Als wir am nächsten Morgen erwachten, war’s uns ein bißchen fröhlicher

ums Herz; denn wir hatten großartig gut geschlafen, weil Sand das

allerbequemste Bett auf der ganzen Welt ist, und ich begreife nicht,

warum Leute, die’s haben können, sich nicht eine solche Ruhestatt

leisten. Außerdem ist Sand auch ein schrecklich guter Ballast; unser

Ballon war nie zuvor so ruhig gesegelt wie jetzt.

Tom meinte, wir hätten wohl zwanzig Tonnen Sand an Bord, und dachte

darüber nach, was wir wohl am besten damit anfangen könnten; es war

guter Sand und es schien uns unvernünftig zu sein, ihn fortzuschmeißen.

Da sagte Jim:

»Massa Tom, können wir nix mit ihm zu Hause nehmen un die Sand

verkaufen? Wie große Zeit brauchen wir zu die Reise?«

»Das kommt auf den Weg an, den wir fahren.«

»Nu, Massa Tom, die Sand is zu Haus mehr als eine Viertel Dollar for

die Wagenladung wert, un ich glauben, wir haben zu ’s allermindeste

zwanzig Wagenladungen. Wieviel würden die machen?«

»Fünf Dollars.«

»Bei Jingo, Massa Tom, laß Sie uns auf die Stelle zu Haus reisen! Das

machen ja mehr als annerthalb Dollars auf jede von unsere drei Köpf --

nich?«

»Ja.«

»Na! Das is doch so leicht Geld verdient, wie ich in meine Leben nie

nix erleben tun! Die Sand is ja bloß so ’reingeregnet -- kost uns nix

’n bissel Arbeit. Laß Sie uns gleich hinfahren, Massa Tom!«

Aber Tom dachte nach und rechnete so eifrig und so aufgeregt, wie ich

ihn nie gesehen habe. Und nach ’nem kleinen Augenblick sagte er:

»Fünf Dollars -- pah! Hört mal zu: dieser Sand ist wert ... wert ...

na, er ist ’n ganz kolossalen Haufen Geld wert!«

»Wie denn, Massa Tom? Erzähl Sie, süßes Herrchen, erzähl Sie!«

»Na -- sobald die Leute wissen, ’s ist _echter_ Sand aus der _echten_

Wüste Sahara, da werden sie sich sofort in den Kopf setzen, sich ein

bißchen davon zu verschaffen und es als Kuriosität in ’ner Phiole

mit ’nem Zettel dran auf den Nippstisch zu stellen. Wir brauchen

nichts weiter zu tun, als ihn in Phiolen zu füllen, über den ganzen

Vereinigten Staaten ’rumzugondeln und ihn zu zehn Cents das Stück zu

verhökern. Wir haben in unserem Schiff für mindestens zehntausend

Dollars Sand!«

Ich und Jim sprangen vor Freuden beinahe in Stücke und sangen:

»Hupjamborihu!« und Tom sagte:

»Und wir brauchen ja bloß wieder zurückzusegeln und neuen Sand zu

holen und das immer fortzusetzen, bis wir zuletzt die ganze Wüste

’rübergeschafft und phiolenweise verkauft haben; und Konkurrenz

brauchen wir nicht zu befürchten, denn wir lassen uns einfach ein

Patent darauf geben.«

»Himmlische Güte!« rief ich. »Wir werden ja so reich sein wie Kreosot

-- was, Tom?«

»Ja -- wie Kresus, meinst du. Hört mal -- der Derwisch suchte in jenem

kleinen Berg nach den Schätzen der ganzen Welt und wußte nicht, daß er

tausend Meilen weit auf lauter wirklichen Schätzen gegangen war. Er war

blinder als der Kameltreiber durch ihn wurde!«

»Massa Tom -- wie sehr reich, mein’ Sie, daß wir werden tun?«

»Ja, das weiß ich noch nicht. Das muß erst ausgerechnet werden -- und

das ist gar nicht so leicht, denn es sind mehr als vier Millionen

Quadratmeilen Sand zu zehn Cents die Phiole.«

Jim war fürchterlich aufgeregt, aber diese letzte Bemerkung gab ihm

einen beträchtlichen Dämpfer. Er schüttelte den Kopf und sagte:

»Massa Tom -- all die Violen können wir nix beschaffen -- kein König

nix hat so viele Violen. Wir mussen lieber nix die ganze Wüste wollen

haben -- Massa Tom, die Violen wer’n uns zu Grunden richten, warraftig!«

Toms Erregung ließ jetzt ebenfalls bedeutend nach und ich dachte, es

sei von wegen der Phiolen -- aber nein. Er saß da und dachte, und sein

Gesicht wurde immer saurer und finsterer, und zuletzt sagte er:

»Jungens -- die Sache wird nicht gehen. Wir müssen sie aufgeben!«

»Warum denn, Tom?«

»Wegen der Zollgebühren. So oft man über eine Grenze kommt -- ’ne

Grenze ist der Rand von einem Lande, wie ihr wohl wißt -- so findet

man dort ein Zollamt; und dann kommen die Zollbeamten heran und wühlen

einem in den Sachen herum und erheben eine hohe Gebühr davon -- und

wenn wir nicht die Gebühr bezahlen, so beschummeln sie uns um unsern

Sand. Sie nennen das ›konfiszieren‹ -- aber damit können sie keinem

Menschen was weismachen -- es ist ganz einfach beschummeln. Wenn wir

nun versuchen, den Sand auf dem Wege heimzubringen, auf dem wir jetzt

sind, so müssen wir über so viele Grenzen wegsteigen, daß wir bald müde

sein werden -- denn da kommt Grenze hinter Grenze: Aegypten, Arabien,

Hindustan usw., und an jeder stehen sie mit ihrer Zollgebühr bereit.

Ihr seht also klar und deutlich: diesen Weg können wir nicht segeln!«

»Nu, Tom,« sagte ich, »wir können doch einfach über ihre ollen Grenzen

wegsegeln. Wie sollten _die_ uns daran hindern?«

Er sah mich betrübt an und sagte ganz ernst:

»Huck Finn -- meinst du, daß das ehrlich sein würde?«

Derartige Unterbrechungen hasse ich, darum erwiderte ich gar nichts

darauf, und Tom fuhr fort:

»Na, der andere Weg ist uns ja ebenfalls versperrt. Wenn wir den Weg

zurücksegeln, den wir gekommen sind, so ist da das New Yorker Zollamt,

und das ist schlimmer als alle anderen zusammen, von wegen der Fracht,

die wir führen.«

»Warum?«

»Ja, Saharasand können sie in Amerika natürlich nicht produzieren;

und auf alles, was dort nicht produziert werden kann, beträgt die

Zollgebühr vierzehntausend Prozent, wenn man versucht, es aus dem

Ursprungsland einzuführen.«

»Da liegt ja gar kein Sinn und Verstand drin, Tom Sawyer!«

»Wer hat denn das behauptet? Wie kannst du so zu mir sprechen, Huck

Finn? Warte doch ab, bis ich sage, es sei Sinn und Verstand drin, ehe

du solche Beschuldigungen gegen mich erhebst!«

»Schon gut, Tom! Nimm an, ich bereue und beweine meinen Fehler. Weiter!«

Da sagt Jim:

»Massa Tom -- packen Sie diese Gebühre auf alle Dinge, wo nix in

Amerrika waxen un mach Sie gar nix keine Unterschied nix?«

»Nee, das tun sie nicht.«

»Massa Tom -- is nix die Segen von liebe Herrgott die wertvölligste

Ding auf diese Welt?«

»Ja, das ist er.«

»Stehen nix das Preddiger auf die Kanzel un ruf die Segen nieder auf

die Volk?«

»Ja.«

»Wo kommen die Segen her?«

»Vom Himmel.«

»Jawoll -- da hab Sie ganz recht -- ganz recht, mein süßes Herrchen --

die Segen komm’ von die Himmel un die Himmel is eine fremde Land. Nu --

nehm’ sie auch Zollgebühr von die Segen?«

»Nein, das tun sie nicht.«

»Natürlich tu’ sie nix! Un so is es klar, daß Sie sich tun irren, Massa

Tom! Sie nehm’ doch ganz gewiß nix Gebühr von armselige Sand, die keine

Mensch zu haben brauchen un lassen die beste Ding, wo niemand ohne sein

können, frei von die Gebühr!«

Da saß Tom Sawyer fest! Er sah auch wohl selber ein, daß Jim ihn

gefaßt hatte und daß er sich nicht rühren konnte. Allerdings versuchte

er sich herauszuwinden, indem er sagte, sie hätten bloß _vergessen_,

auch darauf eine Abgabe zu legen, aber ganz gewiß würden sie bei der

nächsten Kongreßtagung daran denken und sie nachträglich einführen --

aber das war nur eine armselige lahme Ausrede, und Tom wußte es ganz

gut. Er sagte, es gäbe außer diesem einzigen nichts Ausländisches,

was nicht mit ’ner Zollgebühr belegt wäre, und darum müßten sie diese

Abgabe ebenfalls festsetzen, denn sonst wären sie nicht konsistent oder

konsequent, und Konsistenz wäre die erste Regel in der Politik. Er

blieb dabei, sie hätten’s bloß aus Versehen ausgelassen und würden sich

ganz gewiß beeilen, dies Versehen wieder gut zu machen, ehe man sie

darob ertappte und auslachte.

Aber ich hatte für seine Auseinandersetzungen kein Interesse mehr, da

wir nun doch mal mit unserem Sand nichts mehr anfangen konnten; denn

das machte mich ganz niedergeschlagen und Jim auch. Tom versuchte uns

wieder aufzuheitern, indem er sagte, er wollte eine andere Spekulation

ausdenken, die für uns gerade so gut und noch besser wäre -- aber das

half nichts, denn wir konnten nicht glauben, daß irgend eine andere so

großartig sein könnte. Es war wirklich sehr hart für uns: vor einer

ganz kleinen Weile noch waren wir so reich, hätten uns ein ganzes Land

kaufen und ’n Königreich drin einrichten können -- und jetzt waren wir

wieder so arm und so ordinär und saßen da mit all unserm Sand. Vorher

hatte der Sand so reizend ausgesehen, wie lauter Gold und Diamanten,

und er war so weich und so seidig und so angenehm anzufühlen gewesen

-- aber jetzt konnte ich nicht mal seinen Anblick mehr ertragen; es

machte mich ganz krank, ihn bloß zu sehen, und ich wußte, mir würde

nicht eher wieder wohl sein, als bis wir den Krempel los wären, der

uns fortwährend daran erinnerte, was wir hätten sein können und nun

nicht mehr waren. Den andern beiden war ganz genau so zumute wie mir.

Das merkte ich ihnen an und sie wurden auf einmal ganz lustig, als ich

ihnen sagte: »Laßt uns das ganze Zeug über Bord werfen!«

Na, das war ja nun ’ne ganz tüchtige Arbeit, und darum teilte Tom sie

im Verhältnis zu unserer verschiedenen Stärke ein. Er sagte, er und ich

sollten jeder ein Fünftel von dem Sand über Bord schaffen und Jim die

andern drei Fünftel. Dem Jim gefiel diese Einteilung aber nicht recht

und er sagte:

»Natürlich sein ich die Stärkste un will auch meine Teil größer mach’

-- abber bei Jingo: Sie lad’ ein bissel zu viel auf alte Jims Buckel --

tu’ Sie nix, Massa Tom?«

»Na, das glaub’ ich eigentlich nicht, Jim; aber du kannst ja selber

sagen, wie die Arbeit verteilt werden soll und nachher können wir dann

sehen.«

Jim meinte nun, es sei nicht mehr als recht und billig, wenn Tom und

ich jeder _ein Zehntel_ von der Arbeit täten. Tom drehte sich um und

verzog seinen Mund zu einem Grinsen, das sich nach Westen zu über die

ganze Sahara bis an den Atlantischen Ozean erstreckte. Dann wandte er

sich wieder zu Jim und sagte, die Einteilung sei ganz schön und gut und

er sei ganz damit einverstanden, wenn sie Jim ebenfalls recht sei. Jim

war sie recht.

