gewesen sein, und der Anblick war fürchterlich. Allmählich lösten
sie sich in einzelne kleine Abteilungen und Gruppen auf, die in
verzweifelter Wut miteinander kämpften und nicht abließen, wie wenn sie
sich ineinander verbissen hätten. Wenn der Pulverqualm sich auf kurze
Augenblicke ein wenig verzog, konnten wir tote und verwundete Menschen
und Kamele überall auf dem Boden verstreut liegen sehen, und die Tiere
liefen wie toll nach allen Richtungen davon.
Schließlich sahen die Räuber ein, daß sie nichts ausrichten konnten;
ihr Hauptmann blies ein Signal und was von ihnen noch am Leben war,
sprengte über die Wüste davon. Der Letzte von den Räubern riß noch ein
Kind an sich und warf es vor seinem Sattel über das Pferd, und ein
Weib rannte schreiend und flehend hinter ihm her, bis sie eine weite
Strecke von ihren Leuten entfernt war. Sie konnte ihn nicht einholen
und schließlich gingen ihr die Kräfte aus und wir sahen, wie sie auf
dem Sande zusammenbrach und das Gesicht mit den Händen bedeckte.
Da sprang Tom ans Steuer; wie der Sturmwind sausten wir auf den
Schurken los und unsere Gondel traf ihn, daß das Pferd niederfiel und
Räuber und Kind aus dem Sattel flogen. Er hatte eine ganz gehörige
Schramme gekriegt, aber das Kind war heil und ganz und lag mit Armen
und Beinen strampelnd da, wie ein Käfer, der auf den Rücken gefallen
ist und nicht wieder hoch kommen kann. Der Mann humpelte davon, um
wieder sein Pferd zu besteigen; er machte ein ganz verblüfftes Gesicht,
weil er nicht wußte, was ihn umgeschmissen hatte, denn wir waren
inzwischen schon wieder drei- bis vierhundert Meter hoch oben in der
Luft.
Wir dachten, das Weib wäre nun hingegangen und hätte sich ihr Kind
geholt; aber das tat sie nicht. Wir sahen durch unsere Ferngläser,
wie sie noch immer auf derselben Stelle saß, den Kopf auf die Kniee
gesenkt. Sie hatte deshalb natürlich von dem ganzen Vorgange nichts
bemerkt und glaubte, ihr Kind wäre ihr von dem Mann für ewig geraubt.
Sie mochte eine halbe Meile von der Karawane entfernt sein und das
Kind lag etwa eine Viertelmeile von ihr auf dem Sand. Wir beschlossen
daher, es aufzuheben, denn vor den Leuten der Karawane brauchten wir
keine Angst zu haben; sie konnten nicht so schnell zu uns herankommen;
außerdem hatten sie noch für eine gute Weile alle Hände voll zu tun, um
für ihre Verwundeten zu sorgen. Deshalb beschlossen wir, das Wagnis zu
unternehmen.
Wir gingen bis auf den Grund herab; Jim kletterte die Leiter herunter
und hob das kleine Kindchen auf; es war ein hübscher dicker Bengel und
er jauchzte und kreischte vor Vergnügen, was in Anbetracht der Umstände
eine anerkennenswerte Leistung war -- denn er hatte doch gerade eben
eine große Schlacht mitgemacht und war von einem Pferde abgeworfen
worden.
Darauf segelten wir an die Mutter heran; wir hielten dicht hinter
ihrem Rücken und Jim kletterte wieder heraus und ging leise mit dem
Kind auf dem Arm zu ihr heran, und das Kleinchen lallte und quiekte
und sie hörte es und fuhr mit einem Freudenschrei herum. Dann nahm sie
ihr Kind und herzte und küßte es und setzte es wieder hin und herzte
und küßte Jim und hing ihm eine goldene Kette um, und fiel ihm wieder
um den Hals. Und dann riß sie wieder ihr Kind an sich und drückte es
gegen ihren Busen und schluchzte und jauchzte immer durcheinander. Jim
sprang schnell nach der Strickleiter und war im Nu oben bei uns in der
Gondel. Eine Minute darauf waren wir wieder hoch oben unterm Himmel,
und da stand das Weib und sah uns nach, den Kopf ganz tief in den
Nacken zurückgeworfen, und das Kind hatte die Aermchen um ihren Hals
geschlungen.
