Auch die Kunst hat nach Nietzsches Meinung nur Wert, wenn sie dem Leben

des Einzelmenschen dient. Auch hier vertritt Nietzsche die Ansicht

der starken Persönlichkeit und lehnt alles ab, was die schwachen

Instinkte über die Kunst aussprechen. Fast alle deutschen Ästhetiker

vertreten den Standpunkt der schwachen Instinkte. Die Kunst soll ein

"Unendliches" im "Endlichen", ein "Ewiges" im "Zeitlichen", eine

"Idee" in der "Wirklichkeit" darstellen. Für Schelling z. B. ist alle

sinnliche Schönheit nur ein Abglanz jener unendlichen Schönheit,

die wir nie mit den Sinnen wahrnehmen können. Das Kunstwerk ist

nicht um seiner selbst willen und durch das, was es ist, schön,

sondern weil es die Idee der Schönheit abbildet. Das sinnliche Bild

ist nur ein Ausdrucksmittel, nur die Form für einen übersinnlichen

Inhalt. Und Hegel nennt das Schöne "das sinnliche Scheinen der

Idee". Ähnliches kann man auch bei den andern deutschen Ästhetikern

finden. Für Nietzsche ist die Kunst ein lebenförderndes Element, und

nur, wenn sie dieses ist, hat sie Berechtigung. Wer das Leben, wie er

es unmittelbar wahrnimmt, nicht ertragen kann, der formt es sich nach

seinem Bedürfnisse um, und damit schafft er ein Kunstwerk. Und was will

der Genießende vom Kunstwerk? Er will Erhöhung seiner Lebensfreude,

Stärkung seiner Lebenskräfte, Befriedigung von Bedürfnissen, die

ihm die Wirklichkeit nicht befriedigt. Aber er will, wenn sein

Sinn auf das Wirkliche gerichtet ist, nicht durch das Kunstwerk

den Abglanz des Göttlichen, Überirdischen erblicken. Hören wir, wie

Nietzsche den Eindruck schildert, den Bizets Carmen auf ihn gemacht:

"Ich werde ein besserer Mensch, wenn mir dieser Bizet zuredet. Auch

ein besserer Musikant, ein besserer Zuhörer. Kann man überhaupt noch

besser zuhören? -- Ich vergrabe meine Ohren noch unter diese Musik,

ich höre deren Ursache. Es scheint mir, daß ich ihre Entstehung

erlebe -- ich zittere vor Gefahren, die irgend ein Wagnis begleiten,

ich bin entzückt über Glücksfälle, an denen Bizet unschuldig ist. --

Und seltsam! im Grunde denke ich nicht daran, oder weiß es nicht,

wie sehr ich daran denke. Denn ganz andere Gedanken laufen mir während

dem durch den Kopf ... Hat man bemerkt, daß die Musik den Geist frei

macht? dem Gelehrten Flügel giebt? daß man umsomehr Philosoph wird,

je mehr man Musiker wird? -- Der graue Himmel der Abstraktion wie von

Blitzen durchzuckt; das Licht stark genug für alles Filigran der Dinge;

