Dann wurde er still. Aber als er noch keine zehn Minuten still gewesen

war, da wurde uns das noch unheimlicher, und wir wünschten, er möchte

wieder mit seinem Spektakel anfangen, damit wir wenigstens wüßten, wo

er wäre. Auf einmal zuckte ein Blitz und wir sahen, daß er aufzustehen

versuchte, aber er stolperte und fiel wieder hin. Wir hörten ihn in die

Finsternis hineinschreien:

»Sie mögen nicht nach England gehen? Auch recht; ich will den Kurs

ändern. Sie wollen von mir gehen. Jawohl, ich weiß, sie wollen es!

Schön, sie sollen’s -- und zwar _jetzt gleich_!«

Ich kam vor Angst beinahe um, als er dies sagte. Dann war es wieder

still -- eine so lange Zeit, daß ich’s gar nicht mehr aushalten konnte,

und es kam mir vor, als wollte der Blitz niemals wieder kommen. Aber

schließlich da kam so ein ersehnter Blitz, und richtig, da war der

Professor; er kroch auf Händen und Knieen und war keine vier Fuß weit

von uns entfernt. O, was machte er für fürchterliche Augen! Er machte

einen Satz auf Tom zu und rief:

»Ueber Bord mit dir!«

Aber es war schon wieder pechdunkel und ich konnte nicht sehen, ob er

ihn kriegte oder nicht, und Tom war mäuschenstill.

Dann kam wieder ein langes gräßliches Warten! Dann wieder ein Blitz

und ich sehe außerhalb des Bootes Tom seinen Kopf niederducken und

verschwinden. Er war auf der Strickleiter, die vom Dollbord herunter

frei in der Luft hing. Der Professor stieß einen Schrei aus und tat

einen Satz, und im Nu war’s wieder pechfinster, und Jim stöhnte:

»Arme Massa Tom, er is hin!«

Damit wollte Jim sich auf den Professor stürzen, aber der Professor war

nicht da.

Dann hörten wir zwei entsetzliche Schreie -- dann noch einen, nicht

ganz so laut -- und noch einen, der kam ganz tief von unten her, und

man konnte ihn gerade eben noch hören. Und Jim sagte:

»Arme Massa Tom!«

Dann wurde es grauenhaft still; man hätte, glaube ich, bis viertausend

zählen können, bis der nächste Blitz kam. Als es blitzte, sah ich

Jim auf den Knieen liegen; die Arme hatte er über die Bank gestreckt

und sein Kopf lag auf seinen Armen und er weinte. Ehe ich über Bord

sehen konnte, war alles wieder dunkel, und das war mir lieb, denn ich

_wollte_ nichts sehen. Aber als der nächste Blitz kam, da war ich mit

meinem Kopf schon über’m Bootsrand, und da sehe ich unter mir jemanden

auf der schaukelnden Strickleiter -- und es ist Tom!

»Komm ’rauf!« schrei’ ich. »Komm ’rauf, Tom!«

Seine Stimme war so schwach und der Sturm brüllte so fürchterlich, daß

ich nicht verstehen konnte, was er sagte; aber es kam mir vor, als

fragte er, ob der Professor bei uns oben sei. Ich schrie:

»Nein! Der ist unten im Ozean! Komm ’rauf! Können wir dir helfen?«

Dies alles ging natürlich in düsterster Finsternis vor sich.

»Huck! wen rufst du da?« stöhnte auf einmal Jim.

»Ich rufe Tom.«

»O, Huck, wie kannst du? Du weißt doch, arme Massa Tom ...«

Weiter kam er nicht; er stieß einen fürchterlichen Schrei aus und

gleich darauf noch einen und warf seinen Kopf und seine Arme hintenüber

-- denn gerade in dem Augenblick kam ein weißer Blitz und über dem

Dollbord hob sich Toms Gesicht, ganz schneeweiß, empor und sah ihm

gerade in die Augen. Er dachte natürlich, es sei Toms Geist.

