Dort aber, wo der Weg den Wald verlassend über die lang sich hinstreckende

Alpenwiese lenkte, wo im Sommer kurzes, dunkelgrünes Weidegras üppig

emporsprießt, jetzt aber frischer lockerer Schnee lag, in welchem die

Wanderer bis zum Knie und an manchen Stellen gar bis zur Hüfte einsanken,

da steigerte sich die Ermüdung fast zu völliger Erschöpfung. Onkel Karl

packte den Kleinen, der mit aller Anstrengung nicht mehr weiter zu dringen

vermochte, wie einen Rucksack auf seine Schultern und Vincenz half seinem

Weibe vorwärts, welches schwer athmend und schweißüberströmt alle

Energie aufbot, um gegen die überwältigende Macht des feindlichen

Elementes anzukämpfen und das ersehnte Ziel zu erreichen. Dazu wurde der

Weg durch die stetig zunehmende Schneemenge unkenntlich gemacht, und die

ganze Gegend war in einen jeden orientirenden Ausblick verhindernden,

undurchdringlichen weißgrauen Schleier gehüllt, daß es der peinlichsten

Vorsicht und der durch die in den letzten Wochen häufig wiederholten

Besteigungen des Berges erworbenen sichersten Ortskenntniß der beiden

Männer bedurfte, um sie die Richtung nicht verlieren, und auf einen der

gefährlichen Ab- und Irrwege gerathend, dem unvermeidlichen Untergange

entgegen gehen zu lassen.

Oft mußte Rast gemacht werden, um den versiegenden Kräften zu neuem

Vorwärtsstreben Erholung zu gönnen. Besorgt blickte Vincenz auf

seine Frau, als er sah, wie sie stehen bleibend, ihre Hand auf ihr zum

Zerspringen klopfendes Herz preßte und keuchend nach Athem rang.

»Es wär' besser gewesen, wir wären nicht herauf, Du dermachst es

nicht,«*) sagte er ängstlich.

*) »Du dermachst es nit,« hochdeutsch: »Du bringst es nicht zuwege.«

Doch der Anfall ging vorüber.

»Es hat sein müssen, Du weißt es ja selber,« antwortete die Frau. »Was

wär' denn unten mit uns g'worden? Nix mehr zum Leben und kein' Arbeit. Zu

Grund' gangen wär'n wir Alle. Da droben haben wir aber unsere Wohnung

und a bisl a Geld und im Sommer die Wirthschaft, wenn die Herrn auf'n Berg

steigen auf die Jagd oder so zum Vergnügen. Da oben wird's schon besser

werd'n. Nit nur für uns selber hab'n mir's thun müssen, daß mir aufi

g'stieg'n san, sondern auch für unsere Kinder.«

Vincenz nickte. Seine Frau hatte wohl recht. Aber wenn sie nur erst oben

wären! Ihm ward so bange.

Endlich, nach sechs Stunden furchtbarster Mühe waren sie zur »steinernen

Stiege« gelangt, einer Stelle des Berges, wo zwischen dem gähnenden

Abgrund an der einen und der schroff und glatt ansteigenden Felsenwand von

der anderen Seite zur Ermöglichung dieser Passage Stufen in das Gestein

gehauen sind.

Die Männer hießen die Frau und den Knaben warten und versuchten es, mit

ihren Bergstöcken die hohen Felsenstufen so weit von Schnee zu befreien,

daß die Gefahr nicht allzu nahe lag, durch einen Fehltritt in die

nachgiebig poröse Schneemasse rettungslos in die schreckliche Tiefe zu

stürzen.

Und jetzt geht es vorwärts, langsam, vorsichtig von Stufe zu Stufe, mit

dem Bergstocke erst den Platz prüfend, wo der Fuß hintreten darf, um

sicher zu stehen. Kein Wort wurde gewechselt; man vernimmt nur das Scharren

der Eisenspitzen der Stöcke auf den Felsen und die schweren Athemzüge

der mit äußerster Anstrengung emporklimmenden Leute. Von einem scharfen

Nordwest gepeitscht, der das Gehen erschwert und den Schritt unsicher

macht, wirbeln in verdoppelter Dichtigkeit die Schneeflocken um unsere

Wanderer, hängen sich an die Wangen, fliegen in die Augen, blendend und

den Blick trübend.

