ja auf der Hand: Seit so und so vielen Jahren ist Onkel Silas hier
Prediger gewesen ohne einen Pfennig Gehalt; alles mögliche Gute hat
er gethan, von Alt und Jung wird er geliebt und geachtet. Wie sollte
er, der friedliebendste Mensch von der Welt, der sich nie in fremde
Angelegenheiten gemischt hat, dazu kommen, sich thätlich an jemand zu
vergreifen? Es kann gar kein Argwohn gegen ihn entstehen; das ist
ebenso gut ein Ding der Unmöglichkeit wie -- --«
»Im Namen und Auftrag des Staates Arkansas verhafte ich Euch als den
Mörder des Jupiter Dunlap,« rief in diesem Augenblick der Sheriff an
der Thür.
Es war furchtbar. Tante Sally und Benny klammerten sich weinend und
schreiend an Onkel Silas und wollten ihn nicht fortlassen; auch die
Neger liefen heulend herbei, es war ein herzzerreißender Auftritt und
ich machte, daß ich zum Haus hinauskam.
Als er nach dem kleinen Dorfgefängnis geführt wurde, begleiteten wir
ihn alle, um ihm Lebewohl zu sagen. Tom hatte schon einen Plan fix und
fertig im Kopf, wie wir ihn in einer dunkeln Nacht heldenmütig befreien
wollten. Aber als er gegen Onkel etwas davon verlauten ließ, kam er
übel an. Der arme Alte meinte, es sei seine Pflicht, zu dulden, was
das Gesetz über ihn verhänge; selbst wenn die Thür des Gefängnisses
offen stünde, würde er von dort nicht wanken und weichen. Natürlich war
Tom sehr enttäuscht, doch mußte er sich drein ergeben. Den Gedanken,
seinen Onkel zu befreien, gab er aber deshalb noch lange nicht
auf; er betrachtete das als seine Schuldigkeit, denn er fühlte sich
gewissermaßen verantwortlich für ihn.
Er versprach auch Tante Sally, daß er Tag und Nacht nicht ruhen würde,
bis er Onkels Unschuld ans Licht gebracht hätte, sie solle sich nur
keinen Kummer machen. Tante umarmte ihn zärtlich, dankte ihm und sagte,
sie sei überzeugt, er werde alles thun, was in seinen Kräften stehe.
Dann bat sie uns noch, wir möchten Benny helfen das Haus und die Kinder
zu versorgen, und nachdem wir mit Thränen von ihr Abschied genommen
hatten, kehrten wir nach der Farm zurück. Tante wollte bei der Frau des
Gefängniswärters wohnen bleiben, bis im Oktober die Gerichtsverhandlung
stattfand.
Elftes Kapitel.
Der nächste Monat war für uns alle sehr traurig. Die arme Benny nahm
sich zusammen, so gut sie konnte; auch Tom und ich trugen unser
möglichstes zur allgemeinen Aufheiterung bei, aber das half wenig.
Wir besuchten die alten Leute jeden Tag, was furchtbar trübselig war.
Onkel Silas hatte meist schlaflose Nächte oder er wandelte im Schlaf;
sein Aussehen war erbärmlich, auch nahm er körperlich und geistig so
sehr ab, daß wir alle fürchteten, er würde vor Kummer krank werden und
sterben.
Wenn wir ihm Mut zusprachen, schüttelte er nur den Kopf und meinte, wir
wüßten nicht, welche Last es wäre, einen Mord auf der Seele zu tragen,
sonst würden wir anders reden. Wie oft wir ihm auch wiederholten, daß
es kein Mord, sondern fahrlässiger Todschlag wäre, er ließ sich nicht
davon abbringen. Ja, als der Tag der Verhandlung näher rückte, war er
ganz bereit einzugestehen, er habe den Mann mit Vorbedacht getötet. Das
verschlimmerte die Sache natürlich hundertfach; Tante Sally und Benny
verzehrten sich fast vor Angst. Doch nahmen wir Onkel das Versprechen
ab, daß er im Beisein anderer keine Silbe von dem Mord sagen wolle und
das war wenigstens ein Trost.
Den ganzen Monat über zerbrach sich Tom den Kopf, um einen Ausweg zu
finden. Viele Nächte mußte ich mit ihm aufbleiben und Pläne schmieden,
aber wir arbeiteten uns nur unnütz ab, es führte alles zu nichts.
