, hübsche Gattin, in der Oeffentlichkeit durch ihre vortrefflichen

Gemälde, im Kreise der Näherstehenden aber auch durch ihre hohe

Geistesbildung und persönliche Liebenswürdigkeit bekannt, befanden sich

plaudernd auf der kühlen Veranda.

Die junge Frau hatte soeben die Lectüre der Tagesblätter beendet, die

sie nach eingenommenem Mittagsmahle dem Doctor täglich vorzulesen pflegte.

Aber im Begriffe, zu ihrer Arbeit wiederkehrend, in ihr Atelier sich zu

begeben, war sie, schon auf der Schwelle, von ihrem Gatten zurückgerufen

worden.

»Unverbesserlich, ganz unverbesserlich,« sagte der Blinde, indem

er, heiter lächelnd, sein Haupt an die Rücklehne des Schaukelstuhles

drückte, in dem er sich behaglich auf und nieder wiegte. »Was wirst Du

mir für eine Strafe dictiren, Malwinchen, wenn ich bekenne -- und beinahe

hätte ich gar nicht mehr daran gedacht -- daß ich Dein strictes Gebot,

zum Mittags- oder Abendtische niemand einzuladen, ohne Dich vorher hiervon

zu verständigen, abermals freventlich übertreten habe?«

»Unerhört!« rief Malwine lachend. »Gestern erst gelobst Du reuig

Besserung -- heute sündigst Du aufs neue. -- Und wer ist es denn, dessen

anziehende Gesellschaft Dich zu so schnödem Wortbruche verführt?«

»Rathe nur!«

»Natürlich, der dicke Major, der sein tausend und erstes Jagdabenteuer

noch nicht oft genug zum Besten gegeben.«

»Fehlgeschossen!«

»Dann ist es der Badearzt, von dem Du Berichte interessanter

Krankheitsfälle erwartest.«

»Keineswegs!«

»Also vielleicht Baronin X., von der Du kürzlich sagtest, daß niemand

Dich zur Violine so gut auf dem Klavier zu accompagniren verstände als

sie?«

»Ebenfalls nicht. Doch ich sehe schon, Du erräthst es ja nicht. Wie

solltest Du auch?«

»Nun denn?«

»Universitätsprofessor -- ja, mein Gott, wie hieß er denn nur gleich?

Professor --«

»Du weißt den Namen desjenigen nicht, den Du eingeladen?« lachte

Malwine.

»Doch, doch, er wird mir gleich in den Sinn kommen. Heute Vormittag,

während Deiner Abwesenheit, wurde ich durch den Besuch dieses Herrn

überrascht, der allerdings nicht so sehr mir, als vielmehr Dir galt. Er

erzählte, er sei ein Jugendfreund Deiner Familie und Schulcollege Deines

verstorbenen Bruders gewesen, aber seit vielen Jahren -- Du warst damals

noch nahezu ein Kind -- habe er Dich nicht gesehen. Jetzt befindet er sich

auf seiner Ferienreise, und da er zufällig von Deinem Aufenthalte

hier gehört, wollte er die Gelegenheit nicht ungenützt lassen, Dich

aufzusuchen. Ja, nun fällt mir auch schon sein Name ein. Halt -- Hellwig

nannte er sich!«

»Hellwig!« wiederholte Malwine, während ihr erbleichendes Antlitz

Schrecken, Freude und Schmerz in raschem Wechsel wiederspiegelte.

Der Doctor plauderte weiter, berichtete, was der Gast von seiner Reise in

diesem schönen Alpengebiete, das er jetzt zum erstenmal betrete, erzählt,

und schilderte, mit welch freudiger Bewunderung er von Malwinens Bildern

gesprochen, die er in mehreren Kunstausstellungen gesehen.

Aber seine Frau hörte von all dem nichts. Der eben vernommene Name

schwirrte ihr im Ohre, so laut, daß er die Stimme ihres blinden Gatten

weit übertönte.

Wenige Stunden später sprang Malwine ungeduldig von ihrem Sitze vor der

Staffelei empor, Pinsel und Palette mißmuthig in eine Ecke schleudernd.

