Was ich geschaut.
Novellen
von
Irma von Troll-Borostyání.
[Illustration]
Wien. Pest. Leipzig.
A. Hartleben's Verlag.
Alle Rechte vorbehalten.
K. u. k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien.
Inhaltsverzeichniß.
Seite
Erlöst! 3
Justus 16
Fallendes Laub 30
Franzi's Weihnacht 44
Der Weg zum Herzen 55
Weder Glück noch Stern 65
Der Unwiderstehliche 75
Schwer geprüft 107
»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht« 124
Der kleine Geiger 132
Die Harfenspielerin 140
Sein Bild 151
Erlöst!
Mit dem Versprechen, am anderen Tage wiederzukommen, hatte sich der Arzt
verabschiedet und Gabriele blieb allein am Bette ihres kranken Kindes. Es
lag in heftigem Fieber; auf den lieblich gerundeten, vollen Wangen brannten
hochrothe Flecken und die sonst so fröhlichen, dunkelblauen Augen blickten
schmerzlich und wie hilfesuchend auf das kummervolle Antlitz der Mutter,
die sich zwang, es freundlich anzulächeln.
Der kleine Erich war während der fünf Jahre seines Daseins niemals krank
gewesen. Vor wenigen Tagen zeigte er eines Morgens Mattigkeit und Unlust,
seinen gewohnten Spielen zu obliegen. Dann klagte er über Schmerzen im
Kopfe und in der rechten Seite der Brust beim Athemholen. Fiebersymptome
traten auf; er wurde zu Bett gebracht, und der herbeigerufene Arzt
konnte es den Eltern nicht verhehlen, daß der Fall -- eine hochgradige
Entzündung des rechten Lungenflügels -- ein sehr bedenklicher sei.
Jetzt saß die Mutter am kleinen Bettchen des Knaben und streichelte hin
und wieder mit weicher Hand über seinen blonden Lockenkopf, den er
unruhig auf den Kissen hin und her wälzte. Mit ängstlicher Aufmerksamkeit
beobachtete sie die kurzen, raschen Athemzüge, den fliegenden Puls
des Kindes und verfolgte zugleich den vorrückenden Zeiger an der
gegenüberhängenden Wanduhr, um den rechten Augenblick nicht zu
versäumen, ihm, der ärztlichen Vorschrift gemäß, viertelstündlich die
Arznei zu verabreichen.
Wie ein dumpfes Brausen drang der Lärm des großstädtischen Lebens und
Treibens durch die geschlossenen Doppelfenster des Krankenzimmers. Die
Vorhänge waren zugezogen, und die mit einem grünen Papierschirm bedeckte
Lampe verbreitete eine milde Helle in dem weiten Gemache.
Draußen lag noch das graue Licht der schwindenden Abenddämmerung über
den Straßen. Es war ein unfreundlicher Märztag, und ein rauher Nordost
wirbelte einen trockenen, hustenreizenden Staub auf. Die Damen, die sich
in leichten Frühlingstoiletten herausgewagt hatten, bedauerten es lebhaft,
ihre warmen, winterlichen Umhüllungen zu Hause gelassen zu haben.
Ein elegant gekleideter, noch junger Mann schritt quer über die Straße
dem Hause zu, in welchem der kranke Knabe lag. Es war Otto von Brauneck,
der Vater des Kindes. Nachdem er an der Eingangsthür geschellt und der
Diener ihm geöffnet hatte, trat er durch das Vorzimmer in den Salon, um in
sein neben demselben gelegenes Arbeitszimmer zu gelangen.
»Was ist das? -- Sind noch keine Vorbereitungen getroffen?« fragte er den
Diener, indem er an der Schwelle stehen blieb und einen überraschten Blick
durch den unerleuchteten Raum schickte. »In längstens einer Stunde werden
die Gäste eintreffen, und es ist nichts in Ordnung gebracht. Sollte meine
Frau keine Anordnungen getroffen haben?«
»Die gnädige Frau meinte, der Empfang würde heute nicht stattfinden,«
erklärte der Diener.
»Und warum nicht?«
»Ich glaube -- des Kranken wegen.«
»Ach, das Kind wird in seiner Ruhe nicht gestört werden. Schlagen Sie
den Spieltisch in meinem Zimmer auf, statt im Salon, und besorgen Sie rasch
alles nöthige. Kaltes Buffet -- einige Flaschen Bordeaux aus dem Keller --
hier, nehmen Sie!«
Mit diesen Worten reichte Brauneck dem Diener eine Banknote und schritt in
sein Zimmer. Nachdem der Diener die Kerzen angezündet und sich entfernt
hatte, schloß Brauneck seinen Schreibtisch auf, entnahm demselben ein
Spiel Karten, prüfte sie und steckte sie zu sich. Einige Minuten später
trat er in das Zimmer seines Sohnes.
Gabriele hob den Kopf empor und warf einen traurigen Blick auf ihren
Gatten, der sich mit langsamen und auf dem schweren Teppich geräuschlosen
Schritten näherte.
»Wie geht es dem Kleinen?« fragte er leise, indem er seine Frau mit
leichtem Kopfnicken begrüßte.
»Um nichts besser,« erwiderte Gabriele noch leiser. »Das Fieber steigert
sich.«
»War der Doctor hier?«
Flüsternd wiederholte sie die Weisungen des Arztes. »Im Laufe der
Nacht,« so hatte er sich geäußert, »würde die Krisis eintreten.
Sollte das Fieber nach Mitternacht noch stärker werden, so möge man ihn
unbedingt nochmals holen lassen.«
»Rege Dich nicht so auf,« sagte Brauneck, als er bemerkte, wie ihre Augen
sich mit Thränen füllten. »Erich ist ein kräftiger Junge; es liegt kein
Grund zu so großer Sorge vor.«
Gabriele antwortete nicht. Der Knabe aber, der die flüsternden Stimmen
gehört, schlug die Augen auf.
Ein Ausdruck von Freude glitt über sein Gesichtchen.
»Ach, Papa, bist Du endlich gekommen,« sagte er. »Ich fürchtete schon,
Du kämest nicht mehr.«
Der Vater beugte sich zu dem Kinde herab und drückte einen Kuß auf seine
brennende Stirn.
»Warum hätte ich denn nicht kommen sollen?« erwiderte er lächelnd.
»Freilich bin ich gekommen und habe Dir auch etwas mitgebracht. Einen
wunderschönen Wald und allerlei Gethier darin. Bären, Wölfe, Füchse.
Wenn Du wieder gesund bist, dann gehen wir miteinander auf die Jagd.«
»Ja, dann spielen wir Jagd miteinander,« bekräftigte der Kleine. »Mama,
Du und ich, alle Drei. Ich bin der Jäger, Du und Mama, Ihr müßt das Wild
vor mir zu verstecken suchen.«
»Du wirst aber alle Thiere todtschießen, und am anderen Tage werden sie
trotzdem wieder lebendig sein, damit Du sie wieder erschießen kannst,«
ergänzte Brauneck.
Erich lachte, aber ein heftiger Hustenanfall unterbrach seine Heiterkeit,
und die hübschen Züge seines Gesichtchens verzogen sich schmerzhaft.