Ich war zuletzt so mutlos und niedergeschlagen, daß ich Tom riet es
aufzugeben; doch er war anderer Meinung und ließ nicht nach, sich mit
immer neuen Entwürfen das Hirn zu zermartern.
So kam Mitte Oktober der Tag der Gerichtsverhandlung. Wir waren alle
da und der Saal natürlich gedrängt voll. Der arme alte Onkel Silas sah
selbst fast aus wie ein Toter, so hohläugig, abgezehrt und jämmerlich.
Benny und Tante Sally saßen ihm rechts und links zur Seite, tief
verschleiert und gramerfüllt. Aber Tom saß bei unserm Verteidiger
und redete in alles mit herein; der Anwalt ließ ihn gewähren und der
Richter auch. Manchmal hielt er’s für besser, dem Verteidiger die Sache
ganz aus der Hand zu nehmen, denn der war nur ein Winkeladvokat und
verstand so gut wie gar nichts.
Die Vereidigung der Geschworenen war vorüber und der öffentliche
Ankläger hielt seine Rede. Er sagte so schreckliche Dinge von Onkel
Silas, daß Tante Sally und Benny zu weinen anfingen. Was er über den
Mord berichtete, nahm uns fast den Atem, es war so ganz anders als
Onkels Erzählung. Er sagte, er werde beweisen, daß zwei zuverlässige
Zeugen gesehen hätten, wie Onkel Silas den Jupiter Dunlap umgebracht
habe. Es sei mit Vorbedacht geschehen, denn er habe gerufen, er wolle
ihn kalt machen, während er mit dem Knüttel zuschlug, dann habe er
Jupiter ins Gebüsch geschleppt, der sei aber schon ganz tot gewesen.
Später sei Onkel Silas wiedergekommen und habe die Leiche ins Tabakfeld
geschafft, was zwei Männer bezeugen könnten. In der Nacht habe er sie
dann begraben und sei auch dabei von jemand beobachtet worden.
Ich sagte mir, der arme alte Onkel müsse uns belogen haben, weil er
sich darauf verließ, daß ihn niemand gesehen hätte und er Tante Sally
und Benny nicht das Herz brechen wollte. Daran hatte er ganz recht
gethan; jeder, der nur das geringste Gefühl im Leibe hatte, würde auch
gelogen haben, um den beiden, die doch gar nichts dafür konnten, Kummer
und Herzeleid zu ersparen. Unser Verteidiger machte ein bedenkliches
Gesicht und auch Tom war einen Augenblick wie auf den Mund geschlagen,
doch nahm er sich rasch wieder zusammen und that ganz zuversichtlich
-- aber es war ihm schlecht dabei zu Mute, das weiß ich. Unter den
Zuhörern entstand eine furchtbare Aufregung während der Rede.
Als der Ankläger fertig war, setzte er sich und die Zeugen wurden
aufgerufen. Zuerst kamen mehrere um zu beweisen, daß Onkel Silas dem
Ermordeten feindlich gesinnt gewesen war. Sie sagten, sie hätten ihn
öfters Drohungen gegen Jupiter ausstoßen hören; es sei zuletzt so
schlimm geworden, daß alle Welt darüber gesprochen habe. Der Ermordete,
dem um sein Leben bangte, habe gegen mehrere von ihnen geäußert, Onkel
Silas würde ihn gewiß noch einmal umbringen.
Das Kreuzverhör, das Tom und unser Verteidiger mit diesen Zeugen
anstellten, nützte nichts; sie beharrten bei ihrer Aussage.
Zunächst betrat Lem Beebe den Zeugenstand. Das rief mir den Tag unserer
Ankunft ins Gedächtnis, wie Lem mit Jim Lane an uns vorbeigegangen war
und gesagt hatte, er wollte sich einen Hund von Jupiter Dunlap borgen.
Alles zog wieder an meiner Erinnerung vorüber: Bill und Hans Withers,
die von einem Neger redeten, der Onkel Silas Korn gestohlen hatte, und
unser Geist, der aus dem Ahornwäldchen kam und uns so erschreckte.
