»Siehst du den Nachtwandler,« sagte Tom. »Ich wollte, wir dürften ihm

folgen und sehen, wo er hingeht mit der langen Schaufel, die er über

der Schulter trägt. Er biegt nach dem Tabakfeld ein -- nun ist er

verschwunden. Der arme Onkel, -- es thut mir so leid, daß er gar keine

Ruhe findet.«

Wir warteten lange, aber er kam nicht zurück; vermutlich hatte er einen

andern Heimweg eingeschlagen. So legten wir uns denn endlich nieder

und verfielen in einen unruhigen Schlaf, der uns mit tausenderlei

Beängstigungen quälte. Im Morgengrauen waren wir schon wieder wach; ein

Gewitter war heraufgezogen, Blitze zuckten, der Donner krachte, der

Wind schüttelte die Bäume, der Regen fuhr in Strömen nieder und die

Rinnsteine wurden zu rauschenden Bächen.

»Höre mal, Huck,« sagte Tom, »mir kommt’s sehr seltsam vor, daß man

noch gar nichts von Jack Dunlaps Ermordung gehört hat. Die Männer, von

denen Hal Clayton und Bud Dixon verjagt wurden, haben die Sache doch

in der nächsten halben Stunde sicherlich überall erzählt und sie muß

sich wie ein Lauffeuer von Farm zu Farm verbreitet haben. Solche große

Neuigkeit kommt doch alle dreißig Jahr höchstens zweimal vor. Es ist

wirklich merkwürdig, Huck, ich kann es nicht begreifen. Wäre nur erst

das Gewitter vorüber, damit wir hinauskönnten um zu sehen, ob nicht

irgend jemand auf der Straße davon anfängt. Wir müssen dann natürlich

sehr überrascht und entsetzt sein.«

Es war schon heller lichter Tag, als der Regen aufhörte. Wir

schlenderten die Straße hinunter, begrüßten jeden, der uns begegnete,

sagten wann wir angekommen wären, wie wir die Unserigen verlassen

hätten, wie lange wir zu bleiben gedächten, und dergleichen mehr;

aber kein Mensch äußerte eine Silbe über den Mord, was uns höchlich

wundernahm. Tom meinte, wenn wir in das Ahornwäldchen gingen, würde die

Leiche ganz einsam und verlassen daliegen und keine Menschenseele weit

und breit zu sehen sein. Wahrscheinlich hätten die Verfolger die Mörder

tief in den Wald hinein gejagt, diese hätten sich endlich umgewendet

und sich auf sie geworfen. Nachdem sie einander alle umgebracht, wäre

natürlich niemand mehr am Leben gewesen, um die Nachricht zu verbreiten.

Während dieser Reden waren wir unversehens nach dem Ahornwäldchen

gekommen. Mir lief der kalte Schweiß den Rücken hinunter und ich

wäre um nichts in der Welt auch nur einen Schritt weiter gegangen.

Doch Tom ließ es keine Ruhe -- er mußte wissen, ob der Ermordete die

Stiefel noch anhatte. So kroch er denn ins Dickicht, kam aber schon im

nächsten Augenblick in größter Erregung wieder heraus.

»Huck, er ist fort,« rief er.

»Im Ernst, Tom?« fragte ich starr vor Staunen.

»Jawohl, er ist wirklich fort; es ist nichts mehr von ihm zu sehen. Der

Boden ist nur etwas zertrampelt und wenn blutige Spuren da waren hat

sie der Regen verwaschen; es ist lauter Schmutz und Morast da drinnen.«

Nun faßte ich mir ein Herz und überzeugte mich mit eigenen Augen, daß

kein Leichnam mehr da war.

»Verwünscht,« rief ich, »die Diamanten sind weg!«

»Glaubst du nicht, daß die Mörder zurückgekommen sind und ihn

fortgeschleppt haben?«

»Höchst wahrscheinlich. Wo meinst du wohl, daß sie ihn versteckt haben

können?«

»Wie soll ich das wissen?« sagte er ärgerlich. »Es ist mir auch

einerlei. Mir war nur an den Stiefeln etwas gelegen. Nach der Leiche

werde ich den Wald nicht durchsuchen; meinetwegen mag sie sein wo sie

will. Die Hunde werden sie sowieso bald aufspüren.«

Wir schlichen betrübt und enttäuscht nach Hause zurück. Mein Lebtag

hatte mich noch keine Leiche so geärgert und betrogen wie diese.