»Jetzt aber mußt Du still liegen, mein Kind, nicht sprechen,« fuhr
Brauneck fort, als der Anfall vorüber war. »Sonst wirst Du nicht gesund,
und wir können nicht zusammen Wild und Jäger spielen.«
Der Knabe war erschöpft in die Kissen zurückgesunken und schloß die
Augen. Gabriele träufelte ihm einen Löffel voll Medicin zwischen die
trockenen, heißen Lippen; dann saßen die beiden Gatten eine Weile
schweigend an seinem Lager. Da schlug die Uhr acht, und Brauneck schnellte
von seinem Sitze empor.
»Ich gehe, meine Gäste zu empfangen,« flüsterte er, zu Gabriele
geneigt. »Wir werden heute unser Spielchen in meinem Zimmer abhalten, und
ich will den Herren beim Kommen und Gehen die größtmögliche Behutsamkeit
anempfehlen, damit Erich nicht beunruhigt werde.«
Gabriele schaute auf und der Ausdruck peinlichen Staunens malte sich in
ihren Gesichtszügen.
»Wie?« sagte sie, »Du hast Deinen Herren nicht abgesagt? Du findest ein
Vergnügen daran, Dich dem Kartenspiele zu widmen, während Dein Kind hier
schwer krank liegt?«
Brauneck zuckte die Achseln.
»Liebe Gabriele, Du hast eine pessimistische Neigung, das Leben furchtbar
tragisch aufzufassen.«
Ein halbunterdrückter Seufzer entrang sich Gabrielens Lippen.
»Es wäre vielleicht viel besser gewesen, für heute eine Absage ergehen
zu lassen,« fuhr Brauneck fort. »Aber ich gestehe es, ich habe vergessen,
es rechtzeitig zu thun. Und jetzt Abends wäre es hierzu doch jedenfalls
zu spät gewesen. So bleibt mir nichts übrig, als die Herren zu empfangen.
Aber, wie gesagt, ich werde dafür Sorge tragen, daß der kleine Patient in
seinem Schlummer nicht gestört werde.«
Gabriele erhob und entfernte sich einige Schritte vom Bette des Knaben. Sie
wollte nicht, daß er ihre Worte zu hören vermöchte. Brauneck folgte ihr.
»Ein schwerer Krankheitsfall in der Familie,« antwortete sie, »gäbe
Dir wohl einen hinreichenden Rechtfertigungsgrund, Deine Einladung noch in
letzter Stunde zurückzuziehen. Selbst jetzt noch müßten Deine Freunde
Deine Entschuldigung annehmen. Ich bitte Dich, Otto, thu' es doch, schicke
sie fort, bleibe bei Deinem Kinde. Wenn Du es mir zuliebe nicht thun
willst, so thu' es Erich zuliebe. Er schläft nicht; er frägt immer nach
Dir. Biete ihm die Erleichterung in seinem Leiden, daß er Dich bei sich
sieht, wenn er die Augen aufschlägt und nach Dir verlangt.«
Brauneck machte eine Bewegung.
»Aber liebe Gabriele,« sagte er mit schlecht verhehlter Ungeduld, »das
geht doch nicht an, daß ich die Gäste, die ich geladen, nun, da sie
kommen, wieder gehen heiße, weil mein kleiner Sohn krank liegt. Solche
Sentimentalität würde man allenfalls der Frau, der Mutter zugute halten,
aber einem Manne nicht.«
Vom Bette her tönte ein leises Stöhnen.
Gabriele faltete die Hände und streckte sie bittend dem Gatten entgegen.
Er aber schüttelte verneinend den Kopf.
»Otto, bleibe bei uns, bleibe bei Deinem Kinde! Ich bitte Dich!«
»Aber ich gehe ja nicht fort! Ich verlasse doch weder das Haus, noch
selbst die Wohnung.«
»Bleibe hier, bei Erich!«
»Das kann ich nicht.«
»Und was soll ich dem Kinde sagen, wenn es nach seinem Vater frägt?«
»Sag' ihm, was Du willst!«
Gabriele zuckte zusammen; dann richtete sie sich hoch auf.
»So geh' denn! Geh' zu Deinen Genossen, geh' dem entsetzlichen --
Vergnügen nach, das Du nicht entbehren kannst! So mächtig hat der Dämon
des Spieles Deine Seele umstrickt, daß Du ihm Dein Vermögen zum Opfer
brachtest, das Du Deinem Sohne hättest erhalten sollen. Jetzt siehst
Du Deines Kindes Leben selbst bedroht -- doch auch das hält Dich nicht
zurück. Für Dein Weib und Dein Kind ist Dein Herz erkaltet; nur die
Flamme jener unseligen Leidenschaft verzehrt es.«
Fast unhörbar leise hatte Gabriele diese Worte hervorgestoßen, aber Otto
war keines entgangen. Er erbleichte. Einen Augenblick lang begegneten
sich die Blicke der beiden Gatten. Dann senkte Otto den Kopf, wendete sich
langsam um und verließ geräuschlos das Zimmer.
Einige Minuten blieb Gabriele regungslos stehen und starrte auf die Thür,
durch welche er sich entfernt hatte. Dann wandte auch sie sich um und
kehrte an Erich's Lager zurück.
Nach einer Weile schlug der Knabe die Augen auf. Ein heißer Tropfen war
ihm auf die Stirn gefallen.
»Mama,« sagte er und streichelte mit seinem Händchen über ihre Hand,
die auf seinem Bette ruhte. »Weine nicht, Mama, mir thut nichts mehr weh,
gewiß nicht. Weine nur nicht, Mama, liebe Mama!«
Erich log. Er log, um seiner geliebten Mutter, die er traurig sah, zu
verheimlichen, daß er litt. Der Glückliche wußte noch nicht, daß es
einen Kummer giebt, heißer, bitterer, trostloser, als selbst der eines
Mutterherzens am Schmerzenslager des Kindes: Der Kummer um eine verlorene
Seele, die uns theuer ist --
Brauneck war in sein Zimmer gegangen, hatte aber noch keinen seiner Gäste
vorgefunden. Er athmete erleichtert auf, als er sich allein sah. Aber
was nützte es ihm? In wenigen Minuten mußten sie ja doch kommen, und er
mußte zu den Karten greifen. Zu den Karten, die -- er wußte es wohl --
den Fluch seines Lebens bildeten, die er wahnwitzig liebte und die er in
diesem Augenblicke zu fürchten und zu hassen vermeinte.
Er seufzte tief auf, warf sich in einen Fauteuil und die Arme auf die
Seitenlehnen gestützt, verbarg er den Kopf in seine Hände.
Die Worte seiner Frau hatten ihn mächtig erschüttert. Sie hatten sein
im Grunde leicht bewegliches und weiches Gemüth im Tiefsten aufgewühlt.
