Wir ließen die ganze Kraft los und segelten wie das heilige

Donnerwetter auf die Sphinx zu. Im Nu waren wir da und sausten mitten

unter die Menschen hinein, daß sie nach allen Seiten auseinanderstoben,

und ein paar von denen, die die Leiter hinaufkletterten, um Jim zu

fangen, verloren den Halt und fielen herunter. Wir sausten hinauf und

fanden Jim keuchend und beinahe besinnungslos auf dem Kopf der Sphinx

liegen. Er hatte eine lange Belagerung ausgehalten -- eine Woche,

sagte er, aber das war nicht wahr; sie war ihm nur so lang vorgekommen,

weil ihm die Leute so nahe auf den Leib gerückt waren. Sie hatten

auf ihn geschossen und der Kugelregen war um ihn herumgerasselt,

aber getroffen war er nicht; und als sie merkten, daß er nicht mehr

aufstand, und daß ihre Kugeln ihn nicht mehr treffen konnten, wenn er

auf dem Bauch lag, da holten sie die Leiter, und da wußte er, daß es

mit ihm aus wäre, wenn wir nicht _sehr_ bald kämen. Tom war höchst

entrüstet und fragte ihn, warum er denn nicht die Flagge gezeigt und im

Namen der Vereinigten Staaten ihnen befohlen hätte, Frieden zu halten?

Jim sagte, das hätte er ja getan, sie hätten sich aber gar nicht darum

gekümmert. Tom sagte, er wollte dafür sorgen, daß diese Sache in

Washington in die Hand genommen würde.

»Und ihr sollt sehen,« rief Tom, »sie werden sich wegen Insultierung

der Flagge zu entschuldigen haben und werden obendrein noch ’ne

Indemnität bezahlen müssen!«

Sagt Jim:

»Was is ein Indemmität, Massa Tom?«

»Bares Geld ist’s!«

»Un wer kriegen es, Massa Tom?«

»Na, natürlich wir!«

»Un wer kriegen die Entschuldigung?«

»Die Vereinigten Staaten. Oder wir können sie auch nehmen, wenn wir

wollen. Wenn uns die Entschuldigung besser gefällt, können wir die

nehmen, und die Regierung kriegt dann das Geld.«

»Wie viele Geld werden es sein, Massa Tom?«

»Na, in einem Fall wie dieser, wo erschwerende Umstände dabei sind,

mindestens drei Dollars pro Kopf und möglicherweise sogar noch mehr.«

»Nu, denn wolle wir die Geld nehm’, Massa Tom; zum Kuckuck mit die

Entschuldigung! Meinen Sie nix auch, Massa Tom? Un du auch, Huck?«

Wir besprachen die Sache ein bißchen und kamen zum Schluß, es wäre gar

nicht so übel, wenn wir’s so machten; also wurden wir uns einig, wir

wollten das Geld nehmen. Für mich war das ’ne ganz neue Geschichte und

ich fragte Tom, ob Staaten immer sich entschuldigen, wenn sie was

Unrechtes getan hätten, und er antwortete:

»Ja, die kleinen tun’s.«

Wir segelten nun herum und sahen uns die Pyramiden an und ließen

uns schließlich auf der abgeplatteten Spitze der größten von ihnen

nieder; und wir fanden, daß alles genau so war, wie der Mann in der

Sonntagsschule gesagt hatte. Das Ding sah aus wie vier Treppenfluchten,

die, am Boden breit, immer enger werdend schräg aufsteigen und sich

oben in einer Spitze treffen. Nur konnte man diese Treppenstufen nicht

hinaufsteigen wie irgend ’ne andere Treppe -- denn jede Stufe war so

hoch, daß sie ’nem gewöhnlichen Menschen bis ans Kinn reichte, und man

mußte sich von hinten hinaufheben lassen. Die beiden andern Pyramiden

waren nicht weit von der unsrigen entfernt, und die Leute, die zwischen

den Pyramiden sich auf dem Sand bewegten, sahen aus wie krabbelnde

Käfer, so hoch waren wir über ihnen.

