weltfreundliche Gedanken zu schaffen, sondern als Zweck, als Ziel,
kann nur Wertloses schaffen. Der wahre Philosoph flieht auf der einen
Seite die Wirklichkeit nur, um sich auf der anderen um so tiefer in
sie einzubohren. Aber es ist begreiflich, daß dieser Grundinstinkt
den Philosophen leicht dazu verführen kann, die Weltflucht als solche
für wertvoll zu halten. Dann wird der Philosoph zu einem Anwalt der
Weltverneinung. Er lehrt Abkehr vom Leben, asketisches Ideal. Er
findet: "Ein gewisser Asketismus ..... eine harte und heitere
Entsagsamkeit besten Willens gehört zu den günstigen Bedingungen
höchster Geistigkeit, insgleichen auch zu deren natürlichsten Folgen:
so wird es von vornherein nicht Wunder nehmen, wenn das asketische
Ideal gerade von den Philosophen nie ohne einige Voreingenommenheit
behandelt worden ist." (Genealogie der Moral, 3. Abteilung § 8.)
17.
Einen andern Ursprung haben die asketischen Ideale der Priester. Was
bei dem Philosophen durch das Überwuchern eines bei ihm berechtigten
Triebes entsteht, das bildet das Grundideal des priesterlichen
Wirkens. Der Priester sieht in der Hingabe des Menschen an das
wirkliche Leben einen Irrtum; er verlangt, daß man dieses Leben
gering achte gegenüber einem andern Leben, das von höheren als
bloß natürlichen Kräften gelenkt wird. Der Priester leugnet, daß das
wirkliche Leben einen Sinn in sich selbst habe, und er fordert, daß ihm
dieser Sinn verliehen werde durch Einimpfung eines höheren Willens. Er
sieht das Leben in der Zeitlichkeit als unvollkommen an und stellt ihm
ein ewiges, vollkommenes Leben gegenüber. Abkehr von der Zeitlichkeit
und Einkehr in das Ewige, Unwandelbare lehrt der Priester. Ich möchte
als besonders bezeichnend für die priesterliche Denkweise einige Sätze
aus dem berühmten Buche "Die deutsche Theologie" anführen, das aus
dem 14. Jahrhundert stammt und von dem Luther sagt, daß er aus keinem
Buche, die Bibel und den heiligen Augustin ausgenommen, mehr gelernt
habe, was Gott, Christus und der Mensch sei, als aus diesem. Auch
Schopenhauer findet, daß der Geist des Christentums in diesem Buche
vollkommen und kräftig ausgesprochen ist. Nachdem der Verfasser, der
uns unbekannt ist, auseinander gesetzt hat, daß alle Dinge der Welt
nur ein Unvollkommenes und Geteiltes seien gegenüber dem Vollkommenen,
"das in sich und in seinem Wesen alle Wesen begriffen und beschlossen
hat, und ohne das und außer dem kein wahres Wesen ist und in dem
alle Dinge ihr Wesen haben", führt er aus, daß der Mensch in dieses
Wesen nur eindringen kann, wenn er "Kreatürlichkeit, Geschaffenheit,
Ichheit, Selbstheit und dergleichen alles verloren" und in sich zu
nichte gemacht hat. Was von dem Vollkommenen ausgeflossen ist und was
der Mensch als seine wirkliche Welt erkennt, das wird folgendermaßen
charakterisiert: "Das ist kein wahres Wesen und hat kein Wesen anders
denn in dem Vollkommenen, sondern es ist ein Zufall oder ein Glanz
und ein Schein, der kein Wesen ist oder kein Wesen hat anders als
in dem Feuer, wo der Glanz ausfließt, oder in der Sonne, oder in dem
Lichte. Die Schrift spricht und der Glaube und die Wahrheit: Sünde sei
nichts anderes, denn daß sich die Kreatur abkehrt von dem unwandelbaren
Gute und kehret sich zu dem wandelbaren, das ist: daß sie sich kehrt
von dem Vollkommenen zu dem Geteilten und Unvollkommenen und allermeist
zu sich selber. Nun merke. Wenn sich die Kreatur etwas Gutes annimmt,
als Wesens, Lebens, Wissens, Erkennens, Vermögens und kürzlich alles
dessen, was man gut nennen soll, und meint, daß sie das sei oder daß
es das Ihre sei oder ihr zugehöre oder daß es von ihr sei: so oft
und viel dabei geschieht, so kehrt sie sich ab. Was that der Teufel
anders oder was war sein Fall und Abkehren anders, als daß er sich
annahm, er wäre auch etwas und etwas wäre sein und ihm gehörte auch
etwas zu? Dies Annehmen und sein Ich und sein Mich, sein Mir und sein
Mein, das war sein Abkehren und sein Fall. Also ist es noch .... Denn
alles das, was man für gut hält oder gut nennen soll, das gehört
niemand zu, denn allein dem ewigen wahren Gut, der Gott allein ist,
und wer sich dessen annimmt, der thut Unrecht und wider Gott". (1.,
2., 4. Kap. der deutsch. Theol., 3. Aufl., übersetzt von Pfeiffer.)