Tom kletterte an Bord, und als Jim merkte, daß er’s _wirklich_ war

und nicht sein Geist, da herzte er ihn und gab ihm alle möglichen

Kosenamen und tat, als wäre er vor Freuden ganz verrückt geworden. Als

schließlich ein bißchen Ruhe eintrat, fragte ich:

»Worauf wartetest du denn, Tom! Warum kamst du nicht gleich wieder

herauf?«

»Durfte ich nicht, Huck! Ich merkte, daß jemand bei mir vorbei

plumpste, aber in der Dunkelheit wußte ich nicht, wer es war. Es hätte

Jim sein können oder auch du, Huck Finn!«

Das war der echte Tom Sawyer -- immer vernünftig! Er kam nicht eher

nach oben, als bis er wußte, wo der Professor war.

Der Sturm hatte sich inzwischen zu seiner höchsten Gewalt entwickelt;

es war fürchterlich, wie der Donner brüllte, wie die Blitze blendend

zuckten, wie der Wind im Tauwerk heulte und pfiff und wie der Regen

herniederströmte. In der einen Sekunde konnte man nicht seine Hand

vor Augen sehen und in der nächsten konnte man die Fäden im Rockärmel

zählen und sah durch einen Regenschleier eine ganze weite Wüste von

rollenden schäumenden Wellen. Ein solcher Sturm ist das Prächtigste,

was es auf der Welt gibt -- aber nicht wenn man oben unter dem Himmel

fährt, wo man in der Einsamkeit den Weg nicht weiß, wenn man bis auf

die Haut durchnäßt ist, und gerade eben einen Todesfall in der Familie

gehabt hat!

Wir saßen am Bugspriet zusammen gedrängt und sprachen leise vom

Professor; und uns allen tat er leid, der arme Mann, den die Welt

verspottet und hart behandelt hatte, während er ihr doch sein Bestes

gab; und dabei hatte er keinen Freund oder sonst einen Menschen gehabt,

um ihn zu ermutigen und ihn aufzuheitern, wenn die trüben Gedanken über

ihn kamen, die ihn schließlich verrückt machten.

Am andern Ende der Gondel waren Kleider und Decken und dergleichen in

Hülle und Fülle; aber wir ließen uns lieber durchnaß regnen als daß wir

in jener Nacht etwas davon angerührt hätten.

Fünftes Kapitel.

Wir versuchten irgend einen Plan aufzustellen, konnten aber nicht einig

werden. Jim und ich waren dafür, umzukehren und wieder nach Hause zu

fahren. Tom aber meinte, wir sollten lieber den Tagesanbruch abwarten,

um ordentlich sehen zu können; bis dahin aber würden wir so nahe bei

England sein, daß wir ebensogut dorthin fahren könnten; wir könnten

dann zu Schiff zurückkehren, und was wäre das nicht für ein Ruhm, wenn

wir später so etwas von uns sagen könnten!

Gegen Mitternacht legte sich der Sturm; der Mond kam hervor und

beschien die Meeresfläche; uns wurde ganz behaglich zu Mute und der

Schlaf kam über uns. Wir streckten uns auf den Bänken aus und schliefen

ein und wachten nicht früher auf, als bis die Sonne am Himmel stand.

Die See funkelte wie von lauter Diamanten und es war schönes Wetter und

sehr bald waren alle unsere Sachen wieder trocken.

Wir gingen achter, um uns etwas zum Frühstück zu suchen, und das

erste, was uns in die Augen fiel, war ein trübes Lichtchen, das in

einem Kompaß unter ’nem Glasdeckel brannte. Tom machte sich sofort

Gedanken darüber und sagte:

»Ihr könnt euch wohl denken, was das bedeutet! Nichts anderes, als daß

hier jemand auf Wache stehen und dies Ding steuern muß, genau wie ein

Schiff gesteuert wird. Denn wenn der Ballon nicht gesteuert wird, so

treibt er sich in der Luft herum und segelt, wohin der Wind ihn führt.«

»Hm,« sagte ich, »was hat denn unsere Gondel gemacht, seit wir ... eh

... seit wir den Unfall hatten?«

»Sich herumgetrieben,« antwortete er, ein bißchen aus seiner Ruhe

gebracht, »sich herumgetrieben -- ohne allen Zweifel! Jetzt haben wir

einen Wind, der uns südöstlich treibt; wir können nicht wissen, wie

lange wir schon diesen Kurs halten.«

Er stellte das Steuer wieder auf Osten und sagte, er wolle so lange

aufpassen, bis wir das Frühstück fertig gemacht hätten. Der Professor

hatte sich so gut verproviantiert, wie man’s nur wünschen konnte.

