Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter,
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Buches.
[Illustration: Cover]
[Illustration: S. L. Clemens
(Mark Twain)
Gezeichnet von _Henry Rauchinger_.]
Tom Sawyers
Neue Abenteuer
Von
Mark Twain
Autorisiert
Tom Sawyer im Luftballon
Tom, der kleine Detektiv
[Illustration]
Stuttgart
Verlag von Robert Lutz
1903.
Alle Rechte vorbehalten.
Druck von A. Bonz’ Erben, Stuttgart.
_Tom Sawyer_ im _Luftballon_.
[Illustration]
Erstes Kapitel.
War nun Tom Sawyer zufrieden nach all seinen Abenteuern? Ich meine die
Abenteuer auf dem Fluß, als wir den Nigger Jim frei machten und Tom den
Schuß ins Bein kriegte.[1]
[1] Humor. Schriften, Bd. 2 (Fahrten des Huckleberry Finn).
Nein, er war _nicht_ zufrieden! Es fraß an ihm, er wollte nur
noch mehr. Ja, als wir drei auf dem Fluß zurückkamen von unserer
langen Reise, in voller Glorie -- so kann man wohl sagen -- und als
das Städtchen uns mit einem Fackelzug und mit Ansprachen und mit
allgemeinem Hurra und Jubelgeschrei empfing, -- ja, da waren wir
Helden, und darnach war ja Tom Sawyers Sehnsucht immer gestanden.
Eine Zeitlang war er denn auch wirklich zufrieden. Alle Leute feierten
ihn, und er trug seine Nase hoch und ging mit einer Miene im Städtchen
herum, als ob es ihm ganz allein gehörte. Einige nannten ihn ›Tom
Sawyer den Reisenden‹, und dieser Titel machte ihn so aufgeblasen, daß
er beinahe geplatzt wäre. Natürlich stand er ganz anders da, als ich
und Jim, denn wir waren ja auf einem gewöhnlichen Floß stromabwärts
gefahren und nur stromauf mit dem Dampfer, Tom aber hatte den Hin-
sowohl wie den Rückweg auf dem Dampfboot gemacht. Die Jungens
beneideten Jim und mich nicht wenig, aber vor Tom -- ach, du liebe
Zeit, da krochen sie geradezu im Staube.
Vielleicht wäre nun Tom doch zufrieden gewesen, wäre nur nicht der
alte Nat Parsons dagewesen. Das war der Postmeister, ein riesenlanger
und dünner, gutmütiger und ein bißchen beschränkter Mann, mit ganz
kahlem Kopf -- denn er war schon sehr alt -- und so ziemlich das
schwatzhafteste alte Geschöpf, das ich je gesehen habe. Volle dreißig
Jahre lang war er im Städtchen der einzige berühmte Mann gewesen;
berühmt war er als Reisender, und natürlich war er über alle Maßen
stolz darauf, und man hatte ihm nachgerechnet, daß er im Lauf der
dreißig Jahre mehr als eine Million Male die Geschichte von seiner
Reise erzählt und jedesmal wieder selber eine kindliche Freude daran
gehabt hatte. Und nun kommt da auf einmal ein Bengel von noch nicht
fünfzehn, und jedermann reißt Mund und Augen auf über _dessen_ Reisen!
Natürlich brachte das den alten Herrn außer Rand und Band. Es machte
ihn ganz krank, wenn er mit anhören mußte, wie Tom erzählte und wie die
Zuhörer dabei fortwährend riefen: »Ach Herrjeh,« »Nee, aber so was!«
»Ach du himmlische Barmherzigkeit!« usw. usw. Aber trotzdem mußte er
immer wieder zuhören; er war wie die naschhafte Fliege, die mit einem
Hinterbein in der Sirupschüssel festsitzt Und jedesmal, wenn Tom eine
Pause machte, dann fing der arme alte Herr von seiner abgedroschenen
alten Reise an und quälte sich ab, sie so recht zur Geltung zu bringen
-- aber sie war wirklich schon _zu_ abgedroschen und zog nicht mehr,
und es konnte einem wirklich leid tun, wenn man’s mit ansah. Dann kam
Tom wieder an die Reihe und dann wiederum der Alte -- und so fort, und
so fort, eine Stunde lang und noch länger, und jeder wollte immer den
andern übertrumpfen.
Mit Parsons Reise verhielt es sich so: Als er eben die
Postmeisterstelle gekriegt hatte und noch ein ganz grüner Neuling war,
da kam eines schönes Tages ein Brief für jemand, den er nicht kannte,
denn einen Mann mit solchem Namen gab’s im Städtchen überhaupt nicht.
Er wußte denn nun absolut nicht, was er anfangen sollte, und so lag
denn der Brief da, von einer Woche zur andern, bis der bloße Anblick
dem Postmeister übel machte. Das Porto für den Brief war nicht bezahlt
und das war ebenfalls ein Grund zu Sorgen. Wie sollte er denn nur die
10 Cents einziehen? Und dann, wer konnt’s wissen, vielleicht machte
die Regierung ihn verantwortlich dafür und setzte ihn ab, weil er das
Strafporto nicht eingezogen hatte ...
Zuletzt konnte er’s einfach nicht länger aushalten; er konnte nachts
nicht mehr schlafen, konnte nicht mehr essen und war zu einem Schatten
abgemagert. Trotzdem wagte er’s nicht, jemand um Rat zu fragen; denn
der Ratgeber konnte ja womöglich hinterlistig sein und der Regierung
die Geschichte von dem Brief mitteilen. Er hatte den Brief unter dem
Fußboden versteckt, aber auch das half nichts. Wenn zufällig mal jemand
auf der betreffenden Stelle stand, so bekam der Postmeister eine
Gänsehaut; schwarzer Verdacht bemächtigte sich seiner und er blieb auf,
bis die Stadt still und dunkel war; dann schlich er sich an die Stelle
und holte den Brief wieder hervor und verbarg ihn an einem andern
Platz. Natürlich wurden die Leute scheu und schüttelten die Köpfe und
flüsterten allerlei, denn aus seinen Blicken und Bewegungen schlossen
sie, er hätte einen Menschen totgeschlagen oder sonst irgend was
Fürchterliches begangen -- und wäre er ein Fremder gewesen, so hätte
man ihn gelyncht.
Also, wie gesagt, er konnte es nicht länger aushalten, und so beschloß
er denn in seinem Sinn, er wollte nach Washington machen und geraden
Wegs zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gehen und frei von der
Leber weg sprechen und den Brief herausholen und ihn vor der ganzen
Regierung offen hinlegen und sagen:
»So! da ist er! Machen Sie mit mir, was Sie wollen. Aber der Himmel ist
mein Zeuge: ich bin unschuldig und verdiene nicht die volle Schwere
der gesetzlichen Strafe, und ich lasse eine Familie zurück, die ohne
mich Hunger leiden muß und doch gar nichts mit der Geschichte zu tun
gehabt hat. Und das ist die reine Wahrheit und darauf kann ich einen
Eid leisten!«
Gedacht, getan. Er fuhr ein Stückchen mit dem Dampfer und ein Stückchen
mit der Postkutsche, aber den ganzen übrigen Teil der Reise machte er
zu Pferde, und er brauchte drei Wochen bis Washington. Er sah viele
Länder und unzählige Dörfer und vier große Städte. Acht Wochen lang war
er fort und nie zuvor war in unserem Städtchen[2] ein Mann so stolz wie
er, als er nun wieder daheim war. Durch seine Reisen war er der größte
Mann in der ganzen Gegend geworden; von keinem hatte man je so viel
gesprochen; dreißig Meilen weit kamen die Leute angereist, ja sogar
von Illinois her, bloß um ihn zu sehen -- und da standen sie dann und
glotzten ihn an und er plapperte. So was war noch niemals dagewesen.
