Hauptrolle spielte. Seine vorzügliche Unterhaltungsgabe bewährte
sich wieder aufs glänzendste und sämmtliche Damen, Margarethe nicht
ausgenommen, schienen im Banne seines Zaubers zu liegen.
Groll erfaßte mich, denn ich bemerkte bald, daß sie es war, die er sich
als Opfer eines neuen Eroberungszuges ausersehen, vielleicht, um mir den
Beweis für die Richtigkeit seiner mir so abscheulich dünkenden Theorien
zu liefern.
Einen Augenblick dachte ich daran, seine Absichten zu durchkreuzen, etwa
Margarethens Stolz Theodor gegenüber durch Mittheilung seiner Auffassung
des weiblichen Charakters, namentlich aber des seinen gegen sie gerichteten
Feldzugsplänen zweifelsohne zugrunde liegenden Motives herauszufordern,
oder die Vorsicht ihres, wie mir schien, von allzu argloser
Vertrauensseligkeit erfüllten Gatten durch eine bei passender Gelegenheit
angebrachte Warnung wachzurufen. Doch bald ließ ich den Gedanken wieder
fallen. Was hatte ich mich in Anderer Angelegenheiten zu mischen? Waren
Theodor's Anschauungen die richtigen; war mein Glaube an Frauentugend und
Treue wirklich nur eine auf Unkenntniß der Weibesseele beruhende kindische
Schwärmerei, dann verlohnte es sich wahrlich nicht, dem Siegeslaufe
des Unwiderstehlichen durch Verrath seiner Pläne Einhalt zu thun. Mein
Alarmruf konnte wohl in diesem einen Falle seinen Sieg vereiteln; der
Widerstand, der ihm aus diesem Anlasse entgegengesetzt würde, wäre jedoch
fürwahr nicht geeignet, mein Vertrauen zu rechtfertigen, sondern er würde
im Gegentheile Theodor's Ansicht bestätigen, daß alle Treue nur ein Werk
des Zufalles sei.
Diese Ueberlegung bestimmte mich, die weitere Entwickelung der Dinge ohne
Einmischung meinerseits ruhig abzuwarten. Mit Argusaugen überwachte ich
Margarethens Benehmen gegen Theodor. Aber meine anfänglich siegessichere
Zuversicht, daß das Ergebniß der Bemühungen Theodor's meinen von ihm
so grausam verspotteten Ueberzeugungen recht geben möchten, schwand
immer mehr, je lebhafter das Feuer ihrer seinen Blicken begegnenden Augen
sprühte, je reicher und von einer seltsamen Unruhe durchbebt der Tonfall
ihrer Stimme wurde, je heller ihr Lachen an mein Ohr schlug, mit dem sie
seine witzigen Einfälle lohnte.
Nicht sie allein war es, die an seinem Triumphwagen zog. Auch alle anderen
anwesenden Damen schienen völlig berauscht von der hinreißenden Macht
seiner Persönlichkeit. Sie verfolgten ihn mit brennenden Blicken, während
er, wie ein schillernder Schmetterling von Blume zu Blume flattert, von
der einen zur anderen unermüdlich und unermüdend die ewige Lüge seines
verlockenden Lächelns, seines verstohlenen und doch so vielsagenden
Augenspieles, seiner leise geflüsterten Huldigungen trug.
Als es Abend wurde und die Wärme des heiteren Frühlingstages der
nächtlichen Kühle wich, wurde ein Tänzchen arrangirt, wobei Theodor
natürlich wieder neue Gelegenheit fand, als der anerkannt beste und
eleganteste Tänzer alle übrigen Herren in den Hintergrund zu drängen,
gleichwie das Licht der Sterne vor dem siegreichen Glanz der Sonne
erbleichen muß.
Mit einer anderen Dame plaudernd, stand ich neben Margarethe, als Theodor
an sie herantrat, um sie um die letzte Quadrille zu bitten.
»Bedauere, ich bin schon engagirt,« sagte sie freundlich, indem sie mit
dem Fächer auf mich wies.
»O, wie schade!« säuselte Theodor. Dann fügte er, sein schönes Haupt
gegen sie gebeugt, ein paar leise Worte hinzu, die ich nicht verstand
und die von Margarethe ebenso leise beantwortet wurden, während eine
flüchtige Röthe über ihre zarten Wangen glitt.