Blitzartig zog das Bild seines eigenen Selbst vor seinem geistigen Auge
vorüber. Nackt und aller beschönigenden Entschuldigungsgründe bar,
schaute er seine Seele im Banne jener furchtbaren Leidenschaft, deren
Sklave er geworden. Ja, Gabriele hatte recht, all seinen Besitz hatte er
dem Dämon Spiel in den Rachen geworfen. Drei große Vermögen hatte er
sich von ihm rauben lassen: sein eigenes, das seiner Mutter, das ihm wenige
Jahre nach seiner Verheiratung zugefallen war, und jenes eines Oheims, den
er vor kurzem beerbt hatte. Die noch übrigen Reste betrugen kaum einige
Tausend Gulden. Er hatte seinen Sohn zum Bettler gespielt. Aber nicht das
allein: Er war noch weit tiefer gesunken, als Gabriele ahnte. Nicht nur das
Laster -- das Verbrechen hatte seine Hände besudelt. Als fast sein ganzes
Capital vergeudet war und er sich am Rande vollständigen Ruines sah,
da war eine entsetzliche Versuchung an ihn herangetreten. Schleichenden
Schrittes erst, in flüchtigen Umrissen, wie ein Phantom. Dann nahm sie
deutlichere Formen an und lockte ihn immer lauter und dringender. Ein
böser Zufall, der ihm einen Genossen zuführte, welcher unentdeckt
und erfolgreich die Bahn des Verbrechens schon betreten hatte, gab den
Ausschlag. Seine letzten schwindenden Skrupel waren besiegt -- und -- er
erlag. --
Das war es, was er, in sein Inneres schauend, gewahrte. Er wußte, daß es
keine Umkehr, keine Rettung für ihn gab.
Ein schmerzliches Stöhnen entrang sich Otto's gequälter Brust. Da
schellte die Klingel an der Eingangsthür; im Vorzimmer wurden Stimmen
laut, und er sprang empor. Seine Gäste trafen ein; jetzt war nicht die
Zeit dazu, sich düsteren Betrachtungen hinzugeben. Wozu auch? Vielleicht
würde endlich das Glück ihm hold, und -- wer weiß, vielleicht ließe
sich, wenn nicht alles, so doch ein Theil des Verlorenen zurückerobern.
Nicht alles Unrecht, was in der Welt geschieht, gelangt zur Enthüllung.
Wie viele Schurken und Verbrecher, schlimmer als er, bleiben unentdeckt und
erfreuen sich ungestört der goldenen Früchte ihrer Gaunerstreiche.
Otto trat den Ankömmlingen grüßend entgegen; bald folgten Andere, und
eine Viertelstunde später saß die Gesellschaft vollzählig beim Spiele.
Drüben aber lehnte Gabriele am Bette des kleinen Erich und sandte aus
gläubiger Seele ein inbrünstiges Gebet zu Gott empor, daß er ihr Kind
vom Tode und ihren Gatten vom Untergange in Laster und Verkommenheit, dem
schlimmeren Tode, erretten möge. --
Die Stunden verrannen. Tiefe Stille herrschte im Zimmer des Kranken.
Otto hatte Wort gehalten; es drang kein Laut herüber von der lustigen
Spielgesellschaft, den Schlummer des Knaben zu stören. Aber Erich schlief
nicht. Wohl hatte der Husten nachgelassen, aber der Athem drang in kurzen,
hastigen Stößen aus der Lunge, und das Fieber steigerte sich stetig.
Einigemale hatte der Kleine nach dem Vater gefragt und Gabriele ihm
geantwortet, daß er zu Hause sei, in seinem Zimmer, ob sie ihn herbeirufen
solle? Erich schüttelte den Kopf. Er glaubte, daß der Vater schlafe und
wollte ihn nicht seinetwegen wecken lassen. Mama weilte bei ihm, er war ja
nicht allein.
Und immer weiter rückten die Zeiger der Wanduhr vor, und Stunde um Stunde
floß in den Schoß der Unendlichkeit. Mit unermüdlicher Pünktlichkeit
reichte Gabriele dem Kinde die Arznei, träufelte einen kühlenden Trank
zwischen die heißen Lippen, lockerte seine Kissen. Von Zeit zu Zeit
durchmaß sie mit leichten, unhörbaren Schritten das Gemach. Eine
qualvolle Unruhe hatte sie erfaßt. Sie wußte und sie fühlte es, daß die
Stunde nahte der Entscheidung über Tod und Leben.
Mitternacht war vorüber. Mit stockendem Herzschlage stand Gabriele über
Erich gebeugt und lauschte. Ihr hatte plötzlich geschienen, als ob die
stoßweisen Athemzüge des Kranken von einem leisen, röchelnden Geräusch
begleitet würden, und eine furchtbare Angst hatte sie an der Kehle
gepackt.
Da machte Erich eine Bewegung und setzte sich im Bette auf. »Mama,« sagte
er mit ungewöhnlich lauter und deutlicher Stimme. »Mama, jetzt hatte ich
einen wunderschönen Traum. Den möchte ich Dir erzählen. Aber Papa soll
ihn auch hören. Bitte, liebe Mama, ruf' ihn ein wenig zu mir.«
»Gleich, mein Kind, ich hole ihn gleich,« erwiderte Gabriele. »Aber wie
fühlst Du Dich? besser?«
»Wie ich mich fühle?« wiederholte der Knabe. »Besser, viel besser. Nur
so sonderbar ist mir zu Muthe, und hier innen -- Erich deutete mit der Hand
auf seine Brust -- hier innen ist mir auf einmal so heiß. Aber das thut
nichts, Mama,« fuhr er fort. »Ich fühle gar keine Schmerzen mehr. Bitte,
gehe Papa zu holen, damit ich ihm auch meinen schönen Traum erzählen
kann.«
Gabriele nickte und verließ das Zimmer. Als sie, die Reihe der Gemächer
durchschreitend, sich dem Zimmer ihres Gatten näherte, scholl ihr daraus
lautes Stimmengewirre entgegen. Ein heftiger Wortwechsel schien dort
stattzufinden. Einen Augenblick zögerte sie einzutreten. Doch nach kurzer
Ueberlegung ging sie weiter und wurde, als sie die schwere Portière
zurückschlug, welche jenes Gemach vom Salon trennte, Zeugin eines
Auftrittes, der, sie mit tödtlichem Entsetzen erfüllend, ihre Schritte
hemmte. Sie sah Folgendes:
Mehrere der Herren waren von ihren Sitzen aufgesprungen und sprachen wild
und verworren durcheinander. Einer derselben hielt mehrere Karten in der
Hand, die er den anderen Spielern triumphirend vorwies.
»Da seht!« rief er. »Da habt Ihr den Beweis. Die Karten sind markirt!«
Und in der nächsten Secunde schleuderte er die Karten ihrem Gatten ins
Angesicht. »Elender Schurke!«
Otto fuhr vom Stuhle auf. Aschfahle Blässe bedeckte seine Wangen. Seine
Lippen zuckten.
Dumpfes Schweigen lagerte plötzlich über der Gesellschaft.
»Die Pflichten der Höflichkeit als Hausherr verbieten mir, gegen Sie
so vorzugehen, wie ich an jedem anderen Orte vorgehen würde,« stammelte
Brauneck nach einigen Augenblicken. »Nichtsdestoweniger werden Sie« --
gegen den Ankläger gewendet -- »mir für Ihre mir zugefügte Beschimpfung
Genugthuung zu geben haben. Ich werde Ihnen morgen meine Zeugen schicken.«
Ein Hohngelächter beantwortete Brauneck's Worte.
»Mit einem Falschspieler schlägt man sich nicht!«
Und alle Anwesenden erhoben sich von ihren Plätzen.
Gabriele stand noch immer an der Thürschwelle. Ein dunkler Schatten
legte sich ihr über die Augen. Aber sie schrie nicht auf; sie brach nicht
zusammen. Unbemerkt wandte sie sich zurück und ehe die Gäste sich zum
Weggehen gerüstet, erreichte sie das Zimmer ihres Kindes.