[2] Hannibal am Mississippi.
Nun war denn natürlich die Frage, wer der größte Reisende sei: Nat
oder Tom. Einigkeit war darüber nicht zu erzielen; die einen sagten,
Nat wäre es, die anderen schworen auf Tom. Jedermann gab zu, daß Nat
dem jüngeren Nebenbuhler in der Länge der Reise über war, aber dafür
war Tom denn doch in einem ganz anderen Klima gewesen. Die Wage hielt
so ziemlich das Gleichgewicht. Jeder von den beiden mußte deshalb seine
gefährlichsten Abenteuer in die Wagschale werfen. Die Kugel in Toms
Bein war für Nat sozusagen eine harte Nuß zu knacken, aber Nat knackte,
so gut er konnte. Er war jedoch dabei entschieden im Nachteil, denn Tom
saß nicht still, wie er eigentlich hätte tun sollen, sondern er hinkte
fortwährend im Zimmer herum, während Nat das Abenteuer ausmalte, das er
seiner Zeit in Washington gehabt hatte. Tom hinkte nämlich noch, als
seine Wunde schon längst wieder heil war; er übte sich nachts in seiner
Schlafstube im Hinken und konnte es daher natürlich großartig.
Mit Nats Abenteuer nun verhielt es sich folgendermaßen: Ob die
Geschichte ganz wahr ist, das weiß ich nicht; vielleicht hatte er sie
in einer Zeitung gelesen oder sonstwo aufgeschnappt; aber das muß ich
sagen: er verstand sie zu erzählen! Es schauerte einem durch alle
Glieder und der Atem stand einem still, wenn er sie vortrug, und Frauen
und Mädchen wurden manchmal so blaß und schwach dabei, daß sie gar
nicht mehr wußten, wo sie hin sollten. So gut ich’s vermag, will ich
ihm die Geschichte nacherzählen:
Er kommt also nach Washington und stellt sein Pferd ein und holt seinen
Brief heraus und fragt nach dem Weg zu des Präsidenten Haus. Man sagt
ihm, der Präsident sei auf dem Kapitol und wolle nach Philadelphia
reisen -- keine Minute sei zu verlieren, wenn er ihn noch sprechen
wolle. Nat fiel beinahe in Ohnmacht, so schlecht wurde ihm zumute. Sein
Pferd stand abgesattelt im Stall; was sollte er nun bloß anfangen? Aber
gerade in dem Augenblick kommt ein Nigger mit seiner alten rumpligen
Droschke vorbeigefahren. Sofort erfaßt Nat die Situation; er stürzt auf
die Straße und schreit:
»’nen halben Dollar, wenn du mich in ’ner halben Stunde nach dem
Kapitol fährst, und ’n viertel extra, wenn du’s in zwanzig Minuten
machst!«
»Schön!« sagt der Nigger.
Nat also springt in die Droschke und schmeißt den Schlag zu, und
los geht’s holterdipolter über das fürchterlichste Pflaster, das
man sich denken kann, und das Gerumpel und Geratter war geradezu
schauerlich. Nat steckt die Arme durch die Halteriemen und hält sich
aus Leibeskräften fest, aber nicht lange, da stößt die Karre an einen
großen Stein, und fliegt, hops!, hoch in die Luft empor und der Boden
fällt heraus, und als die Droschke wieder unten ist, da sind Nats
Füße auf dem Grund und er sieht sofort, daß er in verzweifelter Lage
ist, wenn er nicht so schnell laufen kann, wie die Droschke fährt. Er
hatte einen fürchterlichen Schreck bekommen, aber er ging mit aller
Macht ins Zeug und hielt sich an den Armriemen und streckte die Beine,
daß es eine Art hatte. Er schrie und rief dem Kutscher zu, er sollte
halten, und alle Menschen auf der Straße schrieen ebenfalls, denn sie
sahen unter dem Wagen seine dünnen Beine entlang wirbeln und durch die
Fenster seinen Kopf und seine Schultern immer auf und nieder fahren,
und merkten, daß er in fürchterlicher Gefahr war. Aber je mehr sie
riefen, desto lauter kreischte und gröhlte der Nigger und hieb auf die
Pferde los und rief: »Habben keine Bange nich der Herr; gemachen muß es
werden und ich machen’s!«
Denn natürlich dachte er, sie wollten ihn zum Schnellfahren antreiben,
und von Nats Rufen konnte er vor dem Geratter nichts hören. Und so
ging es denn, hast du nicht gesehen, immer weiter, und den Leuten, die
es sahen, standen die Haare zu Berge. Und als sie schließlich beim
Kapitol ankamen, da war’s die schnellste Fuhre, die je ’ne Droschke
gemacht hat, das sagten alle. Die Pferde waren ganz matt und Nat troff
vor Schweiß und war wie gerädert, und er war voll Staub, die Kleider
hingen in Fetzen an seinem Leibe und seine Stiefel hatte er verloren.
Aber er war zur rechten Zeit da, und zwar gerade noch im allerletzten
Augenblick. Er kam vor den Präsidenten und gab ihm den Brief und alles
war in schönster Ordnung. Der Präsident begnadigte ihn auf der Stelle
und Nat gab dem Nigger drei Vierteldollars extra statt nur eines; denn
das sah er ja ein, hätte er nicht die Droschke gehabt, so hätte er auch
nicht annähernd zur rechten Zeit kommen können.
Es war tatsächlich ein großes Abenteuer, und Tom Sawyer mußte sich alle
Mühe geben, um mit seiner Kugelwunde dagegen aufzukommen.
Nun, wie’s so geht, nach und nach verblaßte Toms Ruhmesglanz, denn es
kamen andere Gesprächsstoffe auf, worüber die Leute schwatzen konnten:
erst ein Wettrennen, und dann eine Feuersbrunst, und dann der Zirkus,
und darauf die Sonnenfinsternis; und diese brachte dann, wie es
meistens der Fall ist, eine Wiederbelebung der Frömmigkeit zuwege, und
so war denn von Tom nicht mehr viel die Rede, und das machte ihn ganz
krank und vergällte ihm alle Freude am Leben.
