Gefährten, dennoch widerfuhr ihm wiederholt das Unglück, bei der Prüfung
durchzufallen, einzig aus dem Grunde, weil ihm zufällig solche Fragen
gestellt wurden, die er nicht zu beantworten wußte, während er auf
alle seinen Collegen vorgelegten Fragen ganz richtige Antworten zu geben
vermocht hätte. Von seinen Lehrern wurde er bemitleidet, von seinen
Genossen verspottet. Trotz seiner Gutmüthigkeit, mit welcher er sich gern
jedem gefällig erwies, was sich Alle ganz wohl gefallen ließen, wenn sie
eines Dienstes bedurften, bildete er doch die Zielscheibe ihrer Neckereien.
Und schlecht gelang es ihm, sich derselben zu erwehren, denn eine treffende
Replik auf irgend eine spöttische Bemerkung fiel ihm regelmäßig erst
dann ein, wenn die passende Gelegenheit, sie auszusprechen, längst
vorüber war.
Einmal ereignete es sich, daß seiner Classe als Hausaufgabe ein
Aufsatzthema gegeben wurde, dessen Ausarbeitung unserem Michel besonderes
Interesse und Vergnügen gewährte. Mit Ernst und Eifer machte er sich
an die Arbeit. Aber unmittelbar vor dem Ablieferungstermin hatte er das
Unglück, das Schreibheft, welches den Entwurf seines zu seiner eigenen
großen Zufriedenheit vollendeten Aufsatzes enthielt, und das er
unvorsichtigerweise bei sich trug, auf dem Wege von der Schule heimwärts,
aus seiner Rocktasche zu verlieren. Natürlich blieb ihm nichts anderes
übrig, als die Aufgabe in Hast und Eile -- denn die Zeit drängte -- vom
neuem auszuarbeiten. Wer beschreibt nun seine schmerzliche Entrüstung, als
seine Arbeit als »ungenügend« zurückgewiesen, jene eines Schulkameraden
hingegen prämiirt und zur Auszeichnung laut verlesen wurde, in welcher er
seinen eigenen ersten, verlorenen Aufsatz erkannte!
Er hatte gut, denselben als sein Werk reclamiren und die Geschichte seines
in Verlust gerathenen Heftchens erzählen! Niemand glaubte ihm; trug doch
die belobte Arbeit Namen und Handschrift des Schülers, der sie dem Lehrer
präsentirt hatte; welche Belege für das gute Recht seiner Ansprüche
vermochte er dagegen aufzuweisen? Einige seiner Schulgenossen lachten ihn
aus, andere empörten sich über ihn und erzählten daheim ihren Eltern
dieses Beispiel unerhörter lügnerischer Verwegenheit. Der Lehrer aber
verwies ihm mit scharfem Tadel seinen kecken Betrugsversuch und bedeutete
dem schmerz- und zornverwirrten Knaben, daß er ihm nur dies einemal solch
schweres Vergehen straflos hingehen ließe, er möge sich für die Zukunft
hüten, denn ein zweitesmal würde er sich eine empfindliche Züchtigung
zuziehen. Und als der Junge das Ereigniß weinend seinem Vater klagte, da
ward ihm ein gleichgiltiges Achselzucken zutheil und eine Wiederholung des
stereotypen Urtheiles: »Geschieht Dir recht, Michel, Du bist ein Tölpel,
das weiß ich längst.«
Solche und ähnliche Erfahrungen, die Kränkungen und ungerechten
Zurücksetzungen, die ihm allenthalben begegneten, führten dazu, Michel's
Gemüth zwar nicht zu verbittern -- hierzu war es zu gut -- aber es immer
mehr von der Außenwelt abzuziehen und, sich selbst genügend, sich
eine stille, träumerische Welt zu bilden. Langsam von Classe zu Classe
aufsteigend, beschäftigte er sich eifrig mit seinen Studien und trat,
nach Vollendung derselben, in ein kleines Amt. Außer den dienstlichen
Beziehungen verkehrte er wenig mit seinen Collegen, welche ihm, wie
früher seine Schulgefährten, wenig Sympathie entgegenbrachten. Gesellige
Vergnügungen suchte er noch weniger. In größerer Gesellschaft, an
welcher Frauen theilnahmen, war er schüchtern und beklommen, da er sich
mit Recht oder Unrecht immer einbildete, eine ungeschickte, lächerliche
Figur zu spielen, und für Damen, die für die Komik linkischer
Unbeholfenheit meist einen noch schärferen Beobachtungssinn besitzen als
die Männer, ein Object, wenn nicht offener, so doch sicherlich heimlicher
Belustigung darzustellen. Da ihm dieser Gedanke peinlich war, zog er es
vor, Damen-, sowie überhaupt jede größere Gesellschaft zu meiden.