Und so stand sie und sah uns nach, bis wir vor ihren Blicken tief im
Himmel verschwunden waren.
Siebentes Kapitel.
»Mittag!« sagte Tom. Und so mußte es wohl sein, denn sein Schatten
bildete nur einen kleinen Fleck um seinen Fuß herum.
Wir hatten in unserer Gondel zwei Uhren, die nebeneinander befestigt
waren und ganz verschiedene Zeiten anzeigten. Tom sagte, es wären
Chronometer, und der eine zeigte die Zeit von St. Louis, der andere
die von Grinnitsch. Wir sahen nun auf diesen nach und es war beinahe
aufs Haar zwölf Uhr. So sagte denn Tom, Grinnitsch -- oder London,
denn das wäre ein und dasselbe -- wäre entweder direkt nördlich oder
direkt südlich von uns; aus der Hitze aber und dem Sand und den Kamelen
schlösse er, daß London wohl eher nördlich läge und zwar ’ne ganz
gehörige Anzahl Meilen -- etwa soweit wie von New York nach der Stadt
Mexiko.
Jim meinte, ein Luftballon wäre doch wohl das schnellste Ding auf
der Welt; wenn nicht etwa irgend ein Vogel noch schneller wäre --
vielleicht ’ne wilde Taube oder ’ne Eisenbahn.
Aber Tom sagte, er hätte gelesen, daß in England mit der Eisenbahn auf
kurze Strecken bereits eine Geschwindigkeit von hundert Meilen in der
Stunde erzielt worden wäre, und es gäbe auf Erden keinen Vogel, der
eine solche Leistung fertig brächte -- mit Ausnahme eines einzigen, und
das wäre ein Floh.
»Ein Floh? Hm, Massa Tom, erst mal is ein Floh sozusagen kein Vogel
nix ...«
»Ist kein Vogel, häh! Na, was ist er denn?«
»Ich weiß nix so genau, Massa Tom, aber ich denk beinah, es is woll
bloß so ’n Art Tier. Oder nein -- das is woll auch nix richtig -- denn
for’n Tier is er nix groß genug. Er muß ’n Käfer sein -- jawoll, das
muß er -- ’n Käfer muß er sein.«
»Ich will wetten, er ist keiner -- aber einerlei! Was hast du für’n
›Zweitens‹ vorzubringen?«
»Nu, zweitens: Vögel machen ’ne weite Entfernung, aber ’n Floh nix.«
»Nicht? Wirklich nicht? Na, denn sag mir mal, was ist denn wohl ’ne
weite Entfernung?«
»Nu, Meilen! ... ne Masse Meilen! Das weiß doch eine jede Kind!«
»Kann ein Mensch meilenweit laufen?«
»Jawoll, kann er!«
»So viel Meilen wie ’ne Eisenbahn?«
»Jawoll, wenn er Zeit haben tut.«
»Kann ein Floh das auch?«
»Nu, hm, o jawoll ... warum nix? Wenn er _viel_ Zeit haben tut.«
»Aha! Nun fängst du wohl an zu begreifen, daß es nicht auf die
Entfernung an sich ankommt, sondern auf die Zeit, die man braucht, um
eine Entfernung zurückzulegen, nicht wahr?«
»Hm, nu ja, es sieht so aus -- aber ich hätt’s nix geglaubt, Massa Tom!«
»Es kommt aufs _Verhältnis_ an, mein Lieber; und wenn ihr über die
Schnelligkeit eines Geschöpfes urteilen wollt, so müßt ihr dessen
verhältnismäßige Größe in Betracht ziehen. Und wo bleibt da euer
Vogel und euer Mensch und eure Eisenbahn, wenn ihr damit einen Floh
vergleicht? Der schnellste Mensch kann laufend nicht mehr als ungefähr
zehn Meilen in der Stunde zurücklegen -- nicht viel mehr als das
Zehntausendfache seiner eigenen Länge. Aber in jedem Buch könnt ihr
lesen, daß ein ganz gewöhnlicher Floh dritter Güte hundertfünfzigmal
so weit springt wie er selber groß ist; und in einer Sekunde kann er
fünf Sprünge machen -- das ist das Siebenhundertfünfzigfache seiner
eigenen Länge, in einer einzigen kleinen Sekunde, denn er verliert
keine Zeit damit, daß er anhält und einen neuen Anlauf nimmt; das
macht er sofort in _einem_ ab. Ihr könnt das selber sehen, wenn ihr
versucht, einen Floh unter euren Finger zu kriegen. Nun, das leistet
ein ganz gewöhnlicher Floh dritter Güte; nehmt aber mal erst einen
erstklassigen italienischen, der sein Leben lang der Liebling der hohen
Aristokratie gewesen ist und gar nicht weiß, was Not und Hunger ist:
der macht Sprünge, die das Dreihundertfache seiner Länge betragen, und
der hält eine Leistung von fünfzehnhundert Flohlängen in der Sekunde
einen ganzen Tag aus! Nun nehmen wir mal an, ein Mann könnte in einer
Sekunde fünfzehnhundert Mannslängen zurücklegen -- das macht ungefähr
anderthalb Meilen. In einer Minute neunzig Meilen und in einer einzigen
Stunde beträchtlich mehr als fünftausend Meilen. Na, wo bleibt jetzt
euer Mensch? und euer Vogel und eure Eisenbahn und euer Luftballon?