die großen Probleme nahe zum Greifen; die Welt wie von einem Berge aus

überblickt. -- Ich definierte eben das philosophische Pathos. -- Und

unversehens fallen mir Antworten in den Schoß, ein kleiner Hagel von

Eis und Weisheit, von gelösten Problemen .. Wo bin ich? -- Bizet macht

mich fruchtbar. Alles Gute macht mich fruchtbar. Ich habe keine andere

Dankbarkeit, ich habe auch keinen andern Beweis dafür, was gut ist." --

(Fall Wagner § 1.) Weil Richard Wagners Musik eine solche Wirkung nicht

auf ihn machte, deshalb lehnte sie Nietzsche ab: "Meine Einwände gegen

die Musik Wagners sind physiologische Einwände ..... Meine Thatsache,

mein petit fait vrai ist, daß ich nicht mehr leicht atme, wenn diese

Musik erst auf mich wirkt; daß alsbald mein Fuß gegen sie böse wird

und revoltiert: er hat das Bedürfnis nach Takt, Tanz, Marsch ... er

verlangt von der Musik vorerst die Entzückungen, welche in gutem Gehen,

Schreiten, Tanzen liegen. Protestiert aber nicht auch mein Magen? mein

Herz? mein Blutlauf? betrübt sich nicht mein Eingeweide? Werde ich

nicht unversehens heiser dabei? Und so frage ich mich: was will

eigentlich mein ganzer Leib von der Musik überhaupt? ... Ich glaube,

seine Erleichterung: wie als ob alle animalischen Funktionen durch

leichte, kühne, ausgelassene, selbstgewisse Rhythmen beschleunigt

werden sollten; wie als ob das eherne, bleierne Leben durch goldene,

zärtliche, ölgleiche Melodieen seine Schwere verlieren sollte. Meine

Schwermut will in den Verstecken und Abgründen der Vollkommenheit

ausruhen: dazu brauche ich Musik." (Nietzsche kontra Wagner. Kap.:

Wo ich Einwände mache.) --

Im Anfange seiner schriftstellerischen Laufbahn täuschte sich

Nietzsche über das, was seine Instinkte von der Kunst verlangen,

deshalb war er damals ein Anhänger Wagners. Er hat sich durch das

Studium der Schopenhauerschen Philosophie zum Idealismus verführen

lassen. Er glaubte einige Zeit hindurch an den Idealismus und täuschte

sich künstliche Bedürfnisse, ideale Bedürfnisse vor. Erst im weiteren

Verlaufe seines Lebens merkte er, daß aller Idealismus seinen Trieben

gerade entgegengesetzt ist. Er wurde nun aufrichtiger gegen sich

selbst. Er sprach aus, wie er selbst empfand. Und das konnte nur zur

vollständigen Ablehnung von Wagners Musik führen, die ja immer mehr

den asketischen Charakter annahm, den wir bereits als Kennzeichen

von Wagners letztem Wirkensziel aufgeführt haben.

Die Ästhetiker, die es der Kunst zur Aufgabe machen, die Idee zu

versinnlichen, das Göttliche zu verkörpern, vertreten auf diesem

Gebiete eine ähnliche Ansicht wie die philosophischen Nihilisten

auf dem Gebiete der Erkenntnis und der Moral. Sie suchen in den

Kunstobjekten ein Jenseitiges, das sich aber vor dem Wirklichkeitssinn

in ein Nichts auflöst. Es giebt auch einen ästhetischen Nihilismus.

Diesem steht die Ästhetik der starken Persönlichkeit gegenüber, die

in der Kunst ein Abbild der Wirklichkeit, eine höhere Wirklichkeit

sieht, die der Mensch lieber genießt als die Alltäglichkeit.

27.

