herrliche Aussicht. Jenseits der jähen Felsen, die wie grosse
Strebepfeiler die senkrechte Bergwand an der Seeseite stützen, breitet
sich das indische Meer, im Osten die Ebene von Bagelen, im Westen die
von Banjumas aus. Ein bequemer Pfad führt zur Meeresküste hinab, bis zu
einer Stelle, wo derselbe plötzlich an einer senkrechten Wand aufhört.
Von hier steigt man auf einer Leiter hinab, deren Seiten aus Rotang,
deren Sprossen aber aus Bambus bestehen, und von der nur das oberste um
einen Baum geschlungene Ende sichtbar ist, der übrige 90' lange Theil
der Leiter hängt frei in der Luft vor der Wand, die an dieser Stelle
nach Innen einspringt. Der Sicherheit wegen muss man barfuss gehen. Von
der untersten Sprosse tritt man auf einen kaum 1-1/2' breiten
Felsenvorsprung, in dessen Spalten einige Pflöcke eingekeilt und noch
ausserdem durch kleine Stricke an den Unebenheiten des Gesteins
befestigt sind. An diesen Pflöcken sind die beiden Enden eines
dreifachen Rotang fest gemacht, der von hier in die Tiefe hinabhängt,
und dessen unten entstehende Biegung (sogenannte doppelte Bucht) eine
27' lange Bambusleiter trägt, deren oberes Ende auch noch an den
Pflöcken des Felsenvorsprunges mit kleinen Stricken festgebunden ist.
Der ganze Apparat flösst dem Neuling wenig Zutrauen ein. Auf dem kleinen
Vorsprunge muss man sich umdrehen, um die Bambusleiter, die man nicht
sieht, mit den Füssen zu erreichen und weiter in die Tiefe zu steigen.
Auf der untersten Sprosse angelangt, befindet man sich etwa 10' über dem
Meeresspiegel. Um diese Sprosse und die die Leiter tragende
Rotangschleife ist das Ende eines mehrere 100' langen Rotangs
geschlungen, das in die Höhle führt, wo es an den Unebenheiten der Decke
vermittelst Arengstricken befestigt ist. Man geht auf diesem Rotang und
hält sich mit den Händen an einem zweiten, einige Fuss darüber
angebrachten. Es waren nur erst diese beiden Rotangs festgemacht; später
zieht man deren mehrere nach allen Richtungen. Die Nester sitzen in
Reihen an den Felswänden, werden mit der Hand gesammelt, und wenn sie
nicht erreichbar sind, mit einer Stange, deren Ende eine Schaufel mit
Netzbeutel trägt. Das Geschäft ist wohl nicht so gefährlich, als es
aussieht, denn seit 1830, wo der Besitz der Höhle an die Holländer
überging, soll nur ein Mann dabei verunglückt sein. Früher pflückte man
die Nester je einen Monat früher, wenn noch die jungen Vögel darin
lagen, die herausgeworfen und vernichtet wurden; jetzt sammelt man sie
erst, nachdem die Jungen flügge geworden sind und sichert sich dadurch
einen beständigen Ertrag. Dagegen sind die um so viel älteren Nester
nicht durchgängig von so guter Beschaffenheit. Diese Höhlen, deren 19 im
Gebirge von Karang-bollong liegen, gingen erst nach Unterdrückung des
Aufstandes von Dipo-negoro (1830) in den Besitz der holländischen
Regierung über, welche alle seit den ältesten Zeiten bei dem Sammeln
üblichen abergläubischen Gebräuche, an denen die Eingebornen so fest
hängen, beibehalten hat. Sie geben einen interessanten Einblick in die
Sitten der Javanen, weshalb ich eine kurze Beschreibung derselben theils
nach Mittheilungen, die ich an Ort und Stelle erhielt, theils nach einer
Abhandlung eines früheren Assistent-Residenten von Ambal hier beifüge.
--[88]
[Illustration: HÖHLE (GUA) GEDEH.]