Auf ihre Geschwindigkeiten hustet ja unser Floh! Ein Floh ist an
Geschwindigkeit geradezu ein Komet im kleinen!«
Jim war ganz verblüfft -- und ich nicht weniger. Schließlich sagte Jim:
»Sein auch diese Zahlen ganz genau, un is es kein Spaß nix un keine
Lüge nix, Massa Tom?«
»Ja, die Zahlen stimmen ganz genau!«
»Nu, denn alle Achtung vor eine Floh! Ich hab’ nix grad viel Achtung
gehabt vor die Floh ... aber die Floh verdient sie ... das is gewiß!«
»Na, das will ich meinen! Er ist nicht bloß schneller, sondern auch
klüger und verständiger als irgend ein Geschöpf auf der Welt -- immer
im Verhältnis zu ihrer Größe. Man kann Flöhe fast zu allem abrichten:
und sie lernen es schneller als jedes andere Wesen. Sie können in
vollem Geschirr kleine Wagen ziehen, und gehen damit hierhin oder
dorthin -- je nachdem der Befehl lautet. Und marschieren und exerzieren
tun sie wie richtige Soldaten und so stramm aufs Kommando, wie nur der
beste Soldat. Sie haben alle möglichen schwierigen und anstrengenden
Uebungen gelernt. Angenommen, man könnte einen Floh züchten, der die
Größe eines Mannes erreichte und seine angeborene Klugheit und geistige
Regsamkeit nähme dabei im selben Verhältnis zu, wie das Wachstum seiner
Glieder -- was meint ihr wohl, wo bliebe da das Menschengeschlecht?
_Der_ Floh würde Präsident der Vereinigten Staaten werden -- dagegen
wäre ebensowenig was zu machen, wie wir verhindern können, daß es
blitzt!«
»O du liebe große Gott, Massa Tom! Davon hatt’ ich ja nie nix ’ne
Ahnung, daß die Floh so eine gewaltige Tier sei! Warraftig, das kam mir
nie nix in Sinn, un das sag _ich_!«
»Im Verhältnis zu seiner Größe übertrifft er, und zwar bei weitem,
jedes andere Geschöpf, Mensch wie Tier. Er ist das interessanteste von
allen. Man redet so viel von der Stärke einer Ameise, eines Elefanten,
einer Lokomotive. Quatsch! An ’nen Floh können die nicht tippen! Der
kann das Zwei- oder Dreihundertfache seines eigenen Gewichts heben. Das
kann sonst niemand auch nur annähernd. Außerdem macht so’n Floh sich
seine eigenen Gedanken; er ist ein origineller Kopf und läßt sich kein
X für ein U machen; sein Instinkt oder seine Ueberlegung -- oder was es
sonst ist -- ist vollkommen gesund und klar und irrt sich niemals. Die
Leute meinen, ’nem Floh sei ein Mensch so lieb wie der andere. Aber das
stimmt nicht. Gewissen Menschen kommt er niemals zu nahe, mag er noch
so hungrig sein, und zu diesen Menschen gehöre ich. Ich habe in meinem
ganzen Leben niemals ’nen einzigen Floh auf mir gehabt.«
»Massa Tom!!«
»Ja, so ist’s. Ich spaße nicht.«
»Nanu! Da mussen ich sagen: sowas hab’ ich in mein Leben nix gehören!«
Jim konnte es nicht glauben, und ich auch nicht. So mußten wir denn den
Ballon ’runterlassen, uns auf den Sand setzen und ’ne Anzahl Flöhe auf
uns ’rauf hüpfen lassen; denn so eine wunderbare Geschichte wollten wir
mit eigenen Augen sehen. Tom hatte recht. An mich und Jim gingen sie
zu Tausenden ’ran, aber kein einziger ließ sich auf Tom nieder. Eine
Erklärung gab’s dafür nicht, aber die Tatsache war da -- darum ließ
sich nicht ’rumkommen. Er sagte, es sei schon immer so gewesen und er
wolle sich ganz ruhig unter ’ner Million von Flöhen niederlassen; sie
würden ihn weder anrühren noch sonstwie belästigen.