Zwei Menschentypen stellt Nietzsche einander gegenüber: den Schwachen

und den Starken. Der erstere sucht die Erkenntnis als einen objektiven

Thatbestand, der von der Außenwelt in seinen Geist einfließen soll. Er

läßt sich sein Gutes und Böses von einem "ewigen Weltwillen" oder

einem "kategorischen Imperativ" diktieren. Er bezeichnet jede nicht

von diesem Weltwillen, sondern nur von dem schöpferischen Eigenwillen

bestimmte Handlung als Sünde, die eine moralische Strafe nach sich

ziehen muß. Er möchte für alle Menschen gleiche Rechte dekretieren

und den Wert des Menschen nach einem äußern Maßstabe bestimmen. Er

möchte endlich in der Kunst ein Abbild des Göttlichen, eine Kunde aus

dem Jenseits erblicken. Der Starke dagegen sieht alle Erkenntnis als

den Ausdruck des Willens zur Macht an. Er sucht durch die Erkenntnis

die Dinge denkbar und sich dadurch unterthan zu machen. Er weiß,

daß er selbst der Schöpfer der Wahrheit ist; daß niemand als er

selbst sein Gutes und sein Böses schaffen kann. Er betrachtet die

Handlungen des Menschen als Folgen natürlicher Triebe und läßt sie

gelten als Naturereignisse, die niemals als Sünden zu betrachten sind

und nicht eine moralische Verurteilung verdienen. Er sucht den Wert

des Menschen in der Tüchtigkeit seiner Instinkte. Einen Menschen mit

den Instinkten für Gesundheit, Geist, Schönheit, Ausdauer, Vornehmheit

schätzt er höher als einen solchen mit den Instinkten für Schwäche,

Häßlichkeit, Sklaverei. Er beurteilt ein Kunstwerk nach dem Grade,

in dem es zur Steigerung seiner Kräfte beiträgt.

Diesen letzteren Menschentypus versteht Nietzsche unter seinem

Übermenschen. Solche Übermenschen konnten bisher nur durch das

Zusammentreffen zufälliger Umstände entstehen. Ihre Entwickelung

zum bewußten Ziele der Menschheit zu machen, ist die Absicht, die

Zarathustra hat. Man sah bisher das Ziel der menschlichen Entwickelung

in irgendwelchen Idealen. Hier hält Nietzsche eine Änderung der

Anschauungen für nötig. Der "höherwertige Typus ist oft genug schon

dagewesen: aber als ein Glücksfall, als eine Ausnahme, niemals als

gewollt. Vielmehr ist er gerade am besten gefürchtet worden, er war

bisher beinahe das Furchtbare; -- und aus der Furcht heraus wurde

der umgekehrte Typus gewollt, gezüchtet, erreicht: das Haustier, das

Herdentier, das kranke Tier Mensch, -- der Christ ..." (Antichrist

§ 3).

Zarathustras Weisheit soll diesen Übermenschen, zu dem jener andere

Typus nur ein Übergang ist, lehren.

Nietzsche nennt diese Weisheit eine dionysische. Es ist eine

Weisheit, die nicht dem Menschen von außen gegeben wird; es ist eine

selbstgeschaffene Weisheit. Der dionysische Weise forscht nicht; er

schafft. Er steht nicht als Betrachter außer der Welt, die er erkennen

will; er ist Eins geworden mit seiner Erkenntnis. Er sucht nicht nach

einem Gotte; was er sich noch als göttlich vorstellen kann, ist nur

Er selbst als Schöpfer seiner eigenen Welt. Wenn dieser Zustand auf

alle Kräfte des menschlichen Organismus sich erstreckt, so giebt

das den dionysischen Menschen, dem es unmöglich ist, irgend eine

Suggestion nicht zu verstehen; er übersieht kein Zeichen des Affekts,

er hat den höchsten Grad des verstehenden und erratenden Instinktes,

wie er den höchsten Grad von Mitteilungskunst besitzt. Er geht in

jede Haut, in jeden Affekt ein: er verwandelt sich beständig. Dem

dionysischen Weisen steht der bloße Betrachter gegenüber, der

sich immer außerhalb seiner Erkenntnisobjekte stehend glaubt, als

objektiver, leidender Zuschauer. Dem dionysischen Menschen steht der

apollinische gegenüber, der "vor allem das Auge erregt hält, sodaß

es die Kraft der Vision bekommt". Visionen, Bilder von Dingen, die

jenseits der Menschen-Wirklichkeit stehen, erstrebt der apollinische

Geist, nicht eine durch ihn selbst geschaffene Weisheit.

28.

Die apollinische Weisheit hat den Charakter des Ernstes. Sie

empfindet die Herrschaft des Jenseits, das sie nur im Bilde besitzt,

als einen schweren Druck, als eine ihr widerstrebende Macht. Ernst

ist die apollinische Weisheit, denn sie glaubt sich im Besitze einer

Kunde aus dem Jenseits, wenn diese auch nur durch Bilder, Visionen

vermittelt sein soll. Schwer beladen mit seiner Erkenntnis wandelt

der apollinische Geist einher, denn er trägt eine Bürde, die aus

einer andern Welt stammt. Und den Ausdruck der Würde nimmt er an,

denn vor den Kundgebungen des Unendlichen muß jedes Lachen verstummen.