Der saß jetzt leibhaftig vor mir und nahm als Taubstummer und Fremder
obendrein einen besondern Stuhl innerhalb der Schranken ein; da konnte
er gemütlich die Beine übereinander schlagen, während die übrigen
Zuhörer so zusammengepfercht waren, daß sie kaum Platz zum Atemholen
hatten.
Lem Beebe leistete den Eid und begann: »Am zweiten September gegen
Sonnenuntergang ging ich mit Jim Lane am Zaun des Angeklagten vorbei.
Da hörten wir lautes Reden und Streiten, ganz in unserer Nähe, nur das
Haselgebüsch war dazwischen. Wir erkannten die Stimme des Angeklagten,
welche rief: ›Ich hab’ dir’s oft gesagt, ich bringe dich noch um!‹ dann
sahen wir einen Knüttel, der hoch emporgehoben wurde und wieder hinter
dem Gebüsch verschwand; wir hörten einen dumpfen Schlag und gleich
darauf ein Aechzen. Nun krochen wir leise näher und als wir durch den
Zaun guckten, sahen wir Jupiter Dunlap tot am Boden liegen und neben
ihm stand der Angeklagte mit dem Knüttel in der Hand. Er schleppte die
Leiche fort, um sie zu verbergen; wir aber duckten uns, damit wir nicht
gesehen würden und machten, daß wir wegkamen.«
Es war schrecklich. Den Zuhörern erstarrte fast das Blut in den Adern
und im ganzen Saal herrschte lautlose Stille. Erst als der Zeuge
fertig war, hörte man die Leute seufzen und stöhnen und sie sahen
einander mit entsetzten Mienen an.
Am meisten mußte ich mich aber über Tom verwundern. Bei den ersten
Zeugen hatte er aufgepaßt wie ein Schweißhund und sobald einer mit
seiner Aussage zu Ende war, fuhr er drauf los und that alles, was
er konnte, um ihn auf Unwahrheiten zu ertappen und sein Zeugnis zu
entkräften. Auch jetzt, als Lem anfing und nichts davon sagte, daß
er mit Jupiter gesprochen hatte und sich seinen Hund borgen wollte,
glühte Tom vor Eifer und ich merkte, wie er nur darauf lauerte, Lem ins
Kreuzverhör zu nehmen. Dann dachte ich, würden wir beide als Zeugen
auftreten und erzählen, was wir aus Lems eigenem Munde gehört hatten.
Ich sah wieder zu Tom hin, aber der war auf einmal wie ausgewechselt.
Er hörte gar nicht mehr auf das, was Lem sagte, sondern saß ganz in
sich versunken da, als schweiften seine Gedanken in weiter, weiter
Ferne. Als Lem fertig war, stieß unser Verteidiger Tom mit dem
Ellenbogen an; einen Augenblick sah er verwirrt auf und meinte: »Nehmen
Sie den Zeugen ins Verhör, wenn Sie wollen; aber mich lassen Sie in
Ruhe -- ich muß nachdenken.«
Na, da hörte doch alles auf; es ging über meine Begriffe. Ich sah
auch wie Benny und ihre Mutter den Schleier zurückschoben und mit
angstvoller Miene nach Tom hinschauten, um seinem Blick zu begegnen,
aber sie bemühten sich vergebens, er starrte immer nur auf einen Fleck.
Der Winkeladvokat nahm zwar den Zeugen vor, brachte aber nichts heraus
und verdarb die Geschichte noch vollends.
Dann wurde Jim Lane aufgerufen; er erzählte den Vorgang genau ebenso.
Tom aber gab gar nicht acht; er saß noch immer in tiefen Gedanken da
und merkte nicht, was um ihn her vorging. Der Verteidiger mußte wieder
ganz allein fragen, und auch das Ergebnis war das gleiche. Nun schaute
der öffentliche Ankläger sehr befriedigt drein, aber der Richter machte
ein verdrießliches Gesicht, denn Tom versah fast die Stelle eines
richtigen Advokaten. In Arkansas durfte der Angeklagte nämlich nach
dem Gesetz wen er wollte, zum Beistand seines Verteidigers wählen. Tom
hatte Onkel Silas überredet, ihm den Fall anzuvertrauen, und nun that
er nichts zur Sache, was dem Richter natürlich unangenehm war.
