»Grüß Di' Gott', grüß Di' Gott!« rief der Papagei und reckte sich, so
weit er konnte, Betti entgegen, die sein Liebling war.
Betti faßte ihn und setzte ihn auf ihre Achsel.
»Hast Du Deinen englischen Aufsatz für Miß Evans schon geschrieben?«
unterbrach die Tante nach einer Weile das eingetretene Schweigen. »Morgen
früh hast Du ja wieder Stunde.«
Betti nickte stumm. Dann schwiegen sie wieder beide. Nur der Papagei
plauderte und drehte sich und tanzte auf Betti's Schulter, als ob er ihre
Verstimmung fühlte und sie erheitern wollte.
Plötzlich wandte Betti sich wieder an ihre Tante.
»Glaubst Du, daß Herr Reichel schon abgereist sei?«
Die Befragte blickte erstaunt auf.
»Herr Reichel -- wer ist das?«
»Nun, der Sänger. In der Zeitung steht ja sein Name.«
»Ach so! Ich habe es wirklich nicht beachtet, wie er heißt. Aber wie soll
ich wissen, ob er schon abgereist ist, und warum interessirt Dich das?«
»Na, ich dachte nur so. Wenn er etwa noch in der Stadt weilte, so
könntest Du vielleicht, als die Schwester seines ehemaligen Meisters, ihn
für heute Abend oder morgen zu Tische laden. Und da könnte er uns einige
Lieder vorsingen.«
Der Ausdruck des Mißfallens breitete sich über das Angesicht des alten
Fräuleins.
»Wie Du nur auf solch abenteuerliche Ideen verfallen kannst, Betti!«
sagte sie vorwurfsvoll. »Was geht dieser fremde Mensch uns Beide an? Dein
Papa hatte gar viele Schüler. Wenn wir die alle zu uns rufen wollten!«
Betti blickte beschämt zu Boden.
»Ja, Du hast recht, Tante,« sagte sie bescheiden. »Sei nicht böse. Es
war ein gar alberner Gedanke von mir.«
»Ich bin ja nicht böse, liebes Kind,« antwortete die Tante rasch
besänftigend. »Jung, wie Du bist, fehlt Dir eben noch das reife Urtheil
für das, was sich schickt und ziemt.«
Durch Betti's Brausekopf schoß der Gedanke, daß ihre Eltern an ihrem
Vorschlage nichts Unpassendes gefunden haben würden. Die Frage drängte
sich ihr auf, ob jene mit ihren freieren Anschauungen, oder die Tante mit
ihrer peinlichen Vorsicht, ja nichts Ungewöhnliches zu thun, ja nicht
einmal zu denken, mehr recht hätte? Aber sie wußte sich keine Antwort
auf diese Frage zu geben. Und wieder, wie so oft legte sich das Gefühl
drückender Beengung auf ihr Gemüth.
Die Tante ließ ihr aber nicht lange Zeit, über solche nutzlose Dinge
nachzugrübeln. Sie hatte allerlei Aufträge für sie. Die frisch
gebügelte Wäsche mußte revidirt und in den Schränken eingeordnet
werden; der Gärtner war gekommen, um Rechnung zu legen über einige Körbe
Obst aus ihrem Garten, das er in der Stadt verkauft hatte, und mit dem
Dachdecker mußte man Rücksprache nehmen, daß er eine schadhaft gewordene
Ecke des Hausdaches ausbessere, bevor die schlechte Jahreszeit mit ihren
langen und ausgiebigen Herbstregen eintritt. Rasch und willig unterzog sich
Betti der gewohnten Erfüllung derartiger Pflichten. Nachdem sie aber alles
zur vollen Zufriedenheit ihrer Tante besorgt hatte und diese sich, der
einbrechenden Abendkühle wegen, in ihr Zimmer zurückzog, da schlüpfte
Betti in den Gartensalon, in welchem ein prächtiger Steinwayflügel stand,
ein Vermächtniß ihres Vaters, ein gar lieber Genosse ihrer Einsamkeit und
eine reiche Quelle glücklicher Augenblicke.
