Wenn die Menschen bloß gesunde Instinkte hätten und diesen gemäß

ihre Ideale bestimmten, so würde der theoretische Irrtum über

den Ursprung dieser Ideale nicht schaden. Die Idealisten hätten

zwar falsche Ansichten über die Herkunft ihrer Ziele, aber diese

Ziele selbst wären gesund, und das Leben müßte gedeihen. Aber es

giebt ungesunde Instinkte, die nicht auf Stärkung, Förderung des

Lebens, sondern auf dessen Schwächung, Verkümmerung abzielen. Diese

bemächtigen sich des genannten theoretischen Irrtums und machen ihn

zum praktischen Lebenszwecke. Sie verleiten den Menschen, zu sagen:

ein vollkommener Mensch ist nicht derjenige, der sich selbst, seinem

Leben dienen will, sondern derjenige, der sich der Verwirklichung

eines Ideals hingiebt. Unter dem Einfluß dieser Instinkte bleibt der

Mensch nicht bloß dabei stehen, irrtümlich seinen Zielen einen un-

oder übernatürlichen Ursprung anzudichten, sondern er macht sich

wirklich solche Ideale zurecht oder übernimmt sie von anderen, die

nicht den Bedürfnissen des Lebens dienen. Er strebt nicht mehr darnach,

die in seiner Persönlichkeit liegenden Kräfte ans Tageslicht zu ziehen,

sondern er lebt nach einem seiner Natur aufgezwungenen Musterbilde. Ob

er dieses Ziel einer Religion entnimmt, oder ob er es selbst auf Grund

gewisser, nicht in seiner Natur liegenden Voraussetzungen bestimmt:

darauf kommt es nicht an. Der Philosoph, der einen allgemeinen Zweck

der Menschheit im Auge hat und aus diesem seine sittlichen Ideale

ableitet, legt der menschlichen Natur ebenso Fesseln an, wie der

Religionsstifter, der den Menschen sagt: dies ist das Ziel, das euch

Gott gesetzt hat; und dem müßt ihr folgen. Es ist auch gleichgültig,

ob der Mensch sich vorsetzt, ein Ebenbild Gottes zu werden, oder

ob er ein Ideal des "vollkommenen Menschen" erfindet und diesem

möglichst ähnlich werden will. Wirklich ist nur der einzelne Mensch

und die Triebe und Instinkte dieses einzelnen Menschen. Nur wenn er

auf die Bedürfnisse seiner eigenen Person sein Augenmerk richtet,

kann der Mensch erfahren, was seinem Leben frommt. Der einzelne

Mensch wird nicht "vollkommen", wenn er sich verleugnet und einem

Vorbilde ähnlich wird, sondern wenn er das verwirklicht, was in ihm

zur Verwirklichung drängt. Die menschliche Thätigkeit erhält nicht

erst einen Sinn, wenn sie einem unpersönlichen, äußeren Zwecke dient;

sie hat ihren Sinn in sich selbst.

Der Anti-Idealist wird zwar auch in der ungesunden Abkehr des

Menschen von seinen ureigenen Instinkten noch eine Instinktäußerung

erblicken. Er weiß, daß der Mensch selbst das Instinktwidrige nur aus

Instinkt vollbringen kann. Er wird aber doch die Instinktwidrigkeit

bekämpfen, wie der Arzt eine Krankheit bekämpft, trotzdem er weiß,

daß sie naturgemäß aus bestimmten Ursachen entstanden ist. Es

darf also dem Anti-Idealisten nicht der Einwurf gemacht werden: du

behauptest, alles, was der Mensch erstrebt, also auch alle Ideale,

seien naturgemäß entstanden; dennoch bekämpfst du den Idealismus. Gewiß

entstehen Ideale ebenso naturgemäß wie Krankheiten; aber der Gesunde

bekämpft den Idealismus, wie er die Krankheit bekämpft. Der Idealist

aber sieht die Ideale als etwas an, das gehegt und gepflegt werden muß.