So maß denn Tom unsere zwei Zehntel im Bug des Schiffes ab und den

Rest bekam Jim. Und es überraschte den guten Jim sehr als er sah, wie

groß der Unterschied war und was für eine fürchterliche Menge Sand

auf seinen Anteil kam. Er sagte, er sei doch mächtig froh, daß er

zur rechten Zeit den Mund aufgetan habe, und daß der erste Vorschlag

abgeändert worden sei; denn selbst so wie’s jetzt sei, meinte er,

möchte auf seinen Teil wohl mehr Sand als Vergnügen kommen.

Dann fingen wir an. Es war ’ne mächtig heiße Arbeit und dazu sehr

langwierig; sie war tatsächlich so heiß, daß wir zu ’ner kühleren

Luftschicht aufsteigen mußten, sonst hätten wir’s einfach nicht

aushalten können. Tom und ich lösten uns ab, und der eine ruhte sich

immer aus, während der andere arbeitete, aber niemand war da, um den

armen Jim abzulösen, und er machte diesen ganzen Teil von Afrika

naß, so schwitzte er. Wir konnten nicht recht arbeiten, weil wir

fortwährend lachen mußten, und Jim wollte immerzu wissen, warum wir

alle Augenblicke laut herausprusteten. Da mußten wir denn irgend einen

Vorwand ersinnen, und unsere Vorwände waren wirklich recht kümmerlich,

aber schließlich genügten sie, denn Jim glaubte uns. Als wir endlich

mit unserem Teil fertig waren, da waren wir halb tot, aber nicht von

der Arbeit, sondern vom Lachen. Jim war beinahe ganz tot, aber von der

Arbeit; da lösten wir ihn denn abwechselnd ab, und er war uns dafür so

dankbar, wie wir nur wünschen konnten; er setzte sich aufs Dollbord und

trocknete sich den Schweiß ab und keuchte und schnaufte und sagte, wie

gut wir doch zu ’nem armen alten Nigger wären und er wollt’s uns nie

vergessen. Er war immer der dankbarste Nigger, den ich je gesehen habe,

mochte man ihm auch nur die geringste Gefälligkeit erwiesen haben.

Nigger war er überhaupt nur äußerlich -- innerlich war er so weiß wie

du und ich.

Zwölftes Kapitel.

Unsere nächsten Mahlzeiten waren recht sandig, aber das macht nichts

aus, wenn man hungrig ist; und wenn man nicht hungrig ist, so hat man

ja vom Essen doch keinen Genuß und nach meiner Meinung kommt’s auf so’n

kleines Sandkörnchen im Essen überhaupt nicht an.

Endlich kamen wir an den Ostrand der großen Wüste, indem wir einen

nordöstlichen Kurs einhielten. Fern am Rande des Sandes, in einem

zarten rosenroten Licht, sahen wir drei kleine scharfe Dächer wie Zelte

sich abheben und Tom sagte: »Das sind die ägyptischen Pyramiden!«

Da fing aber mein Herz an zu puppern! Ich hatte ja so manches, manches

Bild von ihnen gesehen und hatte hundertmal von ihnen erzählen hören

-- aber als ich sie so ganz plötzlich vor mir sah und fand, daß sie

_wirklich_ existierten und nicht bloß in der Phantasie, da stand mir

vor Ueberraschung beinahe der Atem still. Es ist sonderbar -- je mehr

man von ’nem großartigen Ding oder Menschen hört, desto mehr nimmt es

sozusagen was Traumhaftes an und wird schließlich zu ’ner übergroßen

verschwommenen Figur aus lauter Mondschein, aber ohne ’nen soliden

Inhalt. Gerade so ist’s mit George Washington -- und so ist’s auch mit

den Pyramiden.

