"Ich wohne in meinem eignen Haus,

FRIEDRICH NIETZSCHE

EIN KÄMPFER GEGEN SEINE ZEIT.

Von

Dr. RUDOLF STEINER.

WEIMAR.

VERLAG VON EMIL FELBER.

1895.

INHALT.

Seite

Vorrede VII

I. Nietzsches Charakter 1

II. Der Übermensch 29

III. Nietzsches Entwickelungsgang 93

VORREDE.

Als ich vor sechs Jahren die Werke Friedrich Nietzsches kennen lernte,

waren in mir bereits Ideen ausgebildet, die den seinigen ähnlich

sind. Unabhängig von ihm und auf anderen Wegen als er, bin ich zu

Anschauungen gekommen, die im Einklang stehen mit dem, was Nietzsche

in seinen Schriften: "Zarathustra", "Jenseits von Gut und Böse",

"Genealogie der Moral" und "Götzendämmerung" ausgesprochen hat. Schon

in meinem 1886 erschienenen kleinen Buche "Erkenntnistheorie der

Goetheschen Weltanschauung" kommt dieselbe Gesinnung zum Ausdruck,

wie in den genannten Werken Nietzsches.

Dies ist der Grund, warum ich mich gedrängt fühlte, ein Bild von

dem Vorstellungs- und Empfindungsleben Nietzsches zu zeichnen. Ich

glaube, daß ein solches Bild Nietzsche am ähnlichsten dann wird,

wenn man es seinen erwähnten letzten Schriften gemäß schafft. So habe

ich es gethan. Die früheren Schriften Nietzsches zeigen uns ihn als

Suchenden. Er stellt sich uns in ihnen dar als rastlos aufwärts

Strebender. In seinen letzten Schriften sehen wir ihn auf dem

Gipfel angelangt, der eine seiner ureigenen Geistesart angemessene

Höhe hat. In den meisten der bis jetzt über Nietzsche erschienenen

Schriften wird dessen Entwickelung so dargestellt, als ob er in

den verschiedenen Zeiten seiner Schriftstellerlaufbahn voneinander

mehr oder weniger abweichende Meinungen gehabt hätte. Ich habe zu

zeigen versucht, daß von einem Meinungswechsel bei Nietzsche nicht

die Rede sein kann, sondern nur von einer Aufwärts-Bewegung, von

der naturgemäßen Entwickelung einer Persönlichkeit, die noch nicht

die ihren Anschauungen entsprechende Ausdrucksform gefunden hatte,

als sie ihre ersten Schriften schrieb.

Das Endziel von Nietzsches Wirken ist die Zeichnung des Typus

"Übermensch". Diesen Typus zu charakterisieren, habe ich als

eine der Hauptaufgaben meiner Schrift betrachtet. Mein Bild des

Übermenschen ist genau das Gegenteil des Zerrbildes geworden, das

in dem augenblicklich verbreitetsten Buche über Nietzsche von Frau

Lou Andreas-Salomé entworfen ist. Man kann nichts dem Nietzscheschen

Geiste mehr Zuwiderlaufendes in die Welt setzen, als das mystische

Ungetüm, das Frau Salomé aus dem Übermenschen gemacht hat. Mein Buch

zeigt, daß in Nietzsches Ideen nirgends auch nur die geringste Spur

von Mystik anzutreffen ist. Auf die Widerlegung der Ansicht von Frau

Salomé, daß Nietzsches Gedanken in "Menschliches, Allzumenschliches"

von den Ausführungen Paul Rées, des Verfassers der "Psychologischen

Beobachtungen und des Ursprungs der moralischen Empfindungen"

u. s. w., beeinflußt seien, habe ich mich nicht eingelassen. Ein so

mittelmäßiger Kopf wie Paul Rée konnte auf Nietzsche keinen bedeutenden

Eindruck machen. Ich würde diese Dinge auch hier nicht berühren,

wenn nicht das Buch von Frau Salomé so viel beigetragen hätte,

geradezu widerwärtige Ansichten über Nietzsche zu verbreiten. Fritz

Koegel, der ausgezeichnete Herausgeber von Nietzsches Werken, hat im

"Magazin für Litteratur" diesem Machwerke die gebührende Abfertigung

angedeihen lassen.

Ich kann diese kurze Vorrede nicht beschließen, ohne Frau

Förster-Nietzsche, der Schwester Nietzsches, herzlichst zu danken für

die vielen Freundlichkeiten, die ich von ihr während der Zeit erfahren

habe, in der meine Schrift entstanden ist. Den im "Nietzsche-Archiv"

in Naumburg verlebten Stunden verdanke ich die Stimmung, aus der

heraus die folgenden Gedanken geschrieben sind.

Weimar, April 1895.

Rudolf Steiner.

NIETZSCHES WERKE.

Ich führe hier zur Orientierung die bis jetzt erschienenen und für

meine Ausführungen in Betracht kommenden Schriften Nietzsches an und

füge zu jeder einzelnen die Jahreszahl des Erscheinens der ersten

Auflage hinzu.

Die Geburt der Tragödie. Oder: Griechentum und Pessimismus.

Die 1. Aufl. erschien 1872.

Eine neue Ausgabe mit vorgedrucktem "Versuch einer Selbstkritik"

erschien 1886.

Unzeitgemäße Betrachtungen.

Erstes Stück: David Strauß, der Bekenner und

Schriftsteller. 1. Aufl. 1873.

Zweites Stück: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das

Leben. 1. Aufl. 1874.

Drittes Stück: Schopenhauer als Erzieher. 1. Aufl. 1874.

Viertes Stück: Richard Wagner in Bayreuth. 1. Aufl. 1876.

Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister.

1. Band. 1. Aufl. 1878.

Eine neue Ausgabe mit einer einführenden Vorrede erschien 1886.

Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister.

2. Band. Die beiden Abteilungen dieses Buches: "Vermischte Meinungen

und Sprüche" und "Der Wanderer und sein Schatten" erschienen

zuerst jede als besonderes Buch. Die erste 1879 unter dem Titel:

"Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister. Anhang:

Vermischte Meinungen und Sprüche", die zweite 1880. Beide Abteilungen

wurden 1886 zu einem Bande vereinigt, der mit einer einführenden

Vorrede versehen wurde und der den Titel trug: "Menschliches,

Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister. Zweiter Band. Neue

Ausgabe mit einer einführenden Vorrede."

Morgenröte. Gedanken über die moralischen Vorurteile.

1. Aufl. 1881.

Neue Ausgabe mit einer einführenden Vorrede 1887.

Die fröhliche Wissenschaft ("La gaya scienza"). 1. Aufl. 1882.

Neue Ausgabe mit einer Vorrede 1887.

Also sprach Zarathustra. Die Teile erschienen zuerst einzeln: 1. Teil

1883; 2. Teil 1883; 3. Teil 1884. Die erste Gesamtausgabe der drei

Teile erschien 1886. Der vierte Teil erschien 1885 in 40 Abzügen bloß

für Freunde und erst 1891 als 1. Aufl.

Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der

Zukunft. 1. Aufl. 1886.

Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift. 1. Aufl. 1887.

Der Fall Wagner. Ein Musikanten-Problem. 1. Aufl. 1888.

Götzendämmerung oder Wie man mit dem Hammer

philosophiert. 1. Aufl. 1889.

Nietzsche contra Wagner. Aktenstücke eines Psychologen. Erschien 1895

in der Gesamtausgabe zum ersten Mal. 1888 bereits einmal gedruckt,

aber nicht ausgegeben.

Der Antichrist. Versuch einer Kritik des Christentums. Das erste

Buch des unvollendeten Werkes Nietzsches "Der Wille zur Macht". In

der Gesamtausgabe (1895) zum erstenmal gedruckt.

Gedichte. In der Gesamtausgabe 1895.

Eine Gesamtausgabe von Nietzsches Werken in 8 Bänden ist 1895 bei

C. G. Naumann in Leipzig erschienen. In derselben sind enthalten:

Die Geburt der Tragödie 4. Aufl.; Die "Unzeitgemäßen Betrachtungen"

3. Aufl.; "Menschliches, Allzumenschliches" 1. u. 2. Bd. 4. Aufl.;

Morgenröte 2. Aufl.; Fröhliche Wissenschaft 2. Aufl.; Zarathustra

4. Aufl.; Jenseits von Gut und Böse 5. Aufl.; Genealogie der Moral

4. Aufl.; Der Fall Wagner 3. Aufl.; Götzendämmerung 3. Aufl.; Nietzsche

contra Wagner; Antichrist; Gedichte.

Die Veröffentlichung der noch ungedruckten Arbeiten Nietzsches, sowie

seiner Entwürfe zu Arbeiten, seiner Fragmente u. s. w. steht bevor.

I.

DER CHARAKTER.

1.

Friedrich Nietzsche charakterisiert sich selbst als einsamen Grübler

und Rätselfreund, als unzeitgemäße Persönlichkeit. Wer auf solchen

eigenen Wegen geht, wie er, "begegnet niemandem; das bringen die

eigenen Wege mit sich. Niemand kommt, ihm dabei zu helfen; mit allem,

was ihm von Gefahr, Zufall, Bosheit und schlechtem Wetter zustößt, muß

er allein fertig werden", sagt er in der Vorrede zur zweiten Ausgabe

seiner "Morgenröte". Aber reizvoll ist es, ihm in seine Einsamkeit

zu folgen. Die Worte, die er über sein Verhältnis zu Schopenhauer

ausgesprochen hat, möchte ich über das meinige zu Nietzsche sagen:

"Ich gehöre zu den Lesern Nietzsches, welche, nachdem sie die erste

Seite von ihm gelesen, mit Bestimmtheit wissen, daß sie alle Seiten

lesen und auf jedes Wort hören werden, das er überhaupt gesagt

hat. Mein Vertrauen zu ihm war sofort da ..... Ich verstand ihn,

als ob er für mich geschrieben hätte, um mich verständlich, aber

unbescheiden und thöricht auszudrücken." Man kann so sprechen und

weit davon entfernt sein, sich als "Gläubigen" der Nietzscheschen

Weltanschauung zu bekennen. Weiter allerdings nicht, als Nietzsche

davon entfernt war, sich solche "Gläubige" zu wünschen. Legt er doch

seinem "Zarathustra" die Worte in den Mund:

"Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an

Zarathustra! Ihr seid meine Gläubigen: aber was liegt an allen

Gläubigen!

"Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So thun alle

Gläubigen; darum ist es so wenig mit allem Glauben.

"Nun heiße ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn

ihr mich alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren."

Nietzsche ist kein Messias und Religionsstifter; er kann deshalb sich

wohl Freunde seiner Meinungen wünschen; Bekenner seiner Lehren aber,

die ihr eigenes Selbst aufgeben, um das seinige zu finden, kann er

nicht wollen.

In Nietzsches Persönlichkeit finden sich Instinkte, denen ganze

Vorstellungskreise seiner Zeitgenossen zuwider sind. Von den

wichtigsten Kulturideen derjenigen, in deren Mitte er sich entwickelt

hat, wendet er sich ab mit einem instinktiven Widerwillen; und

zwar nicht so, wie man eine Behauptung ablehnt, in der man einen

logischen Widerspruch entdeckt hat, sondern wie man sich von einer

Farbe abwendet, die dem Auge Schmerz verursacht. Der Widerwille

geht von dem unmittelbaren Gefühl aus; die bewußte Überlegung kommt

zunächst gar nicht in Betracht. Was andere Menschen empfinden, wenn

ihnen die Gedanken: Schuld, Gewissensbiß, Sünde, jenseitiges Leben,

Ideal, Seligkeit, Vaterland durch den Kopf gehen, wirkt auf Nietzsche

unangenehm. Die instinktive Art der Abneigung gegen die genannten

Vorstellungen unterscheidet Nietzsche auch von den sogenannten

"Freigeistern" der Gegenwart. Diese kennen alle Verstandeseinwände

gegen die "alten Wahnvorstellungen"; aber wie selten findet sich

einer, der von sich sagen kann: seine Instinkte hängen nicht mehr an

ihnen! Gerade die Instinkte sind es, die den Freigeistern der Gegenwart

böse Streiche spielen. Das Denken nimmt einen von den überlieferten

Ideen unabhängigen Charakter an, aber die Instinkte können sich diesem

veränderten Charakter des Verstandes nicht anpassen. Diese "freien

Geister" setzen irgend einen Begriff der modernen Wissenschaft an die

Stelle einer älteren Vorstellung; aber sie sprechen so von ihm, daß

man erkennt: der Verstand geht einen andern Weg als die Instinkte. Der

Verstand sucht in dem Stoffe, in der Kraft, in der Naturgesetzlichkeit

den Urgrund der Erscheinungen; die Instinkte aber verleiten dazu,

diesen Wesen gegenüber dasselbe zu empfinden, was andere ihrem

persönlichen Gotte gegenüber empfinden. Geister dieser Art wehren

sich gegen den Vorwurf der Gottesleugnung; aber sie thun es nicht

deshalb, weil ihre Weltauffassung sie auf etwas führt, was mit irgend

einer Gottesvorstellung übereinstimmt, sondern weil sie von ihren

Vorfahren die Eigenschaft ererbt haben, bei dem Worte "Gottesleugner"

ein instinktives Gruseln zu empfinden. Große Naturforscher betonen,

daß sie die Vorstellungen: Gott, Unsterblichkeit nicht verbannen,

sondern nur im Sinne der modernen Wissenschaft umgestalten wollen. Ihre

Instinkte sind eben hinter ihrem Verstande zurückgeblieben.