Diese Sätze sprechen die Gesinnung jedes Priesters aus. Sie
sprechen den eigentlichen Charakter der Priesterlichkeit aus. Und
dieser Charakter ist das Gegenteil desjenigen, den Nietzsche als den
höherwertigen, den lebenswürdigen bezeichnet. Der höherwertige Typus
Mensch will alles, was er ist, nur durch sich sein; er will, daß alles,
was er für gut hält und gut nennt, niemand zugehört, denn ihm selbst.
Aber jene minderwertige Gesinnung ist kein Ausnahmefall. Sie "ist eine
der breitesten und längsten Thatsachen, die es giebt. Von einem fernen
Gestirn aus gelesen, würde vielleicht die Majuskelschrift unseres
Erdendaseins zu dem Schluß verführen, die Erde sei der eigentlich
asketische Stern, ein Winkel mißvergnügter, hochmütiger und widriger
Geschöpfe, die einen tiefen Verdruß an sich, an der Erde, an allem
Leben gar nicht los würden." (Genealogie der Moral, 3. Abteilung §
11.) Der asketische Priester ist deshalb eine Notwendigkeit, weil die
Mehrzahl der Menschen an einer "Hemmung und Ermüdung" der Lebenskräfte
leidet, weil sie an der Wirklichkeit leidet. Der asketische Priester
ist der Tröster und Arzt derjenigen, die am Leben leiden. Er tröstet
sie dadurch, daß er ihnen sagt: dieses Leben, an dem ihr leidet,
ist nicht das wahre Leben; das wahre Leben ist denjenigen, die an
diesem Leben leiden, viel leichter erreichbar als den Gesunden, die
an diesem Leben hängen und sich ihm hingeben. Durch solche Aussprüche
züchtet der Priester die Verachtung, die Verleumdung dieses wirklichen
Lebens. Er bringt endlich die Gesinnung hervor, die sagt: um das wahre
Leben zu erreichen, muß dieses wirkliche Leben verneint werden. In
der Verbreitung dieser Gesinnung sucht der asketische Priester
seine Stärke. Er beseitigt durch die Züchtung dieser Gesinnung eine
große Gefahr, die den Gesunden, Starken, Selbstbewußten von den
Verunglückten, Niedergeworfenen, Zerbrochenen droht. Die letzteren
hassen die Gesunden und die leiblich und seelisch Glücklichen,
die ihre Kräfte aus der Natur nehmen. Diesen Haß, der sich dadurch
äußern müßte, daß die Schwachen gegen die Starken einen fortwährenden
Vernichtungskrieg führten, sucht der Priester niederzuhalten. Er
stellt deshalb die Starken als diejenigen hin, die ein wertloses,
menschenunwürdiges Leben führen und behauptet dagegen, daß das wahre
Leben allein denen erreichbar ist, die von dem Erdenleben geschädigt
werden. "Der asketische Priester muß uns als der vorherbestimmte
Heiland, Hirt und Anwalt der kranken Herde gelten: damit erst
verstehen wir seine ungeheure historische Mission. Die Herrschaft
über Leidende ist sein Reich, auf sie weist ihn sein Instinkt an,
in ihr hat er seine eigenste Kunst, seine Meisterschaft, seine Art
von Glück." (Genealogie, 3. Abth. § 15.)