Aber ohne Unfall überschritten sie die gefährliche Stelle und langten

wohlbehalten auf dem Hochplateau an, auf welchem, etwa eine halbe Stunde

entfernt, das Schutzhaus liegt. Allein, so nahe sie auch dem ersehnten und

mit Aufwand aller physischen und moralischen Energie erstrebten Ziele

sind, so vermag die arme Frau doch nicht weiterzugehen, ohne sich nochmals

auszurasten.

Den Rest ihrer Kraft hat sie zur Ueberwindung dieser ebenso gefährlichen

wie anstrengenden Passage aufgeboten, jetzt kann sie nimmer weiter; sie

muß ruhen. Ihre Pulse hämmern so fürchterlich, das Herz klopft so

beängstigend heftig, die Athemnoth ist so qualvoll -- o, sie muß ruhen,

sonst muß sie ersticken.

Während ihr Bruder Karl, vorausgehend, den vor Kälte zitternden Knaben

nach dem Unterstandshause trägt, setzt sie sich erschöpft auf den

Schnee nieder. Es ist ihr unmöglich, stehend auszuruhen, sie würde

zusammenbrechen. In stummer Sorge steht ihr Mann neben ihr.

Nach wenigen Secunden schaut sie auf, blickt um sich.

»Vincenz,« sagt sie, »es ist gut, daß wir endlich heraufgekommen sind,

schau nur, mir wird auf einmal so wohl. Wie schön es hier oben ist, welch

frische Luft. Ja, jetzt wird alles gut werden. -- Lieber Gott, ich danke

Dir.«

Und einen leisen Seufzer ausstoßend, sinkt sie zurück in den Schnee.

Vincenz erschrickt, er glaubt, daß seine Frau eine Ohnmacht befallen hat.

Er kniet sich neben sie, reibt ihr Stirn und Schläfe mit Schnee, dann

wieder die Pulse an den Armen mit Branntwein aus der Feldflasche. Doch

während er unermüdlich immer und immer wieder neue Belebungsversuche

vornimmt, fühlt er, wie unter seinen Händen ihre Glieder allmählich

erkalten und erstarren -- und er erkennt, daß sie todt ist.

Auf den Armen ihres Mannes und ihres Bruders wurde die Entschlafene in

das Schutzhaus gebracht, wo, nur durch eine dünne Bretterwand von ihr

getrennt, ihr Kind ahnungslos schlummert.

Von kräftigen Gebirgsbauern auf Latschen thalwärts getragen, wurde

die Todte in dem am Fuße des Untersberges gelegenen Dörfchen Grödig

bestattet. Die ärztliche Obduction ergab, daß in Folge der ihre Kräfte

übersteigenden enormen Anstrengung ein Herzschlag eingetreten war.

Ihre Hoffnung hatte sich erfüllt -- wenn auch in ungeahnter Deutung. Auf

der Höhe des Berges, der sie zustrebte, ward sie der Noth des Elendes,

der Bürde ihres schweren Daseins enthoben, war für sie »alles gut«

geworden.

»Armer Franzi! Der Christabend kam, aber kein strahlender »Lichterbaum«

erfreute Dein kindliches Gemüth. Verwaist und einsam blicktest Du von

stiller Bergeshöhe auf die öden Thäler herab, traurig Deines kranken

Vaters und Deiner todten Mutter gedenkend. Möge ihr Wort sich an Dir

bewähren, daß es Dir gut werde dort oben!«

Der Weg zum Herzen.

Mein Freund Christian hatte es sich fest in den Kopf gesetzt, ein durch

hervorragende Hausfrauentugenden ausgezeichnetes Mädchen zu heiraten.