Gleich darauf wurde eine Schnellpolka gespielt und Margarethe flog an
Theodor's Arm durch den Saal dahin.
Nachdem auch ich einige Touren getanzt, schlängelte ich mich wieder in
Margarethens Nähe, die soeben mit blitzenden Augen und hochwogendem Busen
sich auf ein kleines Ecksofa niedergleiten ließ, während Theodor vor
ihr stehend, ihr mit dem Fächer Kühlung zuwehte. Ich war mir dessen
vollbewußt, eigentlich eine lächerliche Rolle zu spielen, wenn ich mich
stets, wenn auch für Andere so unauffällig wie möglich, in Margarethens
Nähe drängte. Aber der Groll über des Unwiderstehlichen -- des
Unausstehlichen, wie ich ihn meinem Inneren nannte -- neue Triumphe packte
mich so mächtig, daß ich dem Drange, den Aufpasser zu machen, selbst auf
die Gefahr hin, abgeschmackt zu scheinen, nicht zu widerstehen vermochte.
Diesmal aber schien es sich nicht zu lohnen, den Lauscherposten zu
beziehen, denn Beide plauderten ganz harmlos über einen Pavillon, den
Arthur in dem bis an den Garten sich hinziehenden Walde hatte bauen lassen.
»Es ist mein Lieblingsplätzchen,« erzählte Margarethe, »wo ich
mit einer Arbeit, oder einem Buche manche Stunde verbringe. Der dichte
Nadelwald, die kleine Anhöhe, von welcher aus sich ein weiter Blick über
das Thal öffnet, bieten einen reizenden Aufenthalt. Um mir denselben
bequemer zu machen, überraschte mich Arthur mit dem Lusthäuschen.«
»Wie tollkühn, so allein viele Stunden im Walde zuzubringen,« fiel
Theodor ein.
»Durchaus nicht allein,« erwiderte Margarethe. »Mein Pluto begleitet
mich stets auf meinen Wegen. Und er ist ein gar wackerer und treuer
Beschützer.«
»Und trauen Sie Ihrem Pluto eine so famose Witterung zu,« mischte jetzt
ich mich in das Gespräch, »daß er vermöge seiner feinen Nase jede
Gefahr erkennt, die Ihnen von unvermutheter Seite droht?«
Theodor warf mir einen erzürnten Blick zu, der mich einschüchtern und mir
Schweigen gebieten zu wollen schien. Margarethe aber erwiderte mit feinem
Lächeln:
»Pluto und ich wir ergänzen einander vortrefflich. Wo sein
Witterungsvermögen aufhört, da beginnt das meine.«
»Wäre es aber nicht klüger, das Schicksal nicht durch allzu große
Kühnheit herauszufordern?« fragte ich, meine verblümten Warnungen mit
ungeschickter Hartnäckigkeit fortsetzend.
Da lachte Margarethe, und Calderon citirend erwiderte sie:
»Wer Gefahren ängstlich flieht, der stürzt sich in Gefahr.«
Theodor aber gab mir den Rath, um Pluto's feine Spürnase zu erproben,
mich als Vagabund verkleidet bei seiner Herrin in der Waldeinsamkeit
anzuschleichen. »Da würdest Du erfahren, ob er Freund und Feind zu
unterscheiden vermag,« schloß er spöttisch. »Und Pluto's Zähne würden
Deine Wißbegierde befriedigen.«
Nun wurde ich wieder böse und mit scharfem Tone entgegnete ich, daß
börsengierige Strolche nicht die schlimmsten Feinde seien. Die scheinbare
Freundschaft mancher Leute sei weit gefährlicher als offenkundige
Feindschaft, gegen die man sich wappnen könne.
»Natürlich! Der berüchtigte Wolf im Schafspelz ist ein gar böses
Thier!« rief Theodor lachend. »Eine höchst interessante Entdeckung, nur
nicht ganz neu.«
Ich hatte mich abgewendet und im Weggehen hörte ich noch Beide lachen.