Schließlich fragte der Verteidiger Lem und Jim: »Warum habt ihr nicht
gleich angezeigt, was ihr gesehen hattet?«
»Wir fürchteten, selbst in die Sache verwickelt zu werden,« lautete die
Antwort. »Als wir aber hörten, daß nach dem Leichnam gesucht wurde,
sind wir gleich zu Brace Dunlap gegangen und haben ihm alles erzählt.«
»Wann war das?«
»Samstag abend, den 9. September.«
Hier ließ sich der Richter vernehmen:
»Sheriff,« sagte er, »verhaften Sie diese beiden Zeugen als Hehler des
Mordes.«
»Herr Richter,« rief der Ankläger in großer Erregung, »ich erhebe
Einspruch gegen dieses außergewöhnliche -- --«
»Setzen Sie sich,« erwiderte der Richter und legte sein Dolchmesser vor
sich auf den Tisch. »Ich bitte, daß Sie dem Gerichtshof die schuldige
Achtung erweisen.«
Der nächste Zeuge war Bill Withers.
Nach seiner Vereidigung sagte er aus: »Ich kam am Samstag den 2.
September gegen Sonnenuntergang mit meinem Bruder Hans am Feld des
Gefangenen vorbei, da sahen wir einen Mann, der eine schwere Last auf
dem Rücken trug. Wir konnten ihn nur undeutlich sehen, aber es schien,
als schleppe er einen Menschen, dessen Glieder so schlaff herabhingen,
daß wir meinten, er müsse wohl betrunken sein. Nach dem Gang des Mannes
zu urteilen, war es Pastor Silas und wir dachten, er hätte vielleicht
den Trunkenbold Sam Cooper, den er schon lange zu bessern versucht, im
Straßengraben gefunden und schaffte ihn nun nach Hause.«
Den Leuten grauste, als sie sich vorstellten, wie der alte Onkel Silas
den Ermordeten in seine Tabakpflanzung geschleppt hatte, wo der Hund
hernach die Leiche aufwühlte. Viel Mitgefühl war aber nicht in den
Gesichtern zu lesen, und einer sagte zu seinem Nachbar: »Schauderhaft,
den Toten so herumzutragen und dann im Boden zu verscharren, wie das
erste beste Tier -- und so was kann ein Pastor thun!«
Auch diesen Zeugen mußte der Verteidiger allein vornehmen; Tom war wie
blind und taub, er rührte sich nicht.
Nach Bill kam Hans Withers und wiederholte alles, was sein Bruder
gesagt hatte.
Dann wurde Brace Dunlap aufgerufen. Der sah so kummervoll aus, als ob
ihm das Weinen nahe wäre. Im Saal entstand eine große Bewegung; alle
horchten auf, um ja kein Wort zu verlieren; die Weiber flüsterten: »Der
arme Mensch!« und viele sah man sich die Augen trocknen.
Brace Dunlap leistete den Eid, dann sagte er:
»Ich war schon lange in Sorge um meinen armen Bruder, doch hoffte ich
immer noch, die Sachen stünden nicht so schlimm wie er sie schilderte.
Wie hätte ich auch denken sollen, daß es irgend jemand übers Herz
bringen würde, einem so harmlosen Geschöpf ein Leid anzuthun. Und daß
gar der Pastor ihm nach dem Leben trachtete, konnte mir gar nicht in
den Sinn kommen. Aber nie, nie werde ich mir vergeben, daß ich der
Sache nicht gleich ein Ende gemacht habe; hätte ich das gethan, so
wäre mein armer unschuldiger Bruder heute noch am Leben, und nun liegt
er dort drüben -- grausam ermordet.« Die Rührung übermannte ihn; er
mußte eine Weile warten, weil ihm die Stimme versagte. Von allen Seiten
wurden teilnahmvolle Worte laut und die Weiber weinten. Dann entstand
eine feierliche Stille; nur der arme alte Onkel Silas stöhnte aus
tiefster Brust, so daß es jedermann hörte.
Brace fuhr fort: »Samstag den 2. September kam er nicht zum Nachtessen
heim. Als es spät wurde, schickte ich einen meiner Neger nach der
Wohnung des Angeklagten; aber dort war mein Bruder nicht. Meine Unruhe
wuchs; zwar legte ich mich zu Bette, aber an Schlaf war nicht zu
denken. In der Nacht stand ich noch einmal auf, ging nach dem Hause
des Angeklagten und irrte da lange umher in der Hoffnung, meinen armen
Bruder zu treffen. Ach, ich wußte ja nicht, daß er schon aus aller
Not in ein besseres Jenseits entrückt war.« Wieder versagte ihm die
Stimme und man hörte die Weiber schluchzen. Bald nahm Brace einen neuen
Anlauf: »Das Warten war vergebens. Ich ging heim und legte mich nieder.
