Trotz der Rawa und der vielen Gräben soll die Lage von Ambarawa nicht

ungesund sein; wahrscheinlich wegen der starken Ventilation, die sich in

einzelnen Fällen aber bis zu gefährlichen Wirbelwinden steigert. „Da wo

in niedrigen Zwischenräumen zwischen hohen Bergen z. B. auf dem Gunung

Djambu, über welchen der Weg von Ambarawa nach Kadu führt, die beiden

entgegengesetzten Luftströme (Land- und Seewind), die von N. und S.

kommen, einander in der Mitte der Insel begegnen, da entstehen zuweilen,

aber selten Wirbelwinde, höchst gefährliche Stürme, wodurch Bäume und

Häuser vom Boden gehoben, eine Zeitlang in der Luft herumbewegt und auf

weite Abstände mit fortgerissen werden.” (Jungh. I. 164.) Der Oberst

erzählte mir von einem solchen Sturm, den er hier erlebt hatte. Sein

Haus wurde völlig zertrümmert, Cocospalmen unter der Blätterkrone

abgedreht, Bäume entwurzelt und nebst Steinen durch die Luft geführt.

Gerade als dieser Sturm ausbrach, lagen sämmtliche eben erst vollendete

Pläne zur Festung, behufs einer nochmaligen Durchsicht auf einem grossen

Tische nebeneinander ausgebreitet; der Wind ergriff sie und vernichtete

fast alle, so dass die Arbeit noch einmal begonnen werden musste.

Schon lange bevor man Samarang erblickt, verkündet der immer lebhafter

werdende Verkehr die Nähe der grossen Handelsstadt. Beladene

Büffelkarren, Lastträger und Saumthiere beleben die Strasse; die Warongs

werden immer zahlreicher. Plötzlich sieht man von einer Anhöhe hinter

einer wohlbebauten Ebene die grosse Stadt mit dichtgedrängten Häusern,

und im Hintergrunde das Meer und die belebte Rhede. Ein dunkelgrüner

Saum von Cocospalmen zieht sich am Gestade hin und lässt nur

stellenweise einen weissen Sandstreifen dahinter erkennen. Im

Vordergrund liegen mehrere mit Waringis bestandene Hügel, die sich

reiche Chinesen mit vielem Geschmack, und wahrscheinlich auch mit vielem

Geld zu Begräbnissplätzen erkoren haben. Die Aussicht verschwindet bald

wieder; aber der Verkehr wird immer reger. In einer prächtigen

Tamarinden-Allee legt man die letzte Station zurück.[101] Beim

Schlendern durch die Stadt fielen mir Gruppen von Frauenzimmern auf, die

inmitten der belebten Strassen niedergekauert, im Kartenspiel vertieft

waren.

Am folgenden Morgen hatte der Resident die Güte mich an der Besichtigung

mehrerer öffentlichen Anstalten Theil nehmen zu lassen. Wir sahen zuerst

das Hospital der Gefangenen, es stand fast leer. Darauf besuchten wir

einige Schulen, in denen Kinder von Europäern und diesen gleichgestellte

Mischlinge Elementarunterricht empfingen. Sie wurden in meiner Gegenwart

im Rechnen und in der Geographie examinirt -- man hatte uns die Wahl der

Unterrichtsgegenstände überlassen -- es ging recht gut. Ueberraschend

waren die Leistungen einiger Schüler in der Geographie. Ein 16 jähriger

Knabe zeichnete in einem Zug ein gutes Bild von Asien auf die Tafel und

fügte beiläufig Europa hinzu. Auf Verlangen trug ein anderer den Lauf

der Hauptströme ein und gab die Lage der grössten Städte richtig an. Ein

Dritter zeichnete die Grenzen der grossen Reiche. Hierauf besichtigten

wir das protestantische Waisenhaus, das 64 Knaben, 128 Mädchen enthielt.

Jene bleiben bis zum 18., diese bis zum 23. Jahr in der Anstalt, wenn

sie nicht früher versorgt werden. Viele Knaben gehen in die

Militärschule von Gombong über (vgl. S. 205), andere werden bei

Privatleuten und als Subalternbeamte untergebracht. Nur wenige Kinder

sind von europäischer Abkunft; die meisten sind Mischlinge, besonders

Soldatenkinder, und nicht Waisen im eigentlichen Sinne. Die Verwaltung

der Anstalt scheint musterhaft. Ueberall herrschte untadelhafte Ordnung

und Reinlichkeit, ausser in den Kammern der ganz neu eingetretenen, die

gewöhnlich so jung sind, dass sie noch der inländischen Mutter bedürfen.

