und Vollbringens sucht, so findet er diese immer in dem Willen
zur Macht der einzelnen Persönlichkeit. Der Mensch mit schwachem,
mutlosem Intellekt will dies aber nicht zugeben. Er fühlt sich nicht
kräftig genug, sich zum Herrn und Richtunggeber seines Handelns zu
machen. Er deutet die Triebe, die ihn lenken, als Gebote einer fremden
Macht. Er sagt nicht: ich handle, wie ich will; sondern er sagt: ich
handle gemäß einem Gebote, wie ich soll. Er will sich nicht befehlen,
er will gehorchen. Auf der einen Stufe der Entwickelung sehen die
Menschen ihre Antriebe zum Handeln als Gebote Gottes an, auf einer
andern Stufe glauben sie in ihrem Innern eine Stimme zu vernehmen,
die ihnen gebietet. Sie wagen es im letztern Falle nicht, zu sagen:
ich bin es selbst, der da befiehlt; sie behaupten: in mir spricht
ein höherer Wille sich aus. Daß sein Gewissen ihm in jedem einzelnen
Falle sagt, wie er handeln soll, ist die Meinung des einen; daß ein
kategorischer Imperativ ihm befiehlt, behauptet ein anderer. Hören wir,
was J. G. Fichte sagt: "Es soll schlechthin etwas geschehen, weil es
nun einmal geschehen soll: dasjenige, was das Gewissen nun eben von
mir .... fordert; daß es geschehe, dazu, lediglich dazu bin ich da;
um es zu erkennen, habe ich Verstand; um es zu vollbringen, habe ich
Kraft." ("Bestimmung des Menschen", 3. Buch.) Ich führe mit Vorliebe
J. G. Fichtes Aussprüche an, weil er mit eiserner Konsequenz die
Meinung der "Schwachen und Mißratenen" bis ans Ende gedacht hat. Wozu
diese Meinungen zuletzt führen, kann man nur erkennen, wenn man sie da
aufsucht, wo sie zu Ende gedacht worden sind; auf die Halben, die jeden
Gedanken nur bis in seine Mitte denken, kann man sich nicht stützen.
Nicht in der Einzelpersönlichkeit wird von denen, die in der
angedeuteten Weise denken, der Quell des Wissens gesucht; sondern
jenseits dieser Persönlichkeit in einem "Willen an sich". Eben
dieser "Wille an sich" soll als "Stimme Gottes" oder "als Stimme
des Gewissens", "kategorischer Imperativ" u. s. w. zu dem Einzelnen
sprechen. Er soll der universelle Lenker des menschlichen Handelns und
der Urquell der Sittlichkeit sein und auch die Zwecke des sittlichen
Handelns bestimmen. "Ich sage, das Gebot des Handelns selbst ist es,
welches durch sich selbst mir einen Zweck setzt: dasselbe in mir,
was mich nötigt, zu denken, daß ich so handeln solle, nötigt mich,
zu glauben, daß aus diesem Handeln etwas erfolgen werde; es eröffnet
dem Auge die Aussicht auf eine andere Welt." "Wie ich im Gehorsam
lebe, lebe ich zugleich in der Anschauung seines Zweckes, lebe ich
in der besseren Welt, die er mir verheißt." (Fichte, Die Bestimmung
des Menschen, 3. Buch.) Der also Denkende will sich nicht selbst sein
Ziel setzen; er will von dem höheren Willen, dem er gehorcht, sich zu
einem Ziele führen lassen. Er will sich seines Eigenwillens entledigen
und sich zum Werkzeug "höherer" Zwecke machen. In Worten, die zu den
schönsten Erzeugnissen des Sinnes für Gehorsam und Demut gehören,
die mir bekannt sind, schildert Fichte die Hingabe an den "ewigen
Willen an sich". "Erhabener lebendiger Wille, den kein Name nennt,
und kein Begriff umfaßt, wohl darf ich mein Gemüt zu dir erheben;
denn du und ich sind nicht getrennt. Deine Stimme ertönt in mir, die
meinige tönt in dir wieder; und alle meine Gedanken, wenn sie nur wahr
und gut sind, sind in dir gedacht. -- In dir, dem Unbegreiflichen,
werde ich mir selbst, und wird mir die Welt vollkommen begreiflich,
alle Rätsel meines Daseins werden gelöst, und die vollendetste Harmonie
entsteht in meinem Geiste." "Ich verhülle vor dir mein Angesicht,
und lege die Hand auf den Mund. Wie du für dich selbst bist, und dir
selbst erscheinst, kann ich nie einsehen, so gewiß ich nie du selbst
werden kann. Nach tausendmal tausend durchlebten Geisterleben werde
ich dich noch eben so wenig begreifen als jetzt, in dieser Hülle von
Erde." (Bestimmung des Menschen, 3. Buch.)