Wir stiegen in die kalte Luftschicht empor, um die Flöhe durch den
Frost zu vertreiben; da blieben wir ’ne kleine Weile und begaben uns
dann wieder in die behagliche Temperatur. Wir bummelten ganz gemütlich
mit ’ner Geschwindigkeit von zwanzig oder fünfundzwanzig Meilen in der
Stunde durch die Luft. So hatten wir’s die letzten paar Stunden schon
gemacht; denn je länger wir in dieser feierlichen friedvollen Wüste
waren, desto mehr schwand alle Hast und Unruhe aus unseren Herzen, und
desto glücklicher und zufriedener ward uns zu Mute; die Wüste gefiel
uns immer besser und schließlich liebten wir sie geradezu. So hatten
wir denn, wie gesagt, die Geschwindigkeit beträchtlich gemindert und
faulenzten so recht mit Behagen, indem wir bald mal durch die Fernrohre
guckten, bald uns auf den Bänken ausstreckten und lasen, bald ein
bißchen druselten.
Das klingt eigentlich komisch -- denn wie eilig hatten wir’s noch ganz
kurz vorher gehabt, an Land zu kommen und auszusteigen! Aber daran
dachten wir gar nicht mehr. Wir waren mit dem Luftschiff jetzt völlig
vertraut und hatten keine Angst mehr und wünschten uns gar nichts
Besseres, als nur so weiter zu fahren. Wir fühlten uns wahrhaftig ganz
wie zu Hause; mir kam’s beinahe vor, als sei ich in dem Luftballon
geboren und aufgewachsen; und Jim und Tom sagten, ihnen sei’s auch so.
Und ich hatte ja immer eklige Menschen um mich ’rum gehabt, die mich
ausschalten und pufften, und fortwährend dies und das zu tadeln hatten
und bald dies bald jenes anders gemacht haben wollten und überhaupt
fortwährend was für mich zu tun hatten und gerade immer etwas, wozu
ich keine Lust hatte. Und wenn ich mich dann natürlich drückte und
irgendwas anderes machte, gab’s Keile, daß mir gar manchmal das ganze
Leben zur Last war. Aber hier oben in den himmlischen Lüften, da war’s
so still und sonnenwarm und lieblich; dabei zu essen, so viel man
mochte, und schlafen können, so oft man Lust hatte, und merkwürdige
Dinge zu sehen, und kein Nörgeln und Schimpfen, keine braven Leute
und immerzu Sonntag! Herrgott -- ich hatt’s wahrhaftig nicht eilig,
unser Luftschiff zu verlassen und mich wieder mit der Zivilisation
’rumzuschlagen. Zu den ekligsten Eigenschaften der Zivilisation gehört
es, daß jeder, der ’nen unangenehmen Brief gekriegt hat, damit zu einem
kommt und einem die ganze Geschichte haarklein erzählt, daß einem
hundeelend zu Mute wird; und die Zeitung teilt alles Widerwärtige mit,
was auf der ganzen Welt passiert, so daß man fast immer trübsinnige
und katzenjämmerliche Gefühle hat -- und das ist für ’nen einzelnen
Menschen wirklich ’ne schwere Last. Ich hasse diese Zeitungen! ich
hasse Briefe! und wenn’s nach mir ginge, dürfte niemand einen, den er
gar nicht kennt, am andern Ende der Welt mit seinen Schauergeschichten
anöden. Na, hoch oben in ’nem Luftballon gibt’s so was nicht und
deshalb ist so’n Luftballon das reizendste Ding auf der ganzen Welt.