So lebte Michel freund- und freudlos für sich hin.
Freund- und freudlos? Nein, nicht doch! denn einen Freund nannte er sein,
dessen Besitz ihm Freude gewährte.
Wenn dieser Freund vor ihm saß und mit seinen glänzenden dunkelbraunen
Augen treu und ehrlich in sein Auge blickte, dann ward ihm so innig warm
und wohl ums Herz, wie nie bisher in seinem Leben, denn noch nie in seinem
Leben war er einem Wesen begegnet, das ihn liebte -- das wußte er. Und
wenn dieser Gedanke durch seine arme Seele zog, da regte sich Dankbarkeit
und Liebe in seinem Herzen zu diesem Geschöpfe, dem ersten, das ihm treue,
aufrichtige Liebe entgegenbrachte, und mit einem Gefühle von Rührung zog
er dessen Kopf an seine Brust und drückte einen Kuß auf seinen glatten
Scheitel.
Ja wahrhaftig, einen Kuß, obgleich dieser einzige Freund nicht mehr und
nicht weniger war als -- sein Hund.
Dieser Hund war durchaus nicht von besonders edler oder auch nur reiner
Race. Sein Lux -- so hieß er -- war eine Kreuzung von Dachs- und
Hühnerhund. Von letzerem hatte er den schönen, intelligenten Kopf, von
ersterem die etwas verkürzten Beine und die Zeichnung: schwarz, gelb und
weiß. Trotzdem war es ein hübsches Thier, wenigstens für unseren Michel
gab es kein schöneres auf Erden. Und wie anhänglich war er seinem Herrn!
Seitdem dieser ihm das Leben gerettet, indem er ihn aus dem Wasser zog,
in welches sein früherer Besitzer, um sich seiner zu entledigen,
ihn geworfen, wich er ihm nicht von der Seite. Herr und Hund waren
unzertrennlich. Sie schliefen in demselben Zimmer, aßen in demselben
Wirthshause, machten zusammen große Spaziergänge. Und da von den Beiden
der Hund der auffallendere, jedenfalls hübschere und lebhaftere war
und der Herr sich augenscheinlich oft den Wünschen seines vierfüßigen
Gefährten unterordnete, so kam es, daß die in Betreff unseres Michels
stets zum Spotte geneigten Leute, wenn sie Beide einherspazieren sahen,
nicht etwa sich anständigerweise derart ausdrückten: »Da geht Herr
Müller mit seinem Hund,« sondern aller naturgeschichtlichen Rangordnung
zum Trotz kühnlich sagten: »Da kommt der Lux mit dem Michel.« Letzterer
hörte zuweilen diese Aeußerung, doch war er darob weder gekränkt noch
beleidigt; er lächelte fröhlich vor sich hin.
Die Stunden, welche die Amtsthätigkeit und die weiten Spaziergänge frei
ließen, verbrachte Michel bei seinen in der einsamen Zurückgezogenheit
seines Lebens ihm lieb gewordenen Büchern. Er las und lernte eifrig. Was
ihm an rascher Auffassungsgabe mangelte, ersetzte er durch Gründlichkeit
und Fleiß. Sein Lieblingsstudium war Geschichte.
Da traf es sich, daß er in einer Zeitschrift eine von der Akademie der
Wissenschaften ausgehende Preisausschreibung für ein großes historisches
Essay über den Einfluß einer gewissen literarischen Bewegung auf die
Entwickelung des Schriftthums las. Die Aufgabe flößte ihm lebhaftes
Interesse ein, und da sich bei einer glücklichen Lösung derselben sowohl
Auszeichnung wie eine sehr bedeutende Summe als Preis erringen ließ, so
beschloß er, sich an der Concurrenz zu betheiligen. Ohne Aufschub machte
er sich an die Arbeit. In Archiven und Bibliotheken sammelte er mit
Emsigkeit reiches Material und zu Hause sichtete und ordnete er dasselbe.