Der Glaube, daß der Mensch vollkommen erst wird, wenn er "höheren"

Zwecken dient, ist, nach Nietzsches Meinung, etwas, das überwunden

werden muß. Der Mensch muß sich auf sich selbst besinnen und erkennen,

daß er Ideale nur erschaffen hat, um sich zu dienen. Naturgemäß

leben, ist gesünder, als Idealen nachjagen, die angeblich nicht aus

der Wirklichkeit stammen. Den Menschen, der nicht unpersönlichen

Zielen dient, sondern der den Zweck und Sinn seines Daseins in sich

selbst sucht, der solche Tugenden zu den seinigen macht, die seiner

Kraftentfaltung, seiner Machtvollkommenheit dienen -- diesen Menschen

stellt Nietzsche höher als den selbstlosen Idealisten.

Dies ist es, was er durch seinen "Zarathustra" verkündet. Das souveräne

Individuum, das weiß, daß es nur aus seiner Natur heraus leben

kann, und das in einer seinem Wesen entsprechenden Lebensgestaltung

sein persönliches Ziel sieht, ist für Nietzsche der Übermensch, im

Gegensatz zu dem Menschen, der glaubt: ihm sei das Leben geschenkt,

um einem außer ihm selbst liegenden Zwecke zu dienen.

Den Übermenschen, d. h. den Menschen, der naturgemäß zu leben

versteht, lehrt Zarathustra. Er lehrt die Menschen, ihre Tugenden

als ihre Geschöpfe betrachten; er heißt sie diejenigen verachten,

die ihre Tugenden höher als sich selbst achten.

Zarathustra ist in die Einsamkeit gegangen, um sich frei zu machen von

der Demut, in der sich die Menschen beugen vor ihren Tugenden. Er geht

erst wieder unter Menschen, als er die Tugenden verachten gelernt hat,

die das Leben bändigen und nicht dem Leben dienen wollen. Er bewegt

sich nun leicht wie ein Tänzer, denn er folgt nur sich und seinem

Willen und achtet nicht auf die Linien, die ihm von den Tugenden

vorgezeichnet werden. Nicht schwer mehr lastet der Glaube auf seinem

Rücken, daß es unrecht sei, nur sich selbst zu folgen. Zarathustra

schläft nun nicht mehr, um von Idealen zu träumen; er ist ein

Wachender, der der Wirklichkeit sich frei gegenüberstellt. Ein

schmutziger Strom ist ihm der Mensch, der sich selbst verloren hat und

vor seinen eigenen Geschöpfen im Staube liegt. Der Übermensch ist ihm

ein Meer, das diesen Strom aufnimmt, ohne selbst unrein zu werden. Denn

der Übermensch hat sich selbst gefunden; er erkennt sich als Herrn und

Schöpfer seiner Tugenden. Zarathustra hat das Große erlebt, daß ihm

alle Tugend zum Ekel geworden ist, die über den Menschen gesetzt wird.

"Was ist das Größte, das ihr erleben könnt? Das ist die Stunde der

großen Verachtung. Die Stunde, in der euch euer Glück zum Ekel wird

und ebenso eure Vernunft und eure Tugend."

11.

Die Weisheit Zarathustras ist nicht nach dem Sinne der "modernen

Gebildeten". Sie möchten alle Menschen einander gleich machen. Wenn

alle nur nach einem Ziele streben, sagen sie, dann ist Zufriedenheit

und Glück auf Erden. Der Mensch soll zurückhalten, so fordern sie,

seine besondern persönlichen Wünsche und nur der Allgemeinheit,

dem gemeinsamen Glücke dienen. Friede und Ruhe wird dann auf der

Erde herrschen. Wenn jeder die gleichen Bedürfnisse hat, dann stört

keiner die Kreise des andern. Nicht sich und seine individuellen Ziele

soll der Einzelne im Auge haben, sondern nach der einmal bestimmten

Schablone sollen alle leben. Verschwinden soll alles einzelne Leben,

und Glieder der gemeinsamen Weltordnung sollen alle werden.

"Kein Hirt und eine Herde! Jeder will das Gleiche, jeder ist gleich,

wer anders fühlt, geht freiwillig ins Irrenhaus.

"'Ehemals war alle Welt irre' -- sagen die Feinsten und blinzeln.

"Man ist klug und weiß alles, was geschehen ist: so hat man kein

Ende zu spotten. Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald,

sonst verdirbt es den Magen."

