Von Magelang aus besuchte ich das 10-12 Paal gen Süden am Progofluss

gelegene ~Borobudor~, von allen Monumenten Javas das grösste, schönste,

am besten erhaltene, weit berühmt nicht nur durch die Beschreibungen von

Raffles, Crawfurd und anderen, sondern auch durch die darauf gegründeten

Arbeiten von W. v. Humboldt und Burnouf. Aus der Ferne macht es keinen

bedeutenden Eindruck; es erscheint als eine flache, breite Pyramide mit

etwas verschwommenen Umrissen und fesselt das Auge nicht durch gefällige

Gliederung der Masse. Sobald man aber näher herankommt und die grosse

Fülle schöner Skulpturen gewahrt, für welche das Gebäude gewissermassen

nur den Träger bildet, begreift man wohl den Enthusiasmus, mit dem fast

Alle, die Borobudor gesehen, davon sprechen. Folgendes ist im

Wesentlichen der Plan des Gebäudes: auf einem Hügel, dessen Seiten

terrassirt sind, und der somit ein Postament für dasselbe bildet,

erheben sich stufenförmig über einander 6 Terrassen, die mit Ausnahme

der obersten und untersten an ihrem äusseren Rande von einer Mauer

umgeben sind, so dass 4 ringsum laufende oben offene Gallerien von 2

Meter Breite entstehen, deren innere Wände doppelt so hoch als die

äusseren sind. Der Grundriss der Terrassen ist, wenn man die in der

Mitte jeder Front nach Aussen rechtwinklig vorspringenden Ausladungen

nicht berücksichtigt, quadratisch. Auf der oberen Plattform erheben sich

3 kreisrunde Terrassen über einander von je 1,68 Meter Höhe, welche 34 +

24 + 14 zusammen 72 durchbrochene glockenförmige kleine Tempel tragen,

in denen je ein Buddha sitzt. Auf der obersten Stufe erhebt sich eine

Kuppel von 20' Höhe, 50' Durchmesser. Ausser derselben enthält der ganze

Bau keinen hohlen Raum, und dieser jetzt zum Theil eingefallene, früher

geschlossene Raum war leer. In der Mitte jeder Front ist ein Thor, durch

welches eine Treppe bis zur Kuppel führt. Das ganze Gebäude besteht aus

künstlich in einander gefügten Trachytquadern. Die grösste Breite des

Monuments liegt wegen der bereits erwähnten Vorsprünge in den

Mittellinien und beträgt nach Wilsen's Messungen 114 Meter, die

Gesammthöhe mit Einschluss des Kegels, der früher auf der Kuppel stand,

30 Meter. Crawfurd giebt etwas grössere Dimensionen an, aber Wilsen's

Maasse dürften wohl die richtigen sein.[95] Nach ihm enthält die äussere

unterste Wand 480 Reliefs. Die schönsten Skulpturen befinden sich an der

inneren Wand der ersten Gallerie; sie ist horizontal in zwei Theile

getheilt und ganz bedeckt mit Reliefs von 2,70 Meter Breite, 0,90 M.