Dieses Lachen aber charakterisiert den dionysischen Geist. Er weiß,

daß alles, was er Weisheit nennt, nur seine Weisheit ist, von ihm

erfunden, um sich das Leben leicht zu machen. Nur dieses Eine soll

ja seine Weisheit sein: ein Mittel, das ihm erlaubt, zum Leben Ja zu

sagen. Dem dionysischen Menschen ist der Geist der Schwere zuwider,

weil er das Leben nicht erleichtert, sondern niederdrückt. Die

selbstgeschaffene Weisheit ist eine heitere Weisheit, denn wer sich

selbst seine Bürde schafft, der schafft sich nur eine solche, die er

auch leicht tragen kann. Mit der selbstgeschaffenen Weisheit bewegt

sich der dionysische Geist leicht durch die Welt wie ein Tänzer.

"Daß ich aber der Weisheit gut bin und oft

zu gut: das macht, sie erinnert mich gar sehr an

das Leben!

Sie hat ihr Auge, ihr Lachen und sogar ihr

goldnes Angelrütchen: was kann ich dafür, daß

die beiden sich so ähnlich sehen?"

"In dein Auge schaute ich jüngst, o Leben:

Gold sah ich in deinem Nachtauge blinken, -- mein

Herz stand still vor dieser Wollust:

-- einen goldenen Kahn sah ich blinken auf

nächtigen Gewässern, einen sinkenden, trinkenden,

wieder winkenden goldenen Schaukelkahn!

Nach meinem Fuße, dem tanzwütigen, warfst

du einen Blick, einen lachenden, fragenden,

schmelzenden Schaukelblick:

zweimal nur regtest du deine Klapper mit

kleinen Händen -- da schaukelte mein Fuß vor

Tanzwut. --

Meine Fersen bäumten sich, meine Zehen

horchten, dich zu verstehen: doch trägt der Tänzer

sein Ohr -- in seinen Zehen!"

(Zarathustra 2. u. 3. Teil. Die Tanzlieder.)

29.