Dabei sollte sie aber ein gar liebliches Gesichtchen, eine schöne Gestalt,

Jugend und feine Bildung besitzen. Er selbst war, was man so einen guten

Jungen nennt, dabei leidlich hübsch und sehr wohlhabend. Seit fünf Jahren

sah er sich in seinen ausgedehnten Bekanntenkreisen nach einer passenden

Lebensgefährtin um. Denn als er, dreiundzwanzig Jahre alt, das Landgut

seines plötzlich gestorbenen Vaters übernahm, hatte er mit der Suche

begonnen, und zur Zeit, da das hochbedeutsame Ereigniß, welches zu

berichten ich im Begriffe stehe, sich zutrug, zählte er achtundzwanzig

Jahre -- und noch hatte er nicht gefunden, was er wollte. Die Eine hatte

röthliches Haar, was er nicht leiden mochte; eine Andere mischte zu viele

Fremdwörter ins Gespräch, wodurch er sich in seiner teutschen Gesinnung

-- er schrieb und sprach niemals: deutsch, sondern teutsch, und seine

Freunde nannten ihn mit Vorliebe den Teutonen -- verletzt fühlte; die

Dritte war ihm zu sentimental; die Vierte viel zu kokett; die Mehrzahl aber

ermangelte des Haupterfordernisses, das er an seine Zukünftige stellte:

häuslichen und wirthschaftlichen Sinnes.

»Sehen Sie,« so klagte er mir einmal, »was hätte ich von einer Frau,

wenn sie auch wie Venus so schön, klug wie Minerva, tugendhaft wie, wie --

mir fällt ein geeigneter Vergleich nicht ein -- kurzum, wenn sie auch alle

Tugenden der Welt in sich vereinigt, sie könnte aber nicht kochen! Ich bin

Landwirth, den Tag über nimmt die Bewirthschaftung von Wald und Feld meine

Zeit und Kraft in Anspruch. Wenn ich müde und hungrig nach Hause

komme, will ich etwas Ordentliches zu essen vorfinden. Ich habe so meine

Lieblingsspeisen, die ich in einer bestimmten Weise gekocht haben will.

Anders mag ich sie nicht. Mit den bezahlten Köchinnen geht es nicht; die

nehmen sich nicht die Mühe dazu, meine Eigenschaften zu studiren, und

wenn sie es ja auch einmal gelernt haben, dann gehen sie sicherlich aus dem

Dienste, um sich zu verheiraten, und die Plage fängt mit einer Anderen von

neuem an. Meine gute Mutter hat mich in dieser Beziehung sehr verwöhnt.

Sie war eine vortreffliche Hausfrau und kochte ganz vorzüglich. Wenn ich

nicht in der Ehe unglücklich werden soll, muß ich in meiner Frau eine

ebenso gute Hausfrau finden.«

Ich bemerkte dagegen, daß das Glück der Ehe wohl durch noch andere

Eigenschaften als allein durch Wirthschaftlichkeit und Verständniß der

edlen Kochkunst -- so schätzenswerthe Qualitäten dies ja auch seien

-- bedingt würde; daß persönliche Sympathie zum Beispiel eine doch

mindestens ebenso wichtige Bedingung bilde. Christian schwieg eine

Weile nachdenklich. Dann strich er sich mit seiner kräftig geformten,

sonnengebräunten Hand den blonden Schnurrbart und meinte lächelnd:

»Sie haben im Allgemeinen ganz recht in dem, was Sie da sagen. Aber es

bestätigt mir die Erkenntniß einer fehlerhaften socialen Institution.

Es klingt ja recht barbarisch, so etwas auszusprechen, aber richtig ist

es doch: Die Monogamie taugt nichts. Jeder rechtschaffene Mann, dessen

materielle Lage es ihm gestattet, sollte zwei Frauen haben dürfen: die

eine fürs Herz, die andere fürs Haus, für seine Wirthschaft.«

Ich lachte laut auf.

»Sie sollten unter die Mormonen gehen,« rief ich belustigt. »Sie haben

entschieden Talent dazu!«

Er aber schüttelte den Kopf.