Bald hatte sie auf dem nebenan gerückten Notenschränkchen das Gesuchte
-- das von ihrem Vater componirte Liederheft -- gefunden und wenige
Augenblicke später klang ihre frische, klare Stimme in lieblichen
Tonwellen hinaus in den stillen Frieden des von den goldenen Strahlen der
sinkenden Sonne durchglühten Alpenthales.
Es war Lenau's »Wunsch«, den sie gewählt hatte, eines jener Lieder,
die, wie dem Programme entnommen, der fremde Sänger in dem am verflossenen
Abend in der eine Wegstunde entfernten Stadt gegebenen Concerte zum
Vortrage gebracht, und welche zu hören, ein unglücklicher Zufall sie
verhindert hatte. Sie sang:
»Fort möcht ich reisen weit, weit in die See,
O meine Geliebte mit Dir allein!
Die Dränger und Lauscher und kalten Störer,
Sie hielt uns ferne der wallende Abgrund,
Das drohende Meer,
Wir wären so sicher und selig allein!
Und käme der Sturm,
Ich würde Dich halten an meiner Brust.
Wenn donnernde Wogen zum Himmel schlügen,
Doch höher schlüge mein trunkenes Herz;
Und meine Liebe, die ewige, starke,
Sie würde frohlockend Dich halten im Sturm.
Du würdest zitternd mir blicken ins Auge
Und würdest erblicken, was nimmer scheitert in allen Stürmen
Und würdest lächeln und nicht mehr zittern.
Sieh', nun ermüdet der tobende Aufruhr,
In Schlummer sinken die Wellen und Winde,
Und über den Wassern ist tiefe Stille.
Da ruhst Du sinnend an meiner Brust.
So tiefe Stille: mein lauschendes Herz
Hört Antwort pochen Dein lauschendes Herz.
Wir sind allein, doch flüsterst Du leise,
Um nicht zu stören das sinnende Meer,
Nur sanft erzittern die Lippen Dir,
Die schwellenden Blätter der süßen Rose;
Ich sauge Dein Wort,
Den klingenden Duft der süßen Rose.
Im Osten hebt sich der klare Mond.
Und Gott bedecket den Himmel mit Sternen,
Und ich bedecke, selig wie er,
Dein liebes Antlitz, den schöneren Himmel,
Mit feurigen Küssen.«
Ein jäher Schrecken ließ sie aber verstummen, als bei dem Verse: »Dein
liebes Antlitz, den schöneren Himmel --« eine klangvolle Baritonstimme in
die Melodie einfiel und das Lied zu Ende sang, schöner, herrlicher als sie
es je gehört.
Und aufblickend sah sie hinter der vom Salon auf die mit dem Garten durch
eine Freitreppe verbundene Terrasse führenden und jetzt offen stehenden
Glasthür die Gestalt eines schlanken jungen Mannes auftauchen, der den
Hut ziehend, vom Thürstock wie vom Rahmen eines Bildes umfaßt, auf der
Schwelle stehen blieb.
Erst nachdem er das Lied vollendet und sich noch einige Secunden an
der grenzenlosen Verblüffung Betti's, die, gleichsam erstarrt, auf ihn
schaute, mit lächelnder Miene geweidet hatte, verbeugte er sich tief vor
dem jungen Mädchen. Und ohne näher zu treten, sprach er:
»Verzeihen Sie dem Eindringling, mein Name ist Oswald Reichel. Zufällig
erfuhr ich, daß die Schwester und die Tochter meines verehrten Meisters
hier wohnen, und da wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen,
sie aufzusuchen.«
Betti hatte unterdessen Zeit gefunden, sich zu fassen. Sie erhob sich und
trat dem Fremden grüßend entgegen.
»Fräulein Betti? -- ich irre wohl nicht?« frug dieser zögernd. »Sie
erinnern sich meiner wohl kaum mehr? Zu viele Schüler Ihres Vaters gingen
in Ihrem Hause ein und aus. Und Sie waren ein so kleines Mädchen, als ich
Sie zuletzt gesehen.« Dabei machte er mit der Hand ein Zeichen, welches
bedeutete, daß sie ihm damals etwa bis zum Ellbogen reichte.
Betti lachte. Als der Künstler aber ihr seine Hand zum Gruße reichte und,
als sie in dieselbe einschlug, als er die ihrige an seine Lippen führte,
erröthete sie tief. An derartige Huldigungen war sie noch nicht gewöhnt.