Weil der dionysische Geist aus sich selbst alle Antriebe seines

Thuns entnimmt und keiner äußeren Macht gehorcht, ist er ein freier

Geist. Denn ein freier Geist ist derjenige, der nur seiner Natur

folgt. Nun ist allerdings in Nietzsches Werken nur die Rede von

Instinkten als den Antrieben des freien Geistes. Ich glaube, daß hier

Nietzsche mit einem Namen eine Reihe von Antrieben zusammengefaßt hat,

die eine mehr ins Einzelne gehende Betrachtung erfordern. Nietzsche

nennt Instinkte sowohl die bei den Tieren vorhandenen Triebe zur

Ernährung und Selbsterhaltung, wie auch die höchsten Antriebe der

menschlichen Natur, z. B. den Erkenntnistrieb, den Trieb, nach

sittlichen Maßstäben zu handeln, den Trieb, sich an Kunstwerken zu

ergötzen u. s. w. Nun sind zwar alle diese Triebe Äußerungsformen einer

und derselben Grundkraft. Aber sie stellen doch verschiedene Stufen in

der Entwickelung dieser Kraft dar. Die moralischen Antriebe z. B. sind

eine besondere Stufe der Instinkte. Wenn auch zugegeben werden kann,

daß sie nur höhere Formen sinnlicher Instinkte sind, so treten sie

doch im Menschen auf eine besondere Art ins Dasein. Dies zeigt sich

darin, daß es dem Menschen möglich ist, Handlungen zu vollführen, die

nicht unmittelbar auf sinnliche Instinkte zurückzuführen sind, sondern

nur auf jene Antriebe, die eben als höhere Formen des Instinktes zu

bezeichnen sind. Der Mensch schafft sich Antriebe seines Handelns,

die nicht aus seinen sinnlichen Trieben abzuleiten sind, sondern

nur aus dem bewußten Denken. Er setzt sich individuelle Zwecke vor,

aber er setzt sich diese mit Bewußtsein vor. Und es ist ein großer

Unterschied, ob er einem unbewußt entstandenen und erst hinterher in

das Bewußtsein aufgenommenen Instinkte oder einem Gedanken folgt,

den er von vornherein mit vollem Bewußtsein produziert hat. Wenn

ich esse, weil mein Nahrungstrieb mich drängt, so ist dies etwas

wesentlich anderes, als wenn ich eine mathematische Aufgabe löse. Die

denkende Erfassung der Welterscheinungen stellt eine besondere Form

des allgemeinen Wahrnehmungsvermögens dar. Sie unterscheidet sich

von der bloßen sinnlichen Wahrnehmung. Dem Menschen sind nun die

höheren Entwickelungsformen des Instinktlebens ebenso natürlich

wie die niederen. Stehen beide nicht im Einklange, dann ist er zur

Unfreiheit verurteilt. Es kann der Fall eintreten, daß eine schwache

Persönlichkeit mit vollkommen gesunden sinnlichen Instinkten nur

schwache geistige Instinkte hat. Dann wird sie zwar in Bezug auf ihr

Sinnenleben ihre eigene Individualität entfalten, aber die gedanklichen

Antriebe ihres Handelns wird sie aus dem Herkommen entlehnen. Es kann

eine Disharmonie beider Triebwelten entstehen. Die sinnlichen Triebe

drängen zum Ausleben der eigenen Persönlichkeit, die geistigen Antriebe

stehen in dem Banne einer äußern Autorität. Das Geistesleben einer

solchen Persönlichkeit wird von den sinnlichen, das sinnliche Leben

von den geistigen Instinkten tyrannisiert. Denn beide Gewalten gehören

nicht zusammen, sind nicht aus einer Wesenheit erwachsen. Zur wirklich

freien Persönlichkeit gehört also nicht nur ein gesund entwickeltes

individuelles sinnliches Triebleben, sondern auch die Fähigkeit, sich

die gedanklichen Antriebe für das Leben zu schaffen. Erst derjenige

Mensch ist vollkommen frei, der auch Gedanken produzieren kann, die zum

Handeln führen. Ich habe das Vermögen, rein gedankliche Triebfedern

des Handelns zu schaffen, in meiner Schrift "Die Philosophie der

Freiheit" (Weimar, Emil Felber 1894) die "moralische Phantasie"

genannt. Nur wer diese moralische Phantasie hat, ist wirklich frei,

denn der Mensch muß nach bewußten Triebfedern handeln. Und wenn er

solche nicht selbst produzieren kann, dann muß er sich dieselben von

äußeren Autoritäten oder von dem in Form der Gewissensstimme in ihm

sprechenden Herkommen geben lassen. Ein Mensch, der sich bloß seinen

sinnlichen Instinkten überläßt, handelt wie ein Tier; ein Mensch,

der seine sinnlichen Instinkte unter fremde Gedanken stellt, handelt

unfrei; erst der Mensch, der sich selbst seine moralischen Ziele

schafft, handelt frei. Die moralische Phantasie fehlt in Nietzsches

Ausführungen. Wer dessen Gedanken zu Ende denkt, muß notwendig auf

diesen Begriff kommen. Aber andererseits ist es auch eine unbedingte

Notwendigkeit, daß dieser Begriff der Nietzscheschen Weltanschauung

eingefügt wird. Sonst könnte gegen dieselbe immerfort eingewendet

werden: Zwar ist der dionysische Mensch kein Knecht des Herkommens

oder des "jenseitigen Willens", aber er ist ein Knecht seiner eigenen

Instinkte.