Man sollte kaum glauben, dass die netten jungen Mädchen, die in der

grossen kühlen Veranda weibliche Handarbeiten machten, aus so

schmutzigen kleinen Wilden hervorgegangen waren. Die Mädchen verlassen

die Anstalt häufig als Bräute; denn sie stehen in solchem Ruf der

Sittlichkeit und Wirthschaftlichkeit, dass namentlich Unteroffiziere und

Subalternbeamte sich gern aus ihnen eine Ehefrau wählen. So gross ist

das Zutrauen zum Vorstand, dass mancher Bräutigam, der es eilig hat,

oder die Reise nach Samarang nicht machen kann, sich wegen der Wahl

einer seinen Bedürfnissen und Neigungen entsprechenden Frau

vertrauensvoll an diesen wendet, und in fast allen Fällen soll das

Ergebniss das Zutrauen des Heirathskandidaten gerechtfertigt haben. Auch

jetzt waren zwei Bräute in der Anstalt, die uns ihre kleine durch Fleiss

und Sparsamkeit erworbene Ausstattung zeigten. Den Knaben sowohl als den

Mädchen werden, sobald sie arbeiten können, ihre Leistungen bezahlt. Die

Knaben arbeiten in Werkstätten ausser dem Hause, die Mädchen machen

Handarbeiten. Das erworbene Geld wird den Zöglingen aufbewahrt, bis sie

die Anstalt verlassen. Jede der beiden Bräute hatte auf diese Weise ein

Kapitälchen von 150 Gulden erspart. Die meisten Mädchen waren nicht

hübsch von Gesicht, die malayische Rasse scheint sich schlecht mit der

Europäischen zu vermischen (bessere Resultate giebt die Mischung von

Chinesen und Malayen). Wir besahen die Schlafsäle, die sehr luftig und

reinlich sind; jedes Mädchen hat eine eiserne Bettstelle und darüber an

der Wand ein Schränkchen, deren einige geöffnet wurden; sie enthielten

wohl geordnete, blendend weisse Wäsche, und allerlei kleine

Habseligkeiten. Zum Schluss erfreute uns die gesammte männliche und

weibliche Jugend mit einem grossen Vokal-Konzert, ich fand es sehr

hübsch, aber Oberst von S., der sich darauf zu verstehen scheint, sagte

mir später, es hätte ihm fast die Ohren zerrissen.

Das katholische Waisenhaus, das wir darauf besuchten, war im Vergleich

zu jenem schlecht gehalten, die Anzahl der Zöglinge etwa ebenso gross.

Nachmittags durchstreifte ich die Stadt mit einem gefälligen Landsmann,

der mir aber wenig Auskunft geben konnte. Eine der Sehenswürdigkeiten

Samarangs, Haus und Garten des „Major” der Chinesen entging uns, da der

Hausherr, der als Opiumpächter ein Vermögen von 5 Millionen Gulden

erworben hatte, nicht anwesend war. Wir begegneten einem Brautzug von

Arabern. Ueber dem mit Blumenschnüren behangenen Bräutigam wurde ein

grosser Sonnenschirm getragen. Alle waren reich in Seidengewänder

gekleidet, den Zug schloss eine Musikbande. -- In Samarang druckt man

Batekmuster vermittelst kupferner Formen auf die Zeuge, das übrige

Verfahren gleicht dem (S. 229) beschriebenen. Auch werden hier

golddurchwirkte seidene Sarongs gewebt, die hoch im Preise stehen.

Von Samarang fuhr ich in einem alten schlecht gehaltenen Dampfboot,

„Koningin der Nederlande” nach Surabaya. Die langsame Fahrt dauert 24

bis 28 Stunden und kostet 100 Gulden. Auf dem Vorderdecke sah es

ziemlich bunt aus; es enthielt Malayen, Klings, Araber und Mischlinge.

