wenn sie einen befällt, hat man immerzu Herzweh, man weiß nicht wonach.
Man möchte weit weg von dem ewigen Einerlei der alltäglichen Dinge,
die einem zum Ueberdruß sind. Etwas Neues sehen und als Wanderer in
fremde Länder ziehen, wo alles wunderschön, geheimnisvoll und noch nie
dagewesen ist -- ja, danach sehnt man sich. Doch nimmt man allenfalls
auch mit einer kleineren Wanderschaft fürlieb und ist froh, wenn man
überhaupt fort kann.
Also, wir beide litten stark am Frühlingsfieber, Tom Sawyer und ich.
Aber es war gar keine Aussicht vorhanden, daß Tom etwa die Schule
versäumen und über Land gehen durfte; seine Tante Polly hielt das
für Zeitverschwendung und hätte es nie zugegeben. Recht mutlos und
niedergeschlagen saßen wir eines Tages gegen Sonnenuntergang draußen
auf den Steinstufen und bliesen Trübsal; da kam Tante Polly mit einem
Brief in der Hand gegangen.
»Tom,« sagte sie, »du wirst wohl dein Bündel schnüren müssen, um dich
nach Arkansas auf den Weg zu machen -- Tante Sally verlangt nach dir.«
Ich hätte vor Freude aus der Haut springen mögen und glaubte nicht
anders, als daß Tom seiner Tante um den Hals fallen und sie halbtot
herzen würde; aber er saß stockstill da und that keinen Mucks. Warum er
nur solch ein Narr war, die herrliche Gelegenheit, die sich ihm bot,
nicht beim Schopf zu fassen? Sie konnte ihm leicht entgehen, wenn er
jetzt nicht bald den Mund aufthat und sagte, wie froh und dankbar er
wäre. Ich war ganz außer mir und dem Weinen nahe, als er immer weiter
lernte und lernte und zuletzt ganz gelassen sagte:
»Es thut mir sehr leid, Tante, aber davon kann wirklich jetzt keine
Rede sein!« -- Da hätt’ ich ihn totschießen können.
Tante Polly war wie vor den Kopf geschlagen und so voll Zorn über die
freche Antwort, daß sie eine ganze Minute lang sprachlos dastand und
mir Zeit ließ, Tom einen Puff zu geben und ihm zuzuflüstern:
»Bist du denn übergeschnappt? Wie kannst du ein solches Glück wegwerfen
und mit Füßen treten?«
Aber das machte ihm keinen Eindruck. »Schweig still, Huck Finn,«
brummte er, »soll sie’s etwa merken, daß ich für mein Leben gern hin
möchte? Gleich würden ihr tausend Zweifel kommen -- lauter eingebildete
Krankheiten, Gefahren und Hindernisse. Im Handumkehren hätte sie die
Erlaubnis zurückgenommen. Laß mich nur machen, ich weiß schon, wie man
sie behandeln muß.«
Na, so was wäre mir nie eingefallen; aber Tom hatte recht, wie immer.
Ein Schlaukopf erster Sorte und nie unbesonnen -- der läßt sich nicht
verblüffen. Jetzt hatte Tante Polly sich vom Schreck erholt, und nun
ging’s los:
»So -- davon kann nicht die Rede sein? Hat man je so was gehört! Und
das sagst du mir ins Gesicht? -- Auf der Stelle gehst du hinauf und
packst deine Siebensachen. Kein Wort mehr, das bitt’ ich mir aus --
sonst setzt’s Hiebe.«
Sie gab ihm noch eine Kopfnuß mit dem Fingerhut als wir uns duckten
und rasch an ihr vorbeiliefen. Tom fing an zu flennen und wir sprangen
die Treppe hinauf. Oben in seinem Zimmer fiel er mir um den Hals und
war wie wahnsinnig vor Freude, weil’s nun auf die Reise ging.
»Sie wird’s bald bereuen, daß sie mich fortgelassen hat,« sagte er.