Da war alles in Hülle und Fülle vorhanden. Milch gab es allerdings

nicht zum Kaffee, aber Wasser war vorhanden und alles, was man sonst

nötig hatte, auch ein Kochofen mit Holzkohlenfeuerung und mit dem

erforderlichen Geschirr, und Pfeifen und Zigarren und Zündhölzer.

Ferner Weine und Liköre -- wofür _wir_ allerdings keine Verwendung

hatten; dann Bücher und Land- und Seekarten und ’ne Ziehharmonika

-- und Pelze, Decken und eine unendliche Menge von allerlei Tand,

wie Messingperlen und dergleichen Zierat. Das war, wie Tom bemerkte,

ein sicheres Anzeichen, daß er darauf gerechnet hatte, mit Wilden

zusammenzukommen. Auch Geld war da. Ja, der Professor war nicht

schlecht ausgerüstet.

Nach dem Frühstück zeigte Tom mir und Jim, wie das Steuer gehandhabt

wurde; dann verteilte er die Wachen, für jeden immer vier Stunden.

Als er mit seiner Wache fertig war, löste ich ihn ab, und er holte

des Professors Papier und Schreibzeug heraus, und setzte sich hin und

schrieb einen Brief nach Hause an seine Tante Polly. Darin erzählte er

ihr alles, was uns passiert war, und als er fertig war, datierte er

den Brief:

›Im Firmament, in der Nähe von England‹, und faltete ihn säuberlich

zusammen und versiegelte ihn mit einer roten Oblate. Dann adressierte

er ihn und über der Adresse schrieb er mit dicken Buchstaben:

_Von Tom Sawyer, dem Erronauter_

und er sagte, wenn der Brief mit der Post ankäme, da würde der alte Nat

Parsons, der Postmeister, einfach auf den Rücken fallen.

Ich äußerte meine Meinung, wir wären ja doch nicht im Firmament,

sondern in einem Luftballon; aber über so etwas war mit Tom nun einmal

nicht zu diskutieren. Im Grunde wußte ich auch nicht so recht, was

eigentlich ein Firmament ist; Tom wollte es mir erklären, aber Jim und

ich bekamen trotzdem keinen rechten Begriff davon, und schließlich

ließen wir es sein und sprachen davon, was ein Erronauter sei.

Ein Erronauter, sagte Tom, wäre ein Mensch, der in Luftballons

’rumführe, und es wäre ganz was Anderes und viel was Feineres, wenn

er sich ›Tom Sawyer, den Erronauter‹ nennen könnte, als wenn er bloß

›Tom Sawyer, der Reisende‹ wäre. Man würde überall auf der ganzen Welt

von uns sprechen, wenn wir nur das Ding zum rechten Ende brächten, und

darum hustete er von jetzt an was drauf, ›Tom Sawyer, der Reisende‹ zu

heißen.

Als die Mitte des Nachmittags herankam, machten wir alles zum

Landen fertig, und uns war recht leicht ums Herz und wir fühlten

einen mächtigen Stolz in uns. Wir guckten fortwährend durch unsere

Ferngläser, wie Kolumbus, als er Amerika entdecken wollte. Aber wir

sahen nichts als lauter Ozean und Ozean. Der Nachmittag verstrich, die

Sonne ging unter und immer noch war nirgendwo Land zu sehen. Die Sache

kam uns sonderbar vor, aber wir dachten, sie würde schon in Ordnung

kommen. Wir blieben also dabei, ostwärts zu steuern, nur stiegen wir

etwas höher hinauf, damit wir nicht im Dunkel gegen einen Berg oder

sonstige Hindernisse anstoßen möchten.

Von acht Uhr abends bis Mitternacht hatte ich die Wache, dann löste Jim

mich ab; aber Tom blieb auf, weil Schiffskapitäne, wie er sagte, das

immer täten, wenn sie dicht beim Lande wären.

