Ende der Welt stand. Tom unterbrach sich, griff ganz aufgeregt nach dem
Fernrohr, sah hindurch und rief:
»Das ist er -- das ist ganz bestimmt gerade der, nach dem ich schon
lange ausgeschaut habe! Ganz gewiß ist das der Berg, in den der
Derwisch den Mann hineinführte, um ihm all die Schätze zu zeigen.«
Wir guckten natürlich uns den Berg ganz genau an, und Tom begann uns
die Geschichte davon zu erzählen, wie sie in Tausend und einer Nacht
steht.
Zehntes Kapitel.
Tom sagte, die Sache hätte sich folgendermaßen zugetragen:
»Ein Derwisch wanderte durch die Wüste; es war ein sengend heißer Tag
und er ging zu Fuß und hatte schon seine tausend Meilen hinter sich
und war sehr arm und hungrig und abgerissen und müde, und hier in der
Gegend, wo wir jetzt sind, begegnete er einem Kameltreiber mit hundert
Kamelen und bat ihn um ein Almosen. Der Kameltreiber sagte aber, er
möchte ihn entschuldigen, leider könnte er ihm nichts geben.
»›Gehören dir denn nicht diese Kamele?‹ fragte der Derwisch.
»›Ja, sie gehören mir.‹
»›Hast du Schulden?‹
»›Wer -- ich? Nein!‹
»›Nun, ein Mann, der hundert Kamele besitzt und keine Schulden hat, der
ist reich -- und nicht nur reich, sondern sogar sehr reich. Nicht wahr?‹
»Der Kameltreiber räumte ein, dies sei richtig. Da sagte der Derwisch:
»›Gott hat dich reich gemacht und Er hat mich arm gemacht. Er hat
Seine Gründe und sie sind weise -- gesegnet sei Sein Name! Aber Er hat
befohlen, daß Seine Reichen Seinen Armen helfen und du hast dich von
mir, deinem Bruder, in seiner Not abgewandt; Er wird dir das gedenken
und es wird zu deinem Schaden sein.‹
»Dem Kameltreiber wurde unbehaglich zumute, als er diese Worte hörte;
er war aber von Natur gewaltig aufs Geld erpicht und mochte nicht einen
Cent missen. So begann er denn zu winseln und allerlei Entschuldigungen
vorzubringen: es seien harte Zeiten, er habe zwar eine volle Ladung
nach Balsora zu befördern, und bekomme dafür ein schönes Stück Geld,
aber er könne in Balsora keine Rückfracht erhalten und darum werde
seine Reise ihm nichts Rechtes einbringen. So machte denn der Derwisch
sich wieder auf seinen Weg und sagte zum Abschied bloß:
»›Na, meinetwegen -- wenn du’s riskieren willst. Aber ich glaube,
diesmal hast du ’nen Irrtum gemacht und ’ne gute Gelegenheit verpaßt.‹
»Natürlich wollte nun der Kameltreiber wissen, was für ’ne Gelegenheit
er verpaßt hätte, denn es hätte ja Geld dabei zu verdienen sein können.
Er lief daher dem Derwisch nach und bat ihn so lange und so inständig,
er möchte doch Mitleid mit ihm haben, daß der Derwisch zuletzt nachgab
und sagte:
»›Siehst du den Berg dort hinten? In jenem Berge sind alle Schätze der
Erde, und ich suchte gerade einen Mann mit einem recht guten milden
Herzen und einem edlen hochsinnigen Charakter; denn wenn ich so einen
Mann finden könnte, so hab’ ich hier ’ne Salbe bei mir, die ich auf
seine Augen streichen würde; er könnte dann alle Schätze sehen und sie
aus dem Berge hervorholen.‹
»Da kam der Kameltreiber in riesige Aufregung; er weinte und bat und
ließ nicht nach, warf sich auf seine Kniee nieder und rief, er sei
gerade so ein Mann, wie ihn der Derwisch suche, und er könne tausend
Zeugen beibringen, die alle bestätigen würden, daß die Beschreibung
ganz über alle Maßen genau auf ihn zutreffe.
