„das erhabene Surakarta”, oder Solo. Hier giebt es kein Gasthaus, eben
so wenig wie in Jokjo; ich fand aber die zuvorkommendste Aufnahme bei
einem schon viele Jahre hier ansässigen deutschen Arzt. Bei ihm traf ich
Oberst v. S. und bedauerte sehr, mich mit der Reise so übereilt zu
haben, da die Vorstellung bei dem „Kaiser” erst morgen stattfinden
sollte. Der Kraton ist wie in Jokjokarta von einer Mauer umschlossen und
enthält eine eben so zahlreiche Bevölkerung von Abhängigen des
Susuhanan. Sie wohnen in langen Reihen ärmlicher Hütten; schmutzige
Weiber und Kinder laufen in Menge umher. Im Vorhof des Palasts kauerten
einige Gruppen seiner Leibwache, ihr Oberkörper war nackt bis an den
Ledergürtel, der den künstlich gefalteten Sarong festhielt. Das
wohlgekämmte Haar hing lose über den Nacken; statt des Kopftuchs trugen
sie einen schmalen Kranz aus buntem Kattun, an welchem hinten zwei
grosse Flügel befestigt waren, vielleicht um die Schnelligkeit der
kaiserlichen Boten anzudeuten. Zerlumpte Soldaten präsentirten in
theatralischer Stellung Fahnen, Piken und sehr kurze Gewehre. Vor dem
Pendopo, der Empfangshalle, stand ein Musikcorps, das Fanfaren blies.
Der Kaiser, ein noch gut aussehender Greis von 72 Jahren, fast in
demselben Kostüm wie der Sultan von Jokjokarta, nur mit mehr Diamanten
geschmückt, erhob sich aus seinem Lehnstuhl und ging dem Residenten bis
an die Stufen der Halle entgegen. Um ihn kauerten Gruppen von alten
Weibern, Zwergen, Verwachsenen, Albinos, alle mit nacktem Oberkörper,
das ist Hoftracht. Je zwei oder drei hatten eine grosse messingene
Speichelurne zwischen sich. Hinter dem Kaiser sass ein recht hübsches
Mädchen, das eifrig mit ihrem Betel beschäftigt war, sie nahm ihn
mehreremale aus dem Munde, ballte mit ihren zierlichen Händchen die
Masse zu einer Kugel von der Grösse einer Pflaume zusammen, tupfte den
am Umfang ihrer Lippen haftenden Speichel damit auf und schob alles
anmuthig lächelnd in den Mund zurück.
Die Gewohnheit des Betelkauens ist bekanntlich über alle Malayenländer,
Hinterindien, einen grossen Theil von Vorderindien und China verbreitet,
färbt Lippen, Zahnfleisch, Speichel blutroth, die Zähne schwarz, was im
Lande für schön gilt. Die Chinesinnen und Mestizinnen der Philippinen,
die andere Begriffe von Schönheit haben, wissen aber ihre Zähne durch
häufiges Putzen mit der faserigen Hülle der Betelnuss weiss zu erhalten.
