neuen Plan fertig. Es schien uns am klügsten, leise in die Kajüte
zurückzuschleichen, das Papier wieder an Ort und Stelle zu legen und zu
thun, als hätten wir nicht gemerkt, daß er uns mit seinem verstellten
Schnarchen nur zum Besten hielt. Wir wollten ihm nicht von der Seite
gehen und ihn am ersten Abend nach der Landung betrunken machen, seine
Kleider durchsuchen, die Diamanten nehmen und ihm womöglich den Garaus
machen; denn er würde uns immer auf den Fersen sein, um uns die Beute
wieder abzujagen, und wir wären keinen Augenblick unseres Lebens
sicher. Das Gelingen des Plans war mir jedoch sehr zweifelhaft. Bud
betrunken zu machen, hatte keine Schwierigkeit, aber was nützte es,
wenn wir hernach suchten und suchten und doch nichts fanden.
»Plötzlich fuhr mir ein Gedanke durch den Kopf, der mir fast den
Atem benahm; doch dann wurde mir auf einmal ganz froh und leicht zu
Mute. Ich hatte nämlich gerade meinen Stiefel in der Hand, um ihn
anzuziehen, und als ich einen Blick auf die Sohle warf, mußte ich an
den rätselhaften kleinen Schraubenzieher denken. Erinnert ihr euch noch
daran?«
»Das will ich meinen,« rief Tom ganz aufgeregt.
»Na, wie ich den Absatz ansah, wußte ich auf einmal, wo Bud die
Diamanten versteckt hatte. Schaut her -- das Stahlplättchen hier ist
mit kleinen Schrauben festgemacht; die einzigen Schrauben, die der
Mensch an sich trug, waren an seinem Stiefelabsatz, und wenn er einen
Schraubenzieher brauchte, so wußte ich wohl wozu.«
»Ist das nicht famos, Huck?« rief Tom dazwischen.
»Als wir in die Kajüte kamen, schnarchte Bud Dixon noch immer, und auch
Hal Clayton schlief bald ein, aber ich nicht -- in meinem Leben war ich
noch nicht so wach gewesen; ich spähte auf dem Boden umher nach einem
Stückchen Leder. Lange konnte ich nichts entdecken, aber endlich fand
ich’s. Es war ein rundes, kleines Pflöckchen, fast von der Farbe des
Teppichs und etwa so dick wie die Spitze meines kleinen Fingers. ›Aha,‹
dachte ich, ›in dem Nest, wo das herausgekommen ist, liegt jetzt ein
Diamant.‹ Auch das zweite Pflöckchen fand ich nach einigem Suchen.
»Nun stellt euch einmal diese Unverschämtheit vor! Der Kerl hatte
sich ganz genau überlegt, was wir thun würden und wir Dummköpfe waren
blindlings in die Falle gerannt. Während wir ihn oben auf dem Sturmdeck
erwarteten, um ihn ins Wasser zu werfen, saß er unten, schraubte sich
in aller Gemütsruhe die Stahlplättchen ab, schnitt Löcher in seine
Absätze, steckte die Diamanten hinein und schraubte die Plättchen
wieder fest. Ein Schlaufuchs erster Sorte, nicht wahr?«
»Nein, so was ist mir noch nicht vorgekommen!« rief Tom voller
Bewunderung.
Viertes Kapitel.
»Es war ein saueres Stück Arbeit, den ganzen Tag über noch zu thun,
als ob wir einander beobachteten, das versichere ich euch. Gegen Abend
landeten wir bei einem Städtchen in Missouri, kehrten in einer Schenke
ein und ließen uns nach dem Nachtessen ein Schlafzimmer zu dreien
im obern Stock geben. Der Wirt ging mit dem Licht voran und wir im
Gänsemarsch hinterdrein, die Treppe hinauf. Ich kam zuletzt und schob
meinen Reisesack unter den tannenen Tisch auf dem dunkeln Vorplatz. Wir
ließen uns eine tüchtige Portion Whisky bringen und spielten Karten
um Fünfcentstücke. Als wir die Wirkung des Whisky spürten, hörten wir
beide auf zu trinken, schenkten aber Bud immer wieder ein, bis er toll
und voll war. Er fiel vom Stuhl, lag am Boden und schnarchte.