Zarathustra ist zu lange Einsiedler gewesen, um solcher Weisheit zu

huldigen. Er hat die eigenartigen Töne gehört, die aus dem Innern der

Persönlichkeit erklingen, wenn der Mensch abseits steht von dem Lärm

des Marktes, wo einer nur die Worte des andern nachspricht. Und er

möchte es den Menschen in die Ohren rufen: höret auf die Stimmen,

die nur in jedem Einzelnen von euch erklingen. Denn die nur sind

naturgemäß, die nur sagen jedem, was er vermag. Ein Feind des Lebens,

des reichen, vollen Lebens, ist derjenige, welcher diese Stimmen

ungehört verhallen läßt und auf das gemeinsame Geschrei der Menschen

hört. Zu den Freunden der Gleichheit aller Menschen will Zarathustra

nicht sprechen. Sie könnten ihn nur mißverstehen. Denn sie würden

glauben, daß sein Übermensch jenes ideale Musterbild sei, dem alle

gleich werden sollen. Aber Zarathustra will den Menschen keine

Vorschriften darüber machen, wie sie sein sollen; er will nur jeden

Einzelnen auf sich selbst verweisen und ihm sagen: überlasse dich dir

selbst, folge nur dir allein, stelle dich über Tugend, Weisheit und

Erkenntnis. Zu solchen, die sich suchen wollen, spricht Zarathustra;

nicht einer Menge, die ein gemeinsames Ziel sucht, sondern solchen

Gefährten, gelten seine Worte, die gleich ihm einen eigenen Weg

gehen. Sie allein verstehen ihn, denn sie wissen, daß er nicht sagen

will: seht, dies ist der Übermensch, werdet wie er, sondern: seht,

ich habe mich gesucht; so bin ich, wie ich es euch lehre; geht hin

und sucht euch ebenso, dann habt ihr den Übermenschen.

"Den Einsiedlern werde ich mein Lied singen und den Zweisiedlern;

und wer noch Ohren hat für Unerhörtes, dem will ich sein Herz schwer

machen mit meinem Glücke."

12.

Zwei Tiere: die Schlange, als das klügste, und der Adler, als das

stolzeste Tier, begleiten Zarathustra. Sie sind die Symbole seiner

Instinkte. Klugheit schätzt Zarathustra, denn sie lehrt den Menschen

die verschlungenen Pfade der Wirklichkeit finden; sie lehrt ihn kennen,

was er zum Leben braucht. Und auch den Stolz liebt Zarathustra, denn

der Stolz bringt die Selbstachtung des Menschen hervor, durch die

dieser dazu kommt, sich selbst als den Sinn und Zweck seines Daseins

zu betrachten. Der Stolze stellt seine Weisheit, seine Tugend nicht

über sich selbst. Der Stolz bewahrt den Menschen davor, sich selbst zu

vergessen über "höheren, heiligeren" Zielen. Lieber noch als den Stolz

möchte Zarathustra die Klugheit verlieren. Denn die Klugheit, die nicht

von Stolz begleitet ist, sieht sich nicht als Menschenwerk an. Wem

der Stolz und die Selbstachtung fehlt, der glaubt, seine Klugheit sei

ihm vom Himmel geschenkt. Ein solcher sagt: ein Thor ist der Mensch,

und er hat nur so viel Weisheit, als ihm der Himmel schenken will.

"Und wenn mich einst meine Klugheit verläßt: -- ach, sie liebt es,

davonzufliegen! -- möge mein Stolz dann noch mit meiner Thorheit

fliegen!"

13.

Drei Verwandlungen muß der menschliche Geist durchmachen, bis er

sich selbst gefunden hat. Dies lehrt Zarathustra. Ehrfürchtig ist der

Geist zuerst. Er nennt Tugend, was auf ihm lastet. Er erniedrigt sich,

um seine Tugend zu erhöhen. Er sagt: alle Weisheit ist bei Gott, und

Gottes Wegen muß ich folgen. Gott legt mir das Schwerste auf, um meine

Kraft zu prüfen, ob sie auch stark sei und geduldig ausharre. Nur der

Geduldige ist stark. Gehorchen will ich, sagt der Geist auf dieser

Stufe, und ausführen die Gebote des Weltengeistes, ohne zu fragen,

was der Sinn dieser Gebote ist. Der Geist fühlt den Druck, den eine

höhere Macht auf ihn ausübt. Nicht seine Wege geht der Geist, sondern

die Wege dessen, dem er dient.