Ungeachtet seines unerschütterlichen Entschlusses, ein vorzüglich

häusliches Mädchen zu seiner Gattin zu erwählen, versagte er es sich

jedoch nicht, sich mit seiner bildhübschen, siebzehnjährigen Cousine

Ottilie, die er mit einer gemeinsamen Tante, bei welcher sie seit dem

Tode ihrer frühverstorbenen Eltern lebte, für einige Monate auf seinen

Landsitz eingeladen hatte, ganz ausgezeichnet zu unterhalten, und trotzdem

Ottilie nicht die geringste Lust und nicht das leiseste Talent bewies, die

von ihm so hochgeschätzten häuslichen Qualitäten zu erwerben, sah man es

ihm doch deutlich an, daß das von lebensfroher Jugendfrische strotzende,

allerliebste Geschöpf seinem Herzen sehr theuer war. Er stellte dies auch

nicht in Abrede, als ich einmal neckend auf den Strauch klopfte, nur fügte

er gleich die Bemerkung bei, daß nichts vollkommen sei unter der Sonne.

Ottilie besitze zwar alle Eigenschaften, um sein Leben zu verschönen,

allein tüchtig in der Wirthschaft sei sie leider nicht.

Das hinderte ihn jedoch keineswegs, alle Zeit, die seine ökonomische

Thätigkeit ihm freiließ -- und manchmal auch etwas mehr -- ihr zu

widmen und, was zu sehen mir besonders Spaß machte, sie mit sichtlichem

Vergnügen in ihren antihäuslichen Liebhabereien noch zu bestärken. Er

unterrichtete sie im Reiten, Kutschiren, Rudern, sie übten sich zusammen

im Pistolenschießen nach der Scheibe, und wenn sie das Centrum öfter traf

als er, wenn sie, ein Bild von mit Kraft gepaarter Anmuth, sich im Sattel

wiegend, an seiner Seite über die bräunlichen Stoppelfelder -- denn

mittlerweile war es Herbst geworden -- dahinsprengte, war er ganz außer

sich vor Entzücken.

»Da, da schauen Sie,« rief er mir einmal voll Ekstase zu, indem er mir

eine durchschossene Papierscheibe vor Augen hielt. »Zwanzig Schüsse ins

Centrum! Zwanzig Schüsse nacheinander auf dreißig Schritt Distanz,

und keinen daneben, um keine Linie! Phänomenal! Das lob' ich mir, einen

solchen Kameraden zu haben!«

»Gewiß, gewiß, ein ganz famoser Kamerad!« lachte ich. »Aber Sie

wollen sich ja eine Frau suchen, nicht einen flotten Kameraden für Ihre

Sportvergnügungen.«

Christian machte eine abwehrende Handbewegung.

»Ah, bah!« brummte er etwas verstimmt. »Das hat Zeit. Warum soll ich mir

mein angenehmes Leben mit der Erwägung verbittern, daß ich nicht finde,

was ich suche!«

Bei Tische aber widerfuhr seinem angenehmen Leben des Oefteren eine

unliebsame Dämpfung. Er hatte eine brave ältliche Person im Dienste,

die unter seiner Oberaufsicht die häusliche Wirthschaft leitete und ganz

befriedigend gut kochte. Aber seine Lieblingsspeisen genau nach seinem

Geschmacke zu bereiten, das verstand sie nicht. Und er wußte es ihr nicht

zu erklären, woran es fehlte. So geschah es denn öfters, daß seine

heitere Stimmung bei den Mahlzeiten, wenn auch nur vorübergehend, getrübt

wurde.

Einmal wagte er in meinem Beisein anläßlich einer Wildpastete -- auch

eines seiner Lieblingsgerichte -- die nicht nach seinem Geschmacke war,

eine Bemerkung zu Ottilie, daß es doch gar zu hübsch wäre, wenn sie

nebst ihren virtuosen Amazonenkünsten auch ein bißchen von den Künsten

der Küche verstände. Sie aber erwiderte lachend, daß ihr Ehrgeiz weit

mehr durch das Ziel angestachelt werde, seinen feurigen Rothfuchs zu

bändigen, was ihr bisher noch nicht gelungen, als eine wohlschmeckende

Pastete zu bereiten.