»Nun ging es ans Geschäft. Ich schlug vor, wir wollten ihm die Stiefel
ausziehen und unsere auch, damit es keinen Lärm machte, wenn wir ihn
um und um kehrten und ihn durchsuchten. Das geschah, und ich stellte
meine Stiefel neben Buds, damit ich sie bei der Hand hätte. Wir zogen
ihn aus, befühlten alle Nähte seiner Kleider, suchten in seinen
Taschen und Socken, auch inwendig in seinen Stiefeln, kurz überall;
auch sein Bündel machten wir auf, fanden aber keine Diamanten. Als der
Schraubenzieher zum Vorschein kam, fragte Hal: ›Was kann er wohl damit
wollen?‹ Ich sagte, das wüßte ich nicht, aber sobald er sich abwandte
steckte ich ihn ein. Endlich sah Hal ganz niedergeschlagen aus und
meinte, wir müßten es aufgeben. Darauf hatte ich nur gewartet.
»›Etwas haben wir noch nicht durchsucht.‹
»›Was denn?‹ fragte er.
»›Seinen Magen.‹
»›Wahrhaftig, daran habe ich nicht gedacht. Das ist die Lösung des
Rätsels, so wahr ich lebe. Wie wollen wir’s anfangen?‹
»›Na,‹ sagte ich, ›bleib’ du hier bei ihm, und ich will in die Apotheke
gehen und ein Mittel holen, das die Diamanten rasch ans Tageslicht
fördern soll.‹
»Er war’s zufrieden, und ich zog vor seiner Nase Buds Stiefel an statt
meiner eigenen, ohne daß er’s merkte. Ein wenig zu groß waren sie
mir freilich, aber das schadete nicht so viel, als wenn sie zu klein
gewesen wären. Ich tappte im Dunkeln durch den Vorplatz, nahm den
Reisesack mit und war in der nächsten Minute zur Hinterthür hinaus.
»Mit Siebenmeilenschritten ging’s nun am Fluß entlang; mir war dabei
gar nicht schlecht zu Mut, ich marschierte ja auf Diamanten. Nach der
ersten Viertelstunde hatte ich schon eine große Strecke zurückgelegt.
Alle fünf Minuten dachte ich daran, wie Hal Clayton auf meine Rückkehr
wartete und immer unruhiger wurde. ›Jetzt fängt er an zu fluchen,‹
sagte ich zu mir, ›und allmählich geht ihm ein Licht auf. Er bildet
sich ein, ich hätte die Diamanten gefunden, als wir Bud durchsuchten,
sie heimlich in die Tasche geschoben und mir nichts merken lassen.
Natürlich wird er gleich meiner Spur folgen, aber ich habe doch
wenigstens einen guten Vorsprung.‹
»Indem kam ein Mann auf einem Maultier dahergeritten, und ohne zu
überlegen sprang ich ins nächste Gebüsch. Das war dumm! Eine Weile
hielt der Mann still, um zu sehen, ob ich wieder herauskäme, dann ritt
er weiter. Das konnte mir sehr zum Nachteil gereichen, wenn er etwa auf
Hal Clayton stieß und der ihn ausfragte.
»Um drei Uhr morgens kam ich nach Alexandria und als ich den Raddampfer
vor Anker liegen sah, war ich heilfroh und glaubte, jetzt sei ich
gerettet. Es dämmerte bereits und ich ging an Bord, ließ mir die Kajüte
hier geben, zog diese Kleider an und setzte mich neben das Ruderhaus,
damit mir nichts entgehen könne. Ich wartete mit großer Ungeduld auf
die Abfahrt des Bootes, aber es rührte sich nicht. Die Maschine wurde
erst ausgebessert, doch davon hatte ich keine Ahnung.