Wir aßen zu Abend und dann kam die Nacht; und diese Nacht war eine von
den schönsten, die ich je erlebt habe. Der Mond schien so hell, daß
wir denken konnten es sei Tag; nur war das Licht viel viel sanfter.
Einmal sahen wir ’nen Löwen, der ganz einsam dastand, wie wenn er auf
der weiten Welt mutterseelenallein wäre, und auf dem Sand lag sein
Schatten wie ein schwarzer Tintenklex. Das ist gerade die richtige
Sorte Mondschein!
Die meiste Zeit über lagen wir auf dem Rücken und plauderten; zum
Schlafen hatten wir gar keine Lust. Tom sagte, wir seien jetzt mitten
drin in Tausendundeiner Nacht. Gerade hier müsse die Gegend sein, wo
mal eine von den verschmitztesten Geschichten sich zugetragen habe. Wir
guckten über den Rand unseres Luftballons und sahen uns die Gegend an,
während er erzählte; denn nichts ist so interessant anzusehen, als ’ne
Gegend, die in ’nem Buch vorkommt. Die Geschichte handelte von ’nem
Kameltreiber, der sein Kamel verloren hatte; er läuft in der Wüste ’rum
und trifft ’nen Mann und sagt:
»›Bist du nicht heute einem verlaufenen Kamel begegnet?‹
»Und der Mann sagt:
»›War es auf dem linken Auge blind?‹
»›Ja.‹
»›Hatte es einen von den oberen Vorderzähnen verloren?‹
»›Ja.‹
»›War es auf dem rechten Hinterfuß lahm?‹
»›Ja.‹
»›War es auf der einen Seite mit Hirse, und auf der anderen mit Honig
beladen?‹
»›Ja! Aber du brauchst keine Einzelheiten mehr anzuführen. Es ist mein
Kamel, und ich hab’s eilig. Wo hast du es gesehen?‹
»›Gesehen hab ich’s überhaupt nicht‹, sagt der Mann.
»›Was? Ueberhaupt nicht gesehen? Wie kannst du’s denn so genau
beschreiben?‹
»›Das ist ganz einfach! Wenn einer seine Augen zu benutzen weiß, so hat
alles was er sieht, Sinn und Bedeutung; aber die meisten Leute wissen
mit ihren Augen gar nichts anzufangen. Daß ein Kamel vorbeigelaufen
war, wußte ich, weil ich seine Spur sah. Ich wußte, daß es auf dem
rechten Hinterfuß lahmte, weil es diesen Fuß geschont hatte und leicht
damit aufgetreten war. Das sah ich an der Spur. Auf dem linken Auge
mußte es blind sein, weil es nur rechts vom Wege das Gras abgerupft
hatte. Einen von den oberen Vorderzähnen mußte es verloren haben, weil
in der Zahnspur im Grase eine Lücke war. Die Hirse war an der einen
Seite herausgerieselt -- das erzählten mir die Ameisen; an der anderen
Seite war Honig herniedergeträufelt -- das erzählten mir die Fliegen.
Also wußte ich von deinem Kamel ganz genau Bescheid; aber gesehen hab’
ich’s nicht.‹«
»Weiter, Massa Tom!« ruft Jim. »Das is ein riesig guter Geschicht, un
mächtig intressant!«
»Das ist alles,« sagt Tom.