Die Tante schüttelte wehmüthig das graue Haupt, denn ihrer Neigung hätte

es weit mehr entsprochen, Ottilie hätte sich zu einer wackeren Hausfrau

ausgebildet, als zu einer glänzenden Sportsdame, zu der sie sich zu

entwickeln drohte. Christian aber hatte bei Erwähnung seines Rothfuchses

sogleich sein Bedauern über die mißlungene Pastete vergessen, und lustig

rief er Ottilie zu:

»Du willst meinen Bucephalus reiten? Nein, meine Liebe, Du bist zwar unter

meiner Leitung eine sehr gewandte und kühne Reiterin geworden, aber mein

Bucephalus ist nichts für Dich. Sein Rücken wird Dich nie tragen. Ich

warne Dich vor einem erneuten Versuch.«

»Ich werde sehen!« murmelte Ottilie leise. Und nach Tische erschien sie

in dem Stalle, um dem Rothfuchs eigenhändig ein wenig Brot und Zucker zu

reichen.

Tags darauf hatte Christian den ganzen Vormittag über in seiner

Wirthschaft zu thun und zu schaffen. Müde und ärgerlich, denn sein

Verwalter hatte ihn erzürnt, kehrte er zu verspäteter Stunde heim. Wir

hatten mit dem Mittagessen auf ihn gewartet, und ich befürchtete, daß ein

in der Länge der Zeit sicherlich zu gar gebratenes Rostbeef, das er nach

englischer Art halbroh liebte, seine Laune nicht verbessern würde.

Als die Suppe schon aufgetragen war, trat Ottilie mit hochgerötheten

Wangen in das Speisezimmer.

»Du siehst ja aus, als ob Du am Herde gestanden hättest, so erhitzt bist

Du,« sagte Christian, sie begrüßend. »Aber freilich, so etwas kommt bei

Dir nicht vor.«

Ottilie lächelte und gab keine Antwort.

Als das Rostbeef an die Reihe kam, bemerkte ich zu meiner Befriedigung,

daß dasselbe, meiner Befürchtung entgegen, noch ganz »englisch« war und

daß sich Christian's Stimmung sichtlich erheiterte. Die Mehlspeise aber

that das Uebrige. Es waren gewisse kleine, mit gehacktem Wild gefüllte

Klößchen, auch ein Lieblingsgericht Christian's und -- o Wunder! ganz

nach seinem Geschmacke zubereitet.

Christian strahlte.

»Ei, das schmeckt ja vorzüglich,« sagte er, indem er zum zweitenmal

zulangte. »Meine Mathilde macht sich. Sie hat ihre Scharte von gestern

glänzend ausgewetzt.«

Und bei diesem einenmale blieb es nicht. Ueber Mathilde schien plötzlich

eine Erleuchtung gekommen zu sein. Jedesmal, wenn Christian Vormittag

abwesend war -- und da er jetzt viel zu thun hatte, traf sich dies öfters

-- fand er irgend eine seiner Lieblingsspeisen in vorzüglicher, ganz

seinem Geschmacke entsprechender Bereitung bei Tische vor. Und jedesmal

bemerkte ich bei Ottilie ebensolche geheimnißvolle Miene und erhitzte

Wangen wie das erstemal, so daß ich nicht umhin konnte, auf eine

Vermuthung zu verfallen, welche beide Thatsachen in einen gewissen,

unschwer zu errathenden Zusammenhang brachte.

Dieselbe Vermuthung schien übrigens auch in Christian's Kopf

platzzugreifen, denn zuweilen machte er eine flüchtig in das Gespräch

gestreute Bemerkung, welch ein herrliches Kleinod eine Frau sei, die

mit all ihren sonstigen Vorzügen auch den der häuslichen Kenntnisse,

namentlich der Kochkunst, vereinige und mit den Schwächen und Eigenheiten

ihres Mannes freundliche Nachsicht übe.

Ottilie bemühte sich hartnäckig, derartige Bemerkungen Christian's zu

überhören, und die Tante blickte verlegen lächelnd auf ihren Teller und

brachte die Unterhaltung auf ein anderes Thema.

Mittlerweile ging mein im gastlichen Heim meines Freundes verbrachter

Urlaub zu Ende, und ich kehrte nach der Stadt zurück, um, Christian's

Einladung entsprechend, einige Wochen später zum Weihnachtsfeste

wiederzukommen.