Ich fühlte mich gekränkt, nicht nur von Theodor, auch von Margarethe, die
sich an seinen Witzen über mich belustigte. Am liebsten hätte ich mein
Engagement mit ihr zur Quadrille Theodor abgetreten. Da dies aber doch
nicht anging, fand ich mich, als das Zeichen zur Quadrille gegeben wurde,
pflichtschuldigst bei Margarethe ein.
Als ich mich ihr näherte, stand ihr Gatte neben ihr. Sie sprachen eifrig
und lächelnd miteinander und ganz deutlich schien es mir, Theodor's Namen
aus Margarethens Munde zu hören. Welche Arglist! Sie spottete wohl mit
Arthur über ihn, um diesen in Sicherheit zu wiegen und desto bequemer und
unbeargwohnt ihre süßen Tändeleien mit ihrem Courmacher fortsetzen zu
können. Mir ward ganz übel zu Muthe, Margarethe von solcher Seite
kennen zu lernen, mit so schnöder Hand das ideale Bild, das ich von der
Lauterkeit ihres Charakters in meiner Seele trug, verwüstet zu sehen.
Doch jetzt wurde die Introduction zur Quadrille intonirt, die Paare
traten in die Reihe und ich hatte keine Zeit, mich meinen trübseligen
Betrachtungen hinzugeben. Schweigend verbeugte ich mich vor Margarethe und
bot ihr meinen Arm.
»Sie machen ja ein Gesicht, als ob Sie bei meinem Begräbnisse wären,
nicht aber bei einem zur Feier meines Namensfestes veranstalteten
Tanzkränzchen,« sagte sie, mir treuherzig in die Augen blickend.
Auf diesen Vorwurf nicht vorbereitet, stotterte ich ein paar Worte der
Erwiderung, deren ich mich nicht mehr erinnere, die aber sicherlich recht
albern waren, denn Margarethe lachte. Sie verbarg zwar ihre spöttisch
zuckenden Lippen in dem Blumenstrauße, den sie an ihr Gesicht drückte.
Ich fühlte es jedoch, daß sie lachte, mich auslachte. Aber ich zürnte
ihr nicht. Sie war so berückend schön in diesem Augenblicke, die dunklen
Augen, die über die Blumen hinweg schelmisch auf mich hinüber blitzten,
das zarte Adlernäschen, dessen feingeschwungene Flügel sich leise hoben
und senkten, indem sie den Duft der Blumen begierig einsogen, der volle
und doch schlanke weiße Nacken, der durch das schwarze Spitzengewebe
der Corsage wie beseelter Marmor schimmerte -- es war ein so entzückend
liebliches Bild, das sich meinem Auge darbot, daß ich nicht an mich selbst
zu denken vermochte, sondern nur an sie, die in der ganzen Glorie ihrer
jugendfrischen Schönheit, auf meinen Arm gestützt, leichtfüßig
dahinglitt. Ja, nur an sie dachte ich und an den, dem es gelingen sollte,
vielleicht schon gelungen war, bloß um seiner nimmersatten Eitelkeit zu
fröhnen, das Herz dieses reizenden Wesens mit den Fallstricken seiner
auswendig gelernten feurigen Blicke, seiner allerorten wiederholten
lügenhaften Liebesbetheuerungen zu umgarnen.
»Nun, wollen Sie mir nicht verrathen, was Sie so traurig stimmt?« fragte
sie, als ich nach dem »Herren-=Eté=« an ihre Seite zurücktrat.
»Warum nicht,« erwiderte ich. »Es ist der Neid, grimmer Neid, der mir
die Laune verdirbt.«
»O, wie häßlich! Und solches Laster gestehen Sie so ruhig ein?«
»Sie wissen ja, wovon das Herz voll ist --«
Die nächste Figur trennte uns. Dann, beim »=Balancer=«, fragte sie:
»Und darf man wissen, wer der glückliche Unglückliche ist -- denn daß
es ein Er, steht wohl außer Zweifel -- dessen Los Ihnen so beneidenswerth
dünkt?«
»Sagt es Ihnen Ihr Herz nicht?«
»Mein Herz schweigt.«
»Nun, so will ich es denn gestehen. Ihr Pluto ist es, den ich beneide.