Außerdem war es mir immer so vorgekommen, als ob die Geschichten,

die man von den Pyramiden erzählte, zum größten Teil ganz gewaltige

Uebertreibungen seien. Da war mal einer, der kam zu uns in die

Sonntagsschule und hatte ein Bild von ihnen und hielt ’ne Rede drüber

und sagte, die größte Pyramide bedeckte eine Fläche von dreizehn

Morgen und wäre beinahe fünfhundert Fuß hoch; sie wäre ein richtiger

steiler Berg, aufgebaut aus lauter Steinblöcken, die so groß wären wie

’ne Kommode und in regelmäßigen Reihen lägen wie Treppenstufen. Na,

dreizehn Morgen für ein einziges Gebäude -- das ist ja ’ne Farm! Wär’

ich nicht in der Sonntagsschule gewesen, so hätte ich die Geschichte

für ’ne Lüge gehalten; und sobald ich draußen war, hielt ich sie auch

wirklich dafür. Und er sagte, in der Pyramide wäre ein Loch und man

könnte mit Fackeln da hineingehen und dann immer einen langen schrägen

Tunnel hinauf, bis man schließlich zu einem großen Raum mitten im

Bauch dieses Berges käme und da fände man einen großen Steinkasten mit

’nem König drin -- und der wär’ viertausend Jahre alt! Als ich das

hörte, sagte ich bei mir selber: wenn das keine Lüge ist, will ich den

König sehen, d. h. wenn er da ist; denn _so_ alt war ja nicht mal

Methusalem, und kein Mensch denkt daran, viertausend Jahre alt werden

zu wollen.

Als wir ein bißchen näher herankamen, sahen wir auf einmal den gelben

Sand mit einem langen graden Rand aufhören -- ganz scharf abgeschnitten

wie ein großes Tuch -- und mit dem Rand an diesen Sand anstoßend ein

weites Land von hellem Grün, durch das ein langer heller Streifen sich

in Schlangenwindungen hindurchzog, und Tom sagte, das sei der Nil.

Da fing mein Herz wieder an zu puppern, denn der Nil war auch so ein

Ding, das ich eigentlich nie für Wirklichkeit gehalten hatte. Nun, so

viel ist todsicher: wenn man über dreitausend Meilen gelben Sandes

weggegondelt ist, wenn dieser Sand so von Hitze flimmert, daß einem vom

bloßen Hinsehen das Wasser aus den Augen läuft, und wenn man beinahe

’ne ganze Woche über diesem Sand war -- dann wird einem das grüne Land

wie Heimat und Himmel erscheinen und es wird einem _wieder_ das Wasser

aus den Augen laufen.

So ging es mir und so ging’s auch Jim.

Und als Jim merkte, daß er wirklich auf Aegyptenland ’runterguckte, da

wollte er nicht stehend in dieses Land hineinsegeln, sondern er warf

sich auf seine Kniee und nahm den Hut ab, denn für einen armen alten

Nigger, sagte er, schicke es sich nicht, anders in ein Land zu kommen,

wo Moses und Joseph und Pharao und die andern Propheten gelebt hätten.

Jim war Presbyterianer und hatte einen sehr tiefen Respekt vor Moses,

der, wie er sagte, ebenfalls ein Presbyterianer gewesen war. Er war

ganz aus dem Häuschen und rief:

»Das is die Aegyptenland, die Aegyptenland! -- un ich dürfen sie mit

meine eigene Augen ansehn! Un da is die Fluß, das zu Blut wurden, un

ich sehen auf dieselbige Stellen ’runter, wo die Pest un die Läusen un

die Froschen un die Hauschrecken un die Hagel gewesen sein tun -- un wo

die Türpfosten gezeichnet war un die Engel des Herrn kam un schlugen

allen Erstgeburt in ganze Aegyptenland. Alte Jim is nix würdig, diesen

Tag zu sehn!«

Und dann warf er sich hin und weinte vor lauter Dankbarkeit. Da gab

es denn zwischen ihm und Tom ein langes Gespräch: Jim war aufgeregt,

weil das Land so voll von Weltgeschichte war: von Joseph und seinen

Brüdern, von Moses in den Binsen, von Jakob, der nach Aegypten kam, um

Korn zu kaufen, vom silbernen Becher im Sack und von all den anderen

interessanten Sachen. Und Tom war gerade so aufgeregt, weil das Land so

voll von Weltgeschichte war, die in _sein_ Fach schlug: von Nurreddin

und Bedreddin und ähnlichen ungeheuren Riesen, bei deren Beschreibung

Jims Wollhaar zu Berge stand, und von ’ner ganzen Menge anderer Leute

aus Tausend und einer Nacht, die nach meiner Meinung nicht die Hälfte

von all dem getan haben, was sie getan haben wollen!