Dort sank sie lautlos an Erich's Bettchen nieder.
Der Knabe hatte sich wieder in die Kissen zurückgelegt. Er schien zu
schlummern. Die Fieberröthe war von seinen Wangen gewichen. Nur die
Athemzüge klangen noch immer so kurz und röchelnd.
Jetzt regte er sich und schaute mit weitgeöffneten Augen im Zimmer umher.
»Mama,« sagte er, und ein heiteres Lächeln flog über sein Gesichtchen.
»Mein wunderschöner Traum -- wir waren in einem wunderprächtigen Garten,
eine herrliche Musik tönte von fernher und eine Schaar hübscher Kinder
tanzte mit mir nach ihren Klängen. Du und Papa --«
Erich vollendete den Satz nicht. Ein tiefer, rasselnder Athemzug hob seine
Brust. Dann ging ein plötzliches Zucken durch seine Glieder. Seine Lippen
bebten und bedeckten sich mit blutigem Schaum.
Er war verschieden. Eine Lungenblutung hatte sein junges Leben
dahingerafft.
Gabriele wischte den Schaum von seinem Munde und bedeckte seine Stirn und
Hände mit Küssen. Ein convulsivisches Schluchzen durchschütterte
sie. Aber unter den brennenden Thränen, welche unaufhaltsam ihr Gesicht
überströmten, flüsterte sie:
»Du bist erlöst, mein Kind! Erlöst von der Schmach Deines entehrten
Namens, von dem furchtbaren Geschicke, der Sohn eines Vaters zu sein, den
Du geliebt und den Du verachten müßtest. Erlöst -- erlöst!«
Justus.
Seit meinem Austritte aus dem Institute hatte ich Justus nicht mehr
gesehen. Und als ein guter Freund und ehemaliger Schulcollege mir schrieb,
daß Justus seine Tante beerbt habe und sich in dem von ihr hinterlassenen
Landhause ganz nahe von dem Städtchen, in welchem ich damals wohnte,
niederlassen werde, mußte ich mich erst besinnen. Justus? -- Wer ist
doch Justus? Wo bin ich ihm je begegnet? Allmählich tauchte das Bild des
einstigen Lehrers in meiner Erinnerung auf.
Da stand es wieder vor mir, das hagere Männchen mit dem großen Höcker
auf der linken Schulter. Da stand es an der großen schwarzen Tafel und
zeichnete mit Kreide Figuren und Zahlen, indem es mit unermüdlicher Geduld
selbst die begriffsstützigsten seiner Schüler in die Geheimnisse
der Geometrie und Algebra einzuführen bemüht war. Auf der winzigen,
mißgestalteten Figur saß tief in den Schultern ein mächtiger, prachtvoll
profilirter Kopf mit schwarzem Kraushaar und tiefen, seelenvollen Augen.
Ja, Justus hatte der sanfte Lehrer geheißen, der uns, weil allzu gütig,
nicht zu imponiren vermochte, und uns niemals die wohlverdiente Strafe,
sondern höchstens eine freundliche milde Mahnung zutheil werden ließ.
Alles dies hatte uns an ihm lächerlich geschienen. Seine verwachsene
Gestalt, die wir vierzehnjährigen Jungen um einen halben Kopf überragten,
seine langsame, zögernde, beinahe stotternde Sprechweise, seine
unerschütterliche Sanftmuth, ja selbst sein Name: Justus, Justus -- der
Gerechte, welch komischer Name! Wie konnte man Justus heißen!
Und doch hatte dieser Name für ihn gepaßt, wie selten einer sich für
seinen Träger eignet. Denn Gerechtigkeit war die Grundlage seines Wesens,
der vorherrschendste Zug seines Charakters. Und jede, auch die geringste
Ungerechtigkeit, deren Zeuge er war, konnte ihn aufs tiefste empören.
Noch weiß ich es, wie entrüstet er war, als er sah, wie mehrere kräftige
Knaben über einen weit schwächeren Kameraden herfielen, von dem sie sich
beleidigt glaubten. Nie vorher hatte ich ihn so gesehen. Sein Auge flammte,
die Muskeln seines Gesichtes zuckten vor Erbitterung, seine Fäuste ballten
sich und -- was nur in den Augenblicken mächtigster Erregung geschah -- er
stotterte nicht, als er mit laut dröhnender Stimme über die ungeberdigen
Jungen hindonnerte, in glühenden Zornesworten die Feigheit und
Ungerechtigkeit, sich an dem Schwächeren zu vergreifen, ihnen
entgegenschleudernd. Ja, selbst eine empfindliche Strafe dictirte er ihnen.
Und nun sollte ich den einstigen Lehrer nach zwölf Jahren wiedersehen.
Er hatte sich wenig verändert. Auch älter schien er nicht geworden in
dieser doch stattlichen Reihe von Jahren. Man hatte es ihm nie angesehen,
wie alt er eigentlich war. Uns, seinen Schülern, hatte er alt geschienen,
doch hatte man uns gesagt, daß er ein junger Mann sei, noch nicht
dreißigjährig. Und jetzt, als ich ihn in seiner neuen Behausung
aufsuchte, sah er gerade so aus wie damals, als ich ihm bei meinem
Austritte aus der Schule Lebewohl gesagt. Nur hatte sein dunkles,
schwärmerisch blickendes Auge den Ausdruck milder Traurigkeit und
Wehmuth angenommen. Die Ursache dieser Trauer zu errathen, ward mir bald
Gelegenheit geboten.
Einige Jahre vorher hatte ein Freund seines Vaters in unglücklichen
Speculationen sein ganzes, nicht unbeträchtliches Vermögen verloren und
in der Verzweiflung über sein Mißgeschick sich das Leben genommen. Er
hatte nichts hinterlassen als sein vierzehnjähriges Kind, die kleine Dora,
blond und blauäugig und lieblich wie ein thaufrischer Frühlingsmorgen.
Justus' Vater nahm die Waise ins Haus und nach seinem Tode übernahm Justus
selbst die Fürsorge für das junge Mädchen, für sie und für seinen
Bruder Alvyn, der -- um zwanzig Jahre jünger als er -- zur Zeit, als der
Vater starb, seine Universitätsstudien noch nicht vollendet hatte.
Als ich nun bei einem meiner Besuche in dem mit wildem Wein und
Schlingrosen überwachsenen, anmuthigen Landhause mit Dora zusammentraf,
welche jetzt das Institut verließ, in dem sie ihre letzte Ausbildung
erhalten hatte, um -- vorläufig, wie Justus sagte -- in das Haus ihres
Pflegevaters zu ziehen, da ward es mir klar, warum Justus' Augen so traurig
blickten. Er liebte Dora -- aber er war zu verständig, um auf Gegenliebe
zu hoffen, und zu gerecht, um es nicht natürlich zu finden, daß das
schöne, blühende Mädchen für den verwachsenen, alternden Freund
keine anderen Gefühle in seinem Herzen nährte, als Freundschaft und
Dankbarkeit. Und als ich Justus' bildhübschen Bruder kennen lernte, da
konnte ich keinen Zweifel hegen, daß dieser Dora's Herz in Sturm erobern
würde. Hoch und schlank gewachsen, den schönen Kopf stolz auf dem edel
geformten Nacken tragend, frei und kühn in seinen Bewegungen und
voll ritterlicher Aufmerksamkeit gegen das kaum flügge gewordene
Pensionsfräulein, sah er neben dem unscheinbaren, mißgestalteten
Männchen aus wie ein junger Gott. Ich wurde ganz traurig gestimmt, als
ich die drei guten Menschen beisammen sah, denn ich konnte es mir nicht
verhehlen, welch tiefes Herzeleid dem armen Justus aus seiner wohl
begreiflichen, aber doch so hoffnungslosen Neigung für das liebreizende
junge Geschöpf erwachsen würde.