Achtes Kapitel.

Beim Frühstück ging es nicht sehr munter zu. Tante Sally sah alt und

müde aus; sie ließ die Kinder unter einander zanken und streiten ohne

ihnen zu wehren, wie sie es sonst immer that. Tom und ich waren so

voller Gedanken, daß wir gar nicht sprachen und Benny mochte wohl die

ganze Nacht kein Auge zugethan haben. So oft sie den Kopf ein wenig hob

und nach ihrem Vater hinschaute, mußte sie mit den Thränen kämpfen. Der

Alte ließ das Essen auf seinem Teller kalt werden, er rührte keinen

Bissen an, redete kein Wort, sondern sann und sann nur immer vor sich

hin.

Als die Stille am allerdrückendsten war, steckte der Neger wieder den

Kopf durch die Thür und sagte, Massa Brace hätte schrecklich Angst um

seinen Bruder Jupiter, der noch immer nicht heimgekommen wäre. Massa

Silas sollte doch so gut sein und -- --

Das Wort erstarb ihm auf den Lippen, denn Onkel Silas hatte sich

plötzlich aufgerichtet. Er sah den Neger an und zitterte dabei so, daß

er sich am Tisch festhalten mußte. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt;

erst nach einer Weile stammelte er mühsam:

»Er glaubt wohl -- er glaubt wohl -- was denkt er sich eigentlich?

-- Sag’ ihm -- sag’ ihm --« kraftlos sank er wieder in seinen Stuhl

zurück. »Geh fort -- geh fort!« murmelte er so leise, daß man es kaum

verstehen konnte.

Der Neger machte sich erschrocken aus dem Staube, während Onkel Silas

die Hände rang und seine Augen verdrehte, als läge er im Sterben; es

war ein schrecklicher Anblick. Wir saßen alle da, wie festgebannt, nur

Benny erhob sich leise, Thränen liefen ihr die Wangen herunter, sie

trat neben den Stuhl ihres Vaters, bettete sein graues Haupt an ihrer

Brust und streichelte ihn sanft und liebevoll. Dann winkte sie uns, wir

sollten fortgehen, und wir verließen das Zimmer so still, als läge ein

Toter darin.

In furchtbar ernster Stimmung schlugen Tom und ich den Weg nach dem

Walde ein. Wie ganz anders war es doch hier bei unserm Besuch letzten

Sommer gewesen: alles so glücklich und friedevoll, Onkel Silas so

heiter, so wunderlich und voll kindlicher Einfalt und dabei so

hochgeachtet von jedermann. Jetzt hatte er entweder den Verstand schon

verloren, oder man mußte doch jeden Augenblick fürchten, daß er von

Sinnen käme.

Es war ein sonniger, herrlicher Tag; weiter und weiter gingen wir über

die Hügel nach der Ebene zu und konnten uns nicht satt sehen an den

Bäumen und Blumen ringsum. Daß es in dieser schönen Welt auch Unglück

gab, schien uns ganz unbegreiflich. Traurig zu sein, kam uns wie ein

Unrecht vor.

Auf einmal fühlte ich, daß mir der Atem stockte; ich hielt Tom am Arm

fest und mein Herz pochte wie ein Schmiedehammer.

»Da ist es!« rief ich; wir sprangen hinter einen Busch und Tom

flüsterte:

»St! -- Mach’ keinen Lärm.«

Es saß gerade am Ende der kleinen Waldwiese auf einem Holzblock und

stützte den Kopf in die Hand. Vergebens bemühte ich mich, Tom zur

Flucht zu überreden; er rührte sich nicht vom Fleck, denn er meinte,

vielleicht würde er sein Lebtag keine so günstige Gelegenheit mehr

haben, ein Gespenst zu sehen, deshalb wollte er dieses nach Herzenslust

betrachten und wenn es sein Tod wäre. So blieb ich denn auch da und riß

die Augen auf, obgleich mir’s gar nicht wohl dabei zu Mute war.

