Das Ideal "der Mensch" ist realisiert, wenn die christliche

Anschauung umschlägt in den Satz: "Ich, dieser Einzige, bin der

Mensch." Die Begriffsfrage: "was ist der Mensch?" -- hat sich dann

in die persönliche umgesetzt: "wer ist der Mensch?" Bei "was" suchte

man den Begriff, um ihn zu realisieren; bei "wer" ist's überhaupt

keine Frage mehr, sondern die Antwort im Fragenden gleich persönlich

vorhanden: die Frage beantwortet sich von selbst.

Man sagt von Gott: "Namen nennen Dich nicht". Das gilt von Mir: kein

Begriff drückt Mich aus, nichts, was man als mein Wesen angiebt,

erschöpft mich; es sind nur Namen. Gleichfalls sagt man von Gott,

er sei vollkommen und habe keinen Beruf, nach Vollkommenheit zu

streben. Auch das gilt allein von Mir.

Eigner bin Ich meiner Gewalt, und Ich bin es dann, wenn Ich Mich

als Einzigen weiß. Im Einzigen kehrt selbst der Eigner in sein

schöpferisches Nichts zurück, aus welchem er geboren wird. Jedes höhere

Wesen über Mir, sei es Gott, sei es der Mensch, schwächt das Gefühl

meiner Einzigkeit und erbleicht vor der Sonne dieses Bewußtseins:

Stell' Ich auf Mich, den Einzigen, meine Sache, dann steht sie auf

dem vergänglichen, dem sterblichen Schöpfer seiner, der sich selbst

verzehrt, und Ich darf sagen:

"Ich hab' mein' Sach' auf nichts gestellt."

Dieser auf sich sich selbst gestellte, nur aus sich heraus schaffende

Eigner ist Nietzsches Übermensch.

31.

Diese Stirnerschen Gedanken wären das geeignete Gefäß gewesen, in das

Nietzsche sein reiches Empfindungsleben hätte gießen können. Statt

dessen suchte er in Schopenhauers Begriffswelt die Leiter, auf der

er zu seiner Gedankenwelt hinaufkletterte.

Aus zwei Wurzeln stammt, nach Schopenhauers Meinung, unsere gesamte

Welterkenntnis. Aus dem Vorstellungsleben und aus der Wahrnehmung

des Willens, der in uns selbst als Handelnder auftritt. Das "Ding

an sich" liegt jenseits der Welt unserer Vorstellung. Denn die

Vorstellung ist nur die Wirkung, die das "Ding an sich" auf mein

Erkenntnisorgan ausübt. Nur die Eindrücke kenne ich, die die Dinge

auf mich machen, nicht die Dinge selbst. Und diese Eindrücke sind

eben meine Vorstellungen. Ich kenne keine Sonne und keine Erde,

sondern nur ein Auge, das eine Sonne sieht, und eine Hand, die eine

Erde fühlt. Der Mensch weiß nur: "daß die Welt, welche ihn umgiebt,

nur als Vorstellung da ist, d. h. durchweg nur in Beziehung auf ein

anderes, das Vorstellende, welches er selbst ist". (Schopenhauer, Welt

als Wille und Vorstellung § 1.) Aber der Mensch stellt die Welt nicht

bloß vor, sondern er wirkt auch in ihr; er wird sich seines Willens

bewußt, und er erfährt, daß dasjenige, welches er in sich als Wille

empfindet, von außen als Bewegung seines Leibes wahrgenommen werden

kann, d. h. der Mensch nimmt sein eigenes Wirken doppelt wahr, von

innen als Vorstellung, von außen als Wille. Schopenhauer schließt

daraus, daß es der Wille selbst ist, der in der wahrgenommenen

Leibesaktion als Vorstellung erscheint. Und er behauptet dann weiter,

daß nicht nur der Vorstellung des eigenen Leibes und seiner Bewegungen

ein Wille zu Grunde liege, sondern daß dies auch bei allen übrigen

Vorstellungen der Fall sei. Die ganze Welt ist also, nach Schopenhauers

Ansicht, dem Wesen nach Wille und erscheint unserem Intellekt als

Vorstellung. Dieser Wille, behauptet Schopenhauer weiter, ist in

allen Dingen ein einheitlicher. Nur unser Intellekt verursacht,

daß wir eine Mehrheit von besonderen Dingen wahrnehmen.