Es dauerte nicht lange, so war er den ganzen Tag verdrießlich und
reizbar und wenn ich ihn fragte, warum er denn nur in solcher Stimmung
sei, dann antwortete er, es bräche ihm beinahe das Herz, wenn er
daran dächte, wie die Zeit verränne und daß er immer älter und älter
würde, ohne daß ein Krieg ausbräche und er auch nur die geringste
Menschenmöglichkeit sähe, sich einen Namen zu machen. So denken ja nun
freilich alle Jungen, aber er war der erste, den ich diese Gedanken
frei und offen aussprechen hörte. Er sann also Tag und Nacht auf einen
Plan, wie er berühmt werden könnte. Bald hatte er denn auch einen
und er bot Jim und mir an, an seinem Ruhme teil zu nehmen. In dieser
Hinsicht war Tom Sawyer immer edelmütig. Viele Jungen sind über die
Maßen gut und freundlich, wenn einer was Gutes hat, aber wenn sie
selber mal was Gutes kriegen, dann sagen sie einem kein Wort davon und
versuchen es für sich allein zu behalten. So war Tom Sawyer niemals,
das kann ich ihm wohl nachsagen. Viele Jungen schlängeln sich an einen
heran, wenn man einen Apfel hat und bitten einen um das Kernhaus. Aber
wenn sie dann selber einen haben, und man bittet sie um’s Kernhaus und
erinnert sie daran, daß man ihnen auch ’mal ein Kernhaus gegeben hat --
jawohl, da heißt’s ›Prost die Mahlzeit‹, aber vom Kernhaus sieht man
nichts. Da kann man sich den Mund wischen.
Wir gingen in das Gehölz auf dem Berg, und Tom sagte uns, was es war.
Es war ein Kreuzzug.
»Was ist ein Kreuzzug?« fragte ich.
Tom sah mich geringschätzig an, wie er’s immer tut, wenn ihm jemand
leid tut. Dann sagte er:
»Huck Finn, du willst doch nicht behaupten, daß du nicht weißt, was ein
Kreuzzug ist?«
»Nee,« sag’ ich, »ich weiß es nicht. Und ich mache mir auch nichts
daraus. Ich habe so lange gelebt und bin gesund gewesen, ohne es zu
wissen. Aber so bald du mir es sagst, was es ist, dann weiß ich’s
ja, und das ist früh genug. Ich sehe nicht ein, wozu ich mir Sachen
austifteln und mir meinen Kopf damit vollpfropfen soll, wenn ich
vielleicht niemals ’ne Gelegenheit habe, davon Gebrauch zu machen.
Na, was ist denn also ein Kreuzzug? Aber eins kann ich dir zum Voraus
sagen: wenn’s was zum Patentieren ist, da ist kein Geld mit zu machen.
Bill Tompson ...«
»Zum Patentieren?« rief Tom. »Hat man je so einen Schafskopf gesehen?
Ein Kreuzzug ist eine Art von Krieg.«
Ich dachte, er hätte seinen Verstand verloren. Aber nein, er meinte es
in vollem Ernst und fuhr ganz ruhig fort:
»Ein Kreuzzug ist ein Krieg, um das heilige Land von den Heiden zu
erlösen.«
»Was für’n heiliges Land?«
»Na, das heilige Land -- es gibt doch bloß eins.«
»Was sollen wir denn damit anfangen?«
»Nanu, begreifst du denn das nicht? Es ist in den Händen der Heiden,
und ’s ist unsere Pflicht, es ihnen abzunehmen.«
»Warum haben wir’s ihnen denn überlassen?«
»Wir haben’s ihnen gar nicht überlassen. Sie haben es immer gehabt.«
»Ja, Tom, dann muß es aber doch ihnen gehören, nicht wahr?«
»Natürlich gehört es ihnen. Wer hat denn was anderes gesagt?«
Ich dachte über seine Worte nach, konnte aber nicht recht
herausbekommen was er meinte. Ich sagte daher: »Das ist für mich zu
hoch, Tom Sawyer. Wenn ich ’ne Farm hätte, und die wäre mein, und ein
anderer wollte sie haben, wäre es dann recht, wenn er ...«
»Ach, Quatsch, Huck Finn! Es handelt sich um keine Farm, es handelt
sich um ganz was anderes. Höre mal zu, die Sache ist so: ihnen gehört
das Land, aber bloß das Land und nichts weiter; aber _wir_, wir Juden
und Christen, haben’s zum _heiligen_ Land gemacht und darum haben sie
dort gar nichts zu suchen. Es ist ’ne wahre Schande und wir können es
keine Minute länger dulden. Wir sollten gegen sie ausziehen und es
ihnen wegnehmen.«
»Hm, die Sache kommt mir denn doch über alle Maßen verzwickt vor. Wenn
ich ’ne Farm hätte und ein anderer ...«
»Sagte ich dir nicht, es hat mit ’ner Farm gar nichts zu tun? Ein
Farmer hat ein Geschäft, ein ganz gewöhnliches alltägliches Geschäft;
weiter kann man darüber nichts sagen. Aber dies hier -- das ist was
Höheres -- das ist Religion, also ganz was anderes.«
Jim schüttelte den Kopf und sagte:
»Massa Tom, gewiß sein da eine Irrung -- ganz gewiß. Ich selber haben
Relion und kennen viele andere mit Relion, aber nie haben ich gehört
von so was.«
Darob wurde Tom hitzig und er rief:
»Wahrhaftig, so eine vernagelte Dummheit kann einen ja ganz krank
machen! Wenn einer von euch beiden ’was von Weltgeschichte gelesen
hätte, so würde er wissen, daß Richard Kördeloon und der Papst und
Gottfried von Buloon und ’ne Masse andere höchst edelherzige und fromme
Leute mehr als zweihundert Jahre lang auf die Heiden losgedroschen und
losgehackt haben, um ihnen ihr Land wegzunehmen, und daß sie die ganze
Zeit über bis an den Hals in Blut wateten -- und hier erlauben sich ein
paar Dummköpfe von Hinterwäldlern am Missouri die Anmaßung, besser als
alle jene Helden wissen zu wollen, was Recht und was Unrecht an den
Kreuzzügen gewesen sei. Quatscht ihr und der Deubel!«
Na, das ließ natürlich die Sache in einem ganz andern Licht erscheinen,
und Jim und ich kamen uns recht gering und unbedeutend vor und wir
dachten bei uns, wir hätten lieber nicht so vorlaut sein sollen. Ich
konnte keine Worte finden und Jim brachte ’ne Zeit lang auch nichts
heraus; endlich aber sagte er:
»Nu, so ich denken, alles sein in die Richte; denn wenn sie nix
wußten, wie sollten wir arme dumme Leut’ versuchen, was zu wissen?
Und so, wenn’s unsere Schuldigkeit is, nu, so müssen wir Werk in
Hand nehmen und tun, was möglich sein. Aber die arme Heidenvolk tun
mir leid. Sein es nix hart, Leut’ zu Tode zu machen, das man nie hat
gesehen? Seh’ Sie, Massa Tom, das sein es! Aber dann ...«
»Dann? wann dann?«
»Hem, Massa Tom, ich haben eine Gedank. Es tun nu mal nix helfen, wir
können die arme Fremders nix zu Tode machen, was uns nie nix getan
haben. Erst müssen wir uns in die Todmacherei üben, Massa Tom --
jawoll, das müssen wir! jawoll, ich wissen, es gehen sonst nix. Wenn
wir nu aber eine Beil nehm’ oder zwei, ich meinen bloß Sie, Massa Tom,
un Jim un Huck, un husch husch über die Fluß, wann heut nacht die Mond
nix mehr scheinen, un schlagen die kranke Leut’ tot da oben auf die
Hügel un brennen ihre Haus nieder un ...«
»O, ihr macht mir Kopfweh!« rief Tom, »Ich will mich auf gar keine
Worte mehr mit Leuten wie du und Huck einlassen, die nie bei der
Sache bleiben können und nicht mal’n Ding begreifen, das so gut und
gesetzlich ist wie die schönste Theologie!«
Nun, das war aber nicht schön von Tom Sawyer! Jim meinte es doch nicht
böse und ich auch nicht. Wir wußten vollkommen, daß er im Recht war
und wir Unrecht hatten, und wir wollten ja bloß das ›Warum?‹ wissen
und weiter nichts. Und wenn er’s nicht so auseinandersetzen konnte,
daß wir’s verstanden, nun so lag das einzig und allein an unserer
Unwissenheit; unwissend waren wir und ein bißchen gar zu schwer von
Begriff auch, das leugne ich nicht. Aber, du lieber Gott, das ist doch
kein Verbrechen!