Der Betel besteht aus dem mit etwas kaustischem Kalk bestrichenen sehr
aromatischen Blatt des Betelpfeffers (Piper Betel oder Chavica Betel),
einer zu dem Zweck in grosser Menge gebauten Schlingpflanze, und einem
Stück des gerbestoffreichen Kernes der Arecapalme; häufig wird auch noch
Gambir und Tabak dazu genommen. Der Anblick ist anfänglich wegen des
reichlichen Speiens sehr hässlich; hat man sich einmal daran gewöhnt, so
möchte man wünschen, dass die Sitte auch in Europa bestände, da
Betelkauer nie schlecht riechenden Athem haben, während das Uebel bei
uns namentlich unter älteren Leuten so häufig ist. Das Betelkauen wird
wohl noch leidenschaftlicher getrieben als Tabakrauchen; seine
spezifische Wirkung auf den Organismus scheint bis jetzt völlig
unbekannt zu sein. Sir Emerson Tennent's Angabe (Ceylon I. pg. 112),
dass keine ärztliche Verordnung besser als der Betel im Stande wäre die
fast stickstofflose Nahrung der Eingebornen heilsam zu ergänzen, da er
zugleich antacid, tonisch und karminativ wirken soll, entbehrt nach dem
Urtheil mir befreundeter Physiologen jeder Begründung; der Betelgenuss
muss aber entweder eine nützliche oder eine angenehme Wirkung auf den
Organismus haben, sonst könnte unmöglich der Gebrauch so allgemein
sein.[99]
Nach einem kurzem Besuch verliessen wir den Kraton mit denselben
Zeremonien, wie bei der Ankunft und besuchten den unabhängigen Fürsten
Mangko-negoro, einen hübschen Mann in rüstigem Alter. Das Zeremoniell
war hier viel einfacher als bei dem Kaiser, als Ordonnanz hatte er ein
einziges, aber schönes junges Mädchen. Ich durchsuchte mit meinem
gefälligen Gastfreund fast alle Leihhäuser der Stadt in der Hoffnung
unter den verfallenen Pfändern einige schöne Waffen und andere
Kuriositäten kaufen zu können, fand aber nur wenig; noch unbefriedigter
war ich von den Kaufläden (tokos); es war fast nichts zu haben, und das
Wenige schlecht und theuer. Ein Bogen geringen Zeichenpapiers, der in
Deutschland einen Silbergroschen kostet, gilt im Innern von Java einen
Gulden, ein Bleistift schlechtester Qualität, -- gute sind nicht zu
haben, -- einen Gulden, ein Bogen Packpapier grosses Format, 1/2 Gulden
und so im Verhältniss. Hier lernte ich einen prächtigen alten Oberst
kennen, „der alte Blücher” genannt, der, die Kriegsjahre doppelt
gerechnet, 92 Jahre und fast in allen Welttheilen gedient hatte. Er
wollte mir einen sehr werthvollen Kris für unser Museum schenken, da der
Werth aber nur in der Zauberkraft liegt, die ihm der inländische
Aberglaube beilegt, -- wer ihn trägt, soll unverwundbar sein -- und sich
für den alten Herrn, der die ganze Geschichte des Zauberkris' auswendig
weiss, ruhmvolle Kriegserinnerungen an den Besitz desselben knüpfen, so
wäre es sehr unrecht gewesen, zu Gunsten der ungläubigen Berliner die
scheinlose Waffe von ihm anzunehmen.
Wir besuchten noch einen javanischen Prinzen, den Pangeran Mangko-bumi,
einen sehr lebhaften, thätigen alten Herrn, der in seinem Kraton alle
möglichen Gegenstände fabrizirt, Flinten, Büchsen, Geschirre, selbst
vollständige Gallawagen. Seine verstorbene Frau, eine Tochter oder
Schwester des vorigen Kaisers, liebte ihn so sehr und besass so viel
Selbstverläugnung, dass sie immer die schönsten jungen Mädchen ins Haus
nahm, um sie für ihn zu erziehen, ein Gebrauch der nach ihrem Tode
fortgesetzt wurde, so dass der alte Herr immer von einer Anzahl blühend
junger Frauen umgeben ist. Er war sehr liebenswürdig und lud mich ein,
einer Tanzstunde beizuwohnen, die er einer ausgewählten Zahl seiner
weiblichen Familienglieder ertheilte. Sechs Paare junger Mädchen,
darunter die schöne Prinzess Trinel (Bachstelze), sassen hintereinander
mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden. Nach einigen Gamelangklängen
erhoben sie sich langsam zu einem Tanz, der sehr anmuthig und
schwungvoller als der der Bedajas war, und sowohl durch seine Wendungen,
als durch das Kostüm: dünne, enganliegende Kleider, entblösste
Schultern, flatternde Schärpen und nackte Füsse, an die Tänzerinnen auf
antiken Wandgemälden erinnerte.