Als es nun Tag wurde, da stieß auf einmal Jim ein lautes Geschrei aus

und wir sprangen auf und guckten über den Rand der Gondel und richtig!

da war das Land -- rund um uns herum nichts als Land, soweit das Auge

reichte, und vollkommen flach und ganz gelb! Wir wußten nicht, wie

lange wir schon über dem Land gewesen waren, denn da waren weder Bäume,

noch Berge, noch Felsen, noch Städte, und Tom und Jim hatten gedacht,

es sei das Meer, das spiegelglatt unter ihnen daläge; übrigens hätte

es von der Höhe aus, in der wir uns befanden, spiegelglatt ausgesehen,

selbst wenn die Wellen haushoch gegangen wären.

Wir waren jetzt alle riesig aufgeregt und nahmen schnell die Ferngläser

vor die Augen und suchten überall nach London, aber da war nicht das

geringste weder von London noch überhaupt von einer menschlichen

Niederlassung zu sehen -- nicht ’mal ein See oder ein Fluß war zu

erblicken. Tom war ganz kleinlaut geworden. Er sagte, so einen Begriff

hätte er sich von England nicht gemacht; er hätte immer gemeint,

England sähe genau so aus wie Amerika. Er schlug schließlich vor, wir

wollten lieber unser Frühstück essen und dann den Ballon herunterlassen

und uns erkundigen, wie wir auf dem kürzesten Wege nach London kämen.

Mit dem Frühstück waren wir sehr schnell fertig -- unsere Ungeduld war

zu groß. Als wir nachher uns in niedrigere Regionen herabließen, begann

das Wetter milde zu werden, und sehr bald zogen wir unsere Pelze aus.

Aber es wurde immer noch milder, und im Nu war’s beinahe zu milde. Wir

waren nämlich jetzt dicht über dem Erdboden und da herrschte geradezu

eine Backofenhitze.

Ungefähr dreißig Fuß über dem Lande machten wir Halt; ich sage ›Land‹,

indem ich annehme, daß man so etwas Land nennen darf; denn da gab es

nichts als reinen Sand! Tom und ich kletterten die Leiter herunter und

fingen an zu laufen, um unsere Beine wieder ein bißchen geschmeidig zu

machen; den Beinen tat denn auch die Bewegung wunderbar gut -- aber

den Füßen weniger, denn der Sand verbrannte uns die Sohlen, als wären

wir auf glühende Kohlen getreten. Nicht lange, so sahen wir jemanden

herankommen, und sofort liefen wir ihm entgegen; aber wir hörten

Jim schreien und drehten uns nach ihm um und sahen, daß er wie ein

Besessener herumsprang und Zeichen machte und schrie. Was er sagte,

konnten wir nicht verstehen, aber wir kriegten es doch mit der Angst

und liefen so schnell wir konnten nach dem Luftschiff zurück. Als wir

nahe genug gekommen waren, unterschieden wir seine Worte, und mir wurde

ganz übel zumute, als ich sie hörte:

»Rennt!« schrie er. »Rennt, wenn euch euer Leben lieb is. Das is ’n

Löwe! Ich seh ihm durch die Fernglas! Rennt Jungens! Rennt, was das

Zeug halten will! Er is gewiß aus die Menascherie gelaufen un da is

niemand, der ihn wieder kriegen kann!«

Tom flog wie ein Pfeil dahin, aber mir schlotterten die Beine, als wenn

ich gar keine Knochen mehr drin gehabt hätte. Ich konnte mich bloß so

hinschleppen, wie’s einem im Traum manchmal passiert, wenn ein Gespenst

hinter einem her ist.

Tom war natürlich der Erste bei der Leiter; er kletterte ein Stück

hinauf und wartete auf mich; sobald ich glücklich auf der untersten

Stufe stand, rief er Jim zu, er sollte losrutschen. Aber Jim hatte

völlig den Kopf verloren und sagte, er wüßte nicht mehr, wie’s gemacht

würde. Tom kletterte daher weiter hinauf und sagte, ich sollte

nachkommen; aber der Löwe war schon ganz in der Nähe und stieß bei

jedem Sprung ein ganz fürchterliches Gebrüll aus; davon zitterten

mir die Beine dermaßen, daß ich nicht wagte, mich von der Sprosse zu

rühren, denn ich dachte, wenn ich den einen Fuß hochhöbe, so würde der

andere allein mich nicht mehr tragen können.