»Der arme Jack,« raunte mir Tom zu, denn schweigen konnte er nicht;

»alle seine Sachen hat er an, wie er’s uns vorausgesagt hat. Auch das

Haar hat er sich kurz geschoren. Daß ein Gespenst so natürlich aussehen

könnte, hätte ich nie gedacht.«

»Ich auch nicht; man würde es überall wiedererkennen.«

»Ganz wie bei Lebzeiten. Und am meisten wundert mich noch, daß es

bei Tage umgeht. Die andern kommen immer erst nach Mitternacht zum

Vorschein. Du, Huck, mit dem ist’s nicht ganz richtig; es hat kein

Recht, sich jetzt hier herumzutreiben, das kannst du mir glauben. Jack

wollte sich taubstumm stellen, weil ihn die Nachbarn sonst an der

Stimme erkannt hätten. Meinst du, das Gespenst würde das auch thun,

wenn ich’s jetzt anriefe?«

»Tom, ums Himmels willen, du wirst doch so was nicht wagen!«

»Sei nur ganz ruhig, ich denke nicht dran. Aber, was ist das -- jetzt

kratzt es sich am Kopf -- ein Gespenst kann’s doch nicht jucken, das

ist ja aus lauter Dunst! Wahrhaftig, Huck, ich glaube, es ist gar kein

wirkliches Gespenst, es müßte doch sonst --«

»Was denn, Tom?«

»_Durchsichtig_ sein, so daß man die Büsche dahinter sehen könnte.«

»Du hast recht, sein Körper ist so fest wie der einer Kuh. Weißt du,

ich fange an zu glauben --«

»Jetzt nimmt es den Mund voll Tabak und fängt an zu kauen -- das ist ja

unmöglich, es hat doch keine Zähne. Höre, Huck!«

»So sprich doch!«

»Es ist gar kein Gespenst, sondern Jack Dunlap wie er leibt und lebt!

-- Haben wir etwa eine Leiche im Ahornwäldchen gefunden?«

»Nein, keine Spur.«

»Weißt du auch warum? -- Weil nie eine da war.«

»Aber Tom, wir haben doch das Geschrei gehört!«

»Ist das etwa ein Beweis, daß jemand umgebracht worden ist? -- Erst

sahen wir vier Männer laufen und dann kam dieser aus dem Wald gegangen.

Wir hielten ihn für einen Geist, aber es war so wenig ein Geist wie

du einer bist. Es war Jack Dunlap selbst und der sitzt jetzt dort

drüben und spielt den Fremden und Taubstummen, ganz wie er’s mit uns

verabredet hatte. Der -- ein Gespenst! Nein, Fleisch und Bein ist er,

da wett’ ich alles drauf.«

Ich sah nun auch unsern Irrtum ein, und wir waren beide herzlich froh,

daß Jack nicht umgebracht worden war. Was sollten wir aber jetzt thun?

Ihn anreden oder vorgeben, ihn nicht zu kennen? Tom hielt es für das

beste, ihn selber zu fragen, wie er es haben wolle. Also ging er

geradeswegs auf ihn zu, während ich mich etwas im Hintergrund hielt,

für den Fall, daß es doch ein Gespenst wäre.

Als Tom ganz nahe bei ihm war sagte er: »Guten Tag! Wir freuen uns

sehr, Euch wiederzusehen, Huck und ich. Fürchtet nur nicht, daß wir

Euch verraten. Wenn Ihr es für besser haltet wollen wir thun, als

hätten wir Euch nie gekannt. Sagt nur, ob Euch das recht ist. Ihr

könnt Euch dann fest auf uns verlassen; wir würden uns eher die Hand

abhacken als Euch Schaden thun.«

Zuerst zeigte er sich sehr überrascht uns zu sehen und keineswegs

erfreut; aber bei Toms Rede erhellte sich sein Gesicht und zuletzt

lächelte er, nickte mehrmals mit dem Kopf, machte allerlei Zeichen

mit den Händen und sagte: »Goo -- goo -- goo -- goo,« ganz wie ein

Taubstummer.