Höhe. Aber alle senkrechten Wände sind mit Reliefs, Arabesken und

Girlanden bekleidet. Wilsen giebt die Zahl der grossen Basreliefs auf

2000, die Gesammtzahl der Figuren überhaupt in den 5 Gallerien auf

20,000 an. Sämmtliche Mauern der Gallerien tragen reich verzierte

Nischen, in denen überlebensgrosse Buddhas thronen. Die Zahl der

Buddha-Figuren in den Nischen beträgt nach W. 500. Weit mehr als über

den Reichthum der Skulpturen erstaunt man über die mannigfaltigen,

sinnigen Kompositionen und die bis in die kleinsten Einzelnheiten

sorgfältige Ausführung. Die beiliegende Zeichnung giebt eines der Bilder

der ersten Gallerie wieder, das ich aufs Gerathewohl, und weil es etwas

im Schatten lag, zu einer Skizze wählte. Diese Reliefs bewahren einen

Schatz von Erinnerungen aus dem Leben der damaligen Zeit auf; eine

Inschrift oder Jahreszahl enthält das Monument aber nicht. Crawfurd

sagt, dass man aus einem räthselhaften Vers die Jahreszahl 1344 als die

Zeit der Vollendung des Baues herausgedeutet habe, die ihm nicht

unwahrscheinlich vorkommt. Andere, darunter Raffles und van Hoevell,

halten das Monument für viel älter. Nach der allgemeinsten Ansicht wurde

der Bau von buddhistischen Künstlern aus Vorderindien unter Mithülfe der

Eingebornen errichtet. Die Javanen selbst haben wohl nie eine so hohe

Kunststufe erreicht. Wie die Buddhisten nach Java gekommen, ist nicht

genügend festgestellt; Friederich glaubt, Bekehrungseifer sei die

Veranlassung gewesen; vielleicht kamen sie auch als Flüchtlinge nach den

Glaubenskämpfen mit den Brahmanen, die mit der Vertreibung der

Buddhisten aus Indien endigten (gegen 1000 n. Chr.). Das Monument ist

noch sehr wohl erhalten und kann allem Anschein nach, wenn nicht Krieg

oder Erdbeben es zerstören, noch viele Jahrhunderte bestehen. Im Kriege

gegen Dipo-negoro (1825-30) hat es etwas gelitten, da es, wie das

Grabmal der Caecilia Metella bei Rom, als fester Punkt benutzt wurde,

wozu es sich wegen seiner Lage sowohl als wegen seiner Gliederung und

Grösse sehr eignete. Sein gefährlichster Feind ist vielleicht ein

kleines Lichen, das sich langsam, aber unaufhaltsam weiter verbreitet

und schon manches schöne Bild unkenntlich gemacht hat.

[Illustration: RELIEF VON BOROBUDOR. JAVA.]

In geringer Entfernung von Borobudor liegt ein kleiner Tempel, Pavon

oder Dapor genannt, auf dessen Seite ein riesiger Feigenbaum

emporgeschossen ist, ohne dem Monument sehr zu schaden. Nach Wilsen

beträgt seine Höhe ungefähr 15 M., die Breite 10 M. Auf dem Rückweg nach

Magelang in etwa 2 Paal Entfernung von Borobudor gelangt man an den

Tempel ~Mundut~, der früher vom vulkanischen Sand des Merapi

verschüttet, erst 1834 durch den damaligen Residenten der Provinz wieder

ausgegraben wurde. An seiner Aussenseite ist er mit schönen Figuren,

Friesen und Arabesken bedeckt, welche letztere mich an die besten Sachen

erinnerten, die ich in Italien gesehen. Herr Wilsen soll auch von diesem

Tempel, dem allgemein dasselbe Alter und derselbe Kultus wie Borobudor

zugeschrieben wird, die genauesten Zeichnungen angefertigt haben. Das

Innere, dessen Decke aus einander überragenden Quadern gebildet wird, so

dass eine hohle Pyramide entsteht, enthielt drei kolossale Figuren; den

Boden bedeckte eine tiefe, fast betäubenden Moschusgeruch verbreitende

Schicht von Fledermausmist.