Das Sammeln der Vogelnester findet dreimal im Jahre statt, die erste
Ernte, Unduan-kesongo, Ende April, die zweite, Tellor, Ende August, die
dritte, Kapat, im Dezember; der Gesammtertrag beläuft sich auf 44-45
Pikul. Vor dem Beginn der Lese erhalten die Häuptlinge der verschiedenen
Klippen Geld zur Beschaffung von 9 Büffeln, 2 Ziegenböcken, Rotangs,
Bambus, Fackeln, Opium und Weihrauch, dann werden aus der zugänglichsten
Höhle Nogasari bei recht stiller See einige Probenester geholt. Sind die
Vögel hinreichend entwickelt, so findet das Opferfest mit Wayang
(Schattenspiel) und Toppeng (Maskenspiel) statt. Nach dem Adat[89]
beginnt das Fest an einem Donnerstag Abend. Freitag früh werden die
Büffel geschlachtet und Stückchen Fleisch an dem Bollong und den
Wachthäusern geopfert, an der Klippe Madjingklak aber wird ein Geisbock
geopfert und geräuchert; diese Festlichkeiten heissen ~Ngadiran~.
Nachmittags ist Wayangspiel im Bollong. Nach Beendigung desselben bringt
die bereits erwähnte Kammerjungfer das Bett der Loro-kidul (das
„Teufelsbett”) in Ordnung, der Spiegel am Kopfende desselben wird dann
mit seidenen Kleidern behängt. Ausser dieser Frau, Tukang-gedong, darf
es Niemand berühren. Nachdem das Bett festlich geschmückt und Lampen
angezündet sind, tritt die Frau mit grossen Ehrenbezeugungen vor
dasselbe und spricht auf hochjavanisch: „Auf Befehl meines Herrn (des
Aufsehers) bringe ich Euch hier zu essen”, worauf sie sich gleich selbst
die Antwort giebt: „Ya, Mak tukang-gedong: sage dem Vater, meinem Herrn,
dass ich ihm für das mir gesandte Essen meinen Dank bezeuge.” Dann fragt
Tukang-gedong, ob Njai Kidul erlaubt, dass Nester gepflückt werden, und
ob es ohne Unglücksfall geschehen werde, worauf gewöhnlich „ja”
geantwortet wird. Während der ganzen Nacht spielt der Toppeng in der
Nähe des Packhauses bis zum folgenden Morgen. Samstag früh bringen die
Häuptlinge mit ihren Leuten die bereits verfertigten Leitern nach den
verschiedenen Klippen und treffen weitere Vorbereitungen. Den ganzen Tag
über ist Toppeng, Abends Gamelang und Tanz, wobei die Tänzerinnen zu
Ehren Loro-kiduls das Gesicht nach dem Packhause wenden. Inzwischen wird
das Essen aufgetragen. Alles setzt sich im Kreise: Schreiber, Bedana,
Mantris, die Häuptlinge der Klippen und ihre Leute; der Schreiber führt
den Vorsitz und bringt Toaste auf einen guten Erfolg aus. Jeder
Anwesende erhält eine Gabe Opium; der Tanz währt bis Mitternacht, womit
das Fest sein Ende erreicht. Sonntags gehen die Häuptlinge wieder nach
ihren Klippen, verlängern, wenn die See ruhig ist, die Leitern bis an
die Höhlen und holen einige Probenester herauf; sind diese hinreichend
ausgebildet, so werden die Leitern an den Gestellen befestigt, was
gewöhnlich 5-6 Tage erfordert. Ist Alles bereit, so wählt man, um zu
beginnen, einen Tag, der für besonders glücklich gilt. Die Zahl der
Sammler beträgt zuweilen am ersten Tage 80-90, verringert sich aber
schnell mit der Abnahme der Nester. Beim Abliefern ins Packhaus findet
wieder ein kleines Festmahl mit rothem und weissem Reis statt. Die Lese
