Tom sagte, wir müßten nur nach allen Himmelsrichtungen recht scharfen

Ausguck halten, denn jedenfalls würden wir ’ne Oase finden oder es

würde uns sonst irgendwas Merkwürdiges passieren. Das taten wir denn

auch. Die ganze Zeit bestrichen wir mit den Ferngläsern den Horizont,

bis unsere Arme so lahm waren, daß wir die Dinger nicht mehr halten

konnten. So vergingen zwei Stunden -- drei Stunden -- wir guckten und

guckten: aber da war nichts als Sand, Sand, _Sand_, und der flimmernde

heiße Dunst zitterte über dem Erdboden. O je, o je! was es heißt, sich

so recht hundeelend zu fühlen, das weiß man erst, wenn man fortwährend

einen fürchterlichen Durst hat und dabei denkt, man wird überhaupt

niemals mehr Wasser zu sehen kriegen. Zuletzt konnte ich’s nicht mehr

aushalten, immerzu auf diese backofenheiße Ebene zu gucken; ich gab es

auf und streckte mich auf der Bank aus.

Auf einmal aber stößt Tom ’nen Jauchzer aus -- und richtig, da war

das Wasser! Ein großer glänzender See, von schläfrig wiegenden Palmen

umsäumt, die sich ganz wunderbar zart und fein im Wasser spiegelten.

Es war eine tüchtige Entfernung bis zu dem See; aber was machte das

uns aus? Wir zogen einfach den Knopf der Hundertmeilengeschwindigkeit,

sodaß wir nach unserer Berechnung in sieben Minuten dort sein mußten.

Der See blieb aber immerzu in derselben Entfernung; wir vermochten ihm

nicht um Haaresbreite näherzukommen; auf mein Wort: er blieb immer

glänzend und fern vor uns liegen wie ein Traumbild. Aber näher kamen

wir nicht; und auf einmal -- war der See verschwunden!

Tom riß die Augen ganz weit auf und rief:

»Jungens, es war ’ne Fata Morgana!«

Er sagte das, als ob’s ihn riesig freute; ich sah aber durchaus nichts,

worüber er sich hätte freuen können und sagte:

»Kann sein. Wie der See heißt, ist mir ganz schnuppe. Aber eins möchte

ich wohl wissen: wo ist er hingekommen?«

Jim schlotterte an allen Gliedern und hatte solchen Schreck gekriegt,

daß er kein Wort sprechen konnte; aber ich sah ihm an, daß er genau

dasselbe fragen wollte wie ich.

»Wo er hingekommen ist?« rief Tom. »Na, ihr seht doch selber, daß er

verschwunden ist!«

»Na, das weiß ich. Aber _wohin_ ist er verschwunden?«

Tom sieht mich von oben bis unten an und sagt:

»Na, Huck Finn, wo sollte er denn wohl hingekommen sein? Weißt du denn

nicht, was ’ne Fata Morgana ist?«

»Nee. Was ist es denn für’n Ding?«

»Nichts als Einbildung. ’s ist überhaupt nichts Reelles dran.«

Es fuchste mich ein bißchen, daß er so ’nen Unsinn redete, und ich

sagte:

»Wie kannst du bloß so quatschen, Tom Sawyer? Hab’ ich denn nicht den

See gesehen?«

»Ja -- du glaubtest, du sähest ihn.«

»Geglaubt hab’ ich ganz und gar nichts. Ich _hab’_ ihn gesehen!«

»Ich sage dir, du hast ganz und gar nichts gesehen -- denn es war

überhaupt nichts da.«

Jim war ganz verblüfft, Tom so reden zu hören; er konnte nicht länger

den Mund halten und sagte traurig und in flehendem Ton:

»Massa Tom, bitte, bitte -- sagen nix so ’ne Sach’ in so ’ne

schröcklicher Zeit wie nu! Sie riskier nix bloß ihr eigenes Haut,

sonnern auch unsern sein -- grad wie Anna Nias un Siffira. Die See

_waren_ da -- ich sahen ihm ganz genau so wie ich in diese Minuten

Ihnen un Huck sehn tu!«

»Was willst du denn, Jim?« ruf ich. »Tom sah ihn ja selber! Er war ja

der Allererste, der ihn zu allererst sah! Na, also!«

»Ja, Massa Tom, das is so -- Sie könn’ es nix leugnen. Wir sahen ihm

alle, un das _beweisen_, ihm war da!«

»Beweist? Wieso _beweist_ es das?«

»So wie vor die Gerichte un überall, Massa Tom! Eine Mensch könnten

betrunken sein oder was träumen oder in Dussel, un könnten sich irren

-- un auch zwei könnten. Aber ich will Sie was sagen, Massa Tom: wenn

drei ein Ding sehen, un sie sind nüchtern oder betrunken, denn is es

so. Da kann Sie nix gegen sagen, Massa Tom, un das weiß Sie wohl!«

»Ich weiß von nichts. Früher haben vierzigtausend Millionen Menschen

existiert, die alle sahen, daß Tag für Tag die Sonne von der einen

Seite des Himmels nach der anderen ’rüberwanderte. Bewies das, daß die

Sonne sich wirklich bewegte?«

»Natürlich bewiesen es! Un was brauchte das erst bewiesen zu sein? Wenn

eine Mensch eine kleine bißchen Grips hat, wie kann sie zweifeln? Gucke

Sie, Massa Tom -- da segeln sie über das Himmel, wie sie jeden lieben

Tag tun!«

Da dreht Tom sich nach mir um und sagt:

»Und was sagst _du_ dazu -- steht die Sonne still?«

»Tom Sawyer, was hat’s für’n Zweck, so ’ne quatschige Frage zu tun?

Jeder, der nicht blind ist, kann sehen, daß die Sonne nicht still

steht!«

»Na ja!« ruft Tom. »Da segle ich nun hoch im Himmel herum mit zwei

dummen Biestern, die von diesen Geschichten nicht mehr wissen als vor

drei- oder vierhundert Jahren ein Universitätsrektor.«

Das war nicht schön von Tom, daß er so was sagte, und ich gab ihm das

auch zu verstehen. Ich sagte:

»Mit Schimpfereien beweist du nichts, Tom Sawyer.«

»O meine himmlische Güte! O meine gütige Barmherzigkeit! Das is das See

wieder!« kreischt Jim gerade in diesem Augenblick. »Nu, Massa Tom, was

will Sie nu sagen?«

Jawohl, das war der See wieder! ganz fern hinten am Rand der Wüste,

vollkommen deutlich mit Palmen und allem anderen, genau wie vorher. Ich

sage:

»Ich denke, nun bist du überzeugt, Tom Sawyer!«

Aber er antwortete vollständig ruhig:

»Ja, überzeugt, daß kein See da ist.«

Da ruft Jim:

»O, sprech Sie nix so, Massa Tom -- ich kriegen die Zitter, wenn Sie so

reden. Es is so heiß un Sie haben so große Durst, daß Sie nix ganz wohl

sein, Massa Tom. O, wie sieht doch das See schön aus! Ich können es gar

nix mehr abwarten, daß wir da sein. Ich haben so fürchterliche Durst!«

»Nu, du wirst eben warten müssen; und du wirst an dem See nicht viel

Freude haben, denn ich sage dir: es ist gar kein See da!«

»Jim!« sage ich; »laß den See nur nicht aus dem Auge; ich werde

ebenfalls scharf hingucken, damit wir ihn nicht wieder verlieren.«

»O, wie werden ich weggucken! Un wenn ich auch wollen, ich konnten es

ja gar nix!«

Wir flogen mit aller Geschwindigkeit auf den See zu, Meile auf Meile,

wie wenn’s gar nichts gewesen wäre. Aber nicht um einen Zoll kamen wir

ihm näher, und auf einmal -- da war er wieder weg! Jim schwankte auf

den Füßen und wäre beinahe umgefallen. Als er endlich wieder zu Atem

kam, schnappte er wie ein Fisch nach Luft und sagte:

»Massa Tom -- es is ein _Gespenst_! Das is diese See, un ich hoffen zu

die liebe Gott, wir sehen ihm nu nix mehr! Eine See _waren_ da un mit

die See is was passieren un sie is tot geblieben un wir sahen seine

Geist von diese See; wir sahen ihm zweimal un das is eine _Beweis_.

Der Wüste is behext, ganz gewiß sein ihm behext! O, Massa Tom, laß uns

fort. Lieber wollen ich sterben, als daß die Nacht uns überfallen in

diese Wüste, un der Gespenst und das See kommen un packen uns wenn wir

in Schlaf liegen un gar nix wissen, daß wir in eine Gefahr sein!«

»Ein Gespenst, du Gänserich! Es ist weiter nichts als Luft und Hitze

und die Einbildungskraft von ’nem Menschen, der großen Durst leidet.