Um einer Verabredung zu genügen, musste ich leider noch an demselben

Abend nach Magelang zurückeilen, wo ich den Oberst v. S. traf, mit dem

ich am folgenden Tage nach Jokjokarta reiste, der Hauptstadt des

Sultans, eines der unabhängigen Fürsten auf Java. Seine Unabhängigkeit

ist freilich nur eine beschränkte, da er von der holländischen

Regierung, die einen Residenten an seinem Hofe hält, einen Gehalt

empfängt. Das Waterkastell von Jokjokarta gilt für eine grosse

Sehenswürdigkeit. Es ist der fast zerfallene Badeplatz eines früheren

Sultans, in holländisch-chinesischem Zopfstil mit javanischen

Schnörkeln. Abends hatte ich Gelegenheit, mit dem Residenten und

Obersten dem Sultan einen Besuch zu machen. Wir fuhren in den von einer

hohen Mauer umgebenen „Kraton”, der den Palast und die zum Theil sehr

ärmlichen Häuser des Hofstaates enthält, und mit seinen Höfen und Gärten

die Grösse einer kleinen Stadt hat, und gelangten durch zwei grosse von

Waringibäumen beschattete Vorhöfe in den inneren Hof. Am Thor

präsentirte die Wache, zerlumpte Kerle mit schwarzen cylindrischen

Mützen. Der Sultan erwartete uns, auf einem europäischen Sopha sitzend,

in einer offenen Halle. An den Wänden standen Stühle, ein Teppich lag

auf dem Boden. Die Möbel waren von der Art, wie man sie in Gasthäusern

zweiter Klasse in Europa findet. Der Fürst trug ein kattunenes Kopftuch,

aus dessen Falten, seitlich vom Scheitel, ein kleiner Blumenstrauss

hervorragte. Eine mit einem hohen holländischen Orden geschmückte Jacke,

Sarong und europäische Pantoffeln vollendeten den Anzug.

Gesichtsausdruck und Haltung des Sultans waren würdig und verbindlich;

der Resident nahm zur Linken, der Oberst zur Rechten Platz. Die

Unterhaltung wurde kaum hörbar leise geführt, so will es der Hofton. Auf

eine Andeutung des Residenten, dass ich gern etwas von den Gebräuchen

des Hofes sehen möchte, war der Fürst so artig, uns zu seiner Familie zu

führen. Wir gingen über den Hof nach einem grossen Pendopo, dessen sehr

hohes Dach von vielen niedrigen Holzsäulen getragen wird, zwischen denen

Lampen und Vogelkäfige von der Decke herabhingen. Auf einer Estrade

lagen grosse seidene, mit frischen Blumen bestreute Kissen, auf denen

wir Platz nahmen. Bald erschien die Gemahlin (ratu = Königin) und drei

Prinzessinnen, die den sonderbaren Titel tuwan = Herr führen. Jene

setzte sich auf ein Kissen neben den Sultan, die Herren Prinzessinnen

nahmen mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden, dem Sultan gegenüber,

Platz. Eine Reihe alter Weiber mit nacktem Oberkörper und einem über die

Brust gebundenen Tuche hockten in ehrerbietiger Entfernung. Nach einer

kurzen Unterhaltung führten wir die Fürstinnen, die nur mit einem

Sarong und einer dünnen Kattunjacke bekleidet und mit einigen Diamanten

geschmückt waren, in die Empfangshalle zurück, indem wir ihnen den Arm

gaben. Der Resident hatte die Ehre, die alte Fürstin zu führen, mir,

ohne offiziellen Rang, fiel die jüngste Prinzessin zu, ein hübsches

fünfzehnjähriges Mädchen mit grossen Augen, lebhaft und kokett und, was

ich ihr besonders hoch anrechnete, mit ganz weissen Zähnen, da sie, die

einzige in der ganzen Familie, nicht Betel kaute. In diesen vornehmen

Familien ist wahrscheinlich viel arabisches Blut; sie haben nicht die

kleinen Nasen mit breiten Flügeln der gemeinen Malayen. Nach kurzer

Unterhaltung verliessen wir den Kraton in derselben Weise, wie wir

gekommen waren. -- Abends in einer Gesellschaft beim Residenten

erschienen mehrere Pangerans (javanische Prinzen), die Obersten-Rang

hatten und holländische Uniform trugen. Ihr langes Haar war in ein

Bündel gesammelt und mit einem Kopftuch bedeckt. Einer derselben hatte

einen kleinen, garstigen Zwerg als Pagen bei sich, dem er seine

Militärmütze übergab; dieser setzte sie verkehrt auf den Kopf und

spazierte damit unter den Gästen umher.