»›Nun, dann meinetwegen!‹ sagte der Derwisch. ›Wenn wir deine hundert
Kamele beladen, kann ich dann die Hälfte von ihnen abbekommen?‹
»Der Kameltreiber war so vergnügt, daß er kaum an sich halten konnte;
und er rief:
»›Das soll ein Wort sein!‹
»Sie schüttelten sich also zur Bekräftigung des Handels die Hände,
und der Derwisch holte seine Büchse heraus und rieb dem Kameltreiber
mit der Salbe das rechte Auge ein: Da tat sich der Berg auf und er
ging hinein, und richtig -- da lagen Haufen neben Haufen, Goldstücke
und Juwelen, die funkelten, wie wenn alle Sterne vom Himmel
heruntergefallen wären.
»Der Derwisch und der Kameltreiber machten sich nun fix an die Arbeit
und beluden jedes Kamel mit einer Last, so schwer es sie nur zu tragen
vermochte; dann nahmen sie Abschied von einander und jeder von ihnen
zog mit seinen fünfzig von dannen. Aber es dauerte nur einen ganz
kleinen Augenblick, da kam der Kameltreiber dem Derwisch nachgelaufen,
holte ihn ein und sagte:
»›Du lebst ja doch eigentlich nicht unter den Menschen und darum
brauchst du wirklich nicht all die Schätze, die du gekriegt hast.
Willst du nicht so gut sein, mir zehn von deinen Kamelen abzulassen?‹
»›Na,‹ sagt der Derwisch, ›was du da sagst, ist ja ganz vernünftig;
dagegen kann ich nichts einwenden.‹
»Er tat es also; sie nahmen wiederum Abschied, und der Derwisch zog mit
seinen vierzig weiter. Aber gleich darauf läuft der Kameltreiber wieder
mit Halloh hinter ihm her und fängt an zu winseln und zu betteln, er
möchte ihm doch noch zehn Kamele geben, denn mit dreißig Kamelladungen
Gold und Juwelen könnte ein Derwisch sich ganz gut durchs Leben
schlagen. Bekanntlich leben ja die Derwische sehr einfach und haben
keine eigene Wohnung, sondern ziehen in der Welt ’rum und quartieren
sich bald hier bald dort ein.
»Aber damit war’s noch nicht zu Ende. Der gemeine Hund kam immer und
immer wieder, bis er sich alle Kamele zusammengebettelt hatte und
die sämtlichen hundert besaß. Dann war er zufrieden und sogar riesig
dankbar und sagte, er wollte es dem Derwisch sein Lebenlang nicht
vergessen, und niemand sei je zuvor so gut gegen ihn gewesen und so
freigebig; so schüttelten sie sich denn die Hände, sagten sich Lebewohl
und gingen auseinander, der eine hierhin und der andere dorthin.
»Aber wißt ihr -- es waren noch keine zehn Minuten verstrichen, da war
der Kameltreiber schon wieder unzufrieden -- er war das allergemeinste
Reptil in sieben Grafschaften -- und kam wieder hinter dem Derwisch
hergerannt. Und diesmal wünschte er, der Derwisch solle ihm auch auf
sein anderes Auge ein bißchen von der Salbe streichen.
»›Warum?‹ fragte der Derwisch.
»›O! Du weißt schon!‹ antwortete der Kameltreiber.
»›Was denn?‹
»›Na, mir kannst du nichts weismachen!‹ sagt der andere. ›Du möchtest
mir irgendwas verheimlichen, das weißt du selber recht gut. Ich denke
mir aber, wenn ich die Salbe auch auf dem anderen Auge hätte, so könnte
ich ’ne ganze Menge noch viel wertvollere Sachen sehn. Also bitte --
streich’ sie mir auf!‹
»Sagt der Derwisch:
»›Ich habe dir nicht das allergeringste verhehlt. Aber ich will dir
sagen, was dir geschehen würde, wenn ich dir die Salbe auf das linke
Auge striche: du würdest niemals wieder sehen können -- du wärest
stockblind bis ans Ende deiner Tage.‹
»Aber, versteht ihr, das Biest wollte ihm nicht glauben. Nein, er
bettelte und bettelte und winselte und flennte, bis zuguterletzt der
Derwisch seine Büchse aufmachte und ihm sagte, er möchte sich die Salbe
selbst aufstreichen, wenn er’s durchaus wollte. Der Mann tat es und
richtig -- in Zeit von ’ner Minute war er so blind wie ’n Maulwurf.