Es ist kein Wunder, wenn eine solche Denkweise endlich dazu führt,
daß ihre Anhänger nicht nur das Leben verachten, sondern geradezu
auf seine Zerstörung hinarbeiten. Wenn den Menschen gesagt wird,
nur der Leidende, der Schwache kann wirklich zu einem höheren
Leben kommen, so wird endlich das Leiden, die Schwäche gesucht
werden. Sich selbst Schmerz zuzufügen, den Willen in sich ganz
ertöten, das wird Ziel des Lebens werden. Die Opfer dieser Gesinnung
sind die Heiligen. "Völlige Keuschheit und Entsagung aller Wollust
für den, welcher eigentliche Heiligkeit anstrebt; Wegwerfung alles
Eigentums, Verlassung jedes Wohnortes, aller Angehörigen, tiefe,
gänzliche Einsamkeit, zugebracht in stillschweigender Betrachtung,
mit freiwilliger Buße und schrecklicher langsamer Selbstpeinigung,
zur gänzlichen Mortifikation des Willens, welche zuletzt bis zum
freiwilligen Tode geht durch Hunger, auch durch Entgegengehen
den Krokodilen, durch Herabstürzen vom geheiligten Felsengipfel im
Himalaya, durch Lebendigbegrabenwerden, auch durch Hinwerfung unter die
Räder des unter Gesang, Jubel und Tanz der Bajaderen die Götterbilder
umfahrenden Wagens", dies sind die letzten Früchte der asketischen
Gesinnung. (Schopenhauer, Welt als Wille und Vorstellung § 68.)
Diese Denkweise ist dem Leiden am Leben entsprungen, und sie richtet
ihre Waffen gegen das Leben. Wenn der Gesunde, Lebensfrohe von
ihr angesteckt wird, dann tilgt sie bei ihm die gesunden, starken
Instinkte aus. Nietzsches Werk gipfelt darinnen, dieser Lehre
gegenüber etwas anderes geltend zu machen, eine Ansicht für Gesunde,
Wohlgeratene. Mögen die Mißratenen, Verdorbenen in der Lehre der
asketischen Priester ihr Heil suchen; die Gesunden will Nietzsche
um sich sammeln und ihnen eine Meinung sagen, die ihnen besser zu
Gesichte steht, als jedes lebensfeindliche Ideal.
18.
Auch in den Pflegern der modernen Wissenschaft steckt noch das
asketische Ideal. Zwar rühmt sich diese Wissenschaft, alle alten
Glaubensvorstellungen über Bord geworfen zu haben und sich nur
an die Wirklichkeit zu halten. Sie will nichts gelten lassen, was
sich nicht zählen, berechnen, wägen, sehen und greifen läßt. Daß
man auf diese Weise "das Dasein zu einer Rechenknechtsübung und
Stubenhockerei für Mathematiker" herabwürdigt, ist den modernen
Gelehrten gleichgültig. (Fröhliche Wissenschaft § 373.) Ein Recht,
die vor seinen Sinnen und seiner Vernunft vorüberziehenden Vorkommnisse
der Welt zu interpretieren, sodaß er sie mit seinem Denken beherrschen
kann, schreibt sich ein solcher Gelehrter nicht zu. Er sagt: die
Wahrheit muß von meiner Interpretationskunst unabhängig sein, und ich
habe die Wahrheit nicht zu schaffen, sondern ich muß sie mir von den
Erscheinungen der Welt diktieren lassen.
Wozu diese moderne Wissenschaft zuletzt gelangt, wenn sie sich alles
Zurechtlegens der Welterscheinungen enthält, das hat ein Anhänger
dieser Wissenschaft (Richard Wahle) in einem soeben erschienenen Buche
("Das Ganze der Philosophie und ihr Ende") ausgesprochen: "Was könnte
der Geist, der in das Weltgehäuse spähend und in sich die Fragen
nach dem Wesen und dem Ziele des Geschehens herumwälzte, endlich als
Antwort finden? Es ist ihm widerfahren, daß er, wie er so scheinbar
im Gegensatze zur umgebenden Welt dastand, sich auflöste und in einer
Flucht von Vorkommnissen mit allen Vorkommnissen zusammenfloß. Er
"wußte" nicht mehr die Welt; er sagte, ich bin nicht sicher, daß
Wissende da sind, sondern Vorkommnisse sind da schlechthin. Sie kommen
freilich in solcher Weise, daß der Begriff eines Wissens vorschnell,
ungerechtfertigt entstehen konnte .... Und "Begriffe" huschten empor,
um Licht in die Vorkommnisse zu bringen, aber es waren Irrlichter,
Seelen der Wünsche nach Wissen, erbärmliche, in ihrer Evidenz
nichtssagende Postulate einer unausgefüllten Wissensform. Unbekannte
Faktoren müssen im Wechsel walten. Über ihre Natur war Dunkel
gebreitet. Vorkommnisse sind der Schleier des Wahrhaften."