Ich beneide ihn um den Vorzug, Sie gegen alle Ihnen drohenden Gefahren
beschützen zu dürfen.«
»Ach ja, gegen den Wolf im Schafsfell,« lachte Margarethe und warf
einen raschen Blick auf Theodor, der uns gegenüber tanzte, und, ohne uns
Beachtung zu schenken, mit seiner Dame eifrig plauderte.
Ich fing den Blick auf und ärgerte mich schon wieder.
»Sehen Sie nur, was die kleine Baronesse Mischi für selige Augen macht,
der Auszeichnungen des Unwiderstehlichen gewürdigt zu werden,« sagte ich
boshaft.
Eine neue Figur hinderte Margarethe, mir zu antworten. Dann aber beim
»=Tour de main=« fragte sie:
»Wie sagten Sie vorhin? -- Der Unwiderstehliche?«
»Allerdings. Wissen Sie nicht, daß Theodor, ob der Legion weiblicher
Herzen, die ihm nur so entgegenfliegen, unter seinen Intimen der
Unwiderstehliche genannt wird?«
»Wie komisch!« lächelte sie. »Und doch, wie zutreffend -- der
Unwiderstehliche! -- Da wir aber gerade von Theodor sprechen -- ich habe
einen Auftrag meines Mannes an Sie und ihn: Sie Beide zu bitten, unsere
Landeinsamkeit für einige Tage zu theilen. Sie bleiben doch?«
Ich verbeugte mich, die Einladung annehmend.
Das also war es, was sie vorhin mit ihrem Manne gesprochen, wobei ich
Theodor's Namen gehört. Sie wollte das Glück des Zusammenseins mit dem
Geliebten -- denn daß sie ihn liebte, darüber gab ich nun schon gar
keinem Zweifel mehr Raum -- verlängern, und ich wurde dabei als das
mindest störende Element -- als Elephant, wie ich grollend mich selbst
benamste, ins Schlepptau genommen. Aber sie hatten die Rechnung ohne den
Wirth gemacht, und ich beschloß, durch dieselbe einen dicken Strich zu
machen. »Pluto, Pluto!« rief es in meinem Inneren, »ich werde Dein
Verbündeter, wir werden sie beschützen!« Alle meine löblichen
Erwägungen, daß mich die Sache doch gar nichts angehe, daß ich kein
Recht hätte, mich in Anderer Herzensangelegenheiten zu mengen, waren
verflogen wie Spreu im Sturm meiner Entrüstung. »Ja, Margarethe, gegen
Deinen eigenen Willen werde ich Dich schützen mit diesen Armen, in
denen Du jetzt ruhst!« sprach ich im Geiste zu ihr, während ich im
Walzerschritt mit ihr durch den Salon hinraste.
Doch dabei verwickelte ich mich mit einem Fuße in das Kleid einer anderen
Tänzerin, strauchelte und würde Margarethe um ein Haar mit mir zu Boden
gerissen haben, hätte nicht Theodor, der, weiß Gott wie, in diesem
Augenblicke neben uns auftauchte, sie aufgefangen, wobei er mir einen Blick
zuwarf -- einen Blick so voll lächelnder, fröhlicher Geringschätzung,
daß ich mich völlig vernichtet fühlte.
Mit einer Empfindung, als wollte ich unter den Boden versinken, stotterte
ich vor Margarethe meine Entschuldigung. Sie tröstete mich gütig, indem
sie meinte, solch ein Malheur passire allzu leicht. Ich aber fühlte mich
vor Margarethe und Theodor schmählich blamirt und dachte im Stillen, ob
dies etwa eine Vorbedeutung wäre, daß ich mich vor den Beiden auch in
meinem Rettungswerke blamiren sollte?
Unbemerkt drückte ich mich aus dem Salon, denn ich schämte mich meiner
Niederlage viel zu sehr, um eine der Damen, die sie ja alle gesehen, noch
zum Tanze aufzufordern. Ich zog es vor, im Speisezimmer, wo das Buffet
aufgestellt war, eine Cigarre zu rauchen und das schmerzliche Gefühl
meiner Demüthigung mit ein paar Gläsern Rheinwein hinabzuspülen.
Zwischen dem Speisezimmer und dem Salon, in dem getanzt wurde, lag ein
zweiter, etwas kleinerer Salon mit einem Altan nach dem Garten. Die
Verbindungsthür dieses Gemaches mit dem Tanzsaale war entfernt worden,
und manches der tanzenden Paare benützte diesen Raum, um seine Touren zu
verlängern.