»Da lachte der Derwisch ihn aus und verhöhnte ihn und sagte:
»›Leb wohl! Ein Blinder braucht kein Gold und keine Juwelen.‹
»Dann machte er sich mit seinen hundert Kamelen davon und der Blinde
mußte arm und elend und hilflos bis an sein Lebensende in der Wüste
umherirren.«
Jim sagte, er wollte wetten, das wäre ’ne gute Lehre für ihn gewesen.
»Ja,« sagte Tom, »und ’ne Lehre, wie’s die allermeisten sind, die man
kriegt. Sie nützen einem nichts, weil derselbe Vorfall einem niemals
wieder passieren wird, ja gar nicht passieren kann. Als damals Hen
Scovil den Schornstein ’runterfiel und sich das Rückgrat brach, daß er
für immer krumm blieb, da sagte ein jeder, es würde ’ne Lehre für ihn
sein. Was für ’ne Lehre denn? Was konnte er mit der Lehre anfangen? Er
konnte nicht mehr in Schornsteine ’raufkriechen und hatte kein Rückgrat
mehr zu brechen.«
»Aber einerlei, Massa Tom, es sein doch was Wahres dran, daß eine von
die Erfahrung klug werden. In die Gute Buch stehen: die gebrannte Kind
tun den Feuer scheuen.«
»Nu ja, ich leugne ja nicht, daß etwas ’ne gute Lehre sein kann, wenn’s
was ist, was zweimal passieren kann. Es gibt ’ne Masse solche Sachen,
und dadurch gerade wird ’n Mensch erzogen, wie Onkel Abner immer zu
sagen pflegte; aber es gibt vierzig Millionen Sachen von der andern
Sorte -- Sachen, die nie sich zweimal auf dieselbe Weise zutragen --
und die haben absolut keinen reellen Wert, die lehren einen Menschen
genau so wenig, wie wenn er die Pocken kriegt. Wenn man sie mal erst
hat, so nützt es einem nichts, daß es einem klar wird, man hätte sich
sollen impfen lassen; und sich nachträglich impfen zu lassen, hat auch
keinen Zweck, weil man die Pocken bloß einmal kriegt. Andererseits,
sagte Onkel Abner, lernt einer, der mal ’nen Bullen an den Schwanz
gefaßt hat, sechzig- oder siebzigmal so viel wie einer, der das nicht
getan hat, und einer, der mal ’ne Katze am Schwanz nach Hause gezerrt
hätte, sagte Onkel Abner, der lernte dadurch allerlei, was ihm mal von
Nutzen sein würde und was sich nie in seiner Erinnerung verwischen
würde. Aber ich kann dir sagen, Jim: auf _die_ Leute, die aus allem
immer ’ne Lehre ziehen wollen, auf die war Onkel Abner nicht gut zu
sprechen; denn es wäre doch nicht einerlei, ob ...«
Aber Jim war eingeschlafen. Tom guckte ein bißchen verlegen drein, denn
es ist ja immer ein unangenehmes Gefühl, wenn man etwas ganz besonders
Schönes sagt und wenn man denkt, der andere hört ganz andächtig und
bewundernd zu, und wenn dann der andere ganz mir nichts dir nichts
einschläft. Natürlich hätte er nicht einschlafen sollen -- denn das ist
schäbig; aber je schöner jemand redet, desto sicherer schläfert er den
anderen damit ein, und wenn man sich die Sache richtig überlegt, so hat
eigentlich keiner von ihnen schuld -- oder sie haben alle beide schuld.
Auf einmal fing Jim an zu schnarchen -- zuerst sanft und süß, dann ein
langes Sägen, hierauf ein noch stärkeres und dann ein halbes Dutzend
ganz fürchterliche Schnarcher, wie wenn in ’ner Badewanne der letzte
Rest Wasser in das Abflußloch hineingesaugt wird -- hierauf dieses
letzte halbe Dutzend noch einmal, aber noch stärker und mit etlichen
Schnörkeln verziert, wie wenn ’ne Kuh in den letzten Zügen liegt -- und
wenn ein Mensch _so_ schnarcht, so hat er den Höhepunkt der Leistung
erreicht und kann einen aufwecken, der in der nächsten Straße mit ’nem
Eimer voll Opium im Leibe schläft, aber er selber wacht nicht auf,
obwohl der ganze gräßliche Spektakel keine drei Zoll von seinen Ohren
entfernt ist. Und das ist, wie mich dünkt, das Allersonderbarste dabei.