Daß die menschliche Persönlichkeit in die Vorkommnisse der Wirklichkeit
einen Sinn hineinlegen könne und die unbekannten Faktoren, die im
Wechsel der Ereignisse walten, aus eigenem Vermögen ergänzen könne,
daran denken die modernen Gelehrten nicht. Sie wollen nicht die
Flucht der Erscheinungen durch die Ideen interpretieren, die aus ihrer
Persönlichkeit stammen. Sie wollen die Erscheinungen bloß beobachten
und beschreiben, aber nicht deuten. Sie wollen bei dem Thatsächlichen
stehen bleiben und es der schöpferischen Phantasie nicht gestatten,
sich ein in sich gegliedertes Bild von der Wirklichkeit zu machen.
Wenn ein phantasievoller Naturforscher, wie z. B. Ernst Haeckel,
aus den Ergebnissen einzelner Beobachtungen ein Gesamtbild
der Entwickelung des organischen Lebens auf der Erde entwirft,
dann fallen diese Fanatiker der Thatsächlichkeit über ihn her und
zeihen ihn der Versündigung an der Wahrheit. Die Bilder, die er von
dem Leben in der Natur entwirft, können sie nicht mit Augen sehen,
oder mit Händen greifen. Ihnen ist das unpersönliche Urteil lieber,
als das durch den Geist der Persönlichkeit gefärbte. Sie möchten bei
ihren Beobachtungen am liebsten die Persönlichkeit ganz ausschalten.
Es ist das asketische Ideal, das die Fanatiker der Thatsächlichkeit
beherrscht. Sie wollen eine Wahrheit jenseits des persönlichen,
individuellen Urteiles. Was der Mensch in die Dinge
"hineinphantasieren" kann, bekümmert sie nicht; die "Wahrheit"
ist ihnen etwas absolut Vollkommenes, ein Gott; der Mensch soll sie
entdecken, sich ihr ergeben, aber sie nicht schaffen. Die Naturforscher
und die Geschichtschreiber sind gegenwärtig von dem gleichen Geiste
des asketischen Ideals beseelt. Überall Aufzählen, Beschreiben von
Thatsachen, und nichts darüber. Jedes Zurechtlegen der Thatsachen
ist verpönt. Alles persönliche Urteilen soll unterbleiben.