Ein paar Tage später gerieten die Nachbarn auch in Sorge und fingen
an, von den Drohungen zu reden, die der Angeklagte ausgestoßen hatte.
Ihre Ansicht, daß mein Bruder ermordet sei, teilte ich nicht; aber
das Gerücht verbreitete sich, man fing an, nach der Leiche zu suchen.
Ich war der Meinung, mein Bruder habe sich irgendwohin geflüchtet, um
etwas Ruhe zu haben und er werde über kurz oder lang zurückkehren. Da
kamen am Samstag den 9. Lem Beebe und Jim Lane noch spät abends zu
mir und erzählten mir alles -- so erfuhr ich den gräßlichen Mord, der
mir fast das Herz brach. Zugleich erinnerte ich mich an einen Umstand,
auf den ich vorher kein großes Gewicht legte, weil ich gehört hatte,
der Angeklagte sei ein Nachtwandler und thue im Schlaf allerlei, wovon
er kein Bewußtsein habe. In jener schrecklichen Nacht, am Samstag
nämlich, als ich voll Sorge und Kummer umherirrte, kam ich auch an
die Tabakpflanzung des Angeklagten und hörte ein Geräusch, als ob der
Boden aufgegraben würde. Ich schlich näher und sah durch die Hecke
einen Mann, der Erde in ein Loch schaufelte, das schon fast zugefüllt
war. Er stand mit dem Rücken nach mir, aber im Mondlicht erkannte ich
den Angeklagten an seinem alten grünen Arbeitskittel mit dem weißen
Flicken zwischen den Schultern, der aussieht, als hätte ihn jemand mit
einem Schneeball geworfen. Er war gerade beschäftigt, den Mann, _den er
erschlagen hatte, im Boden zu verscharren_.«
Weinend und schluchzend sank Brace auf seinen Stuhl nieder und
durch den ganzen Saal ging ein Klagegestöhn. »Wie schauderhaft, wie
gräßlich!« klang es von allen Seiten; die Unruhe nahm mit jeder Minute
zu. Da auf einmal erhob sich der alte Onkel Silas; er sah so weiß aus,
wie ein Tuch und rief:
»_Es ist alles buchstäblich wahr -- ich habe ihn mit kaltem Blute
umgebracht!_«
Die Leute waren erst starr vor Schrecken, dann entstand ein wilder
Lärm. Jeder sprang von seinem Sitze auf und reckte den Hals, um besser
sehen zu können. Der Richter schlug mit dem Hammer auf den Tisch und
der Sheriff kreischte: »Ruhe und Ordnung im Gerichtssaal -- Ruhe!«
Von alledem schien Tom Sawyer nicht das mindeste zu merken. Wahrhaftig,
da saß er, starrte ins Leere und schaute auch nicht ein einzigesmal
nach Onkel Silas hin.
Unterdessen stand der alte Mann noch immer hoch aufgerichtet, mit
glühenden Blicken und an allen Gliedern bebend da. Er wehrte seine
Frau und Tochter ab, die sich an ihn klammerten und flehten, er solle
schweigen. Nein, er _wollte_ das Verbrechen nicht mehr auf der Seele
haben, er _wollte_ die Last abwälzen, unter der er erliegen mußte,
keine Stunde länger wollte er sie tragen. Und während alle Zuschauer
ihn entsetzt anstarrten, während der Richter, die Geschworenen, die
Anwälte nach Atem rangen, während Benny und Tante Sally schluchzten,
daß es einen Stein erbarmen konnte, floß dem alten Mann sein grausiges
Bekenntnis über die Lippen, wie ein Strom, der aus seinen Ufern bricht:
»Ich habe ihn umgebracht. Ich bin der Schuldige! Doch hatte ich noch
nie im Leben daran gedacht, ihm Schaden oder Leid zuzufügen, bis zu dem
Augenblick, als ich den Stock erhob. Daß ich ihm schon früher gedroht
haben soll, ist nicht wahr. Ganz plötzlich ward es mir eiskalt ums
Herz, alles Mitleid war verflogen, ich wollte ihn töten und schlug zu.