»Es wurde Mittag bis wir absegelten und ich hatte mich längst in der
Kajüte eingeschlossen. Schon vor dem Frühstück sah ich nämlich von
fern einen Mann herankommen, dessen Gang mich an Hal Clayton erinnerte
und mir wurde übel und weh. Wenn er mich hier auf dem Boot ausfindig
machte, so saß ich wie eine Ratte in der Falle. Er brauchte nur zu
warten bis ich ans Land ging und mir zu folgen. An einem abgelegenen
Ort würde er mich zwingen die Diamanten herauszugeben und dann -- ja
dann war’s um mich geschehen. O, es ist gräßlich -- entsetzlich! Und
wenn ich mir nun vorstelle, daß der _andere_ auch an Bord ist! Sagt
selbst, Jungens, ist das nicht ein schreckliches Mißgeschick? -- Aber,
nicht wahr, ihr verlaßt mich nicht! Ihr helft einem armen Teufel durch,
den man zu Tode hetzen will. Auf den Knieen will ich euch verehren,
wenn ihr mir beisteht und mich rettet.«
Wir thaten was wir konnten, um ihn zu beruhigen: wir versprachen ihm
unsere Hilfe, machten allerlei Pläne und redeten ihm seine übergroße
Furcht aus. Da wurde er bald wieder zuversichtlicher und zuletzt
schraubte er gar die Plättchen von seinen Absätzen und hielt die
Diamanten bald so bald so gegen das Licht. Nein, wie sie funkelten
und glitzerten und ihr Feuer nach allen Seiten ausstrahlten! Es war
schön, das muß ich sagen. Aber er kam mir doch vor wie ein rechter
Narr. Ich an seiner Stelle hätte den beiden Spießgesellen die Diamanten
ausgeliefert und ihnen gesagt, nun sollten sie ans Land gehen und mich
in Ruhe lassen. Doch das fiel ihm gar nicht ein. Er meinte, es wäre ein
ganzes Vermögen; der Gedanke es zu verlieren schien ihm unerträglich.
Zweimal mußten wir anlegen, um die Maschine in Ordnung zu bringen, was
eine ganze Weile dauerte. Die Nacht war aber nicht dunkel genug; er
hätte sich schwerlich unbemerkt aus dem Staube machen können. Gegen
ein Uhr nachts kamen schwarze Wolken am Himmel herauf, ein Gewitter
war im Anzug. Wir hatten an einem Holzhof angelegt, noch etwa vierzig
Meilen von Onkel Silas’ Farm, und Jack hielt die Gelegenheit für
günstig. Es regnete stark, der Sturm brach los, und die Leute, die das
Holz einluden, zogen sich zum Schutz grobe Säcke über den Kopf. Auch
Jack verschafften wir einen. Er nahm seine Reisetasche, lief aufs
Hinterdeck, kam dann wie die andern Matrosen nach vorn marschiert und
ging mit ihnen ans Land. Als er aus dem Bereich der Fackeln war und in
der Finsternis verschwand, holten wir tief Atem und waren voller Dank
und Freude. Allein das Vergnügen dauerte nicht lange. Kaum zehn Minuten
vergingen, da stürmten die beiden schlimmen Gesellen auf Deck; sie
sprangen ans Ufer und wir sahen sie nicht wieder. Bis zum Morgengrauen
warteten wir und hofften sie würden zurückkommen, allein vergebens.
Vielleicht hatten sie aber doch Jack nicht mehr einholen können und
seine Spur verloren; darauf setzten wir unser ganzes Vertrauen.
Er wollte am Fluß entlang gehen und sich in dem Ahornwäldchen hinter
Onkel Silas’ Tabakfeld verbergen. Dort hatten wir versprochen ihn zu
treffen, sobald es dämmerig würde und ihm Nachricht zu bringen, ob
seine Brüder Brace und Jupiter zu Hause wären und keinen fremden Besuch
hätten.
Tom und ich sprachen lange darüber, wie es ihm wohl ergehen würde.
Rannten seine Verfolger flußaufwärts statt abwärts, dann war er
gerettet. Aber das ließ sich kaum erwarten. Wahrscheinlich, meinte
Tom, würden sie ihm tagsüber auf den Fersen bleiben, ohne daß er
Argwohn schöpfte, und sobald es dunkelte ihn umbringen und ihm die
Stiefel fortnehmen. -- Das betrübte uns sehr.
Fünftes Kapitel.
Erst spät am Nachmittag war die Maschine fertig ausgebessert. Als wir
nicht weit von Onkel Silas’ Farm anlegten, ging die Sonne bereits
unter. So liefen wir denn zuerst spornstreichs nach dem Ahornwäldchen,
um Jack den Grund der Verzögerung mitzuteilen, damit er auf uns
wartete, bis wir bei Brace gewesen wären und wüßten, wie die Sachen
standen. Gerade als wir keuchend um die Ecke bogen und die Ahornbäume
schon von fern sahen, kamen zwei Männer quer über den Weg in das
Wäldchen gesprungen und wir hörten einen gräßlichen Hilfeschrei,
der sich mehrmals wiederholte. »Jetzt haben sie den armen Jack
umgebracht,« sagten wir und flohen voll Todesangst nach dem Tabakfeld.