Sie stotterte etwas von ihrer Tante, und daß sie dieselbe von seinem
Besuche benachrichtigen müsse, und im nächsten Augenblicke war sie zur
Thür hinausgehuscht.
»Ein allerliebstes Backfischchen!« murmelte der junge Mann lächelnd.
»Noch etwas grün, aber doch ganz reizend.«
Dann blickte er sich im Zimmer um, hielt von der Terrasse aus rasche
Umschau über den Garten und, noch immer allein, setzte er sich an den
Flügel und begann zu präludiren.
Betti war mittlerweile zu ihrer Tante hinaufgeeilt, diese kam ihr schon
entgegen.
»Wer hat unten gesungen?« rief sie ihr von weitem zu.
»Denke nur, Tantchen, er ist gekommen!« rief Betti athemlos.
»Ja, wer denn?«
»Er, Oswald Reichel!«
Die Tante warf den Kopf zurück: »Welche Aufdringlichkeit!« murmelte sie
ärgerlich. »Und so spät am Abend bei Fremden einen Besuch abstatten.
Nun, hoffentlich bleibt er nicht lange.« Dann aber fügte sie nachdenklich
hinzu: »Da er aber nun schon da ist -- und weil er ein Schüler meines
seligen Bruders, so werden wir ihn wohl zum Abendessen bitten müssen.
Sieh' einmal rasch in der Küche nach. Anna soll etwas Schinken
aufschneiden. Mit dem Uebrigen wird es reichen. Ich will einstweilen in den
Salon gehen, den Herrn zu begrüßen.«
Betti that, wie ihr geheißen, und als sie zehn Minuten später in das
Gartenzimmer trat, fand sie die Tante mit dem fremden jungen Mann bereits
in ein ganz heiteres Gespräch vertieft. Vor seinem jovialen, unbefangen
herzlichen Tone vermochte ihre anfänglich etwas steife Zurückhaltung
nicht Stand zu halten. Er wußte tausend schnurrige Anekdoten aus
Künstlerkreisen zu erzählen, welche die alte Dame bis zu Thränen
lachen machten, und sprach mit einer das Herz der Schwester aufs tiefste
rührenden Verehrung von ihrem Bruder, seinem Meister, dem er all sein
Können und -- so ihm solche beschieden seien -- alle weiteren Erfolge zu
danken haben würde. Ihre völlige Sympathie aber gewann er sich, als
er eine begeisterte Lobeshymne über die stille Zurückgezogenheit ihres
Landlebens anstimmte und erklärte, daß er sich nichts besseres wünsche,
als nach einer Reihe von Jahren seine Laufbahn in einem selbsterbauten,
traulichen Nestchen fern von dem lauten Treiben der Welt, beschließen zu
dürfen.
Betti fühlte sich durch die sprudelnde Unterhaltung des jungen Mannes in
die glückliche, frohe Zeit ihrer Kindheit zurückversetzt. Ihr war es,
als hörte sie den Wellenschlag eines mächtigen Stromes neben sich
aufrauschen, in den es sie sehnsuchtsvoll zog sich hineinzustürzen,
um, mit kraftvollem Arm seine Wogen durchschneidend, einem fernen,
glückverheißenden Ziele entgegenzuschwimmen. Aber in stille Seligkeit
versank sie, als der Künstler, ohne erst eine an ihn gestellte Bitte
abzuwarten, sich nach dem Abendessen vom Tische erhob, und an dem noch
geöffneten Piano Platz nehmend, die ihr theueren Lieder ihres Vaters
vortrug. Eine Empfindung süßester Weltentrücktheit überkam sie. Unter
dem gewaltigen Eindrucke, den die Musik auf begeisterungsfähige Gemüther
zu üben so geeignet ist, fühlte sie ihre Seele gleichsam hinschmelzen
in einem Meere wonnevollen, schönheitstrunkenen Entzückens. Und fast
schmerzhaft berührte es sie, als der Sänger, dem als Priester höchster
Kunstoffenbarung solch zaubermächtige Gewalt über ihr ganzes Wesen
gegeben war, sich plötzlich von seinem Sitze am Clavier erhob und, in
seinem gewöhnlichen, fast etwas burschikosen Tone die Bemerkung machte,
daß er seinen Besuch wohl über Gebühr ausgedehnt habe und die Damen nun
nicht länger belästigen dürfe.