Eines Tages wurde er in seiner neuen Thätigkeit durch den überraschenden
Besuch eines Amtscollegen unterbrochen. So wenig vertraulich die
Beziehungen der jungen Männer zu einander auch waren, empfing Michel
seinen Gast doch mit zuvorkommender Freundlichkeit. Hierdurch ermuthigt,
rückte dieser bald mit seinem den Besuch veranlassenden Anliegen hervor.
Er befinde sich in momentaner Geldverlegenheit; um sich aus derselben
zu ziehen, sei er genöthigt, die erforderliche Summe gegen Wechsel
aufzunehmen. Der Geldgeber beanspruche natürlich außer seiner
Signatur auch die zweier guter Giranten. Einer seiner Freunde habe seine
Unterschrift bereits gegeben; nun bäte er ihn -- Müller -- um die
Gefälligkeit, das zweite Giro zu leisten. Die Sache sei von keiner
Bedeutung, die Summe nicht beträchtlich, der Wechsel werde von ihm
jedenfalls vor Ablauf der Fälligkeitsfrist eingelöst und so weiter.
Nach kurzem Zögern willfahrte Michel der Bitte seines Collegen und mit den
wärmsten Dankesversicherungen entfernte sich derselbe.
Michel war die Angelegenheit unangenehm. Er haßte leichtsinniges und
unordentliches Gebaren mit dem Gelde, denn er war ein guter Wirth und
mochte Schulden nicht leiden. Und jetzt hatte er selbst indirect eine
Schuld contrahirt. Ja, aber die Sache war nicht zu umgehen. Er hätte es
nicht über sich gebracht, seinen Amtsgenossen abzuweisen.
Doch zu seinen Pandecten zurückkehrend, hatte Michel die ganze Geschichte
über seiner Arbeit bald vergessen.
Wochen und Monate flossen dahin in stiller, ernster Thätigkeit. Die
Concurrenzarbeit wurde vollendet und eingereicht.
Aber nicht nur sein historisches Essay allein hatte Michel während
dieser Zeit beschäftigt. Auf der anderen Seite der Treppe, seiner Wohnung
gegenüber, liegt das Zimmer eines hübschen jungen Mädchens, einer Waise,
welche sich und ihren kleinen achtjährigen Bruder mit ihrer Hände Arbeit
-- sie ist Blumenmacherin -- ernährt. Dieses Mädchen hat Michel kennen
und lieben gelernt. Er will sie zu seiner Frau machen und die Verbindung
nur noch so lange aufschieben, bis sein demnächst zu erwartendes
Avancement erfolgt oder -- aber die Hoffnung auf dieses Glück wagt er
nicht laut auszusprechen, kaum zu denken -- nun, oder bis er mit seiner
Concurrenzschrift den Preis gewinnt.
Es ist am frühen Morgen. Der Tag ist angebrochen, an welchem die
Zeitungen das Urtheil der Jury über die Zuerkennung des von der Akademie
ausgeschriebenen Preises publiciren werden. Bleich und müde nach
schlafloser Nacht erhebt sich Michel von seinem Lager. Eines nicht
unbedeutenden Unwohlseins halber mußte er schon mehrere Tage Zimmer und
Bett hüten.
Auch jetzt fühlt er sich matt und zerschlagen, aber eine unüberwindliche
innere Unruhe treibt ihn aus dem Bette. Auf dem Divan hingestreckt,
streichelt er mit fieberheißer Hand das weiche Fell seines treuen Hundes.
Er erinnert sich, daß die Stunde des Briefboten nahe sein muß und in der
That klingelt dieser bald an seiner Thür und übergiebt ihm mehrere Briefe
und das Morgenblatt seiner Zeitung.
Hastig und mit vor Aufregung zuckenden Fingern löst er die Adreßschleife
und entfaltet das Blatt.