Wohin dieser Wille den Menschen zuletzt führen will, das kann der
Einzelne nicht wissen. Wer an diesen Willen glaubt, gesteht also damit,
daß er über die Endzwecke seines Handelns nichts weiß. Die Ziele, die
sich der Einzelne schafft, sind aber für einen solchen Gläubigen eines
höheren Willens keine "wahren" Ziele. Er setzt somit an die Stelle der
durch das Individuum geschaffenen positiven Einzelziele einen Endzweck
der ganzen Menschheit, dessen Gedankeninhalt aber ein Nichts ist. Ein
solcher Gläubiger ist moralischer Nihilist. Er ist in der schlimmsten
Art von Unwissenheit befangen, die sich erdenken läßt. Nietzsche wollte
diese Art von Unwissenheit in einem besonderen Buche seines unvollendet
gebliebenen Werkes "der Wille zur Macht" behandeln. (Vgl. Anhang zu
Bd. VIII. der Gesamtausgabe von Nietzsches Werken.)
Die Lobpreisung des moralischen Nihilismus finden wir wieder
in Fichtes "Bestimmung des Menschen" (3. Buch): "Ich will nicht
versuchen, was mir durch das Wesen der Endlichkeit versagt ist,
und was mir zu nichts nützen würde; wie du an dir selbst bist, will
ich nicht wissen. Aber deine Beziehungen und Verhältnisse zu mir,
dem Endlichen, und zu allem Endlichen, liegen offen vor meinem Auge:
werde ich, was ich sein soll! -- und sie umgeben mich in hellerer
Klarheit, als das Bewußtsein meines eignen Daseins. Du wirkest in mir
die Erkenntnis von meiner Pflicht, von meiner Bestimmung in der Reihe
der vernünftigen Wesen; wie, das weiß ich nicht, noch bedarf ich es zu
wissen. Du weißt und erkennst, was ich denke und will; wie du wissen
kannst, -- durch welchen Akt du dieses Bewußtsein zu stande bringst,
darüber verstehe ich nichts; ja ich weiß sogar sehr wohl, daß der
Begriff eines Akts, und eines besonderen Akts des Bewußtseins nur
von mir gilt, nicht aber von dir, dem Unendlichen. Du willst, denn du
willst, daß mein freier Gehorsam Folgen habe in alle Ewigkeit; den Akt
deines Willens begreife ich nicht; und weiß nur soviel, daß er nicht
ähnlich ist dem meinigen. Du thust, und dein Wille selbst ist That;
aber deine Wirkungsweise ist der, die ich allein zu denken vermag,
geradezu entgegengesetzt. Du lebest und bist, denn du weißt, willst
und wirkest, allgegenwärtig der endlichen Vernunft; aber du bist nicht,
wie ich alle Ewigkeiten hindurch allein ein Sein werde denken können."
Dem moralischen Nihilismus stellt Nietzsche die Ziele gegenüber,
die der schaffende Einzelwille sich setzt. Den Lehrern der Ergebung
ruft Zarathustra zu:
"Diese Lehrer der Ergebung. Überall hin, wo es klein und krank und
grindig ist, kriechen sie hin, gleich Läusen; und nur mein Ekel
hindert mich, sie zu knacken.
"Wohlan! Dies ist meine Predigt für ihre Ohren: ich bin Zarathustra,
der Gottlose, der da spricht: 'wer ist gottloser denn ich, daß ich
mich seiner Unterweisung freue?'
"Ich bin Zarathustra, der Gottlose: wo finde ich meinesgleichen? Und
alle die sind meinesgleichen, die sich selber ihren Willen geben und
alle Ergebung von sich abthun."
21.