Angetrunkene Soldaten sangen Abends ein wildes lautes Lied; dicht neben,

fast zwischen ihnen, verrichteten zwei Araber ihre Andacht mit vielen

Prosternationen so ungestört als wären sie allein. Das Boot war so voll,

dass keine Kabine mehr zu haben war. Die beiden einzigen Sophas, die auf

dem Verdeck standen, wurden mir wiederholt von den glücklichen Besitzern

dringend und anscheinend aufrichtig angeboten; soweit geht hier die

Höflichkeit gegen Fremde.

[Illustration: AM KALI-MAS. SURABAYA.]

~Surabaya~. -- In einem Sampan fuhr ich den langen Kalimas hinauf, an

vielen malerischen sonderbaren Küstenfahrern vorbei. Am rechten Ufer

liegt eine Reihe von Offizierswohnungen, dann folgte ein Kampong, in dem

viele auffallend geschminkte Mädchen am Ufer spazieren gingen oder

badeten. Am folgenden Morgen besichtigte ich eine Fabrik, die namentlich

Maschinen für Zuckerfabriken liefert. Der Besitzer, ein geborner

Aachener, beschäftigt nur inländische Arbeiter, ist sehr mit ihnen

zufrieden, und mag von Europäern nichts wissen, obwohl er zugiebt, dass

ein solcher in Europa unter Umständen viermal so viel zu leisten vermag

als ein Javane. In Java aber wollen alle Europäer die grossen Herren

spielen und sind daher nicht gut zu brauchen. Herr B. beschäftigt gegen

500 Arbeiter und hat sie alle selbst aus gewöhnlichen Kulis

herangebildet. In vier Jahren wird aus einem solchen ein guter Former,

oder Schmied; in sechs Jahren ein Modellmacher. Die Löhne betragen für

Knaben 30 bis 40 Cents, Erwachsene verdienen 40 bis 120 c. (120 c = 1

fl. holl.), die Mandore (Aufseher) erhalten 240 c. per Tag. Die

Arbeitszeit dauert von 6 bis 12 Uhr und von 1/2-1 bis 1/2-5. Fast jeden

Morgen fehlen einige Arbeiter bei dem Appell. Sie werden dann aus ihrer

Wohnung geholt und kommen auch ohne Widerrede; holt man sie aber nicht,

so bleiben sie ruhig zu Hause liegen. Strafe erhalten sie für diese

kleinen Anwandlungen von Arbeitsscheu niemals. Alle Arbeiter empfangen

Vorschüsse, sonst würden Unregelmässigkeiten im Dienst wohl viel

häufiger sein. Kleine Diebstähle von Nägeln, Schrauben u. s. w. kommen

zuweilen vor. Wird ein Dieb ertappt, so erhält er eine Ehrenstrafe; mit

einer Art von Halsband, an dem die gestohlenen Sachen hängen, und einem

Zettel am Kopf, welcher seinen Namen und sein Vergehen anzeigt, wird der

Dieb an die Thür den Vorübergehenden zur Schau gestellt. Diese Strafe

soll ausserordentlich wirksam sein, wie bei dem starken Ehrgefühl der

Javanen nicht anders zu erwarten ist. -- Von hier besuchten wir ein

Hospital, das keinen günstigen Eindruck machte; es fehlte an Raum,

Ventilation und Kühlung. Dysenterie, Fieber, Typhus sind die

Hauptkrankheiten.

Da wegen der vorgerückten Jahreszeit keine Zeit zu verlieren war, so

fuhr ich am folgenden Tage im Omnibus nach Pasuruan durch das Deltaland

des Kali-Brantes, welcher sich bei Modjo-kerto in zwei Arme theilt,

deren einer unter dem Namen Kalimas bei Surabaya mündet, während der

andere, wasserreichere, in östlicher Richtung weiterfliesst. Zwischen

diesen beiden Armen und der Küste, die von Surabaya bis zur Mündung des

Brantes fast genau dem Meridian folgt, liegt ein durch viele natürliche

und künstliche Kanäle reich bewässertes, sehr fruchtbares Schwemmland,

ein fast gleichseitiges Dreieck von etwa 6 Meilen Seite. Die Chaussee

läuft der Küste ungefähr parallel und ist die schönste von allen, die

ich bisher hier oder in Europa gesehen, breit, fest, eben, gut

unterhalten, von hohen, alten Tamarinden beschattet. Unter diesen liegen

zahlreiche Wachthäuser von Stein, zu beiden Seiten der Strasse Reis-,

Indigo-, Zuckerfelder. Ausgedehnte Fabriken mit Dampfschornsteinen

deuten auf die grosse Entwickelung der Zuckerindustrie, die hier ihren

Hauptsitz hat und Fleiss und Wohlstand unter der Bevölkerung verbreitet.