Wenn ich -- gib mir mal das Fernrohr!«

Er nahm das Glas und fing aufmerksam an, nach rechts vor uns den

Horizont zu beobachten. Schließlich sagte er:

»Es ist ein Vogelschwarm; er fliegt nach Sonnenuntergang zu und wird

unsern Kurs in gerader Linie kreuzen. Sie haben es eilig und fliegen

nicht zu ihrem Vergnügen -- vielleicht suchen sie Nahrung oder Wasser

oder beides zugleich. Steuerbord, Huck! Einen Schlag herum! So! Halt’

ein bißchen ’ran! Nun ist’s recht, -- vorwärts, geradeaus!«

Wir mäßigten die Fahrgeschwindigkeit ein bißchen, um nicht bei den

Vögeln vorbeizusegeln, und fuhren immer ein paar hundert Meter hinter

ihnen her. Als wir anderthalb Stunden so gesegelt waren, wurden wir

immer mutloser und unser Durst war rein unerträglich geworden. Da sagt

Tom auf einmal:

»Nehme mal einer von euch das Fernrohr und sehe, was da gerade vor den

Vögeln ist!«

Jim sah zuerst durch und plumpste halb ohnmächtig auf die Bank nieder.

Ganz weinerlich schrie er:

»Das is sie wieder, Massa Tom! Da is diese See, un nu wissen ich, ich

müssen sterben, denn wenn eine Mensch einen Gespenst das dritte Mal

sehen tun, dann sein es alles aus! O! Wenn ich doch nie un nie in

diese Ballone gekommen wäre! O, nie un nie!«

Er wollte gar nicht mehr durchs Fernrohr gucken, und seine Worte

machten mir ebenfalls Angst, denn ich wußte, er hatte ganz recht; genau

so geht es mit Gespenstern immer zu. Und darum wollte ich auch nicht

durchgucken. Wir baten beide Tom, er möchte doch abstoppen und in ’ner

anderen Richtung segeln, aber das wollte er nicht; er sagte sogar, wir

seien alle beide unwissende, abergläubische Windbeutel. Jawohl! dachte

ich bei mir selber, das wird ihm recht bald schlecht bekommen; daß er

Geister auf solche Weise beleidigt. ’ne Zeitlang sehen sie’s vielleicht

geduldig mit an, aber immer lassen sie sich es nicht gefallen; denn

wer auch bloß ein bißchen mit Geistern Bescheid weiß, der weiß, wie

empfindlich und leicht beleidigt und wie rachsüchtig sie sind.

So waren wir denn alle drei ruhig und still: Jim und ich, hatten Angst,

und Tom machte sich mit dem Steuerapparat zu schaffen. Nach ’ner

kleinen Weile ließ er das Luftschiff ganz stillstehen und sagte:

»Na, nun mal den Kopf hoch und euch umgeschaut, ihr Wasserköpfe!«

Wir taten’s, und richtig -- da war Wasser gerade unter uns! Klar und

blau und kalt und tief, und von einer leichten Brise gekräuselt --

der reizendste Anblick, den man sich nur denken kann. Die Ufer waren

ringsherum mit Gras und Blumen bewachsen, mit schattigen Wäldchen von

großen Bäumen bestanden, zwischen denen sich Weinreben rankten. Und

alles sah so friedlich und so gemütlich aus -- so wunderschön, daß man

hätte geradezu laut herausweinen mögen.

Jim weinte wirklich und tanzte dazu und heulte dann wieder, so dankbar

war er und vor Freuden ganz außer sich. Ich hatte die Wache und mußte

daher an Bord bleiben; aber Tom und Jim kletterten runter und tranken

jeder ein Faßvoll und ließen mir auch was zukommen, und ich habe in

meinem Leben Manches genossen, was gut schmeckte, aber nichts, was sich

mit diesem Wasser auch nur annähernd vergleichen ließe!