Durch seinen Willen hängt der Mensch, nach dieser Anschauung, mit dem

einheitlichen Weltwesen zusammen. Insofern der Mensch wirkt, wirkt in

ihm der einheitliche Urwille. Als einzelne, besondere Persönlichkeit

existiert der Mensch nur in seiner eigenen Vorstellung; im Wesen ist

er identisch mit dem einheitlichen Weltengrunde.

Nehmen wir an, daß in Nietzsche, als er die Schopenhauersche

Philosophie kennen lernte, schon der Gedanke des Übermenschen unbewußt,

instinktiv vorhanden war, so konnte ihn diese Willenslehre allerdings

nur sympathisch berühren. In dem menschlichen Willen war ihm ein

Element gegeben, das den Menschen unmittelbar an der Schöpfung des

Weltinhaltes teilnehmen ließ. Als Wollender ist der Mensch nicht bloß

ein außerhalb des Weltinhaltes stehender Zuschauer, der sich Bilder

des Wirklichen macht, sondern er ist selbst ein Schaffender. In ihm

waltet die göttliche Kraft, über die hinaus es keine andere giebt.

32.

Aus diesen Anschauungen heraus bildeten sich bei Nietzsche die beiden

Ideen von der apollinischen und der dionysischen Weltbetrachtung. Sie

wendete er auf das griechische Kunstleben an, das er demgemäß aus zwei

Wurzeln entstehen ließ: aus einer Kunst des Vorstellens und einer Kunst

des Wollens. Wenn der Vorstellende seine Vorstellungswelt idealisiert

und seine idealisierten Vorstellungen in Kunstwerken verkörpert,

so entsteht die apollinische Kunst. Er verleiht den einzelnen

Vorstellungsobjekten dadurch, daß er ihnen die Schönheit einprägt,

den Schein des Ewigen. Aber er bleibt innerhalb der Vorstellungswelt

stehen. Der dionysische Künstler sucht nicht nur in seinen Kunstwerken

die Schönheit auszudrücken, sondern er ahmt selbst das schöpferische

Wirken des Weltwillens nach. Er sucht in seinen eigenen Bewegungen

den Weltgeist abzubilden. Er macht sich zur sichtbaren Verkörperung

des Willens. Er wird selbst Kunstwerk. "Singend und tanzend äußert

sich der Mensch als Mitglied einer höhern Gemeinschaft: er hat das

Gehen und Sprechen verlernt und ist auf dem Wege, tanzend in die

Lüfte emporzufliegen. Aus seinen Gebärden spricht die Verzauberung"

(Geburt der Tragödie § 1). In diesem Zustande vergißt der Mensch sich

selbst, er fühlt sich nicht mehr als Individuum, er läßt in sich den

allgemeinen Weltwillen walten. In dieser Weise deutet Nietzsche die

Feste, die zu Ehren des Gottes Dionysus durch die Dionysusdiener

veranstaltet wurden. In dem Dionysusdiener sieht Nietzsche das

Urbild des dionysischen Künstlers. Nun stellt er sich vor, daß

die älteste dramatische Kunst der Griechen dadurch entstanden ist,

daß eine höhere Vereinigung des Dionysischen mit dem Apollinischen

sich vollzogen hat. Auf diese Weise erklärt er den Ursprung der

ersten griechischen Tragödie. Er nimmt an, daß die Tragödie aus dem

tragischen Chore entstanden ist. Der dionysische Mensch wird zum

Zuschauer, zum Betrachter eines Bildes, das ihn selbst darstellt. Der

Chor ist die Selbstspiegelung eines dionysisch erregten Menschen,

d. h. der dionysische Mensch sieht seine dionysische Erregung durch ein

apollinisches Kunstwerk abgebildet. Die Darstellung des Dionysischen

im apollinischen Bilde ist die primitive Tragödie. Voraussetzung

einer solchen Tragödie ist, daß in ihrem Schöpfer ein lebendiges

Bewußtsein von dem Zusammenhang des Menschen mit den Urgewalten

der Welt vorhanden ist. Ein solches Bewußtsein spricht sich als

Mythus aus. Das Mythische muß der Gegenstand der ältesten Tragödie

sein. Tritt nun in der Entwickelung eines Volkes der Zeitpunkt ein, wo

der zersetzende Verstand das lebendige Gefühl für den Mythus zerstört,

so ist der Tod des Tragischen die notwendige Folge.