»Aber nun weiß sie keinen Ausweg und kann’s nicht wieder rückgängig
machen, dazu ist sie viel zu stolz.«
In zehn Minuten war Tom mit packen fertig, bis auf das, was seine Tante
und Mary an Sachen dazu thun würden; dann wartete er noch zehn Minuten,
damit sich ihr Zorn abkühlen und sie wieder sanft und freundlich werden
sollte. »Wenn sie nur halb aus dem Häuschen ist,« sagte er, »braucht
sie zehn Minuten sich zu erholen; habe ich sie aber ganz wild gemacht,
dann dauert es zwanzig Minuten, und das ist jetzt so ein Fall.« Nun
gingen wir rasch hinunter, weil wir vor Neugierde brannten zu hören,
was Tante Sally eigentlich geschrieben hatte.
Der Brief lag auf Tante Pollys Schoß und sie saß ganz in Gedanken
versunken da. Als wir Platz genommen hatten, sagte sie:
»Unsere Leute dort unten sind in großer Trübsal; sie hoffen, ihr werdet
sie zerstreuen, du und Huck Finn, und ein rechter Trost für sie sein.
Na, ihr beide seid mir ein paar nette Tröster! -- Die Sache ist nämlich
so: Ein Nachbar von ihnen, Brace Dunlap, hat vor drei Monaten um die
Hand ihrer Benny angehalten. Sie haben lange mit der Antwort gezögert
und ihm endlich geradeheraus erklärt, daß aus der Heirat nichts werden
könnte. Das hat er ihnen sehr übel genommen, und nun machen sie sich
Kummer darüber. Mir scheint, sie wollen’s nicht ganz mit dem Nachbar
verderben, denn um ihn zu versöhnen haben sie seinen nichtsnutzigen
Bruder als Gehilfen auf der Farm in Dienst genommen, obgleich ihre
Mittel das kaum erlauben und der Mensch ihnen so wie so nur im Wege
ist. Wer sind denn diese Dunlaps?«
»Sie wohnen etwa eine Meile von Onkel Silas’ Besitzung, Tante -- alle
Farmen dort in der Gegend sind gleich weit von einander entfernt. Brace
Dunlap ist viel reicher als die andern Nachbarn und hat einen ganzen
Haufen Neger. Er ist ein kinderloser Witwer, sechsunddreißig Jahre alt,
dabei sehr stolz und hochfahrend, so daß alle Welt vor ihm zu Kreuze
kriecht. Vermutlich hat er gedacht, er brauchte nur bei irgend einem
Mädchen anzuklopfen, das er zur Frau wollte; es wird ihn nicht wenig
gewundert haben, daß er Benny nicht bekommen kann. Sie ist nur halb
so alt wie er und das süßeste, reizendste -- -- na, du kennst Benny
ja selbst. Mir thut nur der arme alte Onkel Silas leid, der sich aufs
äußerste einschränken muß und einen Thunichtgut wie den Jupiter Dunlap
in Dienst nimmt, bloß um seinem hochnasigen Bruder einen Gefallen zu
thun.«
»Ist das ein Name -- Jupiter! Wo hat er den her?«
»Es ist nur ein Spitzname; wie er eigentlich heißt, weiß wohl kein
Mensch mehr. Man nennt ihn schon siebenundzwanzig Jahre lang so,
seit er zum erstenmal baden ging. Da sieht der Schulmeister, daß er
am linken Bein über dem Knie ein rundes braunes Mal hat, so groß wie
ein Zehnpfennigstück und vier kleinere Mäler drum herum und sagt, es
erinnere ihn an Jupiter und seine Monde. Den Kindern kam das komisch
vor, sie fingen an ihn Jupiter zu nennen, und der Name ist ihm
geblieben bis auf den heutigen Tag. Er ist groß und faul, verschmitzt,
hinterhältig und feige, dabei aber doch wieder gutmütig. Keinen roten
Heller nennt er sein eigen; Brace giebt ihm das Gnadenbrot und seine
abgelegten Kleider, auch seine Verachtung obendrein. Jupiter trägt
langes Haar, aber keinen Bart; er ist ein Zwilling.«
»So? Wie sieht denn der andere Zwillingsbruder aus?«
»Man sagt, er gleicht Jupiter auf ein Haar; wenigstens früher -- jetzt
hat man ihn seit sieben Jahren nicht gesehen. Als er neunzehn oder
zwanzig Jahre alt war, wurde er bei einem Einbruchsdiebstahl ertappt
und ins Gefängnis gesteckt. Aber er entkam nach dem Norden und beging
bald hier bald dort Raub oder Diebstahl; doch das ist lange her. Jetzt
ist er tot; das heißt, die Leute behaupten es -- man hört eben nichts
mehr von ihm.«
»Wie hieß denn der?«
»Jack.«
Es entstand eine Pause; die alte Dame war offenbar mit ihren Gedanken
beschäftigt. Endlich sagte sie:
»Am meisten macht sich Tante Sally Sorge darüber, daß der Onkel immer
in so furchtbaren Zorn gerät über diesen Jupiter.«
»Was,« rief Tom verwundert, »Onkel Silas? Das ist wohl nur ein Scherz
-- der kann ja gar nicht zornig werden!«
»Die Tante schreibt, er wird oft so wütend, daß sie immer fürchtet, er
könnte sich thätlich an dem Mann vergreifen.«
»Da hört aber alles auf! -- Onkel ist ja so sanft wie ein Lamm.«
»Er soll wie ausgewechselt sein durch das ewige Zanken und Streiten.