Es kommt die Zeit, wo der Geist inne wird, daß kein Gott zu ihm

redet. Dann will er frei sein und Herr in seiner eigenen Welt. Er

sucht nach einer Richtschnur für seine Geschicke. Er frägt nicht

mehr den Weltengeist, wie er sein Leben einrichten solle. Aber nach

einem festen Gesetz, nach einem heiligen "du sollst" strebt er. Er

sucht nach einem Maßstab, um den Wert der Dinge zu messen; er sucht

nach einem Unterscheidungszeichen von Gut und Böse. Es muß eine Regel

für mein Leben geben, die nicht von mir, von meinem Willen abhängt,

so spricht der Geist auf dieser Stufe. Dieser Regel will ich mich

fügen. Frei bin ich, meint der Geist, aber nur frei, um einer solchen

Regel zu gehorchen.

Auch diese Stufe überwindet der Geist. Er wird wie das Kind,

das bei seinem Spielen nicht fragt: wie soll ich dies oder jenes

machen, sondern das nur seinen Willen ausführt, das nur sich selbst

folgt. "Seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich

der Weltverlorne."

"Drei Verwandlungen nannte ich euch des Geistes: wie der Geist

zum Kamele ward, und zum Löwen das Kamel, und der Löwe zuletzt zum

Kinde. -- -- Also sprach Zarathustra."

14.

Was wollen die Weisen, die die Tugend über den Menschen stellen? fragt

Zarathustra. Sie sagen: die Ruhe der Seele kann nur haben, wer

seine Pflicht gethan hat, wer dem heiligen "du sollst" gefolgt

ist. Tugendhaft soll der Mensch sein, damit er nach gethaner Pflicht

träumen könne von erfüllten Idealen und keine Gewissensbisse fühle. Ein

Mensch mit Gewissensbissen gleicht, sagen die Tugendhaften, einem

Schlafenden, dem böse Träume die Nachtruhe stören.

"Wenige wissen das, aber man muß alle Tugenden haben, um gut zu

schlafen. Werde ich falsch Zeugnis reden? Werde ich ehebrechen?

"Werde ich mich gelüsten lassen meines Nächsten Magd? Das alles

vertrüge sich schlecht mit gutem Schlafe ...

"Friede mit Gott und dem Nachbar, so will es der gute Schlaf. Und

Friede auch noch mit des Nachbars Teufel! Sonst geht er bei dir des

Nachts um."

Nicht was sein Trieb ihn heißt, thut der Tugendhafte, sondern was

Seelenruhe bewirkt. Er lebt, um in Ruhe über das Leben träumen zu

können. Noch lieber ist es ihm, wenn den Schlaf, den er Seelenruhe

nennt, gar kein Traum stört. Das heißt: dem Tugendhaften ist es am

liebsten, wenn er irgendwoher die Regeln seines Handelns erhält und

im übrigen seine Ruhe genießen kann. "Seine Weisheit heißt: wachen,

um gut zu schlafen. Und wahrlich, hätte das Leben keinen Sinn, und

müßte ich Unsinn wählen, so wäre auch mir dies der wählenswürdigste

Unsinn," spricht Zarathustra.

Auch für Zarathustra gab es eine Zeit, da er glaubte, ein außerhalb

der Welt wohnender Geist, ein Gott, habe die Welt geschaffen. Einen

unzufriedenen, leidenden Gott dachte sich Zarathustra. Um sich eine

Befriedigung zu verschaffen, um von seinem Leiden loszukommen,

habe Gott die Welt erschaffen, meinte einst Zarathustra. Aber er

hat einsehen gelernt, daß es ein Wahnbild war, das er sich selbst

geschaffen hatte. "Ach, ihr Brüder, dieser Gott, den ich schuf,

war Menschenwerk und -Wahnsinn gleich allen Göttern!" Zarathustra

hat seine Sinne gebrauchen und die Welt betrachten gelernt. Und

zufrieden wurde er mit der Welt; nicht mehr schweiften seine Gedanken

ins Jenseits. Blind war er ehemals und konnte die Welt nicht sehen,

deshalb suchte er sein Heil außerhalb der Welt. Aber Zarathustra

hat sehen gelernt und erkennen, daß die Welt in sich selbst ihren

Sinn habe.

"Einen neuen Stolz lehrte mich mein Ich, den lehre ich die Menschen:

nicht mehr den Kopf in den Sand der himmlischen Dinge zu stecken,

sondern frei ihn zu tragen, meinen Erdenkopf, der der Erde Sinn

schafft."