Am folgenden Morgen fuhr ich mit einem Tumongong durch die heisse Ebene

bis Imogiri, von wo wir nach der Südküste ritten, an der sich eine

niedrige Dünenreihe hinzieht. Die heisse vom schwarzen vulkanischen Sand

des Merapi bedeckte Fläche wird von mehreren parallelen Bächen

durchströmt, die sich in den Kali-opak ergiessen, welcher dicht am Fuss

des die Ebene in Osten begrenzenden Kalkgebirges fliesst, und mit ihm

zusammen bei Karang-tritis das Meer erreicht. Wir sahen eine Falle, um

Wildschweine, deren es hier viele giebt, zu fangen: zwei mehrere hundert

Fuss lange, mit Reisig verkleidete Bambusgitter bildeten einen sehr

stumpfen Winkel und führten durch eine Oeffnung in einen langen Gang,

von dessen Decke einige starke Thüren wie Klappventile schräg von vorn

nach hinten hingen. Am flachen Strande waren viele Menschen beschäftigt,

aus dem Meerwasser Salz zu gewinnen. So weit man nach Westen sehen

konnte, war die Küste mit ihnen wie bestreut, im Osten setzten die in

hohen, sonderbaren Formen ins Meer ragenden Felsen von Karang-tritis den

Arbeiten eine Grenze. Das Verfahren war sehr umständlich: anstatt das

Seewasser in einem System von Gräben, sogenannten Salzgärten, verdunsten

zu lassen, wurde es mit Eimern, die je aus einem Blatt der Fächerpalme,

Corypha gebanga, bestanden,[96] geschöpft und auf den aus schwarzem

Sande bestehenden heissen Strand geschüttet, wo es verdampft. Ist die

obere Erdschicht hinreichend mit Salz gesättigt, so wird sie

oberflächlich aufgenommen, auf ein in Tischhöhe aufgestelltes Bambussieb

gebracht und durch Aufgüsse von Seewasser unter fortwährendem Kneten

ausgelaugt. Man lässt die abgelaufene Sole in einem Trog in der Sonne

verdampfen und konzentrirt sie im nächsten Dorf durch Sieden in irdenen

Töpfen. Das Salz ist sehr zerfliesslich, da es nicht einmal vom

Chlormagnesium gereinigt wird. Zu jedem Gestell gehörten zwei bis drei

Leute: einer trägt Wasser, der andere knetet, der dritte ruht aus, um

den Wasserträger abzulösen. Bei Sonnenschein machen 2 Mann in 5 Tagen 80

Katti Salz nach Angabe des Tumongong. Die Salzgewinnung ist in den

Fürstenländern eine Privatindustrie, im übrigen Java Regierungsmonopol.

In der Klippe Karang-tritis ist eine Tropfsteinhöhle, deren hohe

senkrechte, dem Meere zugekehrte Wand dicht mit grauen und gelben

Flechten überzogen ist. Das von oben herabsickernde kalkhaltige Wasser

durchdringt diese wie einen Schwamm und inkrustirt sie mit Kalk; die

feuchte zu Stein gewordene Kruste giebt einer neuen Vegetation von

Flechten eine willkommene Unterlage, und so erhält die Felswand einen

eigenthümlichen reich gefärbten Ueberzug, halb Stein, halb Pflanze.

Jenseits Karang-tritis ragen viele einzelne Kalkfelsen aus dem Meere

hervor, die durch die Wirkung der Brandung so phantastische Gestalten

erhalten haben, dass sie auch wohl bei aufgeklärteren Leuten als den

Javanen, Veranlassung zu Aberglauben geworden wären. Hier ist es, wo

nach Hagemann (Tijd. v. L. T. en V. 1853) die Geisterkönigin Loro-kidul,

deren Gebiet sich längs der ganzen Südküste vom Semeru bis nach

Nusa-kumbangan erstreckt und deren prächtiger Palast im Grunde des

Meeres ist, sich ihren Vertrauten in Träumen offenbart.

Gegen Mittag kam eine stattliche Reiterschaar, Herren vom inländischen

Adel mit ihrem Gefolge, zum Besuch und führten uns nach einem

Pasanggrahan, der hübsch möblirt war, weil er oft von den einheimischen

Fürsten benutzt wird, die hier das wegen der sehr starken Brandung

geschätzte Seebad benutzen. Wir hatten ein vorzügliches malayisches

Diner, bei welchem auch Büffelfell vorkam, welches wie Biskuit gegessen

wird und sehr angenehm schmeckt. Das Fell wird zu dem Zweck in sehr

feine Stücke geschnitten, in heissem Wasser eingeweicht und in Fett

gebacken, wobei es zu einer sehr porösen, spröden Masse aufschwillt.