33.

In der Entwickelung des Griechentums trat, nach Nietzsches Meinung,

mit Sokrates dieser Zeitpunkt ein. Sokrates war ein Feind alles

instinktiven, mit den Naturgewalten im Bunde stehenden Lebens. Er ließ

nur dasjenige gelten, was der Verstand denkend zu beweisen vermag,

was lehrbar ist. Damit war dem Mythus der Krieg erklärt. Und der von

Nietzsche als Schüler des Sokrates bezeichnete Euripides zerstörte

die Tragödie, weil sein Schaffen nicht mehr, wie das des Äschylos,

aus den dionysischen Instinkten, sondern aus dem kritischen Verstande

entsprang. Statt der Nachbildung der Willensbewegungen des Weltgeistes

findet sich bei Euripides die verständige Verknüpfung einzelner

Vorgänge innerhalb der tragischen Handlung.

Ich frage nicht nach der historischen Rechtfertigung dieser

Nietzscheschen Ideen. Er ist ihretwegen von einem klassischen

Philologen scharf angegriffen worden. Nietzsches Beschreibung der

griechischen Kultur läßt sich vergleichen mit der Schilderung, die ein

Mensch von einer Landschaft giebt, die er von dem Gipfel eines Berges

aus betrachtet; eine philologische Darstellung mit einer Beschreibung,

die der Wanderer giebt, der jedes einzelne Fleckchen besucht. Von

dem Berge aus verschiebt sich manches eben nach den Gesetzen der Optik.

34.

Was hier in Betracht kommt, ist die Frage: was für eine Aufgabe stellte

sich Nietzsche in seiner "Geburt der Tragödie"? Nietzsche ist der

Ansicht, daß die älteren Griechen die Leiden des Daseins sehr gut

gekannt haben. "Es geht die alte Sage, daß König Midas lange Zeit

nach dem weisen Silen, dem Begleiter des Dionysus, im Walde gejagt

habe, ohne ihn zu fangen. Als er ihm endlich in die Hände gefallen

ist, fragt der König, was für den Menschen das Allerbeste und

Allervorzüglichste sei. Starr und unbeweglich schweigt der Dämon,

bis er, durch den König gezwungen, endlich unter gellem Lachen

in diese Worte ausbricht: "Elendes Eintagsgeschlecht, des Zufalls

Kinder und der Mühsal, was zwingst du mich, dir zu sagen, was nicht

zu hören für dich das Ersprießlichste ist? Das Allerbeste ist für dich

gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu

sein. Das Zweitbeste aber ist für dich -- bald zu sterben" (Geburt der

Tragödie § 3). In dieser Sage findet Nietzsche eine Grundempfindung

der Griechen ausgedrückt. Er hält es für eine Oberflächlichkeit,

wenn man die Griechen als das beständig heitere, kindlich tändelnde

Volk hinstellt. Aus der tragischen Grundempfindung heraus mußte den

Griechen der Drang entstehen, etwas zu schaffen, wodurch das Dasein

erträglich wird. Sie suchten nach einer Rechtfertigung des Daseins --

und fanden diese in ihrer Götterwelt und in der Kunst. Nur durch das

Gegenbild der olympischen Götter und der Kunst wurde den Griechen

die rauhe Wirklichkeit erträglich. Die Grundfrage in der "Geburt der

Tragödie" ist also für Nietzsche: Inwiefern ist die griechische Kunst

lebenfördernd, lebenerhaltend gewesen? Nietzsches Grundinstinkt macht

sich somit in Bezug auf die Kunst als lebenfördernde Macht schon in

diesem ersten Werke geltend.