Vor Sonnenuntergang hatte ich noch das Vergnügen den Kaiser mit seinem
ganzen Hofstaat eine Spazierfahrt machen zu sehen. Es war ein hübscher,
etwas wilder, höchst pittoresker Zug: voran der Kaiser mit einigen
kleinen Kindern in einem grossen offenen Wagen, dem eine lange Reihe
anderer von allerlei verschollenen europäischen Moden folgte; in den
vordersten sassen Frauen und einige sehr schöne Kinder, die folgenden
enthielten die männlichen Hofbeamten und Verwandten des Kaisers. Jeden
Wagen umgab ein bunter Trupp Reiter mit blossen Beinen, flatternden
Sarongs, und enganliegenden Jacken. Der Zug bewegte sich in schnellem
Trab.
Surakarta ist der Hauptsitz einer eigenthümlichen Kunst farbige Muster
auf Kattun zu übertragen (Batek). Die Stellen des Zeuges, die beim
Eintauchen in die Farbe weiss bleiben sollen, werden auf beiden Seiten
durch einen Wachsüberzug geschützt. Zu dem Ende füllt die Zeichnerin
über Kohlenfeuer flüssig gehaltenes Wachs in ein kleines Gefäss aus
dünnstem Kupferblech und folgt mit der Spitze der wie ein Giftzahn
geformten feinen Ausflussröhre den Umrissen eines unter dem
durchscheinenden Zeuge liegenden Musters; vermittelst eines ähnlichen
Instruments mit weiterer Oeffnung werden die Zwischenräume ausgefüllt,
dieselbe Arbeit wird auf der andern Seite des Zeuges wiederholt, so dass
sich die Figuren genau decken. Ist das Zeug durch Eintauchen gefärbt, so
wird das Wachs ausgesotten. Soll noch eine Farbe aufgetragen werden, so
wird das ganze umständliche Verfahren wiederholt. Nach Eintauchung in
die zweite Farbe und Entfernung des Wachses erhält man ausser weiss,
drei Farben: zwei reine, und eine aus diesen gemischte. Das Auftragen
mancher Muster auf einen Sarong, der kaum die Grösse eines schottischen
Plaids übersteigt, erfordert 40 bis 50 Tage anhaltender Arbeit. Das
Batekmachen wird zwar auch von Lohnarbeiterinnen (monatl. für 2 fl. und
Reis) ausgeübt, die geschicktesten Zeichnerinnen sind aber vornehme
Frauen und diese Kunst bildet einen Theil ihrer Erziehung. Jedes Muster
hat seinen besonderen Namen, manches darf nur in gewissen vornehmen
Familien getragen werden und inländische Uebertreter verfallen,
wenigstens in den Fürstenländern, einer Strafe; Männer und Frauen haben
ihre besonderen Bateks. Das Muster, welches den Umschlag dieses Buches
bildet, Batek-udan-iris, das zweitvornehmste in der Familie des
Susuhanan, ist von einer Tochter des Prinzen Mangko-bumi gezeichnet, die
für eine der geschicktesten Künstlerinnen gilt.
Von Solo (Surakarta) aus besuchte ich den in gerader Richtung etwa 25
Paal östlich von hier gelegenen Gunong-lawu, der auf dem Gebiete des
Pangeran Mangko-negoro liegt. Mit javanischer Zuvorkommenheit hatte mir
dieser zu meiner Reise seinen Postzug und die Begleitung seines eigenen
Schwagers zur Verfügung gestellt. Wir überschritten den Solofluss auf
einer Fähre und setzten die Fahrt auf guter ebener Strasse bis
Karang-pandan fort. Nachdem die jungen muthwilligen Pferde allerlei
kleineren Unfug getrieben, machte das Vorderste, auf welchem ein
Postillon ritt, kehrt, die anderen folgten der Anregung, der ganze Zug
wickelte sich zu einem Knäuel zusammen, das nur sehr schwer und nicht
ohne Schaden für das Geschirr zu entwirren war.[100] In Karang pandan
besass der Fürst ein geräumiges Landhaus auf dem Gipfel eines Hügels,
mit herrlicher Aussicht auf die reich bebaute Ebene, und die immer
malerischen Sawaterrassen; im Osten begrenzte das Bild der Gunong-lawu,
im Westen der Merbabu und Merapi.