Aber reibe ein Streichholz an, um das Licht anzuzünden, und dieses
leise Geräusch wird ihm in die Glieder fahren! Ich möchte wohl wissen,
was der Grund hiervon ist, aber der läßt sich, wie’s scheint, nicht
feststellen.
Unser Jim schnarchte also, daß er die ganze Wüste in Aufruhr brachte;
auf Meilen in der Runde stürzten die wilden Tiere aus ihren
Schlupfwinkeln hervor, um zu sehen, was denn da oben in der Luft los
sei; kein Mensch und kein Tier und kein Ding war dem Lärm so nahe wie
Jim selber, und doch war er in der ganzen Gegend das einzige Geschöpf,
das sich nicht dadurch stören ließ. Wir schrieen und brüllten ihn an --
nützte alles nichts; aber sowie ein leises ungewohntes Geräusch gemacht
wurde, da wachte er auf. Wahrhaftig, ich habe mir den Kopf darüber
zerbrochen und Tom auch, aber wir haben’s nicht herausbringen können,
warum ein Schnarcher sich nicht schnarchen hört.
Jim sagte, er habe nicht geschlafen; er habe bloß die Augen zugemacht,
um besser zuhören zu können.
Tom sagte, ihm hätte ja niemand einen Vorwurf gemacht.
Da machte Jim ein Gesicht, wie wenn er wünschte, er hätte lieber gar
nichts gesagt. Und ich glaube, er wollte die Unterhaltung auf was
anderes bringen, denn auf einmal fing er an, über den Kameltreiber
herzuziehen. Er ließ kein gutes Haar an ihm, und ich mußte ihm recht
geben; und den Derwisch erhob er bis in den siebenten Himmel, und auch
darin mußte ich ihm beistimmen. Tom aber sagte:
»Das weiß ich denn doch nicht so gewiß. Ihr nennt den Derwisch so
fürchterlich freigebig und gut und selbstlos -- aber ich bin davon
nicht so ganz überzeugt. Er suchte in der Wüste nicht nach ’nem andern
armen Derwisch, nicht wahr? Oder? Nee, fiel ihm gar nicht ein. Wenn er
so selbstlos war -- warum ging er nicht einfach selber in den Berg,
nahm ’ne Tasche voll Juwelen ’raus und ging damit zufrieden weiter?
Aber nein -- was er suchte, das war ein Mann mit hundert Kamelen. Er
wollte so viele Schätze fortschleppen, wie er nur irgend konnte.«
»Abers, Massa Tom, ihm wollten doch teilen -- ehrliche halb und halb!
ihm wollten bloß fufzig Kamele haben!«
»Weil er wußte, daß er sie schließlich doch alle hundert kriegen würde.«
»Massa Tom, er sagten abers zu die Mann, das Salbe täte ihm blind
machen tun!«
»Ja, weil er den Charakter des Mannes kannte. Es war gerade die Sorte
von ’nem Mann, wonach er gesucht hatte -- ein Mann, der nie an eines
andern Wort oder Ehrlichkeit glaubt, weil er selber gar nicht weiß, was
ein wahres ehrliches Wort ist. Ich glaube, es gibt viele Leute, die’s
genau so machen, wie dieser Derwisch. Sie gaunern nach rechts und nach
links, aber richten es immer so ein, daß es so aussieht, als ob gerade
der andere der Gauner sei. Sie bleiben stets innerhalb des Buchstabens
der Gesetze, und darum kann man sie nie erwischen. _Sie_ legen nicht
die Salbe auf -- o nein! Das wäre ja Sünde! Aber sie wissen den
anderen so an der Nase zu führen, daß er sich selber damit beschmiert
-- und dann hat er sich eben selber blind gemacht. Ich glaube, der
Derwisch und der Kameltreiber waren ein edles Brüderpaar: ein schlauer,
gerissener, verschmitzter Schurke und ein plumper, roher, unwissender
-- aber Schurken alle beide, der eine wie der andere!«
»Massa Tom, glauben Sie, daß es auf diese Welt noch so ein Salben geben
tun?«
»Ja, Onkel Abner sagt, es gibt welche. In New York, sagt er, haben sie
sie und sie schmieren sie dem Landvolk auf die Augen und zeigen ihnen
alle Eisenbahnen von der Welt und sie fallen drauf ’rein und schaffen
sie ’ran; und dann reiben sie sich auch das andere Auge mit der Salbe
ein und der kluge Mann sagt ihnen Adieu und geht mit ihren Eisenbahnen
ab. Na, hier sind wir beim Schatzberg! Tiefer mit dem Ballon!«
Wir landeten, aber es war nicht so interessant, wie ich erwartet hatte,
weil wir nämlich die Stelle nicht finden konnten, wo sie ’reingegangen
waren, um die Schätze zu holen. Immerhin war es noch sehr interessant,
auch nur den Berg zu sehen, wo eine so wunderbare Geschichte sich
zugetragen hatte. Jim sagte, er hätte nicht für drei Dollars bei dem
Berg vorbeifahren mögen, ohne sich ihn näher anzusehen, und ich war
ganz derselben Meinung.