»Alles?« schreit Jim verblüfft. »Was werd denn aus die Kamel?«
»Weiß ich nicht.«
»Massa Tom, stehen nix von in das Geschicht?«
»Nein.«
Jim denkt kopfschüttelnd ’ne Minute nach; dann sagt er:
»Warraftig! Das is der verflixteste Geschicht, wo ich kennen! Grad an
die Platz, wo die Neugier werden gluhig heiß -- schwapp ab! Warraftig,
Massa Tom, in ein Geschicht, der sich so benehmen tun, is kein Sinn nix
un keine Verstand. Habbe Sie keine Idee nix, ob die Mann seinen Kamel
wieder kriegen tun oder nix?«
»Habe keine Ahnung.«
Ich sah selber ein, in der Geschichte war kein Sinn und Verstand, denn
was soll das heißen, daß es plötzlich alle ist, ehe es zum Schluß
kommt? Aber ich wollte lieber nichts sagen, denn Tom machte schon ein
ganz saures Gesicht, weil Jim richtig wieder den wunden Punkt von der
Geschichte angetippt hatte, und ich find’s nicht schön, wenn sich alle
auf einen stürzen, der schon unterliegt. Aber Tom dreht sich nach mir
um und fragt:
»Was meinst du denn zu der Geschichte?«
Na, da mußte ich denn natürlich aus dem Loch heraus und Farbe bekennen;
und so sagte ich, mir käm’ es auch so vor wie Jim: daß die Geschichte
gerade in der Mitte abbräche und gar nicht zu Rande käme; und darum
wär’s überhaupt nicht der Mühe wert, sie zu erzählen.
Tom ließ sein Kinn auf die Brust sinken; aber er wurde nicht wild, wie
ich gedacht hatte, als er mich seine Geschichte tadeln hörte, sondern
er wurde bloß traurig und sagte:
»Es gibt Leute, die sehen können, und es gibt welche, die’s nicht
können -- gerade wie der Mann in der Geschichte sagte. Da könnte ’ne
Windhose vorbeikommen geschweige denn ein Kamel -- _ihr_ Dämelsäcke
würdet keine Spur davon sehen!«
Was er damit sagen wollte, weiß ich nicht und erklären tat er seine
Worte nicht; es war wohl eine von seinen ›Irrulevanzen‹, wie er die
Dinger selber nannte -- manchmal war er ganz voll von denen, nämlich
besonders, wenn er in die Enge getrieben war und nicht wußte, wie er
wieder ’rauskommen sollte. Aber ich machte mir weiter nichts draus. Wir
hatten ihm einen aufgemutzt und der hatte gesessen -- davon konnte er
nichts abstreiten. Und ich glaube, das wurmte ihn, obwohl er sich Mühe
gab, sich nichts merken zu lassen.
Achtes Kapitel.
Zeitig am Morgen frühstückten wir etwas; dann guckten wir wieder auf
die Wüste ’runter und das Wetter blieb fortwährend so mollig und warm,
aber nicht heiß, obwohl wir nicht sehr hoch über der Erde schwebten.
Nach Sonnenuntergang muß man nämlich immer tiefer herabsteigen, weil
die Luft sich so schnell abkühlt; und so streicht man denn um die Zeit
der Morgendämmerung ganz dicht über den Sand weg.
Wir sahen zu, wie der Schatten unseres Ballons über den Boden hinglitt,
und ließen dann und wann mal die Blicke über die Wüste streifen, ob
sich nicht irgendwo was regte -- da sahen wir plötzlich unmittelbar
unter uns eine Menge Menschen und Kamele auf dem Sande verstreut
herumliegen. Und sie lagen so ruhig, wie wenn sie schliefen.
Wir stellten die Bewegungskraft unseres Luftschiffs ab und hielten
still, und da sahen wir, daß sie alle tot waren. Ein kalter Schauer
überlief uns, wir wurden ganz kleinlaut und sprachen leise wie Leute
bei ’nem Leichenbegängnis. Langsam ließen wir unser Schiff zur Erde
nieder und hielten still; Tom und ich stiegen aus und gingen zu den
Toten. Es waren Männer, Weiber und Kinder. Sie waren von der Sonne
gedörrt und die Haut war zusammengeschrumpft und sah aus wie Leder --
genau wie die Abbildungen von Mumien, die man in den Büchern sieht. Und
trotzdem sahen sie ganz menschlich aus, wie wenn sie nur schliefen --
wenn ich’s nicht selber gesehen hätte, ich würde es nicht glauben.
Einige von den Menschen und Tieren waren zum Teil mit Sand bedeckt, die
meisten aber nicht, denn der Sand bildete an jener Stelle nur eine
dünne Schicht über felsigem Erdreich. Die Kleider waren ihnen fast
gänzlich vom Leibe gefault; wenn man ein Stück Zeug anfaßte, blieb es
einem zwischen den Fingern wie Spinnewebe. Tom meinte, sie müßten schon
jahrelang dagelegen sein.