Inzwischen aber hatte Tom sich in die Gondel hineingeschwungen; er ließ

den Ballon ein Stück in die Höhe gehen, hielt aber sofort wieder an,

als das Ende der Strickleiter zehn oder zwölf Fuß über dem Boden war.

Und da war auch schon der Löwe. Wie tobte er unter mir herum, wie

brüllte er, wie sprang er in die Höhe und schnappte nach der Leiter!

Es sah aus als verfehlte er sie nur um Viertelszollbreite. Es war ja

köstlich, wirklich köstlich, außer seinem Bereich zu sein, und ich

empfand dies als ein ungeheuer angenehmes Gefühl, wofür ich herzlich

dankbar war; andererseits aber hing ich hilflos da und konnte nicht

hochklettern, und dabei wurde mir denn wieder sterbensübel zu Mute.

Es kommt wohl sehr selten vor, daß jemand derartig gemischte Gefühle

empfindet, und im großen und ganzen kann ich eine derartige Situation

nicht für empfehlenswert erklären.

Tom fragte mich, was er anfangen sollte, aber ich konnte ihm daraufhin

keinen Bescheid geben. Er meinte, ich könnte mich vielleicht so lange

festhalten, bis er nach einem sicheren Platz gesegelt wäre, wohin der

Löwe nicht so schnell mitlaufen könnte. Ich antwortete, es würde mir

wahrscheinlich möglich sein, wenn er den Ballon nicht höher steigen

ließe; aber wenn er höher ginge, so würde ich ganz gewiß schwindlig

werden und herunterfallen.

»Halt dich nur ordentlich fest!« rief Tom, und damit segelte er los.

»Nicht so schnell!« schrie ich. »Mir wird schon gelb und grün vor den

Augen!«

Er war nämlich mit Blitzzugsgeschwindigkeit abgefahren. Tom mäßigte die

Schnelligkeit und wir glitten langsamer über den Sand hin; aber es ist

und bleibt doch im höchsten Grade ungemütlich, wenn man in lautloser

Stille den Boden so unter sich weggleiten sieht.

Mit der Lautlosigkeit nahm es indessen sehr bald ein Ende, denn der

Löwe kam uns nachgesprungen. Und sein Gebrüll wurde beantwortet. Wir

sahen die Bestien aus allen Himmelsrichtungen herangehopst kommen und

im Nu waren ein paar Dutzend unter mir. Sie sprangen nach der Leiter

und fauchten sich gegenseitig an und schnappten nacheinander. So

rutschten wir übers Land hin und die braven Löwen taten, was in ihren

Kräften stand, um uns das Erlebnis unvergeßlich zu machen; und es

kamen immer mehr Bestien -- sie schienen es nicht für nötig zu halten,

eine Einladung von uns abzuwarten -- und das Getümmel unter uns wurde

unbeschreiblich.

Wir sahen ein, so konnte es nicht weiter gehen. Wenn wir nicht

schneller segelten, wurden wir die Löwen nicht los, und ich konnte mich

nicht ewig an der Strickleiter festhalten, denn dazu reichten meine

Kräfte nicht.

Tom dachte über den Fall nach und kam auf eine andere Idee: einer von

den Löwen mußte mit des Professors Revolver totgeschossen werden, und

während die anderen Halt machten, um ihren Kameraden zu verspeisen,

konnten wir verschwinden.

Gedacht, getan! Tom hielt den Ballon an, schoß eine von den Bestien

über den Haufen und der Spektakel ging los, ganz wie wir’s erwartet

hatten. Wir segelten eine Viertelmeile weiter und Tom und Jim halfen

mir in die Gondel hinein.

Kaum waren wir damit fertig, so war auch die Löwenbande wieder da.

Aber es war zu spät für sie. Und als sie sahen, daß sie uns nicht mehr

kriegen konnten, da setzten sie sich auf ihre Hinterbacken und sahen

uns mit so schmerzlich enttäuschten Gesichtern nach, daß die armen

hungrigen Löwen uns wirklich leid taten.

Sechstes Kapitel.