Aber er wollte nun ’mal nichts mehr davon hören; sagte bloß, wenn wir
die Sache richtig begriffen hätten, so hätte er ’n paar tausend Ritter
aufgebracht und hätte sie von Kopf zu Fuß in Stahl gekleidet, und ich
wäre Leutnant geworden und Jim sein Marketender. Und er selber hätte
’s Kommando übernommen und hätte die ganze Heidenwirtschaft ins Meer
gefegt wie Fliegen und wäre als Sieger in einem Glorienschein wie
Abendgold durch die Welt gegangen. Aber wir wüßten ja nicht mal so ’ne
Gelegenheit zu benutzen, sagte er, und darum wollte er sie uns auch
nicht wieder bieten. Und dabei blieb’s. Wenn er sich mal was in den
Kopf gesetzt hatte, dann war nichts zu machen.
Aber darum ließ ich mir keine grauen Haare wachsen. Ich bin von
friedfertiger Anlage, und was soll ich mich mit Leuten ’rumschlagen,
die mir nichts zuleide tun? Ich dachte bei mir: wenn die Heiden
zufrieden sind, mir solls Recht sein, und dabei wollen wir’s belassen.
Diese ganze Geschichte hatte sich Tom aus dem Buch von Walter Scott,
worin er immer las, in den Kopf gesetzt. Und es war ’ne wilde Sache,
denn meiner Meinung nach hätte er die Ritter nicht zusammengebracht,
und wenn schon, so hätte er höchst wahrscheinlich mit samt all seinem
Kriegsvolk Klopfe gekriegt. Ich machte mich nachher auch über das Buch
her und las es von A bis Z, und, soweit ich daraus klug werden konnte,
hatten die meisten Leute, die ihre Bauernhäuser verließen und auf die
Kreuzzüge gingen, nicht gerade ein sanftes Leben davon!
Zweites Kapitel
Tom dachte sich denn nun also ein Ding nach dem andern aus, aber
ein jedes hatte seine schwache Stelle und mußte daher auf die Seite
geschoben werden. Zuletzt war er in heller Verzweiflung. Auf einmal
standen in den Zeitungen von St. Louis lange Geschichten von dem
Luftballon, der nach Europa segeln sollte; Tom dachte wohl daran, auch
hinzufahren und sich das Ding anzusehen, konnte aber nicht recht zu
einem festen Entschluß kommen. Die Zeitungen schrieben jedoch immerfort
darüber; so dachte er denn, wenn er nicht hinginge, würde sich ihm
vielleicht nie wieder ’ne Gelegenheit bieten, ’nen Ballon zu sehen.
Außerdem erfuhr er, Nat Parsons wolle auch hinfahren, und das brachte
ihn natürlich zum Entschluß. Er konnte doch nicht leiden, daß Nat nach
seiner Rückkunft überall von dem Luftballon schwadronierte, den er
gesehen; da hätte er dabeisitzen müssen und ruhig den Mund halten! Er
bat also mich und Jim mitzukommen und wir reisten ab.
Es war ein prächtiger großer Luftballon mit Flügeln und dergleichen,
ganz anders als die Ballons, die man abgebildet sieht. Die
Auffahrtsstelle befand sich weit draußen am Rande der Stadt, auf
einem leeren Bauplatz an der Ecke der zwölften Straße. Eine dichte
Menschenmenge stand herum und machte schlechte Witze über das
Luftschiff und über den Mann, einen mageren blassen Herrn mit jenem
bekannten Mondscheinblick im Auge. Sie sagten fortwährend, das Ding
würde nicht gehen. Er wurde ganz wild darüber, drehte sich alle
Augenblicke nach den Leuten um und rief mit geballten Fäusten, sie
wären blindes Viehzeug, aber eines Tages würden sie merken, daß sie
einen von den Männern vor sich gehabt hätten, durch welche Nationen
hochgebracht würden und denen allein alle Fortschritte der Zivilisation
zu verdanken wären. Ja, dann würden sie merken, daß sie nur zu dumm
gewesen wären, um das zu sehen, und hier auf dem Fleck würden ihre
Kinder und Enkel ein Denkmal errichten, das ein Jahrtausend überdauern
würde; sein Name aber würde das Denkmal überdauern!
Darauf brüllte dann wieder die Menge vor Lachen und allerlei Fragen
hagelten auf ihn nieder: wie er vor seiner Heirat geheißen hätte, und
was er haben wollte, wenn er’s bleiben ließe, und wie die Großmutter
von seiner Schwester Katze hieße usw., wie eben der große Haufe sich
benimmt, wenn er ’nen Mann vor sich hat, den er gehörig plagen kann.
Na, einiges von dem, was sie sagten, war wirklich lustig, -- gewiß,
und sogar sehr witzig, das leugne ich nicht, aber trotzdem war’s nicht
schön und war keine Heldentat: alle diese Leute mit behendem und
scharfem Mundwerk gegen den einen Mann, der seine Zunge absolut nicht
zu gebrauchen wußte. Aber freilich, wozu um Gottes willen mußte er
überhaupt seinen Mund auftun? Sie _waren_ ihm nun doch mal über. Aber
ich vermute, ’s lag so in seiner Natur und er konnte nichts dafür. Er
war gewiß ein ganz guter Kerl, eine harmlose Seele, aber er war, wie
die Zeitungen sagten, ein Genie und das war doch nicht seine Schuld.
Wir können nicht alle vernünftig sein und wie wir sind, so müssen wir
eben verbraucht werden. Wenn ich die Sache recht verstehe, so meinen
Genies, sie wissen alles, und hören darum nicht auf das, was andere
Leute sagen, sondern gehen ihre eigenen Wege, und deshalb wenden sich
denn alle von ihnen ab und sprechen verächtlich über sie, wie es ja
ganz natürlich ist. Wenn sie bescheidener wären und auf andere Leute
hörten und was zu lernen sich bemühten, so wären sie besser daran.
Das Ding, worin der Professor war, sah aus wie ’n Boot, groß und
geräumig, und auf der Innenseite liefen rings herum wasserdichte
Behälter, um alle möglichen Sachen aufzubewahren; man konnte auf ihnen
sitzen und sie auch als Bettstellen benutzen, wenn man schlafen wollte.
Wir gingen an Bord. Es waren ungefähr zwanzig Leute darin, die überall
herumschnüffelten und sich alles ansahen, und der alte Nat Parsons war
auch dabei. Der Professor machte sich eifrig mit den Vorbereitungen
zum Aufstieg zu schaffen und die Besucher stiegen daher wieder aus,
einer nach dem andern, und Nat Parsons war der letzte. Natürlich ging
es nicht an, daß er nach uns das Luftschiff verließ, denn wir mußten
unbedingt die Letzten sein, um Toms und seines Publikums willen.