Dann gingen Tom und Jim ins Wasser und schwammen ein Stückchen; hierauf

kam Tom an Bord und löste mich ab, und ich schwamm mit Jim in den See

hinaus. Dann löste Jim wieder Tom ab, und ich und Tom veranstalteten

einen Wettlauf und ein kleines Boxen. Und ich glaube, so wohlig hab’

ich mich in meinem ganzen Leben nicht gefühlt. Die Hitze war gar nicht

so übermäßig, weil es schon auf den Abend zuging; außerdem hatten wir

nicht ein einziges Stück Zeug an. Kleider sind ja ganz schön und gut

in der Schule und in Städten und meinetwegen auch auf Bällen, aber es

wäre ja gar kein Sinn und Verstand drin, Kleider zu tragen, wenn keine

Zivilisation mit all ihrem Getue und Genörgele in der Nähe ist.

Auf einmal schreit Jim:

»Löwen! Löwen kommen! Schnell, Massa Tom! Lauf was du kannst, Huck!«

O, wie rannten wir! Wir hielten uns nicht mal damit auf, unsere

Kleider aufzunehmen, sondern walzten, hast du nicht gesehen!, auf die

Strickleiter los. Jim verlor völlig den Kopf -- das geht ihm nämlich

immer so, wenn er in Aufregung und Angst gerät. Anstatt den Ballon ein

kleines bißchen höher steigen zu lassen, so daß die Bestien die Leiter

nicht mehr erreichen konnten, ließ er die ganze Kraft los, und hoch

in den Himmel sausten wir hinauf, an unserer Strickleiter baumelnd!

Zum Glück merkte er sofort, was für einen Unsinn er gemacht hatte. Er

stoppte also ab; nun hatte er aber völlig vergessen, was er zunächst zu

tun hatte -- und da hingen wir denn oben in der Luft, so hoch, daß die

Löwen wie Schoßhündchen aussahen, und trieben vor dem Winde.

Aber Tom kletterte an Bord, stellte den Steuerapparat wieder richtig

und ließ den Ballon langsam zur Erde hinunter und zwar wieder nach dem

See zurück, wo ’ne Menge Bestien versammelt waren, wie wenn sie da

Biwak halten wollten. Ich dachte, er hätte gerade wie Jim seinen Kopf

verloren, denn er wußte doch, daß ich vor Angst nicht die Strickleiter

’raufklettern konnte. Er wollte mich doch nicht etwa mitten zwischen

den Löwen und Tigern auf den Erdboden setzen?

Aber nein -- in seinem Kopf war alles richtig, er wußte ganz genau,

was er wollte. Er ließ den Ballon nieder, bis er ungefähr dreißig oder

vierzig Fuß über dem Wasserspiegel schwebte und genau über der Mitte

hielt er still und rief:

»Laß los und hops’ hinein!«

Das tat ich; mit den Füßen voran schoß ich ins Wasser, und es kam mir

vor, als tauchte ich ’ne Meile, bis ich auf den Grund kam; und als ich

wieder nach oben kam, sagte Tom:

»Nun leg’ dich auf den Rücken und laß dich treiben, bis du dich

ausgeruht und wieder deine ganze Schneid beisammen hast; dann will

ich die Leiter bis ins Wasser ’runterlassen, und du kannst an Bord

klettern.«

So machte ich es denn. Na, und diese Strategik war riesig schlau

von Tom; denn wenn er nach irgend ’ner anderen Stelle gesegelt wäre

und mich da auf den Sand gesetzt hätte, so wäre die ganze Menagerie

ebenfalls dahin gelaufen, und so hätten sie uns vielleicht nach einer

sicheren Stelle herumsuchen lassen, bis ich schließlich schwindlig

geworden und von der Leiter gefallen wäre.

Und während dieser ganzen Zeit stritten die Löwen und Tiger sich um

unsere Kleider, und versuchten sich so darin zu teilen, daß jeder von

ihnen etwas kriegte; aber es gab fortwährend Meinungsverschiedenheiten

unter ihnen, indem alle Augenblicke irgend eine Bestie sich mehr

anzueignen versuchte, als auf ihren Anteil kam. Es dauerte nicht lange,

so gab es wieder Aufruhr, und so etwas wie diesen Anblick hat die Welt

noch nicht erlebt! Es müssen ihrer ein Stücker fünfzig gewesen sein,

alle in einem wilden Kuddelmuddel, fauchend, brüllend, schnappend,

beißend, kratzend -- Beine und Schwänze hoch in die Luft, und man

konnte die einzelnen Biester nicht mehr unterscheiden, und rings um

sie herum stoben Haare und Sand. Und als sie fertig waren, da lagen

mehrere tot da, andere humpelten verwundet davon und die übrigen saßen

auf dem Schlachtfeld ’rum. Die einen beleckten ihre Wunden, die anderen

guckten zu uns empor, als ob sie uns einladen wollten, wir möchten doch

’runterkommen und den Spaß ein bißchen mitmachen. Aber wir dankten für

den Spaß -- wir brauchten keinen.