Aber das Allerwundervollste war für mich und Jim, wie Tom in so’n
großes fremdes Land kam wie dies und einfach geradeswegs auf so ’nen
kleinen Steinhaufen lossegeln und ihn in ’ner Minute aus ’ner Million
von anderen geradeso aussehenden Bergen ’rauskennen konnte, und ohne
irgend welche fremde Hilfe, bloß durch sein eigenes Wissen und seine
eigene Schläue. Wir besprachen das lange Zeit, konnten aber nicht
’rausbringen, wie er’s anfing. Er hatte den besten Kopf, den ich je
gesehen, und ihm fehlte weiter nichts als das richtige Alter, um sich
’nen Namen zu machen wie Kapitän Kidd, der große Seeräuber, oder George
Washington. Ich will wetten, die wären alle beide in ’ner häßlichen
Verlegenheit gewesen -- trotz all ihrer Klugheit -- wenn sie den Berg
hätten ausfindig machen sollen. Aber für Tom Sawyer war das ganz und
gar nichts; der ging quer über die Sahara drauf los und tippte ihn
mit dem Finger an -- so leicht, wie man ’nen Nigger aus ’nem Haufen
Engelein ’rauskennen würde.
Ganz in der Nähe fanden wir einen Salzwasserteich, von dessen Rändern
wir einen Vorrat Salz einsammelten; damit rieben wir die Löwen- und die
Tigerhaut ein, so daß sie sich halten konnten, bis Jim Zeit kriegte,
sie richtig zu gerben.
Elftes Kapitel.
Einen Tag oder zwei strolchten wir nach unserem Behagen in den
Lüften herum, und dann, gerade als der Vollmond den Erdboden auf der
anderen Seite der Wüste berührte, sahen wir eine Reihe von kleinen
schwarzen Gestalten quer an der großen silberglänzenden Scheibe
vorüberziehen. Man sah sie so deutlich, wie wenn sie mit Tinte auf
den Mond aufgezeichnet gewesen wären. Es war wieder ’ne Karawane.
Wir stellten unseren Apparat auf mäßige Geschwindigkeit und fuhren
hinter ihr her, bloß um ein bißchen Gesellschaft zu haben, obwohl wir
dadurch eigentlich von unserem Wege abkamen. Diese Karawane war ein
ganz mächtig großes Ding und ein großartiger Anblick war’s am andern
Morgen, als die Sonne flammend über die Wüste schien und die langen
Schatten der Kamele langbeinig-knickebeinig in Prozession über den
goldenen Sand hinmarschierten. Wir kamen der Karawane niemals ganz
nahe, weil wir mit solchen Sachen jetzt besser Bescheid wußten und
nicht mehr friedfertigen Leuten die Kamele bange machen und ihre
Karawane in Unordnung bringen wollten. Es war der bunteste lustigste
Zug, den man sich nur denken kann, alles in reichen Gewändern und fein
herausgeputzt. Einige von den Häuptlingen ritten auf Dromedaren; es
waren die ersten, die wir je in unserem Leben sahen, und mächtig große
Viecher, die wie auf Stelzen gehen und den Mann, der auf ihnen sitzt,
beträchtlich schütteln und ihm das Essen, das er im Leibe hat, ganz
gehörig durcheinander rütteln; aber sie reiten ein ganz famoses Tempo
und ein Kamel kann es an Schnelligkeit auch nicht annähernd mit ihnen
aufnehmen.