Indessen sahen wir ein paar von Steffen Nickersons Angehörigen, die

jenseits der Wiese wohnten, daherkommen. »Ihr macht Eure Sache ganz

ausgezeichnet,« sagte Tom, »natürlich müßt Ihr Euch üben so viel Ihr

könnt, an uns so gut wie an den andern, damit Ihr auf Eurer Hut seid

und niemals aus der Rolle fallt. Wir wollen Euch auch so wenig wie

möglich in den Weg kommen und keiner Seele verraten, daß wir Euch

kennen. Laßt es uns aber ja wissen, wenn Ihr einmal Hilfe braucht.«

Als wir den Nickersons begegneten, hielten sie uns natürlich an und

wollten wissen, wer der Fremde dort drüben sei, wie er heiße, woher

er komme, ob er Baptist oder Methodist, liberal oder konservativ wäre

und was dergleichen Fragen mehr sind, die wir Amerikaner bei jeder

neuen Erscheinung gleich auf der Zunge haben. Tom erwiderte jedoch,

er hätte aus den Zeichen des Taubstummen und seinen Naturlauten nicht

klug werden können. Mit großer Spannung beobachteten wir nun von ferne,

wie sie Jack auszuforschen begannen. Erst als wir ihn seine Zeichen

machen sahen und wußten, daß alles gut ablaufen würde, beruhigten wir

uns wieder und machten, daß wir weiter kamen, weil wir gern während der

Zwischenstunde beim Schulhaus sein wollten.

Es war recht ärgerlich, daß uns Jack nicht erzählen konnte, was sich

in dem Ahornwäldchen zugetragen hatte und ob er fast umgebracht

worden wäre; aber Tom bemerkte ganz richtig, daß ein Mensch in Jacks

Lage nicht vorsichtig genug sein könne und am besten thäte still zu

schweigen, um sich keiner Gefahr auszusetzen.

In der Zwischenstunde ging es sehr lustig zu, alle Knaben und Mädchen

freuten sich, uns wiederzusehen. Die beiden Hendersons waren auf ihrem

Schulweg dem Taubstummen begegnet und wurden deshalb von den übrigen

sehr beneidet, da alle vor Neugier brannten, ihn zu sehen, und von gar

nichts anderm reden mochten.

Es kostete Tom keine kleine Ueberwindung, nichts zu verraten. Hätten

wir alles erzählen dürfen, wie würde man uns bewundert haben! Aber

viel heldenhafter war es doch noch, Stillschweigen zu bewahren. Unter

Millionen Jungen hätte man nicht zwei finden können, die das fertig

brachten. Davon war Tom wenigstens überzeugt und schließlich mußte er

es doch am besten wissen.

Neuntes Kapitel.

In den nächsten zwei oder drei Tagen ging der Taubstumme bei den

Nachbarn aus und ein und war bald allgemein beliebt. Jeder war stolz,

mit einer so merkwürdigen Persönlichkeit zu verkehren; man lud ihn zum

Frühstück, zu Mittag und zum Abendessen ein, bewirtete ihn aufs beste

und wurde nicht müde, ihn anzustarren. Gern hätten die Leute mehr über

ihn erfahren, aber seine Zeichen verstanden sie nicht -- er wußte wohl

selbst nicht, was sie bedeuteten. Seine Naturlaute bewunderten sie

dagegen sehr und freuten sich, so oft er sie hören ließ. Auch reichte

er eine Tafel herum nebst Schieferstift, damit man Fragen an ihn

stellen könne; die Antworten, die er aufschrieb, konnte aber niemand

lesen, außer Brace Dunlap, dem es freilich auch Mühe machte; doch fand

er häufig wenigstens den Sinn heraus. Er sagte, der Taubstumme käme von

weit her und habe früher im Wohlstand gelebt, dann sei er Schwindlern

in die Hände gefallen, die sein Vertrauen mißbraucht hätten. Jetzt sei

er arm und wüßte nicht, wie er sein Brot erwerben solle.

Man lobte Brace allgemein, daß er sich des Fremden so hilfreich annahm.

Er hatte ihm ein kleines Blockhaus zur Wohnung angewiesen, seine Neger

mußten es in Ordnung halten und ihm zu essen bringen so viel er wollte.

Auch in unser Haus kam der Taubstumme öfters, weil es Onkel Silas Trost

gewährte, einen Menschen zu sehen, der auch von Trübsal heimgesucht war

wie er. Tom und ich thaten, als hätten wir ihn noch nie erblickt, und

auch er stellte sich uns gegenüber ganz fremd. Der Familienkummer wurde

in seiner Gegenwart ohne Scheu besprochen, was ja im Grunde nichts

schadete. Gewöhnlich schien er gar nicht acht darauf zu geben, aber

manchmal that er es doch.