Deshalb blieben wir ganz ruhig in der Gondel.
Endlich aber war er draußen; es wurde daher auch für uns Zeit
auszusteigen. Ich hörte ein lautes Geschrei und drehte mich um --
die Stadt sank unter uns in die Tiefe als wäre sie aus einer Kanone
geschossen! Mir wurde vor Angst ganz übel. Jim wurde grau und konnte
kein Wort herausbringen und Tom sagte ebenfalls nichts, sah aber
ganz aufgeregt aus. Die Stadt sank immer tiefer, tiefer, tiefer; wir
selber aber schienen ganz still immer auf demselben Fleck in der Luft
stehen zu bleiben. Die Häuser wurden kleiner und immer kleiner, und
die Stadt schob sich zusammen, dicht und immer dichter, und Menschen
und Fuhrwerke sahen aus wie herumkrabbelnde kleine Ameisen und Käfer
und die Straßen wurden zu Fäden und feinen Spalten. Dann schmolz
alles ineinander zusammen und es war überhaupt keine Stadt mehr da
-- nur ein großer Fleck auf der Erde, und es kam mir vor, als könnte
man tausend Meilen stromaufwärts und tausend Meilen weit stromabwärts
sehen -- obwohl es natürlich nicht so viel war. Allmählich wurde
die Erde zu einer Kugel von düsterer Färbung, die kreuz und quer von
hellen Streifen durchgezogen -- das waren Flüsse. Witwe Douglas hatte
mir immer schon erzählt, die Erde sei rund wie ’ne Kugel, aber ich
mochte auf ihren abergläubischen Kram nicht hören und hatte natürlich
auch diesen Unsinn nicht weiter beachtet, denn ich sah ja selber, daß
die Welt flach ist wie ’n Teller. Ich war sogar auf den Berg gegangen
und hatte mich mit eigenen Augen umgeguckt, um mich zu überzeugen --
denn ich bin der Meinung, man kriegt am besten ’nen richtigen Begriff
von einer Sache, wenn man sie sich selbst ansieht, und sich nicht auf
das verläßt, was andere Leute sagen. Aber nun mußte ich zugeben, daß
Witwe Douglas recht gehabt hatte. Das heißt: sie hatte recht mit Bezug
auf den übrigen Teil der Welt; aber der Teil, worauf unser Städtchen
liegt, der ist und bleibt flach wie ’n Teller, darauf will ich ’nen Eid
leisten! Der Professor war die ganze Zeit über ruhig gewesen, beinahe
als ob er schliefe; aber auf einmal brach er los und rief in bitterem
Zorn:
»Die Idioten! Sie sagten mein Schiff würde nicht fliegen, und
wollten’s untersuchen und darauf herumspionieren und das Geheimnis aus
mir herauslocken! Aber ich hab’ sie angeführt! Kein Mensch kennt das
Geheimnis außer mir. Niemand außer mir weiß, was das Schiff treibt;
’s ist ’ne neue Kraft -- ’ne ganz neue, tausendmal so stark als alles
andere auf Erden. Dampf ist Kaff dagegen. Sie sagten, ich könnte nicht
nach Europa fahren. Nach Europa! Bah, ich habe Kraft für fünf Jahre
an Bord und Lebensmittel für drei Monate. Sie sind verrückt! Was
verstehen sie davon? Und dann sagten sie, mein Schiff sei zerbrechlich!
Zerbrechlich! Fünfzig Jahre lang kann’s aushalten. Ich kann mein
ganzes Leben lang in den Lüften herumfahren, wenn ich Lust habe, und
kann es steuern, wohin ich will. Und sie lachten mich aus und sagten,
ich könnt’s nicht. Könnt’ nicht steuern! Komm her, Junge; das wollen
wir gleich mal sehen. Du drückst bloß auf die Knöpfe, die ich dir
bezeichne.«
Er ließ nun Tom das Schiff nach allen Richtungen hin steuern und
Tom lernte es im Handumdrehen; er sagte uns, es ginge ganz leicht.
Der Professor ließ ihn das Schiff beinahe ganz auf den Erdboden
herunterbringen, und es strich so dicht über die Felder von Illinois
hin, daß man mit den Landleuten hätte sprechen können, denn wir hörten
ganz deutlich jedes Wort, das sie sagten. Und der Professor warf ihnen
bedruckte Zettel zu, darin stand allerlei über den Ballon, und daß wir
nach Europa segelten. Dann brachte der Professor Tom bei, wie er den
Ballon zu landen hätte. Auch das lernte er famos, er setzte uns ganz
sanft und leise auf die Wiese nieder. Aber sowie wir Miene machten
auszusteigen, rief der Professor: »Nä, das nicht!« und ließ den Ballon
wieder in die Lüfte emporschießen. Jim und ich begannen zu flehen,
aber das machte den Mann bloß ärgerlich, er fing an zu toben und vor
Wut die Augen zu verdrehen, und ich kriegte ’ne Höllenangst vor ihm.
Dann fing er wieder von den bösen Menschen an und brummte und knurrte
darüber, wie man ihn behandelt hätte; und besonders darüber, daß die
Leute gesagt hatten, sein Schiff sei zerbrechlich, konnte er, wie’s
scheint, nicht hinwegkommen. Und dann hatte man gesagt, das Luftschiff
sei nicht einfach genug und werde fortwährend in Unordnung geraten. In
Unordnung! Das regte ihn fürchterlich auf; er rief, der Ballon würde so
wenig in Unordnung geraten wie ’ne Sonnenzisterne.[3]
[3] Eine kleine Verwechselung mit dem Sonnensystem.
Es wurde immer schlimmer mit ihm und ich habe niemals einen Menschen in
solcher Wut gesehen. Beim bloßen Anblick überlief mich ’ne Gänsehaut
und Jim ging’s nicht besser. Allmählich wurde sein Sprechen zu lautem
Geschrei und Gekreisch; er schwor, die Welt sollte sein Geheimnis
überhaupt nicht kennen lernen; man hätte ihn zu niederträchtig
behandelt. Er wollte mit seinem Ballon um den ganzen Erdball
herumfahren, um ihnen zu zeigen, was er damit leisten könnte, und dann
wollte er den Ballon und sich selber und uns dazu ins Meer versenken.
Es war ’ne verflucht ungemütliche Lage für uns, und dabei brach auch
noch die Nacht herein.
Er gab uns was zu essen und befahl uns dann, nach dem hinteren Ende
der Gondel zu gehen. Er selbst streckte sich auf einer von den Bänken
aus, von wo aus er den ganzen Mechanismus hantieren konnte, legte seine
alte Revolver-Pfefferbüchse unter seinen Kopf und sagte, wenn einer
von uns so verrückt wäre, das Luftschiff landen zu wollen, den würde er
totschießen.
Wir saßen aneinander geschmiegt und machten uns recht viele Gedanken,
sprachen aber wenig -- wir hatten zu große Angst. Allmählich senkte
sich die Nacht hernieder. Wir segelten ziemlich niedrig, und im
Mondschein sah alles so hübsch und lieblich aus; wir hörten die
Geräusche, die von den Gehöften kamen, und wünschten, wir wären dort
unten. Aber wie ein Geisterhauch schwebten wir über sie hin, ohne eine
Spur zu hinterlassen. Spät in der Nacht -- man hörte den Geräuschen von
drunten an, daß es spät war, und man merkte es an der Luft, ja man roch
es ihr sozusagen an -- dem Gefühl und Geruch der Luft nach dachte ich,
es müsse etwa zwei Uhr sein -- spät in der Nacht also sagte Tom, der
Professor wäre jetzt so still, er müßte wohl eingeschlafen sein, und
darum sollten wir ...