Tom war gar nicht mehr zu halten vor lauter Freude und Erstaunen,

daß er an so ’nem berühmten Ort wäre, und er schwitzte sozusagen

Weltgeschichte aus jeder Pore -- wenigstens kam es mir so vor. Er

sagte, er könnte es kaum glauben, daß er genau auf demselben Platz

stände, von dem der Prinz auf dem Bronzepferde aufgeflogen wäre. Die

Geschichte stände in Tausend und einer Nacht, sagte er. Irgend einer

gab dem Prinzen ein bronzenes Pferd mit ’nem Zapfen in der Schulter;

und er konnte sich auf dies Pferd setzen und durch die Luft fliegen wie

ein Vogel und die ganze Welt bereisen, und er konnte es steuern, indem

er den Zapfen drehte, und konnte hoch und niedrig fliegen und landen,

wo er nur wollte.

Als Tom die Geschichte zu Ende erzählt hatte, da entstand ein Schweigen

-- jenes bekannte Schweigen, das sich einstellt, wenn jemand einen

Unsinn erzählt hat und wenn den Zuhörern das leid tut und sie gerne

das Gespräch auf ein anderes Thema bringen möchten, aber nicht wissen,

wie sie das anfangen sollen, und ehe sie sich richtig besonnen haben,

da ist das Schweigen schon da und macht die Stimmung unbehaglich. Ich

war verlegen, Jim war verlegen und keiner von uns konnte ein Wort

herausbringen. Tom sah mich ’ne Minute lang an und sagte dann:

»Na, heraus damit! Was denkst du?«

Ich sage:

»Tom Sawyer, _du_ glaubst die Geschichte doch selber nicht?«

»Warum sollte ich nicht? Was könnte mich daran hindern?«

»Hindern kann dich nur eins: sie kann nicht passiert sein -- weiter

nichts.«

»Und warum kann sie _nicht_ passiert sein?«

»Sag’ du mir doch, warum sie passiert sein _kann_?«

»Unser Ballon ist ein ganz guter Beweis dafür, sollt’ ich meinen.«

»Wieso?«

»Wieso? So ’nen Idioten hab’ ich nie gesehen! Sind denn nicht dieses

Luftschiff und das bronzene Pferd genau das gleiche, nur unter

verschiedenen Namen?«

»Nein, das sind sie nicht. Das eine ist ’n Luftballon und das andere

ist ’n Pferd. Das ist ein großer Unterschied. Nächstens wirst du wohl

gar sagen, ein Pferd und ’ne Kuh seien ein und dasselbe.«

»Bei Jackson! Da hat Huck ihm wieder fest! Da könn’ Sie nix um

’rumkommen, Massa Tom!«

»Halt den Mund, Jim! Du weißt nicht, was du redest! Und Huck auch

nicht. Hör’ mal zu, Huck, ich will euch beiden die Sache klar machen,

und dann werdet ihr mich verstehen. Seht mal: wenn man von zwei Dingen

sagt, sie seien sich ähnlich oder unähnlich, so kommt es dabei nicht

bloß auf ihre Form an, sondern vor allem auf ihr _Wesen_; und das Wesen

ist in beiden das gleiche. Versteht ihr mich jetzt?«

Ich bedachte mir seine Worte bei mir selber und sagte dann:

»Tom, das zieht nicht! So ’n Wesen ist ja recht schön und gut, aber

damit kommen wir nicht um die eine große Tatsache herum: wenn ein

Luftballon etwas machen kann, so ist das absolut noch kein Beweis, daß

ein Pferd dasselbe machen kann.«

»Quatsch, Huck! Du hast die ganze Geschichte noch gar nicht begriffen!