Als drei Tage vergangen waren, fingen die Nachbarn an, sich über

Jupiter Dunlaps Ausbleiben zu beunruhigen. Einer fragte den andern,

wo er wohl hingeraten sein könne; man schüttelte den Kopf und fand es

höchst seltsam und unerklärlich. Abermals verstrichen ein paar Tage;

da entstand ein Gerücht, daß er vielleicht ermordet wäre. Das machte

natürlich großes Aufsehen und ein endloses Gerede. Am Samstag zogen die

Leute truppweise in den Wald, um die Leiche aufzustöbern. Tom und ich

gingen auch mit und halfen suchen. Tom konnte vor Aufregung tagelang

weder essen noch schlafen und glühte vor Eifer, weil er meinte, wenn

wir den Leichnam fänden, würden wir berühmt werden und unser Name in

aller Munde sein.

Die andern bekamen es zuletzt satt und gaben das Suchen auf. Aber Tom

Sawyer dachte nicht daran, er war unermüdlich. Die ganze Nacht schloß

er kein Auge, er sann über einen Plan nach und als der Morgen dämmerte,

war ihm ein Licht aufgegangen. In größter Hast kam er und holte mich

aus dem Bette.

»Rasch Huck, wirf deine Kleider über,« rief er, »ich hab’s! Wir

brauchen einen Schweißhund.«

Zwei Minuten später liefen wir im Dunkeln am Fluß entlang nach dem

Dorfe zu. Der alte Schmied Jeff Hooker hatte einen Hund, den wollte

sich Tom von ihm borgen.

»Die Spur ist zu alt,« sagte ich, »und geregnet hat es auch.«

»Das schadet nichts, Huck. Wenn der Leichnam irgendwo im Walde steckt,

findet ihn der Hund gewiß. Er wird es schon wittern, an welcher Stelle

man den Ermordeten verscharrt hat. Auch auf die Spur des Mörders wird

er uns helfen, und wenn wir die erst haben, verfolgen wir sie ohne

Unterlaß, bis wir den Kerl fangen. Dann werden wir berühmt, so wahr ich

lebe.«

»Na, laß uns nur erst die Leiche finden,« sagte ich, um sein Feuer

etwas zu dämpfen, »daran werden wir wohl für heute genug haben. Wer

weiß, ob überhaupt eine da ist; vielleicht ist der faule Jupiter

einfach durchgebrannt und gar nicht ermordet worden.«

Doch davon wollte Tom nichts hören. »Wie kannst du nur so reden,

Huck, das ist ganz abscheulich. Schämst du dich nicht, ein solcher

Spielverderber zu sein, wenn wir gerade die beste Gelegenheit haben

uns auszuzeichnen und unsern Ruhm zu begründen.«

»Ach was, ich nehme alles zurück; mache es nur ganz wie du willst, Tom.

Ob Jupiter tot ist oder lebendig, kümmert mich im Grunde wenig.«

Bald war Tom wieder Feuer und Flamme für das Unternehmen, bis wir

vor die Schmiede des alten Jeff Hooker kamen, der seine Begeisterung

gewaltig abkühlte.

»Den Hund könnt ihr haben,« sagte er, »aber ihr werdet keinen Leichnam

finden, weil keiner da ist. Die Leute haben ganz recht, daß sie nicht

weiter suchen. Sobald sie anfingen nachzudenken, mußte sich eben jeder

sagen, daß von einem Mord gar keine Rede kein kann. Ich will euch

auch sagen weshalb: Wenn jemand einen Menschen umbringt, thut er es

doch nicht ganz ohne Grund, das werdet ihr mir zugeben. Na, und warum

sollte man wohl dem Jupiter Dunlap, diesem Schafskopf, nach dem Leben

trachten? Etwa aus Rache? Meint ihr, daß irgend jemand einen Groll

gegen solchen Menschen hat?«

Tom fand kein Wort der Erwiderung; von diesem Gesichtspunkt aus hatte

er sich die Sache noch nicht überlegt.