Tante Cölestine hielt ihn nicht zurück, von beiden Seiten wurde ein
herzlicher Abschied genommen, und nachdem Reichel die wiederholten
lebhaften Dankesversicherungen für den bereiteten Kunstgenuß, wie er sich
lachend ausdrückte, »dankend quittirt« hatte, empfahl er sich nochmals
und verließ das Haus.
»Es ist in der That spät geworden,« sagte die Tante, nach seinem
Weggehen auf die Uhr blickend. »Es ist Schlafenszeit.« Und dann zu Betti:
»Ich will einstweilen vorausgehen, kommst Du bald nach?«
»Ja, Tante, ich komme gleich,« sagte Betti träumerisch, während sie
sich mit der Ordnung der zerstreut umherliegenden Notenhefte zu thun
machte. Dann aber, als Cölestine weggegangen war, trat sie über die
Terrasse ins Freie. Es war ihr jetzt unmöglich, zur Ruhe zu gehen. Alles
wogte, gährte, fieberte in ihrer Seele. Im Frieden der Natur wollte sie
erst Frieden suchen für ihr eigenes stürmendes Herz.
Eine wunderbare Nacht lag über der schlummernden Erde. Die Sterne
flimmerten und glänzten, als lächelten sie verständnißvoll zu ihr
hernieder. Leises Rauschen ging durch das welkende Laub der Bäume;
einzelne Blätter lösten sich und fielen knisternd zu Boden. Ueber einer
der bewaldeten Bergeskuppen lag heller Schein. Und jetzt, plötzlich, mit
einem Rucke, hob sich der Stand des Mondes über der Kante des Berges und
übergoß, höher und höher steigend, die ganze Landschaft mit seinem
milchweißen Lichte.
Ein leiser Schrei entfuhr Betti's Lippen. Denn als sie, um eine Baumgruppe
biegend, den Weg zur Ausgangsthür des Gartens weiter schritt, sah sie
plötzlich Reichel vor sich stehen. Sie wollte nach dem Hause zurück. Doch
schon hatte er sie bemerkt.
»Welch eine herrliche Nacht! Welch wunderbares Bild!« rief er. Und dann
dicht an sie herantretend, klang es im süßesten, sanftesten =sotto voce=
von seinen Lippen:
»Im Osten hebt sich der klare Mond,
Und Gott bedecket den Himmel mit Sternen.
Und ich bedecke, selig wie er,
Dein liebes Antlitz, den schöneren Himmel,
Mit feurigen Küssen!«
Und nun breitete er seine Arme aus, umfaßte sie und bedeckte ihr Antlitz
mit Küssen, ihre Augen, ihre Stirn, ihren Mund.
Sie sträubte sich nicht. Sie schloß die Augen und athmete schwer. Ein
Sturm zog durch ihre Seele, halb Schmerz, halb Seligkeit, und ihr war es,
als müsse sie vergehen unter seinen Küssen.
Plötzlich klirrte ein Fenster.
»Betti, so komme doch, es ist schon spät!« ließ sich der Tante Ruf
vernehmen.
Da riß sie sich los und floh ins Haus.
Der Mond lächelte in ihr Zimmer und sah, daß sie die ganze Nacht ihr
Auge nicht im Schlummer schloß. Er sah, wie sie ihr Angesicht zwischen den
Händen verhüllte und weinte -- bitterlich. Stirn, Augen, Mund, die
der fremde, junge Mann geküßt, brannten ihr vor Scham. Einen schweren
Fehltritt glaubte sie begangen zu haben, der sich nie, niemals wieder
tilgen ließ, der sie für immer aus der Reihe der guten und reinen
Menschen schied.
Gegen Morgen erhob sich ein heftiger Nordweststurm, massige schwarzgraue
Wolken vor sich herschiebend. In dichter Menge schüttelte er die Blätter
von den Bäumen, hier in wirren Knäueln sie durcheinander wirbelnd, dort
zu kleinen Hügeln zusammenfegend.