Dann erlebten wir eine Enttäuschung, denn es erhob sich ein Frühnebel

und wir durften nicht über ihn hinwegsegeln, weil wir sonst gewiß auch

über ganz Aegypten weggesegelt wären. Wir hielten’s daher für das

beste, nach dem Kompaß in geradem Kurs auf die inzwischen immer mehr

im Dunst verschwindenden Pyramiden zuzuhalten, so dicht wie möglich

über dem Boden hinzufahren und scharf Ausguck zu halten. Tom nahm

das Steuer, ich stand neben ihm, um, wenn’s nötig wäre, den Anker

auszuwerfen, und Jim hockte auf dem Bug, um mit den Augen durch den

Nebel zu bohren und etwaige Gefahren rechtzeitig zu bemerken. Wir

fuhren ein stetiges Tempo, aber nicht sehr schnell, und der Nebel wurde

dicker und dicker -- so dick zuletzt, daß von Jim nur noch schwache

Umrisse zu erkennen waren. Es war beängstigend still und wir sprachen

leise und waren aufgeregt. Ab und zu rief Jim:

»Eine Strich höcher ’rauf, Massa Tom, eine Strich höcher!« und dann

ließ Tom das Schiff ein paar Fuß höher steigen, und wir fuhren scharf

über das flache Dach einer Lehmhütte weg und über die Leute, die

gerade eben aufgestanden waren und noch gähnten und sich streckten.

Einmal hatte ein Bursche sich auf seinen Hinterbeinen so recht hoch

aufgerichtet, um besser gähnen und sich strecken zu können; der bekam

von unserer Gondel einen Puff in den Rücken, daß er auf den Bauch fiel.

So verging ungefähr eine Stunde; alles war totenstill und wir spitzten

unsere Ohren und hielten den Atem an, damit uns kein Laut entginge; da,

ganz auf einmal wurde der Nebel ein bißchen dünner, und Jim schrie in

fürchterlicher Angst:

»O, um die liebe Heiland willen, steuer Sie rückwärts, Massa Tom! Hier

is die größte Riese aus die Tausendste Nacht un kommen auf uns los!«

Und damit fiel er rücklings in die Gondel hinein.

Tom stürzte sich auf einen Hebel und gab dem Schiff Gegenkraft,

und als wir infolgedessen plötzlich stillstanden -- da guckte ein

Menschengesicht so groß wie unser Haus daheim in unsere Gondel und ich

fiel um und war tot. Denn ich muß wirklich ’ne Minute lang oder so tot

gewesen sein. Schließlich kam ich wieder zu mir und da hatte Tom ’nen

Bootshaken in die Unterlippe des Riesen eingehakt und hielt damit den

Ballon fest, und dabei hatte er den Kopf hintenübergelegt und sah mit

einem langen festen Blick das fürchterliche Riesenantlitz an.

Jim lag auf den Knieen und sah mit gefalteten Händen das Ding an und

bewegte betend die Lippen, konnte aber keinen Ton hervorbringen. Ich

warf bloß einen Blick auf den Riesenkopf und wollte gerade wieder in

Ohnmacht fallen, da sagte Tom:

»Es ist ja gar nicht lebendig, ihr Narren! Es ist die Sphinx.«

Nie hab’ ich Tom so klein gesehen -- er sah wahrhaftig nicht größer aus

als ’ne Fliege, aber das kam davon, daß der Riesenkopf so schrecklich

groß war. Groß und schrecklich, ja, das war er -- aber er machte einem

doch keine Angst mehr, denn man konnte wohl sehen, daß es ein edles,

beinahe trauriges Antlitz war und daß es gar nicht an uns Menschlein

dachte, sondern an was Anderes, Größeres. Es war aus Stein, rötlichem

Stein, und Nase und Ohren waren verstümmelt, so sah es aus, als ob es

mißhandelt sei, und das tat einem unwillkürlich in der Seele weh.