Die Nacht war milde; ich trat auf den Balcon, dessen Glasthür offen stand,
und labte mich an der freien, frischen, vom balsamischen Duft zahlloser
Rosen und blühender Nachtschatten gewürzten Luft. In stillem, erhabenem
Frieden lag die schlummernde Natur vor mir ausgebreitet; die Sterne
glänzten über meinem Haupte, ein leises Wehen flüsterte durch das Laub
der Bäume, und mir ward zu Muthe, als ob eine weiche, schmeichelnde Hand
allen Groll, alle Verstimmung, alle Kränkung meiner tiefsten Gefühle,
welche die Eindrücke des heutigen Tages in meinem Inneren hervorgerufen,
hinwegstreichelte, und wohlige Ruhe zog in meine Seele. Die Musik, die aus
dem Saale zu mir herübertönte, das gedämpfte Geräusch der Tanzenden,
das Schleifen der Schritte, das Murmeln der entfernten Stimmen störte mich
nicht, es erhöhte noch die Empfindung des stillen, wonnigen Friedens, der
sich wie ein süßer Traum über mein innerstes Wesen breitete.
Der Laut eines munteren Lachens weckte mich plötzlich aus meinen
Träumereien. Ich brauchte mich nicht umzusehen, um zu wissen, wer es sei,
der wenige Schritte vor mir an der offenen Thür stand. Ich kannte dieses
silberhelle, perlende Lachen. Nur Margarethe lachte so.
Und jetzt ließ sich auch Theodor's schmelzender Bariton vernehmen:
»Nein, noch gebe ich Sie nicht frei! Warum wollen Sie grausam mir die
köstlichen Minuten kürzen, da ich Sie in meinen Armen halten, Ihr Herz
an dem meinen pochen fühlen darf! Solchen Augenblick, zu dem ich wie Faust
spreche: Verweile doch, Du bist so schön!«
»Wunderbar gesprochen!« scherzte Margarethe. »Doch sagen Sie mir
ehrlich, ist es zählbar, auf wie viel Bällen, wie vielen Damen Sie diese
Tirade schon wiederholt haben?«
»Es scheint Ihnen Vergnügen zu gewähren, mich zu quälen,« flötete
Theodor. »Sie müssen doch erkennen, daß es nur widerwillig geschieht,
wenn ich meine Huldigungen scheinbar Anderen zuwende, daß ich dieses Opfer
nur zu dem Zwecke bringe, um meine wahren Empfindungen zu verbergen.«
Weiter hörte ich nichts mehr. Die unfreiwillig Belauschten hatten wieder
in den Saal zurück getanzt.
Bald darauf ging die Gesellschaft auseinander. Einige der Gäste
kehrten nach ihren benachbarten Landsitzen heim, andere fuhren nach der
Bahnstation, um nach der Hauptstadt zurückzukehren. Theodor und ich
begaben uns auf unsere Zimmer.
»Nun, hast Du Dich von Deiner Niederlage schon erholt? Keine Beulen
davongetragen? Du trägst ja eine Jammermiene zur Schau, als ob Du große
Schmerzen fühltest?« spottete Theodor, nachdem der uns führende Diener
sich entfernt hatte.
»Immer noch besser, eine Jammermiene, als die Rolle eines Polichinells,«
versetzte ich gereizt.
»Ah -- wen meinst Du mit dem Polichinell?« frug Theodor sanft, während
er sich seiner Handschuhe und Halsbinde entledigte.
»Niemand Anderen als Dich,« antwortete ich, an der offenen Thür meines
Zimmers stehend.
»Ei wirklich, und warum denn das?«
»Darum, weil ich es für einen Mann lächerlich finde, wie ein kokettes
Salondämchen keinen anderen Ehrgeiz zu kennen, als den, Eroberungen zu
machen.«
»So, so! Nun, wenn es Dich lächert, zu sehen, daß die Damen sich mit mir
lebhafter unterhalten und lieber tanzen als mit Anderen, so will ich Dir
das Vergnügen nicht wehren, Dich über diesen Anblick zu belustigen.