Die Nachbarn reden schon darüber und schieben alle Schuld auf den
Onkel, weil er ein Prediger ist und Frieden halten müßte. Tante Sally
sagt, er schämt sich ordentlich, auf die Kanzel zu steigen; auch hat
die Gemeinde das Vertrauen zu ihm verloren und er ist gar nicht mehr so
beliebt wie früher.«
»Wie sonderbar! Onkel war doch immer so sanft und freundlich, so
zerstreut, so träumerisch, so voller Einfalt und Herzensgüte, kurz ein
wahrer Engel. Wie kann das nur zugegangen sein?«
Zweites Kapitel.
Wir hatten riesiges Glück. Auf einem Raddampfer, der vom Norden gerade
nach der Sumpfgegend von Louisiana steuerte, kamen wir den ganzen
Mississippi bis zur Farm in Arkansas hinunter und brauchten nicht
einmal in St. Louis das Boot zu wechseln. Eine Fahrt von fast tausend
Meilen in einem Zug.
Man fühlte sich recht einsam auf dem Dampfer, denn die wenigen
Passagiere waren alte Männer, die weit von einander auf Deck saßen
und schliefen oder sich still verhielten. Vier Tage dauerte die Fahrt
auf dem Oberen Mississippi, weil wir so oft auf den Grund gerieten,
aber langweilig fanden wir Jungen es gar nicht -- wie kann man sich
langweilen, wenn man auf Reisen ist! --
Gleich nach der Abfahrt hatten Tom und ich herausgebracht, daß in der
Kajüte neben unserer jemand krank liegen müsse, weil das Essen immer
hineingetragen wurde. Wir erkundigten uns danach, und der Kellner
sagte, der Mann da drinnen sähe gar nicht krank aus.
»Aber, er muß doch krank sein.«
»Wohl möglich -- ich weiß nicht -- mir scheint, er stellt sich nur an.«
»Woher glaubt Ihr das?«
»Na, wenn er krank wäre, würde er sich doch mal ausziehen, aber das
thut er nicht. Wenigstens seine Stiefel behält er immer an.«
»Ist das möglich? Auch wenn er zu Bett geht?«
»Auch dann.«
Ein Geheimnis! Das war Wasser auf Toms Mühle.
»Wie heißt denn der Mann?«
»Phillips; in Alexandria ist er an Bord gekommen.«
»Und hat er noch andere Eigenheiten?«
»Nein -- nur schrecklich ängstlich ist er. Tag und Nacht hält er seine
Thür verschlossen, und wenn man klopft macht er nur ein Ritzchen auf
und guckt erst wer da ist.«
»Wahrhaftig, den möchte ich gern zu sehen bekommen. Sagt mal -- könntet
Ihr nicht die Thür weit aufmachen, wenn Ihr wieder hineingeht, so
daß -- --«
»Bewahre. Das würde auch wenig nützen. Er stellt sich immer hinter die
Thür.«
Tom dachte eine Weile nach.
»Wißt Ihr was? Gebt mir Eure Schürze und laßt mich morgen das Frühstück
hineintragen. Ihr bekommt auch einen Vierteldollar.«
Der Kellner war es zufrieden, wenn der Oberkellner nichts dagegen hätte.
»Mit dem will ich’s schon abmachen,« sagte Tom. Und richtig, am
nächsten Morgen hatten wir jeder eine Schürze um und trugen die Speisen
hinein.