Betti verließ früh ihr schlummerloses Lager. Sie ging in den Garten und
ließ es willig geschehen, daß der Wind ihr Haar zerzauste und einzelne
schwere Regentropfen in ihr Antlitz warf. Der lange, todte Winter,
der seine Vorboten in Sturm und Regen vorausschickte, paßte für ihre
Stimmung. In ihrem Inneren sah es auch so aus. Sie fühlte sich müde, und
ihr war es, als sei etwas erstorben in ihrem Herzen.
Freilich wußte sie, daß der Frühling wiederkommen und alles zu neuem
Leben und zu neuer Blüthe erwecken werde, was jetzt in Scheintodt erstarb.
Noch aber ahnte sie es nicht, daß der Frühling ihrer Seele nicht geknickt
war, daß auch ihre Jugend wieder erwachen würde -- froh und kraftvoll.
Franzi's Weihnacht.
Trübe, schläfrige Stille ringsum im breiten Thale, öde, braune Felder,
auf welchen das kurze, gelbe, vom Froste der vergangenen Nächte geknickte
Gras sich lebensmüde zum Winterschlafe hinstreckt, kahle Bäume, die, um
ihr grünes Laubgewand klagend, ihre nackten Arme zum Himmel emporrecken,
der sich grau und kalt über die Erde spannt, mit seinem Rande auf die
Kuppen der das Thal in weitem Bogen umfassenden Berge sich stützend, die
in einen weichen, weißen Schneemantel gehüllt, von ihren schroffen Höhen
bleich und ernst herabblicken.
Die schläfrige Wintersonne vermag mit ihren matten Strahlen das
schmutziggraue Wolkengehänge nicht zu durchbrechen, nur ein etwas heller
Fleck zeigt den Punkt an, wo sie verborgen steckt.
Auf der schnurgeraden Moosstraße, die von Salzburg zu dem südlich von
der Stadt etwa eine und eine halbe Wegstunde entfernt liegenden 1957
Meter hohen Untersberg führt, schreitet wacker ausgreifend eine kleine
Gesellschaft fürbaß: zwei Männer, eine Frau und zwei Kinder.
»Ich mein', wir kriegen bald wieder Schnee, aber vielleicht wird es
noch aushalten, bis wir droben sind,« sagte der eine der Männer, einen
besorgten Blick nach dem Westen werfend, dorthin, wo die bayerische
Ebene an das österreichische Gebiet grenzt und für die Salzburger alle,
schlechtes Wetter oder Sturm bringende Wolken heraufziehen.
Der Andere zuckt die Achseln.
»Ja, da laßt sich nichts machen,« antwortete er. »Hinauf müssen wir.
Mehr als fußhoch liegt schon jetzt der Schnee auf dem Berge, und gestern,
wie ich herunter bin, hab' in den Weg frei gemacht, so gut ich können
hab'. Wenn es aber noch einmal schneit, dann bringen wir die da nimmer
hinauf.«
Die, von welchen der Mann spricht, das sind sein Weib und seine Kinder.
Keine leichte Arbeit ist es fürwahr, die den guten Leuten zu vollbringen
obliegt. Tüchtige Kräfte brauchen unter günstigen Verhältnissen fünf
Stunden zum Aufstieg vom Fuße des Berges bis zu dem nahe am »Geiereck«
gelegenen Schutzhause. Der Weg ist steil und beschwerlich und jetzt mit
frischem, weichem Schnee bedeckt, die Kinder sind noch klein. Franzi, der
Bube, ist noch nicht acht und das Mädchen gar erst drei Jahre alt, und die
Mutter eine kränkliche Frau und des Bergsteigens ungewohnt. Aber der Vater
hat recht, auf den Berg hinauf müssen sie; damit wird dem Elende ein Ende
gemacht, aus dem sie jahrelang vergeblich herauszukommen ringen und das
nun schon so groß geworden, daß sie die rückständigen drei Gulden
Monatsmiethzins für ihr armseliges Dachzimmer im Dorfe Max-Glan nicht
aufzubringen vermochten und von dem Jammer bedroht waren, bei der
nächstfälligen Rate obdachlos zu werden. Denn Vincenz Reitmeier ist
ein armer Taglöhner und nun schon geraume Zeit, trotz seiner eifrigsten
Bemühungen, Arbeit zu finden, ohne Erwerb. Das bißchen Ersparte und der
geringe Erlös für ein paar verkaufte Kleider und Möbelstücke war bald
aufgezehrt, um Brot und Kartoffel zu kaufen, und Karl, der Bruder der Frau,
ein armer Tagwerker wie sein Schwager, konnte auch nicht Rath und Hilfe
schaffen.