dauert 3 Wochen bis 2 Monate, dies hängt vom Zustand der See, aber auch
von abergläubischen Rücksichten ab. Die Lese im August oder Anfangs
September ist gewöhnlich die ergiebigste. Die Zugänglichkeit der Höhlen
ist sehr verschieden; ebenso verschieden ist auch ihr Ertrag: während
die Höhle Muliran nur 1-3 Nester lieferte, gab die grosse Höhle Nogosari
im Jahre 1857 3229 ℔; der Gesammtertrag aller Höhlen in den
verschiedenen Jahren bleibt aber bis auf ganz kleine Schwankungen
derselbe, weshalb der amtlichen Büchern entnommene Ertrag von 1857 als
Norm hier angeführt werden mag. Die Nester werden sortirt in ganze,
zerbrochene und Grus. Für den Markt hat dies aber keine Bedeutung, da
die ganzen Nester mit den Bruchstücken vermengt, nach dem Gewicht
verkauft werden. Man sortirt aber auch nach drei Qualitäten: 1) weisse,
2) weniger weisse, 3) braune und schwarze. Totalertrag sämmtlicher
Höhlen 1857: ganze Nester: 196,583 Stück, zerbrochene: 109,528, Grus:
1106 ℔, Totalertrag in Pfunden: 5354. Im Durchschnitt werden die Nester
auf den öffentlichen Auktionen in Batavia 1. Qual. mit 6200 fl., die 2.
mit 5000, die 3. mit 2800 fl. per Pikul von 125 ℔ bezahlt. Ueber den
Stoff, aus dem die Nester bestehen, herrschten bis vor Kurzem sehr
abweichende Vorstellungen. Erst Dr. Bernstein beschrieb nach
wiederholten sorgfältigen Beobachtungen ihre Entstehung, sowie er auch
der Gattung Collocalia Gr., die Bonaparte wieder zu den Schwalben
gestellt hatte, in Folge genauer anatomischer Untersuchungen ihre
richtige Stellung im System in der Familie der Cypseliden anwies und
dadurch Gray's frühere Klassifikation, ohne sie zu kennen, bestätigte.
Nach Bernstein[90] kennt man von der Gattung Collocalia bis jetzt
nur 4 Arten: C. esculenta Lath., G. nidifica Lath., beide auf Java
einheimisch, C. troglodytes Gr. & Mitch., den Molukken und Philippinen
und C. francica, allein der Insel Mauritius angehörend. Die Nester von
C. esculenta, seit Jahrhunderten bekannt und oft beschrieben, haben im
Allgemeinen die Form einer der Länge nach geviertelten Eischale, die mit
einer Seite am Felsen klebt, welcher die Rückwand des Nestes bildet. Von
beiden Enden gehen flügelartige Ausbreitungen aus, die mit ihrer flachen
Basis am Gestein festsitzend, die Hauptstütze des Nestes bilden, das aus
einer sehr dünnen, durchscheinenden, weissen oder bräunlichen Masse
besteht, die am meisten Aehnlichkeit mit Hausenblase hat und wellige
Querstreifen zeigt. C. nidifica, die auf Java wohl noch häufiger ist,
als die andre Art, wohnt in weniger unzugänglichen Höhlen und baut ihre
Nester, die den andern sehr ähnlich sehen, zum grossen Theil aus
Pflanzenbestandtheilen, welche durch die leimartige Substanz an einander
geklebt werden, während die Nester von C. esculenta ausschliesslich aus
dieser Substanz bestehen. Einige hielten diesen Stoff für den
verhärteten Saft eines Baumes, Calambone,[91] andere für Seetang, vom
Vogel verzehrt und wieder ausgespieen; doch hat man in seinem Magen nie
Spuren von Pflanzenstoff, sondern nur Insekten gefunden. Einen Kropf, in
dem die Metamorphose vor sich gehen könnte, besitzt der Vogel nicht.