Nach kurzem Aufenthalt in Pasuruan ritt ich südlich nach Malang, in

einem sanften Bogen zwischen den im Westen gelegenen Vulkanen Ardjuno

und Kawi und den im Osten liegenden Tengger und Semeru, jener durch die

ungewöhnliche Grösse seines Kraters (der Sandsee), dieser als der

höchste Berg Javas (11,480') ausgezeichnet.

In Malang waren Resident und Regent wegen einer Inspektionsreise

abwesend; ich traf aber einen ebenso herzlichen als wissenschaftlich

gebildeten deutschen Arzt, der hier ein grosses Hospital gegründet, das,

ähnlich wie Gadok im westlichen Java, ein Sanatarium für die Bewohner

des östlichen werden soll. Ausser der gesunden, kühlen Lage machen

herrliche Umgebungen, vortreffliche Strassen und viele in der

Nachbarschaft vorhandene Kunstdenkmäler den Aufenthalt zu einem der

angenehmsten in Java.

Da die Reise, die ich nach dem Semeru vorhatte, vor Rückkehr des

Regenten nicht unternommen werden konnte, gab mir Dr. G. seinen

Verbandmeister, einen ehemaligen Barbier aus Leipzig mit, der mich nach

den schönen Tempelruinen von Tumbang und Pakis begleitete. Am nächsten

Tage ritt ich nach Singosari, wo einige malerische Tempelruinen und auf

einem Rasenplatz aufgestellte Skulpturen, die ihre Erhaltung ihrer

Schwere verdanken,[102] an die Hauptstadt eines ehemals mächtigen

Reiches erinnern. Singosari soll schon im 3ten Jahrhundert erwähnt, im

13ten seine höchste Blüthe erreicht, die erste Gründung der Tempel im

Jahre 656 stattgefunden haben. (Hagemann Schetsen omtrent Malang). Am

folgenden Morgen stieg ich auf den Ardjuno, gegen 1 Uhr erreichten wir

die südöstliche Kuppe, die nach Junghuhn Widodaren, nach Versicherung

des Regenten von Malang aber Indrogeni heisst; die zweite, in NW.

gelegene Kuppe, die höchste des ganzen Berges, auf der auch das

trigonometrische Signal steht, heisst Pedodarén, und besteht aus

grossen, über einander gehäuften Trachytblöcken. In einer natürlichen

Höhle, gross genug, um zwei oder drei Menschen als Schlafplatz zu

dienen, lag wahrscheinlich seit vielen Monaten völlig trockenes Heu, das

für die geringe Feuchtigkeit zeugte, welche hier, oberhalb der

Monsunwinde herrscht. Auf diesem Gipfel standen, wie auf dem des Lawu,

einige jener merkwürdigen aus Steinquadern aufgeführten Baue, an die

sich eine Legende knüpft, die mir der in der altjavanischen Literatur

wohl belesene Regent von Malang bei meiner Rückkehr erzählte.