Als wir gegen Abend, von der starken Sonnengluth sehr ermüdet, nach

Imogiri zurückritten, kamen wir an einer Indigofabrik vorbei. Schon

lange, ehe wir sie erreichten, sah ich den Besitzer, einen stattlichen

jungen Mann in leichtem Pflanzerkostüm sein Haus verlassen und durch die

Felder grade auf uns zueilen. Als er uns erreicht hatte, fasste er

zuerst der Sicherheit wegen mein Pferd am Zügel, dann grüsste er sehr

freundlich und lud uns ein, die Nacht in seinem Hause zuzubringen, indem

er zugleich das Pferd dahinführte mit dem zufriedenen Lächeln eines

Mannes, der einen guten Fang gethan hat. Ein Freund aus Jokjokarta hatte

ihm durch einen Boten gemeldet, dass wir hier vorbeikommen würden, und

er hatte uns aufgelauert. An Loskommen war nicht zu denken, auch hatte

ich keine Lust dazu; doch machte ich absichtlich einige Einwendungen,

die indessen alle triumphirend beseitigt wurden. Mein Gastfreund, sehr

gebildet und, wie ich später hörte, aus sehr guter holländischer

Familie, lebte hier ganz isolirt auf der vor Kurzem von ihm gegründeten

Fabrik, fern von allem Umgang mit Europäern. Er hatte gewiss eine

angenehme Unterhaltung für den Abend gehofft, und alles aufgeboten um

seinen Gast zu ehren, leider war ich so entsetzlich müde, dass ich über

Tisch einschlief und so schnell als möglich ins Bett schlich.

In den Fürstenländern, wo die holländische Regierung keine Produkte

baut, da der Grund und Boden dem Fürsten gehört, ist es Europäern

gestattet Ländereien zu pachten und auszubeuten: jedoch ist ihre Zahl

eine beschränkte, die Erlaubniss hängt vom Ermessen der

Kolonial-Regierung ab. Nach dem Reglement für 1857 betrug sie 68 für

Jokjo, 207 für Surakarta. Der Pächter tritt der Bevölkerung gegenüber in

die dem Landesfürsten nach dem Adat zustehenden Rechte. 2/5 des Bodens

darf er mit Produkten für den europäischen Markt bebauen, jede Familie

leistet ihm 104 Tage Frohndienst, dafür zahlt er die Grundsteuer für die

ganzen 5/5 des Bodens. Der Ertrag der übrigen 3/5 so wie die Verfügung

über die nach Abzug von 104 Tagen verbleibenden 261 Tage gehört der

Bevölkerung ohne weitere Abzüge oder Lasten.

Nach den Grundsätzen des Kultursystems sollten die Bauern in den

Regierungsländern besser gestellt sein als in den Fürstenländern; in

Wirklichkeit ist dies aber nicht der Fall, da ihre Arbeitskraft (vergl.

Kaffeekultur) bei der mangelhaften Leitung durch Beamte zum grossen

Theil verschwendet wird.

Vor allen hat sich in Jokjokarta als besonders gewinnbringend, schnell

rentirend und wenig Anlagekapital erfordernd, die Indigokultur

entfaltet, während sie in den unmittelbar unter holländischer

Botmässigkeit stehenden Provinzen, wo sie einen Theil des Kultursystems

bildet, so schlechte Resultate giebt, dass sich die Regierung veranlasst

sah die Ursachen der so verschiedenen Ergebnisse von einem fähigen

Beamten untersuchen zu lassen. Aus den Auszügen des amtlichen Berichts

(Tydsch N. I. 1860) ergeben sich ganz ähnliche Thatsachen wie bei der

Kaffee- und Theekultur (vergl. oben), die wohl allmälig die Regierung

zwingen werden aus Eigeninteresse den Ackerbau der Privatindustrie zu

überlassen. Schon jetzt hat sich die Regierung genöthigt gesehen den

Indigobau immer mehr einzuschränken.