Bernstein fand aber an ihm ungewöhnlich entwickelte Speicheldrüsen,
besonders glandulae sublinguales, die zur Zeit des Nestbaues
ausserordentlich anschwellen, dann wieder kleiner werden und später die
gewöhnliche Grösse dieses Organs bei verwandten Vögeln nicht
übertreffen. Sie sondern einen dicken, zähen Schleim ab, der sich in
grosser Menge an der Oeffnung der Ausführungsgänge dieser Drüsen, vorn
unter der Zunge, anhäuft. Die Masse hat, oberflächlich betrachtet,
grosse Aehnlichkeit mit einer sehr dicken Lösung von Gummi Arabicum,
trocknet schnell an der Luft und stimmt auch, unter dem Mikroskop
betrachtet, vollständig mit der Substanz der Nester überein. Bernstein
beobachtete mehreremale diese Vögel beim Nestbau. Sie fliegen wiederholt
an die gewählte Stelle und drücken mit der Zungenspitze einen Tropfen
des Speichels gegen die Felswand. Dies wiederholen sie zehn- bis
zwanzigmal, ohne sich mehr als eine Elle weit vom Platz zu entfernen,
sie müssen also das Material, das sich schnell wiedererzeugt, in
grösserer oder geringerer Menge bei sich führen. So entsteht als
Grundlage des Nestes eine hufeisenförmige Erhöhung, der Vogel klammert
sich daran und vergrössert, indem er mit dem Schnabel hin- und herfährt
und den Schleim am Rande aufsetzt, das Nest, wodurch auch die oben
erwähnten Streifen entstehen. Alle diese Angaben beruhen nicht auf
Vermuthungen, sondern sind die Ergebnisse von Dr. Bernstein's
wiederholten, mit grosser Umsicht angestellten Beobachtungen.
Von Karang-bollong kehrte ich nach Tjelatjap zurück. Schon in Adiredjo
sah ich grosse Vorbereitungen für den auf den folgenden Tag
festgesetzten Empfang des neuen Residenten von Banjumas treffen. Es
erhoben sich ganze Reihen von Ehrenpforten aus Bambus, und gegen Abend
fanden sich die holländischen und inländischen Beamten mit ihrem
zahlreichen Gefolge ein, um dem Residenten von hier aus das Geleit zu
geben. Die Strasse nach Tjelatjap war mit Zügen von Lanzenträgern
bedeckt, die zu einem Rompok (Tigerstechen) entboten waren. Am folgenden
Morgen hatten sich die vornehmsten Beamten mit dem Residenten im Pendopo
des Regenten zur Erledigung der amtlichen Geschäfte versammelt. Neben
dem Residenten in einfacher Uniform sass der Tumongong (Regent) in
vollem Schmuck, den Sarong in künstliche Falten gelegt, 2 Krise an der
Seite, eine fast fusshohe cylindrische Mütze auf dem Kopf; daneben auf
dem Boden kauernd, dem Range nach geordnet, die höheren inländischen
Beamten; vor der Halle im Freien hockten mit ihrem Gefolge die Bedanas
und Aeltesten der verschiedenen Dorfschaften, um die Vertheilung der
ihre Gemeinden treffenden Steuern und Lasten mit den Regierungsbeamten
zu vereinbaren, wie es alljährlich geschieht. Nachdem die Geschäfte
abgemacht, hielt der Resident dem Tumongong eine kurze Ansprache, worauf
dieser vor die Versammlung trat und sie anredete. Darauf begaben sich
der Resident nebst dem Regenten, von fast allen in Tjelatjap anwesenden
Europäern gefolgt, nach einem Pavillon, um einen Kampf zwischen
Königstiger und Büffel mit anzusehen. Ein wohl 20' hoher cylindrischer
Bambuskäfig enthielt einen bekränzten Büffel; auf ein gegebenes Zeichen
wurde eine kleine Thür geöffnet, die zu einem daran stossenden,
kleineren, den Tiger enthaltenden Käfig führte. Alles wartete mit
Spannung, der Tiger erschien aber nicht. Erst nachdem er ziemlich lange