»Oder glaubt ihr, man hätte ihn berauben wollen? Haha! Das wird’s wohl

sein. Die Hosenschnallen hat man ihm gestohlen und deshalb -- --«

Der Alte wollte sich vor Lachen ausschütten; er mußte sich die Seiten

halten, um nicht zu bersten. Tom machte ein ganz verblüfftes Gesicht;

ich sah’s ihm an, daß er sich meilenweit weg wünschte, während Jeff

Hooker von neuem anhub: »Wer irgend Grütze im Kopf hat, mußte sich’s

ja gleich sagen, daß der Faulpelz nur ausgekniffen ist, weil er nach

seiner schweren Arbeit eine Weile herumbummeln wollte. Paßt auf, nach

ein paar Wochen kommt er wieder und lacht sich ins Fäustchen. -- Wenn

du aber nach seinem Leichnam suchen willst, Tom, so nimm den Hund und

thu’s, ich werd’ dich nicht hindern.«

Tom war zu weit gegangen, er konnte nicht mehr zurück. »Na, also, macht

ihn nur von der Kette los,« sagte er. Der Alte that es und sah uns

lachend nach, während wir beschämt abzogen.

Der Hund kannte uns, wedelte mit dem Schwanz und sprang mit lustigen

Sätzen vor uns her, im Genuß seiner Freiheit. Aber Tom verzog keine

Miene, er war tief gekränkt, daß der alte Hooker ihn lächerlich

gemacht hatte, und verwünschte das ganze Abenteuer.

In düsterm Schweigen schlichen wir durch die Hintergassen heim. Als

wir eben um die Ecke unseres Tabakfeldes bogen, stieß der Hund ein

klägliches Geheul aus. Wir eilten herzu und sahen, wie er mit aller

Macht die Erde aufwühlte und dann und wann den Kopf laut heulend zur

Seite wandte.

In dem vom Regen durchweichten Boden ließ sich deutlich ein

eingesunkenes längliches Viereck erkennen, das aussah wie ein Grab.

Stumm standen wir da und sahen einander an. Der Hund hatte kaum ein

paar Zoll tief gegraben, als er einen Gegenstand zu packen bekam und

ihn herauszerrte; es war ein Männerarm, der im Aermel steckte.

»Komm fort, Huck,« stieß Tom keuchend heraus, »die Leiche ist gefunden.«

Mich durchrieselte es kalt. Rasch liefen wir nach der Landstraße und

holten die ersten besten Leute, die uns begegneten. Sie nahmen einen

Spaten mit und gruben den Leichnam aus. Nein, war das eine Aufregung!

Sein Gesicht konnte man nicht mehr erkennen, aber das war auch nicht

nötig. Alle riefen:

»Der arme Jupiter; das sind die Kleider, die er zuletzt getragen hat.«

Ein paar Männer eilten ins Dorf, um die Nachricht zu verbreiten und dem

Friedensrichter Anzeige zu machen, damit die Totenschau gehalten werden

könnte. Auch Tom und ich liefen spornstreichs nach Hause; ganz atemlos

kamen wir zu Onkel Silas, Tante Sally und Benny hereingestürzt und Tom

rief:

»Wir zwei, ich und Huck, haben ganz allein mit einem Schweißhund

Jupiter Dunlaps Leiche gefunden. Alle hatten es aufgegeben; ohne uns

hätte man sie niemals entdeckt. Er ist doch ermordet worden, mit einem

Knüttel hat man ihn totgeschlagen; aber ich will den Mörder schon

finden, er soll mir nicht entgehen, so wahr ich Tom heiße.«

Tante Sally und Benny sprangen bleich und erschrocken auf, aber Onkel

Silas fiel vorn über vom Stuhl auf den Boden und rief ächzend: »Gott

erbarme sich meiner -- _du hast ihn schon gefunden_!« --

Zehntes Kapitel.

Bei diesen gräßlichen Worten standen wir wie zu Stein erstarrt und

konnten wohl eine Minute lang kein Glied rühren. Sobald wir uns etwas

von dem Schreck erholt hatten, hoben wir den alten Mann auf und setzten

ihn wieder in seinen Stuhl; er ließ sich von Benny streicheln und

küssen, auch die arme Tante versuchte ihn zu beruhigen. Doch waren sie

beide so verwirrt und außer sich, daß sie kaum wußten, was sie thaten.