Mein Begleiter wünschte sehr, hier Halt zu machen, um von der bereits
gehabten Strapaze auszuruhen. Seine Ueberredungskünste bestanden weniger
in Worten als in Thaten und waren eines malayischen Kavaliers würdig:
nach einem verschwenderischen Frühstück, bei dem sich die malayische
Kochkunst in vollem Glanze gezeigt, erschienen, als ich mich eben auf
mein Zimmer zurückgezogen hatte, zwei junge Mädchen auf Befehl ihres
Herrn, um mich durch ihre Künste zum Bleiben zu bewegen; aber das
drähtige Haar und das übersanfte Lächeln des durch Feilen fast zahnlosen
Mundes vernichtete die Wirkung der einladenden Worte. Ich ritt nach
Pablingan, wo mehrere warme und kalte Mineralquellen hervorbrechen,
darunter ein angenehmer Sauerbrunnen, Ayer-wolanda, holländisches Wasser
genannt, weil das über Holland eingeführte Selterwasser in Java unter
diesem Namen bekannt ist. Als ich nach Karang-pandan zurückkam, hatte
sich mein vornehmer Begleiter hinreichend erholt, um nach dem am Fuss
des Lawu gelegenen Suku zu reiten, das wir gegen Sonnenuntergang
erreichten. Der Pasanggrahan stand mitten unter den interessanten von
Raffles abgebildeten und beschriebenen Tempelresten.
Am folgenden Morgen brachen wir auf, nachdem jeder vergeblich alle
Ueberredungskunst aufgeboten hatte, um den andern von der Besteigung des
Berges abzuhalten. Bis Tumba, einem kaum 2000 Schritt entfernten Dorf,
konnte man reiten und der arme „Raden Rio” verschmähte selbst diese
kleine Erleichterung nicht. Von dort aber ging es nur zu Fuss weiter.
Kaum waren wir einige hundert Schritt gestiegen, als sich mein
Begleiter, anscheinend ganz erschöpft, zu Boden warf, um etwas
auszuruhen; ich verabschiedete mich daher von ihm bis zum folgenden
Tage. Wir waren mit zahlreichem Gefolge aufgebrochen, nach einigen
Stunden Steigens waren nur noch mein Diener und zwei Kulis bei mir, mit
denen ich bald nach ein Uhr den Gipfel erreichte. An einer geschützten
Stelle waren drei Hütten aus Grasmatten, eine für den Raden, eine für
mich, eine für die Häuptlinge aufgeschlagen. Als eben die Dunkelheit
einbrach, kam zu meiner grössten Ueberraschung Raden Rio an, ausser sich
vor Ermüdung und rief mir zu: Um Gottes Willen, Herr, was suchen Sie
hier oben! liess sich in eine wollene Decke wickeln und warf sich auf
sein Lager. Der arme Teufel that mir sehr leid; es war mir gar nicht
eingefallen, dass er den Berg besteigen würde, da ich seine am frühen
Morgen zur Schau gestellte Ermüdung für eine List gehalten hatte, um
unter einem anständigen Vorwand zurückbleiben zu können; aber der
Gehorsam gegen Befehle von Höherstehenden ist in Java so absolut, dass
er nicht gewagt hatte, unten zu bleiben, obgleich es sein eigener
Schwager war, der ihm den Auftrag ertheilt hatte, mich zu begleiten. Er
brachte einen Tross von 70 bis 80 Mann mit, von denen ein Theil Gepäck
und Proviant trugen, während die anderen beschäftigt gewesen waren,
ihren Herrn mit Tragesesseln, Stricken, Hebebäumen auf den Gipfel zu
schaffen. Sein vortrefflicher Koch war auch mitgekommen und bald stand
ein schmackhaftes malayisches Diner auf einer Matte ausgebreitet.