Unter diesen modernen Gelehrten finden sich auch Atheisten. Diese
Atheisten sind aber keine freieren Geister als ihre Zeitgenossen,
die an Gott glauben. Mit den Mitteln der modernen Wissenschaft
läßt sich das Dasein Gottes nicht beweisen. Hat sich doch eine der
Leuchten moderner Wissenschaft (Du Bois-Reymond) über die Annahme
einer "Weltseele" also geäußert: bevor der Naturforscher sich zu
einer solchen Annahme entschließt, verlangt er, "daß ihm irgendwo in
der Welt, in Neuroglia gebettet und mit warmem arteriellen Blut unter
richtigem Druck gespeist, ein dem geistigen Vermögen solcher Seele an
Umfang entsprechendes Konvolut von Ganglienzellen und Nervenfasern
gezeigt" werde (Grenzen des Naturerkennens S. 44). Die moderne
Wissenschaft lehnt den Glauben an Gott ab, weil dieser Glaube neben
dem Glauben an die "objektive Wahrheit" nicht bestehen kann. Diese
"objektive Wahrheit" ist aber nichts anderes als ein neuer Gott,
der über den alten gesiegt hat. "Der unbedingte redliche Atheismus
(und seine Luft allein atmen wir, wir geistigeren Menschen dieses
Zeitalters!) steht nicht im Gegensatz zu jenem (asketischen)
Ideale, wie es den Anschein hat; er ist vielmehr nur eine seiner
letzten Entwickelungsphasen, eine seiner Schlußformen und inneren
Folgerichtigkeiten, er ist die Ehrfurcht gebietende Katastrophe einer
zweitausendjährigen Zucht zur Wahrheit, welche am Schlusse sich die
Lüge im Glauben an Gott verbietet." (Genealogie, 3. Abteilung §
27.) Der Christ sucht die Wahrheit in Gott, weil er Gott für den
Quell aller Wahrheit hält; der moderne Atheist lehnt den Glauben an
Gott ab, weil ihm sein Gott, sein Ideal von Wahrheit diesen Glauben
verbietet. Der moderne Geist sieht in Gott eine menschliche Schöpfung;
in der "Wahrheit" sieht er etwas, was ohne alles menschliche Zuthun
durch sich selbst besteht. Der wirklich "freie Geist" geht noch
weiter. Er fragt: "Was bedeutet aller Wille zur Wahrheit?" Wozu
Wahrheit? Alle Wahrheit entsteht doch dadurch, daß der Mensch
über die Erscheinungen der Welt nachdenkt, sich Gedanken über die
Dinge bildet. Der Mensch selbst ist der Schöpfer der Wahrheit. Der
"freie Geist" kommt zum Bewußtsein seines Schaffens der Wahrheit. Er
betrachtet die Wahrheit nicht mehr als etwas, dem er sich unterordnet;
er betrachtet sie als sein Geschöpf.
19.
Die mit schwachen, mißratenen Erkenntnisinstinkten ausgestatteten
Menschen wagen es nicht, aus der Begriffe bildenden Macht
ihrer Persönlichkeit heraus den Welterscheinungen einen Sinn
unterzulegen. Sie wollen, daß ihnen die "Gesetzmäßigkeit der Natur"
als Thatbestand vor die Sinne trete. Ein subjektives, der Einrichtung
des menschlichen Geistes gemäß geformtes Weltbild scheint ihnen
wertlos. Aber die bloße Beobachtung der Vorkommnisse in der Welt
liefert uns nur ein zusammenhangloses und doch nicht in Einzelheiten
gesondertes Weltbild. Dem bloßen Beobachter der Dinge erscheint
kein Gegenstand, kein Geschehnis wichtiger, bedeutungsvoller als
das andere. Das rudimentäre Organ eines Organismus, das vielleicht
dann, wenn wir darüber nachgedacht haben, ohne alle Bedeutung für
die Entwickelung des Lebens erscheint, steht gerade mit demselben
Anspruch auf Beachtung da, wie der edelste Teil des Organismus,
so lange wir bloß den objektiven Thatbestand beschauen. Ursache
und Wirkung sind aufeinanderfolgende Erscheinungen, die ineinander
überfließen, ohne durch etwas getrennt zu sein, so lange wir sie bloß
beobachten. Erst wenn wir mit unserem Denken einsetzen, die ineinander
fließenden Erscheinungen sondern und gedanklich aufeinander beziehen,
wird ein gesetzmäßiger Zusammenhang sichtbar. Erst das Denken erklärt
die eine Erscheinung für die Ursache, die andere für die Wirkung. Wir
sehen einen Regentropfen auf den Erdboden fallen und eine Vertiefung
hervorrufen. Ein Wesen, das nicht denken kann, wird hier nicht
Ursache und Wirkung sehen, sondern nur eine Aufeinanderfolge von
Erscheinungen. Ein denkendes Wesen isoliert die Erscheinungen,
bringt die isolierten Fakten in ein Verhältnis und bezeichnet
das eine Faktum als Ursache, das andere als Wirkung. Durch die
Beobachtung wird der Intellekt angeregt, Gedanken zu produzieren
und diese mit den beobachteten Thatsachen zu einem gedankenvollen
Weltbilde zu verschmelzen. Der Mensch thut dies, weil er die Summe der
Beobachtungen gedanklich beherrschen will. Ein ihm gegenüberstehendes
Gedankenleeres drückt auf ihn wie eine unbekannte Macht. Er widersetzt
sich dieser Macht, überwindet sie, indem er sie denkbar macht. Auch
alles Zählen, Wägen und Berechnen der Erscheinungen geschieht
aus demselben Grunde. Es ist der Wille zur Macht, der sich in dem
Erkenntnistriebe auslebt. (Ich habe den Erkenntnisprozeß im einzelnen
dargestellt in meinen beiden Schriften: "Wahrheit und Wissenschaft"
und "Die Philosophie der Freiheit".)