35.

Noch ein anderer Grundinstinkt Nietzsches ist in diesem Werke

schon zu beobachten. Es ist die Abneigung gegen die bloß logischen

Geister, deren Persönlichkeit vollständig unter der Herrschaft ihres

Verstandes steht. Aus dieser Abneigung stammt Nietzsches Meinung,

daß der sokratische Geist der Zerstörer der griechischen Kultur

ist. Das Logische gilt Nietzsche nur als eine Form, in der sich

die Persönlichkeit äußert. Wenn zu dieser Form nicht noch andere

Äußerungsweisen treten, so erscheint die Persönlichkeit als Krüppel,

als Organismus, an dem notwendige Organe verstümmelt sind. Weil

Nietzsche in Kants Schriften nur den grübelnden Verstand entdecken

konnte, nennt er Kant einen "verwachsenen Begriffskrüppel". Nur

wenn die Logik der Ausdruck für die tieferen Grundinstinkte einer

Persönlichkeit ist, läßt sie Nietzsche gelten. Sie muß ein Ausfluß

des Über-Logischen in der Persönlichkeit sein. Nietzsche hat an der

Ablehnung des sokratischen Geistes immer festgehalten. Wir lesen in

der Götzendämmerung: "Mit Sokrates schlägt der griechische Geschmack zu

Gunsten der Dialektik um: was geschieht da eigentlich? Vor allem wird

ein vornehmer Geschmack besiegt; der Pöbel kommt mit der Dialektik

oben auf. Vor Sokrates lehnte man in der guten Gesellschaft die

dialektischen Manieren ab; sie galten als schlechte Manieren,

sie stellten bloß" (Problem des Sokrates § 5). Wo nicht kräftige

Grundinstinkte für eine Sache sprechen, da tritt der beweisende

Verstand ein und sucht sie durch Advokatenkünste zu stützen.

36.

Einen Erneuerer des dionysischen Geistes glaubte Nietzsche in

Richard Wagner zu erkennen. Er hat aus diesem Glauben heraus die

vierte seiner "Unzeitgemäßen Betrachtungen": "Richard Wagner in

Bayreuth", 1875, geschrieben. Er hielt in dieser Zeit noch an der

Deutung des dionysischen Geistes fest, die er sich in Gemäßheit

der Schopenhauerschen Philosophie gebildet hatte. Er glaubte noch,

daß die Wirklichkeit nur menschliche Vorstellung sei und jenseits

dieser Vorstellungswelt das Wesen der Dinge in Form des Urwillens

liege. Und der schaffende dionysische Geist war ihm noch nicht der

aus sich heraus schaffende, sondern der sich selbst vergessende, in

dem Urwollen aufgehende Mensch. Bilder des waltenden Urwillens, von

einem an diesen Urwillen hingegebenen dionysischen Geiste geschaffen,

waren ihm Wagners Musikdramen.

Und da Schopenhauer in der Musik ein unmittelbares Abbild des Willens

sah, so glaubte auch Nietzsche in der Musik das beste Ausdrucksmittel

für einen dionysisch schaffenden Geist sehen zu sollen. Die Sprache

der civilisierten Völker schien ihm erkrankt. Sie kann nicht mehr der

schlichte Ausdruck der Gefühle sein, denn die Worte mußten allmählich

immer mehr dazu verwendet werden, der Ausdruck für die zunehmende

Verstandesbildung der Menschen zu werden. Dadurch aber ist die

Bedeutung der Worte abstrakt, arm geworden. Sie können nicht mehr

ausdrücken, was der aus dem Urwillen heraus schaffende dionysische

Geist empfindet. Dieser kann daher in dem Wortdrama sich nicht mehr

aussprechen. Er muß andere Ausdrucksmittel, vor allem die Musik, aber

auch die anderen Künste zu Hilfe rufen. Der dionysische Geist wird

zum dithyrambischen Dramatiker, "diesen Begriff so voll genommen, daß

er zugleich den Schauspieler, Dichter, Musiker umfaßt". "Wie man sich

nun auch die Entwickelung des Urdramatikers vorstellen möge, in seiner

Reife und Vollendung ist er ein Gebilde ohne jede Hemmung und Lücke:

der eigentlich freie Künstler, der gar nicht anders kann, als in allen

Künsten zugleich denken, der Mittler und Versöhner zwischen scheinbar

getrennten Sphären, der Wiederhersteller einer Ein- und Gesamtheit des

künstlerischen Vermögens, welches gar nicht erraten und erschlossen,

sondern nur durch die That gezeigt werden kann" (Richard Wagner in

Bayreuth § 7). Als dionysischen Geist verehrte Nietzsche Richard

Wagner. Und nur in dem von Nietzsche in der eben genannten Schrift

angegebenen Sinne kann Wagner als dionysischer Geist bezeichnet

werden. Seine Instinkte sind auf das Jenseits gerichtet; er will

die Stimme des Jenseits durch seine Musik erklingen lassen. Ich habe

bereits (S. 81 f.) darauf hingewiesen, daß sich Nietzsche später selbst

fand und imstande war, seine auf das Diesseits gerichteten Instinkte

in ihrer Eigenart zu erkennen. Er hatte ursprünglich die Wagnersche

Kunst mißverstanden, weil er sich selbst mißverstanden hatte, weil

er seine Instinkte durch die Schopenhauersche Philosophie hatte

tyrannisieren lassen. Wie ein Krankheitsprozeß erschien ihm später

diese Unterordnung seiner Instinkte unter eine fremde Geistesmacht. Er

fand, daß er auf seine Instinkte nicht gehört hatte und sich durch

eine ihm unangemessene Meinung hatte verführen lassen, eine Kunst auf

diese Instinkte wirken lassen, die ihnen nur zum Nachteil gereichen

konnte, die sie krank machen mußte.

37.

Nietzsche hat den Einfluß, den die seinen Grundtrieben widersprechende

Schopenhauersche Philosophie auf ihn genommen, selbst geschildert

in seiner dritten "Unzeitgemäßen Betrachtung", "Schopenhauer als

Erzieher" (1873), zu einer Zeit, als er noch an diese Philosophie

glaubte. Nietzsche suchte einen Erzieher. Der rechte Erzieher kann nur

der sein, der auf den zu Erziehenden so wirkt, daß dessen innerster

Wesenskern sich aus der Persönlichkeit heraus entwickelt. Auf jeden

Menschen wirkt seine Zeit mit ihren Kulturmitteln ein. Er nimmt auf,

was die Zeit an Bildungsstoff bietet. Aber es frägt sich, wie er sich

inmitten dieses von außen auf ihn Eindringenden selbst finden kann;

wie er das aus sich herausspinnen kann, was er und nur er und kein

anderer sein kann. "Der Mensch, welcher nicht zur Masse gehören

will, braucht nur aufzuhören, gegen sich bequem zu sein; er folge

seinem Gewissen, welches ihm zuruft: ""sei du selbst! Das bist du

alles nicht, was du jetzt thust, meinst, begehrst"", so spricht

der Mensch zu sich, der eines Tages findet, daß er sich immer nur

damit begnügt hat, Bildungsstoff von außen aufzunehmen (Schopenhauer

als Erzieher § 1). Nietzsche fand sich selbst, wenn auch zunächst

noch nicht in seiner ihm ureigensten Gestalt, durch das Studium der

Schopenhauerschen Philosophie. Nietzsche strebte unbewußt danach,

einfach und ehrlich seinen Grundtrieben gemäß sich auszusprechen. Er

fand um sich nur Menschen, die in den Bildungsformeln der Zeit sich

ausdrückten, die ihr eigenes Wesen durch diese Formeln verhüllten. In

Schopenhauer fand Nietzsche aber einen Menschen, der den Mut hatte,

seine persönlichen Empfindungen der Welt gegenüber zum Inhalte seiner

Philosophie zu machen: "Das kräftige Wohlgefühl des Sprechenden"