Eine große Zahl dieser "freien Geister" vertritt die Ansicht, daß

der Wille des Menschen unfrei ist. Sie sagen: der Mensch muß in

einem bestimmten Falle so handeln, wie es sein Charakter und die auf

ihn einwirkenden Verhältnisse bedingen. Man halte aber Umschau bei

diesen Gegnern der Ansicht vom "freien Willen", und man wird finden,

daß sich die Instinkte dieser "Freigeister" von dem Vollbringer einer

"bösen" That geradeso mit Abscheu abwenden, wie es die Instinkte der

anderen thun, die der Meinung sind: der "freie Wille" könne sich nach

Belieben dem Guten oder dem Bösen zuwenden.

Der Widerspruch zwischen Verstand und Instinkt ist das Merkmal unserer

"modernen Geister". Auch in den freiesten Denkern der Gegenwart leben

noch die von der christlichen Orthodoxie gepflanzten Instinkte. Genau

die entgegengesetzten sind in Nietzsches Natur wirksam. Er braucht

nicht erst darüber nachzudenken, ob es Gründe gegen die Annahme

eines persönlichen Weltenlenkers giebt. Sein Instinkt ist zu stolz,

um sich vor einem solchen zu beugen; deshalb lehnt er eine derartige

Vorstellung ab. Er spricht mit seinem Zarathustra: "Aber daß ich

euch ganz mein Herz offenbare, ihr Freunde: wenn es Götter gäbe, wie

hielte ich's aus, kein Gott zu sein! Also giebt es keine Götter." Sich

selbst oder einen andern wegen einer begangenen Handlung "schuldig"

zu sprechen, dazu drängt ihn nichts in seinem Innern. Um ein solches

"schuldig" unstatthaft zu finden, dazu braucht er keine Theorie vom

"freien" oder "unfreien" Willen.

Auch die patriotischen Empfindungen seiner deutschen Volksgenossen

sind Nietzsches Instinkten zuwider. Er kann sein Empfinden und

Denken nicht abhängig machen von den Gedankenkreisen des Volkes,

innerhalb dessen er geboren und erzogen ist; auch nicht von der Zeit,

in der er lebt. "Es ist so kleinstädtisch -- sagt er in seiner Schrift

"Schopenhauer als Erzieher" --, sich zu den Ansichten verpflichten, die

ein paar hundert Meilen weiter schon nicht mehr verpflichten. Orient

und Occident sind Kreidestriche, die uns jemand vor unsere Augen

hinmalt, um unsere Furchtsamkeit zu narren. Ich will den Versuch

machen, zur Freiheit zu kommen, sagt sich die junge Seele; und da

sollte es sie hindern, daß zufällig zwei Nationen sich hassen und

bekriegen, oder daß ein Meer zwischen zwei Weltteilen liegt, oder

daß rings um uns eine Religion gelehrt wird, welche vor ein paar

tausend Jahren nicht bestand." Die Empfindungen der Deutschen während

des Krieges im Jahre 1870 fanden in seiner Seele einen so geringen

Widerhall, daß er, "während die Donner der Schlacht von Wörth über

Europa weggingen", in einem Winkel der Alpen saß, "sehr vergrübelt

und verrätselt, folglich sehr bekümmert und unbekümmert zugleich",

und seine Gedanken über die Griechen niederschrieb. Und als er einige

Wochen darauf sich selbst "unter den Mauern von Metz" befand, war er

"noch immer nicht losgekommen von den Fragezeichen, die er zum Leben

und der Kunst der Griechen gesetzt hatte". (Vergl. "Versuch einer

Selbstkritik" in der zweiten Auflage seiner "Geburt der Tragödie".) Als

der Krieg zu Ende war, stimmte er so wenig in die Begeisterung seiner

deutschen Zeitgenossen über den errungenen Sieg ein, daß er schon

im Jahre 1872 in seiner Schrift über David Strauß von den "schlimmen

und gefährlichen Folgen" des siegreich beendeten Kampfes sprach. Er

stellte es sogar als einen Wahn hin, daß auch die deutsche Kultur in

diesem Kampfe gesiegt habe, und er nannte diesen Wahn gefährlich, weil,

wenn er innerhalb des deutschen Volkes herrschend wird, die Gefahr

vorhanden ist, den Sieg in eine völlige Niederlage zu verwandeln;

in die Niederlage, ja Exstirpation des deutschen Geistes zu Gunsten

des "Deutschen Reiches". Das ist Nietzsches Gesinnung in einer Zeit,

in der ganz Europa voll ist von nationaler Begeisterung. Es ist die

Gesinnung einer unzeitgemäßen Persönlichkeit, eines Kämpfers gegen

seine Zeit. Außer dem Angeführten ließe sich noch vieles nennen,

was in Nietzsches Empfindungs- und Vorstellungsleben anders ist,

als in dem seiner Zeitgenossen.

2.

Nietzsche ist kein "Denker" im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Für die

fragwürdigen und tiefdringenden Fragen, die er der Welt und dem Leben

gegenüber zu stellen hat, reicht das bloße Denken nicht aus. Für diese

Fragen müssen alle Kräfte der menschlichen Natur entfesselt werden;

die denkende Betrachtung allein ist ihnen nicht gewachsen. Zu bloß

erdachten Gründen für eine Meinung hat Nietzsche kein Vertrauen. "Es

giebt ein Mißtrauen in mir gegen Dialektik, selbst gegen Gründe,"

schreibt er am 2. Dezember 1887 an Georg Brandes. (Vergl. dessen

"Menschen und Werke", S. 212). Wer ihn um die Gründe seiner

Ansichten fragt, für den hat er "Zarathustras" Antwort bereit:

"Du fragst warum? Ich gehöre nicht zu denen, welche man nach ihrem

Warum fragen darf." Nicht ob eine Ansicht logisch bewiesen werden

kann, ist für ihn maßgebend, sondern ob sie auf alle Kräfte der

menschlichen Persönlichkeit so wirkt, daß sie für das Leben Wert

hat. Er läßt einen Gedanken nur gelten, wenn er ihn geeignet findet,

zur Entwicklung des Lebens beizutragen. Den Menschen so gesund als

möglich, so machtvoll als möglich, so schöpferisch als möglich zu

sehen, ist sein Wunsch. Wahrheit, Schönheit, alle Ideale haben nur Wert

und gehen den Menschen nur etwas an, insofern sie lebenfördernd sind.

Die Frage nach dem Werte der Wahrheit tritt in mehreren Schriften

Nietzsches auf. In der verwegensten Form wird sie in seinem Buche:

"Jenseits von Gut und Böse" gestellt. "Der Wille zur Wahrheit, der uns

noch zu manchem Wagnisse verführen wird, jene berühmte Wahrhaftigkeit,

von der alle Philosophen bisher mit Ehrerbietung geredet haben: was

für Fragen hat dieser Wille zur Wahrheit uns schon vorgelegt! Welche

wunderlichen, schlimmen, fragwürdigen Fragen! Das ist bereits eine

lange Geschichte -- und doch scheint es, daß sie kaum eben angefangen

hat." Was Wunder, wenn wir endlich auch mißtrauisch werden, die Geduld

verlieren, uns ungeduldig umdrehn? Daß wir von dieser Sphinx auch

unsererseits das Fragen lernen? Wer ist das eigentlich, der uns hier

Fragen stellt? Was in uns will eigentlich 'zur Wahrheit'? In der That,

wir machten lange Halt vor der Frage nach der Ursache dieses Willens

-- bis wir, zuletzt, vor einer noch gründlicheren Frage ganz und gar

stehen blieben. Wir fragten nach dem Werte dieses Willens. Gesetzt,

wir wollen Wahrheit: warum nicht lieber Unwahrheit?