Sie grollte mit sich selbst, denn trotz aller Anstrengung vermochte sie

nicht zu arbeiten. Ihre Hand zitterte, unklar sah ihr Auge und unablässig

irrten ihre Gedanken von dem seiner Vollendung harrenden Gemälde fort,

weit fort nach ihrer Kindheit trautem Heim. Sie sah sich selbst als

glückliches Kind, als aufblühendes Mädchen, dessen übersprudelnder

Frohsinn selbst von des stets kränkelnden Vaters Stirn die trüben

Schatten hinwegzuscherzen wußte. Sie schaute an ihrer Seite die stille,

ernste, unvergeßlich theuere Frau, deren sanfte Hand und wachsames Auge

mit jener treuen Fürsorge, die nur Mutterliebe zu üben im Stande ist,

ihre Erziehung leitete. Sie erinnerte sich ihrer Professoren, besonders

des grämlichen Zeichnenlehrers, der für seine Schüler selten ein

freundliches Wort hatte, für sie aber die sonst stereotype unwirsche Miene

zumeist ablegte, und die eine oder andere ihrer Zeichnungen ihren

Eltern vorweisend, mit geheimnißvollem Lächeln und bedeutungsvollem

Kopfschütteln bemerkte: »In dem Kinde steckt etwas.«

Sie gedachte ihres frühverstorbenen Bruders, und neben ihm tauchte die

Gestalt eines anderen frischen munteren Knaben immer deutlicher in ihrer

Erinnerung auf, des Jugendfreundes, der als Dritter im Bunde alle kleinen

Leiden und Freuden der Geschwister getheilt. Sie hatte ihn einst geliebt.

Mit ahnungsloser, schwesterlicher Neigung zuerst und dann mit der ganzen

Glut des erwachenden Mädchenherzens. Als sie es aber wahrnahm, oder doch

wahrzunehmen glaubte, daß sie seine Gegenliebe nicht besaß, daß er in

ihr nichts sah als die Gefährtin aus der Kindheit, da hatte sie stolz und

trotzig ihre thörichte, hoffungslose Liebe bezwungen, dem rebellischen

Wünschen und Sehnen Schweigen geboten.

So waren Jahre hinüber gegangen. Sie hatte nichts mehr von ihm gehört und

kaum mehr seiner gedacht. Da lernte Doctor Wilnau sie kennen und warb um

ihre Hand. Wohl war es nicht jene tiefe, heiße Leidenschaft, die ihr Herz

zu seinem Herzen zwang, von welcher die Dichter singen und sagen, daß sie

nur einmal entflamme die Menschenseele und dann nie, niemals wieder, aber

sie war dem trefflichen Manne in inniger Freundschaft geneigt, der süße

Zauber des Bewußtseins, geliebt zu sein, that das Uebrige, und so ward

sie seine Frau. Sie hatte es nie bereut. Jetzt aber beschlich sie leise ein

seltsames Gefühl -- sie wußte es selbst nicht gleich zu deuten -- wie ein

heimliches Bedauern, nicht frei zu sein. Sie strich sich mit der Hand über

die Stirn, als wollte sie die Gedanken wegwischen, die da drinnen gegen

ihren Willen sich regten.

Plötzlich aber trat sie an einen Schrank, in dem sie einen Theil ihrer

Arbeiten aufzubewahren pflegte. Sie wählte lange in der Menge der hier

aufgestapelten Skizzen, Studienblätter, Kreide- und Federzeichnungen, bis

sie das Gesuchte fand. Ein freudiges Lächeln glitt über ihr Gesicht, als

sie das Gemälde vor sich auf die Staffelei stellte. Es war ein reizendes

Bild. Kenner, die es gesehen, hatten es einstimmig für eine von Malwinens

besten Arbeiten erklärt. Aber trotz der bedeutenden Summen, die ihr dafür

geboten worden, hatte sie sich nie zu entschließen vermocht, sich von ihm

zu trennen. Es war ja nicht nur ihr bestes, sondern auch ihr liebstes Bild.

Zwei Kinder stellte es vor, einen Knaben und ein Mädchen, die auf weichem

Waldesrasen von ihrer Beschäftigung ausruhend, auf welche das bis an

den Rand mit rothglänzenden Erdbeeren gefüllte Körbchen hinwies, das

zwischen ihnen und der zu ihren Füßen Wache haltenden prächtigen Dogge

stand, eingeschlummert waren. Des Mädchens blondumlockter Kopf war an die

Schulter des kräftigen Jungen gelehnt, während dieser zum Schutze seinen

Arm um dessen Nacken geschlungen hielt.

Lange weilte Malwinens Auge auf dem Bilde. Aber allmählich verdüsterte

sich ihr Blick. Nicht mehr mit träumerischer Wehmuth, sondern mit

feindseligem Trotze starrte sie jetzt auf das Abbild desjenigen, der ihre

Gedanken abermals mit unwiderstehlicher Gewalt gefangen genommen. Sie

zürnte ihm. Warum kam er, den schwer errungenen Frieden ihres Herzens zu

stören? Hatte sie nicht genug durch und um ihn schon gelitten? Wer gab

ihm das Recht, sich bei ihr einzudrängen und übermüthig die heißen,

qualvollen Kämpfe ihrer Seele zu erneuern? Nein, das wollte sie nicht

dulden! Sie wollte ihn nicht wiedersehen!

Rasch entschlossen, trat sie an den Glockenzug, um durch die herbeigerufene

Dienerin ihren Gatten bitten zu lassen, den heute zu erwartenden Gast

allein zu unterhalten, da sie in Folge plötzlichen Unwohlseins gezwungen,

sich zur Ruhe zu begeben, an der Gesellschaft nicht theilnehmen könne.

Was ich geschaut: Novellen · 第 6 / 10 段