Es enthält die Publication des Preisrichterspruches. Aber der Autorname
der preisgekrönten Arbeit ist nicht der seine --
Ein herbes Lächeln irrt über seine Lippen und mit feuchtem Auge blickt er
auf die seine stolze Hoffnung vernichtende Mittheilung.
Wie konnte auch er, der Pechvogel, sich so großen Glückes vermessen!
Solche Freuden begegnen den Sonntagskindern, nicht ihm, dem »Aprilnarr«
des Schicksales!
Er warf die Zeitung fort und griff nach den Briefen.
Der eine derselben ist ein Schreiben seines Bureauchefs, in welchem
derselbe ihm in schonendster Weise mittheilt, daß sein Amtscollege * * *
bedeutender Schulden wegen aus seinem Dienste entlassen sei. Unter seinen
protestirten Wechseln finde sich einer mit Müller's Giro. Sollte er nicht
in der Lage sein, den Wechsel einzulösen, so sei es, um einer fataleren
Eventualität vorzubeugen, das beste für ihn, um Enthebung seiner Stelle
selbst einzukommen.
Der zweite Brief ist von der Hand seiner Braut, welche ihn darin
beschwört, sie zu vergessen und ihr zu verzeihen, daß sie nie die Seine
werden könne. Aus Mitleid mit seiner traurigen Herzenseinsamkeit habe sie
ihm mehr Liebe gezeigt, als sie thatsächlich für ihn fühlte. In Wahrheit
habe sie stets einen anderen Mann geliebt, und im Begriffe, ihre Verbindung
mit demselben einzugehen, sehe sie sich genöthigt, die Täuschung, in der
er sich in Betreff ihrer befinde, aufzuklären.
Mit einem heiseren Wuthschrei sprang Michel von seinem Sitze empor
und eilte in die Wohnung des Mädchens. Er fand die Eingangsthür
unverschlossen und trat in das kleine Vorzimmerchen.
Doch als er schon die Hand nach der Klinke ihres Wohnzimmers ausstreckte,
erfaßte ihn plötzlich ein Gefühl drückender Beklommenheit und Angst. Er
wagte es nicht, derjenigen ins Auge zu schauen, die er liebte und die ihn
so furchtbar hintergangen hatte. Da hörte er laute Stimmen. Es war eine
kräftige Männerstimme im Gespräche mit seiner Geliebten. Er lauschte
nicht. Aber plötzlich vernahm er deutlich seinen Namen und darauf
schallendes, fröhliches Gelächter.
Da wandte er sich zum Gehen. In seine Wohnung zurückgekehrt, sank er auf
einen Stuhl und barg schluchzend den Kopf in seine Hände.
Seine Liebe war betrogen, seine Existenz vernichtet, die Hoffnung, eine
neue Laufbahn betreten zu können, zerstört. Was lag noch an seinem Leben?
* * * * *
Wenige Stunden später stieg Herr Müller =senior=, um seinen kranken
Sohn zu besuchen, die Treppe zu dessen Wohnung empor. Als er in Michel's
Schlafzimmer trat, fand er ihn, eine tiefe Schußwunde in der Stirn,
entseelt in einer Ecke des Divans lehnen. Die verhängnißvollen Druck-
und Schriftstücke lagen auf der Diele des Bodens; die eine Hand des
Unglücklichen hielt noch die selbstmörderische Waffe umspannt, die andere
hing schlaff über der Divanlehne herab.
Leise winselnd saß der Hund vor seinem todten Herrn und Freund und
beleckte dessen erstarrte Hand, als wollte er mit seiner warmen Zunge ihr
neues Leben einflößen.
Lasse ihn schlummern, treues, gutes Thier! Ihm ist wohl, daß er ruhen
darf, und daß der Vorhang fiel über sein schmerzliches Dasein, das für
ihn Tragödie war und für die Anderen -- Posse!
Der Unwiderstehliche.