1840 produzirte sie auf 40844 Bau 2032097 Amstrd ℔

1858 „ „ auf 18314 Bau 614784 „ ℔

Wie bei der Kaffeekultur bestimmt die Regierung die Lokalität auf

welcher die Eingebornen Indigo bauen müssen, das Risiko ist für Rechnung

der letzteren; erst für das fertige Produkt erhalten sie einen Preis,

der im Verhältniss zur gelieferten Arbeit so gering ist, dass der

Kolonialminister v. Rochussen es sich den Kammern gegenüber zum

Verdienste anrechnete, den Indigobau als zu drückend für die Bevölkerung

und zu unvortheilhaft für den Staat, sehr eingeschränkt zu haben. Es ist

höchst interessant und erfreulich, dass während derselben Zeit, wo die

Zwangskultur so traurige Ergebnisse lieferte, der Indigobau in Jokjo auf

gepachtetem Grund und Boden, durch freie Arbeit unter unmittelbarer

Leitung von Unternehmern die für eigene Rechnung arbeiteten, die

glänzendsten Resultate ergab.[97] Auch hierbei stellte sich wieder die

so oft bestrittene Thatsache heraus, dass der Javane bei angemessenem

Lohn gern arbeitet, und dass der Pächter über so viele Hände verfügen

kann als er braucht. Die Regierung schreibt ihren schlechten Erfolg dem

Umstand zu, dass die Pflanze den Boden aussaugt (wie bei dem Kaffeebau),

die Privatunternehmer finden aber jeden Boden geeignet, behandeln ihn je

nach seiner Beschaffenheit, melioriren und düngen ihn entsprechend.

Am folgenden Morgen begleitete mich mein lieber Gastfreund nach

Imogiri, dem nahegelegenen Begräbnissplatz der fürstlichen Familien von

Jokjokarta und Surakarta. Auf angeblich 360 unbequem hohen

Backsteinstufen steigt man in gerader Richtung den steilen Abhang eines

Hügels hinan, dessen von mehreren Umfangsmauern umschlossene Kuppe die

schmucklosen Grabsteine einer Anzahl bis auf ein oder zwei Ausnahmen

unbedeutender Personen aus fürstlichem Geblüt enthält -- theils im

Freien, theils in hölzernen Schuppen. In etwa 3/4 der Höhe sendet die

Treppe rechtwinklig zwei Seitenarme aus, und wiederholt dies, nachdem

sie unter dichtem Laubdach ein kleines künstliches Wasserbecken

überschritten, in kurzen Zwischenräumen. Diese Seitengänge werden durch

mehrere der Haupttreppe parallel laufende Gänge geschnitten, die den

Unebenheiten des Terrains entsprechend, bald flach, bald durch Reihen

von Stufen unterbrochen, verlaufen, und eine Anzahl viereckiger Räume

von verschiedener Grösse, in verschiedenen Niveaus umschliessen, in

denen Ziersträucher und viele Gewürzbäume und Oranien mit Sorgfalt

kultivirt werden.[98] Das schon 100 Jahr alte Mauerwerk ist an vielen

Stellen zerfallen; dicht belaubte Feigenbäume haben sich darauf

angesiedelt. So entstehen eine Menge allerliebster Plätzchen. Man kann

sich kaum eine passendere Lokalität für eine Picknickpartie wünschen.

Nach einem herzlichen Abschied von dem Residenten, der mich mit

Liebenswürdigkeit und Güte überhäufte, setzte ich Nachmittags meine

Reise nach Surakarta, der Hauptstadt des Kaisers oder Susuhanan fort.