Kaum hatten wir uns dort versteckt und zitterten noch wie Espenlaub,
als wir abermals zwei Männer an uns vorbeilaufen und in dem Wäldchen
verschwinden sahen. Schon im nächsten Augenblick kamen ihrer vier
wieder heraus: zwei hatten die Flucht ergriffen und zwei verfolgten sie.
Kalter Angstschweiß perlte uns auf der Stirn, während wir auf dem
Boden lagen und horchten; doch vernahmen wir keinen andern Laut als
das Pochen unserer Herzen. Immer mußten wir an den Ermordeten drüben
im Wäldchen denken und uns gruselte als wäre uns ein Gespenst in
nächster Nähe. Plötzlich kam der Mond hinter den Baumwipfeln hervor,
groß, rund und glänzend, wie ein Gesicht, das durch die Eisenstäbe der
Gefängniszelle guckt. Schwarze Schatten und weiße Flecken huschten
hierhin und dorthin; es war unheimlich still ringsum, nur der Nachtwind
stöhnte in den Zweigen. Da flüsterte Tom auf einmal: »Sieh! -- was ist
das?«
»Du brauchst mich nicht noch unnötig zu erschrecken; ich bin sowieso
schon halb tot,« rief ich.
»Aber, so sieh doch, was da aus dem Ahornwäldchen herauskommt!«
»Hör’ auf, Tom!«
»Eine riesige Gestalt; sie kommt auf uns zu!«
Er hatte vor Erregung kaum Atem genug zum flüstern. Ich wollte nicht
hinsehen und doch that ich’s. Wir knieten jetzt beide auf der Erde,
stützten das Kinn auf den Lattenzaun und starrten in Schweiß gebadet
die Straße ’runter. Die Gestalt ging im Schatten der Bäume, man konnte
sie erst ordentlich sehen, als sie dicht in unserer Nähe war und ins
helle Mondlicht hinaustrat. Da fielen wir um wie vom Donner gerührt --
kein Zweifel, es war Jack Dunlaps Geist! --
Ein paar Minuten lagen wir regungslos da; als wir wieder aufsahen war
das Gespenst verschwunden.
»Du,« flüsterte Tom, »Gespenster sehen doch immer grau und neblig aus,
als ob sie lauter Dunst wären; aber dieses gar nicht.«
»Nein; ich hab’ seine Brille und den Schnurrbart ganz deutlich erkannt.«
»Ja, und den Anzug -- die grün und schwarz gewürfelten Hosen --«
»Die feuerrote Weste von Baumwollsammet mit den gelben Punkten --«
»Die ledernen Stege unten am Hosenbein -- einer war nicht
angeknüpft --«
»Ja, und der Hut -- eine richtige hohe Angströhre mit breiter Krempe.«
»Glaubst du, Huck, daß es ebensolches Haar hatte wie er?«
»Ja -- doch bin ich nicht ganz sicher.«
»Ich auch nicht; aber den Reisesack hab’ ich in seiner Hand gesehen.«
»Haben denn Gespenster einen Reisesack, Tom?«
»Warum nicht, Huck? Aber natürlich aus Gespensterstoff, wie die Kleider
und alles. Stell’ dich doch nicht so dumm an!«
Jetzt kamen Bill Withers und sein Bruder Hans an uns vorüber. Sie waren
in ihr Gespräch vertieft, wir verstanden aber alles, was sie sagten:
»Es sah aus als könnte er es kaum mehr schleppen,« meinte Bill.
»Jawohl, schwer schien es zu sein. Es war gewiß ein Neger, der dem
alten Pfarrer Silas Korn gestohlen hat,« sagte Hans.
»Das dachte ich gleich und that, als bemerkte ich ihn nicht.«
»So hab’ ich’s auch gemacht. Hahaha!«
Also, Onkel Silas war so unbeliebt geworden, daß die Leute lachten,
wenn ihm ein Dieb sein Korn stahl! Wie war das nur möglich?
Bald hörten wir wieder Stimmen; je näher sie kamen, um so lauter wurde
das Gespräch. Es waren zwei Nachbarn, Lem Beebe und Jim Lane.
»Wer?« fragte Jim, -- »Jupiter Dunlap?«
»Ja, ganz gewiß,« entgegnete Lem.