Nun hör’ mal ’ne Minute zu -- es ist alles vollkommen einfach! Fliegen

wir nicht durch die Luft?«

»Ja.«

»Schön! Fliegen wir nicht hoch oder niedrig, grad’ wie wir Lust haben?«

»Ja.«

»Steuern wir nicht, wohin wir wollen?«

»Ja.«

»Und landen wir nicht, wann und wo es uns Spaß macht?«

»Ja.«

»Wie bewegen und steuern wir unser Luftschiff?«

»Indem wir auf die Knöpfe drücken.«

»Na, _jetzt_ denke ich, wird die Geschichte dir endlich klar sein. Bei

dem Pferde geschah die Bewegung und Steuerung, indem ein Zapfen gedreht

wurde. Wir drücken auf einen Knopf, der Prinz drehte ’nen Zapfen. Du

siehst, es ist kein Atom von ’nem Unterschied vorhanden. Ich wußte

wohl, ich würde dir’s in den Schädel trichtern, wenn ich mir nur Mühe

gäbe!«

Und Tom fühlte sich so glücklich, daß er zu pfeifen begann. Aber ich

und Jim blieben still; und so brach Tom überrascht sein Pfeifen ab und

sagte:

»Höre mal, Huck Finn, siehst du’s immer noch nicht ein?«

»Tom Sawyer,« antwortete ich, »ich möchte ’ne Frage an dich richten.«

»Nur zu!« sagt er; und ich sehe, wie Jim ein ganz helles Gesicht macht

und mächtig aufhorcht.

»Wenn ich die Sache recht verstehe,« sag’ ich, »so kommt es bei dem

ganzen Ding nur auf die Knöpfe und den Zapfen an -- der Rest ist

Nebensache. Ein Knopf sieht anders aus als ein Zapfen -- aber darauf

kommt es wohl nicht an?«

»Nein, darauf kommt es ganz und gar nicht an, wenn nur beiden dieselbe

Kraft innewohnt.«

»Schön! Was ist die Kraft, die ’ner Kerze und ’nem Streichholz

innewohnt?«

»Das Feuer.«

»Diese Kraft ist also in beiden die gleiche?«

»Ja, ganz genau die gleiche in beiden.«

»Schön! Angenommen, ich zünde mit einem Streichholz ’ne

Tischlerwerkstatt an -- was wird damit passieren?«

»Sie wird aufbrennen.«

»Und angenommen, ich zünde mit ’ner Kerze diese Pyramide an -- wird

sie auch aufbrennen?«

»Natürlich nicht!«

»Schön! Nun ist aber doch beidemale das Feuer das gleiche. _Warum_

brennt denn also die Tischlerwerkstatt, und die Pyramide nicht?«

»Weil die Pyramide nicht brennen _kann_.«

»Aha! _Und ein Pferd kann nicht fliegen!!!_«

»O du meine liebe Heiland! Da haben Huck ihm _wieder_! Diesmal haben

Huck ihm richtig auf die Sand gesetzt -- Junge, Junge! Un ...«

Aber Jim mußte so furchtbar lachen, daß er beinahe erstickte und

nicht weiter sprechen konnte, und Tom fuhr beinahe aus der Haut,

als er sah, wie elegant ich ihn abgeführt hatte, indem ich seine

eigene Beweisführung gegen ihn wandte und sie in Stückchen und Fetzen

zerpflückte. Und er wußte nichts weiter zu sagen, als daß er jedesmal,

wenn er Jim oder mich disputieren hörte, sich des Menschengeschlechts

schämte. Ich sagte gar nichts mehr, aber ich war innerlich sehr mit mir

zufrieden. Wenn ich jemandem auf solche Weise heimgeleuchtet habe, so

ist es nicht meine Art ’rumzugehen und zu krähen, wie’s manche Leute

machen, denn ich glaube, wenn er an meiner Stelle wäre, so wär’s mir

auch nicht angenehm, wenn er über mich krähte. Es ist besser, man ist

edel und hochherzig -- das ist _meine_ Meinung.

Dreizehntes Kapitel.