Tom hatte die ganze Nacht wach gelegen und sich den Kopf zerbrochen
über Phillips und sein Geheimnis. Das war verlorene Mühe nach meiner
Ansicht; viel besser, wir kamen selbst dahinter wie die Sachen wirklich
standen, statt uns erst allerlei Falsches auszudenken. »Ich kann’s ja
abwarten,« dachte ich und ließ mich im Schlaf nicht stören.
Als Tom morgens an die Thür klopfte, guckte der Mann durch die Spalte,
ließ uns herein und schloß rasch hinter uns zu. Aber, Donnerwetter --
als wir ihn ansahen, hätten wir vor Schreck fast die Kaffeebretter
fallen lassen.
»Du meine Güte -- Jupiter Dunlap -- wo kommt Ihr denn her?« rief Tom.
Natürlich war der Mann überrascht und zuerst sah er aus als ob er
nicht wüßte, sollte er sich fürchten oder freuen. Er war ganz bleich
geworden, doch bald bekam er wieder Farbe im Gesicht und fing an mit
uns zu plaudern, während er sein Frühstück aß.
Nach einer Weile sagte er: »Ich bin gar nicht Jupiter Dunlap; doch
heiß’ ich auch nicht Phillips. Wenn ihr schwören wollt reinen Mund zu
halten, will ich euch offenbaren wer ich bin.«
»Wir verraten nichts,« rief Tom; »aber wenn Ihr nicht Jupiter Dunlap
seid, braucht Ihr mir Euern Namen nicht erst zu sagen.«
»Wieso?«
»Weil Ihr ihm gleicht wie ein Ei dem andern. Ihr seid sein
Zwillingsbruder Jack.«
»Da kannst du recht haben. Aber, sag’ mal, Junge, woher kennst du uns
denn alle beide?«
Nun erzählte ihm Tom, was wir im vergangenen Sommer für Abenteuer auf
Onkel Silas’ Farm erlebt hatten. Als er hörte, daß wir alle seine
Familienverhältnisse und seine eigene Lebensgeschichte kannten, wurde
er ganz offenherzig und mitteilsam. Er sagte, er wäre von jeher ein
Thunichtgut gewesen, auch jetzt sei er ein schlechter Kerl und
würde wohl sein Lebtag ein Taugenichts bleiben. Freilich sei es ein
gefährliches Ding und -- --
Er brach plötzlich ab und hielt die Hand ans Ohr um zu lauschen. Wir
sprachen kein Wort; ein paar Sekunden blieb alles mäuschenstill. Man
hörte nichts als das Knarren des Holzwerks und das Bumbum der Maschine
im Schiffsraum.
Um ihn zu beruhigen fingen wir an, ihm allerlei von seiner Familie zu
berichten: daß Brace seine Frau vor drei Jahren verloren hätte und als
er Benny heiraten wollte von ihr einen Korb bekommen habe, daß Jupiter
bei Onkel Silas in Arbeit stehe, der immer in Streit mit ihm sei, und
dergleichen mehr. Auf einmal lachte er laut auf.
»Jungens,« rief er, »euer Geplapper versetzt mich ganz in alte Zeiten
zurück; mir wird ordentlich wohl dabei. Seit länger als sieben Jahren
hab’ ich so was nicht mit angehört. Was spricht man denn aber von mir
in der Nachbarschaft?«
»Von Euch spricht man schon lange nicht mehr; höchstens alle Jubeljahr
wird Euer Name einmal erwähnt.«
»Ist’s möglich! Und wie kommt denn das?«
»Weil man Euch für längst gestorben hält.«
»Wirklich? Sprichst du auch die Wahrheit?« Er war in großer Erregung
aufgesprungen.
»Mein Wort zum Pfande. Kein Mensch glaubt, daß Ihr noch am Leben seid.«
»Hurra, dann bin ich gerettet! Ich kann mich nach Hause wagen. Gewiß
werden mir meine Verwandten beistehen und mich verbergen. Nicht wahr,
ihr haltet reinen Mund! Schwört mir’s noch einmal. Schwört, daß ihr
mich nun und nimmermehr verraten werdet. Jungens, habt Erbarmen mit mir
armem Teufel, der Tag und Nacht keine Ruhe findet und sich nirgends
sehen lassen darf. Ich hab’ euch nie etwas zuleide gethan und meine
es nur gut mit euch, so wahr Gott im Himmel ist. Schwört, daß ihr
schweigen wollt, und rettet mir das Leben.«
Natürlich thaten wir ihm den Willen und leisteten den Schwur. Er dankte
uns von ganzem Herzen, der arme Kerl, ich glaube, er hätte uns am
liebsten umarmt und geküßt.