Von einem so absoluten Gehorsam gegen Befehle Höherer, wie er in Java
besteht, hat man in Europa gar keinen Begriff. Raffles sagt an einer
Stelle (History of Java): Ebenso wie in einem ungebildeten Volk wenig
Theilung der Arbeit besteht, so auch keine Theilung der Macht im
Despotismus; der Despot ist Besitzer, alles andere ist Besitz, dieselbe
Vereinigung richterlicher, finanzieller, und exekutiver Gewalt, die im
Souverän ruht, geht an die Guvernöre der Provinzen, und von diesen
stufenweise auf die unteren Beamten über, so dass jeder Häuptling,
welches auch sein Rang sei, fast unumschränkte Gewalt hat über die
welche unter ihm stehen.
Den künstlich geebneten höchsten Punkt des Berges (10066'), den man auf
rohen Stufen ersteigt, fand Junghuhn (1838) von einer viereckigen 3'
hohen Mauer umgeben und innerhalb derselben ein hölzernes Haus, das
wohlriechende Blumen und angebrannte Kohlen enthielt. Von dem Häuschen
stand nur noch das Gerüst aufrecht, die Umfangsmauern waren unversehrt,
einige hundert Fuss weiter unten, in der Höhe unseres Lagerplatzes,
stand aber jetzt ein wohl erhaltenes Haus, das gleichfalls mit Blumen
geschmückt und von einer Umfangsmauer umgeben war.
Der Morgen war wieder ganz trübe, wir kehrten nach Suku zurück, wo Raden
Rio erst gegen Abend ankam, und ritten sogleich nach Karang-pandan, um
am andern Morgen mit Tagesanbruch nach Solo zurückkehren zu können. Auf
der reichen Kulturlandschaft erhoben sich viele steinerne geräumige
Häuser, Etablissements grosser Landpächter, die auf ihren Feldern
Produkte für den europäischen Markt, besonders Zucker und Indigo bauen.
Am 20. Oktober wurde in Solo das javanische Neujahrsfest Grebek
gefeiert. Schon früh Morgens waren alle Strassen, die zur Hauptstadt
führten, mit Zügen inländischer Häuptlinge bedeckt, die sich in ihrem
besten Schmuck, von zahlreichen Dienern begleitet, zum Fest begaben. Um
10 Uhr versammelten sich alle Europäer in der grossen Halle des
Residenzgebäudes. Gegen 11 Uhr erschienen zwei Abgesandte des Kaisers,
um den Residenten nach Hofetikette, mit kaum hörbarer Stimme zum Besuch
im Kraton einzuladen. Eine halbe Stunde später fuhr der Resident,
gefolgt von den Europäern und mehreren Pangerans in europäischer
Uniform, nach dem Kraton. Auf dem Alun-alun war ein grosser
Menschenhaufen versammelt. Durch eine Menge kleiner inländischer Beamten
und die kaiserlichen Leibwachen hindurch gelangten wir an die grosse
Empfangshalle: der Kaiser ging dem Residenten bis an die Stufen
entgegen; und sobald sich beide niedergesetzt, nahmen die Europäer und
Pangerans auf Stühlen zur Seite Platz. Dies war die Anordnung:
R S
9 1 10
2 3 4 5 6 7 8
R Resident, S Susuhanan (Kaiser), 1 Speicheldosenträgerin (eine Alte),
2-8 sieben junge Mädchen mit nackten Schultern, ein goldenes Band um den
Hals, Blumen und eine Feder im Haar, die Reichsinsignien haltend und
zwar: 2 das Schwert, 3 die Pfeile, 4 den Bogen, 5 den Sonnenschirm, 6
den Schild, 7 den Säbel, 8 den Fächer. -- 9 und 10 Zwerge, alte Weiber,
Verwachsene, Albinos. Nach kurzem Verweilen begaben sich Kaiser und
Resident, unter einem vergoldeten Sonnenschirm einherschreitend, von den