durch brennende Fackeln gepeinigt worden, schlüpfte er aus dem kleinen
in den grossen Käfig, zeigte aber durchaus keine Kampflust. Er lief
einigemal ängstlich im Kreise herum, bis ihm der Büffel, der ihn
anscheinend mit dem Gleichmuth eines Unbetheiligten betrachtet hatte,
einen Stoss gab, worauf der Tiger vor Angst an den Stäben in die Höhe
kletterte. Durch kochendes Wasser, Absud von Pfeffer und Lanzenstiche
wurde er von dort vertrieben. Beide Thiere wurden unaufhörlich von den
oben auf dem Käfig stehenden Leuten gereizt, bis der Tiger endlich einen
Sprung that und sich fest in das rechte Ohr des Büffels einbiss, indem
er seine Tatze zugleich in den Nacken seines Gegners tief einschlug. Der
Büffel versuchte vergeblich, ihn abzuschütteln, heulte vor Schmerz und
schleifte den Tiger mehrmals auf dem Boden rings herum. Endlich liess
dieser los und erhielt ein paar so kräftige Stösse, dass er wie todt
liegen blieb. Der Büffel beroch ihn; als aber der Tiger den Versuch
machte, nach ihm zu schnappen, erhielt er einen solchen Stoss, dass er
wieder alle Viere von sich streckte. Das Publikum war zwar noch lange
nicht befriedigt und wendete Pfeffer- und Stinkbrühen, Lanzenstiche und
brennende Fackeln an, um die erschöpften Thiere noch einmal an einander
zu bringen; aber vergeblich; die kleine Thür wurde endlich wieder
geöffnet, der Tiger durch Feuer zum Aufstehen genöthigt, schlüpfte
behend in seinen Käfig zurück.
[Illustration: FEST IN TJILATJAP. JAVA.]
Nachmittags um 5 Uhr fand auf dem Alun-alun, vor dem Hause des Regenten,
ein ~Rompok~ statt. Der grosse viereckige Platz war mit mehreren Reihen
von Lanzenträgern umgeben, es mochten ihrer wohl über 2000 sein. In der
Mitte des Vierecks standen zwei kleine, mit Stroh überschüttete Käfige
und ein dritter, höherer, in Form eines Daches. Die beiden ersten Käfige
enthalten je einen Tiger. Ein dichter Kranz von Zuschauern umgiebt die
Lanzenträger. Auf ein gegebenes Zeichen wird ein Käfig in Brand
gesteckt, der Tiger will aber durchaus nicht erscheinen. Es ist dieselbe
arme Bestie, die schon heut morgen vom Büffel so übel zugerichtet wurde;
schon fürchtet man, dass er verbrannt oder erstickt sei, als er endlich
mit dem Hintertheil zuerst zum Vorschein kommt. Kaum aber hat er sich
umgesehen, so läuft er in den brennenden Käfig zurück, und es dauert
abermals geraume Zeit, bis er zum zweitenmal heraustritt. Ohne sich vom
Platz zu rühren, mustert er genau das Terrain und späht ängstlich nach
einem Schlupfwinkel. Da er keinen Schritt thut, setzt sich das mit
Bewaffneten angefüllte dachförmige Gestell in Bewegung, aus dessen
Oeffnungen ihre langen Lanzen hervorragen. Sie zwingen endlich das
Thier, sich zu bewegen. Da der Tiger fast immer gegen die Richtung des
Windes läuft, so war die Windseite am stärksten bemannt worden. Diesmal
aber wich er mit richtigem Takt von seiner Gewohnheit ab, stürzte sich
plötzlich auf eine schwach bemannte Stelle in der Nähe unseres
Pavillons, und machte einen verzweifelten Versuch, durchzubrechen. Kaum
aber hatte er die Stelle erreicht, als er von zwanzig Lanzen durchbohrt
zu Boden sank. Man steckte den zweiten Käfig in Brand. Das muthige Thier
springt mit einem Satz heraus, stutzt, mustert seine Feinde, setzt sich
in Lauf und versucht an der Windseite einen Durchbruch, dort
zurückgedrängt, wiederholt er einige Schritte weiter denselben Versuch,