»Sollten wir ... was?« fragte ich flüsternd. Und mir war ganz schlimm
dabei zu Mute, denn ich wußte, woran Tom dachte.
»Wir sollten uns zu ihm heranschleichen und ihn binden und mit dem
Luftschiff landen!« antwortete er.
Ich sagte: »Um Gottes willen nicht! Rühr’ dich nicht vom Fleck, Tom
Sawyer!«
Und Jim -- ja, dem blieb vor Angst einfach die Luft weg. Er sagte:
»O, Massa Tom, tu Sie ja nich! Wenn Sie ihn anrühren, es sein alle mit
uns, warraftig alle mit uns! Ich tät’ ihm nich zu nah kommen, nich für
nix auf die Welt! Er sein verrückt wie ’ne ...«
»Eben drum!« flüsterte Tom. »Eben drum _müssen_ wir das tun. Wäre er
nicht verrückt, so gäbe ich, ich weiß nicht was, darum, um bloß hier
auf dem Luftschiff zu sein; keine zehn Pferde sollten mich von hier
wegkriegen, jetzt wo ich mit dem Ding umzugehen weiß und die erste
Angst, als wir plötzlich den festen Grund unter den Füßen verloren,
überwunden ist. Wenn er nur seinen rechten Verstand hätte! Aber mit so
’nem Menschen ’rumzugondeln, der ’ne Schraube verloren hat und sagt,
er wolle um die Welt segeln und nachher uns alle ersäufen -- nee, das
geht nicht. Wir _müssen_ was tun, sage ich euch, und zwar bevor er
aufwacht, sonst haben wir vielleicht niemals wieder ’ne Gelegenheit
dazu. Kommt!«
Aber uns überlief ’ne eiskalte Gänsehaut bei dem bloßen Gedanken
daran, und wir rührten uns nicht von der Stelle. Tom sagte darauf,
er wollte allein an den Professor herankriechen und versuchen, ob er
nicht an den Steuerapparat herankommen und den Ballon landen könnte.
Wir baten und flehten, er möchte es nicht tun, aber es half uns
nichts. Er kroch auf Händen und Füßen Zoll um Zoll vorwärts, und uns
stockte der Atem, als wir das mit ansahen. Als er in der Mitte der
Gondel angekommen war, fing er an noch langsamer zu kriechen, und mir
kam es vor, als vergingen Jahre darüber. Zuletzt aber sahen wir, wie
er bei des Professors Kopf war; da richtete er sich halb auf und sah
ihm ins Gesicht und lauschte. Dann kroch er wieder Zoll um Zoll zu
des Professors Füßen herunter, wo die Steuerknöpfe waren. Er kam auch
richtig an und griff langsam und bedächtig nach den Knöpfen; aber dabei
stieß er an irgend etwas an. Es gab ein Geräusch, und plumps! lag er
flach auf dem Boden der Gondel.
Der Professor fuhr empor und rief: »Was ist das?«
Aber wir hielten uns alle mäuschenstill; er brummte und gähnte und
streckte sich wie jemand, der aus dem Schlaf aufwacht, und ich dachte,
ich sollte vor Angst und Zagen umkommen.
Auf einmal schob sich eine Wolke vor den Mond, und ich hätte vor Freude
beinahe laut aufgeschrieen. Der Mond verschwand immer tiefer in den
Wolken und es wurde so dunkel, daß wir Tom nicht mehr sehen konnten.
Dann begannen Regentropfen zu fallen und wir hörten, wie der Professor
an seinen Stricken und Knöpfen herumbastelte und auf das Wetter
fluchte. Wir fürchteten jede Minute, er könnte Tom entdecken -- und
dann wären wir alle rettungslos verloren gewesen. Aber Tom war schon
auf dem Rückweg und auf einmal fühlten wir seine Hände auf unseren
Knieen. Da ging mir vor Angst plötzlich die Luft aus und das Herz fiel
mir in die Hosen; denn in der finsteren Nacht konnte ich nicht wissen,
ob es nicht der Professor wäre; und ich dachte wirklich, er wär’s.
O je, die Freude, als wir ihn nun wirklich zurück hatten! So vergnügt
kann bloß einer sein, der mit einem Verrückten in der Luft ’rumfährt!
Im Dunkeln kann man mit einem Luftballon nicht landen; ich hoffte
daher, der Regen möchte andauern, denn ich wünschte durchaus nicht, daß
Tom noch ’mal sein Glück versuchte und uns wieder in die unbehagliche
Angst versetzte. Na, mein Wunsch ging in Erfüllung. Den ganzen übrigen
Teil der Nacht regnete es immer sachte weg; das war nun freilich keine
sehr lange Zeit, uns aber kam sie endlos vor.
Mit Tagesanbruch heiterte der Himmel sich auf und die Welt sah über
alle Maßen lieblich und hübsch aus in ihrem grauen Dunst, und was für’n
schöner Anblick war’s, Felder und Wälder wieder zu sehen! Und Pferde
und Ochsen standen so klar und deutlich da und sahen so nachdenklich
aus. Dann kam in heiterer Pracht die Sonne herauf, und wir fühlten auf
einmal wie müde und kaput wir waren, und ehe wir’s uns versahen, waren
wir alle drei fest eingeschlafen.
Drittes Kapitel.
Als wir einschliefen, war es ungefähr vier Uhr und gegen acht
wachten wir auf. Der Professor saß auf seinem Platz und machte ein
verdrießliches Gesicht. Er warf uns etwas zum Frühstück zu und sagte
uns, wir dürften nicht weiter gehen als bis zum Mittelschiffs-Kompaß;
dieser befand sich ungefähr in der Mitte der Gondel.
Wenn man so einen rechten Hunger gehabt hat und dann auf einmal sich
ordentlich satt essen kann, dann sieht man die Welt mit ganz anderen
Augen an; es wird einem beinahe ganz behaglich zu Mute, selbst wenn
man mit einem Genie sich in einem Ballon hoch oben in den Lüften
befindet. Nach dem Essen rückten wir drei näher zusammen und begannen
zu plaudern. Besonders ein Umstand war da, der mir gar nicht aus dem
Kopf wollte, und im Lauf des Gesprächs bemerkte ich:
»Tom, fahren wir nicht nach Osten?«
»Ja.«
»Wie schnell sind wir gesegelt?«
»Na, du hörtest doch selber, was der Professor sagte, als er gestern
so herumtobte. Manchmal, sagte er, machten wir in der Stunde fünfzig
Meilen[4], manchmal neunzig, manchmal hundert; wenn er mit einem
tüchtigen Sturm segelte, so könnte er jederzeit dreihundert machen,
und wenn er einen Sturm haben wollte, so brauchte er bloß den Ballon
höher steigen oder tiefer sinken zu lassen, bis er den Sturm und die
gewünschte Richtung hätte.«
[4] englische.