Dennoch aber verbrachte ich manche glückliche Stunde in Justus' gastlichem
Heim. Tagsüber, wenn das Wetter günstig war, waren wir Alle im Garten
oder machten Ausflüge in der nahen Umgebung, wobei es sich, wie zufällig,
immer so traf, daß Alvyn mit Dora vorausmarschirte, während ich und
Justus die Nachhut bildeten. Des Abends aber versammelten wir uns im
traulichen Gartensalon, und nach dem Thee wurde Lectüre vorgenommen. Alvyn
oder ich lasen vor, während die Anderen zuhörten.
Da gab es oft lebhaft erregte Discussionen. Denn Justus vertheidigte die
classische Richtung, während Alvyn und ich die Modernen in Schutz nahmen.
Dora kümmerte sich nicht viel um unsere literarisch-ästhetischen Dispute.
Nur hin und wieder warf sie ein Wort dazwischen. Abseits von uns saß sie
an einem kleinen Tischchen und zeichnete emsig. Ich wußte, was es war,
das sie beschäftigte, denn mich hatte sie ins Vertrauen gezogen und
beauftragt, Justus' Aufmerksamkeit bei diesen Leseabenden so in Anspruch
zu nehmen, daß er sie und ihre Zeichnung nicht beachtete. Denn dieselbe
sollte eine Ueberraschung für ihn werden.
Und sie gelang glänzend.
Am Vorabend von Justus' Geburtstag -- es war sein vierundvierzigster,
wie ich erfuhr -- nachdem das festliche Abendessen zu Ende und mancherlei
Toaste ausbracht waren, verschwand Dora plötzlich aus dem Zimmer, und
als sie nach einer kleinen Weile mit freudig geheimnißvoller Miene wieder
eintrat, ergriff sie Justus bei der Hand und zog ihn, während sie uns
winkte, ihnen zu folgen, in den Gartensalon hinüber. Derselbe war hell
erleuchtet, und mitten im Zimmer ruhte auf einer Staffelei das lebensgroße
und sehr wohlgetroffene Brustbild unseres Justus. Sprachlos vor tiefster
Ergriffenheit, blickte dieser auf sein Porträt.
»Nun, ist es gut? Bist Du zufrieden mit dem, was ich gelernt?« frug
Dora schüchtern, als Justus noch immer keine Antwort über seine Lippen
brachte.
Ein Blick auf sein Angesicht gab ihr Antwort.
Eine überirdische Freude leuchtete aus seinem Auge, eine Thräne rollte
langsam über seine Wange, und er öffnete den Mund, als ob er sprechen
wollte; aber das Wort versagte ihm.
Da stürzte Dora ihm an den Hals, küßte und herzte ihn und rief ein- um
das andermal:
»Freut es Dich? Bist Du zufrieden? Justus, freut es Dich?«
Dieser aber verfärbte sich plötzlich. Und je mehr Küsse es von den
holden Lippen auf seinen Mund und seine Wangen regnete, um so bleicher
wurde er und ein leichtes Zittern ging durch seine Glieder. Ich verstand,
was in seinem Inneren vorging, und ein Gefühl peinlichen Mitleides
beschlich mich.
Warum war Dora auch so toll und thöricht, den Armen so abzuküssen, als ob
sie ihn liebte. Bedachte sie denn gar nicht, daß auch in der Brust dieses
unglücklichen, mißgestalteten Freundes ein warm fühlendes, der Liebe
nicht verschlossenes Herz wohnen könne?
Einige Wochen später rüstete sich Alvyn zur Abreise. In einer unfernen
größeren Stadt wollte er sich als Arzt niederlassen. Schon war der Tag
seiner Abreise festgesetzt, als er von einem Jagdausfluge verwundet nach
Hause gebracht wurde. Die Kugel eines der Schützen hatte -- statt des
Rehbockes, dem sie bestimmt gewesen -- Alvyn's linke Schulter getroffen.
Die Verletzung war keine gefährliche, dennoch aber wurde das ganze Haus
in die größte Bestürzung versetzt. Justus bestand darauf, die Pflege
des Bruders selbst zu übernehmen. Dora wollte ihn ablösen, damit er Zeit
fände, sich auszuruhen. Aber er gestattete es nicht, indem er meinte, daß
ein Krankenbett kein geeigneter Platz für sie sei, und so mußte sie
sich damit begnügen, in sorgsamer Ueberwachung der Hauswirthschaft dem
Bruderpaare ihre Dienste zu erweisen. Sie war keine gewandte Hausfrau -- wo
hätte sie bis dahin auch Gelegenheit gefunden, sich in dieser Richtung zu
bethätigen? -- Und da war es zugleich heiter und rührend, zu sehen,
wie sie sich abmühte, ihren ungewohnten Pflichten gerecht zu werden.
Glücklicherweise war Agathe da, die alte, langerprobte Köchin. Sie versah
ihren Dienst so fest und sicher, daß alles ganz gut von Statten ging;
auch war sie viel zu gutmüthig, um dem jungen Mädchen seine grüne
Unerfahrenheit allzu fühlbar werden zu lassen. Mit der ernstesten Miene
von der Welt ließ sie sich täglich von Dora den Speisezettel vorschreiben
und sich einschärfen, wie die Gerichte bereitet werden müßten, daß
sie sich für den Kranken eigneten, und daß sie kräftig genug seien
und leicht verdaulich, um Justus für seine anstrengende Krankenpflege
genügend zu stärken.
Langsam und traurig zog die Zeit dahin. Eines Tages aber, als ich wieder
in dem Häuschen vorsprach, um mich nach dem Befinden des Patienten zu
erkundigen, wurde ich von Dora mit heiterer Miene empfangen. Und sonderbar!
Erst jetzt, als sie wieder lächelte, bemerkte ich, wie schmal und blaß
ihr liebliches Gesichtchen geworden war. Freudig theilte sie mir mit, daß
der Arzt heute Alvyn gestattet hatte, für einige Stunden sein Bett zu
verlassen. Wenn ich ein wenig warten wollte, könnte ich ihn sehen.