wird aber sogleich durchbohrt, indem alle Nahestehenden, unfähig, ihre
Leidenschaft zu zügeln, ihm ihre Lanzen in den Leib stossen. Der Regent
bot mir die Tiger an, da aber die Felle zerfetzt waren, und ich deren
bereits fünf besass, so begnügte ich mich damit, die Eingeweidewürmer
meiner Sammlung einzuverleiben und liess mir einige Tigerkoteletten
braten, die gegen Erwarten gut, fast wie Rindfleisch schmeckten, was die
übrigen Gäste nicht glauben wollten, die vor dem Fleisch einen gewissen
Ekel empfanden. Der Resident bestätigte aber mein Urtheil. Er hatte
früher in Banjuwangi, wo Rindfleisch nur selten vorkam, den Rücken eines
jungen Tigers in Form von Rinderbraten bereiten und einige in der
Provinz ansässige Pflanzer zum Diner einladen lassen. Das Fleisch
schmeckte ihnen vorzüglich, und sie entdeckten den Verrath erst, als sie
den Rest des Thieres in der Speisekammer hängen sahen.
Nachdem ich meine naturwissenschaftlichen und ethnographischen
Sammlungen, die auf der Reise so angewachsen waren, dass sie fast den
ganzen Platz im Wagen und einen auf dem Verdeck eingerichteten Raum
einnahmen, wohl verpackt dem Assistent-Residenten übergeben, der sie
pünktlich, wie er versprochen hatte, mit dem ersten Schiffe an unsere
Museen absandte, verliess ich Tjelatjap und begab mich nach Banjumas,
Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, wo ich einige Tage im Hause des
Residenten zubrachte. Neben der sehr geräumigen „Residenz” lag ein
zweites Haus mit breiter Veranda, eine ganze Reihe Fremdenzimmer
enthaltend, in welchen die fünf oder sechs gleichzeitig anwesenden Gäste
so unabhängig und behaglich, wie in einem guten Hotel wohnten.
In Adjibarang, einem SW. vom Slamat gelegenen Dorfe, traf ich eine
Abtheilung Topographen (Mestizen) unter Leitung eines holländischen
Hauptmanns, und war erstaunt über ihre Leistungen. Die in aequidistanten
Horizontalen aufgenommenen Messtischblätter eines reich bewässerten,
verwickelten Hügelterrains konnten sowohl in Bezug auf Genauigkeit als
auf schöne klare, reliefartige Darstellung den besten europäischen an
die Seite gestellt werden. Der Maasstab war 1: 10,000. Seit 1848 besteht
in Gombong eine Schule für Europäer und Mischlinge, zur Heranbildung von
Unteroffizieren; die besseren Schüler werden zu Topographen ausgebildet.
Ganz in der Nähe von Adjibarang ist ~Batubala~, eine wenige Fuss breite,
über hundert Fuss lange, tiefe Spalte, nahe dem Rande einer gegen 200'
hohen, senkrechten Lavawand, in welche früher die Sultane von Jokjokarta
ihnen unbequeme Personen ohne alle Form von Prozess mit auf den Rücken
gebundenen Händen werfen und elend verschmachten liessen. Von Adjibarang
bis Purwolingo, um den SO.-Fuss des Slamat herum, breitet sich zu beiden
Seiten reiches Kulturland aus, ungemein ergiebig durch fruchtbaren
Boden, reichliche Bewässerung und den Fleiss einer dichten Bevölkerung.
Während aber in den meisten Ländern die fruchtbarsten Auen sehr
einförmig sind, und nur mittelbar durch die Betrachtungen über ihren
Nutzen erfreuen, gehören die Sawas in diesen malerischen
Berglandschaften zu den schönsten Bildern, die man sehen kann. Jeder
Hügel ist fast bis zum Gipfel von Terrassen umgeben, die seinen Umrissen
folgen und diesen Denkmälern menschlichen Fleisses die Gestalt
gegliederter Baudenkmäler geben, während tausend kleine Kaskaden die
starre Form beleben.