Das ist ein Gedanke von kaum zu überbietender Kühnheit. Stellt man

daneben, was ein anderer kühner "Grübler und Rätselfreund", Johann

Gottlieb Fichte, von dem Streben nach Wahrheit sagt, so sieht man

erst, wie tief aus dem Wesen der menschlichen Natur Nietzsche seine

Vorstellungen heraufholt. "Ich bin dazu berufen" -- sagt Fichte --

"der Wahrheit Zeugnis zu geben; an meinem Leben und an meinem Schicksal

liegt nichts; an den Wirkungen meines Lebens liegt unendlich viel. Ich

bin ein Priester der Wahrheit; ich bin in ihrem Solde; ich habe

mich verbindlich gemacht, alles für sie zu thun und zu wagen und zu

leiden." (Fichte, Vorlesungen "Über die Bestimmung des Gelehrten",

vierte Vorlesung.) Diese Worte sprechen das Verhältnis aus, in das

sich die edelsten Geister der abendländischen neueren Kultur zur

Wahrheit setzen. Nietzsches angeführtem Ausspruch gegenüber erscheinen

sie oberflächlich. Man kann gegen sie einwenden: Ist es denn nicht

möglich, daß die Unwahrheit wertvollere Wirkungen für das Leben hat,

als die Wahrheit? Ist es ausgeschlossen, daß die Wahrheit dem Leben

schadet? Hat sich Fichte diese Fragen gestellt? Haben es andere gethan,

die "der Wahrheit Zeugnis" gegeben haben?

Nietzsche aber stellt diese Fragen. Und er glaubt über sie erst

dann ins Reine zu kommen, wenn er das Streben nach Wahrheit nicht

als bloße Verstandessache behandelt, sondern nach den Instinkten

sucht, die dieses Streben erzeugen. Denn es könnte ja wohl sein,

daß sich diese Instinkte der Wahrheit nur als Mittel bedienten,

um etwas zu erreichen, was höher steht, als die Wahrheit. Nietzsche

findet, nachdem er "lange genug den Philosophen zwischen die Zeilen

und auf die Finger gesehn" hat: "Das meiste Denken eines Philosophen

ist durch seine Instinkte heimlich geführt und in bestimmte Bahnen

gezwungen." Die Philosophen glauben, die letzte Triebfeder ihres Thuns

sei das Streben nach Wahrheit. Sie glauben dies, weil sie nicht auf

den Grund der menschlichen Natur zu sehen vermögen. In Wirklichkeit

wird das Streben nach Wahrheit gelenkt von dem Willen zur Macht. Mit

Hilfe der Wahrheit soll die Macht und Lebensfülle der Persönlichkeit

erhöht werden. Das bewußte Denken des Philosophen ist der Meinung: die

Erkenntnis der Wahrheit sei ein letztes Ziel; der unbewußte Instinkt,

der das Denken treibt, strebt nach Förderung des Lebens. Für diesen

Instinkt ist "die Falschheit eines Urteils noch kein Einwand gegen

ein Urteil"; für ihn kommt allein die Frage in Betracht: "wie weit

ist es lebenfördernd, lebenerhaltend, arterhaltend, vielleicht gar

artzüchtend" (Jenseits von Gut und Böse § 4).

"'Wille zur Wahrheit' heißt ihr's, ihr Weisesten, was euch treibt

und brünstig macht?

"Wille zur Denkbarkeit alles Seienden: also heiße ich euren Willen!

"Alles Seiende wollt ihr erst denkbar machen: denn ihr zweifelt mit

gutem Mißtrauen, ob es schon denkbar ist.

"Aber es soll sich euch fügen und biegen! So will's euer Wille. Glatt

soll es werden und dem Geiste unterthan, als sein Spiegel und

Widerbild.

"Das ist euer ganzer Wille, ihr Weisesten, als ein Wille zur Macht

....." (Zarathustra, 2. Teil, Von der Selbst-Überwindung.)

Die Wahrheit soll die Welt dem Geiste unterthan machen und dadurch

dem Leben dienen. Nur als Lebensbedingung hat sie einen Wert. --

Kann man nicht aber noch weiter gehen und fragen: was ist das Leben

selbst wert? Nietzsche hält eine solche Frage für unmöglich. Daß

alles Lebende so machtvoll, so inhaltreich leben will, als irgend

möglich ist, nimmt er als eine Thatsache hin, über die er nicht

weiter grübelt. Die Lebensinstinkte fragen nicht nach dem Werte

des Lebens. Sie fragen nur: welche Mittel giebt es, um die Macht

ihres Trägers zu erhöhen. "Urteile, Werturteile über das Leben, für

oder wider, können zuletzt niemals wahr sein: sie haben nur Wert

als Symptome, sie kommen nur als Symptome in Betracht, -- an sich

sind solche Urteile Dummheiten. Man muß durchaus seine Finger darnach

ausstrecken und den Versuch machen, die erstaunliche Finesse zu fassen,

daß der Wert des Lebens nicht abgeschätzt werden kann. Von einem

Lebenden nicht, weil ein solcher Partei, ja sogar Streitobjekt ist,

und nicht Richter; von einem Toten nicht, aus einem andern Grunde. --

Von seiten eines Philosophen im Wert des Lebens ein Problem sehn,

bleibt dergestalt sogar ein Einwurf gegen ihn, ein Fragezeichen an

seiner Weisheit, eine Unweisheit." -- (Götzendämmerung. Das Problem

des Sokrates.) Die Frage nach dem Werte des Lebens existiert nur für

eine mangelhaft ausgebildete, kranke Persönlichkeit. Wer allseitig

entwickelt ist, lebt, ohne zu fragen, wie viel sein Leben wert ist.

Weil Nietzsche die beschriebenen Ansichten hat, deshalb legt er auf

logische Beweisgründe für ein Urteil wenig Gewicht. Nicht darauf kommt

es ihm an, ob sich das Urteil logisch beweisen läßt, sondern wie gut

sich unter seinem Einflusse leben läßt. Nicht allein der Verstand,

sondern die ganze Persönlichkeit des Menschen soll befriedigt

werden. Die besten Gedanken sind diejenigen, welche alle Kräfte der

menschlichen Natur in eine ihnen angemessene Bewegung bringen.

Nur Gedanken dieser Art haben für Nietzsche Interesse. Er ist kein

philosophischer Kopf, sondern ein "Honigsammler des Geistes", der

die "Bienenkörbe" der Erkenntnis aufsucht und heimzubringen sucht,

was dem Leben frommt.

3.