In dem Moment kam mir alles zum Bewußtsein, was ich erlitten hatte,
aller Schimpf, den mir der Mann und sein schurkischer Bruder dort
angethan, die zusammen darauf ausgegangen waren, mich bei den Leuten in
Verruf zu bringen, mir den guten Namen abzuschneiden und mich solange
zu quälen, bis ich eine That beging, die mich und die Meinigen ins
Verderben stürzte, während wir ihnen doch, weiß Gott, nie etwas zuleide
gethan hatten. Es war nichts, als gemeine Rache von ihnen. Und wofür?
-- Bloß weil meine arme unschuldige Tochter hier den reichen, frechen
und feigen Nichtsnutz, den Brace Dunlap, nicht heiraten wollte, der
jetzt solchen Schmerz um seinen Bruder heuchelt, dem er sein Lebtag
nichts Gutes gegönnt hat. -- In jenem Augenblick vergaß ich mein
Seelenheil und dachte nur an meinen bittern Groll -- ich schlug zu, um
meinen Feind zu töten -- verzeih mir’s Gott! -- Sofort that mir’s von
Herzen leid, mich überfiel die Reue; doch dachte ich an die Meinigen
und um ihretwillen wollte ich meine Missethat verbergen. Erst schleppte
ich die Leiche ins Gebüsch und später in das Tabakfeld. Im nächtlichen
Dunkel schlich ich mich dorthin und begrub den Erschlagenen -- --«
Auf einmal schnellte Tom von seinem Sitz in die Höhe: »Jetzt hab’
ich’s,« rief er triumphierend und streckte die Hand mit förmlich
hoheitsvoller Gebärde nach dem alten Mann aus.
»Setz’ dich, Onkel! Es ist zwar ein Mord verübt worden, aber du bist’s
nicht gewesen, der ihn begangen hat.«
Im Nu wurde es totenstill im Saal. Der Alte sank verwirrt auf seinen
Stuhl; Tante Sally und Benny starrten Tom mit offenem Munde an und
auch die übrigen Anwesenden wußten kaum, wo ihnen der Kopf stand, vor
maßlosem Staunen und unbeschreiblicher Ueberraschung.
»Darf ich reden, Herr Präsident?«
»Um Gottes willen ja -- so sprich doch!« rief der Richter, der seinen
Ohren nicht traute.
Tom stand und wartete noch ein paar Sekunden -- um die Wirkung zu
erhöhen, wie er es nennt -- dann begann er mit größter Gelassenheit:
»Seit etwa zwei Wochen ist hier vorn am Gerichtshause eine
Bekanntmachung angeschlagen, in der eine Belohnung von 2000 Dollars
für Wiedererlangung von zwei großen Diamanten geboten wird, die in St.
Louis gestohlen worden sind. Die Diamanten sind zwölftausend Dollars
wert. Doch darauf komme ich später zurück. Jetzt will ich von dem Mord
reden und sagen, wie es dazu kam, wer ihn begangen hat -- und alle
Einzelheiten.«
Nein, wie sie alle die Köpfe vorstreckten und horchten, damit ihnen
kein Wort entginge! --
»Der Mann hier, der jetzt so um seinen toten Bruder jammert, für
den er, solange er lebte, keinen Pfifferling gegeben hätte, wie ihr
recht wohl wißt -- dieser Brace Dunlap wollte das junge Mädchen dort
heiraten, aber sie nahm ihn nicht. Da drohte er Onkel Silas, das
sollte ihnen noch allen teuer zu stehen kommen. Onkel wußte, daß er
gegen solchen Mann nichts auszurichten vermochte; das ängstigte ihn
sehr und er that alles Erdenkliche, um ihn zu besänftigen und wieder
zu versöhnen. Er nahm sogar seinen nichtsnutzigen Bruder Jupiter als
Arbeiter auf die Farm und sparte sich und den Seinigen den Lohn, den
er ihm zahlte, am eigenen Leibe ab. Jupiter aber that alles, was sein
Bruder nur ersinnen konnte, um Onkel Silas zu beleidigen, zu ärgern und
zu quälen, damit Onkel sich vom Zorn fortreißen ließe und so um seinen
guten Ruf kam. Der Plan gelang. Alle wandten sich von Onkel ab und
glaubten den ausgestreuten Verleumdungen. Das nahm sich der alte Mann
so zu Herzen, daß er vor lauter Kummer und Trübsal oft gar nicht recht
bei Sinnen war.