15.

In Leib und Seele haben die Idealisten den Menschen gespalten,

in Idee und Wirklichkeit haben sie alles Dasein geteilt. Und sie

haben die Seele, den Geist, die Idee zu einem besonders Wertvollen

gemacht, um die Wirklichkeit, den Leib um so mehr verachten zu

können. Zarathustra aber sagt: Nur eine Wirklichkeit, nur einen Leib

giebt es, und die Seele ist nur etwas am Leibe, die Idee nur etwas

an der Wirklichkeit. Eine Einheit sind Leib und Seele des Menschen;

aus einer Wurzel entspringen Körper und Geist. Der Geist ist nur

da, weil ein Körper da ist, der Kräfte hat, an sich den Geist zu

entwickeln. Wie die Pflanze an sich die Blüte, so entfaltet der Körper

an sich den Geist.

"Hinter deinen Gedanken und Gefühlen, mein Bruder, steht ein mächtiger

Gebieter, ein unbekannter Weiser -- der heißt Selbst. In deinem Leibe

wohnt er, dein Leib ist er."

Wer einen Sinn hat für das Wirkliche, der sucht den Geist, die Seele

in und an dem Wirklichen, er sucht die Vernunft in dem Wirklichen;

nur wer die Wirklichkeit für geistlos, für "bloß natürlich", für "roh"

hält, der giebt dem Geiste, der Seele ein besonderes Dasein. Er macht

die Wirklichkeit zur bloßen Wohnung des Geistes. Einem solchen fehlt

aber auch der Sinn für die Wahrnehmung des Geistes selbst. Nur weil

er den Geist in der Wirklichkeit nicht sieht, sucht er ihn anderswo.

"Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe, als in deiner besten Weisheit

.....

"Der Leib ist eine große Vernunft, eine Vielheit mit einem Sinne,

ein Krieg und ein Frieden, eine Herde und ein Hirt.

"Werkzeug deines Leibes ist auch deine kleine Vernunft, mein Bruder,

die du "Geist" nennst, ein kleines Werk- und Spielzeug deiner großen

Vernunft."

Ein Thor ist, wer die Blüte von der Pflanze reißt und glaubt, die

abgerissene Blüte werde nun sich noch zur Frucht entwickeln. Ein

Thor ist ebenso, wer den Geist von der Natur absondert und glaubt,

ein solcher abgesonderter Geist könne noch schaffen.

Menschen mit kranken Instinkten haben die Scheidung von Geist und

Körper vorgenommen. Ein kranker Instinkt nur kann sagen: mein Reich

ist nicht von dieser Welt. Eines gesunden Instinktes Reich ist nur

diese Welt.

16.

Was für Ideale haben sie doch geschaffen, diese Verächter der

Wirklichkeit! Fassen wir sie ins Auge, die Ideale der Asketen,

die da sagen: wendet ab euren Blick vom Diesseits und schaut nach

dem Jenseits! Was bedeuten asketische Ideale? Mit dieser Frage und

den Vermutungen, mit denen er sie beantwortet, hat uns Nietzsche am

tiefsten hineinblicken lassen in sein von der abendländischen neueren

Kultur unbefriedigtes Herz. (Genealogie der Moral, 3. Abteilung.)

Wenn ein Künstler, wie z. B. Richard Wagner in der letzten Zeit seines

Schaffens, Anhänger des asketischen Ideales wird, so hat das nicht viel

zu bedeuten. Der Künstler steht sein ganzes Leben hindurch über seinen

Schöpfungen. Er sieht von oben herab auf seine Wirklichkeiten. Er

schafft Wirklichkeiten, die nicht seine Wirklichkeit sind. "Ein Homer

hätte keinen Achill, ein Goethe keinen Faust gedichtet, wenn Homer

ein Achill, und wenn Goethe ein Faust gewesen wäre." (Genealogie,

3. Abt. § 4.) Wenn nun ein solcher Künstler sein eigenes Dasein

einmal ernst nimmt, sich selbst und seine persönlichen Ansichten in

Wirklichkeit umsetzen will, so ist es kein Wunder, wenn etwas sehr

Unreales entsteht. Richard Wagner hat über seine Kunst vollständig

umgelernt, als ihm die Philosophie Schopenhauers bekannt wurde. Vorher

hielt er die Musik für ein Ausdrucksmittel, das etwas braucht, dem

es Ausdruck verschafft, das Drama. In seiner Schrift Oper und Drama,

die 1851 geschrieben ist, spricht er aus, daß der größte Irrtum,

dem man sich in Bezug auf die Oper hingeben kann, der ist, "daß

ein Mittel des Ausdrucks (die Musik) zum Zwecke, der Zweck des

Ausdrucks (das Drama) aber zum Mittel gemacht werde."