Von Kleidern war nichts, aber auch rein gar nichts mehr vorhanden. Die

Bestien hatten sie bis auf den letzten Fetzen verschlungen; und ich

glaube, sie dürften ihnen nicht sonderlich gut bekommen sein, denn es

waren eine beträchtliche Menge Messingknöpfe dran, und in den Taschen

befanden sich Messer, Rauchtabak, Nägel, Kreide, Marmeln, Angelhaken

und andere solche Sachen. Aber mir war’s einerlei. Nur das machte mich

ein bißchen nachdenklich, daß wir jetzt bloß des Professors Kleider

hatten. Die Auswahl war ja allerdings reich genug, aber die einzelnen

Stücke waren nicht gerade danach gemacht, um mit ihnen in Gesellschaft

zu gehen -- für den Fall, daß wir einer begegnet wären. Denn die Hosen

waren so lang wie Eisenbahntunnel und die Röcke usw. dementsprechend.

Schließlich brauchten wir aber doch bloß ’nen Schneider, um das alles

in Ordnung zu bringen, und Jim hatte so ’nen kleinen Begriff von der

Schneiderkunst, und er sagte, er könnte uns wohl ein paar Anzüge

zurecht machen, die uns einstweilen genügen würden.

Neuntes Kapitel.

Ehe wir weiter segelten, hatten wir aber noch ein kleines Geschäftchen

zu besorgen, und zu diesem Zweck mußten wir doch mal den Löwen und

Tigern ’nen Besuch abstatten. Der größere Teil von des Professors

Mundvorrat bestand in Büchsenkonserven von einer gerade damals

erfundenen neuen Art; der Rest war frisches Fleisch. Nun, wenn man

Missouribeefsteak nach der Großen Sahara mitnimmt, so muß man ein

bißchen vorsichtig damit umgehen und sich in den kühleren Luftschichten

halten. Wir dachten daher bei uns selber, es wäre am besten, wenn wir

die Löwenversammlung besuchten und mal sähen, was da zu machen wäre.

Wir zogen die Strickleiter ein und ließen das Luftschiff sinken, bis

wir gerade über den Bestien waren; dann ließen wir ein Tau mit ’ner

Schlinge nieder und haspelten einen toten Löwen an Bord, einen kleinen

zarten, und außer diesem noch einen jungen Tiger. Wir mußten die

Versammlung mit dem Revolver in respektvoller Entfernung halten, sonst

hätten die verehrlichen Tiere sich an dem Spaß beteiligt und uns ein

bißchen geholfen.

Wir schnitten uns von den beiden Tieren einen guten Vorrat herunter,

zogen ihnen die Felle ab und warfen den Rest über Bord. Dann versahen

wir einige von des Professors Angelhaken mit Ködern von dem frischen

Fleisch und fingen an zu fischen. Wir schwebten gerade in der

richtigen Entfernung über dem Seespiegel und fingen eine Menge von den

reizendsten Fischen, die man sich nur denken kann. Nachher hatten wir

ein ganz großartiges Abendessen: Löwensteak, Tigerschnitzel, gebackene

Fische und warme Maiskuchen. Was Besseres verlange ich meiner Lebtage

nicht.

Zum Nachtisch hatten wir Obst. Dieses kriegten wir aus der Krone

eines riesengroßen Baumes. Es war ein sehr schlanker Baum, der vom

Fuß bis zum Wipfel nicht ’nen einzigen Ast hatte; oben aber brach er

auseinander wie ein Flederwisch. Natürlich war’s ein Palmbaum; ’nen

Palmbaum kennt jedermann in der ersten Minute, wo er ihn sieht, nach

den Abbildungen. Wir suchten in diesem Palmenwipfel nach Kokosnüssen

-- aber ’s gab keine, sondern da waren bloß große Bündel von ’ner Art

von überlebensgroßen Weintrauben, aber es waren auch keine Trauben,

sondern Datteln, wie Tom uns erklärte; denn die Beschreibungen in

Tausend und einer Nacht und in den anderen Büchern, sagte er, paßten

ganz genau auf sie. Natürlich konnten wir nicht wissen, ob’s wirklich

welche waren; sie konnten ja auch giftig sein. Darum mußten wir denn

ein Weilchen warten und aufpassen, ob die Vögel von diesen Früchten

äßen. Sie taten’s, und darum taten wir’s auch und sie schmeckten über

alle Maßen gut.