Wie erschrak ich, als eine Viertelstunde später Alvyn, auf den Arm seines
Bruders gestützt, in das Zimmer trat! Nicht er war es, der mir Schrecken
einflößte. Seine Wangen waren wohl etwas bleicher als vordem, aber man
erkannte sogleich, daß der Doctor nicht zu viel versprochen, indem er
seine baldige Genesung in Aussicht gestellt. Justus' Aussehen dagegen
erweckte meine Sorge. Seine Gesichtsfarbe war wachsgelb geworden, die
Backenknochen traten scharf hervor, und die schönen, strahlenden Augen
lagen tief eingesunken in ihren bläulich umränderten Höhlen und hatten
allen Glanz verloren. Sollten die Anstrengungen der Pflege, die Nachtwachen
und die Angst um den Bruder ihn so arg mitgenommen haben? Ich konnte es
nicht recht glauben. Das aber wußte ich, daß er selbst einer
Erholung bedürftiger war, als der an seiner Seite blühend aussehende
Reconvalescent. Auch hielt ich es für meine Pflicht, aus meiner
Meinung kein Hehl zu machen, und nachdem wir ein Weilchen über allerlei
alltägliche Dinge geplaudert, erklärte ich Justus, ohne Umschweife, daß
es an der Zeit sei, sich Ruhe zu gönnen, zu seiner Erholung etwa eine
kleine Vergnügungsreise anzutreten. Alvyn und Dora, die mittlerweile auch
eingetreten war, stimmten mir lebhaft bei. Justus aber betheuerte, daß er
sich ganz wohl fühle, und wollte von einer Reise nichts wissen. Die kleine
Ermüdung, die er ja nicht leugnen wolle, werde nun, da er jetzt nichts
mehr zu thun und zu sorgen habe, bald von selber weichen. Ich glaubte ihm
nicht, da aber alles weitere Drängen sich als nutzlos erwies, beschloß
ich, mich hinter den Hausarzt zu stecken und diesen zu einem Machtwort in
Betreff Justus' zu veranlassen. Als ich mich aber zu diesem Zwecke zwei
Tage später bei meinen Freunden einstellte, empfing mich Justus und bat
mich, ihn in sein Arbeitszimmer zu begleiten, dessen Thür er zu meiner
nicht geringen Verwunderung hinter uns absperrte.
»Ich will nicht, daß wir gestört werden,« sagte er, indem er vor seinem
Secretär Platz nahm und einen großen, von seiner Hand geschriebenen Bogen
Papier entfaltete.
»Sie sind Jurist und ich möchte mir Ihren Rath erbitten,« fuhr er
fort. »Als ich da vergangene Nacht wieder nicht schlafen konnte -- am
Krankenbette Alvyn's habe ich mir das Schlafen fast ganz abgewöhnt -- da
fiel mir ein, daß es angezeigt sei, ein wenig Ordnung zu machen und mein
Testament niederzuschreiben. Man kann ja nie wissen, was geschieht. Und da
möchte ich Sie nun ersuchen, dasselbe durchzusehen, ob es in seiner Form
richtig abgefaßt ist.«
Ich nahm das Testament und las. Alvyn und Dora waren darin zu gleichen
Theilen als Erben von Justus' nicht unbedeutendem Vermögen eingesetzt. Als
ich ihm das Schriftstück mit der Beruhigung zurückgab, daß dasselbe
ganz rechtsgiltig verfaßt sei, konnte ich nicht umhin, die Bemerkung
beizufügen, daß es wohl viel vernünftiger wäre, irgend etwas zur
Kräftigung seiner Gesundheit zu unternehmen, als sich mit Todesgedanken zu
tragen.
Justus lächelte.
»Nun, nun,« sagte er, »deshalb, weil ich mein Testament gemacht habe,
glaube ich ja nicht, schon morgen oder übermorgen sterben zu sollen. Ich
will ja nur alles in Ordnung gebracht haben -- für alle Fälle. Was Sie
aber da von meiner Gesundheit sagen -- ich bin ja nicht krank, wirklich
nicht. Wenn es aber dennoch bald mit mir zu Ende ginge, was läge weiter
daran? Ich habe doch eigentlich genug gelebt, da ich niemandem mehr zu
etwas nützlich bin. Im Gegentheile. Ich stehe dem Glücke der Anderen nur
im Wege. Haben Sie es denn nicht bemerkt? Dora und Alvyn lieben sich ja.
Dora wird sich aber nicht leicht dazu entschließen, mich zu verlassen und
Alvyn's Frau zu werden, so lange ich lebe. Das gute Geschöpf würde es
schwer übers Herz bringen, mich einer traurigen Einsamkeit anheimzugeben.
Die Dankbarkeit, die sie glaubt, mir schuldig zu sein, würde ihr dies
nicht erlauben.«
Ich unterdrückte einen Seufzer.
»Glauben Sie wirklich?« stotterte ich nicht ohne Verlegenheit.
»Glauben! Was glauben!« wiederholte Justus. »Ich weiß es! Und wenn ich
es auch nicht schon früher bemerkt hätte, so müßte ich es doch
jetzt wissen. Hab' ich es doch gesehen, wie sie sich in Angst und Sorge
verzehrte, als Alvyn krank darniederlag. Nachts, wenn ich aus seinem Zimmer
trat, fand ich sie oftmals in Thränen, statt daß sie schlief. Ich gab ihr
wohl keine Veranlassung dazu.«
»Und wenn nicht Alvyn, sondern die Sorge um Dich, um Deine Gesundheit und
Dein Leben die Ursache ihrer Thränen gewesen wäre?« -- schoß es mir
plötzlich durch den Kopf. Doch gleich darauf kam mir dieser Gedanke so
komisch vor, daß ich mich wohl hütete, ihn laut werden zu lassen.
»Ja, wenn es aber auch wirklich der Fall sein sollte, daß Dora Alvyn
liebt,« sagte ich, »sind Sie dessen auch gewiß, daß ihre Liebe erwidert
ist?«
Jetzt fuhr Justus auf.
»Wie? Nicht erwidert? Dora's Neigung sollte nicht erwidert sein? Aber
Alvyn müßte ja blind und blöde, ja geradezu blöde sein, wenn er dieses
liebe Geschöpf nicht liebte. Ich bitte Sie, wie können Sie so etwas
denken!«
Dann warf er das Testament in die Lade seines Schreibtisches und fing
an, im Zimmer auf und ab zu laufen. Mich beachtete er gar nicht mehr, so
mächtig war die Erregung seines Gemüthes. Wieder waren mehrere Wochen
vorübergegangen. Alvyn war völlig hergestellt und der letzte Abend vor
seiner Abreise sollte uns Alle zum Abschiedsfeste vereinigen. Mir bangte
davor, denn ich war überzeugt, daß es auch zum Verlobungsfeste werden
sollte, und wenn ich es auch einsah, daß es für Justus besser sei, wenn
die von ihm selbst vorausgesehene Entscheidung bald fiele, so wußte ich
doch, daß dieselbe einen schweren Streich gegen sein Herz führen würde.
Als ich das Haus betrat, begegnete mir Dora im Flur. Sie kam aus der
im Erdgeschosse gelegenen Küche und hielt auf einem Glasteller einen
mächtigen Kuchen in der Hand. Ihre Wangen waren vom Herdfeuer geröthet
und freudige Heiterkeit blitzte aus ihren blauen Augen.
»Welch lucullische Genüsse bereiten Sie da für uns?« frug ich, auf den
Kuchen weisend.
Sie legte den Finger an den Mund.
»Bst, nicht so laut,« flüsterte sie. »Es soll eine Ueberraschung für
Justus werden. Sein Lieblingsgericht, das ich selbst gebacken. Er wird
Augen machen, wenn er erfährt, daß Agathe mir dabei gar nicht geholfen
hat.«
Schweigend stieg ich hinter Dora die Treppe hinan. Ich war ärgerlich
gestimmt, Dora's Aufmerksamkeiten für Justus verdrossen mich, da ich
wußte, daß sie ihn mehr quälen als erfreuen müßten. Ich folgte ihr in
das Speisezimmer, wo sie den Kuchen auf den Credenztisch stellte und über
und über mit Zucker bestreute.