Den mittleren Teil des Tages über hielt die Karawane Lagerruhe; in den
Nachmittagsstunden zog sie weiter. Es dauerte nicht lange, so fing die
Sonne an, ganz merkwürdig auszusehen -- erst wie Messing, dann wie
Kupfer und schließlich wie eine blutrote Kugel; die Luft wurde heiß
und beklemmend und im Nu war der ganze westliche Himmel verdunkelt und
dunstig, daß es ganz fürchterlich anzusehen war -- so wie wenn man ihn
durch ’nen roten Glasscherben ansieht. Wir sahen ’runter und bemerkten,
daß in der Karawane ein großer Wirrwarr herrschte, ein Hin- und
Herlaufen, wie wenn die Leute eine entsetzliche Angst hätten. Und auf
einmal warfen Menschen und Tiere sich platt auf den Boden nieder und
lagen da vollständig still.
Gleich darauf sahen wir etwas herankommen. das sah aus wie eine riesig
hohe Wand, und reichte von der Wüste in den Himmel empor, daß die Sonne
dahinter verschwand, und es kam heran wie ein heiliges Donnerwetter.
Dann wehte eine ganz schwache Brise uns an, dann wurde der Wind stärker
und auf einmal flogen Sandkörner uns in’s Gesicht, die brannten uns wie
Feuerfunken, und Tom schrie auf:
»’s ist ein Sandsturm -- dreht ihm den Rücken zu!«
Das taten wir; und ’ne Minute später blies es uns an wie ein Orkan und
der Sand flog wie mit Schaufeln geworfen gegen uns an, und die Luft
war so dick, daß wir überhaupt nichts mehr sehen konnten. Binnen fünf
Minuten war unser Luftschiff bis an den Rand voll, und wir saßen auf
unseren Bänken, bis ans Knie in Sand begraben, und bloß unsere Köpfe
guckten oben ’raus und wir konnten kaum noch Luft kriegen.
Dann wurde der Sturm schwächer und der Sand dünner und wir sahen, daß
die ungeheure Wand quer über die Wüste weitersegelte -- und es war
fürchterlich anzusehen, das kann man mir wohl glauben! Wir wühlten
uns aus dem Sand ’raus und sahen nach der Erde hinunter -- und an der
Stelle, wo vorher die Karawane gewesen war, da war jetzt gar nichts
mehr als bloß der Sandozean, und alles war still und ruhig. All die
Menschen und Kamele waren erstickt und tot und begraben -- begraben
unter einer Sandschicht, die nach unserer Schätzung zehn Fuß tief sein
mußte, und Tom meinte, es könnte Jahre dauern, ehe der Wind sie wieder
bloßlegte, und all die Zeit über würden ihre Freunde nicht wissen, was
aus der Karawane geworden wäre. Und Tom sagte:
»Jetzt wissen wir auch, was den Leuten passiert war, denen wir die
Säbel und Pistolen abnahmen.«
Ja, so verhielt sich’s ganz genau -- das war uns jetzt so klar wie
der helle Tag. Sie wurden in einem Sandsturm begraben, und die wilden
Tiere konnten nicht an sie ’rankommen, und der Wind deckte sie nicht
eher wieder auf, als bis sie zu lederartigen Mumien vertrocknet und
nicht mehr zu essen waren. Mir war’s damals so vorgekommen, als sei
uns das Schicksal jener armen Menschen so tief zu Herzen gegangen und
habe uns so traurig gemacht, wie sich’s nur denken läßt -- aber das
war ein Irrtum von uns: der Untergang dieser zweiten Karawane ging uns
tiefer zu Herzen, _viel_ tiefer! Nun, das kam davon, daß die andern
eben völlige Fremde für uns gewesen waren; so hatten wir denn gar
nicht das Gefühl gehabt, als seien wir überhaupt mit ihnen bekannt
gewesen -- ausgenommen vielleicht ein bißchen mit dem Mann, der das
Mädchen in seinen Armen zu schützen gesucht hatte. Aber mit dieser
letzten Karawane war es ganz was anderes! Wir hatten eine ganze Nacht