Nach einem Weilchen ließen wir Jim im Luftschiff allein in der Nähe

der Pyramiden herumgondeln und wir selber kletterten bis zu dem Loch

hinunter, durch das man in den engen Gang kommt. Wir nahmen einige

Araber und Kerzen mit, und mitten in der Pyramide da fanden wir

ein Gemach und einen großen Steinkasten drin, worin sie den König

aufbewahrt hatten -- genau wie der Mann in der Sonntagsschule es uns

erzählte. Aber er war jetzt nicht mehr da; irgend einer hatte ihn

mitgenommen. Ich hatte aber kein rechtes Vergnügen in dieser Kammer,

denn es konnten ja natürlich Geister drin hausen -- wenn auch gerade

keine neuen, aber ich mag mit Geistern überhaupt nichts zu tun haben.

Wir gingen also wieder hinaus und mieteten uns ein paar kleine Esel und

ritten ein Stück; dann fuhren wir ein Stück in ’nem Boot auf dem Nil,

dann ritten wir wieder auf Eseln und so kamen wir nach Kairo. Und der

ganze Weg war so wunderschön glatt und eben, wie ich nur je in meinem

Leben einen Weg gesehen habe; auf beiden Seiten der Straße wuchsen

große Dattelpalmen, und überall krochen nackte Kinder herum und die

Menschen waren so rot wie Kupfer und feingebaut, kräftig und schön. Und

die Stadt war ’ne Sehenswürdigkeit. Diese engen Straßen -- es waren

wahrhaftig nur Gäßchen -- dicht gefüllt mit beturbanten Männern und

verschleierten Weibern und alles in hellen, bunten Gewändern! Und man

wunderte sich, wie die Kamele und Menschen in solchen engen Gäßchen

beieinander vorbeikommen konnten -- aber es ging. Aber zusammenpressen

mußten sie sich wie Pökelheringe und dabei machten sie alle einen

Heidenlärm. Die Läden waren nicht so groß, daß man in sie hineingehen

konnte, aber das war auch gar nicht nötig: der Verkäufer saß mit

übergeschlagenen Beinen nach Schneiderart auf seinem Ladentisch,

rauchte seine lange Pfeife mit dem Schlangenschlauch und hatte all

seine Sachen in Reichweite um sich herum.

Ab und zu sauste ein Würdenträger in einer Kutsche vorbei;

buntaufgeputzte Männer liefen laut rufend vor dem Wagen her und

schlugen jeden, der nicht schnell auswich, mit einem langen Stecken.

Nach einer Weile kam sogar der Sultan zu Pferde an der Spitze einer

Prozession geritten und uns blieb beinahe der Atem stocken, als wir

seine glänzenden Kleider sahen. Jeder warf sich platt auf die Erde

nieder und blieb auf dem Bauch liegen, bis er vorüber war. Ich vergaß

es, mich hinzuwerfen, aber da war einer, der mir daran zu denken half.

Es war einer von denen, die mit ’nem langen Stecken vorausliefen.

Kirchen waren auch da, aber die Leute da sind noch zu dumm, um den

Sonntag zu heiligen; sie heiligen den Freitag und schänden den Sabbath.

Wenn man hineingeht, muß man die Schuhe abziehen. Ganze Haufen von

Männern und Knaben waren in der Kirche, hockten in Gruppen auf dem

Fußboden und machten einen endlosen Spektakel -- Tom sagte, sie

lernten was aus dem Koran auswendig, den sie für ’ne Bibel halten.

Ich hatte in meinem Leben nicht so ’ne große Kirche gesehen; sie

war ganz fürchterlich hoch, so daß einem schwindlig wurde, wenn man

hinaufschaute; unsere Stadtkirche zu Hause ist gar nichts dagegen; man

könnte sie in diese hineinstellen und die Leute würden denken, sie sei

’ne Putzwarenschachtel.