Wir hielten ein Stück von dem Bildwerk ab und segelten rund darum

herum und dann darüber weg, und es war einfach großartig. Es war

der Kopf eines Mannes oder vielleicht auch einer Frau, auf einem

hundertfünfundzwanzig Fuß langen Tigerleib, und zwischen seinen

Vorderpranken stand ein süßer kleiner Tempel. Viele hundert Jahre lang

-- vielleicht Tausende -- war das ganze Bildwerk mit Ausnahme des

Hauptes unter dem Sand begraben gewesen; aber gerade vor ganz kurzer

Zeit hatten sie den Sand weggeräumt und den kleinen Tempel gefunden.

Es war jedenfalls ’ne mächtige Masse Sand nötig, um so ’ne Kreatur zu

begraben -- wohl mindestens so viel wie um ein Dampfschiff zu begraben.

Wir setzten Jim oben auf dem Kopf der Sphinx ab, nachdem wir ihm, da

wir im Ausland waren, zum Schutz ’ne amerikanische Flagge gegeben

hatten. Dann segelten wir ab und besahen uns das Werk bald aus dieser,

bald aus jener Entfernung; das war, wie Tom sagte, nötig, um die

richtigen Effekte und Perspektiven und Proportionen herauszukriegen.

Und Jim tat wirklich sein Bestes, indem er die allerverschiedensten

Stellungen einnahm, die er sich nur ausdenken konnte; am besten

gefiel er uns aber, als er auf dem Kopf stand und wie ein Frosch mit

den Beinen spaddelte. Je weiter wir wegsegelten, desto kleiner wurde

Jim und desto großartiger die Sphinx, bis er zuletzt sozusagen wie

’ne Stecknadel auf einem Dome aussah. Auf diese Weise bringt die

Perspektive die richtigen Proportionen zuwege, sagte Tom; er sagte,

Cäsars Nigger hätten nicht gewußt, wie groß er war, weil sie zu nahebei

gewesen wären.

Dann segelten wir immer weiter und weiter weg, bis wir Jim überhaupt

nicht mehr sehen konnten, und da machte die große Figur den

edelsten Eindruck -- so still und feierlich und einsam blickte sie

über das Niltal herüber, und all die schäbigen kleinen Hütten und

Menschenwerklein, die rings um sie herum zerstreut waren, sie waren

völlig verschwunden und rund um sie herum nur noch eine weiche große

Decke von gelbem Sammet, nämlich der Wüstensand.

Das war die richtige Stelle, um Halt zu machen, und das taten wir auch.

Eine halbe Stunde lang hielten wir da und guckten und dachten und

keiner von uns sagte ein Wort, denn uns wurde so ruhig und feierlich zu

Mute, wenn wir daran dachten, daß die Sphinx schon seit Jahrtausenden

gerade so über das Tal hinübergeschaut und ihre majestätischen Gedanken

so ganz für sich gedacht hatte -- ihre Gedanken, von denen kein Mensch

sagen kann, was sie sind.

Zuletzt nahm ich das Fernrohr zur Hand und da sah ich mehrere kleine

schwarze Dinger auf dem Sammetteppich herumspringen und andere, die auf

den Rücken der Sphinx hinaufkletterten, und dann sah ich zwei oder drei

weiße Rauchwölkchen aufpuffen, und ich sagte Tom, er möchte auch mal

hinsehen. Er tat das und sagte:

»Das sind Käfer. Nein -- wart’ mal; sie -- wahrhaftig, ich glaube, es

sind Menschen. Ja, es sind Menschen -- Menschen und auch Pferde. Sie

legen gerade ’ne lange Leiter an den Rücken der Sphinx an -- ist das

aber komisch! Und nun versuchen sie, die Leiter hinaufzuziehen -- da

sind auch wieder Rauchwölkchen -- das sind Flinten! Huck, sie machen

Jagd auf Jim!«

Tom Sawyers Neue Abenteuer · 第 6 / 13 段