»Treue --?! Glaubst Du wirklich noch immer, daß es diesen Artikel echt
und unverfälscht giebt? Hat Dich das Leben nicht darüber belehrt, daß
dies ein Begriff ist ohne realen Hintergrund, eine Vorstellung, die sich
mit den Thatsachen nicht deckt, ein leeres Wort, das die Menschen nur zu
dem Zwecke erfunden haben, um sich selbst etwas vorzulügen, um sich vor
sich selbst besser zu machen, als sie wirklich sind?« -- so fragte das
Gespräch fortsetzend, mein Freund Theodor mit lauter Stimme, um den
polternden Lärm des Eisenbahnzuges zu übertönen, der uns aus der
Residenz nach dem lieblichen Landsitze eines gemeinsamen Freundes führte,
von dem wir zur Feier des Namensfestes seiner Frau zu Gast geladen waren.
»Echte, unverfälschte Treue,« fing ich sein Wort auf. »Was meinst
Du damit? Was Du da sagst, ist ein Pleonasmus. Treue muß echt sein.
Verfälschte Treue ist ja nicht mehr Treue, sondern ihr Gegentheil.«
»Keine Spur!« rief Theodor, den Rest seiner Cigarre zum Waggonfenster
hinauswerfend. »Es giebt eine echte Treue und eine unechte. Das werde ich
Dir gleich an einem Beispiele erläutern.«
Dann steckte er sich eine andere Havana in Brand und fuhr fort:
»Solche Treue, die das nothwendige Ergebniß der Empfindungen ist, ist
echt; solche, die aber nur die Folge zufälliger äußerer Verhältnisse
und Umstände ist, kann unmöglich für echt gelten. Die Treue einer Frau,
die zufällig keinem Manne begegnete, der ihr besser gefiel als ihr Gatte,
ist eine unechte Treue.«
»Das sind Sophismen,« warf ich ein. »Da könnte man ja bei dem
erhabensten Beispiele weiblicher Treue die Behauptung aufstellen, dieselbe
sei nur durch zufällige Umstände bedingt.«
»So ist es auch,« sagte der Andere ruhig lächelnd, indem er sich in die
Wagenkissen behaglich zurücklehnte. »Kein Mensch, weder weiblichen noch
männlichen Geschlechtes, kann bedingungslos für seine Treue bürgen.
Immer handelt es sich darum, ob das Schicksal dem Betreffenden den Rechten
oder die Rechte entgegenführt, denen die Macht gegeben ist, ihre Treue zu
erschüttern. Eben darum behaupte ich, daß es auf unserem Planeten keine
echte Treue gebe.«
»Du hast vielleicht eine solche noch nicht kennen gelernt,« erwiderte
ich gereizt, denn seine überlegene Art, mit seiner Lebens- und
Erfahrungsweisheit groß zu thun, ärgerte mich immer. »Aus Deinen
persönlichen Erfahrungen gleich auf die Allgemeinheit zu schließen, ist
aber doch etwas voreilig.«
»Pah, es handelt sich immer nur darum, ob der Rechte kommt,« wiederholte
Theodor heiter lächelnd, und zwirbelte mit seinen weißen Fingern den
blonden, wohlgepflegten Schnurrbart.
Jetzt mußte auch ich lächeln. Mir ging plötzlich ein Licht auf. Er,
Theodor, war ja dieser »Rechte«, dem gegenüber, sowie er kam und siegen
wollte, keine Frauentreue standzuhalten, kein Mädchenherz unverwundet
zu bleiben vermochte. Hieß er denn nicht seit der Tanzschule her »der
Unwiderstehliche«? Und hatte er sich während der seit jenen Tanzstunden
verflossenen Reihe von nahezu fünfzehn Jahren diesen Namen nicht bewahrt
und stetig mehr verdient!
Halb »Löwe«, halb Dandy, bald heldenhaft kühn, bald lyrisch
schmachtend, hatte er -- so ging die Sage -- seit seiner frühesten Jugend
fabelhaftes Glück bei den Frauen gehabt und -- auch dies erzählte die
Fama -- das Glück gepackt, wo und so oft es sich haschen ließ.
Alles dies fiel mir jetzt wieder ein, als ich bei seinen letzten Worten
meinen Blick über ihn hingleiten ließ, während er den aus seiner Cigarre
aufsteigenden blauen Ringelwölkchen sinnend nachschaute.