Was ich am meisten zu sehen wünschte, das war ein Derwisch, denn

für Derwische interessierte ich mich wegen ihres Kollegen, der dem

Kameltreiber den bösen Streich gespielt hatte. Wir fanden denn auch

einen ganzen Haufen von ihnen in ’ner Kirche, und sie nannten sich

Tanz-Derwische. Und tanzen taten sie, das muß ich sagen. So was hatte

ich in meinem Leben nicht gesehen! Sie hatten zuckerhutförmige Mützen

auf und leinene Unterröcke an, und sie wirbelten und wirbelten und

wirbelten herum wie Kreisel und die Röcke standen ganz schräg von ihnen

ab; es war riesig nett anzusehen, und ich wurde vom Hingucken wie

betrunken. Sie waren alle Moslim, wie Tom mir erzählte, und als ich

ihn fragte, was ein Moslim sei, da sagte er, das wäre einer, der nicht

Presbyterianer wäre. Dann gibt’s also in Missouri sehr viele Moslim,

obwohl ich davon bisher nichts wußte.

Wir sahen uns nicht die Hälfte von den Sehenswürdigkeiten von Kairo

an, weil Tom so wild darauf versessen war, Oertlichkeiten aufzusuchen,

die in der Weltgeschichte berühmt geworden sind. Wir hatten eine

abscheuliche Mühe, den Speicher aufzufinden, worin Joseph vor der

Hungersnot das Korn aufgespeichert hatte, und als wir ihn endlich

fanden, war eigentlich gar nichts daran zu sehen, denn es war bloß ein

altes, verfallenes Gerümpel. Aber Tom war sehr befriedigt und machte

mehr Redensarten darüber, als ich Worte sagen würde, wenn ich mir

’nen Nagel in den Fuß getreten hätte. Wie er die Scheuer überhaupt

herausfand, das ging über meinen Horizont; denn wir waren bei mehr als

vierzig ganz gleichen schon vorbeigekommen und ich wäre mit jeder von

diesen Scheunen zufrieden gewesen, aber er mußte natürlich durchaus

die echte haben -- anders tat er’s nicht. Ich habe nie einen Menschen

gesehen, der in dieser Beziehung so heikel war wie Tom Sawyer. Sowie

er die richtige sah, erkannte er sie sofort, so leicht wie ich mein

anderes Hemd erkennen würde (wenn ich eins hätte), aber wie er das

machte, das vermochte er mir so wenig zu erklären, wie er fliegen

konnte. So sagte er selber.

Als wir zurück kamen, landete Jim, und wir stiegen ein. Bei dieser

Gelegenheit lernten wir einen jungen Mann kennen mit ’nem roten

betroddelten Fez und einer schönen seidenen Jacke und Sackhosen, mit

’nem Tuch um den Bauch und mit Pistolen in diesem Tuch. Er konnte

englisch sprechen und bat uns, wir möchten ihn als Führer annehmen;

er wollte uns nach Mekka und Medina und Zentralafrika und überallhin

bringen und verlangte nur einen halben Dollar täglich nebst freier

Verköstigung. Wir nahmen ihn an und fuhren mit voller Schnelligkeit

los, und als wir mit unserem Mittagessen fertig waren, da schwebten wir

gerade über der Stelle, wo die Israeliten durch das Rote Meer gezogen

waren und wo Pharao sie eingeholt hatte und von den Gewässern ereilt

wurde. Da machten wir denn natürlich Halt und guckten uns die Stelle

ganz in aller Ruhe an, und Jim hatte seine Freude dran, sie zu sehen.

Hierauf fuhren wir weiter, so schnell wir konnten, und segelten um den

Berg Sinai herum und sahen die Stellen, wo Moses die steinernen Tafeln

zerbrach, und wo die Kinder Israels in der Ebene lagerten und das

goldene Kalb anbeteten, und es war alles ungeheuer interessant und der

Führer kannte jedes Plätzchen so genau, wie ich bei uns zu Hause im Ort

Bescheid weiß.