In Nietzsches Persönlichkeit sind diejenigen Instinkte vorherrschend,

die den Menschen zu einem gebietenden, herrischen Wesen machen. Ihm

gefällt alles, was Macht bekundet; ihm mißfällt alles, was Schwäche

verrät. Er fühlt sich nur so lange glücklich, als er sich in

Lebensbedingungen befindet, die seine Kraft erhöhen. Er liebt

Hemmnisse, Widerstände für seine Thätigkeit, weil er sich bei ihrer

Überwindung seiner Macht bewußt wird. Er sucht die beschwerlichsten

Wege auf, die der Mensch gehen kann. Ein Grundzug seines Charakters

ist in dem Spruche ausgedrückt, den er der zweiten Ausgabe seiner

"fröhlichen Wissenschaft" auf das Titelblatt gesetzt hat:

"Ich wohne in meinem eignen Haus,

Hab' niemandem nie nichts nachgemacht

Und -- lachte noch jeden Meister aus,

Der nicht sich selber ausgelacht."

Jede Art von Unterordnung unter eine fremde Macht empfindet Nietzsche

als Schwäche. Und über das, was eine "fremde Macht" ist, denkt

er anders als mancher, der sich als "unabhängigen, freien Geist"

bezeichnet. Nietzsche empfindet es als Schwäche, wenn der Mensch sich

in seinem Denken und Handeln sogenannten "ewigen, ehernen" Gesetzen

der Vernunft unterwirft. Was die allseitig entwickelte Persönlichkeit

thut, das läßt sie sich von keiner Moralwissenschaft vorschreiben,

sondern allein von den Antrieben des eigenen Selbst. Der Mensch ist

in dem Augenblicke schon schwach, in dem er nach Gesetzen und Regeln

sucht, nach denen er denken und handeln soll. Der Starke bestimmt

die Art seines Denkens und Handelns aus seinem eigenen Wesen heraus.

Diese Ansicht spricht Nietzsche am schroffsten in Sätzen aus,

um derentwillen ihn kleinlich denkende Menschen geradezu als

einen gefährlichen Geist bezeichnet haben: "Als die christlichen

Kreuzfahrer im Orient auf jenen unbesiegbaren Assassinenorden stießen,

jenen Freigeisterorden par excellence, dessen unterste Grade in einem

Gehorsame lebten, wie einen gleichen kein Mönchsorden erreicht hat, da

bekamen sie auf irgend welchem Wege auch einen Wink über jenes Symbol

und Kerbholzwort, das nur den obersten Graden, als deren Sekretum,

vorbehalten war: "Nichts ist wahr, alles ist erlaubt!" .... Wohlan,

das war Freiheit des Geistes, damit war der Wahrheit selbst der

Glaube gekündigt" ... (Genealogie der Moral § 19). Daß diese Sätze die

Empfindungen einer vornehmen, einer Herrennatur zum Ausdruck bringen,

die sich die Erlaubnis, frei, nach ihren eigenen Gesetzen zu leben,

durch keine Rücksicht auf ewige Wahrheiten und Vorschriften der Moral

verkümmern lassen will, fühlen diejenigen Menschen nicht, die, ihrer

Art nach, zur Unterwürfigkeit geeignet sind. Eine Persönlichkeit,

wie die Nietzsches ist, verträgt auch jene Tyrannen nicht, die in der

Form abstrakter Sittengebote auftreten. Ich bestimme, wie ich denken,

wie ich handeln will, sagt eine solche Natur.

Es giebt Menschen, die ihre Berechtigung, sich "Freidenker" zu nennen,

davon herleiten, daß sie sich in ihrem Denken und Handeln nicht

solchen Gesetzen unterwerfen, die von anderen Menschen herrühren,

sondern nur den "ewigen Gesetzen der Vernunft", den "unumstößlichen

Pflichtbegriffen" oder dem "Willen Gottes". Nietzsche sieht solche

Menschen nicht als wahrhaft starke Persönlichkeiten an. Denn auch sie

denken und handeln nicht nach ihrer eigenen Natur, sondern nach den

Befehlen einer höheren Autorität. Ob der Sklave der Willkür seines

Herrn, der Religiöse den geoffenbarten Wahrheiten eines Gottes oder

der Philosoph den Aussprüchen der Vernunft folgt, das ändert nichts an

dem Umstande, daß sie alle Gehorchende sind. Was befiehlt, ist dabei

gleichgültig; das ausschlaggebende ist, daß überhaupt befohlen wird,

daß der Mensch sich nicht selbst die Richtung für sein Thun giebt,

sondern der Meinung ist, es gebe eine Macht, welche ihm diese Richtung

vorzeichnet.

Der starke, wahrhaft freie Mensch will die Wahrheit nicht empfangen

-- er will sie schaffen; er will sich nichts "erlauben" lassen, er

will nicht gehorchen. "Die eigentlichen Philosophen sind Befehlende

und Gesetzgeber; sie sagen: so soll es sein! sie bestimmen erst das

Wohin? und Wozu? des Menschen und verfügen dabei über die Vorarbeit

aller philosophischen Arbeiter, aller Überwältiger der Vergangenheit,

-- sie greifen mit schöpferischer Hand nach der Zukunft, und alles, was

ist und war, wird ihnen dabei zum Mittel, zum Werkzeug, zum Hammer. Ihr

"Erkennen" ist Schaffen, ihr Schaffen ist eine Gesetzgebung, ihr

Wille zur Wahrheit ist -- Wille zur Macht. -- Giebt es heute solche

Philosophen? Gab es schon solche Philosophen? Muß es nicht solche

Philosophen geben?" (Jenseits von Gut und Böse § 211.)

4.

Ein besonderes Zeichen menschlicher Schwäche sieht Nietzsche in jeder

Art von Glauben an ein Jenseits, an eine andere Welt, als die ist,

in der der Mensch lebt. Man kann, nach seiner Ansicht, dem Leben

keinen größeren Schaden thun, als wenn man sein Leben im Diesseits

im Hinblick auf ein anderes Leben im Jenseits einrichtet. Man kann

sich keiner größeren Verirrung hingeben, als wenn man hinter den

Erscheinungen dieser Welt Wesenheiten annimmt, die der menschlichen

Erkenntnis unzugänglich sind, und die als der eigentliche Urgrund,

als das Bestimmende alles Daseins gelten sollen. Durch eine solche

Annahme verdirbt man sich die Freude an dieser Welt. Man würdigt sie

zum Scheine, zu einem bloßen Abglanz eines Unzugänglichen herab. Man

erklärt die uns bekannte Welt, die für uns allein wirkliche, für einen

nichtigen Traum und schreibt die wahre Wirklichkeit einer erträumten,

erdichteten anderen Welt zu. Man erklärt die menschlichen Sinne für

Betrüger, die uns Scheinbilder statt Wirklichkeiten liefern.