Vor langer, langer Zeit lebten fünf Brüder, Pendówo, Königssöhne von

gewaltiger Körperkraft. Um noch stärker zu werden, zogen sie sich auf

den Gipfel des Ardjuno zurück und bauten sich auf der Kuppe Indrogeni

fünf Häuser, in welchen sie als Einsiedler lebten. Sie beteten täglich

um Vermehrung ihrer Körperkraft, und da sie Allah so viel näher waren,

drang ihr Gebet um so deutlicher zu ihm. Zu derselben Zeit lag auf dem

Südabhang des Semerugipfels eine grosse von Geistern bewohnte Stadt, die

einem mächtigen König gehorchte. Der Geisterkönig hatte viele Töchter

von ausserordentlicher Schönheit. Um eine derselben bewarb sich der

mächtige Radjah von Melusina; sein Gesuch wurde aber mit Hohn

zurückgewiesen. Da wandte er sich um Hülfe an einen der fünf starken

Brüder auf dem Ardjuno. Dieser begab sich nach der Geisterstadt, kämpfte

lange mit dem stolzen König, ward aber endlich überwunden und zog sich

nun auf den höchsten Gipfel (Pedodaren) des Ardjuno zurück, wo er noch

inbrünstiger betete, als zuvor. Bald fühlte er sich auch so gestärkt,

dass er zu neuem Kampf gegen den Geisterkönig aufbrach. Noch ehe er die

Geisterstadt erreichte, kamen ihm die schönen Prinzessinnen (Widodari =

Genien), die sich in den starken Helden verliebt hatten, bis zu einer

Bergkuppe am Südabhang des Semeru entgegen, der in Folge davon noch bis

auf den heutigen Tag Widodaren heisst. Diesmal erschlug der Held den

Geisterkönig, welcher Usu hiess, gab seinem Freunde, dem Radjah von

Melusina, die schöne Prinzessin, und heirathete alle ihre Schwestern.