Bei Kalasan, der zweiten Poststation, steht unweit der Strasse zur

Rechten ein schöner Tempel, ~Tjandi-kali-bening~. Es ist der erste, und

wohl auch der schönste einer grösseren Anzahl, die bis jenseits der

nächsten Station Prambanan zu beiden Seiten der Strasse zerstreut oder

in Gruppen beisammen liegen. Sein Grundriss ist ein aus fünf gleichen

Quadraten bestehendes Kreuz mit je einem ein Viertel so grossen Quadrat

in den vier Winkeln; er ist gegen 70' hoch, schlank, schön gegliedert

durch Pfeiler, Gesimse, Thüren und Nischen, zwischen denen sich in

harmonischer Anordnung breite Bänder von Arabesken hinziehen. Das obere

Gesims wird von einer Reihe von Figuren in Hochrelief getragen. In

einigen Nischen sitzen noch Götterbilder auf ihrem Lotussessel. Die der

Strasse zugekehrte Seite ist sehr zerfallen, ihr gegenüber liegt die

Hauptfront mit einer hohen Eingangspforte. Das sehr zerstörte Innere

enthält einen grossen Raum, an welchen vier kleinere stossen. Sie sind,

wie die Tempel von Mundut und Dïeng, durch treppenartig vorspringende

Steine überdacht. Um die schöne Ruine war ein so dichter Pisanggarten

angelegt, dass es unmöglich war, sie zu zeichnen. Hoffentlich wird man

bald von allen den herrlichen Monumenten gelungene Photographien

besitzen.

Etwa 2000 Schritt weiter auf der andern Seite der Strasse, liegt der

Tempel Tjandi-sari, welcher mehr kubisch als der vorige, gegen 50' hoch,

reich ornamentirt, mit Nischen und hohen Reliefs, an unsere schönsten

Renaissancebauten erinnert. Weniger elegant in seiner ganzen Anlage, als

Kali-bening, ist er noch reicher als jener mit Skulpturen bedeckt, die

ebenso sinnig entworfen, als kunstvoll ausgeführt sind. Man wird in

Europa erstaunen, wenn man von den Java'schen Kunstdenkmälern aus der

Zeit des Brahmakultus genaue Photographien in genügendem Maasstab

besitzen wird; da man sich bis jetzt nicht von der Vorstellung lossagen

mag, dass die Kunstwerke in jenen Ländern wohl den Beweis einer sehr

gewandten Technik und grossen Fleisses, aber nicht reicher

künstlerischer Phantasie zu liefern vermögen.

Bei der nächsten Station liegen die Ruinen von zehn oder zwölf Tempeln,

Tjandi-prambanan oder Tjandi-loro-djongrang. Es sind nur noch hohe

Trümmerhaufen quadratischer Prismen aus grauer Lava; bei manchen ist

kaum noch die ursprüngliche Form zu erkennen. Das Ganze bildet eine

grosse Ruine, die man am besten von der Mitte übersieht. Von einigen

Tempeln fielen bei ihrem Einsturz die Steine einander zu und bildeten

so Verbindungsrücken, die zum Theil mit hohen Bäumen bewachsen sind.

Der Maler sowohl als der Alterthumsforscher findet hier viel schönen

Stoff. Ueberall ragt, wenn man etwas genauer zusieht, ein Stück

Skulptur hervor, weit umher liegen die Quadern über die Ebene

zerstreut; wahrscheinlich hat ein Ausbruch des nahen Merapi den

Einsturz bewirkt. -- Etwa einen Paal weiter liegt ~Tjandi-lombok~, neun

kleinere Tempel einfach von Form, wenig verziert, ziemlich wohl

erhalten, und nordwestlich davon, in etwa gleicher Entfernung, und

ebensoweit von Tj.-loro-djongrang als von Tj.-lombok, die Ruinen von

Tj.-sewu, (die tausend Tempel), eine wahre Stadt von Ruinen. Von keinem

Punkt kann man das Ganze auf einmal übersehen, die Skizze giebt nur den

Anblick von einem willkürlich gewählten Punkt aus. Wie gern wäre ich

hier länger geblieben! und welche reiche Erndte steht auf Java dem

Alterthumsforscher und Kunstkenner bevor, der durch gründliche Studien

vorbereitet, die in so grosser Fülle vorhandenen Herrlichkeiten zum

Gegenstand seiner Forschungen machen kann.

[Illustration: TJANDI SEWU. JAVA.]

Singapore, Malacca, Java. Reiseskizzen von F. Jagor. · 第 23 / 28 段