»Hm. Vor etwa einer Stunde, eben als die Sonne unterging, hab’ ich
ihn mit dem Spaten gesehen; sie gruben ein Stück Land um, er und der
Pfarrer. Seinen Hund wollte er uns leihen, sagte er, aber er selber
käme heute abend wahrscheinlich nicht.«
»Er wird wohl zu müde sein von der schweren Arbeit.«
»Verlaß dich drauf. Haha!«
Sie gingen lachend weiter; Tom sprang auf und wir folgten ihnen
von fern. Dem Gespenst ganz allein zu begegnen, wäre doch gar zu
unbehaglich gewesen.
Dies alles geschah am 2. September, einem Sonnabend. Den Tag werde ich
nie vergessen; man wird bald erfahren weshalb.
Sechstes Kapitel.
Schon sahen wir die Lichter vom Hause zu uns herüberscheinen, und die
Hunde kamen alle herbeigelaufen, uns zu begrüßen, da sagte Tom:
»Warte noch ’nen Augenblick. Wenn wir jetzt ’reinkommen, meinst du
wohl, ich müßte gleich unser ganzes Abenteuer erzählen, daß alle Mund
und Nase aufsperren vor Verwunderung?«
»Versteht sich; solche Gelegenheit wirst du dir doch nicht entgehen
lassen, Tom.«
»Na, da irrst du dich gewaltig. Kein Sterbenswörtchen verraten wir
davon und zwar aus sehr nahe liegenden Gründen. Sag ’mal, Huck -- ging
das Gespenst barfuß?«
»Bewahre, es hatte ja Stiefel an.«
»Hast du das wirklich gesehen? Kannst du ’nen Eid darauf leisten?«
»Jawohl, das kann ich.«
»Ich auch. Und das ist der beste Beweis dafür, daß die Diebe die
Diamanten nicht gefunden haben. Natürlich nicht -- die zwei andern
Männer haben sie ja vertrieben, ehe sie der Leiche die Stiefel
ausziehen konnten; deshalb trug sie das Gespenst auch noch.«
»Stiefel aus dem Geisterstoff wie die andern Kleider, nicht wahr, Tom?«
»Freilich. Und weißt du, Huck, was nun geschieht? Die zwei Männer
erzählen, sie hätten das Geschrei gehört, die Mörder verjagt, aber den
Fremden nicht retten können. Nun kommt die Totenschau, besichtigt alles
an Ort und Stelle, und ehe man die Leiche begräbt, werden ihre Sachen
versteigert, um die Kosten herauszuschlagen. Dann ist unser Glück
gemacht.«
»Wieso?«
»Na, das ist doch klar: Wir kaufen die Stiefel für zwei Dollars.«
»Und kriegen die Diamanten?«
»Versteht sich. Eines schönen Tages wird man eine hohe Belohnung dafür
bieten -- wenigstens tausend Dollars. Und das ist unser Geld. -- Jetzt
komm ins Haus; aber von den Räubern, den Diamanten und dem Mord weißt
du keine Silbe -- das merke dir.«
»Wie sollen wir es aber Tante Sally erklären, wenn sie fragt, warum
wir erst so spät kommen und wo wir so lange geblieben sind?«
»Das überlasse ich dir; du wirst schon eine Ausrede finden.«
Das sah Tom ganz gleich. Er war viel zu wahrheitsliebend um selbst eine
Lüge zu sagen.
Wir gingen nun quer über den Hof, wo wir zu unserer Freude alles
unverändert fanden, und kamen in den bedeckten Gang zwischen dem
Holzschuppen und der Küche. Da hingen noch mancherlei Gegenstände,
die wir kannten, unter anderm auch Onkel Silas’ grüner Arbeitskittel
mit der Kaputze und dem weißen Flicken zwischen den Schultern, der
immer aussah, als hätte ihn jemand mit ’nem Schneeball geworfen. Rasch
drückten wir auf die Klinke der Stubenthür und traten ein.
Tante Sally wirtschaftete im Zimmer herum; in einer Ecke saßen die
Kinder auf einem Häufchen, in der andern las der Onkel im Gebetbuch.
Tante fiel uns gleich vor Freuden um den Hals, dann zauste sie uns bald
an den Haaren, bald drückte sie uns ans Herz, während ihr helle Thränen
über die Backen liefen, so froh war sie, uns wiederzusehen.
»Wo habt ihr Taugenichtse euch denn so lange herumgetrieben?« rief
sie. »Ich hab’ mir um euch schier die Seele aus dem Leib geängstet.