Nur aus der Schwäche kann eine solche Ansicht stammen. Denn der Starke,

der fest in der Wirklichkeit wurzelt, der seine Freude am Leben hat,

wird es sich nicht in den Sinn kommen lassen, eine andere Wirklichkeit

zu erdichten. Er ist mit dieser Welt beschäftigt und bedarf keiner

andern. Aber die Leidenden, die Kranken, die unzufrieden sind mit

diesem Leben, nehmen ihre Zuflucht zum Jenseits. Was ihnen das

Diesseits entzogen hat, soll ihnen das Jenseits bieten. Der Starke,

der Gesunde, der entwickelte und taugliche Sinne hat, um die Gründe

dieser Welt in ihr selber aufzusuchen, der bedarf zur Erklärung der

Erscheinungen, innerhalb deren er lebt, keiner jenseitigen Gründe und

Wesenheiten. Der Schwache, der mit verkrüppelten Augen und Ohren die

Wirklichkeit wahrnimmt, der braucht Ursachen hinter den Erscheinungen.

Aus dem Leiden und der kranken Sehnsucht ist der Glaube an das Jenseits

geboren. Aus dem Unvermögen, die wirkliche Welt zu durchschauen,

sind alle Annahmen von "Dingen an sich" erwachsen.

Alle, welche Grund haben, das wirkliche Leben zu verneinen, sagen

Ja zu einem erdichteten. Nietzsche will ein Jasager gegenüber

der Wirklichkeit sein. Diese Welt will er durchforschen nach allen

Richtungen, er will sich einbohren in die Tiefen des Daseins; von einem

andern Leben will er nichts wissen. Ihn kann selbst das Leiden nicht

veranlassen, Nein zum Leben zu sagen; denn auch das Leiden ist ihm

ein Mittel der Erkenntnis. "Nicht anders, als es ein Reisender macht,

der sich vorsetzt, zu einer bestimmten Stunde aufzuwachen, und sich

dann ruhig dem Schlafe überläßt: so ergeben wir Philosophen, gesetzt,

daß wir krank werden, uns zeitweilig mit Leib und Seele der Krankheit

-- wir machen gleichsam vor uns die Augen zu. Und wie jener weiß,

daß irgend etwas nicht schläft, irgend etwas die Stunden abzählt

und ihn aufwecken wird, so wissen auch wir, daß der entscheidende

Augenblick uns wach finden wird, -- daß dann etwas hervorspringt und

den Geist auf der That ertappt, ich meine auf der Schwäche oder Umkehr

oder Ergebung oder Verhärtung oder Verdüsterung, und wie alle die

krankhaften Zustände des Geistes heißen, welche in gesunden Tagen den

Stolz des Geistes wider sich haben. Man lernt nach einer derartigen

Selbstbefragung, Selbstversuchung, mit einem feineren Auge nach

allem, worüber überhaupt bisher philosophiert worden ist, hinsehen

..." (Vorrede zur zweiten Ausgabe der "fröhlichen Wissenschaft".) --

5.

Dieser lebens- und wirklichkeitsfreundliche Sinn Nietzsches

zeigt sich auch in seinen Anschauungen über die Menschen und

ihre gegenseitigen Beziehungen. Auf diesem Gebiete ist Nietzsche

vollkommener Individualist. Jeder Mensch gilt ihm als eine Welt

für sich, ein Unikum. Das "wunderlich bunte Mancherlei", das

zum "Einerlei" vereinigt ist und uns als ein bestimmter Mensch

entgegentritt, kann kein noch so seltsamer Zufall ein zweites Mal in

gleicher Weise zusammenschütteln. (Schopenhauer als Erzieher 1.) Die

wenigsten Menschen sind jedoch geneigt, ihre nur einmal vorhandenen

Eigentümlichkeiten zu entfalten. Sie fürchten sich vor der Einsamkeit,

in die sie dadurch gedrängt werden. Es ist bequemer und gefahrloser,

in gleicher Weise wie die Mitmenschen zu leben; man findet dann

immer Gesellschaft. Wer auf seine eigene Art sich einrichtet,

wird von anderen nicht verstanden und findet keine Genossen. Für

Nietzsche hat die Einsamkeit einen besonderen Reiz. Er liebt es,

die Heimlichkeiten des eigenen Innern aufzusuchen. Er flieht

die Gemeinschaft der Menschen. Seine Gedankengänge sind zumeist

Bohrversuche nach Schätzen, die tief in seiner Persönlichkeit verborgen

liegen. Das Licht, das andere ihm bieten, verschmäht er; die Luft,

die man da atmet, wo das "Gemeinsame der Menschen", die "Regel Mensch"

lebt, will er nicht mitatmen. Er trachtet instinktiv nach seiner "Burg

und Heimlichkeit", wo er von der Menge, den vielen, den allermeisten

erlöst ist. (Jenseits von Gut und Böse § 36.) In seiner "fröhlichen

Wissenschaft" klagt er, daß es ihm schwer ist, seine Mitmenschen zu

"verdauen"; und in "Jenseits von Gut und Böse" (§ 282) verrät er,

daß er zumeist gefährliche Verdauungsstörungen davontrug, wenn er

sich an Tische setzte, an denen die Kost des "Allgemein-Menschlichen"

genossen wurde. Die Menschen dürfen Nietzsche nicht zu nahe kommen,

wenn er sie ertragen soll.

6.

Nietzsche erklärt einen Gedanken, ein Urteil in derjenigen Form für

gültig, zu der die freiwaltenden Lebensinstinkte ihre Zustimmung

geben. Ansichten, für die das Leben sich entscheidet, läßt er sich

durch keine logischen Zweifel nehmen. Dadurch erhält sein Denken

einen sichern, freien Zug. Es wird nicht beirrt durch Bedenken wie:

ob eine Behauptung auch "objektiv" wahr ist, ob sie die Grenzen des

menschlichen Erkenntnisvermögens nicht überschreitet u. s. w. Wenn

Nietzsche den Wert eines Urteiles für das Leben erkannt hat, dann

fragt er nicht mehr nach einer weiteren "objektiven" Bedeutung und

Gültigkeit desselben. Und wegen Grenzen des Erkennens macht er sich

keine Sorgen. Er ist der Ansicht, daß ein gesundes Denken das schafft,

was es schaffen kann, und sich nicht mit der nutzlosen Frage abquält:

was kann ich nicht?