Es überraschte mich nicht, Ottilie mit ihrer Tante noch vorzufinden.

Christian hatte sie, so oft sie auch heimkehren wollten, zurückgehalten.

Und ebenso wenig überraschte mich die sich mir bald aufdrängende

Wahrnehmung, daß sein Herz für seine Cousine in hellen Flammen stand,

und daß Christian's Herzensflammen mit jenen Ottiliens lodernd

zusammenschlugen. Einigermaßen verwundert war ich nur darüber, daß die

Tante über diese Lage der Dinge nicht sonderlich erbaut, ja von einer

seltsamen nervösen Unruhe beherrscht schien, als erfüllte sie irgend eine

geheime Sorge.

So kam der Weihnachtsabend heran. Im großen Saale des Erdgeschosses

brannte ein mächtiger Christbaum, dessen zahllose Lichtlein in den

einander gegenüber hängenden Spiegeln sich hundertfach vervielfältigend

wiederstrahlten. Eine Menge schöner Geschenke, auf weißüberdeckten

Tischen zierlich geordnet, lagen da, nicht nur für den Herrn des Hauses

und dessen Gäste, auch für seine Beamten und Diener und deren Kinder, die

in stillem, freudigem Entzücken ob des in prächtigem Schmucke und hellem

Glanze flimmernden Tannenbaumes und der großmüthigen Bescherung durch

ihren gütigen Herrn schier verblüfft umherstanden und kaum Worte des

Dankes fanden.

Ein heiteres Festmahl folgte darauf, dann ein Tombolaspiel, und gegen

die Mitternachtsstunde kam, zur Beendigung der Festfeier, eine dampfende

Punschbowle auf den Tisch.

Die Gläser klangen. Es wurde toastirt und poculirt.

Doch inmitten der heitersten Unterhaltung wurde unser liebenswürdiger

Gastgeber plötzlich von wehmüthiger Stimmung überflogen. Er gedachte

seiner Mutter, die er innig geliebt, und die der Tod erst vor wenigen

Jahren von seiner Seite gerissen. Und indem er von ihr und von dem stillen,

glücklichen Leben, das sie miteinander geführt, erzählte, meinte er, wie

schön es wäre, wenn sie hier in der Mitte des kleinen Kreises weilte.

»Ganz so wie heute,« schloß er, zu mir gewendet, seine Rede, »feierten

wir unser Weihnachtsfest. Nur eines fehlt. Mütterchen bescherte mir

immer einen riesigen Baumkuchen. Sie wußte, daß ich ihn besonders liebe.

Mathilden wollte ich dessen Herstellung aber nicht anvertrauen.«

In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür, und ein mächtiger

Baumkuchen wurde aufgetragen.

»Was ist das?« rief Christian freudig betroffen. »Ist da Zauberei im

Spiele?«

Das Stubenmädchen entfernte sich schweigend. Die Tante aber erklärte

lächelnd:

»Keine Zauberei, lieber Christian. Du vergißt, daß Du uns von diesem

Weihnachtskuchen schon öfters gesprochen. Nun, und da dachte ich, damit

nichts fehlen sollte --«

Christian blickte auf Ottilie, die, als ob sie nichts hörte, sich mit

frischer Füllung der Punschgläser beschäftigte.

»Ah, ich verstehe,« murmelte er leise, und eine flüchtige Röthe

überzog seine gebräunten Wangen.

Der Kuchen wurde angeschnitten und erwies sich als vortrefflich, ganz so,

wie er unter den geschickten Händen von Christian's Mutter gediehen war.

Einige Minuten lang hatte Christian still und nachdenklich dagesessen.

Plötzlich erhob er sich, und zur Tante hintretend, sagte er mit etwas

schwankender Stimme:

»Ich weiß keinen geeigneteren Augenblick, liebes Tantchen, als das

heutige Freudenfest, um Dir ein freudiges Geheimniß zu bekennen, das für

Dich sicherlich schon lange kein Geheimniß mehr ist: Ottilie und ich, wir

lieben uns. Willst Du sie mir zur Frau geben?«

Die Tante umarmte Christian, Christian umarmte Ottilie, und die Tante

segnete Beide. Ich aber brachte ein Hoch aus auf das Wohl des Brautpaares.