Die starke Persönlichkeit, die Ziele schafft, ist rücksichtslos in der
Ausführung derselben. Die schwache Persönlichkeit dagegen führt nur
das aus, wozu der Wille Gottes oder die "Stimme des Gewissens" oder der
"kategorische Imperativ" Ja sagt. Was diesem Ja entspricht, bezeichnet
der Schwache als gut, was diesem Ja zuwider ist als böse. Der Starke
kann dieses "gut und bös" nicht anerkennen; denn er erkennt diejenige
Macht nicht an, von der sich der Schwache sein Gutes und Böses
bestimmen läßt. Was er, der Starke, will, ist für ihn gut; er führt es
durch gegen alle widerstrebenden Mächte. Was ihn in dieser Durchführung
stört, das sucht er zu überwinden. Er glaubt nicht, daß ein "ewiger
Weltwille" alle einzelnen Willensentschlüsse zu einer großen Harmonie
lenkt; aber er ist der Ansicht, daß alle menschliche Entwickelung aus
den Willensimpulsen der Einzelpersönlichkeiten sich ergiebt, und daß
ein ewiger Krieg besteht zwischen den einzelnen Willensäußerungen,
in dem immer der stärkere Wille über den schwächeren siegt.
Von den Schwachen und Mutlosen wird die starke Persönlichkeit,
die sich selbst Gesetz und Zweck geben will, als böse, als sündhaft
bezeichnet. Sie erregt Furcht, denn sie durchbricht die hergebrachten
Ordnungen; sie nennt wertlos, was die Schwachen gewohnt sind,
wertvoll zu nennen, und sie erfindet Neues, vor ihr Unbekanntes,
das sie als wertvoll bezeichnet. "Jede individuelle Handlung, jede
individuelle Denkweise erregt Schauder; es ist gar nicht auszurechnen,
was gerade die selteneren, ausgesuchteren, ursprünglicheren Geister
im ganzen Verlauf der Geschichte dadurch gelitten haben müssen, daß
sie immer als die bösen und gefährlichen empfunden wurden, ja daß sie
sich selber so empfanden. Unter der Herrschaft der Sittlichkeit hat
die Originalität jeder Art ein böses Gewissen bekommen; bis diesen
Augenblick ist der Himmel der Besten noch dadurch verdüsterter,
als er sein müßte." (Morgenröte § 9.)
Der wahrhaft freie Geist faßt schlechthin erste Entschlüsse; der
unfreie entscheidet sich nach dem Herkommen. "Sittlichkeit ist nichts
anderes (also namentlich nicht mehr!), als Gehorsam gegen Sitten,
welcher Art diese auch sein mögen; Sitten aber sind die herkömmliche
Art zu handeln und abzuschätzen" (Morgenröte § 9). Dieses Herkommen
ist es, was von den Moralisten als "ewiger Wille", "kategorischer
Imperativ" gedeutet wird. Jedes Herkommen ist aber das Ergebnis der
naturgemäßen Triebe und Impulse einzelner Menschen, ganzer Stämme,
Völker u. s. w. Es ist ebenso das Produkt natürlicher Ursachen,
wie etwa die Witterungsverhältnisse einzelner Gegenden. Der freie
Geist erklärt sich durch dieses Herkommen nicht gebunden. Er hat
seine individuellen Triebe und Impulse, und diese sind nicht weniger
berechtigt als die der anderen. Er setzt diese Impulse in Handlungen
um, wie eine Wolke Regen auf die Erdoberfläche sendet, wenn die
Ursachen dazu vorhanden sind. Der freie Geist steht jenseits dessen,
was das Herkommen als gut und böse ansieht. Er schafft sich selbst
sein Gut und Böse.
"Als ich zu den Menschen kam, da fand ich sie sitzen auf einem alten
Dünkel: Alle dünkten sich lange schon zu wissen, was dem Menschen
gut und böse sei.
"Eine alte müde Sache dünkte ihnen alles Reden von Tugend; und wer
gut schlafen wollte, der sprach vor dem Schlafengehen noch von 'Gut
und Böse'.
"Diese Schläferei störte ich auf, als ich lehrte: was gut und böse ist,
das weiß noch niemand -- es sei denn der Schaffende.
"Das aber ist der, welcher des Menschen Ziel schafft und der Erde
ihren Sinn giebt und ihre Zukunft: dieser erst schafft es, daß etwas
gut und böse ist." (Zarathustra, 3. Teil, Von alten und neuen Tafeln.)