Theodor war ein auffallend schöner Mann. Schlank und zierlich gebaut,
das fein geschnittene, blasse Gesicht von seidenweichen blonden Locken und
einem üppigen Vollbart umrahmt, der die Lippen so weit frei ließ, um das
verführerische, zuweilen etwas frivole Lächeln, das den Frauen so
leicht gefährlich wird, zur vollen Geltung kommen zu lassen, mit großen,
dunklen, bald träumerisch, bald verwegen blickenden Augen -- war seine
äußere Erscheinung so recht angethan, um seinen beliebten Wahlspruch:
=Veni, vidi, vici= nicht Lügen zu strafen. Vorzüglicher Reiter und
Tänzer, amusanter Causeur, der eine Menge pikante Geschichtchen und
schnurrige Anekdoten zu erzählen wußte, stets elegant und mit feinstem
Chic gekleidet, konnte es wahrlich nicht wundernehmen, daß alle Damen für
ihn schwärmten, daß es keine Gesellschaft gab, zu der er nicht geladen
wurde, und keinen Ball, dessen Cotillon nicht er führen mußte. Dabei
hatte er eine so ganz besondere Art, mit den Damen zu verkehren.
Voll ritterlicher Galanterie und doch nie ohne einen gewissen Anflug
selbstbewußter Ueberlegenheit und leichter Blasirtheit.
»Nun, giebst Du mir recht?« fragte er, die entstandene Pause plötzlich
unterbrechend. »Oder bleibst Du trotz aller Vernunftgründe immer der
alte, unverbesserliche Idealist, der Du warst?«
»Im Durchschnitte magst Du ja recht haben,« erwiderte ich. »Du wirst
aber doch nicht behaupten wollen, daß es nicht auch Ausnahmen --«
»Giebt es nicht,« fiel er ein.
»Doch!« bemerkte ich beinahe eingeschüchtert. »Glaubst Du nicht, daß
Margarethe zum Beispiel --«
Margarethe war die Frau jenes Freundes, zu dem wir uns auf dem Wege
befanden.
»Ach, Margarethe!« wiederholte er mit einem leichten Seufzer. »Ja, ich
hätte es denken können, daß Du sie als Beleg Deiner unhaltbaren Theorie
werdest heranziehen wollen.«
»Nun --?!«
»Wer sagt Dir, daß sie eine solche Ausnahme ist! Daß nicht auch ihre bis
jetzt allerdings geradezu phänomenale Verliebtheit in den guten Jungen,
der seit vier vollen Jahren das Glück hat, ihr Gatte zu sein, doch nichts
anderes ist als das Werk des Zufalles? Des Zufalles nämlich, daß sie bis
jetzt noch keinen Mann kennen lernte, der --«
»Eben der Rechte wäre. Ich weiß schon, Du hast es ja gerade gesagt,«
unterbrach ich ihn ungeduldig.
»Ja, allerdings, das meine ich. Oder auch, daß dieser Rechte
sich vielleicht noch nicht die Mühe gegeben, die Dichtigkeit ihres
Herzenspanzers zu erproben.«
»Ich aber meine, daß es eine Vermessenheit ist, von einer Frau, wie
Margarethe, deren Charakter den leisesten Schatten eines Mißtrauens zu
bannen geeignet ist, so geringschätzig zu denken.«
Ich war bitterböse auf Theodor. Sein Gleichmuth aber blieb
unerschütterlich.