»Na ja, das hatte ich mir gedacht: der Professor log!«
»Warum?«
»Wenn wir so schnell gefahren wären, so hätten wir doch schon über
Illinois hinaus sein müssen, nicht wahr?«
»Gewiß.«
»Na, so weit sind wir aber nicht!«
»Woher weißt du das?«
»Ich seh’s an der Farbe. Wir sind immer noch mitten über Illinois. Und
du kannst selber sehen, daß Indiana noch nicht in Sicht ist.«
»Was ist denn bloß dir in die Krone gefahren, Huck? Du sagst, du siehst
es an der Farbe?«
»Natürlich!«
»Was hat denn die Farbe damit zu tun?«
»’ne ganze Masse! Illinois ist grün, Indiana hellrot. Nun zeig mir mal
da unten auch nur den kleinsten hellroten Fleck, wenn du kannst! Gibt’s
gar nicht -- ’s ist alles grün!«
»Indiana hellrot?! Donnerwetter, was bist du für ein Lügenbeutel!«
»Nichts von Lügen! Ich hab’s auf der Karte gesehen, und Indiana ist
hellrot!«
Machte aber der Tom Sawyer ein ärgerliches Gesicht! Endlich sagte er:
»Weißt du, Huck Finn, wenn ich so dämlich wäre wie du, da spränge ich
lieber gleich über Bord! Hat’s auf der Landkarte gesehen!! Huck Finn,
meintest du wirklich, die Oberfläche jedes einzelnen Staates wäre von
derselben Farbe, wie sie auf der Karte dargestellt ist?«
»Tom Sawyer, was hat ’ne Landkarte für ’nen Zweck? Man soll doch wohl
Tatsachen draus ersehen können?«
»Natürlich.«
»Schön! Wie kann man aber das, wenn die Karte lügt? Das möcht’ ich wohl
wissen!«
»Du bist ein Quatschkopf! Sie lügt ja gar nicht!«
»Ach nee! wirklich nicht? lügt sie nicht?«
»Natürlich nicht!«
»Sehr gut! Na, wenn die Landkarte nicht lügt, dann gibt’s keine zwei
Staaten von derselben Farbe. Was sagst du _dazu_, Tom Sawyer?!«
Er sah, ich hatte ihn fest und Jim sah es auch; und ich muß sagen, ich
war mächtig stolz darauf, denn Tom Sawyer war einer, mit dem man in
einem Wortgefecht nicht so leicht fertig wurde. Jim schlug sich auf den
Schenkel und rief:
»Donnawetta! Das is fermost! Das is einfach fermost! Da is nix zu
sagen, Massa Tom; diesmal hat Huck Finn Sie fest! Jawoll!« Und dabei
schlug er sich noch einmal auf den Schenkel und sagte: »Junge, Junge!
Das war warraftig fermost!«
Nie in meinem Leben war ich innerlich so stolz gewesen, und dabei hatte
ich gar kein Bewußtsein davon gehabt, daß ich so was Berühmtes sagte,
als bis es heraus war. Ich plapperte eigentlich bloß so in den Tag
hinein, aber auf einmal, paff!, da schoß es aus mir heraus!
Aber Tom war ärgerlich und sagte, Jim und ich wären zwei unwissende
Windbeutel und es wäre besser, wenn wir unseren Mund hielten. Ich habe
herausgefunden, daß fast jeder ärgerlich wird, wenn er auf einen guten
Einwand nichts zu erwidern weiß.
Auf einmal bemerkte er ganz tief, tief unter uns einen Kirchturm;
er nahm ein Fernrohr zur Hand und sah nach der Turmuhr, holte seine
silberne Taschenuhr hervor und sah nach der Zeit, und dann wieder auf
den Turm und nochmals auf die silberne Zwiebel und sagte schließlich:
»Das ist komisch! Die Uhr da geht beinahe ’ne Stunde vor!«
Er zog seine Taschenuhr auf; dann bemerkte er einen andern Kirchturm
und sah wieder hin, und wieder ging die Uhr ’ne Stunde vor. Das machte
ihn nachdenklich und er sagte:
»Die Geschichte ist wirklich sonderbar. Wie das zugeht, versteh’ ich
nicht!«
Wieder nahm er das Fernrohr und suchte sich noch einen Kirchturm, und
richtig -- auch diese Uhr ging ’ne Stunde vor. Auf einmal riß er die
Augen ganz weit auf und machte ein paarmal den Mund auf und zu, als
müßte er nach Luft schnappen, und dann plötzlich rief er:
»Hei--li--ges -- Don--nerr--wet--terrr! ’s ist der Längengrad!«
Ich kriegte einen ganz gehörigen Schreck und fragte:
»O je, o je, was ist denn nun wieder los?«
»Nichts weiter, als daß diese alte Blase ganz mir nichts dir nichts
über Illinois und Indiana und Ohio weggesaust ist und daß wir da unter
uns die Ostseite von Pennsylvanien oder New York oder so ’ne ähnliche
Gegend haben!«
»Tom Sawyer, das ist doch nicht dein Ernst!«
»Jawohl, das ist es, und die Sache steht bombenfest! Seit wir gestern
nachmittag aus St. Louis abfuhren, haben wir ungefähr fünfzehn
Längengrade gekreuzt, und die Uhren da unten gehen richtig! Wir haben
an die achthundert Meilen gemacht.«
Ich glaubte ihm das nicht, aber trotzdem lief mir eine eiskalte
Gänsehaut über den Buckel. Ich wußte aus eigener Erfahrung, daß man zu
einer solchen Strecke auf einem Floß den Mississippi herunter beinahe
zwei Wochen gebraucht.
»Seht mal!« belehrte Tom uns. »Der Zeitunterschied beträgt für jeden
Längengrad ungefähr vier Minuten. Fünfzehn Grade machen ’ne Stunde,
dreißig zwei Stunden usw. Wenn sie in England Dienstag morgen um ein
Uhr haben, so ist es in New York Montag abend um acht.«
Jim rückte auf seiner Bank ein Stück von Tom ab, und man konnte ihm
ansehen, daß er beleidigt war, denn er schüttelte fortwährend den Kopf
und brummte vor sich hin; ich schob mich darum nahe zu ihm heran und
tätschelte ihn auf die Beine und gab ihm gute Worte und brachte ihn
denn auch schließlich so weit, daß er seinen Gefühlen Luft machte.