umfing Nietzsche beim ersten Lesen von Schopenhauers Sätzen. "Hier

ist eine immer gleichartige, stärkende Luft, so fühlen wir; hier ist

eine gewisse unnachahmliche Unbefangenheit und Natürlichkeit, wie sie

Menschen haben, die in sich zu Hause und zwar in einem sehr reichen

Hause Herren sind: im Gegensatze zu jenen Schriftstellern, die sich am

meisten wundern, wenn sie einmal geistreich waren, und deren Vortrag

dadurch etwas Unruhiges und Naturwidriges bekommt." "Schopenhauer

redet mit sich; oder wenn man sich durchaus einen Zuhörer denken

will, so denke man sich den Sohn, den der Vater unterweist. Es ist

ein redliches, derbes, gutmütiges Aussprechen vor einem Hörer, der

mit Liebe hört" (Schopenhauer § 2). Daß er einen Menschen, der sich

seinen innersten Instinkten gemäß ausspricht, reden hörte, das war es,

was Nietzsche zu Schopenhauer hinzog.

Nietzsche sah in Schopenhauer eine starke Persönlichkeit, die nicht

durch die Philosophie in einen bloßen Verstandesmenschen umgewandelt

wird, sondern die das Logische nur zum Ausdrucke des Überlogischen,

des Instinktiven in sich macht. "Die Sehnsucht nach starker Natur, nach

gesunder und einfacher Menschheit war bei ihm eine Sehnsucht nach sich

selbst; und sobald er die Zeit in sich besiegt hatte, mußte er auch,

mit erstauntem Auge, den Genius in sich erblicken" (Schopenhauer §

3). In Nietzsches Geist arbeitete schon damals das Streben nach der

Idee des Übermenschen, der sich selbst sucht, als den Sinn seines

Daseins, und einen solchen Suchenden fand er in Schopenhauer. In

solchen Menschen sieht er den Zweck und zwar den einzigen Zweck des

Weltdaseins erreicht; die Natur scheint ihm an einem Ziele angekommen

zu sein, wenn sie einen solchen Menschen hervorgebracht hat. "Die

Natur, die nie springt, macht hier ihren einzigen Sprung und zwar

einen Freudensprung, denn sie fühlt sich zum erstenmal am Ziele,

dort nämlich, wo sie begreift, daß sie verlernen müsse, Ziele zu

haben." (Schopenh. § 5.) In diesem Satze liegt der Keim zur Konzeption

des Übermenschen. Nietzsche wollte, als er diesen Satz niederschrieb,

schon genau dasselbe, was er später mit seinem Zarathustra wollte;

aber ihm fehlte noch die Kraft, dieses Wollen in einer eigenen Sprache

auszusprechen. Er sah schon, als er sein Schopenhauerbuch schrieb,

den Grundgedanken der Kultur in der Erzeugung des Übermenschen.

38.