und beinahe einen vollen Tag um sie herumgeschwebt, und da hatten wir
ein wirklich freundschaftliches Gefühl für sie gefaßt; sie waren für
uns Bekannte geworden. Ich habe die Beobachtung gemacht, daß es kein
besseres Mittel gibt, herauszufinden, ob Leute einem lieb oder zuwider
sind, als daß man mit ihnen zusammen eine Reise macht. Genau so ging
es uns mit diesen. Sie gefielen uns eigentlich gleich von Anfang an,
und im Verlauf der Reise gewannen wir sie wirklich lieb. Je länger die
Reise dauerte, und je mehr wir mit ihren Manieren vertraut wurden,
desto besser gefielen sie uns und desto größer wurde unsere Freude, daß
wir sie getroffen hatten. Einige von ihnen kannten wir bald so genau,
daß wir sie bei ihren Namen nannten, wenn wir von ihnen sprachen, und
wir gingen schließlich so vertraulich mit ihnen um, daß wir sogar das
›Herr‹ oder ›Fräulein‹ fortließen und einfach ihre Namen nannten, wenn
wir von ihnen sprachen; und das klang ganz und gar nicht unhöflich,
sondern im Gegenteil ganz natürlich. Selbstverständlich waren es nicht
ihre richtigen Namen, sondern die Namen, die wir ihnen beigelegt
hatten. Da war Herr Alexander Robinson und Fräulein Adaline Robinson,
Oberst Jacob Mc Dougal und Fräulein Harriet Mc Dougal und Richter
Jeremiah Butler und der junge Buschrod Butler, und diese Herrschaften
waren meistens große Häuptlinge mit prachtvollen großen Turbanen
und Handscharen, und angezogen wie der Groß-Mogul, nebst ihren
Familienmitgliedern. Aber sobald wir sie recht kannten, und sie so gern
hatten, da gab’s für uns kein ›Herr‹, ›Richter‹ oder dergleichen mehr,
sondern bloß Alex und Addy und Jake und Nattie, Jerry, Buck usw.
Als sie ihr Lager aufschlugen, da hielten auch wir unmittelbar über
ihnen still, tausend oder zwölfhundert Fuß hoch in der Luft. Als sie
ihre Mahlzeit verzehrten, da speisten wir auch, und es war wirklich
ein behagliches Gefühl, uns dabei in ihrer Gesellschaft zu wissen.
Während der Nacht feierten sie eine Hochzeit, und Buck und Addy wurden
miteinander verheiratet; da putzten wir uns zur Feier dieses festlichen
Anlasses mit des Professors schönsten Kleidern heraus, und als bei
ihnen das Tanzen losging, da schwangen wir oben in unserer Höhe auch
ein bißchen das Tanzbein.
Aber am allernächsten werden die Menschen doch durch Kummer und Leid
zusammengebracht, und so ging es auch uns, als sie am nächsten Morgen
in der ersten Dämmerung einen begruben. Wir wußten nicht, wer der
Abgeschiedene war, und er war ja nicht mit uns verwandt, aber das
machte gar keinen Unterschied; er gehörte zur Karawane -- das genügte,
und es wurden keine aufrichtigeren Tränen über seinem Grabe vergossen,
als die unsrigen, die aus einer Höhe von elfhundert Fuß herabfielen.
Ja, der Abschied auf ewig, den wir von dieser Karawane nahmen, war viel
bitterer, als der Abschied von jenen anderen Toten, die im Vergleich
mit diesen nur Fremde für uns waren, und die zudem schon so lange tot
waren. Aber diese hatten wir bei Lebzeiten gekannt und hatten sie gern
gehabt -- und nun kam der grimmige Tod und riß sie vor unsern Augen
weg und wir blieben mitten in der großen Wüste so einsam und verwaist
-- das tat uns so weh und wir wünschten, wir möchten auf unserer Reise
lieber gar keine Freunde mehr gewinnen, wenn wir sie auf solche Art
wieder verlieren sollten.