Wir plauderten noch lange zusammen; dann holte er einen kleinen
Reisesack herbei, öffnete ihn und bat, wir möchten nicht hinsehen. Wir
drehten ihm den Rücken, und als wir uns wieder umwenden durften, war
er ganz und gar verändert. Er hatte eine blaue Brille auf und einen
langen braunen Knebel- und Schnauzbart, der ihm sehr natürlich zu
Gesicht stand. Seine eigene Mutter hätte ihn nicht wiedererkannt. »Sehe
ich jetzt noch meinem Bruder Jupiter ähnlich?« fragte er.
»Nein,« sagte Tom, »nichts erinnert mehr an ihn, außer Euer langes
Haar.«
»Das lasse ich mir kurz scheren, ehe ich nach Hause komme. Er und Brace
werden mein Geheimnis bewahren und ich kann als Fremder bei ihnen
wohnen, ohne daß die Nachbarn Argwohn schöpfen. Wie gefällt euch mein
Plan?«
Tom dachte eine Weile nach, dann sagte er:
»Huck und ich, wir werden natürlich kein Wort verraten, aber wenn Ihr
nicht selber schweigt, so lauft Ihr doch Gefahr, erkannt zu werden.
Es würde den Leuten auffallen, daß Eure Stimme genau so klingt,
wie die von Jupiter, und dann erinnern sie sich vielleicht an den
Zwillingsbruder, den sie für tot gehalten haben und der sich die ganze
Zeit unter einem falschen Namen verborgen haben kann.«
»Alle Wetter, bist du klug!« rief er; »aber recht hast du. Ich muß mich
taubstumm stellen, sobald ein Nachbar in meine Nähe kommt. Es hätte
eine schöne Geschichte gegeben, wäre mir das nicht eingefallen. Aber
ich wollte ja eigentlich gar nicht nach Hause, sondern nur an irgend
einen Ort, wo ich vor den Burschen sicher bin, die mich verfolgen.
Dann dachte ich den Bart und die Brille anzulegen, auch andere Kleider
und -- --«
Mit einmal lief er nach der Thür, hielt das Ohr daran und horchte. Er
war bleich geworden und sein Atem flog.
»Es klang ganz als würde der Hahn einer Flinte gespannt,« flüsterte er.
»Herr des Himmels, ist das ein erbärmliches Leben!« Matt und kraftlos
sank er auf einen Stuhl und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Drittes Kapitel.
Von da ab waren wir fast immer bei ihm; meist schlief einer von uns in
seiner obern Koje. Er hatte sich so schrecklich einsam gefühlt und es
war ihm ein Trost in seiner Not, jemand um sich zu haben, mit dem er
reden konnte. Wir brannten natürlich vor Neugier, hinter das Geheimnis
zu kommen; aber Tom sagte, wir sollten uns ja nichts merken lassen,
dann würde er einmal ganz von selbst anfangen davon zu sprechen.
Wollten wir ihn ausfragen, so würde er gleich Argwohn schöpfen und
verschwiegen sein wie eine Auster. Es traf auch genau so ein. Daß er
uns alles gern erzählt hätte, merkte man ihm leicht an, aber jedesmal
wenn wir dachten: jetzt kommt’s! überfiel ihn die Angst und er lenkte
das Gespräch auf etwas anderes. Wir erfuhren’s aber doch noch, und
das ging so zu: Er hatte angefangen, uns in scheinbar gleichgültigem
Ton nach den Passagieren im Zwischendeck zu fragen, die heraufkamen,
um sich am Schenktisch Branntwein zu kaufen; wir versuchten sie zu
beschreiben, aber das genügte ihm nicht, er wollte alle Einzelheiten
wissen. Tom gab sich die größte Mühe und als er bei der Schilderung
eines der rohesten und zerlumptesten Kerle angekommen war, fuhr Jack
Dunlap schaudernd zusammen.