Inzwischen waren riesengroße Vögel herangekommen und hatten sich auf

den toten Bestien niedergelassen. Es waren freche Geschöpfe; sie

zerrten ganz munter am einen Ende von ’nem toten Löwen, an dessen

anderem ein andrer Löwe nagte. Wenn der Löwe den Vogel wegjagte, nützte

ihm das auch nicht viel; sobald der Löwe wieder am Knabbern war, war

auch der Vogel an seinem Ende schon wieder da.

Es war seltsam und unnatürlich anzusehen, wie Löwen Löwenfleisch

fraßen; wir dachten, vielleicht wären sie nicht miteinander verwandt,

aber Jim sagte, das machte keinen Unterschied. Eine Sau, sagte er,

fräße auch mit Vorliebe ihre eigenen Kinder, und ’ne Spinne machte

es gerade so; und er meinte, vielleicht wäre auch ein Löwe annähernd

ebenso grundsatzlos, wenn auch nicht ganz so schlimm. Ein Löwe würde

wahrscheinlich nicht seinen eigenen Vater fressen -- vorausgesetzt,

daß er ihn erkannt hätte, -- aber seinen Schwager z. B. würde er

doch wohl verspeisen, wenn er ganz besonders hungrig wäre, und seine

Schwiegermutter würde unter allen Umständen dran glauben müssen. Aber

das alles waren Mutmaßungen, mit denen nichts bewiesen wurde. Man kann

die Zeit berechnen, wann die Kuh nach Hause kommen muß -- aber ob sie

wirklich kommt, das ist ’ne andere Frage. Darum gaben wir’s denn auch

auf und zerbrachen uns nicht länger den Kopf darüber.

Für gewöhnlich war’s sehr still in diesen Wüstennächten, aber diesmal

hatten wir Musik. Eine ganze Schar von anderen Tieren kam zum Mahl;

schleichende Kläffer, die, wie Tom uns erklärte, Schakale waren, und

andere, bucklige: Hyänen. Und diese ganze Gesellschaft unterhielt

ein unaufhörliches Gebell. In dem Mondschein boten sie einen ganz

eigenartigen Anblick. Wir hatten unser Luftschiff mit einem Seil an

einem Baumwipfel festgemacht und brauchten deshalb keine Wache zu

halten, sondern legten uns alle zum Schlafen hin. Aber zwei- oder

dreimal war ich auf, um mir die Biester anzusehen und ihre Musik

anzuhören. Ich saß sozusagen mit ’nem Freibillet auf dem ersten Rang in

’ner Menagerie. Sowas war mir in meinem Leben noch nie passiert, und

deshalb wäre es ja ’ne Dummheit gewesen zu schlafen und die Gelegenheit

nicht nach Möglichkeit auszunutzen; denn wer konnte wissen, ob sie sich

mir jemals wieder bieten würde?

Mit dem Morgengrauen fingen wir wieder Fische; nachher faulenzten wir

den ganzen Tag im tiefen Schatten einer Insel; indessen hielten wir

abwechselnd Wache, damit nicht irgend ’ne Bestie uns auf den Hals käme

und sich ’nen Erronauter zum Mittagessen holte. Wir hatten die Absicht,

den nächsten Tag weiter zu fahren, konnten’s dann aber doch nicht

übers Herz bringen -- es war zu reizend!

Als wir endlich am dritten Tag himmelwärts flogen und nach Osten

davonsegelten, konnten wir die Augen nicht von dem lieblichen Ort

wenden, bis er nur noch als ein kleines Fleckchen in der Wüste

erschien, und ich kann versichern, uns war gerade so zu Mute, wie wenn

wir auf Nimmerwiedersehen von einem lieben Freunde Abschied nähmen.