Auch dann wenn der freie Geist handelt, wie es dem Herkommen gemäß
ist, dann thut er es, weil er die herkömmlichen Motive zu den seinigen
machen will, und weil er es in bestimmten Fällen nicht für nötig hält,
an die Stelle des Herkömmlichen etwas Neues zu setzen.
22.
Der Starke sucht in der Durchsetzung seines schaffenden Selbst seine
Lebensaufgabe. Diese Selbstsucht unterscheidet ihn von den Schwachen,
die in der selbstlosen Hingabe an das, was sie das Gute nennen,
die Sittlichkeit sehen. Die Schwachen predigen die Selbstlosigkeit
als die höchste Tugend. Ihre Selbstlosigkeit ist aber nur die Folge
ihres Mangels an Schaffenskraft. Hätten sie ein schaffendes Selbst,
so würden sie dieses auch durchsetzen wollen. Der Starke liebt den
Krieg, denn er braucht den Krieg, um seine Schöpfungen gegen die
widerstrebenden Mächte durchzusetzen.
"Euren Feind sollt ihr suchen, euren Krieg sollt ihr führen und
für eure Gedanken! Und wenn euer Gedanke unterliegt, so soll eure
Redlichkeit darüber noch Triumph rufen!
"Ihr sollt den Frieden lieben als Mittel zu neuen Kriegen. Und den
kurzen Frieden mehr als den langen.
"Euch rate ich nicht zur Arbeit, sondern zum Kampfe. Euch rate ich
nicht zum Frieden, sondern zum Siege. Eure Arbeit sei ein Kampf,
euer Friede sei ein Sieg!
"Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich
aber sage euch: der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt.
"Der Krieg und der Mut haben mehr große Dinge gethan, als die
Nächstenliebe. Nicht euer Mitleiden, sondern eure Tapferkeit rettete
bisher die Verunglückten." (Zarathustra, 1. Teil, Vom Krieg und
Kriegsvolke.)
Unerbittlich und ohne Schonung des Widerstrebenden handelt der
Schaffende. Er kennt nicht die Tugend der Leidenden: das Mitleid. Aus
seiner Kraft kommen die Antriebe des Schaffenden, nicht aus dem Gefühle
des fremden Leidens. Daß die Kraft siege, dafür setzt er sich ein,
nicht daß das Leidende, Schwache gepflegt werde. Schopenhauer hat die
ganze Welt für ein Lazarett erklärt, und die aus dem Mitgefühle mit
den Leidenden entspringenden Handlungen für die höchsten Tugenden. Er
hat damit die Moral des Christentums in anderer Form ausgesprochen,
als dieses selbst es thut. Der Schaffende fühlt sich nicht berufen,
Krankenwärterdienste zu verrichten. Die Tüchtigen, Gesunden können
nicht um der Schwachen, Kranken willen da sein. Das Mitleid schwächt
die Kraft, den Mut, die Tapferkeit.
Das Mitleid sucht gerade das zu erhalten, was der Starke überwinden
will: die Schwäche, das Leiden. Der Sieg des Starken über das
Schwache ist der Sinn aller menschlichen, wie aller natürlichen
Entwickelung. "Leben selbst ist wesentlich Aneignung, Verletzung,
Überwältigung des Fremden und Schwächeren, Unterdrückung, Härte,
Aufzwängung eigener Formen, Einverleibung und mindestens, mildestens,
Ausbeutung." (Jenseits von Gut und Böse § 259.)
"Und wollt ihr nicht Schicksale sein und Unerbittliche: wie könntet
ihr mit mir -- siegen?
"Und wenn eure Härte nicht blitzen und scheiden und zerschneiden will:
wie könntet ihr einst mit mir -- schaffen?
"Die Schaffenden nämlich sind hart. Und Seligkeit muß es euch dünken,
eure Hand auf Jahrtausende zu drücken wie auf Wachs, --
"-- Seligkeit, auf dem Willen von Jahrtausenden zu schreiben wie
auf Erz, -- härter als Erz, edler als Erz. Ganz hart ist allein
das Edelste.
"Diese neue Tafel, o meine Brüder, stelle ich über euch: werdet
hart." (Zarathustra, 3. Teil, Von alten und neuen Tafeln.)