Nietzsche hat seinen Blick auf das Ursprüngliche, Eigenpersönliche im

Menschen gerichtet. Er suchte dieses Eigenpersönliche herauszulösen aus

dem Mantel des Unpersönlichen, in den es eine wirklichkeitsfeindliche

Weltanschauung eingehüllt hat. Aber er ist nicht dazu gekommen,

die Stufen des Lebens innerhalb der Persönlichkeit selbst zu

unterscheiden. Er hat deshalb die Bedeutung des Bewußtseins für die

menschliche Persönlichkeit unterschätzt. "Die Bewußtheit ist die

letzte und späteste Entwickelung des Organischen und folglich auch

das Unfertigste und Unkräftigste daran. Aus der Bewußtheit stammen

unzählige Fehlgriffe, welche machen, daß ein Tier, ein Mensch zu

Grunde geht, früher als es nötig wäre, "über das Geschick", wie

Homer sagt. Wäre nicht der erhaltende Verband der Instinkte so

überaus viel mächtiger, diente er nicht im ganzen als Regulator:

an ihrem verkehrten Urteilen und Phantasieren mit offenen Augen,

an ihrer Ungründlichkeit und Leichtgläubigkeit, kurz eben an ihrer

Bewußtheit müßte die Menschheit zu Grunde gehen," sagt Nietzsche

(Fröhliche Wissenschaft § 11).

Dies ist zwar durchaus zuzugeben; aber nicht minder wahr ist es, daß

der Mensch nur insoweit frei ist, als er sich gedankliche Triebfedern

seines Handelns innerhalb des Bewußtseins schaffen kann.

Die Betrachtung der gedanklichen Triebfedern führt aber noch weiter. Es

ist eine Thatsache der Erfahrung, daß diese gedanklichen Triebfedern,

die die Menschen aus sich heraus produzieren, bei den einzelnen

Individuen doch bis zu einem gewissen Grade eine Übereinstimmung

zeigen. Auch wenn der einzelne Mensch ganz frei aus sich heraus

Gedanken schafft, so stimmen diese in gewisser Weise mit den Gedanken

anderer Menschen überein. Daraus folgt für den Freien die Berechtigung,

anzunehmen, daß die Harmonie in der menschlichen Gesellschaft von

selbst eintritt, wenn sie aus souveränen Individuen besteht. Er

kann diese Meinung dem Verteidiger der Unfreiheit gegenüberstellen,

der glaubt, daß die Handlungen einer Mehrheit von Menschen nur

zusammenstimmen, wenn sie durch eine äußere Gewalt nach einem

gemeinsamen Ziele hingelenkt werden. Der freie Geist ist deshalb

durchaus kein Anhänger jener Ansicht, welche die tierischen Triebe

absolut frei walten lassen und alle gesetzlichen Ordnungen deshalb

abschaffen will. Aber er verlangt absolute Freiheit für diejenigen,

die nicht bloß ihren tierischen Instinkten folgen wollen, sondern die

imstande sind, moralische Triebfedern, ihr eigenes Gutes und Böses,

zu schaffen.

Nur wer Nietzsche nicht so weit durchdrungen hat, daß er die letzten

Konsequenzen von dessen Weltanschauung zu ziehen vermag, trotzdem

sie Nietzsche nicht selbst gezogen hat, kann in ihm einen Menschen

sehen, der "mit einer gewissen stilistischen Wollust zu enthüllen

den Mut gefunden hat, was bisher etwa im geheimsten Seelengrunde

grandioser Verbrechertypen .... verborgen gelauert haben mag"

(Ludwig Stein, Friedrich Nietzsches Weltanschauung und ihre Gefahren

S. 5). Noch immer ist die Durchschnittsbildung eines deutschen

Professors nicht so weit, das Große einer Persönlichkeit von deren

kleinen Irrtümern abzutrennen. Sonst könnte man es nicht erleben,

daß die Kritik eines solchen Professors gerade gegen diese kleinen

Irrtümer sich richtet. Ich denke, wahrhafte Bildung nimmt das Große

einer Persönlichkeit auf und verbessert kleine Irrtümer oder denkt

halbfertige Gedanken zu Ende.

III.

NIETZSCHES ENTWICKELUNGSGANG.

30.