Und wieder erklangen die Gläser.

Dann aber, als die fröhlich laute Stimmung etwas ruhiger geworden war,

sagte Ottilie zu Christian:

»Da heute schon der Tag der Ueberraschungen ist -- auch ich habe Dir etwas

mitzutheilen, was Dich überraschen wird.«

Christian lächelte freudig verschmitzt.

»Kann es mir schon denken, Tilly. Der Weihnachtskuchen, nicht wahr? Und

die Hachéklößchen damals und alle meine anderen Lieblingsspeisen.«

Ottilie sah ihn groß an.

»Was ist es mit all dem?« fragte sie verwundert. »Ah, Du meinst, daß

nicht Mathilde es war, die diese guten Sachen gekocht hat? Ja, das hast

Du errathen. Unser liebes Tantchen war es, die Dir eine Freude bereiten

wollte, was ihr ja auch vortrefflich gelungen ist. Doch nicht das ist

es, was ich Dir sagen wollte. Meine Ueberraschung ist anderer Art. Dein

Rothfuchs -- täglich, wenn Du nicht zu Hause warst, hab' ich versucht,

ihn zu reiten. Darum kam ich immer so erhitzt zu Tische. Du wolltest die

Ursache wissen, aber ich sagte sie nicht. Nun, jetzt, mein Schatz, ist Dein

wilder Bucephalus völlig in meiner Gewalt.«

Jetzt war an Christian die Reihe, die Augen aufzusperren.

»Ach, das ist es!« sagte er kleinlaut »und ich glaubte --« Und dabei

sah er beinahe traurig aus. Doch rasch war seine Verstimmung verflogen.

»Bah, was macht es?« rief er, wieder fröhlich. »Die gute Tante bleibt

bei uns und leitet das Haus. Vielleicht lernst Du es auch mit der Zeit.

Vorläufig bist Du mein lieber, flotter Kamerad. Wir reiten und schießen

miteinander.«

»Ja, wir schießen um die Wette.«

»Und unser Ziel --«

»-- ist unsere Liebe und unser Glück!«

Sie verfehlten es nicht, dieses Ziel.

Weder Glück noch Stern.

Er hieß Michael Müller und war am 1. April 18.. geboren. Seine Mutter

starb am Tage nach seiner Geburt und sein Vater liebte ihn nicht, weil eben

sein Eintritt in die Welt seiner Mutter das Leben kostete und somit die

Last der Sorge für seine Pflege und Erziehung dem Vater allein zu tragen

aufbürdete, dann aber auch, weil er bei seinem Heranwachsen weder ein

schönes noch ein kluges Kind zu werden versprach. Das einzig Hübsche

seines Gesichtes waren die großen, stahlgrauen, schwärmerisch

blickenden Augen, welche mit der ausdruckslosen Stumpfnase und dem weiten,

dicklippigen Munde sonderbar contrastirten, und der einzige Witz, der

ihm in seinem ganzen Leben gelang, war der, daß er, auf das Datum seines

Geburtstages anspielend, mit gutmüthig traurigem Lächeln sagte, das

Schicksal habe ihn, indem es ihn geboren werden ließ, in den April

geschickt.

Und in der That gestaltete sich sein Lebenslauf zu einer Bestätigung

seiner harmlosen Selbstironie. Michael oder Michel, wie er allgemein

gerufen wurde, gehörte zu jenen Pechvögeln, welchen alles, was sie

unternehmen, mißlingt und welche, ohne dümmer, oder ungeschickter, oder

träger zu sein als Andere, doch von Allen überholt und übervortheilt

werden.

Gab es unter den Schulknaben irgend eine Balgerei, so war es sicherlich

Michel, der dabei am übelsten wegkam, dessen Rücken die meisten Püffe,

dessen Kleider die meisten Risse erhielten und dem obendrein noch oft

Strafe zutheil ward, indem ihn die Genossen, so unschuldig er zumeist auch

war, als Rädelsführer und Urheber der Schlägerei verklagten.

Was ich geschaut: Novellen · 第 3 / 10 段