Aber jetzt hatten wir einen Unfall, und der hemmte alle unsere Pläne.

Toms alte ordinäre Maiskolbenpfeife war so alt und aufgeschwollen und

krumm geworden, daß sie trotz allen Schnüren und Bindfäden, die er

herumwickelte, nicht mehr zusammenhalten wollte, sondern in Stücke

zerfiel. Tom wußte nun gar nicht, was er jetzt anfangen sollte. Des

Professors Pfeife konnte ihm nichts nützen, denn die war bloß von

Meerschaum; und jeder, der sich mal an Maiskolbenpfeifen gewöhnt hat,

der weiß, daß sie himmelhoch über allen anderen Pfeifen der Welt

stehen, und so einer läßt sich nicht dazu kriegen, ’ne andere Pfeife

zu rauchen. Meine wollte Tom nicht nehmen, so sehr ich ihn auch zu

überreden versuchte. So saß er denn da in der Patsche.

Er überlegte den Fall und sagte, wir müßten ’ne Rundfahrt machen und

versuchen, ob wir nicht in Aegypten oder Arabien oder daherum eine

auftreiben könnten, aber der Führer sagte, das hätte keinen Zweck,

denn solche Pfeifen hätte man da nicht. Tom saß eine Weile recht

verdrießlich da, plötzlich aber hellte sich sein Gesicht auf und er

sagte, er hätte ’ne Idee und wüßte jetzt, wie die Sache gemacht werden

müßte. Nämlich:

»Ich habe noch ’ne andere Maiskolbenpfeife, sogar ’ne ganz

ausgezeichnete und beinahe neue. Sie liegt auf dem Wandbrettchen gerade

über dem Küchenherd bei uns zu Hause. Jim -- du und der Führer, ihr

fahrt hin und holt sie, und ich und Huck kampieren hier auf dem Berge

Sinai, bis ihr wieder hier seid.«

»Aber, Massa Tom, wir könnte nix finden die Städtchen. Ich könnten

wohl die Pfeife finden, weil ich die Küche kennen tun, aber o du liebe

Heiland: wir können niemals nix unser Stadt oder Sent Luis oder die

andere Orte finden! Wir tun ja nix die Wegen kennen, Massa Tom!«

Das war ’ne unbestreitbare Tatsache, und Tom wußte ’ne Minute lang

nichts zu erwidern. Dann sagte er aber:

»Hör’ mal zu: die Sache läßt sich trotz alledem machen, und ich will

dir sagen, wie. Du nimmst die Richtung mit dem Kompaß und segelst

gerade wie ein Pfeil immer westlich, bis du die Vereinigten Staaten

findest. Ein Versehen ist dabei nicht möglich, denn es ist das erste

Land, das du auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans antriffst.

Wenn du bei Tage ankommst, so fährst du gleich weiter, direkt

westlich vom oberen Teil der Küste von Florida und in eindreiviertel

Stunden stößt du auf die Mündung des Mississippi -- wenn du mit der

Geschwindigkeit fährst, die ich dir vorschreiben werde. Du wirst so

hoch oben in der Luft sein, daß dir die Erde sehr gekrümmt vorkommen

wird -- ungefähr wie ’ne umgestülpte Waschschüssel -- und du siehst

da unten ’ne Menge Flüsse durcheinander krabbeln, lange schon, ehe

du in die tieferen Luftschichten herunter kommst; den Mississippi

wirst du ohne jede Schwierigkeit dazwischen herausfinden, denn er ist

bei weitem der größte von ihnen. Dann folgst du in beinahe nördlicher

Richtung dem Lauf des Flusses, eindreiviertel Stunden lang, bis du den

Ohio einmünden siehst; nun mußt du anfangen scharf aufzupassen, weil

du jetzt schon in die Nähe kommst. Zu deiner Linken aufwärts siehst

du einen anderen Strom einmünden, das ist der Missouri, ein bißchen

oberhalb der Stadt St. Louis. Du steigst dann noch tiefer herab,

damit du während der Fahrt die kleinen Städte dir ansehen kannst.