Ich war so angegriffen, daß ich an gar nichts weiter dachte, als mich

schnell hinzulegen. Ich streckte mich daher auf meiner Bank aus, aber

in solcher Backofenhitze war nicht daran zu denken, wieder zu Kräften

zu kommen; Tom befahl daher, das Luftschiff höher steigen zu lassen,

und Jim führte seine Weisungen sofort aus.

Wir mußten eine volle Meile aufsteigen, bis wir in eine angenehme

Luftschicht kamen, wo eine erfrischende Brise wehte und es weder zu

kalt noch zu warm war. Bald war ich wieder völlig bei Kräften. Tom

hatte die ganze Zeit über still und nachdenklich dagesessen, aber auf

einmal sprang er auf und sagte:

»Ich will tausend gegen eins wetten: ich weiß, wo wir sind! Wir sind in

der Großen Sahara -- das ist bombensicher!«

Er war so aufgeregt, daß er weder Arme noch Beine still halten konnte;

mich regte seine Mitteilung weniger auf; ich fragte bloß:

»So? Na, wo ist denn die Große Sahara? In England oder in Schottland?«

»Weder da noch dort -- sie ist in Afrika.«

Da riß aber Jim die Augen auf! Mit riesiger Neugierde sah er sich das

Land an; und das war auch kein Wunder, denn da waren ja seine Vorfahren

hergekommen. Aber ich selber konnte es nur so halb und halb glauben;

mir schien denn doch, eine so kolossale Reise könnten wir unmöglich

gemacht haben.

Tom indessen war voll von seiner ›Entdeckung‹, wie er es nannte. Die

Löwen und der Sand, sagte er, das bedeutete ganz bestimmt die große

Wüste.

Jim sah immer noch durch das Fernrohr auf den Sand herunter. Auf einmal

schüttelte er den Kopf und sagte:

»Massa Tom, da muß woll was nix richtig sein! Ich hab noch gar keine

Nigger nix gesehen!«

»Das will nichts sagen! Sie leben nicht in der Wüste. Aber was ist denn

das? Da hinten ganz in der Ferne? Gebt mir ’mal ’n Fernrohr!«

Er sah lange durch das Glas und sagte, es sähe aus wie ein langer

schwarzer Strich, der sich über den Sand hinzöge, aber er könnte nicht

begreifen, was es wohl sein möchte.

»Na,« sagte ich, »vielleicht hast du jetzt ’ne Möglichkeit, genau

festzustellen, wo der Luftballon ist. Denn höchstwahrscheinlich ist das

doch eine von den Linien, die auf der Karte verzeichnet sind, und die

du Meridianlängen nanntest; wir brauchen bloß ’runterzugehen und uns

die Nummer anzusehen und ...«

»O, Huck Finn! Was für ein Blödsinn! So einen Quatschkopf wie du bist

habe ich noch nie gesehen! Meinst du im Ernst, die Längenmeridiane sind

_auf der Erde_?«

»Tom Sawyer, sie sind auf der Karte abgebildet, das weißt du recht

gut, und hier ist ja eine, das kannst du doch mit deinen eigenen Augen

sehen!«

»Natürlich stehen sie auf der Karte; aber das beweist noch nichts! Auf

dem _Erdboden_ gibt es selbstverständlich keinen.«

»Tom, weißt du das gewiß?«

»Natürlich!«

»Nun, dann hat die Landkarte wieder mal gelogen. So eine Lügerei wie

auf der Karte ist mir noch gar nicht vorgekommen!«

Das brachte nun wieder Tom in hellen Eifer; aber ich wußte ihm mit

Worten zu dienen und Jim, der ganz meiner Meinung war, kam auch in

Hitze, und es ist gar nicht unmöglich, daß unsere Beweisführungen ein

bißchen handgreiflich geworden wären -- aber auf einmal warf Tom das

Fernrohr hin und klatschte in die Hände, wie wenn er den Verstand

verloren hätte, und schrie aus vollem Halse:

»Kamele! Kamele!«

Ich nahm schnell ein Fernrohr und Jim guckte auch darnach; aber ich war

enttäuscht und sagte: »Deine Großmutter hat wohl Kamele! Das sind ja

Spinnen!«

»Spinnen in ’ner Wüste, du Schafskopf? Spinnen, die in einer langen

Reihe marschieren? Streng’ mal ’n bißchen deinen verehrlichen Schädel

an, Huck Finn, -- aber es kommt mir allerdings fast so vor, als hättest

du nichts drin! Du denkst wohl gar nicht dran, daß wir ’ne volle Meile

hoch oben in der Luft sind und daß der Streifen von Krabbeltieren zwei

oder drei Meilen entfernt ist. Spinnen -- heiliger Bimbam! Spinnen so

groß wie ’ne Kuh? Willst du nicht vielleicht runtergehen und eine von

ihnen melken? Aber verlaß dich nur darauf, was ich sage: es sind und

bleiben Kamele. ’s ist ’ne Karawane, ganz einfach ’ne Karawane, und sie

ist ’ne Meile lang!«

»Na, denn wollen wir doch runtergehen und sie uns ansehen! Ich glaube

es nun ’mal nicht und werde nicht eher dran glauben, als bis ich’s

genau und deutlich selber sehe!«

»Meinetwegen!« rief Tom und kommandierte: »Tiefer mit dem Ballon!«

Als wir in die heiße Luftschicht kamen, da konnten wir denn sehen,

daß es wirklich Kamele waren -- eine endlose Reihe von bedächtig

schreitenden Tieren, die große Ballen auf ihren Rücken trugen. Auch

mehrere hundert Männer waren dabei, die hatten lange weiße Gewänder an

und um ihre Köpfe trugen sie lange Binden gewickelt, von denen Troddeln

und Fransen herniederhingen. Einige von ihnen hatten lange Flinten und

andere hatten keine; einige ritten und andere gingen zu Fuß. Und die

Hitze -- na, wir kamen uns vor, wie wenn wir auf ’nem Bratrost lägen.

Und wie langsam krochen sie durch die Wüste hin! Wir ließen uns nun

plötzlich hernieder und stoppten, als wir ungefähr hundert Meter über

ihnen waren.

Die Männer schrieen alle miteinander plötzlich laut auf, und einige

warfen sich platt auf den Bauch, andere fingen an, mit ihren Flinten

nach uns zu schießen, und der Rest stob nach allen Windrichtungen

auseinander -- Menschen, Pferde und Kamele.

Wir sahen, daß wir Wirrwarr anrichteten, und stiegen deshalb wieder

auf, bis wir ungefähr in der alten Höhe von einer Meile uns befanden,

wo die kühle Luftschicht war; von dort aus sahen wir uns alles an.

Sie brauchten beinahe eine Stunde, bis sie wieder alle zusammen und

in der richtigen Marschordnung waren; dann brachen sie wieder auf,

aber wir konnten durch unsere Fernrohre beobachten, daß sie bloß für

unseren Luftballon Augen hatten. Wir fuhren in ihrer Richtung weiter,

indem wir sie durch unsere Gläser genau betrachteten; das war ein sehr

interessanter Anblick. Auf einmal sahen wir einen großen Sandhügel und

jenseits desselben eine Menge Gestalten, die wir für Menschen hielten;

und oben auf dem Hügel lag etwas -- dem Anschein nach ein Mann; der

hob alle Augenblicke mal den Kopf in die Höhe und sah sich um -- ob

nach uns oder nach der Karawane, das konnten wir nicht unterscheiden.

Als die Karawane näher gekommen war, rutschte er auf der anderen Seite

des Hügels herunter und lief schnell zu den anderen Menschen -- wir

sahen jetzt, daß es solche waren -- die neben ihren Pferden hinter

dem Sandberg auf der Lauer gelegen hatten. Im Nu waren sie im Sattel

und wie ein Donnerwetter kamen sie hervorgesprengt, einige mit Lanzen

bewaffnet und andere mit langen Flinten, und alle miteinander schrieen

und heulten sie aus vollem Halse.

Eins, zwei, drei waren sie bei der Karawane und in der nächsten Minute

prallten die beiden Parteien aufeinander. Dann folgte ein wildes

Durcheinander und ein Flintengeknatter, wie wir’s nie gehört hatten,

und die Luft war so voll von Pulverdampf, daß wir nur ab und zu einen

schnellen Blick auf das Handgemenge werfen konnten.

Tom Sawyers Neue Abenteuer · 第 2 / 13 段