»O Jemine, das ist einer von ihnen! Sie sind wahrhaftig an Bord --
dachte ich mir’s doch! Ich hoffte, ich wäre ihnen entwischt, aber
zweifelhaft war mir’s immer. Nur weiter!«
Als Tom nun noch einen andern groben und schäbigen
Zwischendecks-Passagier beschrieb, ward Dunlap schreckensbleich. »O
weh, das ist der zweite, was fang’ ich nur an? Hätten wir doch eine
stürmische pechfinstere Nacht und ich könnte das Ufer erreichen.
Aber sie haben gewiß jemand bestochen, den Stiefelputzer oder den
Kofferträger, um mich zu bewachen. Gelänge es mir auch unbemerkt
fortzukommen, so würde keine Stunde vergehen, bis sie es wüßten.«
Unruhig ging er auf und ab. Es dauerte gar nicht lange, da fing er an
zu erzählen, wie es ihm bald gut bald schlecht ergangen sei, und ehe
wir’s uns versahen, kam er ins rechte Fahrwasser.
»Wir hatten alles genau verabredet,« sagte er. »Es handelte sich
um zwei wunderschöne Diamanten, so groß wie Haselnüsse, in einem
Juwelierladen zu St. Louis, die von jedermann bewundert wurden. Wir
zogen feine Kleider an und spielten den Streich bei hellem Tage. Die
Diamanten ließen wir uns ins Hotel kommen, als ob wir sie kaufen
wollten, wenn sie uns gefielen, und schickten dem Juwelier statt dessen
zwei Glaspasten, die wir in Bereitschaft gehalten hatten, mit dem
Bescheid zurück, die Diamanten seien nicht vom reinsten Wasser und wir
fänden den Preis von zwölftausend Dollars zu hoch.«
»Zwölf -- tausend -- Dollars!« rief Tom. »Waren sie denn wirklich so
viel Geld wert?«
»Keinen Cent weniger.«
»Und ihr habt euch damit aus dem Staube gemacht?«
»Ohne alles weitere. Der Juwelier weiß vielleicht heutigen Tages
noch nicht, daß er bestohlen worden ist. Aber wir hielten es doch
für unklug, in St. Louis zu bleiben. Wir überlegten hin und her und
beschlossen nach dem Obern Mississippi zu reisen. Vorher aber wickelten
wir die Diamanten in ein Papier, schrieben unsere Namen darauf und
übergaben das Päckchen dem Hoteldiener mit der Anweisung, es keinem
von uns wieder einzuhändigen, wenn nicht die beiden andern als Zeugen
zugegen wären. Dann machten wir einen Gang in die Stadt, aber jeder für
sich allein; ich glaube, wir hatten alle den gleichen Plan, obgleich
ich es nicht gewiß behaupten will.«
»Welchen Plan?« fragte Tom.
»Die andern zu berauben.«
»Was -- einer sollte alles nehmen, nachdem er es erst mit Hilfe der
andern bekommen hatte?«
»So meine ich’s.«
Tom war ganz empört darüber; er sagte, es wäre der schändlichste,
niederträchtigste Streich, von dem er je gehört hätte. Aber Jack Dunlap
versicherte ihm, daß es in seiner Zunft nichts Ungewöhnliches sei.
Wer sich einmal diesem Beruf gewidmet hätte, müßte selber auf seinen
Vorteil bedacht sein, weil kein anderer Mensch das für ihn besorgen
würde. Dann fuhr er in seinem Bericht fort:
»Es war natürlich schwierig, zwei Diamanten unter drei Leute zu teilen,
das werdet ihr wohl einsehen. Hätten wir drei Diamanten gehabt, ja dann
-- -- Aber, wozu noch weiter darüber reden; mehr als zwei waren es nun
einmal nicht. So trieb ich mich denn in den Hintergassen umher und
dachte nach, wie ich es wohl anstellen könnte, der Diamanten habhaft zu
werden. War mir dies geglückt, dann wollte ich mich so verkleiden, daß
mich niemand erkennen sollte, und auf und davon gehen. Ich kaufte mir
zu diesem Zweck den falschen Bart, die blaue Brille und den bäuerischen
Anzug, in dem ihr mich hier seht, und that alles in einen Reisesack,
den ich mitgenommen hatte. Als ich vor einem Laden vorbeikam, in dem
allerlei Waren feilgeboten wurden, sah ich durchs Fenster. Drinnen
stand Bud Dixon, einer von meinen Spießgesellen. ›Ich will doch mal
sehen, was der kauft,‹ dachte ich bei mir und verbarg mich, beobachtete
aber alles genau. Na, was glaubt ihr wohl, daß er gekauft hat? -- Doch
das ratet ihr euer Lebtag nicht, Jungens. Nichts als einen winzig
kleinen Schraubenzieher.«
»Wie sonderbar. Was wollte er denn damit?«
»Das fragte ich mich auch. Ich zerbrach mir den Kopf, konnte aber nicht
ins reine kommen. Bei einem Trödler erstand er nun noch ein rotes
Flanellhemd und zerlumpte Kleider; dieselben, die er jetzt anhat nach
eurer Beschreibung. Nachdem ich das gesehen hatte, ging ich nach der
Werft und versteckte meine Sachen auf dem Flußboot, mit dem wir fahren
wollten. Als ich dann abermals durch die Straßen schlenderte, sah ich
auch meinen andern Kameraden seine Einkäufe machen. Gegen Abend holten
wir uns die Diamanten aus dem Hotel und gingen an Bord.