Gästen gefolgt, nach der grossen Halle des Vorhofs, in welcher bereits
die übrigen kaiserlichen Gäste versammelt waren. Jetzt war, nachdem alle
Platz genommen, die Gruppirung folgende:
S R
+---+ +-+ +---+ +-+ +---+
| | | | | | | | | |
B E V E B
S Susuhanan, R Resident, V Verwandte und vornehmste Beamte in Reihen
geordnet, B Beamte und Häuptlinge, alle nach ihrem Range in Reihen
geordnet, E Europäer auf Stühlen. Alle Inländer mit alleiniger Ausnahme
des Kaisers und der Pangerans kauerten am Boden. Der Kaiser trug eine
cylindrische Mütze aus weissem Glanzleinen, im Uebrigen das schon
beschriebene Kostüm. Auch die vornehmen Beamten (V) hatten cylindrische
Mützen und Jacken, meist von dunkler Farbe. In den Reihen B waren alle
bis zum Gürtel nackt; das Haar war nicht zusammengebunden, sondern
einmal gedreht über den Kopf gelegt und mit einem Kamme befestigt. Rings
um die offene Halle standen die kaiserlichen Leibwachen in bunten
Kostümen und theatralischer Haltung, die gut zum Ganzen passte. Zwei
vornehme Boten drängten sich kriechend in der Mittellinie durch die
hohen Würdenträger (V), machten in grosser Entfernung vor dem regungslos
sitzenden Kaiser Halt, und berichteten, als sie nach langer Pause einen
Wink empfangen, dass die dem Volk bestimmten Geschenke bereitständen;
dies geschah aber mit so leiser Stimme, dass der Schall wohl kaum bis
zum Kaiser dringen konnte. Nach abermaligem langem ehrerbietigem Harren,
erhielten sie einen zweiten Wink, und zogen sich rückwärts kriechend
zurück. Nun wurden die kaiserlichen Geschenke, denen ein Musikcorps
voranging, vorübergetragen; sie bestanden aus allerlei Esswaren und
Näschereien auf kolossalen verzierten Körben, jeder von 12 Kulis
getragen: bald hörte man aus dem Jauchzen des Volks auf dem Alun-alun,
dass es sich in Besitz gesetzt hatte. Inzwischen waren an die Gäste
Verzeichnisse der zu trinkenden Toaste vertheilt worden: 1. das neue
Jahr, 2. der General Guvernör, 3. der Kaiser, 4. der Resident, 5. der
Pangeran Adipati-anom (Kronprinz), 6. die kaiserliche Familie, 7. die
Blüthe und Wohlfahrt der Insel Java. Zu jedem Toast erhielt man ein
kleines Glas Madeira oder wenn man es vorzog, Thee von gleicher Farbe,
eine anzuerkennende Vergünstigung, da das Glas jedesmal ausgeleert
werden muss. Die Leibwache war in Schlachtordnung aufmarschirt und
begleitete jeden Toast mit einer Gewehrsalve. Schliesslich geleiteten
die Europäer den Kaiser in den inneren Kraton zurück, und gingen nach
Hause. Das Schauspiel war nicht ohne Interesse und erinnerte
unwillkürlich an die grossen Kirchenfeste in Rom, sowohl durch die aus
einer vergangenen Zeit geretteten malerischen aber fadenscheinigen
Kostüme, als durch die fast zur Anbetung gesteigerten Formeln der
Ehrerbietung gegen zwei dem Grabe nahen Greise, die bezeichnend die
Hauptrollen spielten; hier wie in Sankt Peter hatten die ungläubigen
Fremden, für welche das Ganze nur ein buntes Schauspiel ist, die
Ehrenplätze, während das gläubige Volk draussen steht.
Sechstes Kapitel.
Festung Ambarawa. -- Samarang. Schule. Waisenhaus. -- Surabaya.
Maschinenfabrik. -- Tempel um Malang. -- Ardjuno. Legende. --
Semeru. -- Lamongan. Gewitter. -- Rückkehr nach Batavia.