In Purwolingo erwartete mich der Assistent-Resident. Wir legten die
erste Strecke im Wagen zurück, ritten dann bis Bobotsári und am
folgenden Tage nach Priatin. Nicht weit von der Strasse bricht die
Quelle des Kali-arus mit solcher Wasserfülle aus horizontalen Lavabänken
hervor, dass ein schnell fliessender, 5' breiter Bach daraus entsteht.
Aus einigen Löchern sprudelte das Wasser 1/2 Fuss hoch.
Etwas weiter, in der Nähe des Dorfes Seraju, liegt der malerischste
Wasserfall, den ich je gesehen (Tjipotut): vom Rande der dicht
bewachsenen Hinterwand fällt ein reichlicher Bach in ein erstes, fast
kreisrundes, flaches Becken, in dessen mittlerem Theil das Wasser einen
Teich bildet, worin mehrere Frauen badeten, während andere auf dem
ringförmigen Rande im Schatten schlanker Bambusen mit ihnen scherzten.
Aus einer Rinne stürzte das Wasser in ein zweites Becken und von da in
einen tiefen, runden Kessel, dessen finstere mit Farnen bekleideten
Tuffwände einen schönen Gegensatz zu den oberen sonnigen Becken
bildeten. Als ich vom Wasserfall zurückkehrte, sah ich meinen Begleiter
beschäftigt, Anstalten gegen den Regen zu treffen, der uns bevorstand,
d. h. er wickelte seine Uhr und Brieftasche geschickt in ein
Bananenblatt, so dass das Wasser davon, wie von einem Dache ablaufen
musste. Kaum waren die Vorbereitungen vollendet, als ein heftiger Regen
eintrat, der ununterbrochen bis Priatin anhielt, das wir nach einigen
Stunden erreichten. Herr B. war wieder ein Beispiel für die Richtigkeit
der Behauptung, die ich in Indien so oft von Aerzten und alten
Praktikern hörte, dass nämlich ein sonst gesunder Körper sich am besten
akklimatisirt, wenn er kein Wetter und keine Strapazen scheut. Obgleich
mein Gefährte schon 28 Jahre in ostindischen Diensten stand, und
namentlich als Kontrolör grosse Beschwerden erduldet hatte, war er noch
so rüstig, dass er in seiner dünnen Kattunjacke den in 3-4000' Höhe doch
ziemlich kalten Regen anscheinend ohne alle Belästigung ertrug. Der
Abend in Priatin war sehr schön. Die Kulis lagerten sich um ein
gewaltiges Wachtfeuer und erfreuten sich am Gamelang und Tanz der
Ronggengs, der bis spät in die Nacht dauerte.