Der freie Geist macht keinen Anspruch auf Mitleid. Wer ihn bemitleiden
wollte, den müßte er fragen: hältst du mich für so schwach, daß ich
mein Leid nicht selbst tragen kann? Ihm geht jedes Mitleid gegen die
Scham. Nietzsche bringt den Widerwillen des Starken gegen das Mitleiden
im vierten Teil seines "Zarathustra" zur Anschauung. Zarathustra
kommt auf seinen Wanderungen in ein Thal, das "Schlangentod"
heißt. Kein Lebewesen findet sich hier. Nur eine Art häßlicher
grüner Schlangen kommt hierher, um zu sterben. Dieses Thal hat der
"häßlichste Mensch" aufgesucht. Dieser will von keinem Wesen gesehen
werden wegen seiner Häßlichkeit. In diesem Thal sieht ihn niemand
außer Gott. Aber auch dessen Anblick kann er nicht ertragen. Das
Bewußtsein, daß Gottes Blicke in alle Räume dringen, ist ihm zur
Last. Er hat deshalb Gott getötet, d. h. er hat den Glauben an
Gott in sich ertötet. Er ist zum Atheisten geworden wegen seiner
Häßlichkeit. Als Zarathustra diesen Menschen sieht, überfällt ihn
noch einmal das, was er für immer in sich getilgt zu haben glaubt:
das Mitleid mit der furchtbaren Häßlichkeit. Dies ist eine Versuchung
Zarathustras. Er weist aber das Gefühl des Mitleids bald zurück und
wird wieder hart. Der häßlichste Mensch sagt zu ihm: Deine Härte ehrt
meine Häßlichkeit. Ich bin zu reich an Häßlichkeit, um irgend eines
Menschen Mitleid zu ertragen. Mitleid geht gegen die Scham.
Wer Mitleid braucht, kann nicht allein stehen, und der freie Geist
will vollständig auf sich selbst gestellt sein.
23.
Mit der Aufzeigung des natürlichen Willens zur Macht als Ursache
der menschlichen Handlungen geben sich die Schwachen nicht
zufrieden. Sie suchen nicht bloß nach natürlichen Zusammenhängen
in der Menschenentwickelung, sondern sie suchen das Verhältnis der
menschlichen Handlungen zu dem, was sie als den "Willen an sich",
die "ewige, sittliche Weltordnung" nennen. Wer dieser Weltordnung
zuwiderhandelt, dem sprechen sie eine Schuld zu. Und sie begnügen
sich auch nicht damit, eine Handlung nach ihren natürlichen Folgen zu
bewerten, sondern sie machen den Anspruch darauf, daß eine schuldvolle
Handlung auch moralische Folgen, Strafen nach sich ziehe. Sie nennen
sich selbst schuldig, wenn sie ihr Handeln mit der sittlichen
Weltordnung nicht in Übereinstimmung finden; sie wenden sich mit
Abscheu von dem Quell des Bösen in sich ab und nennen dies Gefühl
böses Gewissen. Alle diese Begriffe läßt die starke Persönlichkeit
nicht gelten. Sie kümmert sich nur um die natürlichen Folgen ihrer
Handlungen. Sie fragt: wieviel ist meine Handlungsweise für das Leben
wert? Entspricht sie dem, was ich gewollt habe? Der Starke kann sich
grämen, wenn ihm eine Handlung fehlschlägt, wenn das Resultat seinen
Absichten nicht entspricht. Aber er klagt sich nicht an. Denn er mißt
seine Handlungsweise nicht an außernatürlichen Maßstäben. Er weiß,
daß er so handelt, wie es seinen natürlichen Trieben entspricht,
und kann höchstens bedauern, daß diese nicht besser sind. Ebenso
hält er es mit der Beurteilung fremder Handlungen. Ein moralisches
Abschätzen der Handlungen kennt er nicht. Er ist Immoralist.