»Das ist der Zucker, mit dem sie die bittere Pille versüßen will, die
sie ihm zu schlucken giebt,« dachte ich zornig.
Sie aber lächelte vergnügt vor sich hin.
»Glauben Sie, daß es ihn freuen wird?« frug sie.
Ich gab keine Antwort, so böse war ich auf sie. Plötzlich aber fuhr ich
los:
»Warum quälen Sie den armen Justus unaufhörlich? Warum überhäufen Sie
ihn mit Zuvorkommenheiten, die ihn nur peinigen können?«
Ich hielt inne; meine eigenen Worte erschreckten mich. Dora aber blickte
mich mit großen Augen staunend an.
»Quälen?« wiederholte sie. »Ich quäle Justus?«
»Wie denn nicht? Das müssen Sie doch selbst einsehen, daß Ihre
Aufmerksamkeiten ihm Qualen bereiten müssen. Es kann Ihnen doch kein
Geheimniß geblieben sein, daß er -- Ah, bah! Sie wissen ganz gut, was ich
meine. Aber besser wäre es, Sie machten dem grausamen Spiele ein Ende
und erklärten sich. Heute bei Alvyn's Abschiedsfest wäre der richtige
Augenblick hiefür.«
Dora wechselte die Farbe. Ein leichtes Zittern bewegte ihre Hand, die immer
noch die Streubüchse festhielt, und ein dichter Zuckerstaub fiel neben dem
Kuchen auf die Tischplatte nieder.
»Sie glauben, daß Justus --,« lispelte sie kaum hörbar.
»Sie liebt!« fiel ich ein. »Ja, das glaube ich nicht nur, ich weiß es.
Und daß Sie mit Ihren koketten Künsten ihn nutzlos peinigen.«
Ich war so erbost gegen sie, daß es mir ordentlich wohl that, sie zu
kränken.
Sie schwieg. Nur ein leiser Seufzer drang zwischen ihre Lippen. Ihr Gesicht
konnte ich nicht sehen, denn sie hatte mir den Rücken zugewendet. Jetzt
klappte sie den Deckel des Schrankes zu und schlüpfte hastig aus dem
Zimmer.
Mit gemischten Gefühlen blickte ich ihr nach. Ich schämte mich meiner
plumpen Derbheit, und doch war ich wieder froh, das unhaltbare Verhältniß
einer Krisis entgegengedrängt zu haben. Noch mehr aber freute ich mich
dessen, als ich, in Justus' Zimmer tretend, die bleichen Wangen, die
nervöse Unruhe meines wackeren Freundes sah. Es war wirklich hoch an der
Zeit, daß diese unerquickliche Lage der Dinge ein Ende nahm.
Trotz der anfänglich etwas befangenen und erregten Stimmung der Mehrzahl
der Theilnehmer verlief das Festmahl in ungestörter Heiterkeit. Alvyn's
übersprudelnde Lustigkeit wirkte ansteckend auf die Anderen, und frohes
Lachen, muntere Scherzworte flogen von Lippe zu Lippe.
Wir waren beim Dessert angelangt, und der mir bereits bekannte Kuchen wurde
aufgetragen. Mit etwas scheuer Miene -- denn mein auf Dora gerichteter
Blick verwirrte sie sichtlich -- und stockendem Tone murmelte Dora, wie
geistesabwesend, ein paar Worte vor sich hin: daß sie den Kuchen selbst
bereitet habe, um zu beweisen, daß sie in den Künsten der Küche nicht
so ungeschickt sei, wie Justus stets behauptete. Weiter kam sie nicht; das
spöttische Lächeln, das sie auf meinem Munde bemerkte, schnitt ihr das
Wort ab.
Jetzt aber erhob sich Alvyn von seinem Sitze und sein mit edlem Wein
gefülltes Glas hochhebend, rief er:
»Hurrah, hoch! die Hausfrau möge leben! Ich leere meinen Becher auf
Dora's Wohl und auf das Wohl -- desjenigen, der das Glück haben wird, sie
als Hausfrau heimzuführen!«
Tiefes Schweigen folgte Alvyn's Worten. Doch nach wenigen Augenblicken
erhob auch Justus sich, das Glas mit bebender Hand ergreifend. Er war sehr
blaß geworden. Ein seltsames Leuchten verklärte den dunklen Glanz seines
Auges.
»Dora!« sagte er laut und langsam. »Ich schließe mich Alvyn's Wunsche
an. Ich trinke auf das Wohl desjenigen, den Du liebst. Willst Du mir
Bescheid thun?«
Dora zögerte. Eine Secunde lang blickte sie unschlüssig vor sich ins
Weite. Eine jähe Röthe überfluthete ihre Wangen und ihre Brust hob und
senkte sich in heftigen Athemzügen. Doch jetzt erhob auch sie sich und
griff nach ihrem Becher. Hell klangen die Gläser aneinander und Justus und
Dora's Blicke begegneten sich, als wollte jeder tief sich in des Anderen
Seele senken.
»Gern thu' ich Dir Bescheid,« sagte Dora. »Es lebe der, den ich liebe!
Er lebe hoch! -- Justus lebe hoch!«
Justus' Glas fiel zu Boden, das köstliche Naß über den Teppich
ergießend. Er selbst stand wie versteinert. Da flog Dora ihm an den Hals
und küßte ihn wieder lebendig.
Wir aber tranken auf das Wohl des Brautpaares. Ein Toast folgte dem anderen
und die Nacht war weit vorgerückt, als ich in heiterster Stimmung mich auf
den Heimweg machte.
Wenige Wochen später fand Justus' Vermählung mit Dora statt. Dann
traten sie eine Reise an, und als sie wieder in ihr trauliches Heim
zurückkehrten, fand ich Justus völlig verändert. Kraft und Gesundheit
lag über seiner Erscheinung. Sein Schicksal hatte ihm das beste Heilmittel
gereicht -- das Glück.
Fallendes Laub.
Friede lag über dem Thale. Die ermüdete Herbstsonne badete das purpurne
und gelbe Laub der Wälder in ihrem milden, sanften Glanz. Um die Kuppen
der Berge ringelten sich weiße, flockige Nebelstreifen, lagerten sich
schläfrig in die Schluchten und Risse, um dann an den zackigen, grauen
Felswänden langsam emporzukriechen und, höher und höher steigend,
im durchsichtigen, blassen Blau des Himmelsgewölbes sich allmählich
aufzulösen.
Das ganze Land, so weit das Auge sah, lag in zitterndem, goldigem Licht.
Das letzte warme Lächeln des fliehenden Sommers glitt über das Antlitz
der Natur, bevor sich ihr Auge zum winterlichen Schlafe schloß. Und um
die Mittagszeit schien die Sonne noch so warm, daß man glauben konnte,
der Herbst mit seinem Reif und Frost, der Winter mit seinem Schnee und Eis
seien noch in weiter, weiter Ferne.
Aber die klugen Schwalben ließen sich von dem gleißnerischen Lächeln
nicht täuschen. Fast alle hatten schon den großen Zug nach dem Süden
angetreten und jetzt rüsteten sich auch die letzten zum Aufbruch.
Fröhlich zwitscherten sie ihren Abschiedsgruß in die linde, laue Luft.
Geschäftig hin und her fliegend, ordneten sie sich in Gruppen und prüften
sorgsam die Flugkraft ihrer jüngsten Kinder, um derentwillen sie ihre
Abreise hatten verzögern müssen.