Uebrigens kenne ich ein altes Sprichwort: Wer zuletzt lacht und so
weiter.«
»Wer zuletzt lacht,« wiederholte ich. »Wer dies sein wird, muß sich
erst zeigen.«
Ich war in mein Zimmer gegangen. Einige Minuten später -- Theodor kroch
gerade unter die Decke -- trat ich wieder unter die Thür.
»Ich habe mich vorhin schlecht ausgedrückt,« begann ich neuerdings.
»Nicht nur lächerlich, unrecht finde ich es, seine persönlichen Vorzüge
dazu auszunützen, zur Befriedigung seiner Eitelkeit den Frieden und das
Glück der Menschen zu zerstören.«
Theodor erhob sich ein wenig. Den Ellbogen auf das Kopfkissen, das Kinn in
die hohle Hand gestützt, sah er mich lächelnd an.
»Lieber Freund,« sagte er nach einer kleinen Weile, »Du hast entschieden
Deinen Beruf verfehlt. Du hättest Mönch werden sollen, um von der Kanzel
herab gegen die Verderbtheit der Welt zu donnern. Wer sagt Dir denn, daß
ich dem Frieden und dem Glücke der Menschen Eintrag thue? Man unterhält
sich, man -- nun, man liebäugelt ein wenig und man trennt sich wieder,
ohne Gram und Kummer. Und bedenke auch, daß Du selbst es bist, der mich
dazu herausgefordert hat, in Betreff dieser Frau, um deren Herzensruhe Du
jetzt so besorgt zu sein scheinst, die Stichhältigkeit Deiner Theorien
meinen Ueberzeugungen gegenüber auf die Probe zu stellen. Entweder --
oder. Ein drittes giebt es nicht. Entweder Deine Anschauungen sind die
richtigen, dann ist ja doch für sie keine Gefahr vorhanden; ihre Treu
erweist sich als echt, meine Ansichten finden Widerlegung. Oder die
letzteren bestätigen sich: dann ist das Unglück auch nicht gar so groß.
Denn die Wahrung einer Treue, die nur ein Werk des Zufalles -- ist wahrlich
von keinem großen Werthe. Uebrigens verspreche ich Dir, daß ich, wenn es
mir nicht gelingt, binnen der drei Tage meiner Anwesenheit hier -- denn in
drei Tagen muß ich wieder zu Hause eintreffen -- von Margarethens holden
Lippen das Geständniß ihrer Liebe zu hören, die Feuerprobe nicht länger
fortsetze und mich vor Dir feierlich als besiegt erkläre. Bist Du nun
zufrieden?«
Ich zögerte nicht, mich einverstanden zu erklären. Theodor's Hoffnungen
für eitle Vermessenheit haltend, glaubte ich, davon überzeugt sein zu
dürfen, daß es dem selbstgefälligen Gecken niemals, zum mindesten aber
nicht binnen einer so kurzen Frist, gelingen werde, Margarethens Herz in
Banden zu schlagen und ihr ein Liebesgeständniß zu entreißen. Ja, ich
freute mich im voraus der heilsamen Lection, welche Theodor's Eitelkeit
zutheil werden, des Widerstandes, der dem »Unwiderstehlichen« doch
endlich entgegengesetzt werden sollte.
Völlig beruhigt schlief ich ein -- um am anderen Tage, als ich die Beiden
wieder beisammen sah, dennoch wieder von neuen Zweifeln gequält zu werden.
Es schien mir, als sähe ich aus den zwischen ihnen verstohlen getauschten
Blicken zarte Fäden sich hin und wieder spinnen, die sich zu einem dichten
Netze verschlangen. Kein Wort wurde, wenigstens in meinem Beisein -- und
ich verließ sie selten -- von ihnen gewechselt, das nicht auch zu jedem
Anderen gesprochen werden könnte, und dennoch glaubte ich aus dem
Klange der Stimme, womit alles gesagt wurde, einen ganz besonderen Ton
herauszuhören, einen Ton, der beileibe nicht derselbe war, als wenn sie
ihre Rede an Andere richteten, und der meine peinvolle Sorge von Stunde
zu Stunde steigerte. Ich versuchte es wohl, mich mit dem Gedanken zu
beruhigen, es sei unmöglich, daß Margarethen an der Seite eines von ihr
geliebten Gatten, der -- in meinen Augen wenigstens -- weit liebenswerthere
Herzens- und Geisteseigenschaften besaß als Theodor, dessen
Verführungskünste sollten gefährlich werden. Dann aber fiel mir wieder
ein, welch große Macht dem Reiz des Wechsels gegeben sei. Es gehört
zu den schmerzlichsten Geheimnissen der Liebe, wie es manchen Menschen
möglich ist, in der Vereinigung mit den ausgezeichnetsten Wesen, welchen
sich ihr Herz in tiefster Neigung erschlossen hatte -- bloß durch den Reiz
der Abwechslung verlockt -- sich wieder einem Anderen zuzuwenden.