»Einen allgemein giltigen Maßstab an den Einzelnen anlegen,« erwiderte
er, »heißt nicht geringschätzig denken über ihn. Ich besitze nur eben
genug Menschenkenntniß, um die Handlungen der Menschen auf ihre innere
Quelle zurückführen zu können. Warum sollte Frau Margarethe anders sein
als die anderen Frauen? Sie ist eben ein Weib. Und denselben Naturgesetzen,
die den Charakter des Weibes im Allgemeinen beherrschen, ist -- wie alle
Anderen -- auch sie unterworfen. Daran läßt sich nichts ändern.«
Ich schwieg. Einsehend, daß Theodor's Ansichten zu fest wurzelten, um
sich durch Worte widerlegen zu lassen, hielt ich eine Fortsetzung unseres
Disputes für ebenso zwecklos wie ermüdend. Meine Gedanken flogen voraus,
den Freunden entgegen. Und indem ich an sie dachte, mußte ich in mich
hinein über Theodor lachen, dessen mit solch apodiktischer Sicherheit
verkündeten Anschauungen eben durch sie eine so schlagende Widerlegung
fanden. Arthur's und Margarethens Ehe war die glücklichste, die ich je
gesehen. Der verstockteste Pessimist mußte durch ihren Anblick
bekehrt werden. Allerdings waren Beide noch sehr jung, Arthur zählte
sechsundzwanzig, Margarethe zwanzig Jahre. Und wer die Beiden sah, hätte
sie eher für übermüthige Geschwister, denn für Ehegatten halten
können. Manchmal, wenn ich zu ihnen gekommen, fand ich sie im Garten
herumtollen, als ob sie noch Kinder wären. Noch hatte kein Schatten die
frohe Laune ihres Jugendmuthes getrübt. Das Leben konnte wohl sie ernster
machen, sie konnten mitsammen reifen und -- altern. Aber trennend, ihre
zu einem wohlklingenden Accord zusammengestimmten Seelen trennend, konnte
nichts zwischen sie treten. Diese beiden herzlieben Geschöpfe paßten
füreinander, als ob sie eigens füreinander geschaffen wären. Sie
lebten vollkommen für- und ineinander. Und jedes war glücklich durch die
Existenz des Anderen. Theodor kannte sie nicht so gut wie ich; wenn er sie
näher kennen lernte, würde er bald einsehen, daß wenigstens dies eine
Beispiel seine Ueberzeugungen Lügen strafte.
Den Faden des behandelten Themas weiter spinnend, fragte ich Theodor nach
einer kleinen Weile:
»Deine Anschauung über den weiblichen Charakter im Allgemeinen und über
weibliche Treue im Besonderen ist wohl auch die Ursache Deines Widerwillens
gegen das Ehejoch?«
Theodor nickte lächelnd.
»Ich bewundere Deine Combinationsgabe! Allerdings ist dies die Ursache.
Ich schätze meine Ruhe über alles. Was hätte ich nöthig, mich
zu verheiraten und diese Ruhe und meine Freiheit aufzuopfern? Die
Annehmlichkeiten des Ehestandes stehen ja dem Junggesellen, der
verheiratete Freunde hat, beinahe in ebenso reichlichem Maße zur
Verfügung wie den Ehemännern. Ihre Frauen sind unsere Freundinnen, an
ihrem Tische, an ihrem Kamin ist stets ein Plätzchen für uns bereit. So
oft wir eintreten, sind wir willkommen. Wir erheitern ihre Einsamkeit,
die vielleicht gerade in dem Augenblicke als wir kamen, anfing, sie ein
bißchen zu langweilen. Auf diese Weise wahren wir unsere Unabhängigkeit
und genießen doch alle Vortheile des Ehestandes, ohne dessen Mühen,
Lasten und beunruhigenden Sorgen zu haben. Ja, wäre doch jeder ein Thor,
der die Lasten und Sorgen auf sich nähme, damit ein Anderer sich des
Glückes ohne diesen bitteren Beigeschmack erfreue, ein Thor, der die Hefe
des Bechers leerte, von dem ein Anderer den süßen Schaum fortgenippt.«
Ich fand keine Zeit mehr zu antworten. Der Pfiff der Locomotive
verkündete uns, daß wir uns dem Ziele näherten. Wir griffen nach unseren
Handkofferchen und Ueberziehern, stiegen aus und warfen uns in einen
Wagen, der uns in einer halben Stunde nach Arthur's allerliebsten Landsitz
brachte.
Der Empfang, der uns, namentlich aber Theodor zutheil wurde, brachte
mich auf den Gedanken, daß er in der That nicht unrecht habe, seinen
Junggesellenstand als einen glücklichen zu preisen. Alles, was er
über sein beneidenswerthes Los gesagt, schien sich zu bestätigen.
Die sichtliche Freude, die seine Gegenwart hervorrief, das herzliche
Entgegenkommen, das der Hausherr ihm entgegenbrachte, das reizende
Lächeln, das Margarethe ihm spendete, das Bemühen, den Aufenthalt im Heim
des Freundes ihm wohl und behaglich zu gestalten, alles vereinte sich, um
die Wahrheit seiner Schilderung zu bezeugen.