Er bekannte sich zu einer andern Ansicht, nachdem er Schopenhauers

Lehre von der Musik kennen gelernt hatte. Schopenhauer ist der

Ansicht, daß durch die Musik das Wesen der Dinge selbst zu uns

spricht. Der ewige Wille, der in allen Dingen lebt, er wird in allen

anderen Künsten nur in seinen Abbildern, in den Ideen, verkörpert;

die Musik ist kein bloßes Bild des Willens: in ihr giebt sich der

Wille unmittelbar kund. Was uns in allen unseren Vorstellungen nur im

Abglanz erscheint: der ewige Grund alles Seins, der Wille, ihn glaubt

Schopenhauer in den Klängen der Musik unmittelbar zu vernehmen. Kunde

aus dem Jenseits bringt für Schopenhauer die Musik. Diese Ansicht

wirkte auf Richard Wagner. Nicht mehr als Ausdrucksmittel wirklicher

menschlicher Leidenschaften, wie sie im Drama verkörpert sind, ließ er

die Musik gelten, sondern als "eine Art Mundstück des Ansich der Dinge,

ein Telephon des Jenseits". Richard Wagner glaubte jetzt nicht mehr

die Wirklichkeit in Tönen auszudrücken; "er redete fürderhin nicht nur

Musik, dieser Bauchredner Gottes, -- er redete Metaphysik: was Wunder,

daß er endlich eines Tages asketische Ideale redete." (Genealogie,

3. Abteilung, § 5.)

Hätte Richard Wagner bloß seine Ansicht über die Bedeutung

der Musik geändert, so hätte Nietzsche keinen Anlaß, ihm etwas

vorzuwerfen. Nietzsche könnte dann höchstens sagen: Wagner hat außer

seinen Kunstwerken auch noch allerlei verkehrte Theorien über die Kunst

geschaffen. Daß aber Wagner in der letzten Zeit seines Schaffens den

Schopenhauerschen Jenseitsglauben auch in seinen Kunstwerken verkörpert

hat, daß er seine Musik dazu verwendet hat, die Flucht vor der

Wirklichkeit zu verherrlichen: das ging Nietzsche wider den Geschmack.

Aber der "Fall Wagner" besagt nichts, wenn es sich um die Bedeutung

der Verherrlichung des Jenseits auf Kosten des Diesseits, wenn es sich

um die Bedeutung der asketischen Ideale handelt. Künstler stehen nicht

auf eigenen Füßen. Wie Richard Wagner von Schopenhauer abhängig ist,

so waren die Künstler "zu allen Zeiten Kammerdiener einer Moral,

oder Philosophie oder Religion".

Anders ist es, wenn die Philosophen für die Verachtung der

Wirklichkeit, für die asketischen Ideale eintreten. Sie thun das aus

einem tiefen Instinkte heraus.