Da traf es sich, daß der österreichische Alpenverein im Spätherbst einen
Hüter des von ihm kürzlich erbauten Untersberger Schutzhauses suchte,
welcher für die Obliegenheit, den Winter über das Häuschen zu bewohnen
und gewisse meteorologische Beobachtungen anzustellen, über welche er
in bestimmten Zeiträumen im Comptoir der Salzburger Section des Vereines
Bericht zu erstatten hat, zweihundert Gulden Bezahlung erhält. Vincenz
hörte davon und dachte, wenn er diese Stelle annähme, so wäre ihm
geholfen. Mit den zweihundert Gulden läßt sich während des ganzen
Winters sein und seiner Familie Lebensunterhalt bestreiten, und im
Frühjahr findet sich wohl leichter wieder Arbeit.
Mancher seiner Freunde redete ihm zwar davon ab, sich um den Posten zu
bewerben; zu schlimme Dinge hatte der Mann, der im verflossenen Winter
mit Weib und Kind da oben gehaust, von seinem Aufenthalte erzählt, und um
keinen Preis würde er eine Wiederholung desselben auf sich nehmen. Hungern
und frieren mußten sie, daß es eine Art hatte. Selbst im Anfange, als sie
noch Holz zur Feuerung hatten, brachten sie die Temperatur ihrer Stube
oft nicht höher als auf drei Grad Reaumur Wärme. Und dann, als das Holz
ausgegangen war und die dichte tiefe Schneedecke nur mit Mühe und Noth ein
bißchen Reisig zusammenzubringen ermöglichte, da ward es natürlich noch
ärger. Um nichts besser ging es mit der Beschaffung von Lebensmitteln.
Freilich hatte er sich vor Eintritt starken Schneefalles mit Proviant
versorgt, den er auf dem Rücken eines Esels auf die Höhe des Berges
beförderte. Aber die Vorräthe an Lebensmitteln gingen schneller als
gedacht zur Neige, und als so tiefer, lockerer Schnee auf dem Berge lag,
daß es unmöglich war, den Abstieg zu unternehmen, konnten sie, wochenlang
auf die geringen Reste des vorhandenen Vorrathes angewiesen, sich keinen
Tag satt essen.
Als aber Vorstellungen härtester Beschwerlichkeiten nichts nützten, weil
Vincenz meinte, man könne denselben durch eine praktische Vorsorge wohl
vorbeugen, da hielt man ihm auch die von anderer Seite her drohenden
Gefahren vor Augen. Man erinnerte ihn, daß das Untersberger Schutzhaus
den vielen Wilderern und Schmugglern -- denn die bayerisch-österreichische
Grenze zieht sich über diesen Berg -- ein Dorn im Auge und von denselben
in früherer Zeit schon wiederholt durch Feuer vernichtet worden sei. Auch
wäre er da oben wohl seines Lebens nicht sicher, sei es doch erst vor
wenigen Jahren geschehen, daß der Wächter des Unterstandshauses auf dem
Mallnitzer Tauern ermordet worden.
Aber auch diese Bedenken verfingen nicht.