Wer den Wert eines Urteils nach dem Grade bestimmen will, in dem es

das Leben fördert, kann diesen Grad natürlich nur durch seine eigenen,

persönlichen Lebenstriebe und Lebensinstinkte festsetzen. Er kann

nie mehr sagen wollen, als: in Bezug auf meine Lebensinstinkte halte

ich dieses bestimmte Urteil für ein wertvolles. Und Nietzsche will

auch nie etwas anderes sagen, wenn er eine Ansicht ausspricht. Gerade

dieses sein Verhältnis zu seiner Gedankenwelt wirkt so wohlthuend auf

den freiheitlich gesinnten Leser. Es giebt Nietzsches Schriften den

Charakter anspruchsloser, bescheidener Vornehmheit. Wie abstoßend

und unbescheiden klingt es daneben, wenn andere Denker glauben,

ihre Person sei das Organ, durch das der Welt ewige, unumstößliche

Wahrheiten verkündet werden. Man kann in Nietzsches Werken Sätze

finden, die ein starkes Selbstbewußtsein ausdrücken, z. B.: "Ich

habe der Menschheit das tiefste Buch gegeben, das sie besitzt,

meinen Zarathustra: ich gebe ihr über kurzem das unabhängigste." --

(Götzendämmerung, Streifzüge eines Unzeitgemäßen § 51.) Was besagt

dies aber aus seinem Munde? Ich habe es gewagt, ein Buch zu schreiben,

dessen Inhalt tiefer aus dem Wesen einer Persönlichkeit geholt ist,

als das sonst bei ähnlichen Büchern der Fall ist; und ich werde ein

Buch liefern, das unabhängiger von jedem fremden Urteil ist, als

andere philosophische Schriften; denn ich werde über die wichtigsten

Dinge bloß aussprechen, wie sich meine persönlichen Instinkte zu

ihnen verhalten. Das ist vornehme Bescheidenheit. Sie geht freilich

denen wider den Geschmack, deren verlogene Demut sagt: ich bin nichts,

mein Werk ist alles; ich bringe nichts von persönlichem Empfinden in

meine Bücher, sondern ich spreche bloß aus, was die reine Vernunft

mich aussprechen heißt. Solche Menschen wollen ihre Person verleugnen,

um behaupten zu können, daß ihre Aussprüche die eines höheren Geistes

sind. Nietzsche hält seine Gedanken für Erzeugnisse seiner Person

und für nicht mehr.

7.

Die Fachphilosophen mögen über Nietzsche lächeln oder ihre Meinungen

über die "Gefahren" seiner "Weltanschauung" zum besten geben. Manche

dieser Geister, die nichts sind als personifizierte Lehrbücher der

Logik, können natürlich Nietzsches aus den mächtigsten, unmittelbarsten

Lebensimpulsen entspringendes Schaffen nicht loben.

Nietzsche mit seinen kühnen Gedankensprüngen trifft jedenfalls auf

tiefere Geheimnisse der menschlichen Natur, als mancher logische

Denker mit seinem vorsichtigen Kriechen. Was nutzt alle Logik, wenn

sie mit ihren Begriffsnetzen nur einen wertlosen Inhalt fängt? Wenn

uns wertvolle Gedanken mitgeteilt werden, dann erfreuen wir uns an

ihnen, wenn sie auch nicht mit logischen Fäden verknüpft sind. Das Heil

des Lebens hängt nicht allein von der Logik ab, sondern auch von der

Gedankenerzeugung. Unsere Fachphilosophie ist gegenwärtig unfruchtbar

genug, und sie könnte die Belebung mit Gedanken eines mutigen, kühnen

Schriftstellers, wie es Nietzsche ist, sehr wohl brauchen. Die

Entwickelungskraft dieser Fachphilosophie ist gelähmt durch den

Einfluß, den das Kant'sche Denken auf sie genommen hat. Sie hat durch

diesen Einfluß alle Ursprünglichkeit, allen Mut verloren. Kant hat aus

der Schulphilosophie seiner Zeit den Begriff von Wahrheiten, die aus

der "reinen Vernunft" stammen, übernommen. Er hat zu zeigen versucht,

daß wir durch solche Wahrheit nichts wissen können von Dingen, die

jenseits unserer Erfahrung liegen, von "Dingen an sich". Seit einem

Jahrhundert ist nun unermeßlicher Scharfsinn aufgewendet worden,

um diesen Kant'schen Gedanken nach allen Seiten durchzudenken. Die

Erzeugnisse dieses Scharfsinns sind allerdings oft dürftig und

trivial. Übersetzte man die Banalitäten manches philosophischen Buches

der Gegenwart aus den Schulformeln in eine gesunde Sprache, so würde

sich ein solcher Inhalt gegenüber manchem kurzen Aphorismus Nietzsches

armselig genug ausnehmen. Dieser konnte im Hinblick auf die Philosophie

der Gegenwart mit einem gewissen Recht den stolzen Satz aussprechen:

"Mein Ehrgeiz ist, in zehn Sätzen zu sagen, was jeder andere in einem

Buche sagt, -- was jeder andere in einem Buche nicht sagt ..."

8.

Wie Nietzsche in seinen eigenen Meinungen nichts geben will als ein

Erzeugnis seiner persönlichen Instinkte und Triebe, so sind ihm auch

fremde Ansichten nichts weiter als Symptome, aus denen er auf die in

einzelnen Menschen oder ganzen Völkern, Rassen u. s. w. vorwaltenden

Instinkte schließt. Er macht sich nichts mit Diskussionen oder

Widerlegungen fremder Meinungen zu schaffen. Aber er sucht die

Instinkte auf, die sich in diesen Meinungen aussprechen. Er sucht

die Charaktere der Persönlichkeiten oder Völker aus ihren Ansichten

zu erkennen. Ob eine Ansicht auf das Vorwalten der Instinkte

für Gesundheit, Tapferkeit, Vornehmheit, Lebensfreude hinweist,

oder ob sie aus ungesunden, sklavischen, müden, lebensfeindlichen

Instinkten entspringt, das interessiert ihn. Wahrheiten an sich

sind ihm gleichgültig; er kümmert sich darum, wie die Menschen

ihre Wahrheiten ihren Instinkten gemäß ausbilden, und wie sie damit

ihre Lebensziele fördern. Die natürlichen Ursachen der menschlichen

Ansichten will er aufsuchen.

Nach dem Sinne jener Idealisten, die der Wahrheit einen selbständigen

Wert zuerkennen, die ihr einen "reinen, höhern Ursprung" als

den aus den Instinkten geben wollen, ist Nietzsches Bestreben

allerdings nicht. Er erklärt die menschlichen Ansichten als das

Ergebnis natürlicher Kräfte, wie der Naturforscher die Einrichtung

des Auges aus dem Zusammenwirken natürlicher Ursachen erklärt. Eine

Erklärung der geistigen Entwickelung der Menschheit aus besonderen

sittlichen Zwecken, Idealen, aus einer sittlichen Weltordnung erkennt

er ebensowenig an, wie der Naturforscher der Gegenwart die Erklärung

anerkennt, daß die Natur das Auge deswegen in einer bestimmten Weise

gebaut hat, weil sie den Zweck hatte, dem Organismus ein Organ zum

Sehen anzuerschaffen. In jedem Ideal sieht Nietzsche nur den Ausdruck

für einen Instinkt, der sich auf eine bestimmte Art seine Befriedigung

sucht, wie der moderne Naturforscher in der zweckmäßigen Einrichtung

eines Organes das Ergebnis organischer Bildungsgesetze sieht. Wenn

es gegenwärtig noch Naturforscher und Philosophen giebt, die jedes

Schaffen der Natur nach Zwecken ablehnen, aber vor dem sittlichen

Idealismus Halt machen und in der Geschichte die Verwirklichung

eines göttlichen Willens, einer idealen Ordnung der Dinge sehen,

so ist dies eine Instinkthalbheit. Solchen Personen fehlt für die

Beurteilung geistiger Vorgänge der richtige Blick, während sie ihn in

der Beobachtung von Naturvorgängen zeigen. Wenn ein Mensch glaubt,

er strebe ein Ideal an, das nicht aus der Wirklichkeit stammt, so

glaubt er dies nur, weil er den Instinkt nicht kennt, aus dem dieses

Ideal entsteht.