»Massa Tom!« sagte er. »Quassel Sie nix sowas! Dingsdag auf’m einen Ort
un Mondag auf’m annern, un beides auf’m selben Dag! Huck, hier is nix
gut zu spaßen, hier ganz oben, oben in die Luft! Zwei Dage auf einen
Dag?! So? Wie kriegt man denn zwei Dage in _einen_? Kann Sie zwei
Stunden in _eine_ kriegen, häh? Kann Sie zwei Nigger in _eines_ Niggers
Haut kriegen, häh? Kann Sie zwei Maß Whisky in ’ne Kruke kriegen, wo
bloß _ein_ Maß ringeht, häh? Nu, guckemal, Huck -- wenn nu dieser
Dingsdag Neujahrsdag wär’ -- was dann? Will da einer behaupten, ’s wär
am einen Ort Neujahr, un am annern Ort Altjahr, akkrat in dieselbigte
Minute? Das is ja ’n vermaledeiter Unsinn! So was kann ich gar nix mit
anhören, ach du lieber großer Gott, nä!«
Auf einmal fängt er an zu zittern und wird ganz grau und Tom sagt:
»Na, was ist denn nun los? Was hast du denn?«
Jim kann gar kein Wort hervorbringen, aber endlich sagt er:
»Massa Tom, Sie mach’ nix Spaß, un es _is_ so?«
»Nein, ich denke nicht dran, und es ist wirklich so!«
Jim kriegt wieder das Zittern und sagt:
»Denn könnt’ ja der Dingsdag der Jüngste Dag sein, un denn hätten sie
in England keinen Jüngsten Dag, un denn würden die Doten nix geruft. Da
dürfen wir nix hingehn, Massa Tom! Bitte, krieg Sie ihm dazu, daß er
umkehrt; ich will un muß dabei sein, wenn der Jüngste Dag ...«
Auf einmal sahen wir was und sprangen alle miteinander auf unsere Füße
und vergaßen alles und jedes und konnten bloß staunen und die Augen
aufreißen. Und Tom rief:
»Ist das nicht ...?« Ihm ging die Luft aus, aber dann fuhr er fort:
»Jawohl, er ist’s! Sowahr ich lebe! ’s ist der Ozean!«
Da blieb auch Jim und mir die Luft weg! Wie versteinert standen wir
alle drei da, aber glücklich! Denn keiner von uns hatte je ’nen Ozean
gesehen oder auch nur gedacht, daß uns mal so etwas beschieden sein
könnte. Tom brummelte fortwährend vor sich hin:
»Atlantischer Ozean -- Atlantischer! Herrgott, klingt das großartig!
Und da unten _ist_ er -- und wir, wir sehen ihn mit unseren eigenen
Augen -- wir! Das ist ja so was Wundervolles, daß man sich gar nicht
getraut, es zu glauben!«
Dann sahen wir ’ne dicke Wolke von schwarzem Rauch, und als wir
näher kamen, da war’s ’ne Stadt, und zwar ein riesiges Ungetüm von
einer Stadt, mit einem dicken Kranz von Schiffen an der einen Seite;
und wir dachten, ob das wohl New York sein möchte, und stritten uns
darüber herum und ehe wir’s uns versahen, da war die Stadt unter uns
weggeglitten und lag weit, weit hinter uns -- und da waren wir mitten
über dem Ozean selber und fuhren dahin mit der Schnelligkeit einer
Windsbraut. Da wurden wir aber mit einem Mal ganz hell wach, das kann
ich versichern! Wir stürzten nach hinten und erhoben ein Jammergeheul
und baten den Professor himmelhoch, er möchte doch umkehren und uns an
Land setzen, aber er riß sein Pistol aus der Tasche und schrie uns an,
wir sollten zurückgehen -- und wir gingen, aber wie jämmerlich uns zu
Mute war, davon wird kein Mensch je sich einen Begriff machen können.
Das Land war verschwunden, bloß noch ein kleiner Streif, so schmal
wie ’ne Schlange, war am Rande des Wassers, und in der Tiefe unter
uns, da war nichts als Ozean, Ozean, Ozean -- Millionen Meilen von
Ozean und das hob sich und warf sich und wirbelte, und weißer Gischt
sprühte von den Wogenkämmen, und im ganzen Gesichtskreise waren bloß
ein paar Schiffe, die wurden hin- und hergeschleudert und legten sich
erst auf die eine Seite und dann auf die andere und fuhren bald mit
dem Bug, bald mit dem Stern in die Tiefe. Und es dauerte nicht lange,
dann waren überhaupt keine Schiffe mehr zu sehen und wir waren ganz
mutterseelenallein zwischen dem hohen Himmel und dem endlosen Meere
-- und es war die weiteste Fläche, die ich je gesehen hatte, und die
grenzenloseste Einsamkeit.
Viertes Kapitel.
Und einsamer wurde es und immer einsamer. Ueber uns war das riesige
Himmelsgewölbe -- leer und furchtbar tief; und unter uns war der Ozean,
auf dem wir bloß die Wellenköpfe sahen. Rund um uns her war ein Ring,
in welchem Himmel und Wasser zusammenliefen; ja ein riesengroßer Ring
war es und wir waren genau in dessen Mitte. Wir sausten dahin mit der
Schnelligkeit eines Prairiebrandes; aber das machte in der Entfernung
keinen Unterschied, allem Anschein nach kamen wir über unseren
Mittelpunkt nicht hinaus; so viel ich sah, konnten wir dem Ring nicht
um Zollbreite näher kommen. Es wurde einem ganz seltsam dabei zu Mute;
es war so eigentümlich und so unerklärlich.
Und dabei war alles so furchtbar still, daß wir unwillkürlich anfingen
leise zu sprechen, und die Einsamkeit machte uns immer bänger und
benahm uns die Lust zu plaudern und schließlich hörte das Gespräch ganz
auf und wir saßen bloß da und ›denkten‹, wie Jim sich ausdrückt, und
sagten kein Wort mehr.
Der Professor rührte sich nicht, bis die Sonne über unseren Köpfen
stand; da richtete er sich auf und hielt eine Art Dreieck vor seine
Augen, und Tom sagte, das wäre ein Sextant, und er nähme die Stellung
der Sonne, um zu sehen, wo der Luftballon sich befände. Hierauf
rechnete er ein bißchen und sah in einem Buche nach und dann kriegte
er wieder seinen Anfall. Er sprach eine Menge wildes Zeug und sagte
unter anderem, er wollte dieses Hundertmeilentempo bis zum nächsten
Nachmittag beibehalten und dann würde er in London landen.
Wir sagten, dafür würden wir ihm in tiefster Seele dankbar sein.
Er hatte sich umgedreht, aber als wir das sagten, da sprang er auf
einmal ganz wild wieder herum und warf uns einen ganz abscheulichen
langen Blick zu -- selten habe ich einen so boshaften und mißtrauischen
Blick gesehen! Dann sagte er:
»Ihr wollt von mir gehen! Versucht nicht, das abzuleugnen.«
Wir wußten nicht, was wir antworten sollten, und hielten deshalb den
Mund und sagten gar nichts.
Er ging nach hinten und setzte sich wieder hin, aber augenscheinlich
konnte er diesen Gedanken nicht wieder los werden. Von Zeit zu Zeit
rief er uns irgend etwas zu, was darauf Bezug hatte, und versuchte eine
Antwort aus uns heraus zu bringen; aber wir wagten nicht zu sprechen.
Immer drückender wurde das Gefühl der Einsamkeit, und es kam mir
vor, als könnte ich’s bald nicht länger aushalten. Als die Nacht
hereinbrach, wurde es damit noch schlimmer. Auf einmal kneift mich Tom
und flüstert: »Sieh mal hin!«
Ich gucke nach hinten und sehe, wie der Professor einen Schluck aus
’ner Flasche nimmt. Das gefiel mir ganz und gar nicht. Ab und zu nahm
er wieder einen Schluck und es dauerte nicht lange, so fing er an zu
singen. Es war jetzt dunkel -- eine schwarze und stürmische Nacht.
Er sang fortwährend, immer wilder und wilder, und der Donner begann
zu grollen, und der Wind zu brausen und im Tauwerk zu heulen -- und
das alles zusammen war fürchterlich. Es wurde so dunkel, daß wir den
Professor überhaupt nicht mehr sehen konnten, und wir wünschten, wir
hätten ihn auch nicht hören können -- aber da hätten wir keine Ohren
haben müssen.