Der stumpfe, schwache Intellekt will sich nicht eingestehen, daß
er es selbst ist, der als Äußerung seines Strebens nach Macht die
Erscheinungen interpretiert. Er hält auch seine Interpretation
für einen Thatbestand. Und er fragt: wie der Mensch dazu kommt,
einen solchen Thatbestand in der Wirklichkeit zu finden. Er fragt
z. B.: wie kommt es, daß der Intellekt in zwei aufeinander folgenden
Erscheinungen Ursache und Wirkung anerkennt? Alle Erkenntnistheoretiker
von Locke, Hume, Kant bis auf die Gegenwart haben sich mit dieser Frage
beschäftigt. Die Spitzfindigkeiten, die sie auf diese Untersuchung
verwendet haben, sind unfruchtbar geblieben. Die Erklärung ist gegeben
in dem Streben des menschlichen Intellekts nach Macht. Die Frage ist
gar nicht: sind Urteile, Gedanken über die Erscheinungen möglich,
sondern: hat der menschliche Intellekt solche Urteile nötig? Weil er
sie nötig hat, deshalb wendet er sie an, und nicht weil sie möglich
sind. Es kommt darauf an, "zu begreifen, daß zum Zweck der Erhaltung
von Wesen unserer Art solche Urteile als wahr geglaubt werden müssen;
weshalb sie natürlich noch falsche Urteile sein könnten!" (Jenseits
von Gut und Böse § 11.) "Und wir sind grundsätzlich geneigt, zu
behaupten, daß die falschesten Urteile uns die unentbehrlichsten
sind, daß ohne ein Geltenlassen der logischen Fiktionen, ohne ein
Messen der Wirklichkeit an der rein erfundenen Welt des Unbedingten,
Sich-selbst-Gleichen, ohne eine beständige Fälschung der Welt durch
die Zahl der Mensch nicht leben könnte, -- daß Verzichtleisten auf
falsche Urteile ein Verzichtleisten auf Leben, eine Verneinung des
Lebens wäre." (Ebenda § 4.) Wem dieser Ausspruch paradox erscheint,
der besinne sich darauf, wie fruchtbar die Anwendung der Geometrie
auf die Wirklichkeit ist, obgleich es nirgends in der Welt wirklich
geometrisch regelmäßige Linien, Flächen u. s. w. giebt.
Wenn der stumpfe, schwache Intellekt einsieht, daß alle Urteile
über die Dinge aus ihm selbst stammen, durch ihn produziert und mit
den Beobachtungen verschmolzen werden, dann hat er nicht den Mut,
diese Urteile rückhaltslos anzuwenden. Er sagt: Urteile solcher
Art können uns keine Erkenntnis von dem "wahren Wesen" der Dinge
vermitteln. Dieses "wahre Wesen" bleibt daher unserer Erkenntnis
verschlossen.
Noch in einer anderen Art sucht der schwache Intellekt zu beweisen,
daß durch das menschliche Erkennen kein Feststehendes gewonnen
werden kann. Er sagt: Der Mensch sieht, hört, tastet die Dinge
und Vorgänge. Was er dabei wahrnimmt, sind Eindrücke auf seine
Sinnesorgane. Wenn er eine Farbe, einen Ton wahrnimmt, so kann er nur
sagen: mein Auge, mein Ohr werden in einer gewissen Art bestimmt,
Farbe, Ton wahrzunehmen. Nicht etwas außer ihm nimmt der Mensch
wahr, sondern nur eine Bestimmung, eine Modifikation seiner eigenen
Organe. In der Wahrnehmung werden das Auge, das Ohr u. s. w. dazu
veranlaßt, in einer gewissen Weise zu empfinden; sie werden in
einen bestimmten Zustand versetzt. Diese Zustände seiner eigenen
Organe nimmt der Mensch als Farben, Töne, Gerüche u. s. w. wahr. In
aller Wahrnehmung nimmt der Mensch nur seine eigenen Zustände
wahr. Was er Außenwelt nennt, ist nur aus diesen seinen Zuständen
zusammengesetzt; ist also im eigentlichen Sinne sein Werk. Die Dinge,
die ihn veranlassen, aus sich heraus die Außenwelt zu spinnen, kennt
er nicht; nur ihre Wirkungen auf seine Organe. Einem von dem Menschen
geträumten Traume gleich, der durch ein Unbekanntes veranlaßt wird,
erscheint die Welt in dieser Beleuchtung.