Von Solo reiste ich über Bojolali und Salatiga, wo ein Regiment
Kavallerie liegt, nach Ambarawa, traf daselbst wieder den Oberst, den
seine Dienstgeschäfte dort einige Tage aufhielten, und hatte dadurch
Gelegenheit die bedeutende, erst vor wenigen Jahren begonnene, aber
beinahe vollendete Festung zu sehen. Sie soll sehr zweckmässig angelegt
sein; jedenfalls liegt sie sehr schön. Wir gingen bis zur Dunkelheit auf
den langen Reihen flacher Dächer spazieren und erfreuten uns an der
herrlichen Aussicht auf die den weiten Thalkessel rings umschliessenden
Berge. Der Merapi, Merbabu, Lawu, Sumbing, Sindoro, traten in der
durchsichtigen feuchten Abendluft so klar hervor, dass man alle
Schluchten dieser schönen Kegelberge deutlich erkennen konnte. Der
Ungaru liegt in unmittelbarer Nähe und begrenzt den Kessel von Ambarawa
im Norden durch seine flachen Vorberge. Auf diesen sieht man eine Menge
weiss getünchter Stein-Häuser durch die Bäume schimmern, ein im Innern
Javas seltener Anblick. Gegen Osten lehnt sich die Festung an die Rawa,
einen grossen Sumpf, dem sie ihre Stärke verdankt. Die Festungsgräben
sind an der inneren Seite mit dornigen Bambusen bepflanzt, die eine
undurchdringliche Hecke bilden. Ambarawa soll der Hauptwaffenplatz für
Niederländisch-Ostindien werden. Es laufen von hier drei Hauptstrassen
auseinander; die eine nördlich nach dem grossen Handelsplatz Samarang,
eine SW. über Kadu nach den westlichen, die dritte SO. über Surakarta
nach den östlichen Provinzen. Die früheren Bewohner des Thales sind auf
loyale Weise expropriirt worden, und haben ihre Desas auf den
umliegenden Hügeln erbaut. Rings um Ambarawa sieht man nichts als
Soldaten und Leute, die von ihnen leben. Zu den Erdarbeiten, die der
Festungsbau nöthig machte, ist das bereits früher erwähnte
Schwemmverfahren in sehr ausgedehntem Maasse angewendet worden (pg.
146). Die Javanen sind Meister im Wasserbau. Auch wissen sie nach
blossem Augenmaas geringe Niveauunterschiede zwischen entfernten Punkten
richtig aufzufassen, die ein Europäer nur mit Hülfe von Instrumenten zu
ermitteln vermag.
Am folgenden Morgen besichtigten wir die noch unvollendeten Gebäude zu
einem „Militärkampement” von 12000 Mann. Die Kasernen einiger
Regimenter waren bereits fertig und bewohnt. Sie sind sehr geräumig,
reinlich, luftig. An beiden Seiten laufen der ganzen Länge nach breite
Veranden hin. In den Schlafsälen fielen mir die fast quadratischen
Betten auf; der Soldat schläft hier nicht allein, jeder hat eine
Soldatin; ich sah diesen interessanten Truppentheil aber nur aus der
Ferne, da sie um 7 Uhr früh, wo die Offiziere Musterung halten, die
Schlafsäle verlassen haben müssen; sie ziehen sich dann in ein
abgesondertes Kampong zurück. Die Inländerinnen, die mit den Soldaten
wie treue Ehefrauen leben, werden von den Offizieren nicht als ein
störendes Element, sondern als ein nützliches Komplement betrachtet.
Auf dem Marsch sollen sie wichtige Dienste leisten, ohne besondere
Mühe oder Kosten zu verursachen, da sie von der reichlichen Ration des
Soldaten leben. Sie putzen diesem, wenn er vom Marsch ermüdet im
Bivuak ankommt, Waffen und Zeug, besorgen seine Wäsche, kochen das
Essen und erhalten ihn bei guter Laune, da sie selbst immer
unverdrossen sind. Der afrikanische Reisende Galton macht in seinem
„Art of travel” die Reisenden ebenfalls auf den grossen Nutzen
aufmerksam, den eine Expedition aus der Begleitung inländischer Weiber
zieht, und giebt dieselben Gründe an.