»An jenem schrecklichen Samstag nun, kamen die zwei Zeugen Lem Beebe
und Jim Lane an dem Acker vorüber, wo Onkel Silas und Jupiter bei der
Arbeit waren -- so viel von ihrer Aussage ist wahr, das übrige sind
lauter Lügen. Sie haben weder Onkel Silas sagen hören, daß er Jupiter
umbringen wollte, noch haben sie ihn den Schlag führen sehen. Den
Leichnam haben sie auch nicht erblickt und ebenso wenig, daß Onkel
etwas im Gebüsch verborgen hat. -- Seht sie nur an, wie sie jetzt
dasitzen und wünschen, sie hätten ihre Zungen besser im Zaum gehalten.
Sie werden noch ganz andere Gesichter machen, wenn ich alles erst ins
reine gebracht habe.
»An dem nämlichen Samstag abend haben Bill und Hans Withers gesehen,
wie ein Mann den andern auf der Schulter fortschleppte. Soweit haben
sie die Wahrheit gesprochen, das andere ist erlogen. Zuerst glaubten
sie, ein Neger hätte dem Onkel Silas Korn gestohlen. -- Seht nur, wie
verdutzt sie jetzt dreinschauen, weil sie erfahren, daß jemand sie das
hat sagen hören. Später ist’s ihnen sonnenklar geworden, wer die Leiche
fortgeschafft hat, und sie wissen recht gut, warum sie hier vor Gericht
geschworen haben, sie hätten Onkel Silas am Gang erkannt. Er war’s aber
doch nicht, und das wußten die meineidigen Zeugen ebenfalls.
»Es ist möglich, daß ein Mann beim Mondenschein gesehen hat, wie der
Leichnam in der Tabakpflanzung vergraben wurde -- aber Onkel Silas hat
nichts damit zu thun gehabt. Der lag zu selbiger Zeit daheim in seinem
Bett.
»Ehe ich weiter erzähle, möchte ich die Anwesenden noch daran erinnern,
daß viele Menschen, wenn sie tief in Gedanken geraten oder innerlich
erregt sind, die Gewohnheit haben, irgend etwas mit ihren Händen zu
thun, ohne es zu wissen. Sie fassen sich ans Kinn oder an die Nase,
drehen an einem Knopf oder ihrer Uhrkette, streichen sich übers Haar
oder den Bart. Manche zeichnen sich auch mit dem Finger ein Bild
oder einen Buchstaben ins Gesicht. Das ist meine Manier. Wenn mich
etwas quält oder ärgert, oder wenn ich recht nachdenke, male ich mir
immerfort ein großes ~V~ auf die Backe oder das Kinn und meistens merke
ich selbst gar nichts davon.«
Komisch! Mir geht das ebenso. Nur mache ich ein ~O~. Ich sah auch, wie
die Leute im Saal einander anstießen und zunickten, was so viel heißen
sollte, wie: Ja, so ist’s!
»Am selben Samstag -- nein, es war am Abend vorher --« fuhr Tom fort,
»lag ein Dampfboot an der Landungsbrücke vierzig Meilen flußaufwärts
von hier; es stürmte und regnete, was nur vom Himmel wollte. An Bord
war der Dieb, der die zwei großen Diamanten gestohlen hatte, von
denen die Bekanntmachung hier am Gerichtshaus redet. Er schlich sich
mit seinem Reisesack ans Land, ging in die dunkle Sturmnacht hinaus
und hoffte, diese Stadt mit heiler Haut zu erreichen. Allein auf dem
Dampfboot hielten sich auch zwei seiner Genossen verborgen, welche, wie
er wußte, nur auf die Gelegenheit lauerten, ihn umzubringen, um die
Diamanten zu bekommen. Die drei Spießgesellen hatten die Edelsteine
nämlich miteinander gestohlen, jener erste Dieb aber hatte sie
eingesteckt und sich damit aus dem Staube gemacht.