»Jetzt waren wir alle übel daran, denn wir durften uns nicht zu Bette
legen; wie hätten wir sonst ein wachsames Auge aufeinander haben
können. Es war nämlich schon seit ein paar Wochen böses Blut zwischen
uns, und wir hielten nur zusammen, solange es das Geschäft erforderte.
Zwei Diamanten für drei Personen, das war eben die Verlegenheit. Erst
aßen wir zu Abend, dann rauchten wir und schlenderten dabei auf dem
Deck umher bis gegen Mitternacht. Endlich gingen wir in meine Kajüte,
schlossen die Thür zu, überzeugten uns, ob die Diamanten wirklich noch
im Papier waren und legten sie auf die untere Koje, wo wir sie alle
drei im Auge behalten konnten. Nun saßen wir stockstill und wurden
immer schläfriger. Bud Dixon ließ sich endlich von der Müdigkeit
übermannen; der Kopf sank ihm auf die Brust und er schnarchte, daß
es eine Art hatte. Da deutete Hal Clayton zuerst auf die Diamanten
und dann nach der Thür. Ich verstand ihn, streckte die Hand nach dem
Papier aus und nahm es an mich. Wir warteten nun eine Weile, aber Bud
schlief fort und regte sich nicht. Leise drehte ich den Schlüssel um
und drückte auf die Klinke, dann schlichen wir auf den Zehen hinaus und
machten die Thür geräuschlos hinter uns zu.
»Das Boot glitt ruhig durch die Flut; Wolken verbargen den Mond und
wir wurden von niemand bemerkt. Ohne ein Wort zu reden schritten wir
geradeswegs hinauf nach dem Sturmdeck und setzten uns am äußersten Ende
neben das Deckfenster. Was das zu bedeuten hatte, wußten wir beide; es
bedurfte keiner Erklärung. Wenn Bud Dixon aufwachte und sah, daß die
Diamanten fort waren, würde er gleich hinter uns dreinkommen, denn er
kannte keine Furcht. Dann wollten wir ihn über Bord werfen, oder bei
dem Versuch unser Leben lassen. Mir schauderte, wenn ich nur daran
dachte, denn ich bin nicht so mutig wie mancher andere; doch durfte
ich meine Angst nicht zeigen, das wäre mir schlecht bekommen. Ich
hoffte immer noch, das Boot würde irgendwo anlegen, so daß wir ans Land
springen und allen Skandal vermeiden könnten, denn mit Bud Dixon war
nicht zu spaßen.
»Aber eine Stunde nach der andern verging, wir schifften immer weiter
und der Mensch kam nicht auf Deck. Als der Morgen zu dämmern anfing
und Bud sich noch nicht sehen ließ, erwachte unser Argwohn. ›Er hält
uns vielleicht zum Narren, meinte Hal, mach’ das Papier auf!‹ Das that
ich und meiner Seel’, es war nichts darin, als ein paar Zuckerkrümel.
Deshalb also hatte er die ganze Nacht so ruhig schnarchen können. Ein
schlauer Kerl, so wahr ich lebe. Er muß zwei ganz gleiche Papiere
bereit gehalten und sie vor unserer Nase vertauscht haben.