In den nächsten Viertelstunden wirst du ungefähr bei fünfundzwanzig

vorbeikommen, und du wirst unser Städtchen erkennen, sobald du’s siehst

-- und wenn du’s nicht erkennst, so brauchst du bloß ’runterzurufen und

zu fragen.«

»Is das so leicht, Massa Tom, so denken ich, wir können es machen --

jawoll, ich wissen, wir können.«

Der Führer war ebenfalls davon überzeugt und meinte, er würde es in

einer ganz kleinen Weile lernen, seine Wache zu halten.

»Jim kann Euch die Geschichte in ’ner halben Stunde beibringen,« sagte

Tom. »Der Luftballon ist so leicht zu handhaben wie ein Kanoe.«

Dann holte Tom die Karte hervor, zeichnete den Kurs hin und maß den Weg

aus und sagte:

»Der westliche Weg ist der kürzeste, wie ihr seht. Es sind bloß

etwa siebentausend Meilen. Wenn ihr östlich fahrt, so ist’s mehr

als doppelt so weit.« Dann wandte er sich an den Führer und fuhr

fort: »Ich wünschte, daß ihr alle beide während eurer Wache auf den

Geschwindigkeitsanzeiger acht gebt, und wenn er nicht dreihundert

Meilen in der Stunde angibt, so steigt ihr höher oder tiefer, bis ihr

eine Orkanströmung findet, die in eurer Richtung weht. Der alte Kasten

hier macht seine hundert Meilen in der Stunde, ohne daß man überhaupt

den Wind zu Hilfe zu nehmen braucht. Zweihundert-Meilen-Stürme findet

ihr, so oft ihr einen haben wollt. Manchmal werdet ihr ein paar Meilen

hoch steigen müssen, und da oben wird es verflixt kalt sein; meistens

aber werdet ihr euren Sturm ein gutes Stück tiefer finden. Wenn ihr

nur ’nem Zyklon begegnen könntet -- das wär’ für euch ein gefundenes

Fressen. Ihr werdet aus des Professors Büchern sehen, daß sie in diesen

Breiten westlich ziehen, und noch dazu in geringer Höhe.«

Hierauf rechnete Tom ein Weilchen und fuhr dann fort:

»Siebentausend Meilen -- dreihundert Meilen in der Stunde -- ihr könnt

die Spazierfahrt in einem Tag, also vierundzwanzig Stunden, machen.

Heute haben wir Donnerstag; ihr werdet also Samstag nachmittag wieder

hier sein. So, nun packt mir ein paar Decken, Lebensmittel, Bücher und

dergleichen für mich und Huck aus, und dann könnt ihr gleich abfahren.

Von Rumtrödeln mag ich nichts wissen -- ich muß meine Pfeife haben, und

je schneller ihr sie mir bringt, desto besser.«

Alle Mann halfen beim Auspacken; binnen acht Minuten lagen unsere

Sachen draußen und der Ballon war segelfertig für Amerika. Wir

schüttelten uns also zum Abschied die Hände und Tom gab seine letzten

Befehle:

»Jetzt ist es zehn Minuten vor zwei, Sinaizeit. In vierundzwanzig

Stunden seid ihr zu Hause, das ist sechs Uhr früh nach dortiger

Zeit. Ihr landet ein bißchen seitwärts vom Ort auf dem Gipfel des

Hügels, im Walde, so daß man euch nicht sieht. Dann springst du in

die Stadt, Jim, und steckst beim Posthaus diese Briefe in den Kasten,

und wenn schon jemand auf den Beinen sein sollte, ziehst du dir

den Schlapphut ins Gesicht; so wird man dich nicht erkennen. Dann

schlüpfst du von hinten in unsere Küche hinein und nimmst die Pfeife

und legst diesen Zettel auf den Küchentisch; leg’ irgend ’was drauf,

damit er nicht ’runterfliegt. Dann schleiche dich hinaus und mach’