Den Männern lagen zum Teil rostige Flinten zur Seite; andere waren mit
Schwertern umgürtet und hatten lange Binden um den Leib gewickelt,
in denen große silberbeschlagene Pistolen staken. Alle Kamele trugen
noch ihre Lasten auf dem Rücken, aber die Bündel waren geborsten
oder zerfallen und ihr Inhalt hatte sich über den Boden ergossen.
Uns dünkte, die Toten könnten mit ihren Säbeln ja doch nichts mehr
anfangen; deshalb nahm jeder von uns einen zu sich, dazu auch mehrere
Pistolen. Auch nahmen wir ein kleines Kästchen, weil es so hübsch
und mit so feiner Arbeit eingelegt war. Gern hätten wir dann die
Leute begraben; aber obwohl wir lange darüber nachdachten, wollte
uns nicht einfallen, wie wir das bewerkstelligen könnten, denn wir
hatten bloß Sand zur Verfügung, und der wäre natürlich sofort wieder
auseinandergefegt worden.
Hierauf stiegen wir wieder in die Lüfte empor und segelten weiter,
und gar bald war der schwarze Fleck auf dem Land außer Sicht und wir
dachten, die armen Menschen da unten würden wir auf dieser Welt wohl
niemals wiedersehen. Wir stellten allerlei Mutmaßungen auf, wie sie
wohl an jene Stelle in der Wüste gekommen wären und was ihnen alles
passiert sein könnte, aber wir wußten nicht, was wir daraus machen
sollten. Zuerst dachten wir, vielleicht hätten sie sich verirrt und
wären in der Wüste herumgezogen, bis ihr Essen und Trinken ihnen
ausgegangen und sie verhungert und verdurstet wären; aber Tom sagte,
weder wilde Tiere noch Geier hätten ihre Leichen angerührt, und deshalb
könnte diese Vermutung nicht richtig sein. Schließlich gaben wir’s auf,
uns den Kopf darüber zu zerbrechen, und nahmen uns vor, gar nicht mehr
daran zu denken, denn es versetzte uns in eine traurige Stimmung.
Dann öffneten wir das Kästchen: Edelsteine und Schmucksachen waren
darin -- ein ganzer Haufen! Dazu auch mehrere kleine Schleier von
derselben Art, wie wir sie an den toten Frauen bemerkt hatten; die
Säume dieser Schleier waren mit sonderbaren Goldmünzen besetzt, wie
wir sie nie in unserem Leben gesehen hatten. Wir überlegten voller
Erstaunen, ob wir nicht lieber wieder umkehren und die Kostbarkeiten
zurückgeben sollten; Tom bedachte sich aber die Sache noch einmal und
sagte: nein! Die ganze Gegend wäre voll von Räubern und die würden
die Sachen stehlen; und dann würde die Sünde auf uns fallen, weil wir
sie in Versuchung gebracht hätten. So segelten wir denn weiter; ich
dachte aber bei mir selber, am besten wär’s gewesen, wir hätten den
Toten _alles_ abgenommen, was sie bei sich hatten; denn dann wäre es
überhaupt nicht mehr möglich gewesen, daß andere Leute in Versuchung
kamen.
Wir waren da unten zwei Stunden lang in der sengenden Hitze gewesen und
hatten einen fürchterlichen Durst, als wir wieder an Bord gingen. Wir
stürzten uns auf unser Wasserfaß, aber das Wasser war schlecht geworden
und bitter und außerdem recht hübsch heiß, so daß es uns beinahe den
Mund verbrannte. Wir konnten es nicht trinken. Es war Mississippiwasser
-- ›das beste der Welt‹ -- und wir rührten den Bodensatz auf, um mal
zu sehen, ob das nicht vielleicht hülfe -- aber nein, der Schlamm
machte das Wasser auch nicht besser!
Na, so _übermäßig_ durstig waren wir vorher, solange uns das Schicksal
jener verirrten Menschen interessierte, eigentlich nicht gewesen --
aber nun waren wir’s, und sobald wir sahen, daß wir nichts zu trinken
haben konnten, da waren wir fünfunddreißigmal so durstig als ’ne
Viertelminute zuvor. Wahrhaftig, es dauerte nicht lange, so sperrten
wir vor Durst den Mund auf und keuchten wie Hunde.