Am allerunglücklichsten war aber Tom selbst. Daß er seinen Onkel

vielleicht ins Verderben gestürzt hatte, war ihm fürchterlich. Hätte er

nicht solchen Ehrgeiz gehabt, berühmt zu werden und hätte das Suchen

nach der Leiche aufgegeben, wie die andern Leute, so wäre es ja am Ende

nie herausgekommen. Doch nicht lange, da besann er sich und änderte

seine Gedanken:

»Sag’ das nicht noch einmal, Onkel Silas; solche Reden sind gefährlich

und es ist auch kein Körnchen Wahrheit daran,« versicherte er mit

Bestimmtheit.

Tante Sally und Benny atmeten erleichtert auf bei diesen Worten; aber

der Onkel schüttelte traurig den Kopf.

»Nein, nein -- ich hab’s gethan -- der arme Jupiter -- ich hab’s

gethan!« -- sagte er im Ton der Verzweiflung, während ihm die Thränen

über die Backen liefen. Es war schrecklich mit anzuhören.

Dann erzählte er weiter, es sei an dem Tage geschehen, als Tom und ich

ankamen, bei Sonnenuntergang. Jupiter hatte ihn gequält und geärgert,

bis ihn der Zorn übermannte und er ihm mit seinem Stock über den Kopf

schlug, daß er zu Boden stürzte. Sofort bereute er seine Hitze; er

kniete neben Jupiter hin, hob ihm den Kopf auf und bat, er solle doch

sprechen und sagen, daß er nicht tot sei. Der kam auch bald wieder

zu sich; doch als er sah, wer ihm den Kopf hielt, sprang er, wie zu

Tode erschrocken, auf, war mit einem Satz über den Zaun, lief nach dem

Walde zu und verschwand. Da hoffte Onkel natürlich, er hätte ihm keinen

Schaden gethan.

»Aber ach,« fuhr er fort, »nur die Furcht hatte ihm dies letzte

Fünkchen Lebenskraft eingeflößt, das rasch erlosch; im Gebüsch ist

er dann zusammengebrochen, wo ihm niemand beistehen konnte, und ist

gestorben.«

Der alte Mann jammerte und weinte, er sagte, er sei ein Mörder, er

trüge das Kainszeichen und brächte seine Familie in Schande und

Schmach. Seine Missethat würde entdeckt werden und ihn an den Galgen

bringen.

»Davon ist gar keine Rede,« sagte Tom. »Du hast ihn gar nicht

umgebracht. Ein einziger Schlag ist nicht gleich tödlich. Den Mord hat

ein anderer begangen.«

»Nein, ich habe es gethan, sonst niemand. Wer hätte auch außer mir

etwas gegen ihn haben sollen?«

Er sah uns an als hoffte er, wir würden jemand nennen können, der dem

harmlosen Menschen grollte; allein das war vergebens, wir mußten alle

verstummen. Als er das sah, überfiel ihn die Trauer von neuem; seine

jammervolle Miene war zum erbarmen.

»Aber halt,« rief Tom plötzlich, »jemand muß ihn doch begraben haben.

Wer kann das denn --«

Weiter kam er nicht. Ich wußte wohl warum, und es überlief mich kalt.

Hatten wir doch beide Onkel Silas in jener Nacht mit der langen

Schaufel über der Schulter gesehen. Auch Benny mußte ihn bemerkt haben;

sie hatte einmal etwas davon erwähnt. Tom war nun eifrig bemüht, Onkel

zu überreden, daß er sich nicht verraten solle; wir andern stimmten ihm

bei und sagten, wenn Onkel schwiege, würde man es nie erfahren und er

dürfe sich nicht selbst anklagen, weil es uns allen das Herz brechen

würde, wenn ihm ein Leid geschähe. Es würde niemand Nutzen bringen und

die Seinigen nur unglücklich machen. Zuletzt versprach er es denn auch

und wir suchten ihn nun nach Kräften zu trösten und aufzuheitern. Ueber

der ganzen Sache würde bald Gras wachsen, sagten wir, und kein Mensch

würde mehr daran denken. Gegen Onkel Silas Verdacht zu schöpfen könne

niemand auch nur im Traum einfallen; er stehe in viel zu gutem Ruf und

sei so lieb und freundlich gegen jedermann.

Tom Sawyers Neue Abenteuer · 第 10 / 13 段