Gleichgiltig sahen die Sperlinge den Reisevorbereitungen zu. Was kümmert
es sie, ob und wann es Herbst wird. Sorglos hüpfen sie von Zweig zu Zweig,
trippeln auf dem kurzen, grünen Rasen umher, gierig nach kleinen Würmchen
ausschauend, oder baden sich behaglich im Staub der trockenen Erde. Wie
graue, schlechtgewickelte Wollknäuel sitzen sie da und blasen sich auf,
daß alle Federn emporstehen.
Plötzlich fahren zwei dieser struppigen Wollknäuel laut pipsend in die
Höhe. Ein seltsamer Schrei hat sie erschreckt. Und doch sollten sie an
denselben schon gewöhnt sein. Es ist ja ein guter Bekannter, der
ihn ausgestoßen hat. Tante Cölestinens Papagei, der, während seine
Besitzerin in dem Lusthause mit einer Handarbeit beschäftigt sitzt, neben
ihr auf einem in die Sonne gerückten Gestelle auf und nieder flattert.
Bei trübem Wetter verhält er sich meist still und manierlich, wie es
sich ziemt für den wohlgesitteten Genossen eines ruheliebenden, alten
Fräuleins.
Er schaukelt sich auf dem an seinem Gestelle befestigten Ringe, lacht und
plaudert, und wenn es ihm gestattet wird, auf der Schulter seiner Herrin zu
ruhen, drückt er schmeichelnd sein Köpfchen an ihre Wange und läßt sich
aus ihrem Munde mit kleingekauten Milchbrötchen füttern.
Wenn aber die Sonne so recht warm auf ihn herabscheint, dann erinnert der
Vogel sich seiner fernen sonnigen Heimat und Sehnsucht erfaßt das kleine
Herz. Er reckt und dehnt sich, schlägt mit den verschnittenen Flügeln,
flattert empor -- und fällt mit einem lauten kreischenden Schrei zu Boden.
Tante Cölestine begreift es nicht, daß der kleine Fremdling in seiner
vieljährigen Verbannung seine Heimat in den Urwäldern Südamerikas nicht
schon verschmerzt und vergessen hat. Es ging ihm doch so gut. An nichts
fehlte es ihm. Reichliche, gesunde Nahrung, Schutz vor den Unbilden der
Witterung und der Verfolgung raubgierigen Gethiers, freundliche, liebevolle
Behandlung -- was konnte er noch mehr verlangen, wie konnte er sich nach
Freiheit sehnen, wo er den schweren Kampf ums Dasein aufnehmen mußte
und von vielfältigen Gefahren bedroht wurde? Mehr Verständniß brachte
Cölestinens siebzehnjährige Nichte der Freiheitssehnsucht des kleinen
Gefangenen entgegen. War ihr Schicksal dem seinen doch nicht unähnlich.
Nach dem Tode ihrer frühverstorbenen Eltern, eines reichbegabten
Künstlerpaares, von der Schwester ihres Vaters an Kindesstatt angenommen,
fühlte auch sie sich in eine ihr fremde, sie beengenden Welt versetzt.
Trotz der innigen Liebe und Dankbarkeit, mit der sie an der Tante hing,
deren Güte alle Sorgen und Lasten des Lebens von ihr fernhielt, war es
ihr doch manchmal zu Muthe, als müsse sie die Flügel spannen und in die
weite, schöne Welt hinausfliegen, von welcher sie in der verklärenden
Erinnerung jener Zeit, da sie an der Seite ihrer Eltern ein reiches,
glückliches Leben gelebt, ein so verlockendes Bild in ihrem Inneren trug.
Aber auch ihr waren ja die Flügel geschnitten, und die gute Tante meinte,
daß die Freiheit nur ein illusorisches Glück und das wahre Glück viel
eher in dem stillen Frieden ihrer einsamen Zurückgezogenheit, denn in
dem wüsten Sturm und Drang der Welt zu finden sei. Und nicht ohne Sorge
gedachte sie der Zukunft, wenn ihre Augen sich für immer schließen
würden und das junge Mädchen ohne Schutz und Stütze den vielfachen
Gefahren und Versuchungen des Lebens preisgegeben sein werde. Doch
vielleicht war jener Augenblick, da Gott sie abberufen würde, noch
ferne. Noch fühlte sie sich gesund und rüstig und sie wußte, daß die
Grundsätze, welche sie in die jugendliche Seele zu pflanzen bemüht war,
eine feste Rüstung seien, um sie in der Stunde des Kampfes siegreich
bestehen zu lassen.
Mit unerschütterlicher Geduld hatte Cölestine sich abermals von ihrem
Sitze erhoben, um den Papagei, der zum so und so vieltenmale mit schrillem
Aufschrei von seinem Metallringe herabgeflattert war, und nun verzagt und
enttäuscht um sich blickend, auf dem Boden des Lusthäuschens hockte,
wieder auf sein Gestell emporzuheben. Mit liebkosender Hand glättete
sie sein gesträubtes, grünes Gefieder, küßte ihn, und mit dem Finger
drohend, redete sie ihm freundlich zu, Ruhe zu halten.
»Sieh' nur, Betti, wie thöricht unsere Lora heute wieder ist,« sagte
sie, sich lächelnd zu ihrer mit raschen Schritten sich nähernden Nichte
wendend. »Durchaus fort will das Närrchen. Es ahnt nicht, welche Gefahren
in der weiten Welt seiner harren würden und daß es in der ersehnten
Freiheit umkommen müßte.«
Aber Betti schenkte den Worten der Tante keine Aufmerksamkeit. Ein
Zeitungsblatt hastig hin und her schwenkend, stand sie mit hochgerötheten
Wangen und blitzenden Augen vor der sie verwundert anblickenden alten Dame.
»Ach, Tantchen,« rief sie und ihre Stimme zitterte vor innerer Bewegung.
»Welch ein Unglück, daß wir gerade diesmal die Zeitung nicht früher
durchgesehen haben. Hier ist das Programm mitgetheilt von dem gestern Abend
in der Stadt gegebenen Concerte. Und denke nur, ein junger Sänger, einer
von den Schülern meines Vaters, hat darin mehrere von Papas Liedern
gesungen. Und nun waren wir nicht dabei!«
Tante Cölestine nahm das Blatt, las und nickte langsam mit ihrem
weißhaarigen, mit einem kleinen Spitzenhäubchen bedeckten Haupte.
»Hm -- hm, das ist freilich recht schade,« meinte sie. »Es wäre ja
schön gewesen, die hübschen Lieder singen zu hören.« In ihrem Inneren
aber erwog sie, ob dieser Zufall, daß sie von der Sache nicht rechtzeitig
erfahren hatte, nicht eine Fügung Gottes gewesen sei. Sie würde Betti's
Drängen, das Concert zu besuchen, jedenfalls nachgegeben haben und sie
wußte aus Erfahrung, daß jede Berührung mit der Außenwelt, jedes
Concert und jede Theatervorstellung einen Sturm in des jungen Mädchens
Seele hervorrief, dessen leidenschaftliche Sehnsucht nach der großen
Welt heftig entfachend. Und langer Zeit bedurfte es immer, bis die Wirkung
solcher Ereignisse beseitigt wurde und das jugendlich stürmische Herz
wieder zur Ruhe kam.