Ein Versuch, Javas höchsten Vulkan, den Semeru zu ersteigen, scheiterte

an der Zaghaftigkeit und Böswilligkeit des Bedana von Madjang-tenga. Ich

kam aber bis zur Kuppe von Widodaren, und hatte somit Gelegenheit, eine

der eigenthümlichsten, wildesten und grossartigsten Landschaften zu

sehen, die Java enthält. Von Malang läuft die Strasse SO., fast

rechtwinklig fünf wasserreiche Bäche durchschneidend, die vom Westabhang

des Berges Semeru her in den dicht am Ostabhang des Berges Kawi

hinfliessenden Kali-Brantes fallen. Dieser umfliesst die Vulkanengruppe

des Kawi, Kelut und Ardjuno in einem Bogen und mündet nicht weit von

seiner Quelle an der Grenze von Surabaya und Pasuruan. Südlich von

Malang kamen wir durch einen ganzen Wald von merkwürdigen, dem Waringi

verwandten Feigenbäumen. Zwischen Madjang-tenga und Widodaren am

Südwest-Abhang des Semeru, ist alles mit dichtem, feuchtem Wald bedeckt,

in welchem riesige Bambusen auftreten und bald vorherrschend werden. Ich

mass einige von 26 Zoll Umfang, es sollen noch dickere vorkommen; ihre

Höhe beträgt 60-70', sie haben sehr dünne Wände und sind bis zur Spitze

mit Wasser gefüllt, das krystallhell hervorsprudelt, wenn man die Halme

anschneidet. Die Kulis kochten ihren Reis in diesem Wasser und zogen es

dem der Bäche vor. Die hohen, dünnen, mit Wasser gefüllten Halme brechen

leicht ab und bilden auf dem Boden ein viele Fuss hohes Durcheinander

von mehr oder weniger morschen Röhren, auf denen man zuweilen wie auf

einem Gerüst geht, häufig aber auch einbricht und dann tief in den

morschen Boden einsinkt. Die Feuchtigkeit war sehr gross, selbst

Nachmittags wehte jeder Luftzug einen Thauregen von den Blättern. Ein

prachtvolles Stück Landschaft entfaltete sich am Bach Mandjing. Man

überschreitet ihn kurz vor der Stelle, wo die flache Lavabank, auf der

er bisher geflossen, plötzlich abbricht. Da der damals wasserarme Bach

nur einige flache Rinnen in der Bank ausfüllte, so konnte man trockenen

Fusses auf festem Gestein bis an den Rand des Abgrundes treten. Steht

man in der Richtung des Wasserlaufes, so erhebt sich vor Einem eine

beträchtlich höhere Tuffwand, in welche der Bach eine mehrere hundert

Fuss tiefe Kluft mit senkrechten Wänden ausgewaschen hatte, so schmal,

dass die hohen Bambusen, die auf den beiden oberen Rändern wachsen, sich

darüber kreuzen. Auf der Kuppe Widodaren, wo wir übernachteten, war es

so feucht, dass wir nur mit grosser Mühe Feuer anzünden konnten. Der

innerste Kern des trockensten Holzes, das zu finden war, wurde in dünne

Stäbchen, so fein wie Zahnstocher, geschnitten, ein anderer Theil wurde

fein geschabt und in den Händen zu Pulver zerrieben; nachdem erst

dieses, dann die Stäbchen in Brand gebracht, wurden immer grössere

Stückchen angelegt, bis zuletzt ein munteres Feuer entstand. Der Bedana

traf erst eine Stunde später im Bivuak ein und fuhr fort, seine Zweifel

gegen die Möglichkeit der Besteigung des Semeru auszusprechen. Gegen

Abend hörten wir deutlich starke Schläge, wahrscheinlich Ausbrüche des

Kraters, konnten aber wegen des dichten Nebels nichts sehen. Früh um 3

donnerte der Semeru abermals. Es war eine klare, sternhelle Nacht, der

Gipfel deutlich sichtbar, ein Feuerschein aber nicht wahrzunehmen. Um

6-1/2 Uhr früh waren wir endlich marschfertig, der Bedana stellte sich

so müde, dass er schon nach 200 Schritten zusammensank und sich erst

nach langem Zureden wieder ermannte. Nachdem wir auf Banteng- (wilde

Büffel) Wegen eine Strecke weiter gestiegen, gelangten wir an eine

Stelle, wo der Bedana das Weitergehen hartnäckig verweigerte. Quer vor

uns lag eine tiefe Schlucht, deren beide Seitenwände aber durch einen

Zwischenrücken aus Rapilli verbunden waren, es war derselbe Rücken, auf

welchem Junghuhn früher die Schlucht überschritten, die einzige

schwierige Stelle auf dem ganzen Wege. Er mag damals vielleicht etwas

leichter zugänglich gewesen sein; denn jetzt erhoben sich auf dem

scharfen Grat einzelne Pfeiler aus Rapillimasse, zu lose und zu steil,

um darüber fortklettern zu können, aber leicht zu beseitigen. Der Bedana

hielt es für zu gefährlich, den Rücken zu betreten, und verweigerte auch

den Leuten die Erlaubniss. Ich bot meine ganze Beredsamkeit auf, räumte

mit einem langen Bambus die ersten beiden Pfeiler so weit ab, dass man

hinüber konnte; aber mein Beispiel war eben so unwirksam, als meine

Bitten, keiner verliess den Rand der Schlucht. Nachdem ich so eine

Stunde gearbeitet hatte, während der Bedana und seine Leute, Betel

kauend, ruhig zusahen, überlegte ich, was zu thun sei. In einer Stunde

hätten die Leute das Hinderniss beseitigen können, in 4-5 Stunden hätten

wir dann den Gipfel erreicht. Wäre der Bedana nicht dabei gewesen, so

wären mir die Leute gewiss gefolgt, wie schon so häufig auf schwierigen

Stellen; sein Befehl hielt sie zurück. Ich musste mich zur Umkehr

entschliessen. Ohne ein Wort zu sprechen, kehrten wir nach Madjang-tenga

zurück, das wir an demselben Abend erreichten. Während ich gestern in

gespannter Erwartung und fröhlichster Stimmung nur für die Pracht des

Waldes Augen hatte, sah ich heut, niedergeschlagen durch das verfehlte

Unternehmen, nur die Hindernisse, die die üppige Vegetation dem

Reisenden in den Weg legt, und roch überall nur den Moder der faulenden

Pflanzen. Die Einförmigkeit der Heimreise wurde nur durch die Ausbrüche

des Semeru unterbrochen. Ein erster lauter Knall erfolgte um 11, dem

andre um 12, 12-1/4, 1, 2 Uhr folgten. Von 4 Uhr an donnerte es fast

eine Stunde lang mit ganz kurzen Unterbrechungen, jeder Ausbruch dauerte

etwas weniger als eine Minute, die Pausen waren gewöhnlich nicht viel

länger. Welch prachtvolles Schauspiel müssten wir auf der Gipfelplatte

gehabt haben!

Auf dem Wege nach Malang begegnete uns ein eigenthümliches Brautpaar,

der Bräutigam über 20, die Braut kaum 9 Jahre alt. Beide sassen mit

Blumen geschmückt, gelb bemalt, in einem offenen Wagen neben einander;

die Braut sah schüchtern und gelangweilt, der Bräutigam sehr albern aus.