Schopenhauer hat diesen Instinkt verraten durch die Beschreibung, die

er von dem Schaffen und Genießen eines Kunstwerkes giebt. "Daß also

das Kunstwerk die Auffassung der Ideen, in welcher der ästhetische

Genuß besteht, so sehr erleichtert, beruht nicht bloß darauf, daß

die Kunst durch Hervorhebung des Wesentlichen und Aussonderung des

Unwesentlichen die Dinge deutlicher und charakteristischer darstellt,

sondern ebenso sehr darauf, daß das zur objektiven Auffassung

des Wesens der Dinge erforderte gänzliche Schweigen des Willens am

sichersten dadurch erreicht wird, daß das angeschaute Objekt gar nicht

im Gebiete der Dinge liegt, welche einer Beziehung zum Willen fähig

sind." (Ergänzungen zum 3. Buch der Welt als Wille und Vorstellung,

Kap. 21.) "Wann aber ein äußerer Anlaß oder eine innere Stimmung

uns plötzlich aus dem endlosen Strome des Wollens heraushebt, die

Erkenntnis dem Sklavendienst des Willens entreißt, die Aufmerksamkeit

nun nicht mehr auf die Motive des Wollens gerichtet wird, sondern

die Dinge frei von ihrer Beziehung auf den Willen auffaßt, also ohne

Interesse, ohne Subjektivität, rein objektiv sie betrachtet, ihnen ganz

hingegeben, sofern sie bloß Vorstellungen, nicht sofern sie Motive

sind: dann ist ..... der schmerzenlose Zustand, den Epikuros als das

höchste Gut und als den Zustand der Götter pries [eingetreten]: denn

wir sind für jenen Augenblick des schnöden Willensdranges entledigt,

wir feiern den Sabbat der Zuchthausarbeit des Wollens, das Rad des

Ixion steht still." (Welt als Wille und Vorstellung, § 38.)

Dies ist eine Beschreibung einer Art des ästhetischen Genusses,

die nur bei dem Philosophen vorkommt. Nietzsche stellt ihr gegenüber

eine andere Beschreibung, "die ein wirklicher Zuschauer und Artist

gemacht hat -- Stendhal", der das Schöne "une promesse de bonheur"

nennt. Schopenhauer möchte alles Willensinteresse, alles wirkliche

Leben ausschalten, wenn es sich um die Betrachtung eines Kunstwerkes

handelt, und nur mit dem Geiste genießen; Stendhal sieht in dem

Kunstwerke ein Versprechen von Glück, also einen Hinweis auf das

Leben, und sieht in diesem Zusammenhang der Kunst mit dem Leben den

Wert der Kunst.

Kant fordert vom schönen Kunstwerk, daß es ohne Interesse gefalle,

d. h. daß es uns heraushebe aus dem wirklichen Leben und einen rein

geistigen Genuß gewähre.

Was sucht der Philosoph in dem künstlerischen Genuß? Erlösung von

der Wirklichkeit. In eine Wirklichkeit-fremde Stimmung will der

Philosoph durch das Kunstwerk versetzt werden. Er verrät dadurch

seinen Grundinstinkt. Der Philosoph fühlt sich in den Augenblicken

am wohlsten, in denen er von der Wirklichkeit loskommen kann. Seine

Ansicht vom ästhetischen Genuß zeigt, daß er die Wirklichkeit nicht

liebt.

Nicht was der dem Leben zugewandte Zuschauer von dem Kunstwerke

verlangt, sagen uns die Philosophen in ihren Theorien, sondern nur,

was ihnen selbst angemessen ist. Und dem Philosophen ist die Abkehr

von dem Leben sehr förderlich. Er will sich seine verschlungenen

Gedankenwege nicht durchkreuzen lassen von der Wirklichkeit. Das Denken

gedeiht besser, wenn sich der Philosoph von dem Leben abkehrt. Es

ist nun kein Wunder, wenn dieser philosophische Grundinstinkt

geradezu zu einer lebensfeindlichen Stimmung wird. Wir finden eine

solche Stimmung bei der Mehrzahl der Philosophen ausgebildet. Und

nahe liegt es, daß der Philosoph seine eigene Antipathie gegen das

Leben zu einer Lehre ausbildet und fordert, daß sich alle Menschen

zu einer solchen Lehre bekennen. Schopenhauer hat dieses gethan. Er

fand, daß der Lärm der Welt seine Gedankenarbeit störte. Er empfand,

daß man über die Wirklichkeit am besten nachdenken kann, wenn man

dieser Wirklichkeit entflieht. Zugleich vergaß er, daß alles Denken

über die Wirklichkeit doch nur dann einen Wert hat, wenn es aus dieser

Wirklichkeit entspringt. Er beachtete nicht, daß das Zurückziehen des

Philosophen von der Wirklichkeit nur geschehen kann, damit die entfernt

von dem Leben entstandenen philosophischen Gedanken dann dem Leben

um so besser dienen können. Wenn der Philosoph den Grundinstinkt,

der nur ihm als Philosophen förderlich ist, der ganzen Menschheit

aufdrängen will, dann wird er zu einem Feinde des Lebens.

Friedrich Nietzsche: Ein Kämpfer gegen seine Zeit · 第 2 / 7 段