Eure Siebensachen sind schon vor ’ner Ewigkeit angekommen, und viermal
hab’ ich das Essen wieder aufgewärmt, damit ihr nicht zu warten
braucht. Die Haut sollte man euch über die Ohren ziehen. Aber nun setzt
euch nur, ihr müßt ja halb verhungert sein; setzt euch, ihr armen
Jungen, und laßt’s euch schmecken.«
O, wie behaglich saß sich’s dort an der reich besetzten Tafel! Onkel
Silas sprach sein längstes Tischgebet und bald stand ein aufgehäufter
Teller an meinem Platz. Als ich gerade im besten Schmausen war, fragte
die Tante plötzlich, wo wir denn gewesen wären.
Ich hatte mir’s schon zum voraus überlegt:
»Wir sind zu Fuß durch den Wald gegangen,« sagte ich, »da sind uns
Lem Beebe und Jim Lane begegnet und haben uns aufgefordert mit ihnen
Heidelbeeren zu suchen; Jupiter Dunlap wollte ihnen seinen Hund dazu
leihen, das hatte er ihnen gerade versprochen -- --«
»Wo haben sie ihn gesehen?« fiel mir der alte Silas auf einmal so
hastig in die Rede, daß ich verwundert dreinschaute und ganz verwirrt
wurde, weil er mich mit durchbohrenden Blicken ansah. Aber ich nahm
mich zusammen und antwortete: »Als Ihr mit ihm das Stück Land umgrubet,
bei Sonnenuntergang.«
»Hm,« sagte er mit enttäuschter Miene und nahm weiter keine Notiz von
mir, während ich fortfuhr: »Wir gingen mit, und -- --«
»Schweig still mit deinem Unsinn, Huck Finn,« rief jetzt Tante Sally
entrüstet; »wer hat je davon gehört, daß man bei uns im September
Heidelbeeren pflückt und obendrein zur Nachtzeit? Was soll der Hund
dabei -- vielleicht die Heidelbeeren aufspüren?« --
»Sie sagten -- sie hätten eine Laterne -- --« stammelte ich.
»An dem allen ist kein wahres Wort. Ich weiß, ihr habt irgend einen
dummen Streich gemacht, da müßte ich euch beide nicht kennen. Na, Tom,
heraus mit der Sprache, nicht erst lange gefackelt!«
Tom nahm eine gekränkte Miene an. »Wie kannst du nur den armen Huck
schelten, Tante, bloß weil er sich versprochen hat. Er meint natürlich
Erdbeeren, wenn er Heidelbeeren sagt. Das weiß doch ein jedes Kind,
daß man in der ganzen Welt -- nur nicht hier in Arkansas -- einen Hund
und eine Laterne mitnimmt, wenn man Erdbeeren suchen geht.«
Nun riß aber Tante Sally der Geduldsfaden; sie wurde ernstlich böse
und schüttete einen ganzen Schwall von Worten, die sie gar nicht
schnell genug heraussprudeln konnte, über unsere schuldigen Häupter
aus. Darauf hatte Tom aber wie gewöhnlich gerechnet. Er ließ sie sich
immer in Zorn reden und schwieg mäuschenstill, bis ihre Hitze verflogen
war; dann wollte sie meist vor Aerger keine Silbe mehr über die ganze
Angelegenheit hören. So kam es auch diesmal. Als sie sich heiser
gesprochen hatte und einen Augenblick Atem schöpfen mußte, sagte Tom in
aller Seelenruhe:
»Und trotzdem weiß ich doch, Tante --«
»Schweig’ still,« rief sie; »du thust den Mund nicht mehr auf, das sage
ich dir!«
So kamen wir aus aller Verlegenheit und von der Verzögerung unserer
Ankunft war nicht mehr die Rede. Das hatte Tom wirklich schlau
eingerichtet.
Siebentes Kapitel.
Benny machte ein sehr ernstes Gesicht und seufzte auch hin und wieder;
aber bald fing sie an sich nach Toms Geschwistern Mary und Sid zu
erkundigen und besonders nach Tante Polly. Allmählich erheiterte sich
auch Tante Sallys Miene, ihre gute Laune kehrte zurück, sie fragte
uns dieses und jenes und war wieder so gut und lieb wie immer, so daß
unser Abendessen noch einen ganz lustigen Verlauf nahm. Nur der alte
Silas beteiligte sich nicht an der Unterhaltung; er war unruhig und
zerstreut, auch stieß er oft so tiefe Seufzer aus, daß es einem in der
Seele wehthat, ihn so verstört und bekümmert zu sehen.