Nietzsche ist Anti-Idealist in dem Sinne, wie der moderne

Naturforscher Gegner der Annahme von Zwecken ist, die die Natur

verwirklichen soll. Er spricht ebensowenig von sittlichen Zwecken,

wie der Naturforscher von Naturzwecken spricht. Nietzsche hält es

nicht für weiser, zu sagen: der Mensch soll ein sittliches Ideal

verwirklichen, wie zu erklären: der Stier hat Hörner, damit er

stoßen könne. Er betrachtet den einen wie den andern Ausspruch als

Produkt einer Welterklärung, welche von "göttlicher Vorsehung",

"weiser Allmacht", statt von natürlichen Wirkungen, spricht.

Diese Welterklärung ist ein Hemmschuh für alles gesunde Denken;

sie schafft einen erdichteten, idealen Nebel, der das natürliche,

auf die Beobachtung der Wirklichkeit gerichtete Sehvermögen hindert,

die Weltvorgänge zu durchschauen; sie stumpft endlich völlig allen

Wirklichkeitssinn ab.

9.

Wenn Nietzsche sich in einen geistigen Kampf einläßt, so will er nicht

fremde Meinungen als solche widerlegen, sondern er thut es, weil diese

Meinungen auf schädliche, naturwidrige Instinkte hinweisen, die er

bekämpfen will. Er hat dabei eine ähnliche Absicht, wie sie jemand

hat, der eine schädliche Naturwirkung bekämpft oder ein gefährliches

Naturwesen vertilgt. Er baut nicht auf die "überzeugende" Kraft

der Wahrheit, sondern darauf, daß er den Gegner besiegen wird, wenn

dieser die ungesunden, schädlichen Instinkte, er aber die gesunden,

lebenfördernden hat. Er sucht nach keiner weiteren Rechtfertigung eines

solchen Kampfes, wenn seine Instinkte die des Gegners als schädlich

empfinden. Er glaubt nicht als Vertreter irgend einer Idee kämpfen zu

müssen, sondern er kämpft, weil ihn seine Instinkte dazu treiben. Zwar

ist das bei keinem geistigen Kampfe anders, aber gewöhnlich sind sich

die Kämpfer der wirklichen Triebfedern ebensowenig bewußt, wie die

Philosophen sich ihres "Willens zur Macht" oder die Anhänger der

sittlichen Weltordnung der natürlichen Ursachen ihrer sittlichen

Ideale. Sie glauben, daß lediglich Meinung gegen Meinung kämpft,

und verhüllen ihre wirklichen Motive durch Begriffsmäntel. Sie nennen

auch die Instinkte des Gegners nicht, die ihnen unsympathisch sind,

ja diese kommen ihnen vielleicht gar nicht zum Bewußtsein. Kurz, die

Kräfte, die eigentlich feindlich gegen einander gerichtet sind, treten

gar nicht offen hervor. Nietzsche nennt rücksichtslos die Instinkte

des Gegners, die ihm zuwider sind, und er nennt auch die Instinkte,

die er ihnen entgegensetzt. Wer dies Cynismus nennen will, der mag es

thun. Er soll aber nur nicht übersehen, daß es in aller menschlichen

Thätigkeit niemals etwas anderes als solchen Cynismus gegeben hat,

und daß alle idealistischen Wahngewebe von diesem Cynismus gewebt sind.

II.

DER ÜBERMENSCH.

10.

Alles Streben des Menschen besteht, wie das eines jeden Lebewesens,

darin, von der Natur eingepflanzte Triebe und Instinkte in der besten

Weise zu befriedigen. Wenn die Menschen nach Tugend, Gerechtigkeit,

Erkenntnis und Kunst streben, so geschieht dies deshalb, weil Tugend,

Gerechtigkeit u. s. w. Mittel sind, durch die die menschlichen

Instinkte sich so entwickeln können, wie es deren Natur entsprechend

ist. Die Instinkte würden ohne diese Mittel verkümmern. Es ist nun

eine Eigentümlichkeit des Menschen, daß er diesen Zusammenhang seiner

Lebensbedingungen mit seinen natürlichen Trieben vergißt und jene

Mittel zu einem naturgemäßen, machtvollen Leben als etwas ansieht,

das an sich einen unbedingten Wert hat. Der Mensch sagt dann: Tugend,

Gerechtigkeit, Erkenntnis u. s. w. müssen um ihrer selbst willen

erstrebt werden. Sie haben nicht dadurch einen Wert, daß sie dem Leben

dienen, sondern vielmehr das Leben erhalte erst einen Wert dadurch,

daß es nach jenen idealen Gütern strebt. Der Mensch sei nicht dazu

da, nach Maßgabe seiner Instinkte zu leben, wie das Tier; sondern

er solle seine Instinkte dadurch adeln, daß er sie in den Dienst

höherer Zwecke stelle. Auf diese Weise kommt der Mensch dazu, das,

was er selbst erst zur Befriedigung seiner Triebe geschaffen hat, als

Ideale anzubeten, die seinem Leben erst die rechte Weihe geben. Er

fordert Unterwerfung unter die Ideale, die er höher schätzt, als

sich selbst. Er löst sich los von dem Mutterboden der Wirklichkeit

und will seinem Dasein einen höheren Sinn und Zweck geben. Er

erfindet einen unnatürlichen Ursprung für seine Ideale. Er nennt

sie den "Willen Gottes", die "ewigen sittlichen Gebote". Er will die

"Wahrheit um der Wahrheit willen", "die Tugend um der Tugend" willen

anstreben. Er betrachtet sich als einen guten Menschen erst dann,

wenn es ihm angeblich gelungen ist, seine Selbstsucht, d. h. seine

natürlichen Instinkte zu bändigen und selbstlos einem idealen Ziele

zu folgen. Einem solchen Idealisten gilt der Mensch als unedel und

"böse", der es bis zu solcher Selbstüberwindung nicht gebracht hat.

Nun stammen ursprünglich alle Ideale aus natürlichen Instinkten. Auch

was der Christ als Tugend ansieht, die ihm Gott geoffenbart hat,

ist ursprünglich von Menschen erfunden, um irgend welche Instinkte zu

befriedigen. Der natürliche Ursprung ist vergessen und der göttliche

hinzugedichtet worden. Ähnlich verhält es sich mit den Tugenden,

die die Philosophen und Moralprediger aufstellen.

Friedrich Nietzsche: Ein Kämpfer gegen seine Zeit · 第 1 / 7 段