In der Entwickelung der persönlichen Instinkte der Einzelmenschen sieht

also Nietzsche das Ziel aller menschlichen Entwickelung. Was dieser

Entwickelung entgegenarbeitet, erscheint ihm als die eigentlichste

Versündigung an der Menschheit. Es giebt aber etwas im Menschen, das

auf ganz natürliche Weise seiner freien Entwickelung widerstrebt. Der

Mensch läßt sich nicht allein durch die in jedem einzelnen Augenblicke

in ihm thätigen Triebe bestimmen, sondern auch durch alles das, was

in seinem Gedächtnisse sich angesammelt hat. Der Mensch erinnert

sich an seine eigenen Erlebnisse, er sucht sich ein Bewußtsein

der Erlebnisse seines Volkes, Stammes, ja der ganzen Menschheit

durch den Betrieb der Geschichte zu verschaffen. Der Mensch ist ein

historisches Wesen. Die Tiere leben unhistorisch; sie folgen den

Trieben, die in dem einzelnen Augenblicke in ihnen wirken. Der Mensch

läßt sich durch seine Vergangenheit bestimmen. Wenn er irgend etwas

unternehmen will, frägt er sich: welche Erfahrungen habe ich oder ein

anderer mit einem ähnlichen Unternehmen schon gemacht? Der Antrieb zu

einer Handlung kann durch die Erinnerung an ein Erlebnis vollständig

abgetötet werden. Für Nietzsche entsteht aus der Beobachtung dieser

Thatsache die Frage: inwiefern wirkt das Erinnerungsvermögen des

Menschen auf sein Leben fördernd, und inwiefern wirkt es nachteilig

ein? Die Erinnerung, die auch Dinge zu umfassen sucht, die der Mensch

nicht selbst erlebt hat, lebt als historischer Sinn, als Studium des

Vergangenen in dem Menschen. Nietzsche fragt: inwiefern wirkt der

historische Sinn lebenfördernd? Die Antwort auf diese Frage sucht er

zu geben in seiner zweiten "Unzeitgemäßen Betrachtung": "Vom Nutzen

und Nachteil der Historie für das Leben" (1843). Die Veranlassung zu

dieser Schrift war Nietzsches Wahrnehmung, daß der historische Sinn bei

seinen Zeitgenossen, namentlich bei den Gelehrten unter denselben, ein

hervorstechendes Charaktermerkmal geworden war. Die Vertiefung in die

Vergangenheit fand Nietzsche überall gepriesen. Nur durch Erkenntnis

der Vergangenheit soll der Mensch imstande sein, zu unterscheiden,

was ihm möglich, was ihm unmöglich ist: dieses Glaubensbekenntnis

drang ihm in die Ohren. Nur wer weiß, wie sich ein Volk entwickelt

hat, kann ermessen, was für seine Zukunft förderlich ist: diesen Ruf

hörte Nietzsche. Ja selbst die Philosophen wollten nicht mehr Neues

erdenken, sondern lieber die Gedanken ihrer Vorfahren studieren. Dieser

historische Sinn wirkt lähmend auf das gegenwärtige Schaffen. Wer bei

jedem Impuls, der sich in ihm regt, erst zu bestimmen sucht, wozu ein

ähnlicher Impuls in der Vergangenheit geführt hat, in dem erschlaffen

die Kräfte, bevor sie gewirkt haben. "Denkt euch das äußerste Beispiel,

einen Menschen, der die Kraft zu vergessen gar nicht besäße, der

verurteilt wäre, überall ein Werden zu sehen: ein solcher glaubt nicht

mehr an sein eigenes Sein, glaubt nicht mehr an sich, sieht alles in

bewegte Punkte auseinander fließen und verliert sich in diesem Strome

des Werdens. ... Zu allem Handeln gehört Vergessen, wie zum Leben alles

Organischen nicht nur Licht, sondern auch Dunkel gehört. Ein Mensch,

der durch und durch nur historisch empfinden wollte, wäre dem ähnlich,

der sich des Schlafens zu enthalten gezwungen wäre, oder dem Tiere,

das nur vom Wiederkäuen und immer wiederholtem Wiederkäuen fortleben

sollte" (Historie § 1). Nietzsche ist der Meinung, daß der Mensch nur

so viel Geschichte vertragen kann, als dem Maße seiner schöpferischen

Kräfte entspricht. Die starke Persönlichkeit führt ihre Intentionen

aus, trotzdem sie sich an die Erlebnisse der Vergangenheit erinnert,

ja sie wird vielleicht gerade durch die Erinnerung an diese Erlebnisse

eine Stärkung ihrer Kraft erfahren. Die Kräfte des schwachen Menschen

aber werden durch den historischen Sinn ausgelöscht. Um den Grad

zu bestimmen und durch ihn dann die Grenze, "an der das Vergangene

vergessen werden muß, wenn es nicht zum Totengräber des Gegenwärtigen

werden soll, müßte man genau wissen, wie groß die plastische Kraft

eines Menschen, eines Volkes, einer Kultur ist, ich meine jene Kraft,

aus sich heraus eigenartig zu wachsen, Vergangenes und Fremdes

umzubilden und einzuverleiben" (Historie § 1).

Friedrich Nietzsche: Ein Kämpfer gegen seine Zeit · 第 6 / 7 段