Auf dem Tauern, meinte Vincenz, könne so etwas wohl vorkommen; diesen
Gebirgssattel passirten allerlei herumziehende Vagabunden, die im
Unterstandshause Nachtquartier nehmen. Den Untersberg werde aber keiner
solcher Strolche eigens zu dem Zwecke besteigen, um an einem armen Teufel,
wie er es sei, der selbst kaum genug zum Leben habe, einen Raubmord zu
verüben. Und kurz und gut: er fürchte sich nicht und sein Weib auch
nicht. So ward es von ihnen beschlossen, daß Vincenz sich bei der
Salzburger Alpenvereinssection zur Uebernahme des vacanten Wächterpostens
melden sollte. Er that es und bekam die Stelle. Da fiel es ihm nun aber
ein, daß es wohl gut wäre, wenn er dieselbe nicht wie sein Vorgänger
im verflossenen Winter, bei beginnendem Frühling einem Anderen abtreten
müsse, sondern sie auch den Sommer über behalten dürfe, wo die
Verpflegung der den Berg besteigenden Touristen und Jagdfreunde einen
kleinen Verdienst einbrächte. Auch wäre es für den Winter allein wohl
kaum der Mühe werth, die mühevolle und beschwerliche Uebersiedlung mit
Weib und Kind zu unternehmen. Er suchte daher um Verlängerung seines
Engagements bis zum Herbste nach. Da für den Sommer aber ein Anderer,
derselbe, der die Stelle in der letzten Saison innegehabt und mit dem man
keine Ursache hatte, unzufrieden zu sein, in Aussicht genommen war, so zog
sich die Unterhandlung mit Vincenz in die Länge, und als die Entscheidung
endlich zu seinen Gunsten getroffen wurde, war unterdessen der Winter
eingebrochen und der erste Schnee gefallen.
Doch wohlgemuth begab Vincenz sich an die mühselige Arbeit, in
wiederholten anstrengenden Märschen den nöthigen Proviant auf seinen
Schultern auf den Berg zu schaffen, und zuversichtlichen und freudigen
Herzens machte die Familie sich auf den Weg nach der von stolzer Höhe
herabblickenden neuen Behausung, die ihnen eine, wenn auch wahrlich nicht
minder beschwerliche, so doch dem bittersten Elend enthobene Existenz
versprach.
Das kleinste der Kinder, das nur wenige Monate zählte, war in Pflege
gegeben worden, die beiden größeren wurden mitgenommen.
Es war ein unfreundlicher, trüber Tag um die Mitte December, und als sie
bei dem am Fuße des Berges liegenden Gasthause »zur Rositte« anlangten,
wo der Fußsteig in den herrlichen Nadelwald einbiegt, fing es bereits zu
schneien an, und das kleine Mädchen weinte vor Müdigkeit und Kälte.
Man mußte sich entschließen, es den Wirthsleuten in Obhut zu geben; am
folgenden Tage wollte der Vater es abholen. Die Anderen setzten ihren Weg
fort. Langsam, aber gleichmäßig ausschreitend, ging es den steilen,
von Baumwurzeln durchzogenen, mit gelbem Laub und dürren Kiefer- und
Fichtennadeln bedeckten, schmalen Fußpfad empor.
»Mutter,« sagte der Knabe, zu den schlanken Tannen aufblickend, »das
sind ja lauter Lichterbäume -- aber ohne Lichter.«
Vor wenigen Jahren war Franzi von einer Familie, die am Wohlthun ihre
Freude hatte, zum Weihnachtsfest zugezogen worden. Und mehr noch als die
Geschenke, mit welchen er dabei überrascht wurde, hatte der hohe, vom
Boden bis zur Zimmerdecke ragende, in glänzendem, glitzerndem Schmucke und
zahllosen Lichtern strahlende Christbaum auf das staunende Kinderherz
einen tiefen und unauslöschlichen Eindruck geübt. Jeder Tannen- und
Fichtenbaum, den er seither erblickte, rief ihm jene unvergeßlich schöne
Erinnerung wach. Und heute, als sie sich auf die Wanderung begaben,
hatte der Vater ihm versprochen, daß er am Christabend einen ebensolchen
»Lichterbaum« bekommen würde, wenn er sich auf dem weiten Wege auf den
Berg hinauf brav halte und die Mutter nicht durch Weinen ängstige. Und
diese, sein Gemüth erfüllende frohe Hoffnung flößte ihm Muth und Kraft
ein und tapfer trabte er mit seinen kleinen Beinen an der Hand seines
Vaters den steilen Weg hinan.
So lange der Pfad durch den Wald führte, wo die gedrängt stehenden Bäume
den stets dichter herabwirbelnden Schnee zum Theile abhielten, auch
der Boden noch ziemlich schneefrei war, ging der Aufstieg noch
verhältnißmäßig gut von Statten.