Ich habe Nietzsches Ansichten vom Übermenschen so dargestellt, wie

sie uns in seinen letzten Schriften: Zarathustra (1883-1884), Jenseits

von Gut und Böse (1886), Genealogie der Moral (1887), Der Fall Wagner

(1888), Götzendämmerung (1889) entgegentreten. In dem unvollendet

gebliebenen Werke: "Der Wille zur Macht", Versuch einer Umwertung aller

Werte, dessen erster Teil "Antichrist" im 8. Bande der Gesamtausgabe

erschienen ist, hätten sie wohl ihren philosophisch prägnantesten

Ausdruck gefunden. Aus der Disposition, die im Anhange zu dem erwähnten

Band abgedruckt ist, ist das deutlich zu erkennen. Sie heißt: 1. Der

Antichrist. Versuch einer Kritik des Christentums. 2. Der freie

Geist. Kritik der Philosophie als einer nihilistischen Bewegung. 3. Der

Immoralist. Kritik der verhängnisvollsten Art von Unwissenheit,

der Moral. 4. Dionysos. Philosophie der ewigen Wiederkunft.

Nietzsche hat seine Gedanken nicht sogleich im Beginne seiner

schriftstellerischen Laufbahn in der ihnen ureigensten Form zum

Ausdruck gebracht. Er stand anfangs unter dem Einflusse des deutschen

Idealismus, namentlich in der Form, in der ihn Schopenhauer und

Richard Wagner vertreten haben. In Schopenhauerschen und Wagnerschen

Formeln drückt er sich in seinen ersten Schriften aus. Wer aber durch

dieses Formelwesen hindurch auf den Kern der Nietzscheschen Gedanken

zu blicken vermag, der findet in diesen Schriften dieselben Absichten

und Ziele, die in den späteren Werken zum Ausdruck kommen.

Man kann von Nietzsches Entwickelung nicht sprechen, ohne an den

freiesten Denker erinnert zu werden, den die neuzeitliche Menschheit

hervorgebracht hat, an Max Stirner. Es ist eine traurige Wahrheit,

daß dieser Denker, der im vollsten Sinne dem entspricht, was Nietzsche

von dem Übermenschen fordert, nur von wenigen erkannt und gewürdigt

worden ist. Er hat bereits in den vierziger Jahren dieses Jahrhunderts

Nietzsches Weltanschauung ausgesprochen. Allerdings nicht in solch

gesättigten Herzenstönen wie Nietzsche, aber dafür in krystallklaren

Gedanken, neben denen sich Nietzsches Aphorismen allerdings oft wie

ein bloßes Stammeln ausnehmen.

Welchen Weg hätte Nietzsche genommen, wenn nicht Schopenhauer, sondern

Max Stirner sein Erzieher geworden wäre! In Nietzsches Schriften ist

keinerlei Einfluß Stirners zu bemerken. Aus eigener Kraft mußte sich

Nietzsche aus dem deutschen Idealismus heraus zu einer der Stirnerschen

gleichen Weltauffassung durchringen.