Wenn dieser Gedanke konsequent zu Ende gedacht wird, so zieht
er folgenden Nachsatz nach sich. Auch seine Organe kennt der
Mensch nur, insofern er sie wahrnimmt; sie sind Glieder in
seiner Wahrnehmungswelt. Und seines eigenen Selbst wird sich
der Mensch nur bewußt, insofern er die Bilder der Welt aus sich
herausspinnt. Traumbilder nimmt er wahr und inmitten dieser Traumbilder
ein "Ich", an dem diese Traumbilder vorüberziehen. Jedes Traumbild
erscheint in Begleitung dieses "Ich". Man kann auch sagen: jedes
Traumbild erscheint inmitten der Traumwelt immer in Beziehung auf
dieses "Ich". Dieses "Ich" haftet als Bestimmung, als Eigenschaft
an den Traumbildern. Es ist somit, als Bestimmung von Traumbildern,
selbst ein Traumhaftes. J. G. Fichte faßt diese Ansicht in die Worte
zusammen: "Was durch das Wissen und aus dem Wissen entsteht, ist nur
ein Wissen. Alles Wissen aber ist nur Abbildung, und es wird in ihm
immer etwas gefordert, das dem Bilde entspreche. Diese Forderung kann
durch kein Wissen befriedigt werden; und ein System des Wissens ist
notwendig ein System bloßer Bilder, ohne alle Realität, Bedeutung
und Zweck." "Alle Realität" ist für Fichte ein wunderbarer "Traum,
ohne ein Leben, von welchem geträumt wird, und ohne einen Geist,
dem da träumt"; ein Traum, "der in einem Traume von sich selbst
zusammenhängt". (Bestimmung des Menschen, 2. Buch.)
Was hat diese ganze Gedankenkette für eine Bedeutung? Ein schwacher
Intellekt, der sich nicht unterfangen will, der Welt aus sich
heraus einen Sinn zu geben, sucht diesen Sinn in der Welt der
Beobachtungen. Er kann ihn da natürlich nicht finden, weil die bloße
Beobachtung gedankenleer ist.
Der starke, produktive Intellekt verwendet seine Begriffswelt dazu,
die Beobachtungen zu deuten; der schwache, unproduktive Intellekt
erklärt sich selbst für zu ohnmächtig, um das zu thun und sagt:
ich kann in den Erscheinungen der Welt keinen Sinn finden; sie sind
bloße Bilder, die an mir vorüberziehen. Der Sinn des Daseins muß
außerhalb, jenseits der Erscheinungswelt gesucht werden. Dadurch
wird die Erscheinungswelt, d. h. die menschliche Wirklichkeit für
einen Traum, eine Täuschung, ein Nichts erklärt und das "wahre Wesen"
der Erscheinungen wird in einem "Ding an sich" gesucht, bis zu dem
keine Beobachtung, kein Erkennen reicht, d. h. von dem sich der
Erkennende keine Vorstellung machen kann. Dieses "wahre Wesen" ist
also für den Erkennenden ein völlig leerer Gedanke, der Gedanke an ein
Nichts. Traum ist bei jenen Philosophen, die von dem "Ding an sich"
sprechen, die Erscheinungswelt; Nichts ist aber das, was sie als das
"wahre Wesen" dieser Erscheinungswelt ansehen. Die ganze philosophische
Bewegung, die von dem "Ding an sich" spricht und die in der neueren
Zeit sich namentlich auf Kant stützt, ist der Glaube an das Nichts,
ist philosophischer Nihilismus.
20.