Ueber sie hielt man einen grossen Sonnenschirm. Ein Zug geputzter Leute

mit Gamelang-Musik folgte dem Wagen. Ich erfuhr, dass sich häufig

erwachsene Männer Kinder antrauen lassen, die dann bis zu ihrer

Mannbarkeit bei den Eltern bleiben. Einen Paal östlich von der Strasse,

die von Malang nach Pasuruan führt, liegt der Wasserfall Kali-Baong, ein

von Reisenden oft besuchter schöner Punkt. Vor etwa 8 Tagen besichtigte

ihn ein Engländer, den ich in Malang kennen lernte, mit seiner Frau. Als

sie wieder nach ihrem Wagen zurückgingen, sprang ihnen plötzlich ein

grosser Tiger in den Weg, glotzte sie an und lief weiter, ohne sie

anzugreifen.

Ohne mich in Pasuruan aufzuhalten, reiste ich nach der etwa 20 Paal

weiter östlich an der Küste gelegenen Hafenstadt Probolingo, um von dort

aus noch das Tengger-Gebirge und den Lamongan zu besuchen. Das

Küstenland behält denselben Charakter, wie zwischen Surabaya und

Pasuruan, die Zuckerfelder bedecken einen sehr grossen Raum; die

Einförmigkeit der flachen Reisfelder wird angenehm unterbrochen durch

einzelne Fächerpalmen und sehr zierliche Wächterhäuschen auf hohen

Gestellen, die mitten aus den Feldern hervorragen. Häufig gehen von

ihnen nach allen Richtungen lange Stricke aus, an denen Bambusklappern

hängen. Ein kleiner Junge setzt sie in Bewegung und vermehrt den Lärm

nach Kräften, um die Vögel zu verscheuchen. Von Probolingo führt eine

fahrbare Strasse bis Paras-goang an der Südküste; die Entfernung beträgt

in gerader Linie 45 Paal (9 deutsche Meilen), das ist die schmalste

Stelle der ganzen Insel. Westlich von der Strasse erheben sich das

Tengger- und Semeru-Gebirge, östlich der fast immer thätige Lamongan.

Nur in der Mitte wird die sonst ebene Strasse von einer kleinen Erhebung

unterbrochen; südlich davon breitet sich eine weite Fläche aus, die

weiter nach Osten versumpft und an der südlichen Küste durch eine

niedrige Dünenwand eingefasst wird. In der Mitte dieser Ebene bei

Lemadjang fand ich einen pensionirten deutschen Arzt, der damit umging,

für eine Gesellschaft europäischer Kapitalisten eine Cocospflanzung von

100,000 Bäumen anzulegen. Er erwartete den Landvermesser, der ihm das

von der Regierung bereits bewilligte Pachtland überweisen sollte, um

dann gleich an die Arbeit gehen zu können. Die Pläne schienen wohl

erwogen. Zwischen den Cocos, die vor dem 9ten Jahr kaum einen

nennenswerthen Ertrag geben, sollten Cacao, die schon nach 4 Jahren, und

Erdnüsse gezogen werden, die gleich im ersten Jahre eine Ernte gewähren.

Die Erwartung, dass eine solche Pflanzung, wenn sie erst einmal in

vollem Betriebe ist, jährlich einen Nutzen von 1 Dollar per Baum, also

100,000 Ds. abwerfen werde, so übertrieben sie auch denen scheinen mag,

die nur mit den Erträgen europäischer Kulturen bekannt sind, stimmten

genau mit den Notizen überein, die ich in Malacca darüber gesammelt

hatte; nur rechnet man hier die Kosten der Anlage auf einen D. per Baum,

in Malacca auf einen halben, so dass hier jemand, nachdem er 8-9 Jahre

gewartet, jährlich 100%, dort 200% Zinsen von seinem Kapital pflücken

würde.

Das grosse Geschick der Javanen in der Beurtheilung geringer

Höhenunterschiede habe ich bereits früher gerühmt; dass sie mit grosser

Genauigkeit nach dem Stand der Sonne die Zeit zu bestimmen vermögen, ist

kein Wunder; im östlichen Java aber fand ich die Leute so ausgezeichnet

orientirt, dass sie selbst im Hause statt der Ausdrücke rechts, links,

vorn, hinten u. s. w. gewöhnlich die Himmelsrichtungen gebrauchten, z.

B, gieb mir die nordwestliche Schüssel, stelle Dich südl., komm nach

Osten u. s. w.

Singapore, Malacca, Java. Reiseskizzen von F. Jagor. · 第 25 / 28 段