Am folgenden Morgen, nachdem ich mich von meinem freundlichen Begleiter,
der nach Purwolingo zurückkehrte, verabschiedet hatte, bestieg ich den
Slamat, auf dessen östlichem Abhang Priatin in 4000' Höhe liegt. Einen
Paal weiter stehen die letzten von einigen Kaffeebauern zeitweis
bewohnten Hütten. Das Steigen wäre viel beschwerlicher gewesen, hätten
wir nicht bald Rhinozerospfade getroffen, die in bequemen Windungen bis
an den Schuttkegel führen, aus dem die Spitze des Berges besteht. Diese
Thiere müssen hier sehr häufig sein, wir trafen vielfach ihre Spuren. Im
ganzen Westen von Java kommen sie vor; der Slamat bildet aber die
östlichste Grenze ihres Verbreitungsbezirks. Das Nashorn ist so scheu,
dass man es fast nie zu Gesicht bekommt; doch werden einzelne Fälle
angeführt, wo es, wahrscheinlich in der Brunstzeit, Menschen angegriffen
hat. Die plumpen Thiere ersteigen die höchsten Berge, wo sie ihr
Lieblingsgras in Menge finden, und sind unübertrefflich im Anlegen von
Strassen: indem sie immer derselben Spur folgen, schleifen sie mit ihrem
tief herabhängenden, faltigen Lederpanzer und dem daran haftenden Sande
allmälig tiefe Rinnen mit völlig glatten Wänden selbst in das härteste
Gestein. Nicht minder wunderbar erscheint der ausgezeichnete
topographische Takt, mit welchem alle Terrainschwierigkeiten umgangen,
steile Stellen durch Zickzacklinien überwunden werden; das Wunder
erklärt sich aus der Unbeholfenheit des Thieres, dem schwierige Stellen
unzugänglich sind. -- Das Fell des Rhinozeros dient zu verschiedenen
Zwecken; als Schild lässt es keine Musketenkugel durch; die Chinesen
gebrauchen es in der Medizin. Das Horn gilt in Java als ein sicheres
Mittel gegen Schlangengift, nicht nur bei den Eingebornen, auch viele
gebildete Europäer sind von seiner Wirksamkeit so fest überzeugt, dass
sie auf Reisen gewöhnlich eine dünne Scheibe davon bei sich tragen, in
der Meinung, dass durch Auflegen der porösen Masse auf die Wunde das
Gift unfehlbar ausgezogen wird. Eine Dame, die auf diese Weise einen von
einer Schlange Gebissenen „geheilt”, hatte sogar die Hornscheibe vorher
in Essig gelegt, um sie noch wirksamer zu machen!
Nachdem wir die Waldgrenze überschritten und die Region betreten hatten,
in welcher nur einzelne Bäume aus einige Fuss hohem Grase hervorragten,
genossen wir einen prächtigen Anblick. Hinter den Vorbergen des Slamat
sah man das nördliche Flachland und hinter diesem die Java-See sich
ausbreiten, im Westen überragte der Tjerimai die kleineren Berge, im
Osten thürmte sich ein hoher Vulkan hinter dem andern auf, dahinter die
9-10,000' hohen Sindoro, Sumbing, Merapi, Merbabu; im Süden lag die
reiche Provinz Banjumas und der indische Ozean. Die beiden Meere sind
von hier fast gleichweit entfernt. Mehrere tausend Fuss unter uns
schwebte in einer horizontalen Ebene die Wolkenschicht, unzählige Cumuli
bildend, und warf auf den Erdboden scharf begrenzte Schatten, die durch
die Zwischenräume deutlich zu erkennen waren. Der schöne Anblick dauerte
nicht lange, die Cumuli verschwammen zu einer dichten, jede Aussicht
verhüllenden Nebeldecke, noch ehe wir den oberen Rand der Grasregion
erreicht hatten, die scharf, wie abgeschnitten, an den Schutthaufen
grenzt, auf dem man die letzten paar tausend Fuss zum Kraterrande
emporsteigt. Als ich mit 2-3 Begleitern oben ankam, stellte sich ein
feiner, kalter Regen ein, der uns in unserer sehr dünnen Kleidung vor
Kälte zittern machte. Allmälig kamen einige Leute mit Gepäck, es wurde
ein Wachtfeuer angezündet; gegen Abend glich der Berggipfel einem
grossen Lagerplatz. Herr B. hatte in liebenswürdigster Zuvorkommenheit
20 Kulis zu meiner Begleitung bestimmt, und dieselben mit allerlei
Geräthen der Bequemlichkeit ausgerüstet, um diese Exkursion zu einer
wahren Vergnügungsreise für mich zu machen. Als ich aber gegen Abend die
Menschen an den verschiedenen Feuern zählte, waren ihrer über 80, von
denen die grosse Mehrzahl doch nur zu ihrem Vergnügen sich betheiligt
haben konnte, da nicht anzunehmen ist, dass jeder Kuli noch drei
Unter-Kulis habe.