Eine Weile nach dem Abendessen klopfte es an die Thür; ein Neger
steckte den Kopf herein, er trug seinen alten Strohhut in der Hand und
sagte unter vielen Bücklingen und Kratzfüßen, sein Herr, Massa Brace,
warte draußen am Zaun und lasse den Massa Silas fragen, wo sein Bruder
wäre, der zum Essen nicht nach Hause gekommen sei.
Da fuhr Onkel Silas so heftig auf, wie ich es noch nie von ihm gehört
hatte: »Bin ich etwa seines Bruders Hüter?« Gleich nachher war es ihm
aber wieder leid, er sank in sich zusammen und sprach im sanftesten Ton:
»Du brauchst ihm das nicht zu wiederholen, Billy, ich bin seit einigen
Tagen gar nicht wohl und so reizbar, daß ich meine Worte nicht wägen
kann. Er ist nicht hier, sage ihm das.«
Als der Neger fort war, ging der alte Mann ruhelos in der Stube auf und
ab, wobei er fortwährend unverständliche Worte murmelte und sich mit
den Händen ins Haar fuhr. Es war recht jämmerlich anzusehen; doch Tante
Sally flüsterte uns zu, nicht acht auf ihn zu geben. Sie sagte, seit so
viel Mißgeschick über ihn gekommen sei, gerate er oft tief in Gedanken
und wisse kaum mehr, was er thue und treibe. Auch bei Nacht wandle er
viel häufiger als früher im Schlaf, entweder nur im Hause oder auch
draußen im Freien. Wenn wir ihn einmal dabei beträfen, sollten wir ihn
ruhig gehen lassen und ihn ja nicht aufwecken. Es könne ihm niemand
helfen, außer Benny, die ihn am besten zu behandeln verstehe.
Auch diesmal schlich sie sich an seine Seite, als er anfing müde
zu werden von dem ewigen Hin- und Herwandern. Sie schlang ihren Arm
um ihn und ging mit, bis er lächelnd auf sie herabschaute und sich
niederbeugte um sie zu küssen. Allmählich wich der gequälte Ausdruck
aus seinem Gesicht und er ließ sich von ihr auf sein Zimmer geleiten.
Es war eine Freude, den liebevollen Verkehr von Vater und Tochter zu
sehen.
Tante Sally mußte nun die Kinder zu Bett bringen und da Tom und ich
anfingen uns zu langweilen, machten wir noch einen Gang bei Mondschein
in das Feld, wo die reifen Wassermelonen standen. Wir aßen nach
Herzenslust und besprachen dabei mancherlei. Tom meinte, er hege nicht
den geringsten Zweifel, daß Jupiter ganz allein an dem Streit schuld
sei. Bei erster Gelegenheit werde er sich Gewißheit darüber verschaffen
und dann Onkel Silas nach Kräften bereden ihn fortzuschicken.
Wohl zwei Stunden lang schwatzten, rauchten und schmausten wir dort.
Als wir ins Haus zurückkehrten war es ganz still und dunkel; alle
hatten sich zur Ruhe begeben.
Tom, dem nichts entging, bemerkte jetzt, daß der alte grüne
Arbeitskittel seltsamerweise von dem Nagel verschwunden war, wo er ihn
noch vorhin hatte hängen sehen. Dann suchten wir unsere Schlafkammer
auf.
Im Nebenzimmer hörten wir Benny noch lange herumhantieren; sie sorgte
sich gewiß um ihren Vater und fand keinen Schlaf. Auch wir waren
viel zu aufgeregt, um zu Bette zu gehen; so blieben wir denn wach,
unterhielten uns im Flüsterton und waren in recht trübseliger Stimmung.
Wir sprachen immer wieder von dem Ermordeten und dem Gespenst, bis uns
so unheimlich und gruselig zu Mute wurde, daß von Einschlafen keine
Rede sein konnte.
Es war schon spät in der Nacht, als mich Tom plötzlich mit dem
Ellenbogen stieß und nach dem Fenster deutete. Ich sah hin; drunten im
Hof trieb sich ein Mann herum, doch konnte ich ihn bei der Dunkelheit
nicht erkennen. Jetzt kletterte er über den Zaun und da kam gerade der
Mond heraus und schien auf den weißen Flicken des alten Arbeitskittels.