Was das Herkommen als böse bezeichnet, sieht der Immoralist
ebenso als Ausfluß menschlicher Instinkte an, wie das Gute. Die
Strafe gilt ihm nicht als moralisch bedingt, sondern nur als ein
Mittel, Instinkte gewisser Menschen, die andern schädlich sind,
auszurotten. Die Gesellschaft straft nach Ansicht des Immoralisten
nicht deswegen, weil sie ein "moralisches Recht" hat, die Schuld
zu sühnen, sondern allein, weil sie sich stärker erweist, als der
Einzelne, welcher der Gesamtheit widerstrebende Instinkte hat. Die
Macht der Gesellschaft steht gegen die Macht des Einzelnen. Dies ist
der natürliche Zusammenhang einer "bösen" Handlung des Einzelnen
mit der Rechtsprechung der Gesellschaft und der Bestrafung dieses
Einzelnen. Es ist der Wille zur Macht, d. h. zum Ausleben jener
Instinkte, die bei der Mehrzahl der Menschen vorhanden sind, der
sich in der Rechtspflege einer Gesellschaft äußert. Der Sieg einer
Mehrheit über einen Einzelnen ist jede Bestrafung. Siegte der Einzelne
über die Gesellschaft, so müßte seine Handlungsweise als gut, die der
andern als böse bezeichnet werden. Das jeweilige Recht drückt nur aus,
was die Gesellschaft eben als die beste Grundlage ihres Willens zur
Macht anerkennt.
24.
Weil Nietzsche in der menschlichen Handlungsweise nur einen
Ausfluß der Instinkte sieht, und diese letzteren bei verschiedenen
Menschen verschieden sind, scheint es ihm notwendig, daß auch
deren Handlungsweisen verschieden sind. Nietzsche ist deshalb ein
entschiedener Gegner des demokratischen Grundsatzes: Gleiche Rechte
und gleiche Pflichten für alle. Die Menschen sind ungleich, deshalb
müssen auch ihre Rechte und Pflichten ungleich sein. Der natürliche
Gang der Weltgeschichte wird stets starke und schwache, schaffende
und unfruchtbare Menschen aufweisen. Und die Starken werden immer
dazu berufen sein, den Schwachen die Ziele zu bestimmen. Ja noch
mehr: die Starken werden sich der Schwachen als Mittel zum Zwecke,
d. h. als Sklaven bedienen. Nietzsche spricht natürlich nicht von einem
"moralischen" Recht der Starken zur Haltung von Sklaven. "Moralische"
Rechte erkennt er nicht an. Sondern er ist der Meinung, daß die
Überwindung des Schwächeren durch den Stärkeren, die er für das
Princip alles Lebens hält, notwendig zur Sklaverei führen muß.
Es ist auch natürlich, daß sich der Überwundene gegen den Überwinder
auflehnt. Wenn diese Auflehnung sich nicht durch die That äußern
kann, so äußert sie sich wenigstens im Gefühle. Und der Ausdruck
dieses Gefühles ist die Rache, die stets in den Herzen derer wohnt,
die in irgend einer Weise von den besser Veranlagten überwunden
worden sind. Als Ausfluß dieser Rache sieht Nietzsche die moderne
socialdemokratische Bewegung an. Der Sieg dieser Bewegung würde ihm
eine Erhöhung der Mißratenen, Übel-Weggekommenen zu Ungunsten der
Besseren sein. Gerade das Gegenteil strebt Nietzsche an: die Pflege
der starken, selbstherrlichen Persönlichkeit. Und er haßt die Sucht,
die alles gleich machen und die souveräne Individualität in dem Meere
der allgemeinen Mittelmäßigkeit verschwinden lassen will.
Nicht alle sollen dasselbe haben und genießen, meint Nietzsche,
sondern jeder soll haben und genießen, was er nach Maßgabe seiner
persönlichen Stärke erreichen kann.
25.
Was der Mensch wert ist, hängt allein von dem Wert seiner Instinkte
ab. Durch nichts anderes kann der Wert des Menschen bestimmt
werden. Man spricht von dem Werte der Arbeit. Die Arbeit soll den
Menschen adeln. Aber die Arbeit hat an sich gar keinen Wert. Nur
dadurch, daß sie dem Menschen dient, erhält sie einen Wert. Nur
insofern sich die Arbeit als natürliche Folge der menschlichen
Neigungen darstellt, ist sie des Menschen würdig. Wer sich zum Diener
der Arbeit macht, entwürdigt sich. Nur der Mensch, der nicht sich
selbst seinen Wert bestimmen kann, sucht diesen Wert an der Größe
seines Werkes abzumessen. Es ist charakteristisch für das demokratische
Bürgertum der neueren Zeit, daß es in der Wertbemessung des Menschen
sich nach dessen Arbeit richtet. Sogar Goethe ist von dieser Gesinnung
nicht frei. Läßt er doch seinen Faust die volle Befriedigung in dem
Bewußtsein gethaner Arbeit finden.
26.