dich dünne und lass’ ja nicht Tante Polly oder sonst jemand dich zu

Gesicht kriegen. Lauf so schnell du kannst nach dem Ballon und sause

mit Dreihundertmeilen-Geschwindigkeit nach dem Berg Sinai zurück. Du

wirst dich nicht länger als ’ne Stunde aufzuhalten haben. Um sieben

oder acht, heimatliche Ortszeit, wirst du wieder abfahren und bist

in vierundzwanzig Stunden zurück, kommst also um zwei oder drei Uhr

nachmittags, Sinaizeit, hier an.«

Den Zettel las Tom uns vor. Er hatte darauf geschrieben:

»_Donnerstag nachmittag._ Tom Sawyer, der Erronauter, sendet

seiner Tante Polly herzliche Grüße vom Berge Sinai, wo die

Arche war;[5] desgleichen Huck Finn; und sie wird den Zettel

morgen früh um halb sieben kriegen.

Tom Sawyer, Erronauter.«

[5] Dieser Irrtum in Betreff der Arche ist wahrscheinlich nicht

Tom, sondern Huck auf Rechnung zu setzen.

M. T.

»Da wird sie die Augen aufreißen und die Tränen werden ihr

’rausschießen,« sagte Tom. Und dann:

»Achtung! Eins -- zwei -- drei -- los!!«

Und los segelte der Ballon! Wahrhaftig, in einer Sekunde war er aus

unserem Gesichtskreis ’rausgewirbelt.

Dann fanden wir eine sehr bequeme Höhle mit ’ner prachtvollen Aussicht

über die ganze weite Ebene; und da biwakierten wir und warteten auf die

Pfeife.

Der Ballon kam pünktlich und heil zurück und brachte die Pfeife. Aber

Tante Polly hatte Jim abgefaßt, als er sie aus der Küche holte, und nun

kann sich wohl jeder denken, wie es weiter kam: Tom sollte nach Hause

zurück. So sagte denn Jim:

»Massa Tom, Tante Polly stehen vor die Haustür un haben ihr Aug oben an

die Himmel, un sie sag’, sie rühren sich nix von den Fleck, bis Massa

Tom wieder da sein. Das geben eine nasse Jahr, Massa Tom, warraftig!«

So schoben wir denn ab nach Hause, und nicht gerade mit sehr lustigen

Gefühlen.

Tom, der kleine Detektiv.

Von Huck Finn erzählt.

[Illustration]

Erstes Kapitel.

Ein Jahr war herum, seitdem Tom Sawyer und ich unsern alten Neger Jim

befreit hatten, der auf der Farm von Toms Onkel Silas in Arkansas

als fortgelaufener Sklave in Ketten gelegt worden war. Nun wurde es

Frühling; der gefrorene Boden taute auf und mildere Lüfte wehten.

Immer näher winkte die Zeit, wo man wieder barfuß gehen konnte; dann

kam das Murmelspiel an die Reihe, später Kreisel und Reifen oder man

ließ den Drachen steigen, und wenn es endlich Sommer geworden war

ging’s zum schwimmen. Doch das lag unabsehbar fern, und der Gedanke,

wie lange es noch dauern muß, bis der Sommer kommt, macht unsereinen

ganz schwermütig. Dann schleicht so ein armer Junge trübselig umher;

er seufzt und stöhnt und weiß nicht was ihm fehlt. Er sucht sich ein

einsames Fleckchen hoch oben am Berghang, wo er weit hinausschauen

kann, wie der große Mississippi sich um eine Landzunge nach der andern

windet, bis er mit der dämmerigen Ferne verschwimmt. Alles ist so still

und feierlich wie beim Begräbnis, und man wünscht, man wäre selber tot

und begraben, damit das Erdenleid ein Ende hätte.

Tom Sawyers Neue Abenteuer · 第 7 / 13 段