Jim hatte schon ’ne Zeitlang nachdenklich vor sich hingeguckt; zuletzt

sagte er:

»Massa Tom, wir sein nu bald an die Ende von die Wüste, denken ich.«

»Warum?«

»Nu, das sagen uns doch bissel Vernunft! Sie weiß, wie lange wir schon

über sie gondeln tun. Muß aus lauter Sand gemachen sein. Sand müssen

ein Ende nehmen, denn wo sollen die viele Sand herkommen?«

»Unsinn! ’s gibt Sand genug auf der Welt -- darum brauchst du keine

Sorgen zu haben!«

»O, habben ich keine Sorgen nix, Massa Tom. Aber ich wundere mir. Die

liebe Gott haben viele Sand, daran zweifle ich nix; aber ihm werden

doch gewiß seine Sand nix _verschwenden_! Un ich sagen: dies Wüste is

nu viel groß genug, so wie sie sein, un größer können sie nix werden,

wenn nix liebe Gott seine Sand verschwenden.«

»O, laß dich begraben! Wir sind auf unserer Reise über die Wüste kaum

erst ein hübsches Stück über den Anfang weg. Die Vereinigten Staaten

sind ein recht tüchtig großes Land, nicht wahr? Nicht wahr, Huck?«

»Ja,« sag’ ich, »größere Länder gibt’s überhaupt nicht, so viel ich

weiß.«

»Na, diese Wüste ist ungefähr so groß wie die Vereinigten Staaten,

und wenn du sie oben auf unser Land legtest, so wäre von diesem

nichts mehr zu sehen -- gerad’ wie wenn du ’n Tuch drübergedeckt

hättest. Ein kleines Eckchen würde da oben bei Maine ’rausgucken

und auch im Nordwesten eins, und Florida würde herausragen wie’n

Schildkrötenschwanz -- aber das wäre alles. Vor’n paar Jahren haben

wir ja Kalifornien den Mexikanern abgenommen; dieser Teil von der

Pazifikküste ist also jetzt auch unser, und wenn ihr die Große Sahara

so hinlegtet, daß ihr Rand genau am Stillen Ozean entlang liefe, so

würde sie die ganzen Vereinigten Staaten bis New York bedecken und

noch ein sechshundert Meilen breites Stück vom Altlantischen Ozean

obendrein!«

»O du himmlische Güte!« ruf’ ich. »Hast du das schwarz auf weiß

gesehen, Tom Sawyer?«

»Jawohl, ich kann’s dir sogar schwarz auf weiß zeigen. Sieh’ selber

in diesem Buch nach. Mit der Wüste könntest du jeden Quadratzoll von

den Vereinigten Staaten zudecken und unter den überschießenden Teil

könntest du England, Schottland, Irland, Frankreich, Dänemark und

Deutschland ’reinstopfen. Jawoll! Die Heimat der Braven und all die

anderen Länder könntest du mit der Großen Sahara zudecken und hättest

noch ’ne hübsche Menge Quadratmeilen reinen Sand über!«

Wir unterhielten uns noch lange über die Ausdehnung der Wüste, und je

mehr wir sie mit diesem und jenem und sonst ’nem Ding verglichen, desto

nobler und gewaltiger und großartiger kam sie uns vor. Schließlich fand

Tom aus seinen Zahlentabellen ’raus, daß sie genau so groß ist wie das

chinesische Reich. Dann zeigte er uns, was für ’nen großen Raum das

Kaiserreich China auf der Landkarte einnimmt und was für ein großes

Stück von der ganzen Welt chinesisch ist. Man konnte sich’s wirklich

kaum vorstellen, und ich rief unwillkürlich:

»Ich hab’ ja von dieser Saharawüste schon oft sprechen hören, aber nie

hab’ ich ’ne Ahnung gehabt, wie bedeutend sie ist!«

»Bedeutend?« sagte Tom. »Die Sahara bedeutend! Ja, so reden die Leute!

Wenn etwas groß ist, ist es bedeutend! Danach beurteilen sie alles;

sie sehen immer bloß den Umfang. Nun, sieh dir mal England an. Das ist

das allerbedeutendste Land auf der Welt; und dies Land könntest du

in Chinas Westentasche stecken und nicht nur das -- du würdest es in

dieser Westentasche ’ne verflixt lange Zeit zu suchen haben, wenn du’s

das nächste Mal brauchtest. Nun sieh dir auch mal Rußland an. Das dehnt

sich nach allen Seiten aus und hat trotzdem auf dieser Welt nicht mehr

zu bedeuten als Rhode Island, und du findest in ganz Rußland nicht

halb so viel wie in Rhode Island, was des Suchens wert ist.«

Tom Sawyers Neue Abenteuer · 第 4 / 13 段