Stirner ist wie Nietzsche der Ansicht, das die Triebkräfte

des menschlichen Lebens nur in der einzelnen, wirklichen

Persönlichkeit gesucht werden können. Er lehnt alle Gewalten ab,

die die Einzelpersönlichkeit von außen formen, bestimmen wollen. Er

verfolgt den Gang der Weltgeschichte und findet den Grundirrtum der

bisherigen Menschheit darin, daß sie nicht die Pflege und Kultur

der individuellen Persönlichkeit, sondern andere, unpersönliche

Ziele und Zwecke sich vorsetzte. Er sieht die wahre Befreiung des

Menschen darin, daß dieser allen solchen Zielen keine höhere Realität

zugesteht, sondern sich dieser Ziele als Mittel zu seiner Selbstpflege

bedient. Der freie Mensch bestimmt sich seine Zwecke; er besitzt

seine Ideale; er läßt sich nicht von ihnen besitzen. Der Mensch,

der nicht als freie Persönlichkeit über seinen Idealen waltet, steht

unter dem Einflusse derselben, wie der Irrsinnige, der an fixen Ideen

leidet. Es ist für Stirner einerlei, ob sich der Mensch einbildet,

der "König von China", oder ob "ein behaglicher Bürger sich einbildet,

es sei seine Bestimmung, ein guter Christ, ein gläubiger Protestant,

ein loyaler Bürger, ein tugendhafter Mensch u. s. w. zu sein --

das ist beides ein und dieselbe 'fixe Idee'. Wer es nie versucht

und gewagt hat, kein guter Christ, kein gläubiger Protestant, kein

tugendhafter Mensch u. s. w. zu sein, der ist in der Gläubigkeit,

Tugendhaftigkeit u. s. w. gefangen und befangen."

Man braucht nur einige Sätze aus Stirners Buch: "Der Einzige und sein

Eigentum" zu lesen, um zu sehen, wie verwandt seine Anschauung der

Nietzscheschen ist. Ich führe einige Stellen aus diesem Buche an,

die besonders bezeichnend für Stirners Denkweise sind.

"Vorchristliche und christliche Zeit verfolgen ein entgegengesetztes

Ziel; jene will das Reale idealisieren, diese das Ideale realisieren,

jene sucht den "heiligen Geist", diese den "verklärten Leib". Daher

schließt jene mit der Unempfindlichkeit gegen das Reale, mit der

"Weltverachtung"; diese wird mit der Abwerfung des Idealen, mit der

"Geistesverachtung" enden.

Wie der Zug der Heiligung oder Reinigung durch die alte Welt geht

(die Waschungen u. s. w.), so geht der der Verleiblichung durch die

christliche: der Gott stürzt sich in diese Welt, wird Fleisch und will

sie erlösen, d. h. mit sich erfüllen; da er aber "die Idee" oder "der

Geist" ist, so führt man (z. B. Hegel) am Schlusse die Idee in alles,

in die Welt, ein und beweist, "daß die Idee, die Vernunft in allem

sei". Dem, was die heidnischen Stoiker als "den Weisen" aufstellten,

entspricht in der heutigen Bildung "der Mensch", jener wie dieser

ein fleischloses Wesen. Der unwirkliche "Weise", dieser leiblose

"Heilige" der Stoiker, wurde eine wirkliche Person, ein leiblicher

"Heiliger" in dem fleischgewordenen Gotte; der unwirkliche "Mensch",

das leiblose Ich, wird wirklich werden im leibhaftigen Ich, in Mir.

Daß der Einzelne für sich eine Weltgeschichte ist und an der übrigen

Weltgeschichte sein Eigentum besitzt, das geht über das Christliche

hinaus. Dem Christen ist die Weltgeschichte das Höhere, weil sie

die Geschichte Christi oder "des Menschen" ist; dem Egoisten hat

nur seine Geschichte Wert, weil er nur sich entwickeln will, nicht

die Menschheits-Idee, nicht den Plan Gottes, nicht die Absichten der

Vorsehung, nicht die Freiheit u. dergl. Er sieht sich nicht für ein

Werkzeug der Idee oder ein Gefäß Gottes an, er erkennt keinen Beruf

an, er wähnt nicht, zur Fortentwickelung der Menschheit dazusein,

und sein Scherflein dazu beitragen zu müssen, sondern er lebt sich

aus, unbesorgt darum, wie gut oder wie schlecht die Menschheit

dabei fahre. Ließe es nicht das Mißverständnis zu, als sollte ein

Naturzustand gepriesen werden, so könnte man an Lenaus "Drei Zigeuner"

erinnern. -- Was, bin Ich dazu in der Welt, um Ideen zu realisieren? Um

etwa zur Verwirklichung der Idee "Staat" durch mein Bürgertum das

Meinige zu thun oder durch die Ehe, als Ehegatte und Vater, die Idee

der Familie zu einem Dasein zu bringen? Was ficht mich ein solcher

Beruf an! Ich lebe so wenig nach einem Berufe, als die Blume nach

einem Berufe wächst und duftet.

Friedrich Nietzsche: Ein Kämpfer gegen seine Zeit · 第 5 / 7 段