Sonst wäre es nicht möglich, daß, wie so viele Beispiele zeigen, die
liebenswürdigsten, edelsten Männer und Frauen oftmals um der schalsten
Persönlichkeiten willen, die den Vergleich mit jenen in keiner Weise
auszuhalten vermögen, betrogen werden.
So von den widersprechendsten Gefühlen hin und her bewegt, bald von
heiterer Zuversicht gehoben, bald gedrückt von quälender Sorge,
verbrachte ich die nächsten beiden Tage in denkbar unbehaglichster
Gemüthsstimmung. Unsere Gastfreunde boten alles auf, um uns Vergnügungen
zu bereiten. Ausflüge zu Fuß und zu Wagen, Kahnfahrten auf dem nahen
Flusse, Pistolenschießen, Musik oder ein Spielchen des Abends, dazu bei
den von heiterster Laune der Theilnehmer gewürzten Mahlzeiten das Beste,
was Küche und Keller zu bieten vermögen -- ein solches Leben hätte das
Gemüth des düstersten Griesgrams aufheitern müssen. Ich aber konnte
nicht froh werden. Auf jedes Wort, jeden Blick, auf jede Miene und Bewegung
Margarethens und Theodor's lauernd, war mir alle Freude verdorben. Am
meisten mußte ich mich über Arthur ärgern. War er denn mit Blindheit
geschlagen, daß er es nicht wahrnahm, mit welch verwegener Unverfrorenheit
Theodor seiner Frau den Hof machte und mit welcher Befriedigung sie es
sich gefallen ließ? So gut wie ich mußte doch auch er es bemerken,
wie Theodor's Hand jene Margarethens drückte, wenn er ihr beim
Scheibenschießen die für sie geladene Pistole reichte; wie sein Arm
ihre Schultern streifte, wenn er die Fröstelnde in den wärmenden Shawl
einhüllte; wie sein Knie das ihrige berührte, wenn er ihr gegenüber
im Wagen saß, und welche Blicke sie tauschten, wenn sie sich unbeachtet
wähnten.
Aber Arthur schien von allem nichts zu sehen. Ja, manchmal däuchte es mir
geradezu, als ob seine stets frohgemuthe Laune um so fröhlicher würde, je
kühner Theodor's seiner Frau dargebrachten Huldigungen sich äußerten.
In völlige Verblüffung versetzte es mich, als unser Wirth am Abend des
zweiten Tages uns mittheilte, daß er eines Brandes wegen, durch den
eine zu seiner Besitzung gehörende Sägemühle zerstört worden, behufs
Besichtigung des Schadens und zu treffender Anordnungen hinsichtlich des
Neubaues, sich am folgenden Morgen an Ort und Stelle begeben und nicht vor
Abend zurückkehren werde.
Das fehlte gerade noch, die Beiden einen ganzen Tag allein zu lassen --
denn meiner unbequemen Nähe würden sie sich, wenn es ihnen so genehm,
wohl zu entziehen wissen.
Ich versuchte es, Arthur zu einem Aufschub seiner geschäftlichen Excursion
zu bestimmen. Ich bat ihn, dieselbe am zweitnächsten Tage anzutreten, an
welchem Theodor und ich nach der Hauptstadt zurückkehren würden. Arthur
meinte aber, daß dies gerade der Grund sei, warum er die Ordnung dieser
Angelegenheit nicht verzögern wolle, denn so lange wir hier seien, wisse
er, daß seine Margarethe sich nicht langweilen würde, und trotz meiner
verschiedensten Einwendungen blieb er bei seinem Entschlusse.